Freitag! Logbuch

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Liebe Mitbürger in Bayern:

Am Sonntag ist Landtagswahl. Die AfD unterrstützt Rente ab 72. Ich sag’s bloß.

Auf den Dreh, es mal so schlicht zu formulieren, bin ich ganz alleine gekommen: Vielleicht dass das endlich ein Argument wäre, jemanden, der ohnehin zum Missbrauch seiner einzigen Stimme pro Wahlzettel neigt, von der Verirrung seines Kreuzleins abzuhalten: Wenn es unversehens an sein eigenes Leder statt das irgend eines „Flüchtlings“, den er noch nie gesehen hat, geht und klar wird, dass er da jemanden wählt, der offen damit droht, gegen seine Person vorzugehen. — Wo es danach ins Philosophische lappt: Vielleicht ist Ehrlichkeit doch überschätzt.

Was jeder denkende und fühlende Mensch damit anfangen kann: selber weiterverbreiten — betont beiläufiges Fallenlassen der Bemerkung sollte reichen. Es muss kurz vor dem Wahlvorgang kommen und mit dem Rückenmark verständlich sein. Die Sprache, die sie verstehn.

So genau, wie es schon gar keiner mehr erklärt haben will, wäre: Die AfD unterstützt Rente nach 45 Arbeitsjahren. In meinem unmaßgeblichen, anekdotischen Fall wäre das schon gar nicht mehr mit 72, sondern angefangen mit einem Arbeitsleben ab 27 — die 15 Monate staatlich eingeforderter Dienst am Vaterland waren nicht anrechnungsfähig — und drei arbeitslosen Jahren (lange her…) ein Renteneintritt mit 75 — falls nix mehr dazwischenkommt; suchen Sie mal mit über 50 noch eine Dönerbude, bei der noch kein Roboterchen die Zwiebeln schnippelt. Momentan steht mein Rentenanspruch ohne AfD-Eingriffe auf irgendwas um 490 Euro, also pro Monat jetzt.

Wenn also nicht bald das Flaschenpfand wesentlich erhöht wird, zieh ich halt auf meine alten Tage, die jeden Moment anfangen können, ins Hinternürnberger Flachland, da hat die Tafel, wie man hört, wenigstens Unterstützer statt einer Security am Eingang, und ich hab einen schönen Bildband über essbare Wildpflanzen.

Irgendwen AfD-Verdächtigen trifft man ja immer mal. Stellen wir ihn uns einfach vor, wie er mit Mitte 70 im Shared Workspace von seinem Altersheim hockt und sich wg. Life-Long Learning fürs Web 5.0 fit macht, nachdem er für heute schon wieder eine fast geldwerte App optimiert hat, die Apps optimieren kann (der Job ist leider bloß auf Freelance-Basis, also wieder nix mit Rente), während ihm eine illegal eingewanderte, lesbische, autistische, alleinerziehende jüdische Negerin unterm Arsch den Nachttopf leert. Auch auf Freelance-Basis, „das wird man wohl noch sagen dürfen.“

Bitte wählen gehen, Briefwahl wirft schon keinen Schatten mhr.

Soundtrack: Natalie Merchant: Which Side Are You On?, 1931,
aus: The House Carpenter’s Daughter, 2003:

2 Kommentare

  1. Hallo,

    ob das so klappt?
    Rente bereits nach 45 Arbeitsjahren oder doch erst mit 72 Lebensjahren?

    Ich schätze, dass der durchschnittliche AfD-Wähler mit 16 Jahren eine Lehre begonnen hat.
    Dann dürfte er mit 19…20 Lebensjahren das erste Mal arbeiten. Wehrdienstleistende sind Mitglied in der Rentenversicherung – soweit ich weiß.
    20 Lebensjahre + 45 Arbeitsjahre sind 65 Lebensjahre.

    Hm, und nun? Wo ist da jetzt mein Denkfehler?

    Ach wie gut dass ich keine neoliberalen Parteien wähle.
    Das minimiert die Auswahl enorm.

    Viele Grüße.

    • Denkfehler fällt mir gerade keiner auf. Immerhin Glückwunsch zur lückenlosen Beitragsleistung, die einen selbst unter AfD-Bedingungen mit 65 vvom Joch befreien kann. Weil unter denselben Bedingungen dummerweise nicht nur zu leiden hätte, wer sie sehenden Auges gewählt hat, finde ich unter http://www.dgb.de/themen/++co++60b8391a-25d0-11e7-8bd1-525400e5a74a : „40 Prozent der Menschen müssten mit 70 Jahren noch arbeiten“ — zum Beispiel solche Bummelanten, die ihre akademische Freiheit noch ernst genommen haben und dafür das eine oder andere Jährchen arbeitslos waren; meine eigenen zwölfeinhalb Semester waren für Geisteswissenschaften in den Neunzigern dabei noch nicht mal besonders gebummelt.

      Wehrdienst hingegen scheint tatsächlich was zu zählen — sagen https://www.deutsche-rentenversicherung.de/Allgemein/de/Navigation/1_Lebenslagen/04_Mitten_im_Leben/01_Rente_und_vorsorge/01_Was_fuer_die_Rente_zaehlt/Was_fuer_die_Rente_zaehlt_node.html und verschiedene Stellen unterschiedlicher Seriosität. Persönlich erinnere ich mich nur an einen Sachbearbeiter auf dem Arbeitsamt, der mich unverhohlen dafür ausgelacht hat, dass ich 15 Monate meinen Kopf hingehalten hab: „Na, das is ja wohl auch nix mehr wert, wa, ha ha ha …“ Die Bescheinigung mit Autogramm vom Hauptmann müsste schon noch irgendwo rumgilben.

      Und Glückwunsch sowieso für die Entscheidung gegen alle Neoliberalität.

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