Kaum schaut man sechs Jährchen nicht hin, hat eins der wenigen seriösen Bücher über Naturwissenschaft, die sogar ich versteh, eine Neuauflage: Peter Rothe: Die Erde. Alles über Erdgeschichte, Plattentektonik, Vulkane, Erdbeben, Gesteine und Fossilien von 2008 ist jetzt Die Erde: Alles über Erdgeschichte, Erdbeben, Vulkane, Gesteine und Fossilien von 2015.

Das nennt sich erweiterte Neuausgabe und hat weiterhin großherzigerweise ein richtig wandfüllendes Poster beigelegt, auf dem ein Zeitstrahl mit der Erdgeschichte drauf ist, mit Vulkanen, Urzeitwäldern, Trilobiten, Dinosauriern und allem. Das hält so lange, bis das Quartär zu Ende geht.

Der Zeitstrahl fängt unten mit dem Präkambrium an, was so sinnvoll wie lehrreich ist. In der Neuausgabe von 2015 ist das Präkambrium allerdings ein schmaler, maßstabsgestauchter Streifen, was sinnvoll, aber nicht ganz so lehrreich ist. In dieser Hinsicht war das Poster der Ausgabe von 2008 nämlich eine Rarität: mit dem Präkambrium in maßstabsgetreuer Ausdehnung von 80 Prozent der bisherigen Erdgeschichte. Das war kein schmaler Streifen, das war der Löwenanteil.

Das Präkambrium ist nämlich nicht nur elendiglich blödsinnig irrwitzig einschüchternd schwindelerregend lange her, sondern hat noch viel elendiglicher blödsinnig irrwitzig einschüchternd schwindelerregend länger gedauert: von vor 4,56 Milliarden — zur Erinnerung: 4560 Millionen — Jahren bis vor 542 Millionen Jahren. Die allermeiste der bisher verflossenen Zeit, in der es praktisch nichts gab außer einem vredammt großen Gebrodel sämtlicher Elemente. Das kann einem das Präkambrium schon als Lieblingserdzeitalter qualifizieren. Sie haben doch Lieblingserdzeitalter? Wenn nicht, hatten Sie bestimmt auch keinen Lieblingsdino. Aber die sind dagegen schon fast neuzeitliche Muskel- und Gebissprotze.

Was allerdings 2015 dazugekommen ist: eine neue Möglichkeit, wo man das Präkambrium besuchen gehen kann. Zu dem Vorschlag von 2008 im Thüringer Schwarzatal gesellt sich neuerdings die Oberpfälzer Provinz. Ich zitiere mal den Kasten auf Seite 38:

Exkursionshinweise zum Präkambrium:

Sicher datierte präkambrische Gesteine sind in Deutschland selten zu finden, man kann aber davon ausgehen, dass bestimmte Gneise in den kristallinen Mittelgebirgen ein solches Alter haben. Ein Paragneis aus dem Regensburger Wald, an der inzwischen abgerissenen Holzmühl im Wald zwischen Michelsneukirchen und Völling, enthält Zirkonkristalle, die vor über 3800 Millionen Jahren erstmals aus einer Gesteinsschmelze kristallisiert waren; das sind die ältesten Mineralrelikte aller europäischen Variskischen Gebirge überhaupt! Ähnliche Gesteine sind im nicht weit entfernten Steinbruch von Rattenberg großflächig besser aufgeschlossen.

An der Bushaltestelle „Zirkel“ bei Glasbach-Mellenbach, Schwarzatal im südlichen Thüringer Wald: Präkambrische metamorphe Sedimentgesteine, denen man ihre Herkunft von Grauwacken und tonigen Gesteinen noch ansieht; durch die nachfolgende Gebirgsbildung sind sie intensiv gefaltet, geschert und zerbrochen.

Bei Michelsneukirchen und Völling gibt’s als nächstes eine Art Pferdeflüsterer namens Bernd Hackl, der mit seinen Problempferden wahrscheinlich allerhand in der Gegend rumkommt, und ein Gasthaus namens Daniel in Regelsmais (nicht verwechseln mit dem gleichnamigen in Ingolstadt!) ohne Website und mit „Essen nur nach Reservierung für Gruppen, Familienfeiern, usw.“, dafür „tägl. geöffnet“, die wissen bestimmt weiter in des Präkambernzeigl nei; die öffentlichen Verbindungen ins Rufbusgebiet tu ich mir jetzt nicht an, sonst sitz ich im Quintär noch da.

Soundtrack: Georg Ringsgwandl: Oberpfalz, aus: Woanders, 2016: