Wahlunrat

Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau,
Mit allen seinen Geschwüren.

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen,
Caput XXIV, 1844.

War was? Was für ein Wal? Ach so, die Waaahl. Ach, letzte Woche war das?

Was man so hört, scheint’s ja gar nicht so schlecht ausgegangen: 83 Prozent haben nicht AfD gewählt, obwohl nur 76 Prozent überhaupt irgendwas gewählt haben, das muss man auch erst mal schaffen. 83 minus 76 gleich 7: Heißt das dann bei einem Parlament von etwa 1000 Insassen, dass ungefähr 70 AfD-Angehörige des Landes verwiesen werden? Im Rausrennen sind sie ja groß.

Das wäre der Moment, öffentlich zu bitten, dass die ganzen Hackfressenbilder von mir aus jetzt bitte sofort entfernt werden dürfen, danke. Ab Montag war schon jemand schneller und konstruktiver und hat ketzereigelb über die Wahlplakate plaktiert, ob man jetzt Jesus oder den Tod wählt, fertig mit Kästchen zum Ankreuzen. Einer unrepräsentativen Zählung nach liegt die Wahlbeteiligung derer, die mit dem Edding den Tod wählen, weit über 76 Prozent. Die Schnittmenge zur AfD hätte mich interessiert — irgendwas unter null oder über 100 wahrscheinlich.

Und die ganzen Hackfressen dürfen von mir aus jetzt bitte endlich sofort weg, danke.

Soundtrack: Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze, 1787, in kleiner Besetzung: Streichquartett in St. Ottilie, Möschenfeld, Karfreitag 1985:

Essbares München

Update zu Obwohl ich arm bin, kann ich in meiner Bude Fahrrad fahren:

Was sagt es eigentlich über eine Stadt aus, in deren größter Filiale der Stadtbibliothek der Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann, Roland Spiegelberger: Essbare Wildpflanzen einfach bestimmen: Die 50 beliebtesten Arten in mehr als 400 Farbfotos. Mit Rezepten und Tipps für die Küche, AT-Verlag, Aarau 2016, beständig ausgeliehen ist und dazu eine nicht abebbende Zahl von Vorbestellungen hat? Wenn das einzige gratis zugängliche Exemplar eines Buches, das Auffindung und Verwertung von gratis zugänglichem Essen verrät, wenn es wirklich mal unvorbestellt im Bibliotheksregal steht, so zerlesen aussieht — Erscheinungsjahr: 2016 — wie das benachbarte Fachbuch über Blumengestecke für ein schöneres Heim seit 1996 nicht?

Wenn zwischen den Seiten dann auch noch ein vergessenes Lesezeichen steckt: ein namentlich ausgestellter, aktueller Bezugsschein für die Münchner Tafel, Ausgabestelle Milbertshofen?

Was das über eine Stadt aussagt? Dass da lauter lebenslustige Schickimickis wohnen, die nach fünf Maß à 10,90 Euro im Käfer-Zelt nichts sehnlicher begehren als eine After-Wiesn-Party, oder etwas anderes? Die Münchner Tafel zählt:

Schon jeder 6. Münchner gilt als arm

Eine viertelmillion Menschen lebt in München unter oder am Rande der Armutsrisikogrenze. Mehr als 120.000 Münchnerinnen und Münchner benötigen Sozialleistungen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Und:

Deshalb können wir nur denjenigen helfen, die ihre Hilfsbedürftigkeit auch nachweisen können. Die Voraussetzung für diesen Nachweis ist, dass Ihnen nach Abzug von Miete und Mietnebenkosten nicht mehr als 409 Euro pro Monat zur Verfügung stehen.

Wenn Sie Lebensmittel-Hilfe von der Münchner Tafel in Anspruch nehmen wollen, müssen Sie sich zuerst unbedingt bei unserer telefonischen Sprechstunde anmelden. Diese findet immer mittwochs zwischen 14 und 15.30 Uhr statt. Einfach die 089/292250 anrufen. Dort erfahren Sie dann, wie es genau weiter geht.

Aufgrund der großen Nachfrage kann es sein, dass die Telefonleitung überlastet ist. Dann versuchen Sie es bitte nochmal.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ein Besuch in unserem Büro, vor der telefonischen Anmeldung, überhaupt keinen Sinn macht.

Tröstlicherweise gibt es auch noch, alle im AT-Verlag Aarau, chronologisch:

  • Steffen Guido Fleischhauer, Andreas Thumm: Wildpflanzen-Salate: Sammeltipps, Pflanzenporträts und 60 Rezepte, 2006;
  • Steffen Guido Fleischhauer: Kleine Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen. 1000 Pflanzen tabellarisch, mit 300 Farbfotos, 2010;
  • Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann: Enzyklopädie essbare Wildpflanzen. 2000 Pflanzen Mitteleuropas. Bestimmung, Sammeltipps, Inhaltsstoffe, Heilwirkung, Verwendung in der Küche, 2013 [teuer, aber empfohlen. Das will ich];
  • Roland Spiegelberger, Jürgen Guthmann: Essbare Wildpflanzen: 200 Arten bestimmen und verwenden, 2015.

Das mit den 50 beliebtesten Arten mit den Rezepten und Tipps für die Küche führt in der Münchner Stadtbibliothek am Gasteig die Signatur Uga 70 /FLE, das ist im zweiten Stock unter Botanik.

Zusatzinformationen: Das Sammeln und Verwerten von Wildpflanzen ist ohne Genehmigung für den Eigenbedarf erlaubt. München hat 1.545.105 Einwaohner (Stand: 31. März 2017). Ein Benutzerausweis der Stadtbibliothek München kostet im Moment 20 Euro pro Jahr.

Soundtrack. Ralph McTell: Streets of London, aus: Spiral Staircase, 1969:

Hauptsache Miez

Die Nachkommen von Ernest Hemingways Lieblingskater Snowball heißen Hemingway-Katzen. Snowball trug an den Vorderpfoten je 6 statt normalerweise 5 Zehen; ob er hinten 5 statt normalerweise 4 trug, ist nicht überliefert. Heute wird im Andenken an Snowball der Begriff Hemingway-Katze für alle polydaktylen Katzen benutzt. Polydaktylie vererbt sich autosomal-dominant, manifestiert sich also nicht bei allen Genträgern, die Merkmalsträger sind nicht gesundheitlich beeinträchtigt: Menschliche Zwölfender leben — bis auf eine gewisse Abneigung gegen das Tragen von Flip-Flops — vergnügt unter uns, bei Katzen sehen die extrabreiten Pfoten sogar ausgesprochen putzig aus.

Hemingway bekam Snowball 1935 auf seinem Alterssitz in Kuba geschenkt. Katzen waren in Hemingways Weltbild so ziemlich die einzigen Lebewesen, die sich weder zum Abschießen noch zum Flachlegen eigneten. Vielmehr versammelte er diese perfekt durchgestalteten, liebenswertesten Tiere aus Gottes Portfolio um sich — “One cat just leads to another” — und versorgte etwa 35 davon. Die kannte er mit Namen und Stammbaum auseinander und ließ sie bei sich zu Tische speisen. Begeisterter Snowball.

Im weiteren Verlauf zeugte Snowball 60 Nachkommen, etwa 30 davon mit einer Zehe pro Pfote zuviel, manche auch nur an den Vorderpfoten, das macht bis zu 22 Zehen pro Katze. Nach Hemingways Selbstmord wurden alle überlebenden Katzen ins heutige Ernest Hemingway Home and Museum in Key West, Florida überführt.

2003 war die Katzenpopulation im Hemingway-Museum, einem Bau im spanischen Kolonialstil mit halbverwildertem Grundstück über ein Hektar, optimales Mausgebiet, auf etwa 50 angewachsen. Dann kam das United States Department of Agriculture dahinter, dass Katzen dort nicht leben dürfen. Nicht in dieser Ballung, nicht ohne Zoolizenz, nicht ohne Zaun drumrum.

Nach fünf Jahren harten Verhandlungen zwischen Museum und USDA hat man sich endlich darauf geeinigt, dass die Katzen, zumal sie allesamt wohlgenährt, gesund und zufrieden wirkten, nicht nur hier wohnen bleiben dürfen, sondern auch ein Taschengeld von 200 Dollar erhalten — pro Tag und pro Katze.

Haben Sie mitgerechnet? Das sind zehntausend Dollar täglich. Kann man gerne mitnehmen, statt obdachlos oder eingesperrt zu werden. Die Katzen stehen nicht zum Verkauf.

Aktuell verlautet über die inzwischen 54 Katzen, die es heutzutage gern schon mal auf sieben Vorderzehen bringen (also 26 insgesamt), über Martha Ross: Ernest Hemingway’s Key West home, cats safe after making it through Hurricane Irma, 8. September 2017:

UPDATE SUNDAY 5 p.m. PST: Ernest Hemingway’s historic home on Key West, its employees and its famous 54 cats are all safe after Hurricane Irma passed through the Florida Keys early Sunday morning, the home’s executive director told MSNBC.

Man muss sich im hiesigen Leben sehr, sehr gut benehmen, um im nächsten eventuell Katze zu werden.

Sonst schafft die das

Martin Schulz, schon mal gehört in letzter Zeit, der war mal in der Zeitung, wer die noch liest. Martin Schulz hat keinen demütigenden zweiten Vornamen, dafür mal Buchhändler gelernt. Bis 1980 hat er gesoffen, danach einen Buchladen aufgemacht, den es noch gibt, Kaiserstraße 78. Die neue Chefin konnte das Logo beibehalten, weil sie die gleichen Initialen hat wie der alte Chef. Heute hat die Buchhandlung Schillings M. eine Google-Bewertung von 4,7 auf der Grundlage von 7 Einzelbewertungen, darunter “Die freundlichste Buchhandlung in Würselen” von Volker Göbbels, sehr aktuell von Anfang 2017 (übrigens hat Würselen zwei Buchhandlungen). Martin Schulz hat seit 3. Juli 2003 einen eigenen Wikipedia-Artikel, der immer noch nicht wegen Irrelevanz gelöscht wurde.

Und das Beste: Martin Schulz ist nicht identisch mit Angela Merkel, die Dorothea heißt und bis jetzt noch überhaupt nix aufgemacht hat außer ab und zu ihrer Klappe oder einer Packung Suppenwürfel.

Um nicht selber daran mitschuldig zu werden, dass ab dem Tag der Wiesn-Halbzeit zum ersten Mal seit 1945 die Nazis ins deutsche Parlament einziehen, kann jeder Wahlberechtigte Briefwahl beantragen, das geht heute per Fingerwisch wie’s Tindern. Ich sag’s bloß.

Soundtrack: Element of Crime: Michaela sagt, aus: Psycho, 1999:

Sann end fann

Als ich noch ein Gefangener der Kneipen war — keine Angst, gegen regelmäßige Kautionen war ich Freigänger — war ich womöglich noch leichter zu erheitern als heute. Aus einer meiner zuständigen Kneipen erinnere ich mich an einen Spielautomaten, vulgo Bierfilzlesroulette, der aller fünf Minuten eine fiese eingängige Melodie füdelte, aller 30 Minuten in einer Art Maxi-Version. Dann pflegte er seine schönsten Blinkermuster herzuzeigen, damit auch ja jeder herschaute, um vielleicht mit ihm spielen zu kommen. Der Zockertyp war ich noch nie, darum war das immer der Moment, von meiner hochwichtigen Schreibarbeit aufzublicken und das Display zu beobachten. Darüber lief dann immer der Schriftzug: “SUN UND FUN”.

Eben nicht “Sun and fun” oder so. Sondern als ob man es genau so aussprechen müsste, ungefähr in Landnürnberger Betonung: “Sunn und Funn”. Die Bedienung war daran gewöhnt, wie ich mir jedes Mal das Lachen ob eines fränkisch sprechenden Spielautomaten verbiss. Einmal wollte ich ihr meine ständig neue Erheiterung nahebringen. Leider war sie keine Linguistin.

Und gerade gestern hab ich keine Kamera dabei und sehe ein kreidegeschriebenes Gaststättenschild: “LUNCH UND BRUNCH”. Gut, dass mir das erst nach meiner Kneipenentlassung passiert. Ich bin schnell weiter.

Soundtrack: Meiner leider etwas verschwommenen Erinnerung nach das letzte Lied, das ich gegen 1990 gegen Bargeld in einer Musikbox gewählt hab — wegen des hinterfotzigen Doppelsinns, den man erst besoffen überhaupt mitkriegt: Ringsgwandl: Radlmare, aus: Das Letzte, 1986. Hat’s das echt je als Single gegeben oder beziehen Kneipen Special Bierfilzl Releases?

Die Königin der Nacht (eulen)

Der Mensch ist doch wie ein Nachtgänger, ersteigt die gefährlichsten Kanten im Schlafe.
Johann Wolfgang von Goethe

 

Heiße Sommernächte bringen einen um den Schlaf.
Also bleibt man lieber gleich wach.
 

Gestern um Mitternacht blühte C.s Epiphyllum. Ich also mehrmals die Treppen in den 4. Stock hoch und zurück und wieder hoch mit dem Equipment. Die erste Blüte vor zwei Tagen fotografierte ich mit abgedimmtem Blitz. Gefiel mir nicht so, wirkte wie Plastik. Die von gestern Nacht aber hey duftig mit indirektem Licht und mehr von hinten. Und mit C.s Hilfe bei den Ausleucht-Tests:

Wir prüfen die Position, wie die Beleuchtung am besten kommt.

C. hilft beim Ausleuchten. Uhrzeit 0:30.

Die Königin der Nacht - nachts um eins, Treppenhaus 4. Stock

Ort: Treppenhaus 4. Stock. Uhrzeit 0:45. Name der Schönen: Königin der Nacht, Epiphyllum. Herkunft: Montenegro

 

Nachteulen wie der Kater wissen: Es lohnt sich, wach zu bleiben.

 

Beiträge zur Arbeitsmoral (Ich begreif nicht, was Ihr habt)

Nämlich zur Arbeitsmoral von Auftraggebern.

——— Robert Gernhardt:

Der Abt von San Marco an Raffael

aus: Schreiben, die bleiben. Höhepunkte abendländischer Briefkultur,
in: Wörtersee. IV: Spaßmacher und Ernstmacher, 1981:

Verehrter Meister Raffael,
wir brauchen die Madonna, schnell!
Seit Monaten ist sie bezahlt,
bis heute hab’n Sie nichts gemalt.

PS Avanti!

Raffael an den Abt von San Marco

Hochverehrter Vater Abt,
ich begreif nicht, was Ihr habt.
Das Bild kommt mit dem Glockenschlag
um zwölf Uhr am Madonnastag.

PS Schickt Chianti!

Wie schön für den Signor Raffaello Sanzio da Urbino, dass er sich solche Antworten leisten konnte; es wird ja nicht jeder knapp drei Jahrhunderte nach seinem eigenen Ableben von Ludwig Tieck und seinem Kumpel Wackenroder in den Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders so hymnisch verewigt, bloß weil er seinen Hintergrund von Wolken auf Engelsköpfe uminterpretiert hat.

Allein den letzteren Schachzug kann heute einer, der nichts als Künstlertum studiert hat, kaum mehr in ausreichend verwölkendes BWL-Deutsch übersetzen, damit’s auch ein Auftraggeber versteht. Dass jeden Tag Mdonnastag sei, versteht er wahrscheinlich schon nicht mehr. Schon 1928 konnte ein immerhin Tucholsky nur noch listenförmig um Ruhe bitten.

Einen Versuch ist es wert: Schickt Chianti!

Soundtrack: Electra: Die Sixtinische Madonna, aus: Die Sixtinische Madonna, Amiga 1980:

A so an Haffa Biacha dahoam

Jetzt kommen’s wieder daher: Kaum hat man sich eineinhalb Jahre dran gewöhnt, dass der Hugendubel am Marienplatz dicht ist, machen sie ihn wieder auf.

Weil so viele Kunden so sehnsüchtig drauf gewartet haben, sagen sie. Weil sowieso jeder “am Hugendubel” sagt, wenn er sich am Marienplatz verabredet, weil “am Fischbrunnen” schon seit 1318 nicht besonders einladend klingt, nehm ich an. “An der Telekom” oder “an dem neuen Luxushotel für arabische und russische Wohnungsspekulanten, denen der Bayerische Hof schon zu runtergewanzt ist”, was das gleiche Gebäude bezeichnen würde, sagt eh keiner.

Wo sie zugemacht haben, war man tatsächlich versucht, mit dem Hugendubel Mitleid zu haben, den man bei seiner ersten Eröffnung als Antichrist mit Rolltreppen dargestellt hat. Der Endgegner Internet war dann doch noch ein Stück größer, und auf einmal war der Hugendubel halt doch bloß ein Bücherladen, und keine Rede mehr davon, dass der nächste größere Hugendubel weiterhin am Stachus haust und der schönere — skurril genug — in den Fünf Höfen, alle zwei fünf Minuten vom Marienplatz weg. Jedenfalls zu Zeiten, in denen man auch wirklich in einen Buchladen hinein möchte.

Laut sämtlichen Presseberichten besteht der größte Vorteil des “neuen alten” Standorts darin, dass man da — o des Novums — “Kaffee trinken” kann und die E-Books jetzt keine gesonderte Abteilung mehr haben. Was mich beruhigt, ist der gar nicht als Vorteil ausgelobte Umstand, dass der Eingang hinten raus zum Rindermarkt liegt. Der letzte Grund, jemals wieder den Marienplatz zu betreten, entfällt also immer noch.

Die E-Books sind jetzt ins Sortiment integriert, als ob sie Bücher wären, und die “Leseinseln” sind ebenso abgeschafft wie drei von fünf Stockwerken. Nur logisch, weil Strombücher keinen Platz wegnehmen, jedenfalls keinen, der Innenstadtmiete kostet. Und ein Buch, das nicht wert ist, es stehend bei Hugendubel auszulesen, wäre auch nicht den — dankenswerter Weise immer noch — gebundenen Verlagsvollpreis wert gewesen.

Ein Gewinn für die Logistik, weil sie ihr Altpapier ab sofort spätestens zum Saisonwechsel zum Hinterausgang vom Luxushotel über den Rindermarkt raus in die Sendlinger Straße karren können, ohne Münchens neue Wohungseigentümer mit Leitkulturgut zu belästigen. Da in der Sendlinger steht nämlich in Nummer 24 eine der wenigen verbliebenen relevanten Buchhandlungen, der texxt, wo sie das ein halbes Jahr alte Zeug für die Hälfte verhökern. Oder es jedenfalls ungebrochen tapfer versuchen. Ganz verkehrt kann’s also nicht sein, wenn in München ein neuer Buchladen aufmacht — auch wenn er alt ist und schon zehnmal offen hat.

Wenn ich so durchvergleiche, hat der texxt alle der angepriesenen Vorteile vom Hugendubel außer dem Kaffee, vielleicht weil schräg gegenüber der Starbucks drinsitzt, wenn’s einer mag. Am Wochenend geh ich dann doch wieder in alle zwei und bestell daheim über Booklooker ein steinaltes Artemis-Winkler für 2,95, das ich mir mit 14 nicht leisten konnte.

Wenn sie beim Hugendubel eine antiquarische Abteilung für Strombücher haben, meld ich mich wieder.

Live vor Ort: Buch Wurm: Hugendubel Neueröffnung Marienplatz 08.17, 1. August 2017:

In diesem Sinne

Schon wahr: Ich werde auf dem Sterbebett nicht denken: Ach, wenn ich doch damals zwei, drei Stündchen länger an dem einen Blog-Eintrag rumrecherchiert hätte.

Leider bin ich ziemlich genau der drittlangweiligste Teigbatzen von ganz München. Zum Vergleich: Der zweitlangweiligste soll in Großhadern auf der Komastation liegen, der langweiligste soll mal bei Pro7 moderiert haben.

Was mir Angst macht, sind die Tage, an denen ich zufällig mal nicht auf dem Sterbebett liege.

Soundtrack. Bach: Solokantate Ich habe genug, BWV 82, Leipzig 1782.
Anspieltipp: Aria Nr. 5: Ich freue mich auf meinen Tod (in der Aufnahme mit dem stilechten Countertenor ab Minute 20:32: