Die Wettervorhersage des Katers Mor: Ostern wirds frisch, Leute!

Dazu eine kleine Hasimation, eins zwei:

Osterhasi

Es ist das Osterfest alljährlich für den Hasen recht beschwerlich.

Und weitere christliche Segenswünsche:

Wenn die Schokolade keimt,
wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
„Glockenklingen“ sich auf
„Lenzes Schwingen“ endlich reimt,
und der Osterhase hinten auch schon presst,
dann kommt bald das Osterfest

Joachim Ringelnatz

Anbetung und Worship

Also, ich erfinde da nix. Nicht dass es heißt, ich erfinde da was. Letzthin in der Heilig-Geist-Kirche aufgelesen:

Charismatischer Gottesdienst

JEDEN 1. SAMSTAG IM MONAT

Heilig Geist Kirche am Viktualienmarkt

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HOPECITY.ERNEUERUNG.DE

18 UHR POWERPRAISE UND ZEUGNIS, BEICHTGELEGENHEIT

19 UHR HEILIGE MESSE MIT PREACH

20.15 UHR ANBETUNG UND WORSHIP

21 UHR SEGEN UND ABSCHLUSS

TERMINE 2017 — ERSTES HALBJAHR

4. FEBRUAR · 4. MÄRZ · 1. APRIL · 6. MAI · 3. JUNI · 1. JULI

Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche

“Anbetung und Worship? Wow”, staunt Vroni.

“Ja, der Schießler gibt wieder alles.”

“Wie der eine Laden in Nürnberg. ‘Sex und Erotik’ hat der geheißen.”

“Warst du so kinky vor meiner Zeit?”

“War auf meinem Arbeitsweg.”

“Hätt ich jetzt auch gesagt.”

“Als ob du vor meiner Zeit nirgends in Forschung und Lehre gegangen wärst.”

“Meine Eltern haben sogar ein Buch gehabt, das hat ‘Liebe und Sex in Wort und Bild’ geheißen.”

“Deine Eltern? O ja — das ist kinky.”

“Und ob — eine katholisch-evangelische Mischehe.”

“Pikant, pikant. Wieso bist du dann Einzelkind?”

“Keine Ahnung. Vielleicht weil überm Kapitel ‘Laute der Lust’ immer die Nachbarn mit dem Besen gewummert haben?”

“Laute und Lust. Was man halt so macht jeden 1. Samstag im Monat.”

Außer August und Dezember.”

Powerpraise-Soundtrack: aus Ladykillers. Natürlich nicht dem historisch zu würdigenden Gaunerkomödchen mit Alec Guinness 1955, in dem nur The Last Rose of Summer vorkommt, sondern dem der Gebrüder Coen 2004:
Abbot Kinney Lighthouse Choir: Shine on Me + Trouble of This World:

To all those who have lived and died alone

Update zu Fuck Yes:

Es ergeht Empfehlung für ein einzelnes Lied; vielleicht hilft das gegen den mittlerweile wochenlangen Ohrwurm.

Wie viele Jahrzehnte hab ich jetzt geglaubt, in Wirklichkeit stünde ich auf die baumlange, blasse, burschikose Rothaarige mit Brille, Birkenstockmodell Gizeh und Knabenbrüstchen, die sich kaum aus dem Eck traut, um ihr Augustiner aufzufüllen, und keinen findet, mit dem sie ihr Promotionsthema diskutieren kann, und die ganzen heißblütigen Südgewächse sind bestimmt auch ganz wunderbare Menschen, aber weiter kein Grund, nervös zu werden.

Nach Naturereignissen wie Salma Hayek, Penelope Cruz und jetzt auch noch Lindi Ortega wollte ich vorsichtshalber nochmal nachdenken. Mit dem Ergebnis: Ach so, Kanadierin. Na dann.

Das Video zu ihrem Lived and Died Alone aus Tin Star von 2013 spielt explizit auf der anderen Seite der USA, inmitten mexikanischer Kultur der Trauerbewältigung; es geht nämlich von vorne bis hinten ums Sterben, schlimmer noch: Störung der Totenruhe, wenn nicht gar Nekrophilie. Jedenfalls ist alles denkbar morbid und gerade deswegen besonders tröstlich. Das ist kein Widerspruch, sondern Schwarze Romantik, und funktioniert innerhalb christlicher Kulturen in seiner modernen Form etwa seit 1780.

Außer als Kanadierin versteht Frau Ortega sich als Country-Musikerin, was die engelschöne, komplexe Melodie erklärt. Und dann den Text, ach den Text.

Man versteht Frau Ortega recht gut, Kanadier können von Geburt an mit Mehrsprachigkeit umgehen. Und der Wortschatz bleibt kunstvoll schlicht, allerdings in thematisch ungewohnten Zusammenhängen, die sich keinem Normaldeutschen so selbstverständlich ins Ohr nisten, dass er ohne ein Minimum an Eigenleistung jederzeit mitsingen könnte. Der Text ist online gut auffindbar, aber an allen bisherigen Stellen, die wahrscheinlich eine von der anderen abkopiert sind, in falscher Versaufteilung. Als Mehrwert bringe ich daher erst das Video und dann den Text in merkfähiger, weil lyrisch korrekter Typographie. Falls das Video youtube-typisch verschwindet, lohnt sich jeder Suchaufwand, versprochen; es reicht sowieso nie, es nur einmal laufen zu lassen.

Lifehack 1: Gegen Ohrwürmer hilft auch, die Pippi Langstrumpf zu singen, die überdeckt alles andere.

——— Lindi Ortega:

Lived and Died Alone

from: Tin Star, Last Gang Records, October 8th, 2013:

Love never came easily to me,
there were no fish swimming in my sea.
I resided myself to the fact
that I would always love
never to be loved back.
But that’s okay,
I know some day —

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I guess I thought it couldn’t really hurt
to search for sweethearts underneath the dirt.
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
to be with me
in the Dead Sea.

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

(Solo.)

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed.
I will fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

Ich bin nicht alt geworden, ich bin noch allzeit jung

Am einzigen Regentag der Woche nach Schäftlarn pilgern, um lokalen Klosterhonig aufzutreiben, zum ersten Mal im Leben Fotos von den Sehenswürdigkeiten machen, ohne einen ausgewiesenen Fotoapparat zu benutzen, am Abend mit demselben Gerät auf Spotify das Gesamtwerk von Zupfgeigenhansel durchhören und dann wundern, wenn’s Werbung für Treppenlifte reinschwemmt. Genau mein Humor.

Öffnungszeiten vom Klosterladen:
Mittwoch bis Samstag: 14.00 bis 17.00 Uhr,
Sonn- und Feiertage: 11.00 bis 17.00 Uhr.
Montag und Dienstag: geschlossen.
Sonntage im Januar, Februar und März: geschlossen.

Kloster Schäftlarn von hinten, mit Obstgarten, 22. März 2017

Buidl: Kloster Schäftlarn von hinten mit Obstgarten, 22. März 2017, von mir. Schenk ich Ihnen, weil’s meins ist.

In starker perspektivischer Verkürzung

Münchner lesen ja nie den Lonely Planet für München. So vergisst sich ständig, dass die Münchner Museen am Sonntag immer einen einzelnen Euro Eintritt kosten.

Auch die Pinakotheken, alle drei (oder vier oder fünf, je nach Zählung). Selbst die sonst üblichen sechs Euro liegen immer noch unter einem Kinoeintritt, und die Mass Bier soll ab heuer drei Oktoberfeste lang bei mickrigen 10,70 Euro “gedeckelt” werden, was offenbar eine ganze Handvoll Multimillionäre in Armut und Verderben stürzen wird.

Der eine Euro hingegen erleichtert es einem wenigstens theoretisch, für sein Geld nicht etwa alle Säle aller Pinakotheken hemmungslos leerzuglotzen, weil man was sehen will für sein Geld, sondern entspannt seine ein, zwei Lieblingsbilder zu besuchen. Ich empfehle nicht ausgerechnet die dauerhaft von halb Tokio umlagerte, dabei kreuzhässliche Version der van Gogh’schen Sonnenblumen, sondern:

Adolph von Menzel, Wohnzimmer mit Menzels Schwester 1847, Neue Pinakothek MünchenAdolph von Menzel (1815–1905): Wohnzimmer mit Menzels Schwester, 1847. Öl auf Papier, aufgezogen auf Pappe, 46,1 x 31,6 cm, 1937 aus Privatbesitz erworben, Inv. Nr. 8499.

Unabhängig von den Konventionen der Interieurmalerei wählte Menzel den Bildausschnitt in dieser Ölstudie offenbar beiläufig und spontan. Der unbemerkte Blick von außen in das geöffnete und in starker perspektivischer Verkürzung wiedergegebene Zimmer erfasst mit tonigen Farben und punktuell aufscheinenden Lichtern die intime Atmosphäre einer ruhigen Abendstunde.

Ein Ölbild wie ein Schnappschuss aus der Hüfte — ein denkbar aufwändig hergestelltes Lomo aus dem 19. Jahrhundert. Schon klasse. Einmal gucken ein Euro, die Postkarte davon im Museumsshop kostet mehr (falls es die gibt). Für die eingesparten zehn Euro — man geht ja nicht allein hin — springt dann ein Käsekuchen im Museumscafé raus. Das in der Alten Pinakothek ist schöner, liegt aber mitten in dessen Eingeweiden, also zwei weitere Euro tiefer versteckt. Macht aber nix, soviel lässt man sich für den guten Zweck (Kunst! Essen! Nackte Weiber!) vom Lebendigen nehmen, mit wirklich “altem” Zeug wird man da drin auch nicht behelligt, weil sie erst gegen anno 1400 anfangen, und man nimmt noch die schönste aller Danaen mit, die von Mabuse 1527. Hach.

Zum Ausschneiden:

Alte Pinakothek:
Täglich außer Montag 10.00 bis 18.00 Uhr,
Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr

Neue Pinakothek:
Täglich außer Dienstag 10.00 bis 18.00 Uhr
Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr

Pinakothek der Moderne:
Täglich außer Montag 10.00 bis 18.00 Uhr
Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr

Museum Brandhorst:
Täglich außer Montag 10.00 bis 18.00 Uhr
Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr

Sammlung Schack:
Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr
Jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat Abendöffnung bis 20.00 Uhr

Buidl: Adolph von Menzel: Wohnzimmer mit Menzels Schwester 1847 via Neue Pinakothek München.

Soundtrack von kurz nach 1400: Mike Oldfield: Pictures in the Dark, 1985:

I’d been a girl and one dream frequented my late afternoons

Girl
where did you stay so long
Girl
where did you stay so long
I feel strong
the answer she gave
simply was
I’ll show you where the lilies grow

Die gute Nachricht ist: Sibylle Baier sitzt an einem zweiten Studioalbum. Dem zweiten seit 1973.

Keine Schande, das erste nicht zu kennen. Es hieß Colour Green und wurde von der Künstlerin höchstselbst im Alleingang spätnachts in ihrem Wohnzimmer mit einem Kassettenrekorder und einer beneidenswert gut gestimmten Wanderklampfe aufgenommen. Das war zwischen 1970 und 1973.

Sibylle Baier und Sohn Robby, sibyllebaier.comIn diesen drei Jahren hat Frau Baier 14 Lieder eingespielt, die zusammen nicht ganz 37 Minuten dauern. Im weiteren Verlauf ist sie nach Amerika ausgewandert, hat Kinder aufgezogen und getan, was man so tut im Leben — zum Beispiel einmal für Jochen Richter den Soundtrack geschrieben und einmal für Wim Wenders mitgespielt. Viel mehr weiß man nicht über sie. Offenbar legt sie keinen gesteigerten Wert auf großen Rummel um ihre Person. Eine amerikanische Hausfrau, die als junges Mädchen in Deutschland mal ein paar selbstgeschriebene Liedchen gezupft hat, wird nicht gerade dauerhaft von Paprazzi umlagert, und wozu auch?

Ungefähr 2003 war ihr Sohn Robby schon groß und seinerseits Musiker und konnte aus Mamas alten Kassetten eine CD zusammenbrennen. Wie dieselbe an J Mascis von den Dinosaur Jr geriet, fällt schon unter die feineren Verästelungen im Unterholz des Musikgeschehens. Jedenfalls kam die CD von den Dinosaur Jr ans Label Orange Twin Records und war ab 2006 eine Zeitlang verkäuflich. Amazon.de weiß noch davon, und der wohlgeratene Robby pflegt ihr bis heute die Website.

Anscheinend hat die junge Frau Baier um 1970 viel Pink Floyd gehört, inhaltlich erinnern ihre Lieder stark an die Zeit zwischen Syd Barrett und der Dark Side of the Moon. Die Gitarrenarbeit ist ordentliches Lagerfeuerniveau. Jedes Jahr Warten seit 1973 und jeden Cent wert ist aber ihre Stimme: ungefähr Nico Päffgen, ebenfalls Exildeutsche, von den Velvet Underground, jedenfalls genauso unbeirrbar modulationsfrei. Aber schöner.

Und die schlechte Nachricht? Wer auf eine besteht, kann ja egal wohin anders surfen als zur Playlist von Colour Green, aber davon rate ich ab.

Wenigstens eine mittelgute: Wir müssen jetzt nicht alle gefrustet unsere im Gefolge von Janis Joplin und Hannes Wader vollgesungenen Kassetten vorschriftsmäßig im Plastikmüll entsorgen, es hat nämlich nicht gleich jeder Wim Wenders zum Freund des Hauses. Soviel Trost muss uns unentdeckt Bleibenden reichen.

Bild: Sibylle und Robby Baier gegen 1973.

Mit Blumen, mit verdorrten

Lieber meteorologischer Frühlingsanfang — leicht zu merken: immer am 1. März — als Märzunruhen. — Seit 1849 immer wieder bestrickend sind die beziehungsreichen Pflanzennamen:

——— August Freiherr von Seckendorff:

‘s ist wieder März geworden

März 1848, Erstdruck als August Dorff in: Leuchtkugeln, Verlag von Emil Roller, München, Mitte April 1849, Seite 150 f.:

Alfred Rethel, Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849, Deutsches Historisches Museum Berlin‘s ist wieder März geworden,
vom Frühling keine Spur.
Ein kalter Hauch aus Norden
erstarret rings die Flur.

‘s ist wieder März geworden —
März, wie es eh’dem war:
Mit Blumen, mit verdorrten
erscheint das junge Jahr.

Mit Blumen, mit verdorrten?
O nein, doch das ist Scherz —
gar edle Blumensorten
bringt blühend uns der März.

Seht doch die Pfaffenhütchen:
den Rittersporn, wie frisch!
Von den gesternten Blütchen —
welch farbiges Gemisch!

Der März ist wohl erschienen.
Doch ward es Frühling? — Nein!
Ein Lenz kann uns nur grünen
im Freiheitssonnenschein.

Seht hier den Wütrich thronen
beim Tausendgüldenkraut,
dort jene Kaiserkronen,
die Königskerze schaut!

Wie zahlreich die Mimosen,
das Zittergras wie dicht!
Doch freilich rote Rosen,
die kamen diesmal nicht.

Bild: Alfred Rethel: Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849,
Deutsches Historisches Museum Berlin.

40 winzige Aufgaben

Update zu Saufspiele für Bücher-Geeks:

Es ergeht Empfehlung für die Unternehmung und die Website Book Riot — zusammen mit der Frage, warum sowas wieder nur auf Englisch wächst.

Hierzuland mag einem nicht einmal eine halbwegs würdevolle Entsprechung für das allfällige englische bookish einfallen, das im Bookweb (“Im was??”) ständig und für alles gebraucht wird. Hätten Sie gewusst, was ein TBR ist? Soll ich’s sagen, während Sie sich von Trockenblutreaktion zu Total Business Return hangeln? Das heißt to be read und bezeichnet den Stapel ungelesener und angefangener Bücher, der sich neben Ihrem Sofa türmt. — Ach, da türmt sich gar nix mehr, seit Sie Ihre unvollständige Harry-Potter-Sammlung der Stadtbücherei auf die Theke gekippt und noch ein Dankeschön dafür erwartet haben? Na, dann wundert mich auch nix. Dichter und Denker my ass.

Deshalb kommt wohl auch kein deutschsprachiger Kulturverbraucher auf den Gedanken, dass er ein Reading Life (übersetze: Leseleben?) führen, geschweige denn es bereichern könnte. Mir fällt ja selber schwer, die Tiny Tasks aus der Überschrift zu übersetzen (“Warum ist das Katzenklo nicht gereinigt? Du kennst doch deine Aufgaben!”), aber ich übersetze aus dem Book Riot (“Buchtumult”?) mal die 40 Tiny Tasks For a Richer Reading Life. Schaden wird’s schon nicht.

Ein paar von den 40 will man umgehend schon längst gleich ein paarmal mitgemacht haben, ein paar sind nur im englischsprachigen Umgang möglich (aber offensichtlich haben Sie ja Zugang zum Internet), ein paar kosten Überwindung, und ein paar will ich kopfschüttelnd beiseite lassen. Üblicherweise entspricht das aber dem Geist solcher Anleitungen: Man darf immer guten Gewissens weglassen, womit man sich unwohl fühlt.

1. Lass dich eine Viertelstunde früher wecken als sonst. Das reicht, um in Ruhe ein Gedicht zu lesen. ((Eine von den guten Ideen.))

2. Geh in deine zuständige Bücherei und lass dir von der Bibliothekarin etwas empfehlen — vor allem wenn das letzte Mal schon länger her ist.

3. Setz dich über ein Vorurteil übers Bücherlesen hinweg und denk absichtlich darüber nach.

4. Lies ein Buch aus einer Richtung, die du verachtest. ((Gibt’s eigentlich noch die Landserheftchen?))

5. Frag jemanden, vor dem du Respekt hast, was du lesen sollst, und fang sofort damit an.

6. Verschenk das Buch, das am längsten auf deinem TBR-Stapel liegt ((siehe oben)).

7. Melde dich freiwillig zu einer öffentlichen Einrichtung, die Lesefreude und Lesekompetenz fördert. ((In Deutschland bleibt’s damit wohl bei der Stiftung Lesen.))

8. Lies ein Buch, das von außen verstörend auf dich wirkt.

9. Lass dich auf eine Reading Challenge ein.

10. Entnimm deinem Bestand zehn Bücher und spende sie, ohne neue Bücher dafür einzutauschen. ((In München empfehle ich die Oxfam-Läden.))

11. Lies einem Lieblingsmenschen laut vor. ((Aber frag ihn vorher.))

12. Schreib eine Liste mit deinen eigenen Schnittstellen von Bücherlesen und Liebe.

13. Beschaff dir das Hörbuch zu einem Buch, das du vor Jahren nicht zu Ende gelesen hast — und hör es auch an. ((Vorsicht mit Hörspielbearbeitungen. Romane aller Richtungen und Längen sind gerne gekürzt. Mach dich schlau über den Grad der Verstümmelung, aber lass dich nicht abhalten: Jemand, der hoffentlich dafür bezahlt wurde, hat über dein Hörbuch so und nicht anders entschieden, und er konnte es begründen.))

14. Lies das Lieblingsbuch von deinem besten Freund — egal was für eins.

15. Mach ein Eselsohr.

16. Schreib an den Rand.

17. Frag deinen ältesten Verwandten oder Freund nach seinem Lieblingsbuch. Lies es sofort und erzähl ihm davon.

18. Lies im Freien.

19. Lass bei der Hausarbeit ein Hörbuch laufen. ((Beim Staubsaugen empfehlen sich die Hörspielfassungen, um die ist’s nicht so schade. Nachteil: die Stimme von Iris Berben; Vorteil: gebügelte Unterhosen und Handtücher.))

20. Lies ein Theaterstück. Nimm dir die Zeit für die bildliche Vorstellung, wie du es inszenieren würdest.

21. Lies ein Buch wieder, das du in der Schule zum Kotzen fandest. Und gleich nochmal! ((Ist das noch SM oder schon Rebirthing?))

22. Entschuldige dich bei jemandem, mit dem du überheblich oder abfällig über Bücher geredet hast. ((Von wegen, ich war noch viel zu nett!))

23. Lies ein Buch aus einem Land, in das du noch nie wolltest. ((Südamerika müsste einiges hergeben.))

24. Lies eine Gedichtsammlung von einem einzigen Autor. Von vorne bis hinten. Zweimal. ((Empfehlung der Woche: Jan Wagner: Regentonnenvariationen, Hanser Berlin, 2014.))

25. Verschenk das Lieblingsbuch aus deiner Kindheit auf deiner nächsten Babyparty. ((Das soll mittlerweile auch im deutschen Sprachraum gehen.))

26. Verschenk das Lieblingsbuch aus deinen Zwanzigern an deinen Lieblingsstudenten. ((Persönlich würde ich ja eine Studentin nehmen, aber wahrscheinlich wäre das in meinem Fall zu anzüglich.))

27. Lies ein Buch von jemandem, der ganz anders als du aussieht. ((Toni Morrison soll trotz Nobelpreis ganz gut sein, aber Alice Walker guckt auf ihren Bildern freundlicher.))

28. Lies ein Buch von jemandem, der dich in Jahrmillionen nicht verstehen würde. ((Aber ohne Geld für den Sarrazin auszugeben. Für Mein Kampf gibt’s seit 2016 Ausreden. Glaubwürdige.))

29. Lies eine Seite aus der heiligen Schrift einer Religion, in der du nicht erzogen bist.

30. Hör einen Podcast über Bücher.

31. Geh zur nächsten Autorenlesung in deiner Stadt, auch wenn du den Autor nicht kennst. Vor allem wenn du den Autor nicht kennst.

32. Schreib von Hand einen Brief an einen lebenden Schriftsteller, den du bewunderst. ((Aber bitte jetzt nicht alle auf einmal mit Fee Katrin Kanzler anbandeln, gell.))

33. Besuch das Grab eines toten Schriftstellers, den du bewunderst. ((Wer in <u<Wien oder Paris wohnt, ist im Vorteil. München geht noch.))

34. Fahr irgendwohin, das du nur aus Büchern kennst.

35. Brich einem Buch das Kreuz. Mach schon! Du kannst es!

36. Lies einen Superhelden-Comic. Vor allem nach einer Ewigkeit wieder oder zum allerersten Mal. ((Ich fürchte leider, der Sandman zählt hier nicht.))

37. Schau die Verfilmung von einem Buch an, das dir gefallen hat, und versuch sie um ihrer selbst willen zu mögen.

38. Lern ein Gedicht auswendig.

39. Lies das Buch wieder, das mit 16 dein Leben über den Haufen geworfen hat.

40. Rede mit jemandem über Bücher, mit dem du noch nie über Bücher geredet hast.

Soundtrack: Tracey Ullman: Kindle Killed The Library Book, 2016:

Hättest du je geahnt, dass die Südlichen Sandwichinseln im subantarktischen Südatlantik liegen, zum britischen Überseegebiet Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln gehören, auch von Argentinien beansprucht werden und aufgrund ihrer geographischen Lage nicht unter den Antarktisvertrag fallen?

Wenn’s mal auf hart kommt, bin ich eine Enttäuschung für jeden Psychoanalytiker. Ich träume nämlich nicht und werde ihm nichts zu erzählen wissen. Die fünf ersten Probestunden, von denen man so viel hört, werden dahingehen mit der Diskussion darüber, dass jeder Mensch träumt, was mir aber nichts hilft, weil ich mich nun mal an nix und wieder nix erinnern kann, und die nächsten zehn Stunden mit der Diskussion darüber, dass “Ich kann nicht” mitnichten “Ich will nicht” bedeutet, sondern “Ich kann nicht”, weil ich nämlich sonst “Ich will nicht” gesagt hätte. Es wird alles sehr ungedeihlich, wenn’s mal auf hart kommt.

Weil mich die Leute auch dauernd für so einen Träumer halten müssen. Mir wird aber auch grundsätzlich unterstellt, dass ich ein schlimmer Kiffer wäre, dabei bin ich wirklich so.

Letzte Woche zum Beispiel. Da war ich eingeladen. So weit weg, dass ich anderwärtig übernachten musste. Im Kinderzimmer nämlich. Da war die Nachttischlampe ein Leuchtglobus (oder ein Leuchtglobus die Nachttischlampe, je nachdem). Die Gastgeberin brachte mich ins Kinderbettchen und erklärte mir, wie man die Nachttischlampe (oder den Leuchtglobus) ausknipst, wenn man sich durch die Märchenbücher im ganzen Kinderzimmer gelesen hat.

“Und? Was Schönes geträumt?” fragte sie später beim Kaffeekochen.

“Nö, ich träum nie was.”

“Jeder Mensch träumt.”

Bevor das Gespräch schon in seiner Frühphase eine ungedeihliche Richtung einschlagen konnte, steuerte ich bei: “Und was man in der ersten Nacht in einem neuen Haus träumt, geht in Erfüllung.”

“So neu ist das Haus gar nicht, ich hab bloß Staub gesaugt.”

“Und die Märchenbücher nach Farbe geordnet.”

“Alle ausgelesen über Nacht?”

“Woher denn. Ich bin bloß platt rumgelegen, hab der Welt auf den Arsch geglotzt und bin bis vor zwei Stunden nicht drüber hinweggekommen, dass auf den Sandwichinseln das erste n fehlt. Sadwich Islds.”

“Kann sein. War im Angebot bei Weltbild.”

“Logisch. Dann dürfen die auch Tippfehler auf ihren Globus machen, wenn’s bloß um die Bilder geht.”

“Apropos Sandwichinseln: Wurst oder Nutella?”

Und ich wusste wieder, warum ich mich lieber von ihr einladen ließ als vom nächstbesten Psychoanalytiker.

Norwegen darf nicht türkisch werden

Um aktuelle Ereignisse zu verstehen, muss man gar nicht immer bis 1933 zuirückschauen. Genausogut könnte man erst mal sinnieren, was der gebürtige Tallinner Robert Gernhardt anno 1977 über Münchner Biergärten zu lästern hatte. “Könnte, nicht müsste”, wie er selber sagt.

——— Robert Gernhardt:

Erlebnis in einem Biergarten

aus: Die Blusen des Böhmen. Geschichten, Bilder, Geschichten in Bildern und Bilder aus der Geschichte, 1977:

Es war in einem Münchner Biergarten, da trat ein Fremder an den Tisch eines der dort Sitzenden, den wir einmal Balser nennen wollen, lupfte höflich seinen Hut und bat um eine Unterschrift. Es ginge da um einen Aufruf des Inhalts, daß Norwegen nicht türkisch werden dürfe, wenn der Herr bitte hier unterschreiben würde.

“Aber wieso soll Norwegen denn türkisch werden?” fragte Herr Balser erstaunt.

“Das soll’s ja gerade nicht werden. Daher mein Aufruf. Wenn Sie also Ihre Unterschrift…”

“Sie verstehen mich nicht ganz. Gibt es denn irgendwelche Anzeichen dafür, daß Norwegen türkisch werden könnte?”

“Wenn hier jemand jemanden nicht versteht, dann sind ja wohl Sie es”, antwortete der Fremde, nun schon eine Spur lauter. “In meinem Aufruf steht nicht, daß Norwegen nicht türkisch werden kann, sondern daß es nicht türkisch werden darf. Und ich hoffe doch sehr, daß auch Sie dieser Meinung sind…”

“Ich?”

“Oder wollen Sie, daß Norwegen türkisch wird? Wollen Sie, daß die türkische Flotte Norwegen heimsucht? Daß über Oslo der Halbmond weht? Daß die wackeren Fischer der Lofoten in Zukunft Allah huldigen müssen? Soll das alles geschehn? Ja oder nein?”

“Nein”, sagte Herr Balser, “natürlich nicht, aber…” “Na, dann sind wir ja einer Meinung! Wenn Sie jetzt also hier Ihren Namen…”

“Aber — und jetzt lassen Sie mich gefälligst ausreden — aber wie kommen Sie eigentlich darauf, daß die türkische Flotte Norwegen heimsuchen könnte? Erklären Sie mir das doch mal bitte!”

“Die Flotte?” Für einen Moment schwieg der Fremde verdutzt, doch dann hellte sich sein Gesicht auf. “Ach so! Die habe ich doch nur erwähnt, um zu verdeutlichen, wie es aussehen könnte — könnte, nicht müßte –, wenn Norwegen türkisch wird. Denn der Türke kann natürlich auch mit seiner Landstreitmacht anrücken. Via Russland. Finnland und dann über Lappland… Aber…”

“Aber?”

“Aber ob der Russe das gestattet? Ziemlich unwahrscheinlich — oder?”

“Sehr unwahrscheinlich”, bestätigte Herr Balser. “Aber noch unwahrscheinlicher erscheint es mir, daß auch nur irgendein Türke auch nur die geringste Absicht hat, Norwegen zu besetzen. Und daher…”

Doch er kam nicht dazu, diesen Satz zu vollenden. “D’accord!” rief der Fremde mit Nachdruck. “Völlig d’accord! Die Türken — ich bitt’ Sie! Was sollen die denn in Norwegen? Wo sie es doch so schön warm in der Türkei haben! Halten Sie da mal die eisigen Fjorde dagegen, da sieht man doch sofort…”

“Mein Herr!”

“Ja?” fragte der Fremde.

“Mein Herr, wenn Sie selber zugeben, daß die Türken nicht die Absicht…”

“Nicht die geringste Absicht!”

“Nicht die geringste Absicht haben, Norwegen zu besetzen — was soll dann Ihr Aufruf?”

Der Fremde lächelte. “Ich dachte, das sei nun endlich klar geworden. Sie haben selbst zugegeben, daß Norwegen nicht türkisch werden darf. Die Norweger denken sicher ebenso. Die Türken sind, wie wir übereinstimmend feststellten, derselben Meinung, das heißt, daß jeder, aber auch jeder, der seine fünf Sinne beisammen hat, meinen Aufruf unterstützen muß. Wenn Sie also bitte Ihren Georg Wilhelm auf diese gestrichelte Linie…”

“Nein.”

“Nein? Dann wollen Sie also, daß unser germanisches Brudervolk unter der Willkür asiatischer Steppenbewohner…”

“Nein!”

“Na bestens! Bitte, hier ist mein Kugelschreiber, ja… da, auf die gestrichelte Linie… danke schön, Herr… Herr Balser!”

Und mit einem freundlichen Kopfnicken verabschiedete sich der Fremde, um sogleich an einem Nebentisch auf ein älteres Ehepaar einzureden.

“Norwegen”, hörte Herr Balser noch und “Der Türke” …

Soundtrack: The Pogues: Turkish Song of the Damned,
aus: If I Should Fall from Grace with God, 1988: