Happy Hallohochzeitsween, Part 11

Update zu Hochzeitstag (’cause There’s Nothing Else to Do) #10:

Heute war bei Tisch von den Frauen die Rede, und Goethe äußerte sich darüber sehr schön. »Die Frauen, sagte er, sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren, oder in mir entstanden, Gott weiß wie. Meine dargestellten Frauen-Charaktere sind daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind.«

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 2. Theil (1836), , Mittwoch, den 22. Oktober 1828, cit. n. Deutscher Klassiker Verlag.

Frauen sind gefährlich! Sie sind oft intelligenter als du glaubst!

“Na, Wölfchen? Wieder feministische Inhalte ausbreiten, um dich für den Hochzeitstag einzuschleimen?”

“Seit wann erachtest du Goethen als feministisch?”

“Dein Eckermann ist gar kein richtiger Goethe.”

Und die Lustigen Taschenbücher sind keine richtigen Entenhausener Berichte.

“Is recht, Wolf. Ich such dann schon mal meine blauen und grünen Nagellackflaschen raus. Wir treffen uns in einer Stunde am Küchentisch, wenn meine Zehen getrocknet sind.”

“Meine liebste Frau, Partnerin und Gespielin. Ich liebe dich, wenn du dich so um deine schönsten Teile kümmerst.”

“Meine Zehen?”

“Und mich.”

“Pff. Sonst nicht?”

“Aber doch. Ich lieb dich. Ewig. Ganz feste.”

“Das wollen wir in einer Stunde doch mal sehen. Und bis dahin rasier dich bitte.”

“Du auch.”

“Du bist ein alter Saubär.”

“Rwarrrrr.”

My body’s broken, yours is bent: Placebo: Every You, Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1998.

Nochmal zum Mitsingen:

Eine Korrelation ist nicht zwingend eine Kausalität.

Ferner ergeht Empfehlung für ein Urgestein des Internets: Der Neue Physiologus. Enzyklopädie der Erfahrungen ist so spannend und lehrreich wie am ersten Tag, wahrscheinlich nur noch größer. Bringen Sie viel Zeit mit. Zwei Stunden sollten es schon sein. Ach was, nehmen Sie zwei Wochen. Da steht nämlich der Gegenwert ein Buches drin. Buch, Bücher, des Buches: Das war mal so eine Art Kindle-Ausdruck, wer’s noch kennt. Schönes Wochenende.

Bild: Frühe Morgenstunden nach dem Vatertag 2011; groß.

(Update zu Bei meinem Leisten, 9. April 2010.)

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Sophia Kabbala

Der Tratsch der Woche war ja:

Sophia Thomalla, 21, Schauspielerin, hat einen neuen Freund: Till Lindemann, 48, Sänger der Band Rammstein. Ihr Partner ist damit drei Jahre älter als ihre Mutter, “Tatort”-Kommissarin Simone Thomalla, die derzeit mit dem Handball-Nationalspieler Silvio Heinevetter liiert ist, der wiederum nur fünf Jahre älter ist als Sophia Thomalla. Davor war Simone Thomalla mit Fußball-Manager Rudi Assauer zusammen, der 21 älter ist als sie, also 66 und damit immerhin 40 Jahre älter als sein Nachfolger, aber lediglich 18 Jahre älter als Lindemann. Dessen Tochter ist übrigens etwa so alt wie Heinevetter.

Alles verstanden? Das steht in der Süddeutschen Zeitung vom 7. April 2011 im Panorama unter Leute. Muss man sich anscheinend merken, die Spalte, aber hör ich da eine gewisse Missbilligung heraus? Ach komm, ungenannt bleiben wollender Promiwatchredakteur, ist doch Frühling, da probieren die Leute halt was Neues aus. Das Verständnis und das Wohlwollen aller lebenslustigen Weiber und aller Mannsbilder, die empfänglich sind für den Welpencharme 21-jähriger Schauspielerinnen wie für die Coolness von großen Mädchen, mit denen man über alles quatschen kann außer über ihr Alter, schweben über der Familie Thomalla (wer immer das ist) und ihren Liebhabern bis ins siebente… nun ja: Glied.

Durch anderleuts Abscheu kommt man doch erst auf die richtigen Sachen, oder warum sonst schauen die ansonsten zurechnungsfähigsten Leute zielgerichtet das Füllmaterial für die Fernsehwerbeblöcke an? Warum, um bei Familie Thomalla zu bleiben, hätte meine weiland erste Freundin mich überhaupt jemals mit den Hintern anschauen sollen, wenn nicht, um in pubertierender Absicht die sozialen Vorstellungen ihrer Eltern zu widerlegen? Und warum, um von Familie Thomalla wegzuführen, gebe ich Geld, für das ich ehrbar arbeiten musste, für Errungenschaften wie die erste historisch-kritische Gesamtausgabe von Heinrich Wackenroder aus?

Den Klatsch der letzten Woche hat ein ebenfalls namenloser Restaurantkritiker über eine namentlich nicht weiter erwähnenswerte Gaststätte in eine ebensolche Zeitung geschrieben: Offenbar servierte dort die anonymste aller Servicekräfte dem Manne (möglicherweise auch dem großen Mädchen oder so jemandem), Obacht, und jetzt alle: “einen belanglosen Lollo an einer fahrlässigen Vinaigrette”.

Ist das nicht schnulli? Ein belangloser Lollo an einer fahrlässigen Vinaigrette, schmackofatz. Für mich mit einem extratrashigen Schirmchencocktail, der am besten etwas in der Qualität von “Sex on the Discosofa” heißt, bitte.

Abscheulich tolles Lied: Katzenjammer: Tea with Cinnamon, 2009.
Am Donnerstag, den 14. April 2011, live in der Muffe!

Bonus Track: Demon Kitty Rag live:

PS: Ein belangloser Lollo an einer fahrlässigen Vinaigrette. Hach.

Paperback Writer

Die Schreibung In His Own Write war vermutlich ernst gemeint. Da war John Lennon 24 und immer noch Legastheniker. Nur dass es inzwischen Kunst war, kein Rechtschreibfehler. Was macht man eigentlich seit geschlagenen dreißig Jahren ohne ihn? Alles richtig schreiben und dafür Melodien zusammenstopseln wie das OED?

Fachliteratur: John Lennon: In His Own Write;
deutsch bei Blumenbar: In seiner eigenen Schreibe.

Женщина с 5 слонов

Светлана Михайловна Гайер, geborene Иванова, ist ja jetzt auch gestorben. Die Dame kam immer namentlich vorne in den russischen Büchern vor: Swetlana, das war bestimmt jemand, der „die Russen“ übersetzen sollte, außerdem heißen nur sehr schöne Frauen Swetlana.

Sie hat es zu einem dokumentarischen Kinofilm gebracht, gerade erst 2009, vielleicht hat jemand was geahnt: Die Frau mit den 5 Elefanten (und falls das etwas ausmacht: Sie war mal hübsch), und in ihrer bildlichen Erscheinung erinnert sie in ihrer Weisheit noch mehr an die andere, noch nicht so lange verstorbene Übersetzerpersönlichkeit, Erika Fuchs (ohne Kinofilm, dafür ist ihr Museum in Schwarzenbach an der Saale in Arbeit). Frau Geier ist nicht mit sinnigen Sentenzen und windigen Weisheiten so präsent ins kollektive Gedächtnis gedrungen – Russenromane, die ohne weiteres als „Elefanten“ durchgehen, sind was für einen langen Atem.

Heute ist einzige brauchbare Übersetzung der Märchensammlung von Afanassjew die von ihr; man stößt also oft auf sie, wenn man russische Märchen sucht. Das mag anders gewesen sein, als ein erheblicher Prozentsatz der Deutschen vierzig Jahre lang zum Russischlernen gezwungen wurde. Bei mir vergilbt immer noch ein Stoß russischer Märchen mit betont groben Holzschnitten, übersetzt von namenlosen Wortarbeitern volkseigener Kombinate, die Winkler-Ausgabe von Frau Dr. Geier ist sonniger. Von ihr wird die Unverschämtheit bleiben, mit der sie die Dostojewski-Romane umbenannt hat, dass es selbst – ich war dabei – gestandene Buchhändlerinnen zerlegt: „Ach, das heißt jetzt ‚Verbrechen und Strafe’.“

Ja, „Преступление и наказание“ heißt seit auch schon wieder 15 Jahren „Verbrechen und Strafe“. Weitere 15 Jahre geb ich uns, bis die jungen Lesefröschlein gar nicht mehr „Schuld und Sühne“ sagen. Bis jetzt hört man immer nur: „Öch joh, Rüss’sch, ds hobsch moh gölärnt, obrsch könn dös nüsch moh mäh läääsn.“

Sie wäre noch gebraucht worden.

Dokumentation, die man nicht einbetten darf, weil das sonst teuer wird: Die Frau mit den 5 Elefanten.

Die Tauben (Warum denn nicht)

Update zu Doris Lessing kriegt den Nobelpreis (2007):

1.: Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras, 1951. (Bildungsbürgerlicher Hochquatsch, leider von Ranicki kanonisiert.)

2.: Warum denn kein Wunder?
Warum denn kein Wunder?
Warum sind wir denn so mies drauf?
Lahme sehen, Blinde gehen und die Tauben fliegen auf.

Funny van Dannen, in: Melody Star, 2000.

(Gutbürgerliche Hochkomik, leider noch nicht von den Toten Hosen instrumentiert.)

Melinda Nadj Abonji erhält den Deutschen Buchpreis, SZ, dapd3.: Melinda Nadj Abonji: Deutscher Buchpreis des Börsenvereins für Tauben fliegen auf, 2010. (Endlich mal eine grundliebe Preisträgerin exakt meines Jahrgangs, die man gern mal auf ein Interview oder anderwärts treffen möchte, die sich sichtbar ehrlich über ihre Auszeichnung freut, aus eigener Beteiligung weiß, was ein Poetry Slam ist und ihr Literaturschaffen als Musikmachen begreift. Kann singen und geigen und tut es öffentlich, genau der richtige Grad an Schweizer Akzent, der nicht grotesk wirkt, lacht bestimmt ansteckend an der richtigen Stelle, nicht so eine überhübschte Langweilerin mit bildungsbürgerlichem Hochquatsch wie die von 2007. Außerdem für ein Buch mit einer Hauptfigur namens Ildikó bei einem österreichischen Verlag, der die Apokryphen von Herman Melville fürs Deutsche erschließt, was eigentlich der Job von Hanser gewesen wäre. Sollen sie doch den Nobelpreis für die Tauben stiften.)

Ungarische Serbin in der Schweiz bei österreichischem Verlag: Melinda Nadj Abonji erhält Deutschen Buchpreis, Süddeutsche Zeitung, 4. Oktober 2010, © dapd.

The hulk of a man with a beer in his hand looked like a drunk old fool

Shel SilversteinDie Wölfin hat soeben sehr treffend beobachtet: Um Country zu singen, braucht der Mensch, vor allem in seiner männlichen Ausprägung und Bühnenpräsenz, eine anständige tiefe Stimme. Da hat sie Recht (hat sie immer), und fortan kann ich mich damit trösten, dass aus mir allein deswegen nur ein Schreibfuzzi geworden ist, weil mein stimmliches Organ klingt “wiara Glasl Kunsthonig” (griaß Goot, liabe boarische Zuigruppm, schee dass’ do seids).

Johnny Cash oder Harry Rowohlt — das sind Stimmen, für die sich ein mannsbild nicht genieren muss, grad neidisch kann einer werden. So wenig Harry Rowohlt bisher als Countrysänger hervorgetreten ist, darf man von ihm keinesfalls annehmen, dass er es nicht kann, sondern dass er nur (noch) nicht will. Was ihn dennoch mit Johnny Cash verbindet: die Freundschaft mit Shel Silverstein.

Das waren jetzt schon viele Namen auf so wenige Absätze. Merken wir uns: Johnny Cash und Shel Silverstein sind tot, Harry Rowohlt lebt noch, mazeltov.

Der Älteste von den dreien war Shel Silverstein. Für Harry Rowohlt hat er eine der schönsten Übersetzungsvorlagen geschrieben: die Kindergedichtbände Lafcadio: The Lion Who Shot Back (1963) und Falling Up (1996 — es gibt noch viel mehr!), für Johnny Cash und das Lied A Boy Named Sue.

Hätte man ihm hierzulande gar nicht zugetraut, überhaupt wohnt sträflich wenig Countrymucke im kollektiven Bewusstsein des deutschen Volkes. Aber die Deutschen in Beziehung zu dem, was manche von ihnen für Volksmusik halten, kriegen wir später mal (als kulturkritisches Pamphlet wahrscheinlich).

Für die zahlreichen Countrymucker, an denen der Deutsche an sich seit Jahrzehnten vorbeihört, hat Shel Silverstein ebenfalls Lieder geschrieben. Viele. Und meistens sind es ihre besten. Johnny Cash kennt der Deutsche zur Not, von seinem quäksenden Gassenhauer Ring of Fire her. Bei Townes Van Zandt muss er schon überlegen.

Ein Lied von Shel Silverstein erkennt man nicht sofort. Erst, wenn man drauf geschubst wird, dass es von ihm ist. Der Mann war gut genug, sich auszusuchen, für wen er schreibt. So wie Harry Rowohlt, der selbst bestimmt, was er auf seine alten Tage noch übersetzen will. Die Lieder von Silverstein sind immer die voll Wortwitz, die hörbar aus einem einzelnen Kalauer erwachsen, den er dann durchdekliniert, bis es entweder endgültig albern wird oder seine innewohnende Weisheit entwickelt. Beides ist okay, Liedertexte dürfen albern sein (siehe auch: “Yeah Yeah Yeah”, “Heidschi Bumbeidschi”, “Da Da Da”, “Wogalaweia”). Silverstein-Lieder sind deswegen über viele Jahre auf viele Stimmen verteilt. Man muss also nach ihnen Ausschau halten, was sich aber lohnt.

Wie lange war es da schon fällig, Silverstein-Lieder an einer Stelle zu versammeln! Da musste der Mann erst sterben und dann achtzig werden, bis sich jemand zu einer Tribute-CD durchrang. Gestorben ist er 1999, achtzig ist er am 25. September geworden, die CD heißt Twistable Turnable Man. Die Originalmucker waren wohl nicht mehr für ihre zuständigen Lieder aufzutreiben, aber auf der CD sind allesamt welche, die Herrn Silverstein zu schätzen wissen und seine Textarbeit nicht verunglimpfen werden. Eine der dankenswertesten Radiosendungen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein- bis zweimal im Monat, so genau steckt man da nicht drin, auf Deutschlandradio Kultur Berlin von zwei bis fünf Uhr früh stattfindet, die “Tonart Country”“, brachte unlängst in ihrer Septemberausgabe zahlreiche Hörbeispiele. Ein Fest.

Man hört an allen Ecken und Enden den Kinderbuchautor raus, so eine Freude an Sprachschönheit um ihrer selbst willen, so ein Spaß an Rhythmus und dreimal schiefer gelegten Bedeutungsebenen glitzert und blinkt und tanzt und trällert da mit. Egal, ob es albern oder weise wird — es muss gesungen werden, weil es noch nie gesagt wurde und einem den Tag aufhellen kann, da muss man kein Kind sein, da muss man auch nicht erwachsen sein, da muss man einfach hinhören und staunen, was alles möglich ist, wenn man es nur geschehen lässt. Anscheinend geht sowas wirklich nur auf Englisch, denn aus England kennt man die aberwitzigen Kinderbücher von Lewis Carroll, in denen Fünf- wie Fünfzigjährige auf ernstzunehmende philosphische Inhalte stoßen, und die manche sprachwissenschaftlichen Erklärungsansätze erst möglich gemacht haben (siehe: Portmanteau) und Ogden Nash. Was kennt man aus Deutschland? Tom Astor und Bosshoss.

Mit seiner Gedichtgestaltung war Silverstein heikel: Da schrieb er dem Verlag vor, welches Papier für die Bücher zu verwenden sei, weil er das als Teil der Aussage betrachtete. Der “Playboy”, für den er Cartoons lieferte, ließ sich weniger dreinreden, aber wir waren bei seinem jugendfreien Werk. Da nimmt es Wunder, dass er seine Lieder auf keinen besondere Stimme festlegte. Silverstein-Gedichte dürfen nur auf fünfundachtzig Gramm mittelgrobes Korn mit zehn Prozent Sepiatönung gedruckt, aber seine Lieder gleichermaßen von Kris Kristofferson und Dolly Parton gesungen werden, und Harry Rowohlt darf “clam” mit “Auster” übersetzen — immerhin aus dem nachvollziehbaren Grund, dass “It’s all the same to the clam” besser marschiert, wenn man in ausgesucht wurschtigem Bairisch (das der Hamburger Rowohlt jedenfalls vorbildlicher beherrscht als mancher, der vorgibt, bayerische “Volksmusik” zu treiben) ranzt: “Des is doch der Auster so wurscht.”

Erklären wir es uns damit, dass ein Lied als Live-Event weiter herumkommen muss denn der festgelegte Gegenstand Buch: Bücher stauben ein, Lieder entstehen jedes Mal neu. Beiden schadet es nicht, im Gegenteil. Eingestaubte Silverstein-Bücher bleiben tanzbar, Silverstein-Lieder sind in jeder Instrumentierung unverwüstlich, da konnte Bernadette la Hengst den “Boy named Sue” sogar zum “Mädchen namens Gerd” umwandeln (2002).

Wenn ich achtzig bin, werd ich auch so ein Schrat, meine Produktion an cantabilem Kinderkram läuft ständig. Und Weihnachten ist ja auch gleich schon wieder.

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Bild: Rebecca Grites: Shel Silverstein makes the perfect vintage summertime look, 10. Mai 2009;
Dokumentation: Jon Grimson for Sugarhill Records: Bobby Bare Jr. and Bobby Bare Sr.: “Twistable Turnable Man”, 2010.

Try as I like to find the way, I never can get back by day, nor can remember plain and clear the curious music that I hear.

Jung ist man dann, wenn man jung ist in Farbe, Form und Bedeutung.

Vroni, Mai 2010

Plüschwolf

Buch: Robert Louis Stevenson: A Child’s Garden of Verses, 1858;
Musik: Natalie Merchant: Leave Your Sleep, 2010.

Film: Nonesuch Records über Natalie Merchant: Leave Your Sleep, 2010.

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Reiselied. Das Lied zum 1. Mai

Cover Das Wirtshaus an der LahnDie Melodie kennen Sie von Slime, die sich 1992 auf der Viva la Muerte (nur auf der LP!) redlich um zeitgemäße Saufromantik bemühen, aber ein paar Textstellen verwenden, wie wir sie bewusst meiden sollten: Mit “Unser Orden ist verdorben” ruinieren sie die Aktualität wieder, die sie mit der Instrumentierung reingebracht haben — aber zum Gewöhnen ist die Version gar nicht schlecht. Zum Übernehmen hören Sie deshalb lieber Peter Rohland zu: auf Landstreicherballaden, 1996. Schnell, unkompliziert und ästhetisch unaufgeregt ist sie dem etwas struppigen, aber höchst brauchbaren instrumentalen Video von Mr. Gammler entnommen. Bei den Akkorden kommen Sie zurecht mit C/a//C/F//C/G//C, also dem, was sich von selbst ergibt. Nicht so zaghaft.

Aus dem im Überfluss bekannten Strophenmaterial hab ich zu Lichtmess aus dem Reiselied eine Version konstruiert, die geographisch Sinn ergibt und jetzt auch zum 1. Mai taugt. Für den Vortrag vor einem Publikum mit eher peripherem ethnologischem und archäologischem Interesse, mit dem man sich weder zur Lach- noch Schnarchnummer macht, ich denke da klassischerweise an Lagerfeuer, empfehlen sich die Strophen 1 bis 5, anschließend erst wieder 21 bis 24; neun Strophen reichen vollauf. Lassen Sie im Zweifelsfall lieber noch 21 und 24 weg und stiften Sie die Leute im Refrain zum Mitgrölen an, dann kann sich keiner beschweren. Das gibt einen aufmüpfigen, schön antiquierten Text auf eine unentrinnbar schmissige Melodie, mit dem man bei den Mädels punkten kann. Bei den richtigen jedenfalls. Das war ein Tipp, Jungs.

Verlinkt sind Stätten der Einkehr, die the missing link, Ihre Lieblingsagentur für Geschmack in Musik und Wirtshaus, freiwillig aufsuchen würde. Manche wurden am lebendigen Leib getestet. Prost.

 

Reiselied

1.: Lustig, lustig, ihr lieben Brüder,
nun leget all eure Arbeit nieder
und trinkt ein Glas Champagnerwein.

Refrain: Denn unser Handwerk, das ist verdorben,
die besten Saufbrüder sind gestorben,
||: es lebet keiner mehr als ich und du. :||

2.: Auf die Gesundheit aller Brüder,
die da noch reisen auf und nieder,
die sollen unsre Freunde sein.

3.: Und sollte wirklich noch einer leben,
so soll der Meister ihm den Abschied geben,
denn er macht ihm das Leben sauer.

4.: Weg mit dem Meister, mit all den Pfaffen,
ja Kaiser, König soll sich raffen:
Weg, wer da kommandieren will.

5.: Als wir durch deutsche Lande zogen,
haben wir so manchen Wirt betrogen,
doch seine Tochter war uns gut genug.

6.: In Lübeck hab ich es angefangen,
nach Hamburg stand dann mein Verlangen,
das schöne Bremen hab ich längst gesehn.

7.: Wie auch Celle, Hannover, Minden,
dann wolln wir auf dem Rhein verschwinden
wohl nach dem alten heil’gen Köln.

8.: Wir wollen auch noch Bonn besuchen,
in Bingen gibt’s zum Wein auch Kuchen,
bei Mainz, da fließt der Main in’ Rhein.

9.: Frankfurt am Maine hab ich gesehen
der Herbergstochter mußte ich gestehen:
Der letzte Heller will versoffen sein.

10.: In Mannheim wolln wir unser Glück probieren,
nach Karlsruh soll uns der Weg dann führen,
so kommen wir ins Elsaß rein:
In Straßburg gibt es guten Wein.

11.: In Freiburg geht’s nicht lang logieren,
wir wollen in die Schweiz marschieren,
nach Basel, Zürich und bis Bern.

12.: Nach Thüringen möcht ich hinein,
in Jena, Erfurt, Weimar sein
und auf der Wartburg kehren ein.

13.: In Königsbrück hat mir’s gefallen
die vielen Töpfer hier vor allem,
die Scheiben drehn sie, drehn und drehn.

14.: Was warn die Töpfer für Gesellen,
hörten sie nachts die Hunde bellen
so fraßen sie die einfach auf.

15.: Wie auch in Leipzig, Dresden, Sachsen,
wo all die schönen Mädchen wachsen
wohl in dem schönen Rosenthal.

16.: Dann wollen wir uns aufs Schifflein setzen
und unser junges Herz ergetzen,
wir fahrn die Elbe hinab zur See.

17.: Nun Schifflein, Schifflein, du musst dich wenden
und dich hin nach Riga lenken
wohl zu der russischen Seehandelsstadt.

18.: Und auch in Polen ist nichts zu holen,
als ein Paar Stiefel ohne Sohlen,
ja nicht einmal ein Heller Geld.
[alt.: von dort kommt man nicht ungeschoren,
in Danzig fängt die See schon an.]

19.: Nun wollen wir es noch einmal wagen
und wollen fahren nach Kopenhagen
dort zu der dänischen Residenz.

20.: In Bergen regnet es große Tropfen,
getrunken wird hier aus Malz und Hopfen,
korngelb gebrautes nordisch Bier.

21.: Und wer dies alles hat gesehen
der kann getrost nach Hause gehen,
und nehmen sich ein Mägdelein.

22.: Ich hatte manchen blanken Gulden,
heut hab ich jede Menge Schulden,
doch einen Humpen für der Seele Ruh.

23.: Schlagt ein die Fässer, lasst es laufen,
wir wollen heut noch einen saufen,
ja solches Himmelreich ist nah.

24.: Darauf wollen wir lustig saufen,
schöne Mädchen wollen wir uns kaufen,
ja das soll unser Handwerk sein.

Bild: LPCD Hamburg.

Andante

Vorläufige Stoffsammlung zu einer vergleichenden Studie in Musikologie, Illustration und Poesie:

Sabine, Sabine
spielt auf der Violine
das hohe C mit dem kleinen Zeh,
damit man ihre Beine seh.
Da braucht man Proteine,
ich nehm noch ‘ne Terrine.
Zu allem gute Miene
macht Sabine.

Volkmar Döring

Und wenn ich nochmal von vorne anfangen könnte, würde ich versuchen, weniger perfekt zu sein. Ich würde von März bis Oktober barfuß gehen, viel in Flüssen schwimmen und vor allem mit Kindern spielen. Darum geht es, das ist es eigentlich.

Jorge Luis Borges

Sift her, from Brow to Barefoot!
Strain till your last Surmise —
Drop, like a Tapestry, away,
Before the Fire’s Eyes —
Winnow her finest fondness —
But hallow just the snow
Intact, in Everlasting flake —
Oh, Caviler, for you!

Emily Dickinson: Doubt Me! My Dim Companion!

Ein schöner Fuß ist eine große Gabe der Natur. Diese Anmut ist unverwüstlich. Ich habe sie heute im Gehen beobachtet; noch immer möchte man ihren Schuh küssen und die zwar etwas barbarische, aber doch tief gefühlte Ehrenbezeugung der Sarmaten wiederholen, die sich nichts Besseres kennen, als aus dem Schuh einer geliebten und verehrten Person ihre Gesundheit zu trinken.

Goethe: Die Wahlverwandtschaften, 1809, Teil I, Kapitel 11

Ihr weißen Mäuschen, nehmt euch in acht,
Laßt euch nicht ködern von der weltlichen Pracht!
Ich rat euch, lieber barfuß zu laufen,
Als bei der Katze Pantoffeln zu kaufen.

Heinrich Heine: Rote Pantoffeln, 1853

Here we are full in the Midst of broad Scotch ‘How is a’ wi yoursel’’ – the Girls are walking about bare footed and in the worst cottages the Smoke finds its way out of the door – I shall come home full of news for you.

John Keats to Fanny K.; Dumfries, July 2nd 1818

„Da drüben!“ unterbricht Andreas meine Vision. „Das Hippiemädchen spielt Luftgeige!“ Tatsächlich: Barfuß tänzelt sie im weiten Batikhemd über das irische Moos und lässt ihre imaginäre Fiedel erklingen. Wahnsinn.

Christian Kortmann: Let it rock. in: Die Zeit 18/00, 27.4.2000, Leben Seite 3.

Die Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kammerzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen, als je auf Entenfüßen ginge (denn was von dem gemeinen Stamm der Wasserweiber ist, hat rechte Entenfüße); die zogen sie, pur für die Langeweile, sechsmal des Tages anders an – denn außerhalb dem Wasser ging sie in köstlichen Gewändern, doch barfuß –, erzählten ihr alte Geschichten und Mären, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr.

Eduard Mörike: Historie von der schönen Lau, in: Das Stuttgarter Hutzelmännlein, 1852

Edge

The woman is perfected
Her dead

Body wears the smile of accomplishment,
The illusion of a Greek necessity

Flows in the scrolls of her toga,
Her bare

Feet seem to be saying:
We have come so far, it is over.

Each dead child coiled, a white serpent,
One at each little

Pitcher of milk, now empty
She has folded

Them back into her body as petals
Of a rose close when the garden

Stiffens and odors bleed
From the sweet, deep throats of the night flower.

The moon has nothing to be sad about,
Staring from her hood of bone.

She is used to this sort of thing.
Her blacks crackle and drag.

Sylvia Plath

Aneinander vorbei

Vom Speisewagen
Durchs Land getragen,
Siehst du Dörfer, Felder, Katz und Küh.
Angenommen, daß dir das Menü
Nichts kann sagen.

Irgendwo: Zwei Barfußmädchen winken.
Wissen selber nicht, warum sie’s tun,
Lassen ihre arbeitsharten Hände
Für Momente ruhn.

Wissen nicht, daß deine Hände sinken,
Winken,
Grüßen
In den ganzen langen Zug hinein,
Ahnen nicht, daß du die Scholle sein
Möchtest unter ihren schmutz’gen Füßen.

Angelangt, ergibst du mittelgroß
Dich der Höflichkeit, dem Stande und dem Gelde.
Nachts im Bett träumst du hoffnungslos
Von den beiden Mädchen auf dem Felde.

Joachim Ringelnatz, in: 103 Gedichte, 1933

Poetry is what in a poem makes you laugh, cry, prickle, be silent, makes your toenails twinkle, makes you want to do this or that or nothing, makes you know that you are alone in the unknown world, that your bliss and suffering is forever shared and forever all your own.

Dylan Thomas

Komm heraus, komm heraus, du traurige Braut!
Wir steh’n hier vor dem Hochzeitshaus.
0 weh, o weh! Wie weinet diese Braut so sehr!

Dieses Jahr trägt sie eine Kron’ auf ihrem Kopf;
übers Jahr werden ihr die Haare ausgeropft.

Dieses Jahr trägt sie einen Striffel um den Hals;
übers Jahr hat sie weder Salz und weder Schmalz.

Dieses Jahr trägt sie noch schöne Zwickelstrümpf;
übers Jahr hat sie weder Schuh und weder Strümpf.

Dieses Jahr trägt sie noch schöne gewichste Schuh;
übers Jahr, da läuft sie barfuß-barfuß zu.

Dieses Jahr trägt sie ein Ringlein an der Hand;
übers Jahr führt sie ein Kindlein an der Hand.

Volkslied; DVA A 101419 (Heringen, Nassau), »das Brautpaar erscheint an der Türe«, vgl. EB .870, VI. dt. Landsch. III, Nr.86, Rölleke Wh. 9, 2, S. 25-27; nach: Schürz dich, Gretlein.

Bilder: Alice Lemarin: Piano;
Andrea: Piano Fire;
Bright Eyes: Piano 1 und Pianofeet;
Celeste Photography: Day Thirty-Four;
Freddy Holiday: I Play the Piano;
Jennifer Elysse: Hold a Tune;
Laura Lou: Clever;
Lauren Mariah: Play His Praise;
Maeve Niacal: Elmo Says “Hi”, Too!;
Meredith//Olivetti Studio: Middle C;
MyFlyAway: For a While;
Pixel Noir: When I Play, It’s Like I Dance On The Keys
und I Have Been Using My Hands For Too Many Nights;
Sam Smiles: Here;
The Faintest way: On the Piano 1 und das ganze Piano Women-Set;
Tori Mercedes: This Is My Mix tape For You;
Yein: Dancing on the Piano #2.

Freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn Vroni die Serie mit den Schreibmaschinen macht.

Poets are both clean and warm
And most are far above the norm
Whether here or on the roam
Have a poet in every home!

Monty Python

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