Nostradamus and Jesus and Buddha and me (and Hawking)

Entwarnung für alle: Niemand muss mehr Angst vorm Dritten Weltkrieg haben.

Draufgekommen ist Andreas Maier in der Titanic:

Beruhigend (1756-1763)

Als studierter Historiker kann ich allen Menschen, die sich davor fürchten, daß demnächst der dritte Weltkrieg ausbricht, eine sehr erfreuliche Mitteilung machen: es ist der vierte.

Die Titanic ist ein Satiremagazin und deshalb in höchstem Grade glaubwürdig. Satiriker sind nämlich die einzigen, die ausdrücklich fürs Lügen bezahlt werden. Nicht trotzdem, sondern deswegen sind sie die ersten, die fürs Lügen belangt werden.

Auch sonst spricht einiges dafür:

Der Krieg wurde in Mitteleuropa, Portugal, Nordamerika, Indien, der Karibik sowie auf den Weltmeeren ausgefochten, weswegen er von Historikern gelegentlich auch als ein Weltkrieg angesehen wird.

Dazu die nötige Fachliteratur:

Hurra, gell? Auch Stephen Hawking macht uns Hoffnung und verspricht uns noch hundert Jahre, bis wir die Erde unbewohnbar gebracht haben. Zum Vergleich: Im November 2016 sprach der Mann noch von tausend Jahren. Wenn sich das aller halbe Jahre auf ein Zehntel runterkocht, leben wir alle mathematisch gerechnet ewig, sind aber praktisch übermorgen tot.

Menschheit als Konzept gibt es seit zwei Millionen Jahren. Das heißt, man darf langsam recht zügig überlegen, was man auf das letzte Zwanzigtausendstel seiner restlichen Lebenszeit noch anstellen will. Vielleicht noch das eine oder andere Milliönchen oder Milliärdchen Schweine, Kühe, Hühner und Heringe einkesseln und zu Tode foltern, um sie hinterher in die Biotonne zu stampfen oder zum Scheißhaus runterzuspülen. Mit Trinkwasser. Oder wie von Herrn Hawking konstruktiv vorgeschlagen, endlich den Mars als Bauerwartungsland auf den Markt zu werfen, was nur ein paar Jahrzehnte vom verbleibenden Jahrhundert dauert. Wenn man sofort anfängt. Oder Alpha Centauri. Dahin dauert die Anreise allerdings schon dreißgtausend Jahre. Man hätte also im Laufe des Holozäns aufbrechen und unterwegs das Raumschiff verwüsten müssen. Mit Laserschub dauert’s schlanke zwanzig Jahre, allerdings braucht man dazu mehrere tausend Atomkraftwerke. Für ein einziges Raumschiff. Irgendwas ist ja immer.

Bleibt also noch ein bissel fachsimpeln, der wievielte Weltkrieg das genau ist, der jeden Moment losbricht, das Rauchen aufhören, sich endlich die große Blonde aus der Parallelklasse damals ins Bett wuchten, feste besaufen, ein Arschgeweih stechen lassen und Marcel Proust lesen.

Soundtrack: Bob Geldof: The Great Song of Indifference,
aus: The Vegetarians of Love, 1990,
weil The End of the World kein anständiges Video hat:

Atmest du gerne? (World Climate Conference Paris)

Was bis jetzt nur Anämiekranke mit gestörter Bildung von roten Blutkörperchen kennen, kann bittere Wahrheit für alle werden:

Wir werden alle nach Luft, um Sauerstoff ringen:

“As it currently stands, more than half of the planet’s oxygen is generated by phytoplankton in our oceans. Once the oceans become six degrees Celsius hotter – an event that some scientists think could happen as soon as 100 years from now – it will interrupt the process of photosynthesis by the phytoplankton. Without that atmospheric oxygen being produced, humans and animals alike will be struggling to find the oxygen necessary to breathe.”

(Quelle: http://www.care2.com/causes/climate-change-might-leave-us-without-enough-oxygen-to-breathe.html)

Kurzübersetzung:

Nur sechs Grad wärmer, dann wird die Produktion des Sauerstoff erzeugenden Phytoplankton (und damit die Photosynthese) auf den Weltmeeren geringer werden.

 

Im Moment stehen wir kurz vor 2 Grad wärmer. Wo ein Wissenschaftler auch schon nicht mehr weiß, ob mit dieser nach erträglich klingender Temperaturänderung nicht schon einige Prozesse plötzlich kippen werden.

Also holt nochmal kräftig Luft!

Bis dahin die Hollies mit  “All I Need Is The Air That I Breathe”

If I could make a wish
I think Id pass
Cant think of anything I need
No cigarettes, no sleep, no light, no sound
Nothing to eat, no books to read …

Kater Mor sieht das auch so.

Und jetzt zu etwas komplett Anderem …

 

 

Latein am Ende

Am gefährlichsten sind die, die sich einbilden, sie könnten denken.

Meister Eder in: Ellis Kaut: Pumuckl und die Katze, ca. 1969.

Wie auch schon nicht mehr ganz so kürzlich dargestellt, glaubt heute so ziemlich jeder, er könnte Englisch. Das ist kein deutscher Irrglauben, sondern ein weltweiter.

Wie’s kommt? Die Leute, die zu Gewinn und Verbreitung von Erkenntnis am meisten auf eine gemeinverständliche Sprache angewiesen sind, die Wissenschaftler, durften bis 1906 ihre Aufsätze, Einträge und Bücher zur allgemeinen Gültigkeit in allerlei Sprachen verfassen: Zulässig waren Englisch, Französisch und Deutsch — und eben nicht nur Latein, wie nach einem weiteren weltweiten Irrglauben. Ganze Fakultäten wie Chemie oder protestantische Theologie waren übers 19. Jahrhundert “in deutsche Hände” geraten und nahezu rein deutsche Disziplinen geworden; kleinere Sprachkreise taten sich weniger oder anderswo hervor und waren deshalb schneller bei der Hand, sich anderen Sprachgemeinschaften anzuschließen. 1906 kam Spanien beim Internationalen Botanischen Kongress damit an, ebenfalls Sprache der wissenschaftlichen Nomenklatur zu werden. Das wäre dann eine zuviel geworden, und fortan musste alles auf Latein veröffentlicht werden. Das ist niemandes Muttersprache und muss von allen eigens gelernt werden, die Gehör wünschen, und damit sind alle gleich mies benachteiligt. In der Botanik, und erst ab 1906.

Das macht aber Englisch zu einer unter vielen Sprachen, in der Menschen — auch Wissenschaftler, zum Beispiel Botaniker — denken, und benachteiligt alle, die zufällig eine andere Muttersprache als Englisch haben. Und als Anfang des 20. Jahrhunderts plötzlich Russisch wichtiger wurde als die eine der drei großen traditonellen Wissenschaftssprachen, das Französische, die wahrscheinlich immer noch leicht beleidigten Spanier gleich ein Regal weiter und Latein, mit dem seit dem alten Rom noch nie jemand recht glücklich war, zu groß. Englisch in seiner trügerischen Leichtigkeit und Tragweite setzte sich gegen alle konkurrierenden Sprachen durch und wurde nicht offiziell zur Nomenklatur ausgerufen, setzte sich vielmehr organisch als solche durch. Diese gewachsene Art des triumphs hält sich viel länger, worüber man jetzt allerhand evolutionäre und moralische Betrachtungen anstellen kann.

Dabei ist Englisch gar nicht so leicht, wie es daherkommt: Praktisch alle Wörter außer ein paar allerjüngsten Importen aus anderen Sprachen sind mehrdeutig und in ihren Bedeutungen gegenüber ihren Entsprechungen bei den Nachbarn verschoben, wo nicht gar diametral entgegengesetzt, kein einziges Schriftbild entspricht dem Lautbild, und der wendige Satzbau tändelt einen knappen Gehalt vor, der anderwärts von mehreren vollständigen Sätzen getragen werden muss. Das wird sich in den meisten Sprachen ähnlich verhalten, ist aber kein vernünftiger Grund für die englische Nachfolge für Esperanto und Ido — jene Versuche des 20. Jahrhhunderts, einfache und neutrale Systeme zu schaffen, als das Bedürfnis nach weltumspannender Kommunikation danach schrie.

So mächtig ist Englisch in gerade mal hundert Jahren geworden, dass eine wissenschaftliche Veröffentlichung in jeder anderen Sprache ein Bekenntnis zur zugehörigen Nation darstellt. Wissenschaft auf Deutsch, Russisch, Japanisch, Suaheli, Esperanto — kann man machen, muss man aber wollen. Zum Englischen als gewachsenem Standard muss man sich trotzdem auf die eine oder andere Art verhalten, so wie längst niemand mehr eine Comic-Maus zeichnen kann, die Micky Maus entweder besonders ähnlich oder besonders unähnlich sieht. Die Gleichheit für alle ist damit keine Neutralität mehr.

Das gängigste Beispiel für die feinen, unauffälligen Sprachabstände ist immer wieder der Unterschied zwischen dem englischen because und dem deutschen weil: Gemeinhin wird das eine 1:1 mit dem anderen übersetzt, weil das begreifliche und lesbare Ergebnisse zeitigt. Ab der Schulzeit neigt deshalb ganz Deutschland nebst angeschlossenen Sprachgebieten dazu, beide Konjunktionen für gleichbedeutend zu halten. Eine Detailanalyse des Unterschieds führt in ziemlich tiefe Sümpfe der Philologie, jedenfalls aber macht because eine Art Vorschlag zur Begründung, wogegen weil den begründeten Begriff festlegt. Da ist kein Disput mehr vorgesehen, da wird nur noch verankert.

Die Untersuchung, nach der die Hälfte des akademischen Personalsder Uni Duisburg Schwierigkeiten hatte, auf Englisch zu schreiben, und immerhin noch ein Viertel, Englisch zu lesen, ist mittlerweile 20 Jahre alt, und seitdem wird sich nicht viel gebessert haben, weil jeder — nicht nur Akademiker unter sozialem Intelligenzdruck — den ganzen Tag Englisches liest und hört, sogar schreibt und spricht und damit sogar mehr oder weniger verstanden wird. So viel Englisch kann jeder, um etwas zu vermitteln.

Unter solchen Voraussetzungen sollte sich aber niemand wundern, wenn auf dem Rückweg der Kommunikation wieder nur halbgar Verständliches ankommt. Die Vernetzung der internationalen Wissenschaft mit ihrer angloiden Lingua franca ist eine Flüsterpost.

Das ist eine historische Entwicklung, was auch bedeutet, dass es nicht auf ewig so bleiben wird. Wenn, ja wenn endlich klar wird, dass wissenschaftliche Texte von menschlichen Gehirnen verfertigt und nicht von standardisierten Computerprogrammen, schließt das ein, dass sie der Übersetzung bedürfen, weil und because Wissenschaft etwas anderes ist als Information. Die Technik der Kommunikation macht menschliche Übersetzungen also nicht überflüssig, sie setzt sie vielmehr voraus.

Und darüber, was auf syntaktischer Ebene in menschengemachten wie in technisch automatisierten Übersetzungen gemeinhin aus Gerundivkonstruktionen gemacht wird, können an dieser Stelle nur kurz suprasegmental die Augen verdreht werden.

Literatur:
— Ulrich Ammon: Deutsch als Wissenschaftssprache;
— Michael D. Gordin: Scientific Babel, Profile Books, 2015;
— Burkhard Müller: Nicht zu wissen, dass man weiß, in: Süddeutsche Zeitung, 11. August 2010, Seite 11;
— Wilhelm Ostwald: Weltdeutsch;
— Thomas Steinfeld: Neutral ist nur die Macht, die alle beherrscht, in: Süddeutsche Zeitung, 22. April 2015, Seite 9;
— Winfried Thielmann: Deutsche und englische Wissenschaftssprache im Vergleich: Hinführen – Verknüpfen – Benennen, Synchron Verlag, Heidelberg 2010.

Die Banalität des Bösen

Mein Vater wird heuer 80 und hat seit ein paar Wochen einen Herzschrittmacher, die Katze des Hauses ist mit einer Form der Leukämie inkommodiert, die man leider nicht so einfach zu genau den hunderttausend Teuxeln zurückwünschen kann, von denen sie herkommt, im Treppenhaus hängt ein Zettel von der Hausverwaltung, dass wir die Lärmbelästigung entschuldigen sollen, wenn sie “demnächst” die Kastanie im Hinterhof fällen, und in einer deutschen Industriestadt, die einst ein Zentrum der Aufklärung war, halten mündige Erwachsene egal ob harmlose oder tödliche Krankheiten für die Prüfung einer abergläubisch definierten Naturkraft, gegen die man nichts unternehmen darf.

Im Lenbachhaus lernt man derzeit (noch bis 3. Mai 2015) in der Ausstellung über die Künstlerfreundschaft von August Macke und Franz Marc, was Kunst mit Krieg, Tod und Verderben zu tun hat: viel zuviel. Rechnen wir mit: Die ausgestellte Künstlerfreundschaft endete am 26. September 1914 mit dem Ableben von August Macke bei Perthes-lès-Hurlus in der Champagne, Franz Marc folgte am 4. März 1916 in Braquis bei Verdun. Ohne mich mit beider Biographie genauer zu beschäftigen, glaube ich nicht, dass sie dort den Masern erlegen sind, sondern, wie es immer so liebenswert verschüchtert heißt: im Felde der Ehre gefallen. Für uns ist das durchschnittlich hundert Jahre her, was man sich bildlich gar nicht anders denn als raffeliges Schwarzweißfoto vorstellen kann — für die zwei betroffenen Künstler von zarten 27 und 36 Lenzen war daheim die Ölfarbe auf den letzten Werken, deren Farbenräusche im Lenbachhaus richtig toll zur Geltung kommen sollen, noch gar nicht richtig trocken. Die hätten einen anderen Job gehabt.

Mir war der Blaue Reiter immer reichlich wurscht: quietschibunte Pferdchen und Kühchen, anatomisch fragwürdige Portraits überkandidelter Weibspersonen und Urlaubslandschaften in einer Art Plaka-Farben — austauschbares, beliebiges Zeug, ganz nett als Verzierung für Bürokaffeetassen, nicht abgrundscheiße, nur eben nichts, woran ich je Geld und Kunstverstand gewendet hätte. Aber wenn keiner mehr einsieht, was der erste mit dem zweiten Absatz zu tun hat, sind Macke & Marc (und die paar anderen Millionen) umsonst gestorben.

Wieviel?

Da hat’s uns die OECD aber wieder gegeben. Vor Jahren haben sie sich an wehrlosen Schulkindern auf der ganzen Welt vergriffen, jetzt trauen sie sich endlich was und halten den mündigen Bürgern ihre Blödheit vor.

Schon schlau: Diesmal kann man nicht so schön mit einem “PISA-Schock” beschreiben, dass da etwas schief steht, “PIAAC” kann überhaupt noch niemand aussprechen. Falls er lesen kann.

Und perfide dazu: Wer doof ist, verdient weniger Geld, und ist deshalb weniger wert und deshalb weniger glücklich, so unterstellt mir die OECD. Mir persönlich hätte man ruhig verschweigen dürfen, dass ich dümmer bin als ein durchschnittlich begabtes Grundschulmädchen von einer finnischen Stechmückenfarm. Das ist doch bloß wieder so eine von den Gewissheiten, die einen weder reicher noch wertvoller noch glücklicher machen. Und klüger schon gleich gar nicht.

Zum Beispiel verstehe ich nicht, wieso die OECD wieviel Abermillionen raushaut, um die Leute einen Deppen zu heißen. Wenn sie so einen Haufen Geld haben, wieso spendieren sie nicht ein bissel öffentliche Bildung? — Ach so, weil Schule Ländersache ist, ich vergaß. Logisch, ich kann ja auch keine Celsius auf Fahrenheit umrechnen.

Bleibt der Trost, dass in einem gescheiten Weblog Bilderchen drin sind. Besser weiß es ein hochbegabter Japaner zwischen 24 und 35 nämlich auch nicht, ätsch.

Soundtrack: Lisa Fitz: I bin bläd, 1972.

Wir spinnen

Update zu Alle Schmetterlinge sind schon da
und Bus 502 ins Präkambrium:

Dem einen Merksatz sind wir dieser Tage überall begegnet: Gegen Spinnenfurcht hilft Spinnenwissen.

Das ist der abschließende Satz im zweiten und letzten Teil der Bemerkungen über die Spinne von Horst Stern 1975, im Original etwas erweitert, aber genau mit dieser Grundaussage. Als Fernsehmomente noch groß sein und nachhaltig beeindrucken konnten, waren legendäre Fernsehserien möglich. Und was Dokumentarfilme angeht, gibt es kaum eine nachhaltigere Legende als Sterns Stunde 1970 bis 1979.

Vor Jahren hab ich mich schon gefreut: Ui, fein, es gibt ja jetzt das Internetdings, da kriegt man bestimmt Sterns Stunde, vor den Spinnenfilmen graust mich heute noch. Wie schön festzustellen, dass Technik und Markt endlich weit genug fortgeschritten sind, um diese zwei Sternsstunden auf etwas anderem als mit Super 8 vom Fernseher abgefilmten Spulen erreichbar zu machen. Kaum dass die DVD technisch überholt ist, geht’s.

Nahezu gleichzeitig mit dem kostbaren Zuwachs unserer DVD-thek findet das Museum Mensch und Natur es passend, lebendige Spinnen in sehr übersichtlichen Terrarien auszustellen und es Faszination Spinnen zu nennen. Spinnenwissen zum Anfassen. Oder jedenfalls fast, gerade mal durch eine Vitrinenscheibe vom Streicheln abgehalten.

Flauschig sind sie nämlich, warum gruselt man sich eigentlich so? Weil Mädchen immer vor Schlangen Angst haben, Jungs vor Spinnen, wofür Professor Freud bestimmt wieder eine seiner schlüpfrigen Erklärungen hat? Weil sie flauschig sind wie Miezekatzen und zugleich giftig wie bescheuert? Weil sie Milben auf ihrem ekelhaften Hintern herumschleppen, weil sie ihre Männchen nach dem Vernaschen vernaschen, weil sie weiß der Himmel was mit ihren acht Beinen anstellen können, weil sie mit ihren acht Augen weiß der Himmel was durchschauen, was sie nur selbst wissen? Weil Arachnophobie gesellschaftlich so anerkannt ist, dass man endlich mal nach Herzenslust vor Angst zittern darf, ohne sich nebenbei noch zu genieren?

Wie alle Erklärungen großer Zusammenhänge ist das wahrscheinlich alles wahr und unzulänglicher Mumpitz auf einmal, mit seiner Angst steht jeder allein. Mein persönliches Verhältnis zu Spinnen ist seit jeher von einer Art respektvoller Distanz geprägt: Die Viecher rechnen sicher unter die zehn faszinierendsten Geschöpfe in Gottes großem Tiergarten, im Walde sollte man sie mit Interesse studieren und bewundern, aber bitte nicht gerade auf meinem Kopfkissen. “Angst” im Sinne von Panik sieht anders aus. Es ist auch kein “Ekel”, mehr ein “Grauen” im Sinne von H.P. Lovecraft.

Spinnentiere leben, streben und vor allem: weben seit dem Silur auf Erden. Das liegt tief im Erdaltertum, als auch Trilobiten auftraten — lange bevor sich ein Gebirge in die Höhe faltete, das heute noch aufrecht stünde — lange vor den Sauriern. Das ist dermaßen blödsinnig unvorstellbar lange, dass man sich ganz klein und kindsköpfig vorkommt im Angesicht eines zwei Zehntel Millimeter großen Krabbeltiers.

Spinnen haben schon Schachtelhalme gesehen, die noch nicht einmal so groß wie Dinosaurier sein konnten, weil kein Chitin gewordenes Aufblitzen der Evolution wusste, was ein Dinosaurier sein soll. Millionen Jahre später sind sie auf ihnen herumspaziert und zeigten sich wenig beeindruckt, als sie wieder ausstarben, dazu hatten sie schon damals zu viel gesehen — und wer waren nochmal neulich diese weltbeherrschenden Trilobiten?

Wer eine Spinne anschaut, blickt in einen Abgrund einiger Jahrhundertmillionen. Und darf mit Fug annehmen: Dieser possierliche Geselle weiß allerhand, wovon ich nie einen Begriff haben werde. Da soll einem nicht grausen.

Wer sich seit dem Silur kaum verändern musste, war offensichtlich von Anfang an eine überaus taugliche Lebensform. Die mussten nie “was aus sich machen”, die genügen schon immer. Was so eine Spinne ist, die funktioniert in wesentlichen Teilen als Selbstläufer: Weitgehend unerforscht bleibt, woraus ihr alltäglich anzutreffender Spinnfaden überhaupt besteht, wie sie ihn in ihrem sparsam ausgestatteten Innenleben chemisch zusammensetzt und formt, und wie sie ihn aus ihrem sinnreich gegliederten Körper herausbekommt, der keinen Innendruck aufweist. Dagegen weiß man aus der Beobachtung, dass sie ihn nach Gebrauch auffrisst. So geht Recycling.

Auch das berüchtigte Aufessen von Geschlechtspartnern geschieht nicht aus feministischer Gehässigkeit, sondern zur Verwertung ansonsten nutzlos herumfaulender Proteine. Übrigens verwerten einige Spinnenarten sogar ihre eigene Person: Das Weibchen eines eindrucksvollen lateinischen Zweiteilers nicht unter sieben Silben durchspült sich in ihrem Nest voller süßer kleiner Spinnenkinder selbst mit Verdauungssaft und löst sich zu Babynahrung auf. Eat this, Professor Freud.

Von den phantastisch einfallsreichen Methoden zum Insektenfang ganz zu schweigen, beschreiben doch Gattungsnamen wie Springspinne (z.B. Salticus scenicus), Speispinne (z.B. Scytodes thoracica) oder Bombardierspinne (z.B. Brachypelma smithi) hauptsächlich das Verhalten gegenüber Beute und Fressfeind. Die Gesamtheit der Spinnen ist demnach kein Perpetuum mobile — aber die Richtung stimmt, alle Achtung.

Und wie gelehrt sie alle heißen. Die erwähnte Brachypelma smithi mit den roten Knien, unter denen sie sich verstecken kann, gilt als die schönste von allen (bis sie einen mit Brennhaaren von ihrem hübschen Hintern besprüht); Grammostola rosea und pulchra kennt man als samtige, schwarzschimmernde Monster aus Bewerbungsarbeiten von Filmregisseuren aller Altersstufen fürs Sundance Film Festival; Psalmodeus cambridgi hat eine tolle Mittelwirbelfrisur, ohne sich je zu kämmen; Chromatopelma cyaneopubescens ist auf den Bildern aus Venezuela immer leuchtend zyanblau, nur in der Ausstellung in München nicht; Acanthoscurria geniculata soll laut Beschreibung “recht aggressiv” sein, sonnt sich aber unter ihrer Glühbirne wie alle anderen auch; Vitalius wacketi soll schon eine der größten sein, kommt aber auch nicht weit über acht Zentimeter Körpergröße oder siebzehn Zentimeter Beinspannweite; und die bescheidene Heteropoda venatoria geht fast nackt einher, gilt dabei als harmlos bis nützlich und ist in tropischen Lagerhäusern gern gesehen, weil sie blitzschnellen Schrittes und sicheren Zugriffs das Ungeziefer fernhält.

Wenn jetzt noch bis 23. Juni 2013 in den Vitrinen des Münchner Museums Mensch und Natur ein paar besonders pelzige, besonders fettbeinige, besonders rot-schwarz gestreifte und besonders giftige Vertreterinnen (die Weibchen machen mehr mit und leben länger) die Faszination der Spinne demonstrieren sollen, halten die das auch noch durch. Wir, die wir glauben, der Spinnenschaft einen artgerechten Dienst zu erweisen, indem wir sie auf viertelquadratmetergroßen Baumrindenhäufchen eingeglast der Schaulust von Arachnophoben und Arachnophilen preisgeben, wir sind schon lange angezählt. Du und ich und wahrscheinlich sogar Horst Stern, schade eigentlich. Am Ende aller Tage können wir die unverändert gedeihenden, sich vermehrenden und verzehrenden Spinnen dann fragen, wie unser Erdzeitalter geheißen hat, falls sie das in dem nachschauen können, was es dann anstatt eines Internets gibt, und ob wir uns besser gehalten haben als ein paar Äonen zuvor die Dinos oder wenigstens annähernd so gut wie die Trilobiten.

Da kommen wir aber mit den sechs Euro Eintritt nicht mehr aus.

Brachypelma boehmei

Bild: Micha L. Rieser: Frisch gehäutetes Weibchen der Brachypelma boehmei, 21. Mai 2012.

Bus 502 ins Präkambrium

Als einen seiner dankenswerten Exkursionshinweise gibt Peter Rothe in Die Erde. Alles über Erdgeschichte, Plattentektonik, Vulkane, Erdbeben, Gesteine und Fossilien (Abschnitt Eine kleine Geschichte der Erde):

An der Bushaltestelle “Zirkel” bei Glasbach-Mellenbach, Schwarzatal im südlichen Thüringer Wald: Präkambrische metamorphe Sedimentgesteine, denen man ihre Herkunft von Grauwacken und tonigen Gesteinen noch ansieht; durch die nachfolgende Gebirgsbildung sind sie intensiv gefaltet, geschert und zerbrochen.

Erinnern Sie sich aus Erdkäs noch, wann Präkambrium war? Ganz flau kann einem werden, so blödsinnig irrwitzig schwindelerregend lange ist das her. Und im Schwarzatal, wenn man auf den Bus wartet, blickt man in diesen Abgrund; da darf der Professor Rothe sogar ausnahmsweise Glasbach-Mellenbach mit Mellenbach-Glasbach verwechseln, der Mann ist ja so viel rumgekommen.

Dergleichen zu wissen ist vermutlich nicht der Sinn des Lebens. Was der Sinn des Lebens denn sonst sein soll, weiß ich allerdings auch nicht.

Ein Sack voller Glückskekse

Und ich dachte schon in den 1990er Jahren, dass dieses Jahrzehnt nie revived werden könnte, weil 1989 bis 2001, solange “die 90er” dauerten, alle Welt mit Revivals vorausgehender Jahrzehnte beschäftigt war und deshalb nichts für anstehende Revivals übrig lassen konnte.

Und jetzt, im ausgehenden 2011, kriegt man von Menschen mit Abitur kindergläubige Kettenmails geschickt wie 1998, als kaum die NASA fassen konnte, wie leicht sich die Leute verarschen lassen.

Das Neue daran ist, dass es jetzt um China geht statt um die keltischen Nachbarn von Stonehenge. Gleich geblieben ist die Qualität der Übersetzung wie aus dem weiland Altavista-Babelfish. Ich entzerre das Layout aus der HTML-Mail (dachten Sie etwa, Retro funktioniert authentisch über Facebook? Nächstes Jahr vielleicht) und belasse die Rechtschreibung:

Die Chinesen nennen dieses Phänomen “ein Sack voller Geld”: Dieses Jahr haben wir vier außergewöhnliche Daten: 1.1.11 / 1.11.11 /11.1.11 / 11.11.11. Zudem hat der Monat Oktober dieses Jahr 5 Sonntage, 5 Montage und 5 Samstage – Das ist nur alle 823 Jahre der Fall. Wenn Du die letzten beiden Zahlen Deines Geburtsjahres mit dem Alter, welches Du dieses Jahr geworden bist zusammenzählst, erhältst Du die Zahl 111. Diese Zahl ist dieses Jahr für alle gleich und das bedeutet das Jahr des Geldes!!! Diese Jahre sind hauptsächlich als “Besitz von Geld” bekannt. Dieses chinesische Sprichwort sagt, dass du dies 8 guten Freunden weitersagen musst und das Geld kommt in den nächsten 4 Tagen, wie es durch das Feng-Shui erklärt ist. Diejenigen, die es nicht weiterleiten, erhalten auch kein Geld. Testet das mal – es ist zwar unglaublich, aber warte ab.

Um die letzte Jahrtausendwende verbreiteten sich die C++-Programmierer und Star-Trek-Fans darüber, wie viele Tage es anno 2000 doch geben würde, die aus Nullen und Einsen bestehen, was erst in 101010 Jahren oder so erst wieder der Fall wäre. Man versammelte sich im Englischen Garten zur letzten Sonnenfinsternis des Millenniums und musste immer erst ein bisschen überlegen, mit wie vielen l und n man “Millennium” schreibt.

Hätten Sie je geahnt, dass unser aller Vergangenheit sage und schreibe birnenförmig ist?

Stein gewordener Beweis der Evolution

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu besingen, nur weil sie vor fuchzig Jahren errichtet wurde. Dann eher noch die Graceland, die ist heute vor 25 Jahren erschienen. Und sie ist eine der wenigen mir bekannten Platten, die Menschen verbindet: Auf die können sich Konzertabonnenten, Metaller, Rapper und Folkies einigen, was ich für eine größere künstlerische und politische Leistung halte als 43 Kilometer Mauer.

Fast noch wichtiger, jedenfalls ungleich nachhaltiger finde ich da: Vor genau 150 Jahren wurde in den Solnhofener Schieferbrüchen von einem Steineklopfer das erste vollständige Skelett eines Archaeopteryx gefunden — noch im selben Jahr, als er durch Induktion anhand einer fossilierten Feder beschrieben wurde, als es ihn also geben musste.

the missing link, Ihre Lieblingsagentur für Steineklopfen und nachhaltige Spuren in der Welt, die wir in unserer weblogfreien Zeit betreiben, benennt sich nach dem Missing Link, das ist: dem bis dahin fehlenden biologischen Bindeglied zwischen Dinosauriern und Vögeln. Wenn Ihnen dazu nur pubertäre Kalauer einfallen, können Sie sich gern weiterhin mit P1-Gängern rumärgern, die morgens (so ab 13 Uhr) Berlin Mitte spielen und nachmittags beklagen, dass es in dieser Stadt nicht möglich scheint, einen einfachen Espresso zu bekommen.

Der letzte Saurier ist der erste Vogel, die zehn erhaltenen Archaeopteryges seine ersten Belege. Gerade mal zwei Jahre vor Entdeckung der isolierten Archaeopteryxfeder, 1859, hatte Darwin postuliert, dass es derlei Missing Links geben müsse: Lebensformen in der Evolution, die noch Merkmale des alten Jakobs und schon Merkmale des nächsten großen Dings aufweisen.

Das wird bis heute geleugnet. Die Leute, die es nicht einsehen wollen, heißen Kreationisten und sperren ihre hübschen Töchter ein. Die hässlichen jagen sie vor die Tür. Was ihnen ähnlich sähe, jedoch ein haltloser Schmarrn ist, der sich ebenso zuverlässig beweisen lässt wie der Kreationismus. Vor 150 Jahren kam in Gestalt eines verwurstelten Abdrucks von alten Hühnerknochen das Licht in die Welt. Und es ging von Franken aus.

Herrschaften, wie lange gibt es eigentlich das reelle Familienunternehmen the missing link? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht, es müssen um die zehn Jahre sein. Und wie um Himmels willen feiert man sowas? Am besten irgendwas mit Dinosauriern und Vögeln, oder wir hören mal wieder die Graceland, die verbindet. Die Süddeutsche nennt den Inbegriff des Missing Links einen Fränkischen Urvogel. Das ist doch passend.

Ballista. Modell eines Archaeopteryx

Bild: Ballista: Modell eines Archaeopteryx, Stand 9. Juli 2006.

Dr. Mouse heißt jetzt Dr. Geier

Kleine Jungen müssen immer etwas werden. Ein Tiger ist immer ein Tiger.

Hobbes.

Update zu Dr. Mouse:

Gratulation in verschärfter Form ergeht an den allerliebsten Mäuserich zu dem förderlichen Umstand, dass er seinen Doktorgrad ab sofort nicht mehr verbergen, sondern stolz vor allen deinen anderen Namen führen darf.

Chlamydomonas reinhadtii, gentechnisch veränderte Organismen

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.