Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: The Good, the Bad and the Ugly (Seite 1 von 5)

Daniel in der Kinderstube

Solange James Bond noch ein Fall fürs Kino und nicht für die Kinderstunde war, haben wir gesagt: Alt sind wir dann, wenn wir älter sind als der aktuelle Bond. Dann war Daniel Craig. Der Mann ist zwei Monate und vier Tage älter als ich, aber der zählt eh nicht als Bond. Beim nächsten werden wir uns wohl eine neue Faustregel ausdenken müssen. Vielleicht den Gandalf.

Neuerdings soll Daniel Craig gleich gar “entmännlicht” (emasculated) sein, indem er fotografiert wurde, wie er ein kleines Kind mit Hilfe einer Babytrage (papoose) mit sich führte. Hat er das verdient?

Zur Einordnung: Das Kind ist sein eigenes, soll allem Vernehmen nach ganz frisch im September 2018 geboren sein und ist sein zweites, nach dem ersten von 1992 — und zwar von Rachel Weisz. Dazwischen war er mal, Bond oder nicht, mit Heike Makatsch zusammen.

Es mag eher bedingt hierher gehören, aber kurz nach diesen Bildungsanstrengungen in der zeitgenössischen Schauspielkunst hab ich gefunden:

Not all pricks have pricks, not all pussies have pussies, but all assholes have assholes.

Wenn man es von vorne und hinten betrachtet, findet sich schon noch was, das man sich merken sollte, gell. Wenn mich wer sucht: Nägel lackieren, und zwar meine eigenen und ohne erst herumzugreinen, ob ich dann schwul oder ein Mädchen sein könnte.

Soundtrack: Johnny Cash featuring Oscar the Grouch:
Nasty Dan, aus: The Johnny Cash Children’s Album, 1975,
in: Sesame Street, Season 5, 1973:

Alle, die von Freiheit träumen

War was? – Ach ja, Feiertag war. Tag der deutschen … wie hat das geheißen? Einheit? Was für Einheit? Noch D-Mark oder schon Euro? Kaurimuscheln, Zoll, Inches oder Kilowattstunden? Broteinheiten? — Man verspricht sich immer so leicht auf “Tag der deutschen Freiheit”. Muss am letzten Bundespräsidenten liegen, von dem man ab und zu noch was gehört hat, und dann war’s meistens was mit “Freiheit”.

Darum bietet sich an dieser Stelle an, die Definition von Freiheit auszubreiten, die wir mal gebraucht haben, um – ohne hier ins Geschäftliche zu verfallen – einen Kunden zu jener Ordnung zu rufen, die ihn anhält, sein Core Asset der Freiheit als Aufforderung zu mehr Verantwortung zu begreifen, nicht weniger.

Die Königin der rhetorischen Figuren soll es ja sein, den Argumenten seines Gesprächsgegners zuzustimmen und daraus den gegenteiligen Schluss zu ziehen. Mit dem Spruch von Camus kommt man da schon ziemlich weit, begründet mit dem Kant. Ich bringe mal unsere damalige Diskussionsgrundlage als Zitat:

Freiheit

Was die Deutschen betrifft, so bedürfen sie weder der Freiheit noch der Gleichheit. Sie sind ein spekulatives Volk, Ideologen, Vor- und Nachdenker, Träumer, die nur in der Vergangenheit und in der Zukunft leben, und keine Gegenwart haben. Engländer und Franzosen haben eine Gegenwart, bei ihnen hat jeder Tag seinen Kampf und Gegenkampf und seine Geschichte. Der Deutsche hat nichts, wofür er kämpfen sollte, und da er zu mutmaßen begann, daß es doch Dinge geben könne, deren Besitz wünschenswert wäre, so haben wohlweise seine Philosophen ihn gelehrt, an der Existenz solcher Dinge zu zweifeln. Es läßt sich nicht leugnen, daß auch die Deutschen die Freiheit lieben. Aber anders wie andere Völker. Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen, und wehe dem rotgeröckten Burschen, der sich in ihr heiliges Schlafgemach drängt — sei es als Galant oder als Scherge. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie auf Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Großmutter.

Heinrich Heine: Englische Fragmente, 1828.

“They’re not scared of you. They’re scared of what you represent to ’em.”

“Hey, man. All we represent to them, man, is somebody who needs a haircut.”

“Oh, no. What you represent to them is freedom.”

“What the hell is wrong with freedom? That’s what it’s all about.”

“Oh, yeah, that’s right. That’s what it’s all about, all right. But talkin’ about it and bein’ it, that’s two different thangs. I mean, it’s real hard to be free when you are bought and sold in the marketplace. Of course, don’t ever tell anybody that they’re not free, ’cause then they’re gonna get real busy killin’ and maimin’ to prove to you that they are. Oh, yeah, they’re gonna talk to you, and talk to you, and talk to you about individual freedom. But they see a free individual, it’s gonna scare ’em.”

“Well, it don’t make ’em runnin’ scared.”

“No, it makes ’em dangerous.”

Jack Nicholson mit Dennis Hopper, in: Easy Rider, 1969.

Gleich zuoberst als erstes scrollfrei in Wikipedia: Freiheit ist die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Das sine qua non an Freiheit ist also: Auswahl + Entscheidung – woraus in moderner Philosophie – und: wichtig: sogar im Recht – folgt: Autonomie eines handelnden Subjekts.

Weiter: Die Freiheit, sich für oder gegen eine Handlung entscheiden zu können, und ihre Beschränkung durch Regeln sowie durch Entscheidungen, Ansprüche, Interessen oder Handlungen anderer sind eng mit der Frage der Legitimität des eigenen Handelns und des Beschränkens fremden Handelns verbunden. Auf Deutsch:

Your Liberty To Swing Your Fist Ends Just Where My Nose Begins. – Oliver Wendell Holmes, Jr., John B. Finch, John Stuart Mill, Abraham Lincoln, Zechariah Chafee, Jr. oder sonst jemand.

Seriöser:

Freiheit endet da, wo eines anderen Recht anfängt – unsichere Zuschreibung.

Gesichert scheint allein Matthias Claudius:

Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet.

– und damit kollidiert. Begründbar mit:

Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden. – Rosa Luxemburg.

Leicht erweitert Kant: Die Metaphysik der Sitten, 1797:

Wenn also meine Handlung, oder überhaupt mein Zustand, mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, so tut der mir Unrecht, der mich daran hindert; denn dieses Hindernis (dieser Widerstand) kann mit der Freiheit nach allgemeinen Gesetzen nicht bestehen. […]

Das Rechthandeln mir zur Maxime zu machen, ist eine Forderung, die die Ethik an mich tut. Also ist das allgemeine Rechtsgesetz: handle äußerlich so, daß der freie Gebrauch deiner Willkür mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen könne, zwar ein Gesetz, welches mir eine Verbindlichkeit auferlegt, aber ganz und gar nicht erwartet, noch weniger fordert, daß ich, ganz um dieser Verbindlichkeit willen, meine Freiheit auf jene Bedingungen selbst einschränken solle, sondern die Vernunft sagt nur, daß sie in ihrer Idee darauf eingeschränkt sei und von andern auch tätlich eingeschränkt werden dürfe; und dieses sagt sie als ein Postulat, welches gar keines Beweises weiter fähig ist.

Siehe den Unterschied zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit, innerhalb des letzteren wiederum zwischen freiem Willen und natürlichem Willen.

Für die tägliche Anwendung scheint relevant: die wieder von Kant (in der Kritik der reinen Vernunft, 1781) geprägte praktische Freiheit: das Selbstverständnis eines vernünftigen Wesens, nach selbsterhobenen (!) Prinzipien zu entscheiden und sich somit selbst als frei zu begreifen. Weiter Kant:

Freiheit ist nur durch Vernunft möglich.

Ohne dieselbe folgt der Mensch seinen Trieben wie ein Tier; mit derselben kann er das Gute erkennen und sein Verhalten an der Pflicht ausrichten, siehe Kategorischer Imperativ – der mithin der Freiheit nicht widerspricht, worauf der Hedonist allzugern verfällt. Vielmehr ist nur der sich bewusst pflichtgemäß, also moralisch verhaltende Mensch frei: Freiheit zu tun, was man will, ist genau das Gegenteil davon, zu tun, wozu man Lust verspürt, weil genau die Lust den Menschen von der eigenen Freiheitsentfaltung abhält. – Siehe die nach langen Handlungsverschlingungen gefundene Interpretation der Anweisung

Tu, was du willst

bei Michael Ende: Die unendliche Geschichte, 1979.

Daraus die Konsequenz für die deutsche Romantik, die sich nach dem Idealismus richtet, also im Gegensatz zu so vielen Kunsttheorien wirklich eine vorgefundene Theorie in Praxis und Kunst überführt statt umgekehrt: Johann Gottlieb Fichte:

Vernunftwille macht das aus, was wir sind – nämlich unser Ich.

Auch da wieder: Freiheit ist

nur dadurch möglich, daß jedes freie Wesen es sich zum Gesetz mache, seine Freiheit durch den Begriff der Freiheit aller übrigen einzuschränken.

Fichtes Idealismus ist daher eine Konsequenz aus dem Primat von Kants praktischer Vernunft.

Freiheit zu etwas heißt positive Freiheit, Freiheit von etwas negative Freiheit; beides nach Rousseau: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, 1755:

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.

Daher Camus:

Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten

und Sartre:

Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Die Liberté der Französischen Revolution 1789 ist mithin ein direkter Vorläufer, aber etwas anderes als die Freiheit hinter Einigkeit und Recht – Fallersleben 1841.

Brauchen wir Definition genauer?

Brause, du Freiheitssang.

Populärer siehe Marius Müller-Westernhagen: Freiheit, zuerst live seit 1990; darin noch am kantischsten:

Der Mensch ist leider nicht naiv, der Mensch ist leider primitiv. Freiheit, Freiheit wurde wieder abbestellt.

Ansonsten eher atmosphärische Allegorie auf den 1989er Anschluss der Ostprovinzen.

Egal wer das dem “land of the free and the home of the brave” jetzt beibringen darf: Freiheit wäre damit das glatte Gegenteil von entfesseltem Hedonismus.

Die Kapelle rumtata: The Byrds: I Wasn’t Born to Follow,
aus: The Notorious Byrd Brothers, 1968:

Bitte helfen Sie mir auf die Bierbank

Solche Schulkumpane muss man auch erst mal finden, solang man noch jung ist: Wird der Bub 50 und lässt sich im ausgehenden Winter erst mal auf dem Moritzberg unter dem selbergemachten Motto “Der Lack ist ab” von seinen in einem halben Jahrhundert aufgesammelten Lieblingsmenschen feiern, und weil das nicht reicht, im tiefen Sommer gleich nochmal bei allgemeinem Kanupaddeln durch “Bayerisch Kanada” den Schwarzen Regen einschließlich Bärenloch hinunter, und zahlt alles.

Glaubt mir wieder kein Mensch, dass ich außer einer Wanderklampfe, weil die bildlich belegt ist, auch ein Kanupaddel am richtigen Ende festhalten kann, aber das restliche Bildmaterial soll angeblich noch kommen, und dann zahlt er den USB-Stick auch noch. Zu unserer Schulzeit war alles davon Science-Fiction.

Ist schon mal ein Mensch so gründlich 50 geworden?

Camping Schwarzer Regen

Camping Schwarzer Regen

Camping Schwarzer Regen

Camping Schwarzer Regen

Ach ja, die Soundtracks endlich nachgeliefert: John Denver: Country Roads, aus: Poems, Prayers & Promises, 1971, und S.T.S.: Irgendwann bleib i dann dort, aus: Grenzenlos, 1985, für die kein Mensch trotz mehrfach wiederholtem Durchblättern weder Text noch Griffe im Klampfenordner gefunden hat, weil eine neue Gleitsichtbrille, Lagerfeuerbeleuchtung (auf den Bildern ohne Photoshop-Einflüsse!) und Freibier, bis der Arzt entnervt wieder heimgeht, halt eine saudumme Mischung sind. Ich hätt’s auch nicht besser gekonnt als die Originale, soviel versprech ich:

Buidln: Privat, aber mit Quellenangabe
und/oder freundlichem Fragen bestimmt lizenzfrei vewendbar,
30. Juni 2018.

Sous les pavés, la plage !

Update zu Maximilianstraße:

Unterm Gehsteig der
Strand
. Hinterm Kneipenfenster
Bier. Dazwischen du.

(Diese Woche gelernt: Im Französischen ist der Leerschritt vor Satzzeichen nicht allein zulässig, sondern allein zulässig.)

Soundtrack: Zaz: La Toy Session, Montmartre Sommer 2010:
Les passants; Je veux; Ton rêve; Dans ma rue:

Ich und mein Lauf

Bratpfannenwetter. Ausnahmsweise hab ich nichts Besseres zu tun, als die Jeans aufzukrempeln und meine Hobbitlatschen in den Stadtbrunnen zu baden (ich bin Künstler, für mich ist Kontemplation Arbeit). Da springt mich von rechts hinten ein Mikrophon an:

“Was halten Sie bei dieser Hitze von Sex?”

Das Mikrophon trägt eine Manschette mit dem Logo eines berüchtigten Lokalradiosenders. Die dahinter kauernde unbezahlte Praktikantin ist blond, aber zum Ausgleich mit Brille, die “was mit Medien” ausdrücken soll. Knapp unterm Hintern handabgeschnittene Jeans, das Glitzer-Top gibt die Aussicht auf gut entwickelte Brüste ohne BH frei, ihre güldenen Riemchensandalen folgen der modischen Unsitte, eine zu dünne Sohle mit Zehenstengel und Fersenriemen zu verankern, damit das Opfer möglichst schwer rein- und rauskommt. Grellrosa lackierte Zehennägel, aber in ihrem Alter ist eine gewisse stilistische Unbeholfenheit entschuldbar. Kurz: Die vorgesetzten Schweine vom Radio haben ihre Jüngste von Oberföhring in die Innenstadt gejagt, “ein paar O-Töne einsammeln”.

“Wie war das?” Die Frage ist sie gewohnt, ich bin ja nicht ihr erster O-Ton.

“Was halten Sie bei dieser Hitze von Sex?” wippt das Mikrophon.

“Pass mal auf”, sag ich, “siehst du das Café da drüben?”

Ihr Blick folgt meinem ausgestreckten Arm: “Jaaaaa …?”

“Die haben ein Behindertenklo. Richtig groß, damit man auch mit dem Rollstuhl reinkann.”

How to confuse a unbezahlte Praktikantin. Eigentlich kann das Hascherl ja nix dafür, aber jetzt hab ich meinen Lauf:

“Das ist vom Gastraum aus nicht einsehbar, es kriegt also keiner mit, wenn du dich im Eingang irrst. Du gehst links an der Theke vorbei ums Eck, das Behindertenklo ist die erste Tür. Sperr besser zu. Ich zähl hier bis hundertfünfzig und komm dann nach. Mein Klopfzeichen ist: einmal kurz, zweimal lang. Das ist das Morsezeichen für W, weil ich Wolf heiß, aber das weißt du ja als alte Funktechnikerin.”

“Hä?”

“Inzwischen hast du Zeit, dich aus deiner kaum vorhandenen Kluft zu schälen und im Schritt frisch zu machen. Wenn ich da bin, können wir meine Klamotten auf den Fliesen unterlegen, damit du dir nicht sonstwas an die Eierstöcke zuziehst. Keine Angst, meine eigenen Gummis hab ich immer dabei, weil’s in den Automaten nie die XXL gibt.”

“Hören Sie …”

“Kein perverser Schweinkram, keine Rollen- und Fesselspiele, keine Lippenstiftringe um die Eichel oder so, wenn ich bitten darf, aber Cunnilingus geht klar, wenn du vor nicht länger als sieben Tagen rasiert bist. Ich kann dreimal, also kannst du zweimal Nachschlag bestellen. Und dein schickes Tonband kannst du ruhig anlassen dabei, irgendeinen Antörner brauchen wir ja.”

“Jetzt mal langsam.”

“Übrigens schätze ich phantasievolle Beinarbeit und eine straff trainierte Vaginalmuskulatur, dafür küsse ich wie eine gesengte Sau. Wenn du so ab der mittleren Phase schön was hören lässt, kann’s leicht sein, dass ich dir einen Zwanziger draufleg. Fragen, Einwände, Sonderwünsche?”

“Es geht ist nicht das Thema”, bewahrt sie Fassung, “ob ich Sie … ähm … küssen will …”

“Ach, nicht? Na, wenn Küssen kein Thema ist, kann ich auch am Bahnhof fragen.”

Sie rafft ihr Mikrophon nebst Aufnahmegerät zusammen, stemmt sich auf ihre bebenden Fohlenstelzen in die Höhe und verschwindet ohne ein weiteres Wort in der Menge. Hoffentlich kann sie das O-Tonmaterial verwenden, wenn sie sich mal um ein bezahltes Volontariat bewirbt.

Auf meiner anderen Seite hat sich eine hübsche junge Dame niedergelassen und planscht mit, wie alle am Brunnenrand. Strohhut auf naturroten Locken, dessen Krempe ein changierendes Schattengitter über ihre sommersprossige Himmelfahrtsnase breitet, hellblau geblümtes Sommerkleid. Sie wässert ihre adelig blassen Elfenbeine, darunter in geschmackvollem Dunkelrot abgesetzter Zehennagellack, Sommersprossen sogar auf dem Spann.

Ihre strahlenden Grünaugen hinter dem Schattengitter gucken streng. Sie versucht nicht zu lächeln, beim Sprechen erscheinen ihre Perlenzähne:

“Das hätt’s nicht gebraucht”, rügt sie mich.

“Die hat doch angefangen”, sag ich.

Sie prustet los.

36 Grad und es wird noch heißer: 2raumwohnung: 36 Grad,
aus: 36 Grad, 2007:

Nix verarschen lassen! (Liegen auf die Sofa)

I ain’t saying I beat the devil,
but I drank his beer for nothing.
Then I stole his song.

Kris Kristofferson, 1970.

Warum geht man eigentlich nicht viel öfter in Kneipen? Man kommt so leicht mit den Menschen ins Gespräch.

“Und, was machst du so?” fragt der neben mir. Lidl-Jeans Größe 48, Karohemd aus dem Baumarkt, schwarze Taxifahrerweste. Das Salz der Erde.

“Och, Werbetext”, sag ich.

“Was ist?”

“Werbung. Reklame. Schreiben.”

“Ah, schreiben! Schreibst du Buch?”

“Hab ich mal. Bücher sind nicht zu verkaufen.”

“Wollen verarschen? Gibt Büchergeschäft!”

“Jaja, für Reiseführer und Kochbücher.”

“Schreibst du Reiseführer und Kochbuch.”

“Ich komm ja nie raus und koch meistens Kaffee.”

“Wollen verarschen? Guckst du Internet, schreibst du. Verkaufen Büchergeschäft, reich.”

“Mit Bücherschreiben ist schon lang keiner mehr reich geworden.”

“Wollen verarschen? Nix verarschen lassen. Machst du gscheite Vertrag!”

“Ja, die Verlage warten sehnsüchtig auf zusammengegoogelte Reiseführer.”

“Einfach schreiben. Gibst du Büchergeschäft, nix Verlage.”

“Was geb ich denen? Wikipedia-Ausdrucke?”

“Wikipedia, Tripadvisor, Scheffkoch, alles.”

“Sie werden es mir aus den Händen reißen. Und mich damit erschlagen.”

“Zerscht zahlen. Nix verarschen lassen.”

“Besprech ich nachher mit meiner Frau. Wenn ich besoffen genug bin.”

“Bist verheiratet?”

“Jaja.”

“Wie lange?”

“Halloween zweitausend.”

“Wollen verarschen? Wer heiratet Halloween?”

“Bis jetzt hält’s. Akademikerehe!”

“Hast Kinder?”

“Zwei Kater.”

“Wollen verarschen?”

“Meine Frau hat eine große Tochter. Ich bin ihr zweiter Versuch, den Original-Daddy gibt’s noch.”

“Eigene nix?”

“Wo ich zuletzt nachgeschaut hab, war Weltüberbevölkerung, keine schmerzlich brachliegenden Wüsteneien.”

“Wollen verarschen?”

“Nö.”

“Frau arbeitet?”

“Grafikerin. Selbstständig.”

“Malen?”

“Webdesign. Geschäftsauftritte und so.”

“Ah, schlau. Lassen Frau arbeiten!”

“Keine Angst, kochen kann die auch.”

“Reklame schreiben deine einzige Job?”

“Muss reichen.”

“Frau nix dabei Bier trinken?”

“Die arbeitet nachts.”

“Du nix?”

“Doch, meistens.”

“Tag nix Arbeit?”

“Doch, schon auch.”

“Liegen auf die Sofa! Jajaja, hahaha!”

“Wie bringst du deinen Tag so rum?”

“Fahren Taxi. Immer Arbeit, Arbeit.”

“Logisch, da schläft sich nix.”

“Abend nach Hause, was essen, Frau. Dann Nachtschicht.”

“Allerhand. Wohnst du überhaupt?”

“Zwei Zimmer, Untersendling. Miete fast achthundert.”

“Au weh.”

“Hast viele Zimmer?”

“Alle für die Kater. Eins ist Büro.”

“Schwabing, oder?”

“Glockenbach.”

“Arsch offen? Alles Schwule!”

“Nö, meine Frau nicht.”

“Du?”

“Nein, ich auch nicht.”

“Na!”

“Versprochen.”

“Schwule nix lassen Frau arbeiten, hahaha!”

“Hahaha …”

“Frau arbeit viel?”

“Och, neue Aufträge sucht man immer.”

“Arbeit scheise, odder?”

“So schlimm nu auch wieder nicht.”

“Reicht für Miete zahlen?”

“Muss. Bei uns ist das keine Miete, wir zahlen an der Eigentumswohung.”

“Wollen verarschen? Nix mehr arbeiten, schon reich!”

“Von wegen. Wir wohnen ja selber drin. Eigennutzung, nicht abgezahlt und renovierungsbedürftig.”

“Warum nix vermieten?”

“Weil wir selber drin wohnen und die Burg nicht abgezahlt und renovierungsbedürftig ist.”

“Wollen verarschen? Hier München! Immer vermieten! Alle wohnen, wohnen!”

“Und wir ziehen derweil nach Pfaffenhofen, wo die Miete nix kostet?”

“Pfaffenhofen! Hast noch mehr Wohnung?”

“Schmarrn.”

“Wieviel zahlen?”

“Haben wir noch in D-Mark abgeschlossen, aber rechne ruhig mal deine Untersendlinger achthundert mal zwei.”

“Arsch offen? Zuviel für nix wie wohnen!”

“Dann schau mal nach, was inzwischen der Glockenbacher Quadratmeter kostet.”

“Gute Preis. Aber bei zwei schwule Arbeitslose … Geht nix.”

“Wir geben alles.”

“Warum Frau nix gehen fragen Arbeit?”

“Wen?”

“Wollen verarschen? Da vorne! Alles Läden! Alle brauchen Visitekarte und Fleier und alles! Internetseite, Geschäftauftritt! Fragen, Auftrag, Arbeit, reich.”

“Ja, gleich morgen, wenn ich meine Wikipedia-Ausdrucke in den Bücherladen bring.”

“Nix verarschen lassen, meine schwule Bruder! Prost!”

“Prost.”

“Kommst du, zahl ich Bier.”

“Danke, das braucht’s jetzt.”

“Aber ich nix schwul!”

“Ich auch nicht.”

“Hahaha!”

Warum geht man eigentlich nicht viel öfter in Kneipen? Jetzt weiß ich’s wieder: Man kommt so leicht mit den Menschen ins Gespräch.

Soundtrack: Kris Kristofferson: To Beat the Devil,
aus: Kristofferson, 1970
(vielleicht das Beste, was er je geschrieben hat):

If you waste your time a-talking
to the people who don’t listen
to the things that you are saying,
who do you think’s gonna hear?
And if you should die explaining how
the things that they complain about
are things they could be changing,
who do you think’s gonna care?
There were other lonely singers
in a world turned deaf and blind,
who were crucified for what they tried to show,
and their voices have been scattered by the swirling winds of time,
’cause the truth remains that no one wants to know.

You were beaming once before, but it’s not like that anymore

Stupidedia war schon immer eine Art Kamelopedia mit Abitur, übertroffen nur noch von der Uncyclopedia. Überraschend wirkt der Stupidedia-Artikel über Heinrich Heine, der einige diskutierwürdige, aber wenigstens diskussionswerte Parallelen aufgetan hat. Wir übernehmen die Übersicht von dort:

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Altes Ego

Ich bin nicht
zu alt um
alles zu tun
was man mir
sagt ich bin
nur zu jung
um damit aufzuhören.

Soundtrack: Iris DeMent: Leaning on the Everlasting Arms, 1887, aus: True Grit, 2010:

https://youtu.be/UVuAqLTmvFY

Rocking and Wailing

Wenigstens einmal im Leben will man ein bissel eine Gaudi haben. Zur eigenen Beerdigung wäre das wohl keinen Tag zu früh. I put the fun into funeral und hab vorsichtshalber schon My Funeral Playlist zusammengestellt, nicht dass die Bedienung meinen Leichenschmaus mit höhenlastigem Classic Ambient aus ihrem Telefon beschallt.

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Kleine Designbüros aufgepasst: Das Weihnachtskartenungeheuer geht um, drah di net um …

Hier spricht der KATER

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
das ist die liebe Weihnachtszeit!  […]

Theodor Storm

 

Mein Frauchen hat sich ja nun freigemacht – von den angestellten Diensten in der Werbeagentur. Und ist ein kleines Designbüro geworden.

Als ausgesprochen praktisch empfindet es meine Herrin, Folgendes nie mehr machen zu müssen:

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150 Jahre sind alt genug

Frank Zander konnte man schon immer albern finden, aber was den bis heute berüchtigten Bestand an Schlagersängern nach 1970 angeht, hatte man bei dem nie so das Gefühl, der wird doch von der CDU bezahlt.

Ein großer Moment in der trüben deutschen Musikgeschichte der Siebziger war … nein, nicht seine Phase als “Fred Sonnenschein”, auch wenn Hugo Egon Balder als Hamster Fritz mitsingt — sondern seine Platte Donnerwetter 1979. Da war nämlich Captain Starlight drauf.

Von dem Lied hat sich jemand einiges versprochen, es wurden nämlich Versionen auf Deutsch und Englisch, mit und ohne Intro erstellt. Man kann bemängeln, dass es nach dem damaligen Weltraum-Hype schon zu spät kam (der erste Star Wars war 1976), aber Peter Schilling ist mit seinem “völlig losgelösten” Major Tom auch erst 1983 nachgerückt. Dass er einen überschätzten Kubrick-Film elf Jahre zu spät veralbern wollte, hab ich zweifellos schon als “Krieg der Sterne”-Verweigerer in der fünften Klasse gemerkt, weil schon immer auf der Hand lag, dass Kubrick ausschließlich überschätzte Filme gemacht hat.

Das Intro von Captain Starlight vom grunddeutschen Frank Zander hatte dagegen Größe. Ein Kasperleschlager, der wie selbstverständlich mit einem ausführlichen, nirgends erklärten, ja auch nur erwähnten klassischen Streichersatz anfängt — und auch wieder aufhört, wo gibt’s denn sowas? Ich muss einige Male ziemlich gebannt am Radio geklebt haben, die Fernsehsendungen haben den nämlich grundsätzlich unterschlagen.

Später, mit einigem musikalischen Grundwissen, konnte man von selber draufkommen, dass es ein Streichquartett war. Welches, ein bestehendes oder gar ein eigens von Herrn Zander komponiertes, wusste kein Mensch, und zu Zeiten des Internets war Frank Zander schon ein abgehalfterter Schlageropa für ironisch-nostalgische Rückblicke.

Bis zum 18. Juli 2010, als in einem nerdigen Gitarrenforum jemand wusste: Das ist eine Moll-Version aus dem 1. Satz von Joseph Haydn: Quartett D-Dur für zwei Violinen, Viola und Violoncello, op. 64,5; Hoboken-Nummer III: 63, Werkverzeichnisnummer 860, dem vulgo Lerchenquartett. — Stimmt.

Dass Haydn mit Sicherheit keine Moll-Versionen von seinen eigenen, gar nicht mehr genau zählbaren Streichquartetten in Dur-Tonarten angefertigt hat, macht die Antwort nicht erschöpfender, rückt Frank Zander aber in ein geheimnisvolles Licht: Der hat das bestimmt auch nicht umgeschrieben, weil er gelernter Grafiker ist, und welche vier praktizierenden Saitenkünstler für die Donnerwetter eine musikologische Fingerübung eingespielt haben, sollte man Herrn Zander (Jahrgang 1942, berufsbedingt als trinkfester Raucher einzuschätzen) endlich mal selber fragen. Wer traut sich?

Ich wette nur auf soviel: Es ist h-Moll.

Für den nachweis der musikalischen Verwandtschaft ist das Haydn’sche Lerchenquartett in YouTube ausreichend vertreten. Ich möchte eine eher kleine, anrührend dilettantische Version verlinken, die von den Eleven der Levanger Kulturskole, weil deren Instrumente so schön authentisch verstimmt sind. Außerdem mag ich das hagere Tomboy-Nordmädchen an der ersten Geige.



Und weil die jungen nordischen Kulturschüler offenbar mit Allegro moderato, Adagio und Menuetto. Allegretto – Trio schon ausgelastet waren, Haydn aber seine Quartette noch viersätzig gestaltete, müssen die ausgelernten Kolleginnen vom Four Voices String Quartet Vivace zu Ende spielen:

Und nochmal alle vier Sätze als Playlist vom Attacca Quartet im Zusammenhang:

Diese Woche gelernt:

Update zu Diese Woche gelernt,
Diese Woche gelernt,
Diese Woche gelernt,
Diese Woche gelernt
und Valar Morghulis:

  1. Früher: “Wann ist denn bei dem Zugriffszeit?” — “Kurz nach Weihnachten.” — Heute: “Wo sind denn die Lebkuchen her?” — “Amazon Prime.”
  2. Kirk Douglas ist dreißig Jahre jünger als Erdinger Weißbier.
  3. Der Wortschatz von Goethe umfasst 93000 Wörter. Das ist der mit Abstand größte Individualwortschatz im deutschen Sprachraum. (Sagt wer? Sagt das Goethe-Wörterbuch, das dafür siebzig Jahre gebraucht hat. Bis jetzt.) Zum Vergleich: Luther hatte 23000, ich hab ungefähr 23 pro Tag.
  4. Gelegentlich sucht sich die Poesie des Versagens ihre Fürsprecher selbst. Manchmal hat sie Glück und die Fürsprecherin auch.
  5. Die Durchhaltefolklore entfällt auch bei der zweiten Kriegsweihnacht in Folge, wenn man nicht “Krieg”, sondern “Bundeswehreinsatz” dazu sagt.

Soundtrack: Get Well Soon: Christmas in Adventure Parks, aus: Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon, 2008:

These fascists kill machines

Ich referier das bloß. Nicht dass es wieder heißt, ich erfinde was.

——— Woody Guthrie:

Old Man Trump

Music: Ryan Harvey, 2016; lyrics: Woody Guthrie, 1950, rediscovered 1967:

I suppose that Old Man Trump knows just how much racial hate
He stirred up in that bloodpot of human hearts
When he drawed that color line
Here at his Beach Haven family project.

Beach Haven ain’t my home!
No, I just can’t pay this rent!
My money’s down the drain,
And my soul is badly bent!
Beach Haven is Trump’s Tower
Where no black folks come to roam,
No, no, Old Man Trump!
Old Beach Haven ain’t my home!

I’m calling out my welcome to you and your man both
Welcoming you here to Beach Haven
To love in any way you please and to have some kind of a decent place
To have your kids raised up in.

Beach Haven ain’t my home!
No, I just can’t pay this rent!
My money’s down the drain,
And my soul is badly bent!
Beach Haven is Trump’s Tower
Where no black folks come to roam,
No, no, Old Man Trump!
Old Beach Haven ain’t my home!

3D

Allein dass Dostojewski (1873) und der von Doderer (1956) je ein Die Dämonen geschrieben haben, sagt doch schon alles, oder?

Soundtrack: Bob Dylan: Don’t Think Twice, It’s All Right,
aus: The Freewheelin’ Bob Dylan, 1963.

Sieben Tage, sieben scheußlich schöne Lieder

Facebook kann sogar Spaß machen. Letzte Woche hat mich dort unversehens ein Musikstöckchen ins Genick getroffen: Sieben Tage, sieben Lieder.

Immer nur Sachen zu verbreiten unter dem Ansatz, sie seien “so schlecht, dass es schon wieder gut ist”, wäre natürlich ein garstiges Unterfangen. Mir liegt immer daran zu betonen, dass ich niemals einer Verbreitung Vorschub leisten werde, nur um jemanden oder etwas bloßzustellen. Außerdem ist das auf hipsterhafte Weise postironisch, also ja wohl sowas von 2012.

Vielmehr will ich auf die Schönheit in der allzu offensichtlichen Scheußlichkeit aufmerksam machen. Ich darf sowas, weil ich allzeit und absichtslos einen viel zu soziologischen Blick auf die Natur (und Kunst) gerichtet halte, um ein Lied rundum scheiße zu finden. Ich betrachte die erschütternd gedankenlos zusammengerüpelten Prominentendarstellungsliedchen aus dem weiland Blauen Bock mit der gleichen geradezu zoologischen Faszination wie das perfide Brutverhalten der Schlupfwespen. Oder anders: Ich bin nicht so der Fremdschämer.

Weil ich ja mit den wenigsten Leuten auf der Welt befacebookt bin, folgt meine Liederauswahl, damit ich das Zeug nicht bloß für zweieinhalb Facebooquiniers ausgewählt hab, denen außer Fotos von Tellergerichten eh alles wurscht ist. Da müssen Sie jetzt durch.

Mittwoch. Als erstes fällt mir der Roadrunner von 1983 ein, vor allem das Video aus der Frühzeit des Musikvideoschaffens. Burghausen, die längste Burganlage der Welt, war schon Zeuge mancher musikalischen Verirrung und Drehort für irgendwelche Versionen von den “3 Musketieren” und “Baron Münchhausen”, “Wickie auf großer Fahrt” und “1 1/2 Ritter”, aber vermutlich nur einmal Schauplatz eines so engagiert und buchstäblich zerbombten Refrains. Das Schöne daran ist, dass dieser gesuchte Effekt tatsächlich stört und dadurch erst zeigt, was Roadrunner für ein unverwüstlicher Ohrwurm ist.

Der Künstler Max Werner ist Holländer, sieht aber mit seinem zeittypischen Vokuhila und diesem nicht kopierbaren Trucker-Blick verblüffend aus wie die Nürnberger Gebrauchs- und Biergartenmusiker, die man bis heute an ihrem freien Samstag in den nach der Gentrifizierung übrigen Altstadtkneipen trifft, wo sie mit ihrem Fender-Plektrum auf der Theke den Takt zu den “besten Oldies” klopfen wie normale Leute mit ihrem BMW-Schlüsselanhänger. Meistens betonen sie einmal zu oft, dass “Spaß sein” müsse, sind aber bei genauerem Herumlallen erstaunlich patent. Lang sollen sie leben.

Donnerstag. Wenn schon, dann richtig: Ray Peterson: Tell Laura I Love Her von 1960 ist mir zuerst etwa 14-jährig beim heimlichen Radiohören im Bett widerfahren, wahrscheinlich im Nachtprogramm auf SWF 3 oder so. Danach musste ich erst mal ausschalten, weil darauf einfach nichts Ebenbürtiges mehr folgen konnte. Gegen diesen schamlos ausgelebten Herzschmerz kann jeder Shakespeare-trainierte Berufstragöde einpacken, und am besten ist natürlich der letzte Refrain, den “Tommy” aus dem Sarg heraus singt. Und ich wusste bis soeben nicht einmal, dass ein Genre des Teenage tragedy songs existiert.

Freitag. Mal was Lustiges. Leinemann: Piraten der Liebe, 1986 kann ich nur ungefähr zwei-, dreimal im Leben gehört haben; unvollständige Youtube-Anspielungen zählen nicht. Dabei kann es sein, dass dieser Faschingsklopfer in hedonistischer orientierten Gegenden Deutschlands, vulgo “Karnevalshochburgen”, sehr viel präsenter ist als im Fränkischen.

Der erhältliche Fernsehmitschnitt sieht so aus, wie das Lied klingt: bunt, überladen, randvoller Piratenklischees, übermütig und auf jede Weise so, dass man nicht wegschauen kann. Die Melodie ist offenbar eingängig genug, dass ich sie mir an die drei Jahrzehnte ohne weitere Stütze merken konnte, und poetisch ganz und gar durchtrieben gestrickt — und vor dieser Art Unterhaltungshandwerk hab ich von jeher einen Heidenrespekt. Man hat ständig das Bedürfnis, an geeigneter Stelle “und ‘ne Buddel voll Rum” einzufügen.

Samstag. Bei Country & Western muss man ja immer höllisch aufpassen: Vor allem wenn die Künstler als Cowboys kostümiert sind, womöglich noch in Weiß und/oder mit Indianer-Applikationen, hagelt’s patriotischen Kitsch. Faustregel: Country-Musiker mit Hut sind zu meiden.

Tom Astor — Markenzeichen: weißer Cowboyhut — ist in Wikipedia als Sänger, Komponist, Texter und Produzent ausgewiesen und hat schon mit Johnny Cash Duett gesungen — ein respektabler Mann. Auf einem Nürnberger Truckertreffen hab ich ihn dagegen mal live und eher als überforderten Pausenkasper erlebt. Die Produzentenseite in ihm scheut sich nicht, für seine Spätpubertätshymne Junger Adler von 1993 Kinderchor und elektrisch vervielfältigten Dudelsack zu verwenden. Alle Häme des kulturell Gebildeten ist über dergleichen schnell ausgegossen.

Und dann das: Sozialarbeiter, die mehrmals pro Jahr Zeltlager mit straffälligen Jugendlichen wuppen müssen, berichten mir, dass zuverlässig immer bei diesem Lied mit den mittelschweren Jungs “etwas Magisches” passiert. Und das ist der Moment, wo Adorno mit seinem leider unwiderlegbaren Elitequatsch über Gebrauchsmusik mal kurz die Klappe halten soll. Mir sagt das: Es funktioniert also offenbar auch mit verstimmter Lagerfeuerklampfe und rührt an etwas Urtümliches, zutiefst Menschliches — und das eben nicht nur in musikalischen Nullcheckern und bekennenden CDU-Wählern, sondern in Menschen, die sich anderweitig jung aufgegeben haben. Sagen wir, ich würde kein Geld für einen Tonträger davon ausgeben, ich find’s ja selber zum Fürchten — aber wer mir erzählt, das rühre samt Kinderchor und Dudelsack sein Herz nicht an, der hat keins.

Sonntag. Ich bin ziemlich sicher, dass ich das genau einmal im Leben gehört hab, bevor ich aus dokumentarischen Gründen auf Youtube danach gesucht hab; man sucht dergleichen nicht freiwillig auf. Und schau an: Es ist tatsächlich eine Rarität. Der ganze Patrick Nielsen firmiert in allen Suchergebnissen als Profiboxer, das Väter und Cowboys von 1980 hat so gut wie nie existiert. Allein einem einzigen Youtübner scheint es etwas zu bedeuten, der visuellen Möblierung nach etwas sehr Persönliches. Die Tonaufnahme ist sehr höhenlastig, wie die meisten Vinyl-LPs, die per USB-Plattenspieler in Sounddateien überführt wurden. Offenbar hat das Lied nie den CD-Status erreicht, sondern kommt nahtlos aus einer Plattentruhe ins Internet.

Es war wohl einst sozialkritisch gemeint — damals, als Bayern 1 noch ungeniert Heino spielen konnte. Warnung: Es fällt schwer, sich auf einen schlimmeren Schmalz zu besinnen, und wie mein Beispiel lehrt, hält der Ohrwurm Jahrzehnte.

Montag. Weil morgen schon schluss ist, gleich ein Double Feature: Kate Bush: Wuthering Heights aus The Kick Inside von 1978 hat seinerzeit gleich zwei aufwendige Videos bekommen: das White Dress Video für den europäischen Markt und das Red Dress Video für den amerikanischen. Jemand mit Kohle hat also ziemlich viel von dem Lied gehalten, dabei wusste von Anfang an niemand, welche Visualisierung jetzt die grausigere ist.

Es ist so eins, um das die Legendenbildung praktisch sofort eingesetzt hat, zahlreiche Coverversionen balgen sich, freiwillig oder nicht, um die Palme für die schlimmste Parodie und versuchen endlich Herr über die zugegeben sehr anspruchsvolle Melodie zu werden. Selber bilde ich mir einiges darauf ein zu wissen, welche Wuthering Heights-Verfilmung das 18-jährige Mädelchen Kate Bush beim Aufwachen vor dem Fernseher (es war der 5. März 1977, natürlich eine Vollmondnacht) zu diesem Monument der Besessenheit inspriert hat (der mit Laurence Olivier von 1939 war’s).

Pina Bausch hätte Kate Bush für diese Verunglimpfung des Ausdruckstanzes mit einem nassen Tütü erschlagen, aber das Lied hat wirklich Größe.


Dienstag, letzter Teil: Einmal Neue Deutsche Welle muss einfach sein: Andreas Dorau und die Marinas: Fred vom Jupiter aus Blumen und Narzissen von 1981 war ein Schulprojekt, was man ihm auch anhört, aber immer für künstlerische Gestaltung gehalten hat. Andreas Dorau war bei Konzept und Umsetzung ebenso wie seine Go-Go-Klassenkameradinnen 16 Jahre alt, vier Jahre älter als ich, und konnte mich durch den Rest meiner Jugend damit begleiten. Wirklich imponiert hat mir immer der Mädchenchor, der gegen seine eigene Melodie ansingt.

Erst im YouTube-Zeitalter erhellte, dass tatsächlich eine Sechseinhalb-Minuten-Version erstellt wurde. O der verschwendeten Jugend.

Und? Können Sie noch? Sie sollten ja auch nicht alles gleichzeitig anklicken.

Nummer 8 wäre übrigens New World: Kara Kara Kimbiay von 1971 gewesen. Leider war da die Woche schon rum. — Bonus Track:

GFM-Gruppe oder gfm Geschäftsführer – Bonn München Hamburg

Wer als Werbeagentur oder Designagentur oder freier Grafikdesigner aus Bonn München oder Hamburg – also bundesweit – diese oder letzte Woche im heurigen August Anfragen für konkrete Angebote und entsprechende Dienstleistungen bekommen hat oder soeben bekommt von einem Geschäftsführer von Ledexchange und einer gewissen GFM-Gruppe für: Komplettpakete Logo, Flyer, Webauftritt / Webdesign, und dem erzählt wurde, ein Finanzinvestor hätte ihn als Geschäftsführer vor die Tür gesetzt und sein Lebenswerk zerrupft, der möchte sich bitte bei mir über E-Mail oder Telefon melden (Daten hier in  “Über …” oben in der Navigation). Stichwort Verfügungsverbot und § (Paragraph) 133 der Insolvenzordnung.

 

 

Morgenblic

——— Wolfram von Eschenbach: Den morgenblic bî wahtaeres sange erkôs, ca. 1210, letzte Strophe:

Der trûric man nam urloup balde alsus:
ir liehten vel, diu slehten,
kômen nâher, swie der tac erschein.
weindiu ougen — süezer vrouwen kus!
sus kunden sî dô vlehten
ir munde, ir bruste, ir arme, ir blankiu bein.
Swelch schiltaer entwurfe daz,
geselleclîche als si lâgen, des waere ouch dem
genuoc.ir beider liebe doch vil sorgen
truoc, si pflâgen minne ân allen haz.

——— Übersetzung von Peter Wapnewski für Des Minnesangs Frühling, 1935:

Der betrübte Mann verabschiedete sich entschlossen,
und zwar so: Ihre hellen und glatten Körper
kamen zueinander, obwohl der Tag herankam.
Weinende Augen, um so süßer der Kuss der Herrin!
So konnten sie sich ineinander verflechten mit
Mund, Brust, Armen und bloßen Beinen:
Wenn ein Maler das darstellen wollte,
wie sie vereinigt dalagen, das wäre zu schwierig für
ihn. Ihre Liebe war zwar von Sorgen beschwert,
dennoch liebten sie sich ohne jede Einschränkung.

——— Delirium in: Neil Gaiman: The Sandman: Brief Lives, 1994:

I like in-betweens.

Das Beste vom Tag ist ja, wenn er noch nicht richtig anfangen will. Das Achtel des Tages, zu dem unsere teutschen Vorfahren zur Gattung des Tageliedes anhuben, und das bei unseren anglophonen Zeitgenossen tiny wee hours heißt. Zwischen 4 und 7 Uhr früh wach sein, egal ob noch oder schon, das muss man sich verdienen.

Irgendwas wird sich Gustav Gsaenger bei seinem Neubau ab 1953 schon gedacht haben, dass er seine Matthäuskirche so nah an die Bushaltestelle Sendlinger-Tor-Platz gebaut hat; fragen kann man ihn (1900–1989) leider nicht mehr.

“Es ist sechse in der Früh”, wie Ringsgwandl sagt, die Ersten müssen zur Arbeit, die letzten kommen von der Nachtschicht, und von denen wieder manche von einer, auf der sie Geld verdienen, die anderen, auf der sie welches ausgeben. Zwei solche stehen zwischen der Bushaltestelle und dem freiliegenden Treppenaufgang zum Turm der Matthäuskirche und finden noch nicht heim.

Heinz Theuerkauf, St. Matthäus, 17. April 2012, FlickrIhr Abschiedskuss zieht sich schon seit dem letzten Bus hin, der mir vor der Nase weggefahren ist und um diese Uhrzeit noch zwanzigminütlich verkehrt. Offenbar können sie sich nicht entscheiden, ob sie zu ihm oder zu ihr sollen. Nach einem verstohlenen Rundblick schleichen sie sich auf die Treppe zum Turm, ohne ihren Kuss so lange zu unterbrechen, dass sie einen neuen anfangen müssten. Langsam sammeln sich Fahrgäste für den nächsten Bus und schauen zu. Um diese Zeit soll man sich über gar nichts wundern.

Die zwei sind jung. Kaum volljährig, wahrscheinlich warten alle vier Eltern schon seit gestern Abend, 22 Uhr auf sie. Der Junge setzt sich auf eine Treppenstufe in halber Höhe, das Mädchen setzt sich ihm breitbeinig frontal gegenüber auf den Schoß und ruckelt sich zurecht. Zügig umhalst und umschlungen: So lässt sich gut weiterküssen. Der nächste Bus hat wohl Verspätung.

“Um die Zeit kommt der Bus eh, wann er will”, spricht mich ein Seehundsbart im Jeansanzug neben mir an, eine frische Zigarette im Mund. “Die zwei da drüben machen’s richtig.”

Recht hat er. Das Mädchen trägt Parka mit Pelzrand unten und an der Kapuze, darüber langes Blondhaar, und rutscht mit dem Hintern immer näher an den Jungen, bis es nicht mehr geht. Die Hände hat er inzwischen wohl unter ihrer Bluse, oder was junge Mädchen immer unter ihren Parkas tragen. Jetzt flüstern sie sich etwas in die Ohren. Einverstanden: Sie schwingt ihr Bein von seinem Schoß, sie stehen auf, nebeneinander auf die Treppe.

Als nächstes lösen beide ihren Gürtel und knöpfen sich die Hosen auf. Weil man Hosen nicht über die Schuhe ausziehen kann, nimmt zuerst das Mädchen die Hand des Jungen, damit sie nicht die Stufen hinunterkullert, und zieht sich mit der anderen einen Schuh nach dem anderen von den Füßen und stellt das Paar sorgfältig neben sich. Putzige kleine Mädchenturnschuhe. Jetzt er. Seine enormen Hiphopperstiefel schafft er kaum einhändig. Jetzt wieder sie: Ein Griff links, ein Griff rechts, und sie hat ihre Söckchen in der Hand und stopft sie in eins ihrer Turnschühchen. Dann wieder er: Ein Griff links, ein Griff rechts, die Socken in den Schuhen versenkt, und sie tapsen barfuß auf den Steinstufen umher.

Leider müssen sie kurz die Hände voneinander lassen, um sich die Hosen auszuziehen. Sie stellt sich vor ihn, damit wir nicht zuviel von ihnen lernen können. Von hier aus erkennt man nur: respektable Größe, weil er noch jung ist, immerhin freistehend und lang genug für eine Aufwärtsbiegung. Sie lässt ihre Mädchenjeans sorgfältig über ihr Turnschuharrangement hinfließen. Er breitet seine Cargohosen oben drauf. Dann die Hauptsache: ein duftig winziger, geblümter Mädchenschlüpfer schwebt auf den Haufen. Er schmeißt seine Unterhose drüber. Wer immer auf dem Sendlinger-Tor-Platz es wissen will, erfährt jetzt: Das Mädchen ist im Schritt rasiert — oder ist die wirklich so jung?

Kurze, fröhliche Mädchenbeinchen neben stachligen Jungsstelzen. Sie wenden sich wieder einander zu, umfangen einander in einer fließenden Bewegung und sinken dahin auf die Steinstufen. Der Seehundsbart raucht wahrscheinlich schon die übernächste, ein paar Meter steht offenmündig eine Frau und schüttelt sehr langsam den Kopf.

Der Junge nimmt seinen Platz auf der Treppenstufe wieder ein, sie stellt den linken Barfuß neben ihn, schwingt das rechte Knie noch breitbeiniger als vorhin über ihn und senkt sich ganz langsam über seinen Schoß. Bei der Turnübung blitzt ihr milchweißer, doppelt runder Mädchenhintern unterm Parka hervor. Sie muss sich öfter hinsetzen. Noch einmal. Und nochmal, diesmal näher. Und jetzt aber richtig. Und wieder. Und dabei immer schön küssen.

“Und ich hab geglaubt, ich wär schon aufgewacht”, sagt der Seehundsbart fassungslos.

Der Junge hat lange, spillerige Zehen und knochige Knie, mit denen er ihr durch Öffnen und Schließen biem häufigen Hinsetzen hilft, die Hände hat er mal in ihren Haaren, mal an ihrem Hintern, meistens aber unter ihrem Parka. Sie hat eine Hand um ihn geschlungen, die andere in ihrem Schritt, und nimmt mit dem Hintern immer geläufiger eine geübte Wellenbewegung auf.

Nur ganz kurz gibt der untere Pelzrand ab und zu den typischen Pornoblick frei: Ständer in Aktion zwischen Mädchenhinterbacken; sie bleckt wie zum Spott die Fußsohle am knienden Bein in Richtung ihrer Zuschauer. Ihre Zehe Nummer 2 ist länger als die große, erkenne ich von unten: eigentlich viel zu lange und schmale Füße, irgendwie zu erwachsen für so ein Mausi. Ich würde ja gern auch ihre Gesichter beobachten, aber die haben sie zusammengeklebt.

“Sieht gar nicht mal so unbequem aus, wie sie’s machen”, sag ich zu dem Seehundsbart.

“Kein Wunder”, sagt er, “morgen probier ich das auch mal mit so einer jungen Hübschen.”

Von hinten fährt der Bus ein. Der Fahrer stellt den Motor ab, lässt die Türen aufzischen, steigt aus, kramt in drei Jackentaschen nach Zigaretten, angelt eine heraus, schürt sie sich an und erfasst ungerührt die Situation auf der Kirchturmtreppe.

“Ja verreck”, brummelt er und raucht. Die eingetroffenen drei Fahrgäste steigen in den Bus, alle auf die Fensterseite zur Kirche hin.

Dann fasst der Busfahrer einen Entschluss. Er geht auf die Treppe mit den Turteltäubchen zu, stellt sich beamtig auf und fängt an, gedämpft in die Morgenluft zu schimpfen. Ich meine ungefähr zu verstehen: “Wenn ihr zwei Hallodri net sofort eiern nackerten Arsch in die Hosen nei verstauts, dann raucht’s aber da. I werd eich glei helfen von wegn da umanandervegln am Montagfrüh in der Kirch.”

Sie dreht ihm ihr zweifellos hitzig kirschenrotes Gesicht zu und sagt: “Wieso, Herr Oberförster? Erregen wir wohl Ihr öffentliches Ärgernis?” Dem Jungen, solang er alle Hände voller Brust hat, fällt nur ein: “Ist doch evangelisch, die Kirche.”

Nicht schlecht für ihr Alter. Das wollte sie schon immer mal sagen, die machen das also öfter. Der Busfahrer hat während seiner Amtshandlung fertiggeraucht, stampft vor den zweien seine Kippe aus und strebt wieder auf seinen Bus zu, den Fahrplan einhalten. “Ihr habts mi scho verstanden.”

Auf einmal sitzt ein rotes Eichkatzel mit einem hellbraunen Büschel Nistmaterial im Maul unter der Treppe und späht auf das ungewohnte Treiben hinauf. “Ui jegerl, ui jegerl, ui jegerl”, höre ich es keckern, womit es auf den nahen Baum mit den Eichhörnchenkobel hinaufwieselt, “ist denn schon wieder Paarungszeit?” Akkurat festlegen will ich mich da aber nicht.

Natürlich haben die zwei nicht aufgehört, sondern vielmehr zu einem Endspurt angesetzt: Das Mädchen hoppelt beneidenswert hüftgelenkig auf ihr Ziel zu, und weil schon alles egal ist, stöhnt sie jetzt sogar. Durch die sich schließenden Türen hören wir eine Art Löwenbrüllen von der Kirche her, das war der Junge. Er hat den Kopf ins Genick gekippt, und sie hält sich mit dem Fuß hinter seinem Hals eingehakt. Dazu hat sie sich auf seinem Schoß so weit zurückgebogen, dass man ihr Gesicht voll erkennt. Ihre Haare baumeln über seine Füße, ihre Beine lagern auf seinen Schultern und pumpen vor und zurück. Der Busfahrer lässt den Motor an. Die Bluse — tatsächlich ein Hemd Größe S mit Knöpfen — ist dem Mädchen weitgehend über die Brüste gerutscht, er schiebt sie ihr beidhändig noch höher. Sie hat die Augen zu und den Mund weit offen. Beider Gesichter sind hektisch rot, und unsereins macht am Montagfrüh nicht mal seine zehn Liegestützen am Fenster. Der Bus fährt ab.

Hinter uns kommen schon die ersten an die Haltestelle, die unseren Bus verpasst haben. “Da hat sie jetzt zwei rote und zwei weiße Backen”, sag ich zum Seehundsbart.

“Nächster Halt Maistraße”, sagt der Busfahrer.

Mir passiert das eh andauernd, dass die Leute feste vor mir rumbumsen, egal ob im Nachbarschlafsack nach dem Feiern, im Zeitschriftenarchiv von der Stabi, Buchstabe O bis Q, oder bei gleißendem Sonnenschein hinterm Wittelsbacherbrunnen; ich weiß auch nicht, was die da alle dran finden. Den Spannervorwurf muss ich deshalb von mir weisen, bevor er erhoben wird.

Bild: Heinz Theuerkauf: St. Matthäus, 17. April 2012,
gut sichtbar der Treppenaufgang zum Kirchturm;
Soundtrack: Ringsgwandl: Sechse in der Früh, aus: Vogelwild, 1992:

Kurz vor Glockenschlag

Es reicht eben nicht, die wirklich sinnstiftenden Filme zu den naheliegenden Terminen anzuschauen: Das Leben des Brian nur zu Weihnachten und Ostern, damit kommen wir nicht weiter. Ich wollte wirklich, er böte nichts als Klamauk, leider wird er täglich aktueller. Dabei ist gar nicht zu fassen, dass er 600 Jahre vor Erfindung des Islam spielt.

Jeder, der noch bei Sinnen ist, hat schon mal überlegt, welche Rolle aus dem Brian er sein will — oder vom Leben zu spielen verdammt wurde. So richtig wünschenswert ist keine, aber hey, wir kriegen nichts geschenkt. Mich selbst hatte ich jahrelang im Verdacht, der struppige Prophet zu sein (der übrigens von Michael Palin gespielt wird und im Original ein auffallend schönes Britisch spricht); im Rennen war noch der Ex-Leprakranke (schon wieder Michael Palin und nie einer, der von John Cleese gespielt wird).

Ich korrigiere: Nicht allein meine unbedeutende Person, sondern wir alle sind nicht der struppige boring prophet, sondern der keine zwei Sekunden auftretende Zuhörer, der verzweifelt versucht, ein Wort zu verstehen.

Im Gesamtfilm steht der Auftritt bei Minute 43:30 bis 44:04, in den Ausschnitten steht unser aller Vorbild kurz nach Sekunde 20. Mir wäre ein Orient wie aus Tausendundeiner Nacht, dem West-östlichen Divan, Friedrich Rückert oder wenigstens den Almanachen von Wilhelm Hauff, einer voller üppig gesponnener Märchen, unerschütterlich weltoffener Weisheit, phantasievoller Sachen zum Rauchen und einer Friedfertigkeit, von der sich jeder abendländische Giaur noch was abschneiden kann, auch lieber.

Der angestrengt gaffende Zuhörer taucht in keiner Darstellerliste auf. Mehr Hoffnung kann ich uns da nicht machen.

There shall, in that time, be rumours of things going astray … and there shall be a great confusion as to where things really are, and nobody will really know where lieth those little things with the sort of raffia work base that has an attachment. At this time, a friend shall lose his friend’s hammer and the young shall not know where lieth the things possessed by their fathers that their fathers put there only just the night before, about eight o’clock. It’s written in the book of Zero.

Also, ich wollte sagen, dass etwa zu dieser Zeit die Verwirrung … Und die Verwirrung wird all jene verwirren, die nicht wissen, und niemand wird wirklich genau wissen, wo diese kleinen Dinge zu finden sind, die verknüpft sind mit einer Art von Handarbeitszeug, das durch die Verknüpfung verknüpft ist. Und zu der Zeit soll ein Freund seines Freundes Hammer verlieren, und die Jungen sollen nicht wissen, wo die Dinge…, die jene Väter erst um acht Uhr am vohergehenden Abend dorthin gelegt hatten, kurz vor Glockenschlag. Dies steht geschrieben im Buch von Sel.

Lalala

Guerilla heißt ja, dass alle dürfen, ob sie können oder nicht.

Guerillapoesie Instagram

Ich bin nichts und doch soviel denn ich kann sein was immer ich will!

16. April 2016, keine Ahnung mehr, wo, riecht aber nach Schwabing. Hohenzollernstraße, wetten?

Graffiti Unterführung

Eine Seele ohne Licht. Wie ein Tag ohne Nacht. Macht, keine Kraft. Der Funke entfacht. Der Schatten daneben. (Traurig, gell.)

17. März 2014, verspinnwebte Unterführung im strukturschwachen Niemandsland zwischen Leutstettener Moos und der A 95, wahrscheinlich sogar unter der letzteren.

Raiffeisenbank Isar-Loisachtal für den Prälatengarten Kloster Schäftlarn

Da wo das Geld zuhause ist,
man auch das Schenken nicht vergißt!

1. September 2015 von der Raiffeisenbank Isar-Loisachtal für den Prälatengarten Kloster Schäftlarn. Wenigstens die kennt man.

Hier bin ich Mensch hier kauf ich ein

Beim dm haben sie die hübschesten Kassiererinnen, wo immer sie die auch her haben.

Es fällt schwer, sich bei der Hübschesten anzustellen, darum nimmt man am besten die längste Schlange. Da ist es auch schon egal, dass vor mir eins der weltweit verbreiteten Business-Rollkoffermännchen ansteht. Doch, wirklich, man glaubt immer, es gibt nur das eine, das man ständig beobachten kann, aber wenn man sein Auge für Details geschult hat, ist das tatsächlich jedesmal ein anderes.

Das Exemplar vor mir hat bei dm anscheinend zur Konkurrenzbeobachtung allerlei Flaschen eingekauft, die möglichst viel Platz in einem Einkaufswagen und nachher in einer Einkaufstasche einnehmen: Badeschaum, Spülmittel, Allzweckreiniger. Die — falls noch nicht erwähnt: junge, blonde und vor allem hübsche — Kassiererin zieht mit versonnener Professionalität ein attraktives dm-Angebot nach dem anderen über ihren Scanner und lächelt stillvergnügt bei der Arbeit. Das durch die Eingangstür strömende Sonnenlicht spielt verliebt mit dem dünnen Flaumrand um ihre Wangen. Das Leben ist schön.

Nach der letzten Familien-Sparflasche Weichspüler nennt die Kassiererin freundlich den Preis und wartet. Das Rollkoffermännchen packt unbeirrt Produkte in seinen Rollkoffer.

“Wenn Sie erst bezahlen und dann einpacken”, sagt die Kassiererin, als sei es die beste Spielidee des ganzen Kindergeburtstags, “kann ich schon den nächsten Kunden drannehmen.” Damit bringt sie mich ins Spiel. Das wird böse enden. Bis vor fünf Sekunden hätte noch Rennen geholfen, seitdem kann man nur noch verlieren.

“Ich packe aber erst ein und bezahle dann”, ranzt das Männchen. Sie zuckt die Schultern, verkneift sich das auf der Hand liegende “Auch gut, Rindviech” und beschwichtigt stattdessen: “War ja nur ein Vorschlag.”

“Ihre Vorschläge können Sie sich sparen. Sie werden bestimmt nicht für Ihre Vorschläge bezahlt.” Die Kassiererin lächelt.

“Ich lass mir doch von Ihnen keine Vorschriften machen”, erklärt sich das Männchen genauer. Die Kassiererin lächelt immer noch, als sie nach längerem Zuschauen, das ihr viel Zeit zum Überlegen gelassen hat, sagt: “Und ich lass mich nicht von Kunden anpflaumen.”

“Wo nehmen die in dem Saftladen nur das Dienstleistungsmaterial her”, mault das Männchen, während es doch noch einen Hunderter vor der Kassiererin fallen lässt. Genau das, was ich mich auch bei jedem Besuch frage, darum ist jetzt meine Stunde. Außerdem bin ich sonst wieder tagelang blockiert.

Es muss aber sitzen. Es darf keine Einmischung sein, es darf nicht paternalistisch sein, und ich will nicht dafür als erster auf Maul kriegen. Gar nicht so einfach, aber das lebenslange Studium sämtlicher Geisteswissenschaften einschließlich Beziehungsführung und Menschenkenntnis darf auch nicht für die Katz gewesen sein.

“Was brauchst denn du Grattler die junge Lady jetzt gar so saudumm anreden? Die hat grad versucht, gleich zwei Kunden auf einmal zu helfen”, sag ich zu dem Männchen, “erst dir und dann mir. Das ist das glatte Gegenteil von einem Saftladen.”

“Was mischen Sie sich hier ein”, ranzt es, ohne mich anzuschauen. “Haben Sie was mit der oder sind Sie bloß blutsverwandt oder beides?”

“So”, sag ich, “jetzt langt’s”, und einmal mehr macht es sich bezahlt, große Teile seiner Jugend damit verbracht zu haben, vor dem Spiegel wie Clint Eastwood zu gucken. “Jetzt schleichst dich.”

“Ach so” sagt er, fortfahrend, nach seinen Einkäufen eine Handvoll Wechselgeld zu verstauen, “das sieht diesem Saftladen ja ähnlich, dass die Zwangsgestörten hier das Hausrecht ausüben.”

“Du hast mich schon verstanden”, sag ich. Der Trick hat funktioniert, wenn der Gegner ganz selbstverständlich daran glaubt, dass man Gewalt anwenden wird.

Immerhin schaut er mich jetzt an. “Loser”, sagt er und zieht ab.

Ich bin dran. Taschentücher, Lakritzbonbons, Glasreiniger, das kann ich fliegend im Stoffbeutel verstauen, noch während die — übrigens durchaus hübsche — Kassiererin kassiert, und zahle passend.

Loser hat der zu mir gesagt. Das höre ich öfter, offenbar war ich also doch zu paternalistisch. Um meinen Respekt vor ihrer Arbeit zu äußern, sage ich zur Kassiererin: “Also, ich würd jederzeit gern Vorschläge von Ihnen annehmen.”

“Leck mich, Arschloch”, zischt sie.

Schon eine tolle Rasse, die Rollkoffermännchen. Gewinnen einfach immer.

Soundtrack: Die Ärzte: Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist; es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt, aus: Geräusch, 2003.

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