Langenscheidt Deutsch—Mutter/Mutter—Deutsch

Update zu 60 + 2.0 und Mutter, du hier?:

Teil 1: Deutsch—Mutter.

Abitur: nichts lernen, bloß auf die Schule gehen.

studieren: in die Schule gehen, bis man dreißig ist.

BWL: Geld machen.

Zahnmedizin: was aus sich machen.

Geisteswissenschaften: Lesen und Schreiben.

Germanistik: unfallfrei ein Buch lesen können.

den Sinn des Lebens suchen: schauen, wie der Club gespielt hat.

Studentenwohnung: Haschisch fressen; einen Bart wachsen lassen; feste bumsen.

Auslandssemester: in der Weltgeschichte herumhupfen.

vorlesungsfreie Zeit: Ferien; Mucken auf die Schwänze hauen; monatelang den ganzen Tag das Maul ans Tischbein hauen.

BAföG: meine Steuern.

Studiengebühren: in Hartz IV einzahlen.

Magister Artium; Diplom: doch mal endlich fertig; zu alt für die Schule geworden.

Werbetexter: Reklamekasper.

Praktikum: immer noch kein Job.

freie Mitarbeit: keine Arbeit.

fester Freelancer: keine Arbeit.

Auftrag: keine Arbeit.

selbstständig: arbeitslos.

Arbeit finden: nirgends anders genommen werden.

promovieren: doch lieber weiter auf die Schule gehen.

selbstständig, fünfzehn Jahre lang: bis heute nie irgendwo eingestellt.

eigene Firma: noch nie eine Arbeit gehabt.

eigene Firma, zehn Jahre lang: auch nichts geworden.

Geschäftsidee: Strohfeuer; der nächste Hirnfurz.

Freundin: weißt schon, die da.

Freundin, erste: die Schnalle damals.

Freundin, zweite: die mit dem Gesicht.

Freundin, dritte: der geschminkte Fratz, hast du noch was mit der?

Ehefrau: die, weißt schon.

Beruf: was mit Computer.

Computer: was man da heute immer hat.

iPad: sowas Neues.

Internet: im Computer drin; gar nicht da.

Facebook: im Internetz drin.

Statusmeldung: dein Rumgekasper den ganzen Tag.

Blog: dein Geschmarre zu nachtschlafender Zeit.

Twitter: dem Willi seinem Buben sein Geschmarre zu allen Tag- und Nachtzeiten.

Google: vielleicht nächstes Jahr ein neues Sofa.

Website: von was dem Willi sein Enkel jetzt schon wahrscheinlich bald keinen Finger mehr rühren braucht.

Posteingang: Pimmelreklame.

Postausgang: anders bist ja du nicht zu erreichen.

neue Rechtschreibung: wie man will.

YouTube: Reklame.

Musikvideo: was früher dauernd aus deinem Zimmer rausgedröhnt ist.

Musik: Neger-Hau-Hau.

klassische Musik: das schwere Gegeige (instrumental); das Mozartgeschrei (vokal).

volkstümliche Musik: Musik.

Radio: die Urwaldaffen aus Amerika.

Bayern 1: Radio.

Eigentumswohnung: hinausgekündigt.

Wohneigentum: Schulden bis ins Grab.

Eigentumsbildung: in der Bruchbude hausen.

Rente: endlich daheimbleiben; zuwenig rauskriegen.

Wochenende: in die Fränkische fahren.

sich betrinken: ein Seidlein kaufen.

sich regelmäßig betrinken: endlich was davon haben.

Politik: keine Mannsbilder mehr.

Bier: Brot.

Schnaps: Nachspeise.

Wein: kein Bier mehr.

Champagner: der Teure vom Aldi.

Essen: Schäuferle mit Knödel.

Essen, vegetarisches: Vogelfutter.

mit Salat: vegetarisch.

Schäuferle mit Knödel: was Gescheites zu essen.

Gicht: Strafe Gottes.

Kinderzimmer, ehemaliges: Wurstkonservenkammerl.

fernsehen: (s.o.: den Sinn des Lebens suchen).

Privatfernsehen: Busenradau.

ZDF: Fernsehen.

Altersdemenz: nicht mehr so können wie vor vierzig Jahren.

Altersstarrsinn: Meinung; Wahrheit.

Nordic Walking: jetzt auch immer zwei so Stecken mitnehmen.

nächste Woche: wenn wir mal nicht mehr sind.

Rufnummer unbekannt: deine Mutter.

Nächste Woche (eventuell): Teil 2: Mutter—Deutsch.

Bei meinem Leisten

Christina Dichterliebchen macht Urlaub

“Und? Wie?”

Du machst Bilder statt Text?”

“Einer muss ja.”

“Ich mach Webdesign gern, aber nicht zum Vergnügen.”

“Wie ich beim Schreiben.”

“Ja. Nee. Net wirklich.”

“Wieso?”

“Na is die da drauf nackich oder net?”

“Wenn du sie nackich sehn willst, schon. There’s a million things to be.”

“Neeeee…”

“Nochmal drüber?”

“Nochmal drüber.”

*kritzel* *radier*

“Aha. Jetzt am Meer statt im Bett.”

“Is einfacher als ihre ganze Zimmereinrichtung perspektivisch.”

“Nimm mal ihre Brüste ins Bild, da hätt ich in dem Fall gar nicht mal was dagegen.”

“Dir is schon klar, dass dann die Perspektive kippt? Dann schaut uns jeder Honk in ihre Weichteile.”

“Autsch.”

“Autsch.”

“Sind deine Texte fertig?”

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Nettes Buch

Bücher jagen ist fast so lustig wie Bücher lesen und, auf die Aufwand-Gaudi-Korrelation umgerechnet, viel billiger als die meisten anderen Sportarten; jedenfalls kriegt man davon keinen Muskelkater bis übemorgen, sondern was fürs Leben.

In den relevanten Jagdgründen des Internets fallen in letzter Zeit Anbieter antiquarischer Beute auf, die den Sinn davon nicht einsehen. Verhallt ist Kurt Tucholskys Ruf “Macht unsere Bücher billiger!” (1932), schließlich schreibt ja auch keiner bessere — warum also sollte ein seltenes Stück wie die Geschichte einer Maltherapie Der gemalte Schrei weniger kosten als 195,02 Euro? Oder der Klassiker Gestalttherapie Praxis von Perls/Hefferline/Goodman weniger als 178,53? Wo es Gestalt-Therapie ja schon für 152,06 gibt?

Gut, das sind die teuren Angebote, und selbst die noch aus einem eng umrissenen Spezialthema. Selber schuld, wer die kauft, statt die wohlfeileren Angebote ab ein paar nicht weiter erwähnenswerten Cent wahrzunehmen. Was sie verbindet: Sie sind allesamt ein “Nizza Buch”. Das ist kein Verlag, auch kein Insider-Ausdruck dafür, dass sie aus dem Nachlass von Grace Kelly stammen, das ist, wie ich begründen kann, ein Übersetzungsfehler.

Da hat wieder einer, dem an Umsatz mehr als an seinem Angebot liegt, irgendeinen Babelfish gefragt und erfahren, dass ein “nice book” wohl ein Buch aus Nice, gleich Nizza sein wird.

Vielleicht ist das noch die bessere Lösung denn “nice” als die kleine Schwester von Scheiße zu übersetzen. Trotzdem empfehle ich außer einem anständigen Übersetzer, der sich bei dem Bücherausstoß innerhalb zwei Stunden amortisieren müsste, wenigstens einen anständigen Währungsumrechner.

Soundtrack: Sarah Silverman: Give the Jew Girls Toys
aus: Jesus is Magic, 2007.

Epikur für Werber

Den Menschen nützt der unnatürliche Reichtum nicht mehr als Wasser einem vollen Gefäß. Man wird mit Notwendigkeit bemerken, daß beide außen überlaufen.

Epikur, ca. 300 v.C.

Reklame begegnete uns nicht auf Schritt und Tritt, wären wir nicht so empfängliche Wesen.

Alain de Botton, 2000.

Anno 20 vor Christus hatte Oinoanda um die zehntausend Einwohner. Das genügte den Anbietern des überschaubaren Marktplatzes als Zielgruppe, um Werbung zu schalten. Darum bauten sie an ihrem POS eine massive Kalksteinmauer von achtzig Metern Länge und vier Metern Höhe mit beschreibbarer Oberfläche, gesponsert von Diogenes von Oinoanda.

Deren content bestand aus Sentenzen des führenden testimonials für consumer goods und lifestyle, des Philosophen Ἐπίκουρος, der 250 Jahre vorher verstorben war.

Die Kampagne hielt nur diesen einzigen flight lang, der allerdings mehrere Jahrhunderte andauerte. Das mag daran liegen, dass ausschließlich die hard facts der Produkte ausgelobt wurden; von ambient messages wurde vollständig abgesehen. Den Consumern sollte sogar in direkter Ansprache vermittelt werden, dass sie durch ihren Konsum keineswegs glücklich werden könnten, ja dass sie durch ihre buying decisions ihre wahren, anderweitigen needs lediglich kompensierten. Werbeziele waren modernerweise durchaus attention und awareness für den USP des jeweiligen Anbieters, jedoch auch dafür, dass sie ihr impliziertes Endziel, nämlich die Freiheit von körperlichem Schmerz und seelischer Unruhe, nicht durch Lustgewinn und Völlerei erreichen konnten. Wer Luxusgüter kaufte, bekam automatisch unterstellt, dass er wahrscheinlich Gäste einladen wollte und sich demnach wohl nach Freundschaft sehnte; wer materielle und Zeitressourcen bei den professionellen Würfelspielern investierte, wurde an den ideellen Wert eines Spiels mit Kindern und deren unschuldiges Lachen erinnert. Also corporate social responsibility communication management (CSR), zweieinhalb Jahrhunderte nach dem Tod des content providers.

Leider sind die antiken Aufzeichnungen zur Werbezielkontrolle nicht überliefert. Wir wissen also nicht, ob die Kundschaft aufgrund des jahrhundertelangen CSR aufhörte, Sachen zu kaufen, die sie nicht brauchte und sie vom Schnuppern an wild wachsenden, also verdienstneutralen Blumen abhielten. Offenbar nicht in einem krisenstiftenden Übermaß.

Auf heutige Verhältnisse übertragen hieße das nicht weniger, als dass ein Anbieter seinem entschlossenen Kunden einen Fernseher verweigert, weil er seine Fantasie ebenso gut auf Waldspaziergängen anregen könnte. Nur weil die Menschen nach Epikur ja nicht erwirtschaften wollen, sondern haben. Nicht lernen, sondern können. Nicht Arbeit, sondern Bezahlung, und kein Geld, sondern käufliche Gegenstände, und keine schönen Kleider, sondern gut aussehen, und nicht gut aussehen, sondern Sex, und nicht Sex, sondern dafür gelobt werden, und kein Lob, sondern wahrscheinlich doch wieder Bezahlung. Sogar ich hab mir vor ein paar Wochen einen neuen Computer gekauft, dabei will ich nur in aller Ruhe Kohle scheffeln.

Eine genügend konsequent epikureisch geführte Kommunikationsstrategie hätte das Zeug, die Weltwirtschaft lahmzulegen (und die Leute in umfassende Verwirrung zu stürzen). Die Anschauung lehrt jedoch: Oinoanda steht noch und floriert in einem Land mit ansteigendem Touristenaufkommen. Das hoffe ich so sachlich wie möglich zu referieren, mitdenken müssen Sie selbst.

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Soundtrack: The Muffs: Really Really Happy, aus: Really Really Happy, 2004. Gute-Laune-Geschrammel, das drei Minuten lang glücklich macht.

Angebotsvertiefung: Baby Pull the Trigger

Diese Woche zwei Ideen gehabt: Erstens müsste es Goethes Smash-Hit Die Leiden des jungen Werthers (mit Genitiv-s bitte) als Weblog geben – und zwar in den beiden Versionen von 1774 und 1787, und dann auf Deutsch und auf Englisch, also insgesamt viermal. Dazu die wichtigste Sekundärliteratur, Erich Trunz und Martin Andree (“Wenn Texte töten. Über Werther, Medienwirkung und Mediengewalt” – wie fetzig kann Didaktik des Deutschunterrichts noch werden?) und so, die Primärtexte sind sowieso gemeinfrei (falls es jemandem entgangen sein sollte: Goethe ist tot! Seit mehr als siebzig Jahren!). Denn welches Buch empföhle sich trefflicher für die Form des Tagebuchs denn der traditionelle Briefroman, und dann doch gleich einer, für den sich genau definierte Usergruppen interessieren müssen? Leben und Werk von Kurt Tucholsky stehen ja auch blogweise rum, und zwar sehr handlich und zuverlässig. Boah, das ist so gut, da muss jeder einzelne Zugriff bare Penunze kosten. Fragt sich noch, ob WordPress oder Blogspot, die Sammelbecken für Schrullenblogs, ihre Einträge auf 1771 zurückdatieren lassen, dann ist das die beste Grundlage für

Idee 2: Nachhilfe geben. Deutsch und Englisch. Wollte ich schon vor Jahren, ist unter einem Wust anderer Arbeit versickert. Unerfindlich, warum wir das nicht längst im Portfolio haben, Kontakt zur Basis ist wichtig. Interesse? Germanistik, Anglistik, das umgänglichste Seelchen, das Sie sich als Lehrer wünschen können. Unterricht bitte bei Ihnen oder auf neutralem Boden, bei uns zu Hause weiß man nie vorher, wie tag- oder nachtaktiv wir grade sind. Nachfragen aus dem Aktionsradius der Münchner MVG werden ab sofort angenommen.

Werther's Original Bag

Soundtrack: Der ruppige struppige garstige borstige 2008er Ohrwurm If This Hat is Missing I’ve Gone Hunting von Get Well Soon. Zum Mitsingen: Der verängstigte Kinderchor in der Mitte quäkt “Shoot baby shoot, baby, pull the trigger! Fire a bullet, an arrow or a poisoned dart, baby! Shoot baby shoot, free us from the pressure with a rifle or a gun! We can’t live forever!” Wenn Sie das auswendig können und sich weiterhangeln, möchte ich ausdrücklich vor dem Video zu Automatic Heart warnen: Vegetarier, Herzkranke, Schwangere und kleine Mädchen sollen lieber weiter Madonna in Unterhosen angucken.

Bild: Werthers Original Bag 190 Pieces bei Buy Candy Wholesale, Amazon.com.

B2Cannes

So ist das Leben. Aber wirklich!

Sommer vorm Balkon, 2005

Werbung ist verrufen. Werbung ist das, was man beim Fußballgucken wegzappt, was die Anschlagtafeln verunstaltet und was man frühmorgens am Briefkasten aus der Tageszeitung ins Altpapier schütteln muss.

Nach dreizehn Jahren in der Werbung ist mir immer noch nicht vollends plastisch klar, wer solche Werbung eigentlich macht. Müssen wohl Kollegen sein. Vor allem die Art Werbung, die man absichtlich aufsuchen muss, weil sie einen bestimmten trashigen, ja “kultigen” Charme ausstrahlt, wird eigens dafür angefertigt, einen bestimmten trashigen, ja “kultigen” Charme auszustrahlen.

Bei den Kino- und Fernsehspots, über die ein Konsens besteht, dass sie sogar ziemlich gut sind, weiß man’s: Agenturen räumen bereitwillig ein, dass manche ihrer Arbeiten extra für die Cannes-Rolle entstehen, weil die Idee zu schade war, um sie wegzuwerfen, aber für die Zwecke des Werbekunden zu krass, zu sexy, zu lustig — jedenfalls am Kunden-CI oder auch “nur” am Briefing vorbei. Meistens wurde sie dann in Großbritannien produziert, wirbt für Jeanshosen, Büchsenbier und Damenunterwäsche oder alles zusammen. Rockig, urban und jugendlich eben.

Gut so, kann man machen: Nebenprodukte wirtschaftlich interessierter Firmenkommunikation als Kunstform, warum nicht? Die Menschen, die sich von Werbung sonst nur belästigt fühlen — also die meisten — freut’s, und die kreativen Werber haben ihren Spaß bei der Produktion. Wie sieht es aber aus mit himmelschreiend schlechter Werbung?

Ersparen wir uns allzu viele Beispiele. So genannte Funny, Stupid, and Banned Commercials sind genau so ein Genre für sich geworden wie die Highlights für die Cannes-Rolle auch. Behaupte ich. Beweisen kann ich das nicht, weil ich nie in derart potenten Agenturen gearbeitet habe, die Zeit, Budget, Manpower und Ehrgeiz aufbringen, neben ihrem ehrbaren Broterwerb — denn auch das ist Werbeschaffen — noch aufwändige Spaßfilmchen durchzuziehen, die einem letztendlich niemand bezahlt.

Schade? Nein. Zugegeben fängt man in der Werbung an, um mal Kate Moss im BH zu treffen, und nicht, um Katalogtabellen mit BH-Größen Korrektur zu lesen, aber das trägt nicht lange. Nach dem Praktikum kommt man dann schon drauf, dass Kate Moss in einer grundverschiedenen Liga von der eigenen spielt und die Spitze eines Eisbergs bildet.

Musste ich nie wirklich haben. Ich hab sehr schnell den Eisberg viel spannender gefunden: B2B, die Werbung, die weder ins Fußballspiel funkt noch die Sicht auf die Hauptstraße verhängt noch aus der Abendzeitung purzelt, ist ein großes Abenteuer. Und voller Inhalte. Business kommuniziert mit Business — also Kollegen untereinander. Das Leben selbst! Und jetzt sagen Sie mir: Was gibt’s denn Spannenderes?

Es ist ungefähr der Unterschied zwischen Hellboy II und Sommer vorm Balkon: An welchem Film wären Sie lieber beteiligt gewesen, welcher hat mehr mit Ihnen zu tun, bei welchem können Sie mitlachen, mitweinen, mitdenken? Wenn der Hellboy ins Fernsehen kommt, bietet er garantiert reichlich Zeit und Raum für drei, vier halbstündige Werbeblöcke voller hochstehender Jeanswerbung. Ich freu mich schon.

Soundtrack: 17 Hippies: Frau von Ungefähr, aus: Ifni, 2004. Weil die mit einem anderen Film von Andreas Dresen bekannt geworden sind.

Europa rückt zusammen

Update zu Das singen die anderen und Birlik, adalet ve özgürlük:

Wir haben aufgepumpten Plastiksäcken zugeschaut, wie sie umherkullern, und uns demonstrativ gefreut, wenn sie sich auf der einen oder anderen Seite in einem Netz verfingen. Wir haben außerhalb der üblichen Bürozeiten den größten Tumult veranstaltet und uns darauf verlassen, dass schon irgendwer aufräumen wird. Wir haben über Abwesende gelästert. Fast wie die Angestellten, gell?

Wie man hört, war das Fußballspiel, in dem „wir“ hätten Europameister werden können, eine Vorstellung, die nicht ihren Eintritt, geschweige denn einen Stundenlohn von mehreren tausend Euro pro Spieler wert war. Expertenvergleichen zufolge war das beste Spiel Deutschland gegen Türkei. Finde ich gut, denn die Türken, die ich persönlich kenne, sind ganz okay.

1. Die bekannte Melodie mit neuem Text

2. Der bekannte Text mit neuer Melodie

Birlik, adalet ve özgürlük
Alman anavatanı için
Hepbirlikte çalışalım
Kardeşçe kalben ve el ele
Birlik adalet ve özgürlük
Mutluluğun teminatı
|: Bu mutluluğun ihtişamında yeşer
Yeşer Alman anavatanı :|

Flagge Deutschland + Türkei

Bild: IHK Reutlingen.

Nähen Sie sich doch einen Knopf an die Backe!

Wer professioneller Texter ist, muss jeden Tag mit zwei Feinden kämpfen. Der eine ist der elendige Schweinepriester in der eigenen Brust, der dem Textmenschen einflüstert:

Schreib stilistisch elegant, so wirst du berühmt und reich!

(Totaler Schwachsinn, er muss per Auftrag nicht sich, sondern den Kunden berühmt und reich machen -  und das wird nichts mit ziselierten, verschraubten Texten…)

Der andere Feind ist der Anspruch manches Kunden an ihn, der ein ungleich einfacherer und klarerer ist im Vergleich zum ersten:

Schreib nicht so viel rum und machs pfiffig und billig. Tempus fugit!

Dabei fällt gar nicht mehr auf  – wenn zwei streiten, freut sich der Dritte… -  dass sich draußen in der Werbe- und Kommunikationswelt etwas entschieden geändert hat: Der Profi hat nicht mehr den Nutzen zu betexten, sondern soll mit dem Text die Wirkung herausarbeiten. Nutzen gegen Wirkung ist so ungefähr, als ob man man ein klappriges Rad gegen einen Aston Martin hinstellt.

Es ist sehr klug, sich auf die Wirkung zu konzentrieren, denn der Verbraucher tut das selbst bereits seit ungefähr 50 Jahren und wundert sich seitdem, dass ihm das niemand erzählt, was er hören will. Er will nicht hören: Das oder das kannst du damit machen. Er will hören, was er damit erreichen kann. Können tut er nämlich viel, auch sich einen Knopf an die Backe nähen. Das zum gläubig immer noch verbreiteten "Vorteils" des Nutzen-Erzählens.

Zeitgleich wächst verständlicherweise die Zahl der Kunden, die selber schreiben wollen. In Word, d e t t e a l l e r D r u c k v o r s t u f e n ^ ^, oder gleich auf CMS-basierten Webseiten.

Ihr Feind in ihrer Brust flüstert:

Schreib stilistisch elegant…

Und sie haben was? Die Wirkung vergessen.
Ihrer Ware, die geliebt und gekauft werden soll.

Und so tut sich eine klaffende Lücke auf. Zwischen dem, dass es heute jedem Unternehmer technisch möglich ist, öffentlich selber zu publizieren und seine eigenen Werbemittel zu texten. Und zwischen den gleichzeitig immer höheren Anforderungen in einem schärfer werdenden Wettbewerb im Internet, der den sofort mit Umsatzminus abstraft, der es nicht hinkriegt, auf den Punkt zu kommen und die Wirkung herauszuarbeiten.

Viva CMS? Unter diesem Aspekt wohl kaum.