ברודר מרטין לותר

Wie könnte man wohl die Feierlichkeiten zu fünfhundert Jahren Reformation und Martin Luthers Verdienste um die Gefährdung des Weltfriedens geeigneter begehen, als indem man endlich Hebräisch lernt?

Eben: gar nicht. Die üblichen über Thüringen und Sachsen-Anhalt verteilten Lutherstädte wollen zehn Jahre gebraucht haben, alle Bratwurstbuden und Mehrzwecksäle mit dem Nötigsten zu bestücken, um zu vermitteln, dass man die Bibel sogar im Internetz lesen kann und dass Katholen auch Menschen sind, vielleicht sogar die Juden — was nicht einmal dem Doctor Luther jemals einer vermitteln konnte. Hebräisch will ich schon seit ungefähr dreißig Jahren können: Die Juden haben Heinrich Heine, Groucho Marx und Bob Dylan, und was haben die Evangelen? Angela Merkel.

Mit dem Kramer/Kowalik geht das recht ordentlich und kostet 12,90, außer man handelt gleich mir und leiht sich das Ding fertig mit allen Bleistiftanmerkungen aus der Stadtbücherei. Ein Stündchen die Wiki-Seite “Hebräisches Alphabet” anstieren tut’s wahrscheinlich auch.

Damit hab ich jetzt dreißig Jahre herumgezögert; als ich vierzig geworden, hab ich’s kurzzeitig noch am ernstesten gemeint, weil ich ab da koschererweise befugt war, die Kabbala zu studieren. In der Zeit haben andere Leute die Thora auf eine Briefmarke kalligraphiert, und ich kann seit letzter Woche das Aleph-Bet aufsagen und holpere immer noch bei den Zahlenwerten.

Hätten Sie das gewusst, dass Althebräisch ab dem zweiten Jahrhundert als Muttersprache gestorben ist und als “Neuhebräisch” als Fach- und Gelehrtensprache überlebte, bis es 1919 als palästinensische Amtssprache anerkannt und 1948 für das junge Israel gar verordnet wurde — ohne allzu verwirrende Unterschiede zwischen Bibelhebräisch und dem neugeborenen Ivrit? Das ist ungefähr, als ob es seit der Völkerwanderung keine deutschen Muttersprachler mehr gäbe, aber seit dem Anschluss der Ostprovinzen 1990 alle Neudeutschen unter Strafandrohung eine byzantinische Ausprägung des Lateinischen sprechen müssten. Und das Wessobrunner Gebet wäre seit zweitausend Jahren weltweit lückenlos verständlich.

Auch sonst kann man sich recht schnell in die jüdische Seele einfühlen, wenn man den Leuten von seinen Bestrebungen erzählt. Die erste Reaktion war die Frage, warum ich denn nicht Arabisch lerne, das erhöht die Berufschancen. Die zweite Reaktion war eine Tirade darüber, dass die Juden doch die Arschlöcher sind, die eine Decke über “die Frau” werfen und sie durch den Schlitz ficken. Ich referiere das nur, das walking talking Gegenargument Marc Chagall ist mir wieder erst hinterher eingefallen.

Eigentlich will ich ja keinen Mauschelstammtisch eröffnen (obwohl …), sondern nicht so planlos vor den Regalen stehen, in denen man die Bücher wie die Mangas von hinten nach vorne blättern muss, und den Talmud vom Midrasch unterscheiden können. Das konnte ja sogar der Judenfresser Luther — autodidaktisch, noch ohne die Motivation, dass man doch mal kurz den Tanach wegübersetzen könnte.

Wenigstens beschert uns der Mann nach einem halben Jahrtausend einen zusätzlichen Feiertag außer der Reihe – der auch heuer weder Halloween noch Weltspartag heißt, dafür weiterhin mein Namens- und unser Hochzeitstag bleibt. Das widerfährt uns erst wieder in weiteren fünfhundert Jahren.

Entwarnung für Brückentagjäger: Der 31. Oktober 2517 fällt auf einen Sonntag.

Soundtrack: Kaizers Orchestra: Begravelsespolka, aus: Violeta Violeta Vol. III, 2012:

Sann end fann

Als ich noch ein Gefangener der Kneipen war — keine Angst, gegen regelmäßige Kautionen war ich Freigänger — war ich womöglich noch leichter zu erheitern als heute. Aus einer meiner zuständigen Kneipen erinnere ich mich an einen Spielautomaten, vulgo Bierfilzlesroulette, der aller fünf Minuten eine fiese eingängige Melodie füdelte, aller 30 Minuten in einer Art Maxi-Version. Dann pflegte er seine schönsten Blinkermuster herzuzeigen, damit auch ja jeder herschaute, um vielleicht mit ihm spielen zu kommen. Der Zockertyp war ich noch nie, darum war das immer der Moment, von meiner hochwichtigen Schreibarbeit aufzublicken und das Display zu beobachten. Darüber lief dann immer der Schriftzug: “SUN UND FUN”.

Eben nicht “Sun and fun” oder so. Sondern als ob man es genau so aussprechen müsste, ungefähr in Landnürnberger Betonung: “Sunn und Funn”. Die Bedienung war daran gewöhnt, wie ich mir jedes Mal das Lachen ob eines fränkisch sprechenden Spielautomaten verbiss. Einmal wollte ich ihr meine ständig neue Erheiterung nahebringen. Leider war sie keine Linguistin.

Und gerade gestern hab ich keine Kamera dabei und sehe ein kreidegeschriebenes Gaststättenschild: “LUNCH UND BRUNCH”. Gut, dass mir das erst nach meiner Kneipenentlassung passiert. Ich bin schnell weiter.

Soundtrack: Meiner leider etwas verschwommenen Erinnerung nach das letzte Lied, das ich gegen 1990 gegen Bargeld in einer Musikbox gewählt hab — wegen des hinterfotzigen Doppelsinns, den man erst besoffen überhaupt mitkriegt: Ringsgwandl: Radlmare, aus: Das Letzte, 1986. Hat’s das echt je als Single gegeben oder beziehen Kneipen Special Bierfilzl Releases?

Nicht genug Tumult

Angenommen, dass Post reinkommt von einer bedeutenden Anstalt des öffentlichen Rechts, etwa von einem großen bayerischen Rundfunk, nehmen wir an, des Wortlauts:

Sehr geehrter Herr Wolfster [Name geändert],

für einen Radiobeitrag über Luther und die Alltagsprache suchen wir einen Werbetexter als Interviewpartner, der ausprobieren möchte, ob typische Lutherzitate (“Hier stehe ich, ich kann nicht anders!”) auch heute als Werbetext funktionieren.

Falls Sie Interesse haben, können Sie mich gerne kontaktieren.

Mit freundlichen Grüßen,
[Name]
[Firma]
Religion und Orientierung

Angenommen, sagte ich, dass solche Post reinkommt, was sagt man da bloß? — Zum Beispiel wird man irgendwas zwischen dienstlich, freundlich und satirisch und sagt:

Sehr geehrte Frau [Name],

das ehrt mich, dass Sie da auf mich kommen.

Leider bin ich als Werbetexter eine zu kleine Nummer, um zu entscheiden, ob ein Werbetext funktioniert oder nicht. Was Werbezielkontrolle ist, wissen Sie besstimmt besser als ich; ich arbeite ja nur kreativ.

Das bedeutet, ich liefere nur Texte, die bestellt werden, und möglichst genau so, wie es vom Kunden gesagt wird, genau das wird bezahlt. Für mich hat ein Werbetext dann funktioniert, wenn ich ihn an einen Kunden verkaufen konnte, mit fachlichen Erwägungen, gar der Hoffnung, dass der bezahlte Werbetext dem Werbekunden (nicht zu verwechseln mit der Zielgruppe “Endverbraucher“) nützen könnte, hat das nicht zwingend etwas zu tun.

Ehrlicherweise wird Ihnen da kein Werbetexter etwas anderes erzählen können. Ich selbst kann Ihnen recht zuverlässig voraussagen, dass ein Werbetext, der Lutherzitate verwendet, an keinen Werbekunden zu vermitteln ist (außer für die letzten freien Fremdenzimmer in Eisleben, Wittenberg und Eisenach o. ä., und das nur noch bis ca. Ende August, wg. Druckvorlaufzeiten). Wenn schon Zitate, dann muss die Idee dazu vom Werbekunden stammen und typischerweise die bewährten Bonmots von Oscar Wilde und Coco Chanel verwenden.

Damit will ich nichts gegen den Dr. theol. Luther gesagt haben, der es als hoffentlich einziger ausgewiesener und praktizierender Antisemit zu unseren privaten Hausheiligen gebracht hat (o Gott, wenn er das wüsste…). Für die Nachprüfung meiner 8. Klasse Gymnasium musste ich die Bedeutung der Lutherschen Bibelübersetzung nachweisen, um nicht Bayerns einziger Schüler zu werden, der wegen Geschichte sitzen bleibt. Das hat funktioniert, allein deswegen bin ich dem Manne zu Dank verpflichtet.

Angeblich soll sich die 2017er Bearbeitung der Lutherbibel wieder Luther angenähert haben, bei Hugendubel geprüft habe ich das noch nicht. Es wäre ihm aber zu wünschen, weil alle Bearbeitungen seit 1912 nur noch ein Graus waren, was sich auf Wunsch belegen lässt. Wo immer es geht, verwende ich Letzte Hand 1545, wo es jemand verstehen soll, meine alte Senfkornbibel, die eine 1984er Revision ist. Hilft ja nix.

“Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?” Das soll von Luther sein, ist aber zur Zeit nur von Günter Scholz, C.H. Beck 2016 nachweisbar. Soviel zu Lutherzitaten.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Suche und würde durchaus gern erfahren, wann ein Ergebnis gesendet wird: Radio rockt.

Mit freundlichen Grüßen,
Wolfster [Name geändert]
Bayern-2-Kunde, Werbetexter, Bibelschmökerant et al. pp.

Zu wenig dienstlich? Dann war’s schon richtig, ist ja ein privater Weblog. Trotzdem enttäuschend:

Sehr geehrter Herr Wolfster [Name geändert],

vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir werden den Beitrag wahrscheinlich an Pfingsten senden. Vorausgesetzt vorher passiert nicht irgendein Luther-Sprachboom. Uns ging es jetzt in erster Linie um Begriffe wie “Sündenbock”, “Machtwort” und ähnliches, die wir benutzen ohne zu wissen woher sie kommen.

Bestimmte Zitate zum Beispiel “Hier stehe ich, ich kann nicht anders” waren (auf Kondomen aufgedruckt) in diesem Jahr aber schon mal Teil einer Werbekampagne der evangelischen Jungkirche. Leider wurde die Aktion umgehend von der eigentlichen Kirche verboten. Sie hätte vielleicht ganz gut funktioniert.

Schade, dass ich Sie nicht Interviewpartner gewinnen konnte. Ihre Hinweise warum es funktioniert oder nicht wären auch sehr gut als O-Ton.

Mit freundlichen Grüßen,
[Name]
[Firma]
Religion und Orientierung

Ich als O-Ton. Vielleicht besser so, dass die freundliche Dame mich noch nie reden gehört hat.

Soundtrack ist natürlich was Evangelisches: die Entdeckung des Monats: Konzert für vier Cembali von Bach, BWV 1065 mit pädagogischem Schlussteil und vor allem einer rothaarigen Bassistin:

To all those who have lived and died alone

Update zu Fuck Yes:

Es ergeht Empfehlung für ein einzelnes Lied; vielleicht hilft das gegen den mittlerweile wochenlangen Ohrwurm.

Wie viele Jahrzehnte hab ich jetzt geglaubt, in Wirklichkeit stünde ich auf die baumlange, blasse, burschikose Rothaarige mit Brille, Birkenstockmodell Gizeh und Knabenbrüstchen, die sich kaum aus dem Eck traut, um ihr Augustiner aufzufüllen, und keinen findet, mit dem sie ihr Promotionsthema diskutieren kann, und die ganzen heißblütigen Südgewächse sind bestimmt auch ganz wunderbare Menschen, aber weiter kein Grund, nervös zu werden.

Nach Naturereignissen wie Salma Hayek, Penelope Cruz und jetzt auch noch Lindi Ortega wollte ich vorsichtshalber nochmal nachdenken. Mit dem Ergebnis: Ach so, Kanadierin. Na dann.

Das Video zu ihrem Lived and Died Alone aus Tin Star von 2013 spielt explizit auf der anderen Seite der USA, inmitten mexikanischer Kultur der Trauerbewältigung; es geht nämlich von vorne bis hinten ums Sterben, schlimmer noch: Störung der Totenruhe, wenn nicht gar Nekrophilie. Jedenfalls ist alles denkbar morbid und gerade deswegen besonders tröstlich. Das ist kein Widerspruch, sondern Schwarze Romantik, und funktioniert innerhalb christlicher Kulturen in seiner modernen Form etwa seit 1780.

Außer als Kanadierin versteht Frau Ortega sich als Country-Musikerin, was die engelschöne, komplexe Melodie erklärt. Und dann den Text, ach den Text.

Man versteht Frau Ortega recht gut, Kanadier können von Geburt an mit Mehrsprachigkeit umgehen. Und der Wortschatz bleibt kunstvoll schlicht, allerdings in thematisch ungewohnten Zusammenhängen, die sich keinem Normaldeutschen so selbstverständlich ins Ohr nisten, dass er ohne ein Minimum an Eigenleistung jederzeit mitsingen könnte. Der Text ist online gut auffindbar, aber an allen bisherigen Stellen, die wahrscheinlich eine von der anderen abkopiert sind, in falscher Versaufteilung. Als Mehrwert bringe ich daher erst das Video und dann den Text in merkfähiger, weil lyrisch korrekter Typographie. Falls das Video youtube-typisch verschwindet, lohnt sich jeder Suchaufwand, versprochen; es reicht sowieso nie, es nur einmal laufen zu lassen.

Lifehack 1: Gegen Ohrwürmer hilft auch, die Pippi Langstrumpf zu singen, die überdeckt alles andere.

——— Lindi Ortega:

Lived and Died Alone

from: Tin Star, Last Gang Records, October 8th, 2013:

Love never came easily to me,
there were no fish swimming in my sea.
I resided myself to the fact
that I would always love
never to be loved back.
But that’s okay,
I know some day —

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I guess I thought it couldn’t really hurt
to search for sweethearts underneath the dirt.
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
to be with me
in the Dead Sea.

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

(Solo.)

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed.
I will fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

40 winzige Aufgaben

Update zu Saufspiele für Bücher-Geeks:

Es ergeht Empfehlung für die Unternehmung und die Website Book Riot — zusammen mit der Frage, warum sowas wieder nur auf Englisch wächst.

Hierzuland mag einem nicht einmal eine halbwegs würdevolle Entsprechung für das allfällige englische bookish einfallen, das im Bookweb (“Im was??”) ständig und für alles gebraucht wird. Hätten Sie gewusst, was ein TBR ist? Soll ich’s sagen, während Sie sich von Trockenblutreaktion zu Total Business Return hangeln? Das heißt to be read und bezeichnet den Stapel ungelesener und angefangener Bücher, der sich neben Ihrem Sofa türmt. — Ach, da türmt sich gar nix mehr, seit Sie Ihre unvollständige Harry-Potter-Sammlung der Stadtbücherei auf die Theke gekippt und noch ein Dankeschön dafür erwartet haben? Na, dann wundert mich auch nix. Dichter und Denker my ass.

Deshalb kommt wohl auch kein deutschsprachiger Kulturverbraucher auf den Gedanken, dass er ein Reading Life (übersetze: Leseleben?) führen, geschweige denn es bereichern könnte. Mir fällt ja selber schwer, die Tiny Tasks aus der Überschrift zu übersetzen (“Warum ist das Katzenklo nicht gereinigt? Du kennst doch deine Aufgaben!”), aber ich übersetze aus dem Book Riot (“Buchtumult”?) mal die 40 Tiny Tasks For a Richer Reading Life. Schaden wird’s schon nicht.

Ein paar von den 40 will man umgehend schon längst gleich ein paarmal mitgemacht haben, ein paar sind nur im englischsprachigen Umgang möglich (aber offensichtlich haben Sie ja Zugang zum Internet), ein paar kosten Überwindung, und ein paar will ich kopfschüttelnd beiseite lassen. Üblicherweise entspricht das aber dem Geist solcher Anleitungen: Man darf immer guten Gewissens weglassen, womit man sich unwohl fühlt.

1. Lass dich eine Viertelstunde früher wecken als sonst. Das reicht, um in Ruhe ein Gedicht zu lesen. ((Eine von den guten Ideen.))

2. Geh in deine zuständige Bücherei und lass dir von der Bibliothekarin etwas empfehlen — vor allem wenn das letzte Mal schon länger her ist.

3. Setz dich über ein Vorurteil übers Bücherlesen hinweg und denk absichtlich darüber nach.

4. Lies ein Buch aus einer Richtung, die du verachtest. ((Gibt’s eigentlich noch die Landserheftchen?))

5. Frag jemanden, vor dem du Respekt hast, was du lesen sollst, und fang sofort damit an.

6. Verschenk das Buch, das am längsten auf deinem TBR-Stapel liegt ((siehe oben)).

7. Melde dich freiwillig zu einer öffentlichen Einrichtung, die Lesefreude und Lesekompetenz fördert. ((In Deutschland bleibt’s damit wohl bei der Stiftung Lesen.))

8. Lies ein Buch, das von außen verstörend auf dich wirkt.

9. Lass dich auf eine Reading Challenge ein.

10. Entnimm deinem Bestand zehn Bücher und spende sie, ohne neue Bücher dafür einzutauschen. ((In München empfehle ich die Oxfam-Läden.))

11. Lies einem Lieblingsmenschen laut vor. ((Aber frag ihn vorher.))

12. Schreib eine Liste mit deinen eigenen Schnittstellen von Bücherlesen und Liebe.

13. Beschaff dir das Hörbuch zu einem Buch, das du vor Jahren nicht zu Ende gelesen hast — und hör es auch an. ((Vorsicht mit Hörspielbearbeitungen. Romane aller Richtungen und Längen sind gerne gekürzt. Mach dich schlau über den Grad der Verstümmelung, aber lass dich nicht abhalten: Jemand, der hoffentlich dafür bezahlt wurde, hat über dein Hörbuch so und nicht anders entschieden, und er konnte es begründen.))

14. Lies das Lieblingsbuch von deinem besten Freund — egal was für eins.

15. Mach ein Eselsohr.

16. Schreib an den Rand.

17. Frag deinen ältesten Verwandten oder Freund nach seinem Lieblingsbuch. Lies es sofort und erzähl ihm davon.

18. Lies im Freien.

19. Lass bei der Hausarbeit ein Hörbuch laufen. ((Beim Staubsaugen empfehlen sich die Hörspielfassungen, um die ist’s nicht so schade. Nachteil: die Stimme von Iris Berben; Vorteil: gebügelte Unterhosen und Handtücher.))

20. Lies ein Theaterstück. Nimm dir die Zeit für die bildliche Vorstellung, wie du es inszenieren würdest.

21. Lies ein Buch wieder, das du in der Schule zum Kotzen fandest. Und gleich nochmal! ((Ist das noch SM oder schon Rebirthing?))

22. Entschuldige dich bei jemandem, mit dem du überheblich oder abfällig über Bücher geredet hast. ((Von wegen, ich war noch viel zu nett!))

23. Lies ein Buch aus einem Land, in das du noch nie wolltest. ((Südamerika müsste einiges hergeben.))

24. Lies eine Gedichtsammlung von einem einzigen Autor. Von vorne bis hinten. Zweimal. ((Empfehlung der Woche: Jan Wagner: Regentonnenvariationen, Hanser Berlin, 2014.))

25. Verschenk das Lieblingsbuch aus deiner Kindheit auf deiner nächsten Babyparty. ((Das soll mittlerweile auch im deutschen Sprachraum gehen.))

26. Verschenk das Lieblingsbuch aus deinen Zwanzigern an deinen Lieblingsstudenten. ((Persönlich würde ich ja eine Studentin nehmen, aber wahrscheinlich wäre das in meinem Fall zu anzüglich.))

27. Lies ein Buch von jemandem, der ganz anders als du aussieht. ((Toni Morrison soll trotz Nobelpreis ganz gut sein, aber Alice Walker guckt auf ihren Bildern freundlicher.))

28. Lies ein Buch von jemandem, der dich in Jahrmillionen nicht verstehen würde. ((Aber ohne Geld für den Sarrazin auszugeben. Für Mein Kampf gibt’s seit 2016 Ausreden. Glaubwürdige.))

29. Lies eine Seite aus der heiligen Schrift einer Religion, in der du nicht erzogen bist.

30. Hör einen Podcast über Bücher.

31. Geh zur nächsten Autorenlesung in deiner Stadt, auch wenn du den Autor nicht kennst. Vor allem wenn du den Autor nicht kennst.

32. Schreib von Hand einen Brief an einen lebenden Schriftsteller, den du bewunderst. ((Aber bitte jetzt nicht alle auf einmal mit Fee Katrin Kanzler anbandeln, gell.))

33. Besuch das Grab eines toten Schriftstellers, den du bewunderst. ((Wer in <u<Wien oder Paris wohnt, ist im Vorteil. München geht noch.))

34. Fahr irgendwohin, das du nur aus Büchern kennst.

35. Brich einem Buch das Kreuz. Mach schon! Du kannst es!

36. Lies einen Superhelden-Comic. Vor allem nach einer Ewigkeit wieder oder zum allerersten Mal. ((Ich fürchte leider, der Sandman zählt hier nicht.))

37. Schau die Verfilmung von einem Buch an, das dir gefallen hat, und versuch sie um ihrer selbst willen zu mögen.

38. Lern ein Gedicht auswendig.

39. Lies das Buch wieder, das mit 16 dein Leben über den Haufen geworfen hat.

40. Rede mit jemandem über Bücher, mit dem du noch nie über Bücher geredet hast.

Soundtrack: Tracey Ullman: Kindle Killed The Library Book, 2016:

Anständige Hörbücher

Anständige Hörbücher sind nicht gekürzt. Auf anständigen Hörbüchern steht hinten ausdrücklich drauf: “Ungekürzte Lesung”. Ich traue keinem Leser außer mir selber, schon gar keinem Verleger, und erst recht keiner Hörbuchmacherei, die darauf angewiesen ist, ihre Textmengen in Längeneinheiten zu pressen, die vor Jahrzehnten auf die Beethoven-Neunte zurechtgequetscht wurde. Ich merk das schon selber, wenn eine Landschafts- oder Bumsbeschreibung zum Weiterblättern kommt.

Anständige Hörbücher sind Lesungen, keine Hörspiele. Die Luft wird dünn, seit Gert Westphal 2002 und dann 2015 auch noch Harry Rowohlt gestorben sind, weil Rufus Beck auch nicht alles alleine machen kann, aber Hörspiele sind was für Pumuckl-Fans, und das meine ich keineswegs so abfällig, wie es klingt. Dennoch sollten Hörspiele weiterhin produziert werden, weil sie dafür gut sind, in zwanzig, dreißig Jahren “Kult” zu werden. So wie jetzt im Moment die Kompaktkassetten über zweimal 45 Minuten, die über Monate aus Radioprogrammen zusammengestückelt wurden, um 9,95 D-Mark für Langspielplatten zu sparen, am besten noch mit Fragmenten von Fritz Egners Dazwischengequassel auf Bayern 3. Diese zwanzig, dreißig Jahre braucht es, um zu bemerken, dass früher mitnichten alles besser war, da sind Hörbücher kein allzu schmerzlicher Verlust, und irgendwem gefallen sogar die Mischkassetten von 1975.

In Zeiten, wo solche Kassetten “wegen des Siegeszuges der digitalen Audiotechnik in Industrieländern nur noch geringe Bedeutung” (Wikipedia) haben, aber die digitalen Siegeszöglinge, die sich als erwerbsmäßige “Youtuber” verstehen, in den Fernseh-Tagesthemen über Zuschauerschwund klagen, ist es auch wieder angebracht zu fordern: Anständige Hörbücher sind auf CDs, nicht auf Kassetten. Diese Ankunft von Problemen im Mainstream hat bestimmt wieder einen phatt poshen Namen, dafür hab ich das Hörbuch zum Aristipp mit immerhin Jan Philipp Reemtsma, jedenfalls so lange, bis es fällig wird. Aus einer Bücherei. Kennt heute auch keiner mehr, gell. Huch, wir schreiben 2017.

Bonus Track: Doch, ja, es gibt Philosophinnen. Und sie referieren über Katzenphilosophen:

Fühlingsolle

Jetzt, wo die Firma lange genug erloschen ist, kann man’s ja veröffentlichen: Die Anzeige aus den Nürnberger Kino-News (Rückseite, war bestimmt nicht billig) hab ich lange über meinen Arbeitsplatz in der Werbeagentur aufgenagelt, als Mahnmal zum Korrekturlesen. Außerdem war die kleine Schnelle auf dem Bild, die man bestimmt im Express treffen konnte (und wahrscheinlich sogar mal getroffen hat), ganz ansehnlich. Man schrieb 1994.

Fühjahrsmode reduziert, Bebop 1994

Bebop: Charlie Parker & Dizzy Gillespie: Hot House, April 1952.

Achtung an alle! Bitte beachten! Es gilt: und zwar folgendes. Was ist zum Beachten. Bei uns wird der Böhmermann groß geschrieben. Das ist das A und das O.

Update zum Langenscheidt Deutsch—Mutter/Mutter—Deutsch:

Um wieder mal meta zu werden: Wer bloggt überhaupt noch? Nachdem klar geworden war, dass ein Blog-Eintrag doch einen gewissen Aufwand erfordert, war alsbald Sense mit der Blogosphäre, und Twitter kam gerade recht, um sich herauszureden, dass man da gar nicht mehr als 140 Zeichen reinschreiben kann. Zum Vergleich: Ich brauche für einen üblichen Eintrag zwei bis drei Stunden, mit Nachdenken wird’s ein Tageswerk, wenn ich Bilder, Bildlizenzen, belegende Links, ausschmückende Links, zurechnungsfähiges Deutsch, handgeschriebenes HTML, einen Soundtrack, ein Layout und womöglich auch noch eine Idee haben soll, geht die ganze Woche drauf. Meine literaturtheoretischen Auslassungen über die aufregenden Abenteuer von Doctor Faustus und seinen komischen Freunden sind eigentlich zwei Vollzeitjobs. Selbstverständlich sind wir nur die Besten, nicht die Schnellsten. Wenn mir wieder einer seine wertvollen Tipps mitteilen will, wie ich schneller sein könnte — kein Problem: Dann verschieb ich den Eintrag halt einen bis zwei Monate.

Darum gibt’s bei uns kaum jemals was Aktuelles wie den Böhmermann (gestern war sein Pipikackaficki-Video noch da). Es bloggen mithin nur noch die Unerschrockensten und die Schmerzbefreitesten. Bloggen sollten aber solche, die mehr zu sagen haben als 140 Zeichen. Viel zu selten vernommen und gelesen wird der gewinnend markige, allzeit eindeutige Tonfall des deutschen Mittelstands. Noch zu erstellende Weblogs hätten sich Themen zu widmen wie (alphabetisch):

  • Achtung an alle!!!
  • Augen auf und flexibel sein!
  • Bei uns ist der Fortschritt Tradition.
  • Bei uns wird der Kunde groß geschrieben.
  • !!!!!Bitte beachten!!!!!
  • Das ist das A und das O.
  • Da muss man da das Gespräch, das muss man da suchen und in einen Dialog, da muss man da treten.
  • Es gilt: auf Zack sein!
  • Und zwar folgendes.
  • Was ist zum Beachten.

So passiv-aggressiv mein ich das gar nicht: Auch wenn ich mich nicht vor der IHK mit den Kollegen messen lassen muss, wird man wohl noch neidisch sein dürfen.

Soundtrack: Das Handwerk: Die Wirtschaftsmacht von nebenan, 2010.

Writing Bad

“Was haben wir eigentlich noch nie im Auftrag geliefert?”

“Wir haben schon immer alles geliefert. Ohne Verzug und hoffnungslos überbilligt.”

“Ja, aber was war noch nie dabei?”

“Hm … Ein Versepos in mehr als vierundzwanzig Gesängen?”

“Stimmt. Wir werden ins Grab sinken müssen, ohne das Sequel zur Odyssee geschrieben zu haben.”

“Du vielleicht.”

“Wieso, würdest du gern?”

“Nö, wozu denn. Mir reicht der Film.”

“Unterschätz das nicht. Der Nibelungen-Film dauert knapp drei Stunden.”

“Sind ja auch gleich 39 Gesänge.”

“Aventüüüüüren.”

“Stimmt, ist ja Stummfilm, da singt ja keiner.”

“In der Odyssee singt auch keiner, die werden gesungen.”

“Machen wir halt den Stummfilm, da sparen wir uns die Dialoge.”

“Sag bloß, Fritz Lang hat ausgerechnet die Odyssee als Film ausgelassen?”

“In echt schon. Bei Godard hat er wenigstens so getan.”

“Das ist die Lösung: Wir tun bloß so.”

“Dazu müsste man schon Fritz Lang sein.”

“Irgendwas ist ja immer.”

“Du willst nicht wirklich ein Drehbuch ohne Dialoge schreiben. Wie soll das gehen? ‘Odysseus steigt vom Berge Sinai herab und tut so, als ob er Sein oder Nichtsein aufsagt. Dann tut er so, als ob er sich von Kriemhild verabschiedet, um auf der Bounty das Goldene Vlies zu erbeuten’ …”

“… ‘Statt dessen bleibt er aber in Auerbachs Keller hängen und tauscht den Einen Ring gegen ein Tischlein-deck-Dich”, ganz recht.”

“Jedenfalls tut er so. Das werden mindestens sechs Stunden.”

“Heute hat man sowieso eher Fernsehserien zum Binge-Gucken.”

“Braucht eigentlich jede Folge einen eigenen Konflikt?”

“Nicht, wenn du genügend Cliffhanger baust. Immer einen zur nächsten, und yippi.”

“Nein, keine Scripted Reality mit Werbeunterbrechungen.”

“Hätten wir auch noch nie gescriptet, so eine Reality …”

“Man trifft ja selten reale Leute.”

“Realität ist überschätzt. Die haben bloß irgendwelche romantischen Schwärmer Ende des Achtzehnten in die Literatur reingezerrt.”

“Für ein Drehbuch reicht aber heute kein einzelner Quotenneger mehr.”

“Nehmen wir halt Inder. Da gibt’s immer bloß einen einzigen pro Film, und die haben sich nicht so wegen dem Blackfacing.”

“Copperfacing? Noch nicht. Die lernen ja schnell, die Inder.”

“Am besten, du schickst eine arbeitslose lesbische Jüdin im Rollstuhl gegen einen alleinerziehenden Pädophilen aus Eritrea los.”

“Dann brauch ich die sechs Stunden erste Staffel schon für die Exposition.”

“Irgendwas ist ja immer.”

Atmest du gerne? (World Climate Conference Paris)

Was bis jetzt nur Anämiekranke mit gestörter Bildung von roten Blutkörperchen kennen, kann bittere Wahrheit für alle werden:

Wir werden alle nach Luft, um Sauerstoff ringen:

“As it currently stands, more than half of the planet’s oxygen is generated by phytoplankton in our oceans. Once the oceans become six degrees Celsius hotter – an event that some scientists think could happen as soon as 100 years from now – it will interrupt the process of photosynthesis by the phytoplankton. Without that atmospheric oxygen being produced, humans and animals alike will be struggling to find the oxygen necessary to breathe.”

(Quelle: http://www.care2.com/causes/climate-change-might-leave-us-without-enough-oxygen-to-breathe.html)

Kurzübersetzung:

Nur sechs Grad wärmer, dann wird die Produktion des Sauerstoff erzeugenden Phytoplankton (und damit die Photosynthese) auf den Weltmeeren geringer werden.

 

Im Moment stehen wir kurz vor 2 Grad wärmer. Wo ein Wissenschaftler auch schon nicht mehr weiß, ob mit dieser nach erträglich klingender Temperaturänderung nicht schon einige Prozesse plötzlich kippen werden.

Also holt nochmal kräftig Luft!

Bis dahin die Hollies mit  “All I Need Is The Air That I Breathe”

If I could make a wish
I think Id pass
Cant think of anything I need
No cigarettes, no sleep, no light, no sound
Nothing to eat, no books to read …

Kater Mor sieht das auch so.

Und jetzt zu etwas komplett Anderem …