Bürgerliches Trauerspiel

Der junge Baron bringt’s mit einem Wischer hinaus, das muß ich wissen, und alles Wetter kommt über den Geiger.

Stadtmusikus Miller, Kabale und Liebe, I,1, 1784.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass Kunst nichts mehr wert ist? Da kann man weit zurückschauen: Mehr Mammutfilet als für die abgebildeten Tätigkeiten des Jagens und Abschlachtens ist für Konzeption und Ausführung der Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux auch nicht rausgesprungen.

Offen feindselig wurde gegen Kunstschaffende erst mit der abendländischen Aufklärung vorgegangen, als sich volks- und betriebswirtschaftlich nachweisen ließ, dass Schamanen eigentlich nur den Arbeitenden das Zeug wegkiffen und Kinder mehr Ideen haben als bezahlte Künstler. Diese Epoche wird derzeit noch perfektioniert.

Beim nächtlichen Studium von YouTube wird das besonders augenfällig, wenn man die Live-Aufnahmen klassischer Musik vergleicht: Bis tief in die 1970-er Jahre bestanden Orchester aus bierbäuchigen Familienvätern mit Hornbrillen, die auf ein ernstzunehmendes Monatsgehalt angewiesen sind, ganz wie der Schiller’sche ehrwürdige Stadtmusikus Miller (Cello). Danach sehen Orchester zunehmend aus wie fernöstliche Mädchenschulklassen.

Dass japanische Schulmädchen Musik machen dürfen, ist an sich noch nicht feindseilig; auf den ersten Blick ist es sogar schön vom Herrn Intendanten, überhaupt welche einzustellen. Es fällt nur auf, dass seit dem Einbruch der Billiglohngeschlechter in die Arbeitswelt die Arbeit nur mehr aus Gewohnheit und zur Eindämmung des Arme-Leute-Gemosers symbolisch bezahlt wird, wenn nicht gar vollends ausgeht. Da rede ich nicht allein vom Kunstschaffen, da macht es nur mehr Spaß hinzuschauen.

Ist es Zufall, dass der Preis für Tonträger mit klassischer Musik im gleichen Zeitraum in bestürzender Weise verfallen ist? Auch das ist für uns Musikverbraucher zuerst einmal schön. Oder ein Schlag ins Gesicht für jeden, der sich einst den Hunderter für die Matthäus-Passion unter John Eliot Gardiner monatelang vom Munde abgespart hat: Die gibt’s nämlich heute als Dreingabe für CD-Boxen, auf denen netto eine Woche der erlesensten Jahrhundertaufnahmen zusammengepackt ruht, um auf Amazon noch einen letzten Zwanziger einzutragen und dann nie wieder angehört zu werden.

Der Eintritt für Live-Konzerte kostet ungebrochen die ein, zwei Hunderter wie in den alten Zeiten, als in einem bürgerlichen Mittelstand in auskömmlichen Mengen Geld verbreitet war. Nun geht weder ein Bürger noch einer, der sich dergleichen leisten kann, in ein klassisches Konzert, da sind zwei- bis vierhundert Öcken schnell weg, und da ist noch nicht mal der Sekt in der Pause mit drin. Für vierhundert kann einer allerdings die verbliebene Klassik-Abteilung vom Müller aufkaufen, jedenfalls die relevanten CDs. Und von denen hat er länger als zwei Stunden was.

Ist doch gut? Ja, zuerst schon — für eine Gesellschaft, denen Kunst nicht einfach nur nichts wert ist, sondern die seit einigen Jahrhunderten gegen ihre Geistesarbeiter vorgeht: durch Aushungern, Verunglimpfen, Ausgrenzen — ein politisch gewünschtes, funktionierendes Mobbing. Eine Gesellschaft, die sich den eigenen Kopf absägt.

Zu den Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux wird immer betont, aus welch hochstehender Zivilisation sie nur entstehen konnten. Wenn uns das heute wieder reicht — okay. Jedenfalls hört man von den Leuten aus der Jungsteinzeit weniger Klagen als von den um ihr Leben geigenden Familienvätern und den immer verzweifelt ratlos wirkenden Schulmädchen im YouTube-Orchester. Und in dem gibt’s die Jahrhundertaufnahmen gratis, hurra, zum gleichen Preis wie im Paläolithikum, als die Schamanen legal kiffen und dabei mit den Honoratioren am selben Höhlenbärenfell sitzen durften.

Kann man schon machen. Muss man halt wollen.

Soundtracks: Beethoven: Fünfte, einmal unter Otto Klemperer 1970, einmal unter Chung Myung-Whun 2013:

Maximilianstraße

Alix, München, 23. März 2013, blog-amm.comDen entscheidenden Tick
zu lange gemusterte
Markenjeans,

den entscheidenden Tick
zu bemühte hochhackige
Sandalenstiefel:

Die Sommersaison ist
entweder in der
Staatsoper

der Eintritt höher
oder im P1
niedriger.

~~~\~~~~~~~/~~~

Buidl: Frau Alix in München, 23. März 2013, aus dem blog-amm.com, den es nicht mehr gibt.
Paisley-Jeans, Peetoe-Boots und Schneeleopardentasche: Zara.
Die Straße scheint mir einer der ruhigeren Aufgänge am Giesinger Berg.
Meine eigenen Models halten nämlich nie still.

Ernstfall-Video: Secret Fashion Show Vol. 7, Mai 2017. Keine dreieinhalb Minuten, aber nichts für schwache Nerven:

Soundtrack zum Entgiften, weil Musik ja auch Spaß machen soll: Sportfreunde Stiller: Tage wie dieser, aus: Die gute Seite, 2002, mit allerhand glaubwürdigen Münchner Ansichten:

Das Ende der Kunst

“Wieso spielst du eigentlich gar nicht mehr auf deiner Gitarre?”

“Meiner was?”

“G-i-t-a-r-r-e. Der Holzscheit unter der Staubschicht da an der Wand.”

“Wann denn?”

“In deiner Freizeit.”

“Meiner was?”

“F-r-e-i- … Ach komm. Ich hab einen Mann mit Gitarre geheiratet.”

“Das war sehr mitfühlend, aber nicht sehr umsichtig von dir.”

“Gedichte und so was alles schreibst du auch nicht mehr.”

“Vertonst du mir eins?”

“Machst keine Fotos mehr.”

“Ich bin nicht mal sicher, ob ich noch aufladbare Akkus hab, die in die Kamera passen.”

“Zeichnest nicht mehr.”

“Ich sauf ja auch nicht mehr.”

“Willst du sagen, dass du ohne Alkohol nicht fröhlich und kreativ sein kannst?”

“Doch, aber nicht besoffen.”

“Wieso eigentlich nicht? Du kannst doch auch beim Essen mehr schwitzen als beim Arbeiten.”

“Weil ich nicht mal das Wort kreativ nüchtern aushalt.”

“So wird das freilich nix mit einem kreativen Zustand.”

“Was aussagt, dass meine künstlerischen Bemühungen nichts sind, das in der Welt sein sollte, sondern etwas, das eine faule, besoffene Sau ausschwitzt.”

“Das hast du gesagt.”

“Einer muss es tun.”

“Das war sehr kreativ, aber nicht sehr umsichtig von dir.”

“Gern geschehen.”

Soundtrack: Keni Lee Burgess und Schwager: Sweet Home Chicago auf zwei Cigar-Box-Klampfen, 5. Dezember 2009:

Deine neue Schlampe

Alexa versteht jetzt auch Liedertexte. Slayer und norwegischer Death Metal sind noch early Alpha, dafür werden die meisten Texte von Morrissey und The Cure schon zuverlässig an die Psycho-Hotline weitergeleitet. Bei Bibi schaltet Alexa automatisch den Jugendschutz ein, d. h. für Kontoabbuchungen muss das Passwort von einer männlichen Stimme gesprochen werden.

Empirisch ungesichert bleibt vorerst, was passiert, wenn Liedertexte missverständliche Anweisungen erteilen und wenn sich Alexa mit Siri anlegt.

Missverständliche Anweisung: Hatebreed: Destroy Everything, aus: Supremacy, 2006,
offizielles Live-Video vom With-Full-Force-Festival 2007, Ferropolis bei Gräfenhainichen.

Obwohl ich arm bin, kann ich in meiner Bude Fahrrad fahren

Zahlen! Die kann man so oder so sehen!

Majestix.

In Europa gibt es 4,1 Millionen Obdachlose. Und 11 Millionen leerstehende Häuser. Nicht Wohnungen. Häuser.

Da gibt es jetzt die einen, die sagen, na super, dann müsste es ja kein Problem geben, es ist auf der Welt alles für alle da, es ist nur scheiße verteilt.

Und dann gibt es die anderen, die sagen, na super, in Europa kriegt jeder Penner drei Häuser in den Arsch geschoben. Also statistisch jetzt.

Und dann gibt es uns, die sich vor lauter eigengenutztem Wohneigentum nicht mehr aus dem Haus trauen, weil das Geld kosten könnte, das hinterher an der Wohnungsrate fehlt, weil wir immer noch aufs Daheimbleiben sparen und nicht aufs In-der-Weltgeschichte-Herumhupfen, und weil in der Statistik wieder nicht dringestanden ist, ob die 11 Millionen leerstehenden Häuser mit unverbaubarem Meerblick an der Côte d’Azur, in Giesing zwei Minuten von der U-Bahn oder an einem stechmückenverseuchten Tümpel in Nordfinnland leerstehen, und wie viele Obdachlose pro wie viele Wohungen pro Haus da reinpassen und wie weit sie von da pendeln müssen, um die Miete zu erschwingen. Und ob Wohnen jetzt Menschenrecht ist oder nicht und wenn ja, warum es keiner umsetzt.

Mal so zum Beispiel:

Exquisiter Lebenstraum auf 2 Ebenen: 4 Zi. DG-Altbaujuwel mit Galerie & Balkon

Kapuzinerpl. 5, 80337 München, Deutschland

3.400€· Altbauwohnung (Zu vermieten)

TRAUMWOHNUNG NAHE GLOCKENBACH: HERRLICHE TOP SANIERTE 5 ZI. ALTBAU-WOHNUNG, PARKETT, STUCK & BALKON

Idyllisches Schmuckstück in der »Isarvorstadt« nahe Glockenbach

OBJEKTBESCHREIBUNG

Inspirierender Freiraum auf zwei Ebenen nahe des begehrten Glockenbach Viertels – Ein Stück Luxus vom Feinsten, den man sich gönnen sollte…!

Diese faszinierende 4 Zimmer Maisonette Wohnung befindet sich hoch oben im 2003 ausgebauten Dachgeschoß eines monumentalen Wohnhauses der deutschen Renaissance inmitten des neuen Trendviertels »Isarvorstadt«. Schon der Anblick der bildschönen Altbaufassade wird Ihr Herz höher schlagen lassen und Ihre Vorfreude auf zauberhaft romantische Tage in Ihrem neuen Zuhause wecken…

Eine optimal mit stilsicherem architektonischen Einfühlungsvermögen durchdachte Grundrissgestaltung mit schönen offenen luftig-hellen und hohen Räumen sowie stilvolle Details bei der Innenausstattung lassen diesen modernisierten Altbautraum zu einem besonderen Wohnerlebnis werden, der Ihre Phantasie und Einrichtungsträume beflügeln wird.

Sicherlich wird diese schöne Wohnung auch Ihr Herz höher schlagen lassen. Bitte begleiten Sie uns auf eine Besichtigung und lassen Sie den Charme der Wohnung bei einem persönlichen Besichtigungstermin auf sich wirken! Dann werden wir sehr gerne auch Ihre Wohnträume wahr werden lassen.

Verlockende Lichtspiele und traumschöne Gestaltungsmöglichkeiten

AUSSTATTUNG

Ein imposantes hölzernes Tor mit schmiedeeisernen Beschlägen eröffnet den Zugang zu einem idyllischen Innenhof. Ein moderner Lift führt Sie hinauf in den 5. Stock zu einer repräsentativen Wohnung mit lichtdurchfluteten Räumen. Schon beim Betreten dieses stilvoll modernisierten Altbau-Traums wird Ihnen schnell klar, hier eine ganz besondere Wohlfühlidylle gefunden zu haben!

Charmante Dachschrägen und eine bezaubernd schöne hölzerne Balken-, Säulen- und Schrägen-Architektur prägen den stimmungsvollen Charakter dieser großzügig geschnittenen Galerie-Wohnung. Die Ausstattungsmerkmale sind in Design, Technik und Farbwelten auf höchste Ansprüche hin ausgelegt worden. Der ursprüngliche Glanz vergangener Zeiten wurde stilvoll und gekonnt restauriert und gelangt zu neuer Blüte: Neben den historischen Stilelementen kultivieren modernisierte Ausstattungsmerkmale wie auch eine Fußbodenheizung die gehobene neuzeitliche Wohnqualität. Das inspirierende Farbkonzept des wundervollen Eichenparketts im stimmungsvollen Wechselspiel mit den naturbelassenen oder weiß lackierten hölzernen Balken und Säulen unterstreicht die natürliche Note des edlen Dachgeschoß.

Es empfängt Sie stilvoll ein Entrée mit separater Garderobenmöglichkeit. Ein von Licht durchflutetes Wohn- und Esszimmer mit angrenzender offener komplett ausgestatteter Küche ist das Herz dieser malerischen Dachwohnung. Es besticht durch seine optimale Raumaufteilung mit hoher Raumhöhe und lädt genußvoll zum glamourösen Tafeln wie auch zum wohltuend relaxten Loungen ein. Von hier gelangen Sie auch auf den entzückenden Balkon mit einem weiten hellen Blick über die Dächer und in den Himmel. Lauschen Sie dem fröhlichen Zwitschern der Vögel und kreieren Sie hier Ihre ganz persönliche kleine Stadtidylle mit einem prachtvoll blühenden und verführerisch duftenden Blumenparadies… einen zauberhaften Ort mit verwunschenem Charme, der Ihre Gäste begeistern und Sie den Rest der Welt vergessen lässt!

Auf dem ersten Level befindet sich auch ein charmantes Schlafzimmer sowie ein strahlend weiß gefliestes Badezimmer mit Fenster, Badewanne, zusätzlicher Dusche und Doppelwaschbecken, welches Ihnen schon in den Morgenstunden fröhlichen Genuss und gute Laune schenken wird. Gleich am Eingang der Wohnung befindet sich ein zusätzliches, ebenso stilvoll ausgestattetes Gäste-WC.

Der Blick schweift weiter die Treppe hinauf zur offenen Galerie. Hier erwartet Sie ein weiteres großes Zimmer mit viel Charme und tollen Blickspielen. Ein idealer Platz für ein wunderbares zweites Schlaf- oder Kinderzimmer, eine stilvolle Privatbibliothek oder ein poetisch künstlerisches Refugium mit Loungebereich und einem kleinen Schreibtisch… Auch hier erwartet Sie ein strahlend weiß gefliestes Badezimmer mit Badewanne.

Der Bereich auf der zweiten Ebene ist mit einem grauen Teppich ausgestattet. Er verfügt über einen separaten eigenen Eingang. Eine praktische Abstell- und Wirtschaftskammer rundet das Angebot der Wohnung ab.

State of the Art: modernisierter Altbautraum

– Bildschöne Altbaufassade

– Inspirierender Freiraum auf zwei Ebenen: innerstädtische Wohnoase mit großzügiger Weitläufigkeit

– Offene luftig-helle Räume mit besonderer Deckenhöhe und Galerie

– Charmante Dachschrägen und eine bezaubernd schöne hölzerne Balken-, Säulen- und Schrägen-Architektur

– Moderne offene Wohnküche mit EBK

– Frühstücksbalkon mit einem weiten hellen Blick über die Dächer und in den Himmel

– Zwei Tageslichtbäder sowie ein separates stilvolles Gäste-WC mit Fenster

– TG Stellplatz möglich

Stimmungsvolle Perspektiven auf der Galerie

LAGE: BESTE MÜNCHENER INNENSTADTLAGE IN DER ISARVORSTADT

Der Kapuzinerplatz liegt in dem begehrten Münchner Viertel »Isarvorstadt«. Die »Isarvorstadt« mit ihrem Glockenbach-, Gärtnerplatz-, Schlachthof- und Dreimühlenviertel zählt zu den trendigsten und begehrtesten Wohnlagen in München. Benannt nach einem alten Kapuzinerkloster verzaubert diese Lage am Kapuzinerplatz jeden, der das städtische Leben inmitten eines eindrucksvollen Surroundings voller denkmalgeschützter Häuser mit allen Vorzügen facettenreich genießen möchte.

Sie wohnen in dem angebotenen Anwesen inmitten des lebendigen Treibens der Münchner Innenstadt direkt zwischen Kapuzinerplatz, Goetheplatz und den erst kürzlich herrlich renaturierten Isarauen mit ihren vielfältigen Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten. In nur wenigen Minuten mit dem Rad oder zu Fuß können Sie von hier gemütlich die Isar erreichen. Auf der anderen Seite ist das Viertel vom Grüngürtel der Theresienwiese begrenzt, sodaß auch ein Besuch der »Münchner Wiesn« auch mal schnell zu Fuß möglich ist.

Weitere bedeutende Orte im »Isarvorstadt-Viertel« sind das weltberühmte Deutsche Museum und der alte aufgelassene südliche Friedhof, auf dem berühmte Persönlichkeiten wie Carl Spitzweg, Leo von Klenze oder Ferdinand von Miller (Erzgiesser der Bavaria auf der Theresienwiese) ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Im »Isarvorstadt-Viertel« finden Sie auch zahlreiche bekannte Gaststätten und Theater wie das »Fraunhofer«, das »Mariandl« und vor allem die köstlich bayerische Traditionsküche des »Paulaner Bräuhaus« mit seinem wunderbaren Biergarten im begrünten Innenhof des Kapuzinerplatzes.

Daß inmitten dieser verführerischen Lebendigkeit und des Verkehrsaufkommens der Großstadt München eine Nachtruhe vor 22.00 Uhr nicht immer möglich ist, darf hier den Bewohner nicht stören. Dafür profitiert er von der Top Lage und den optimalen Verkehrsanbindungen in alle Stadtteile Münchens. In unmittelbarer Nähe finden Sie sämtliche Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf, eine Bäckerei und Konditorei, eine Apotheke, Banken, Restaurants, Cafés und In-Bars, Kino, Ärzte und Kliniken usw… In nur wenigen Minuten erreichbar sind der Stachus, Hauptbahnhof, Fußgängerzone und der Marienplatz ebenso wie die U-Bahn-Stationen U3 und U6, die Busverbindungen N 40 (auch nachts) und 58 sowie ein Taxistand.

DETAILS IM ÜBERBLICK

Baujahr: 1892
Heizungsart: GET

Miete pro Monat: 3.400,- € Grundmiete
zzgl. Nebenkosten: 300,- € zzgl. Heizung und Warmwasser
Wohnfläche ca. 206,25 m²

Qualität der Ausstattung: Gehoben
Schlafzimmer: 2
Badezimmer: 2,5
Keller: Nein

Energieausweis laut Gesetz nicht erforderlich

NEUGIERIG GEWORDEN?

Wenn wir Ihre Leidenschaft für dieses erlesene Juwel der Jahrhundertwende geweckt haben, wäre es uns eine ganz besondere Freude, Sie Ihrem Ziel der Wohnungsfindung näher bringen zu dürfen.

Bitte bewerben Sie sich dazu mit ein paar aussagekräftigen Informationen das Mietverhältnis betreffend per E-Mail […] und wir sind Ihnen gerne behilflich! […]

***Die Kosten für Warmwasser und Heizung werden über die autarke Gastherme mit einem großen Wärmetauscher für Warmwasser und Heizung vom Mieter direkt mit dem Energieversorger abgerechnet. Erfahrungsgemäß betragen diese Kosten ca. € 1,20 /m2 monatlich zusätzlich und sind vom individuellen Verbrauch abhängig.***

Charmante Dachschrägen und eine bezaubernd schöne hölzerne Balken- und Säulenarchitektur

Und? Noch wach? Dabei hab ich bis jetzt den ganzen Eintrag lang noch nichts selber erfunden.

Und sehen Sie, mir wäre das Wichtigste auch fast entgangen: Die Dreieinhalbtausend sind ein Mietzins, den man jeden verschissenen Monat wieder von vorne aufbringen muss. Nicht für ein Haus. Für eine Wohnung. Die einem für den Preis nach hundert Jahren immer noch nicht gehört.

Und das Wichtigste: Der charmante Balkon, oder was da über der Paulanerbeize angeschraubt sein soll, der ist von der gegenüberliegenden Agentur für Arbeit, wo sich der Pöbel täglich ab 7 Uhr um Münchens letzte 450-Euro-Jobs balgt und allerhand Kopfsteinpflaster zur Hand hat, nicht einsehbar.

11 Millionen. Nachdem ich das alles weiß, neige ich, wenn ich schon die Auswahl hab, eventuell doch zu der Ansicht, dass auf der Welt alles für alles da ist, nur eben, sagen wir, eigenwillig verteilt, aber wissen kann man nix.

Kann man sich’s wieder aussuchen, gell.

Soundtrack: Milk auf Ex: Fahrrad, aus: Platte des Monats, 1997:

Beiträge zur kulturellen Ökumene

Im evangelischen Brauchtum heißen die Sonntage zwischen Ostern und Pfingsten der Reihe nach: Quasimodogeniti, Misericordias Domini, Jubilate, Kantate, Rogate oder Vocem jucunditatis und Exaudi. — Eine typische musikalische Begleitung dazu sind die geistlichen Kantaten des verstorbenen Protestanten Johann Sebastian Bach — beispielsweise diejenigen zum Sonntag Jubilate: Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV 12 von 1714, Ihr werdet weinen und heulen, BWV 103 von 1725 und Wir müssen durch viel Trübsal, BWV 146 von 1726.

Im katholischen Brauchtum heißt die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten “zwischen Ostern und Pfingsten” und dient dazu, die ersten Frühlingskirchweihen abzufackeln, damit jedes Kuhkaff, das sich eine Kneipe leisten kann, einen Schnitt macht, und damit die städtischen Kahlfresser pro Sonntag bis zur Fürther Michaeliskirchweih im Oktober nicht mehr als drei bis vier Kirchweihen wegfeiern müssen, wenn sie auf jeder mindestens drei Maß Bier auflesen wollen. — Eine typische musikalische Begleitung dazu sind Lieder wie “Wou is denn des Gerchla? Gerchla is fei net dahamm. Gerchla is auf Kerwa, frisst die ganzen Bratwürscht zam”, “Und der Pfarrer von Speyer hat gläserne Eier. Wos maanst, wie des klimpert, wenn der aane pimpert?” und “Zwetschgakern, Zwetschgakern, Maadla, lou dei Bumbl schern“.

Discuss.

Veganer Bonus Track:

Nostradamus and Jesus and Buddha and me (and Hawking)

Entwarnung für alle: Niemand muss mehr Angst vorm Dritten Weltkrieg haben.

Draufgekommen ist Andreas Maier in der Titanic:

Beruhigend (1756-1763)

Als studierter Historiker kann ich allen Menschen, die sich davor fürchten, daß demnächst der dritte Weltkrieg ausbricht, eine sehr erfreuliche Mitteilung machen: es ist der vierte.

Die Titanic ist ein Satiremagazin und deshalb in höchstem Grade glaubwürdig. Satiriker sind nämlich die einzigen, die ausdrücklich fürs Lügen bezahlt werden. Nicht trotzdem, sondern deswegen sind sie die ersten, die fürs Lügen belangt werden.

Auch sonst spricht einiges dafür:

Der Krieg wurde in Mitteleuropa, Portugal, Nordamerika, Indien, der Karibik sowie auf den Weltmeeren ausgefochten, weswegen er von Historikern gelegentlich auch als ein Weltkrieg angesehen wird.

Dazu die nötige Fachliteratur:

Hurra, gell? Auch Stephen Hawking macht uns Hoffnung und verspricht uns noch hundert Jahre, bis wir die Erde unbewohnbar gebracht haben. Zum Vergleich: Im November 2016 sprach der Mann noch von tausend Jahren. Wenn sich das aller halbe Jahre auf ein Zehntel runterkocht, leben wir alle mathematisch gerechnet ewig, sind aber praktisch übermorgen tot.

Menschheit als Konzept gibt es seit zwei Millionen Jahren. Das heißt, man darf langsam recht zügig überlegen, was man auf das letzte Zwanzigtausendstel seiner restlichen Lebenszeit noch anstellen will. Vielleicht noch das eine oder andere Milliönchen oder Milliärdchen Schweine, Kühe, Hühner und Heringe einkesseln und zu Tode foltern, um sie hinterher in die Biotonne zu stampfen oder zum Scheißhaus runterzuspülen. Mit Trinkwasser. Oder wie von Herrn Hawking konstruktiv vorgeschlagen, endlich den Mars als Bauerwartungsland auf den Markt zu werfen, was nur ein paar Jahrzehnte vom verbleibenden Jahrhundert dauert. Wenn man sofort anfängt. Oder Alpha Centauri. Dahin dauert die Anreise allerdings schon dreißgtausend Jahre. Man hätte also im Laufe des Holozäns aufbrechen und unterwegs das Raumschiff verwüsten müssen. Mit Laserschub dauert’s schlanke zwanzig Jahre, allerdings braucht man dazu mehrere tausend Atomkraftwerke. Für ein einziges Raumschiff. Irgendwas ist ja immer.

Bleibt also noch ein bissel fachsimpeln, der wievielte Weltkrieg das genau ist, der jeden Moment losbricht, das Rauchen aufhören, sich endlich die große Blonde aus der Parallelklasse damals ins Bett wuchten, feste besaufen, ein Arschgeweih stechen lassen und Marcel Proust lesen.

Soundtrack: Bob Geldof: The Great Song of Indifference,
aus: The Vegetarians of Love, 1990,
weil The End of the World kein anständiges Video hat:

Wir sind < 95 Thesen

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

Karl Valentin, Zuschreibung.

——— Dr. Thomas de Maizière:

Leitkultur für Deutschland — Was ist das eigentlich?

in: Bild am Sonntag, 30. April 2017, via Bundesministerium des Inneren:

[…] Ich will mit einigen Thesen zu einer Diskussion einladen über eine Leitkultur für Deutschland.

  1. Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Bei Demonstrationen haben wir ein Vermummungsverbot. “Gesicht zeigen” – das ist Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders. Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei unseren Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken. Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.
  2. Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument. Schüler lernen – manchmal zu ihrem Unverständnis – auch das, was sie im späteren Berufsleben wenig brauchen. Einige fordern daher, Schule solle stärker auf spätere Berufe vorbereiten. Das entspricht aber nicht unserem Verständnis von Bildung. Allgemeinbildung hat einen Wert für sich. Dieses Bewusstsein prägt unser Land.
  3. Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: Im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft. Wir fordern Leistung. Leistung und Qualität bringen Wohlstand. Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht. Wir leisten auch Hilfe, haben soziale Sicherungssysteme und bieten Menschen, die Hilfe brauchen, die Hilfe der Gesellschaft an. Als Land wollen wir uns das leisten und als Land können wir uns das leisten. Auch auf diese Leistung sind wir stolz.
  4. Wir sind Erben unserer Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen. Unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Kultur. Wir sind Erben unserer deutschen Geschichte. Für uns ist sie ein Ringen um die Deutsche Einheit in Freiheit und Frieden mit unseren Nachbarn, das Zusammenwachsen der Länder zu einem föderalen Staat, das Ringen um Freiheit und das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte. Dazu gehört auch ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels.
  5. Wir sind Kulturnation. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland. Deutschland hat großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der ganzen Welt genommen. Bach und Goethe “gehören” der ganzen Welt und waren Deutsche. Wir haben unser eigenes Verständnis vom Stellenwert der Kultur in unserer Gesellschaft. Es ist selbstverständlich, dass bei einem politischen Festakt oder bei einem Schuljubiläum Musik gespielt wird. Bei der Eröffnung eines großen Konzerthauses sind – wie selbstverständlich – Bundespräsident, Vertreter aus Regierung, Parlament, Rechtsprechung und Gesellschaft vor Ort. Kaum ein Land hat zudem so viele Theater pro Einwohner wie Deutschland. Jeder Landkreis ist stolz auf seine Musikschule. Kultur in einem weiten Sinne, unser Blick darauf und das, was wir dafür tun, auch das gehört zu uns.
  6. In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft. Dafür stehen in unserem Land die Kirchen mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die Gesellschaft. Sie stehen für diesen Kitt – sie verbinden Menschen, nicht nur im Glauben, sondern auch im täglichen Leben, in Kitas und Schulen, in Altenheimen und aktiver Gemeindearbeit. Ein solcher Kitt für unsere Gesellschaft entsteht in der christlichen Kirche, in der Synagoge und in der Moschee. Wir erinnern in diesem Jahr an 500 Jahre Reformation. Für die Trennung der christlichen Kirchen hat Europa, hat Deutschland einen hohen Preis gezahlt. Mit Kriegen und jahrhundertelangen Auseinandersetzungen. Deutschland ist von einem besonderen Staat-Kirchen-Verhältnis geprägt. Unser Staat ist weltanschaulich neutral, aber den Kirchen und Religionsgemeinschaften freundlich zugewandt. Kirchliche Feiertage prägen den Rhythmus unserer Jahre. Kirchtürme prägen unsere Landschaft. Unser Land ist christlich geprägt. Wir leben im religiösen Frieden. Und die Grundlage dafür ist der unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben.
  7. Wir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten. Der Kompromiss ist konstitutiv für die Demokratie und unser Land. Vielleicht sind wir stärker eine Konsens orientierte Gesellschaft als andere Gesellschaften des Westens. Zum Mehrheitsprinzip gehört der Minderheitenschutz. Wir stören uns daran, dass da einiges ins Rutschen geraten ist. Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig. Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen und wer dies ablehnt, stellt sich außerhalb eines großen Konsenses. Gewalt wird weder bei Demonstrationen noch an anderer Stelle gesellschaftlich akzeptiert. Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt.
  8. Wir sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere. Auch wir Deutschen können es sein. “Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s. Und das Liebste mag’s uns scheinen, so wie andern Völkern ihr‘s”, so heißt es in der Kinderhymne von Bert Brecht. Ja, wir hatten Probleme mit unserem Patriotismus. Mal wurde er zum Nationalismus, mal trauten sich viele nicht, sich zu Deutschland zu bekennen. All das ist vorbei, vor allem in der jüngeren Generation. Unsere Nationalfahne und unsere Nationalhymne sind selbstverständlicher Teil unseres Patriotismus: Einigkeit und Recht und Freiheit.
  9. Unser Land hatte viele Zäsuren zu bewältigen. Einige davon waren mit Grundentscheidungen verbunden. Eine der wichtigsten lautet: Wir sind Teil des Westens. Kulturell, geistig und politisch. Die NATO schützt unsere Freiheit. Sie verbindet uns mit den USA, unserem wichtigsten außereuropäischen Freund und Partner. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer. Deutsche Interessen sind oft am besten durch Europa zu vertreten und zu verwirklichen. Umgekehrt wird Europa ohne ein starkes Deutschland nicht gedeihen. Wir sind vielleicht das europäischste Land in Europa – kein Land hat mehr Nachbarn als Deutschland. Die geographische Mittellage hat uns über Jahrhunderte mit unseren Nachbarn geformt, früher im Schwierigen, jetzt im Guten. Das prägt unser Denken und unsere Politik.
  10. Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen. Das Brandenburger Tor und der 9. November sind zum Beispiel ein Teil solcher kollektiven Erinnerungen. Oder auch der Gewinn der Fußballweltmeisterschaften. Regionales kommt hinzu: Karneval, Volksfeste. Die heimatliche Verwurzelung, die Marktplätze unserer Städte. Die Verbundenheit mit Orten, Gerüchen und Traditionen. Landsmannschaftliche Mentalitäten, die am Klang der Sprache jeder erkennt, gehören zu uns und prägen unser Land.

Was folgt nun aus dieser Aufzählung? Manches mag fehlen, anderes kann hinzukommen. […]

Stimmt:

  1. “Wir” benutzen sehenden Auges Weblog-Themes, bei denen Blockquote automatisch kursiv dargestellt wird.
  2. Wir haben keinen Schimmer, wer “wir” sein soll, schreiben es aber in öffentlichen Äußerungen hin, wenn keiner so genau wissen muss, um wen es gerade geht.
  3. Wir benutzen die Bezeichnung für unser Land als Schimpfwort. Oder
  4. als Ausrede, wenn wir sonst nichts haben, auf das wir stolz sein könnten.
  5. Wir schließen die deutsche Sprache konkludent von der Leitkultur aus. Jedenfalls ist es Leuten in Berufen mit angeblicher Vorbildfunktion gestattet, Sätze wie “Wir sind nicht Burka” zu bilden und zu verbreiten. Verdammt, wie oft noch: Obervolta heißt schon seit 1984 nicht Burka, sondern Burkina Faso, was nicht Bundesrepublik bedeutet, sondern Vaterland der ehrenwerten Menschen.
  6. Wir brechen reflexartig in lange totgesagte Gratiswitzchen aus, wenn jemand “unsere” Kultur erwähnt. In diesem Sinne: Dichter, Denker, Goethe, Schiller, Socken, Sandalen, Blasmusik, Feinrippunterwäsche, Fußball, Hitlergruß, Jägerzaun, Kehrwoche,
  7. grüß Gott.

PS: Ich bin auch keine Burka. Ich bin eine schwarze Jeans, 36/36.

Und nochmal verständlich:

Nicht genug Tumult

Angenommen, dass Post reinkommt von einer bedeutenden Anstalt des öffentlichen Rechts, etwa von einem großen bayerischen Rundfunk, nehmen wir an, des Wortlauts:

Sehr geehrter Herr Wolfster [Name geändert],

für einen Radiobeitrag über Luther und die Alltagsprache suchen wir einen Werbetexter als Interviewpartner, der ausprobieren möchte, ob typische Lutherzitate (“Hier stehe ich, ich kann nicht anders!”) auch heute als Werbetext funktionieren.

Falls Sie Interesse haben, können Sie mich gerne kontaktieren.

Mit freundlichen Grüßen,
[Name]
[Firma]
Religion und Orientierung

Angenommen, sagte ich, dass solche Post reinkommt, was sagt man da bloß? — Zum Beispiel wird man irgendwas zwischen dienstlich, freundlich und satirisch und sagt:

Sehr geehrte Frau [Name],

das ehrt mich, dass Sie da auf mich kommen.

Leider bin ich als Werbetexter eine zu kleine Nummer, um zu entscheiden, ob ein Werbetext funktioniert oder nicht. Was Werbezielkontrolle ist, wissen Sie besstimmt besser als ich; ich arbeite ja nur kreativ.

Das bedeutet, ich liefere nur Texte, die bestellt werden, und möglichst genau so, wie es vom Kunden gesagt wird, genau das wird bezahlt. Für mich hat ein Werbetext dann funktioniert, wenn ich ihn an einen Kunden verkaufen konnte, mit fachlichen Erwägungen, gar der Hoffnung, dass der bezahlte Werbetext dem Werbekunden (nicht zu verwechseln mit der Zielgruppe “Endverbraucher“) nützen könnte, hat das nicht zwingend etwas zu tun.

Ehrlicherweise wird Ihnen da kein Werbetexter etwas anderes erzählen können. Ich selbst kann Ihnen recht zuverlässig voraussagen, dass ein Werbetext, der Lutherzitate verwendet, an keinen Werbekunden zu vermitteln ist (außer für die letzten freien Fremdenzimmer in Eisleben, Wittenberg und Eisenach o. ä., und das nur noch bis ca. Ende August, wg. Druckvorlaufzeiten). Wenn schon Zitate, dann muss die Idee dazu vom Werbekunden stammen und typischerweise die bewährten Bonmots von Oscar Wilde und Coco Chanel verwenden.

Damit will ich nichts gegen den Dr. theol. Luther gesagt haben, der es als hoffentlich einziger ausgewiesener und praktizierender Antisemit zu unseren privaten Hausheiligen gebracht hat (o Gott, wenn er das wüsste…). Für die Nachprüfung meiner 8. Klasse Gymnasium musste ich die Bedeutung der Lutherschen Bibelübersetzung nachweisen, um nicht Bayerns einziger Schüler zu werden, der wegen Geschichte sitzen bleibt. Das hat funktioniert, allein deswegen bin ich dem Manne zu Dank verpflichtet.

Angeblich soll sich die 2017er Bearbeitung der Lutherbibel wieder Luther angenähert haben, bei Hugendubel geprüft habe ich das noch nicht. Es wäre ihm aber zu wünschen, weil alle Bearbeitungen seit 1912 nur noch ein Graus waren, was sich auf Wunsch belegen lässt. Wo immer es geht, verwende ich Letzte Hand 1545, wo es jemand verstehen soll, meine alte Senfkornbibel, die eine 1984er Revision ist. Hilft ja nix.

“Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?” Das soll von Luther sein, ist aber zur Zeit nur von Günter Scholz, C.H. Beck 2016 nachweisbar. Soviel zu Lutherzitaten.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Suche und würde durchaus gern erfahren, wann ein Ergebnis gesendet wird: Radio rockt.

Mit freundlichen Grüßen,
Wolfster [Name geändert]
Bayern-2-Kunde, Werbetexter, Bibelschmökerant et al. pp.

Zu wenig dienstlich? Dann war’s schon richtig, ist ja ein privater Weblog. Trotzdem enttäuschend:

Sehr geehrter Herr Wolfster [Name geändert],

vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir werden den Beitrag wahrscheinlich an Pfingsten senden. Vorausgesetzt vorher passiert nicht irgendein Luther-Sprachboom. Uns ging es jetzt in erster Linie um Begriffe wie “Sündenbock”, “Machtwort” und ähnliches, die wir benutzen ohne zu wissen woher sie kommen.

Bestimmte Zitate zum Beispiel “Hier stehe ich, ich kann nicht anders” waren (auf Kondomen aufgedruckt) in diesem Jahr aber schon mal Teil einer Werbekampagne der evangelischen Jungkirche. Leider wurde die Aktion umgehend von der eigentlichen Kirche verboten. Sie hätte vielleicht ganz gut funktioniert.

Schade, dass ich Sie nicht Interviewpartner gewinnen konnte. Ihre Hinweise warum es funktioniert oder nicht wären auch sehr gut als O-Ton.

Mit freundlichen Grüßen,
[Name]
[Firma]
Religion und Orientierung

Ich als O-Ton. Vielleicht besser so, dass die freundliche Dame mich noch nie reden gehört hat.

Soundtrack ist natürlich was Evangelisches: die Entdeckung des Monats: Konzert für vier Cembali von Bach, BWV 1065 mit pädagogischem Schlussteil und vor allem einer rothaarigen Bassistin:

Norwegen darf nicht türkisch werden

Um aktuelle Ereignisse zu verstehen, muss man gar nicht immer bis 1933 zuirückschauen. Genausogut könnte man erst mal sinnieren, was der gebürtige Tallinner Robert Gernhardt anno 1977 über Münchner Biergärten zu lästern hatte. “Könnte, nicht müsste”, wie er selber sagt.

——— Robert Gernhardt:

Erlebnis in einem Biergarten

aus: Die Blusen des Böhmen. Geschichten, Bilder, Geschichten in Bildern und Bilder aus der Geschichte, 1977:

Es war in einem Münchner Biergarten, da trat ein Fremder an den Tisch eines der dort Sitzenden, den wir einmal Balser nennen wollen, lupfte höflich seinen Hut und bat um eine Unterschrift. Es ginge da um einen Aufruf des Inhalts, daß Norwegen nicht türkisch werden dürfe, wenn der Herr bitte hier unterschreiben würde.

“Aber wieso soll Norwegen denn türkisch werden?” fragte Herr Balser erstaunt.

“Das soll’s ja gerade nicht werden. Daher mein Aufruf. Wenn Sie also Ihre Unterschrift…”

“Sie verstehen mich nicht ganz. Gibt es denn irgendwelche Anzeichen dafür, daß Norwegen türkisch werden könnte?”

“Wenn hier jemand jemanden nicht versteht, dann sind ja wohl Sie es”, antwortete der Fremde, nun schon eine Spur lauter. “In meinem Aufruf steht nicht, daß Norwegen nicht türkisch werden kann, sondern daß es nicht türkisch werden darf. Und ich hoffe doch sehr, daß auch Sie dieser Meinung sind…”

“Ich?”

“Oder wollen Sie, daß Norwegen türkisch wird? Wollen Sie, daß die türkische Flotte Norwegen heimsucht? Daß über Oslo der Halbmond weht? Daß die wackeren Fischer der Lofoten in Zukunft Allah huldigen müssen? Soll das alles geschehn? Ja oder nein?”

“Nein”, sagte Herr Balser, “natürlich nicht, aber…” “Na, dann sind wir ja einer Meinung! Wenn Sie jetzt also hier Ihren Namen…”

“Aber — und jetzt lassen Sie mich gefälligst ausreden — aber wie kommen Sie eigentlich darauf, daß die türkische Flotte Norwegen heimsuchen könnte? Erklären Sie mir das doch mal bitte!”

“Die Flotte?” Für einen Moment schwieg der Fremde verdutzt, doch dann hellte sich sein Gesicht auf. “Ach so! Die habe ich doch nur erwähnt, um zu verdeutlichen, wie es aussehen könnte — könnte, nicht müßte –, wenn Norwegen türkisch wird. Denn der Türke kann natürlich auch mit seiner Landstreitmacht anrücken. Via Russland. Finnland und dann über Lappland… Aber…”

“Aber?”

“Aber ob der Russe das gestattet? Ziemlich unwahrscheinlich — oder?”

“Sehr unwahrscheinlich”, bestätigte Herr Balser. “Aber noch unwahrscheinlicher erscheint es mir, daß auch nur irgendein Türke auch nur die geringste Absicht hat, Norwegen zu besetzen. Und daher…”

Doch er kam nicht dazu, diesen Satz zu vollenden. “D’accord!” rief der Fremde mit Nachdruck. “Völlig d’accord! Die Türken — ich bitt’ Sie! Was sollen die denn in Norwegen? Wo sie es doch so schön warm in der Türkei haben! Halten Sie da mal die eisigen Fjorde dagegen, da sieht man doch sofort…”

“Mein Herr!”

“Ja?” fragte der Fremde.

“Mein Herr, wenn Sie selber zugeben, daß die Türken nicht die Absicht…”

“Nicht die geringste Absicht!”

“Nicht die geringste Absicht haben, Norwegen zu besetzen — was soll dann Ihr Aufruf?”

Der Fremde lächelte. “Ich dachte, das sei nun endlich klar geworden. Sie haben selbst zugegeben, daß Norwegen nicht türkisch werden darf. Die Norweger denken sicher ebenso. Die Türken sind, wie wir übereinstimmend feststellten, derselben Meinung, das heißt, daß jeder, aber auch jeder, der seine fünf Sinne beisammen hat, meinen Aufruf unterstützen muß. Wenn Sie also bitte Ihren Georg Wilhelm auf diese gestrichelte Linie…”

“Nein.”

“Nein? Dann wollen Sie also, daß unser germanisches Brudervolk unter der Willkür asiatischer Steppenbewohner…”

“Nein!”

“Na bestens! Bitte, hier ist mein Kugelschreiber, ja… da, auf die gestrichelte Linie… danke schön, Herr… Herr Balser!”

Und mit einem freundlichen Kopfnicken verabschiedete sich der Fremde, um sogleich an einem Nebentisch auf ein älteres Ehepaar einzureden.

“Norwegen”, hörte Herr Balser noch und “Der Türke” …

Soundtrack: The Pogues: Turkish Song of the Damned,
aus: If I Should Fall from Grace with God, 1988: