Sammeln Sie Punkte?

Auf die Frage hab ich bis letzte Woche immer geantwortet: “Ja, im Gesicht.” Danach kennt mich die Kassiererin und fragt nie wieder.

Letzte Woche ist mir beim Warten an der Bushaltestelle eine Paybackkarte zugelaufen. Da ist eine rote Katze drauf, die mich anmiaute: “Nimm mich mit!” Erster Impuls natürlich: ab damit ins Fundbüro, aber wo um Himmels willen ist ein Fundbüro und gibt’s das überhaupt noch? Sonst finde ich immer nur Eurostücke, die sich als Augustiner-Kapseln herausstellen.

Ein Test bei der Kassiererin, die mich schon lange nicht mehr fragt, ob ich Punkte sammle, ergab: Die Paybackkarte mit der roten Katze ist momentan 24 Punkte wert, was 0,24 Euro entspricht, also ungefähr den Anruf beim Fundbüro, um herauszufinden, ob es noch Fundbüros gibt. Unter der roten Katze steht: “dm, Galeria Kaufhof, real,–, Rewe und viele weitere Partner”, auf der Rückseite steht: “Diese Karte ist Eigentum von PAYBACK und dient der Erfassung Ihrer Kundennummer” und eine Kundennummer.

payback.de wirkt wie die Website von jemandem, der sehr viel Geld für eine Website ausgegeben hat und 24 Cent nicht allzu schmerzlich vermissen wird. Ich sammle jetzt weiter Augustiner-Kapseln, vielleicht ist ja mal ein Eurostück dabei.

Soundtrack: Andreas Dorau: Flaschenpfand, aus: Aus der Bibliothèque, 2014:

But first, rebellion.

“Und? Was machst du heut noch?” sag ich.

“Och, die Geschäftsseite umbauen”, sagt Vroni. “Ich muss neue Zielgruppen erschließen.”

“Gut. Versuch mal eine zahlungskräftige.”

“Mach ich ja. Hipster.”

“Gibt’s die noch?”

“Wird’s immer geben. Heißen bloß jedes Wochenend anders.”

“Wieso? Wenn sie sich schon mal ‘Hipster’ gemerkt haben?”

“Weil kein Mensch ein ‘Hipster’ sein will.”

“MIch wundert eher, dass ein Mensch so einen lästigen Fußsack im Gesicht spazieren führen will.”

“Wolf Woif Wolf. Wir schreiben zweitausendachtzehn.”

“Jaja, März.”

“Und Bärte sind durch.”

“Ach. Und was ist dann das, was in der Innenstadt rumläuft?”

“Wahrscheinlich die Münchner Innenstadt.”

“Deine Zielgruppe.”

“Aber das kann man nicht schreiben.”

“Schreib ich halt nix.”

“Lass mich einfach die Geschäftsseite umbauen.”

The Hipster Song: 2010:

Faust in your face

Zwei Seelen, ach, in meiner Brust!
Zwei Brüste, ach, in meiner Seele!

Kathrin Bach, Buchhändlerin und Lyrikerin, Berlin, 4. Oktober 2017.

Da schau her, zu was für Themen wir auf einmal tagesaktuell werden können: Ab heute schmeißen die Münchner Kunsthalle und der Gasteig ein Faust-Festival. Ganz recht gehört: Faust, der von Goethe:

München steht 2018 fünf Monate lang im Zeichen von Goethes berühmtestem Drama. Vom 23. Februar bis 29. Juli 2018 präsentieren mehr als 200 Partner und Institutionen überall in der Stadt ihre Projekte zum Thema “Faust”.

Soweit die Eigenbeschreibung, mit weiteren Küchenhandtuchstickereien wie:

“Faust” ist aktuell, Faust ist der prototypische moderne Mensch – rastlos auf der Suche, jedoch nie am Ziel. Das Drama hinterfragt den Menschen noch immer in seiner Verführbarkeit, Moral und Gesellschaftsstruktur. Seine Fragen sind auch unsere großen Fragen heute.

Wo wollen wir hin in unserem Streben? Was ist unser Preis? Wie weit dürfen wir gehen? Was ist Glück? Die Reise beginnt …

Zu deutsch: Keiner weiß warum. Man verstehe mich recht: Das ist ja dann auch ein feiner Zug von der Kunsthalle und dem Gasteig. Wahrscheinlich muss es 2018 sein wegen des 210-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung, wenn man das Faust-Fragment von 1790 nicht mitrechnet; der “Urfaust” von ungefähr 1775 war schon immer ein Konstrukt, und spätestens seit der revolutionären Ausgabe von Albrecht Schöne 1994 ein überholtes dazu.

In München muss es wahrscheinlich sein wegen Goethes beherzter Flucht aus der Stadt nach seiner ersten, letzten und einzigen Nacht in einem Wirtshaus, das heute ein Hutgeschäft ist, und in dem er sich noch nicht mal besaufen mochte.

Das Maskottchen der Unternehmung ist ein gezeichneter Pudel: der mit dem Kern, also Mephisto persönlich. Und er ist ein Mädchen — wahrscheinlich wegen Bibiana Beglau, die seit 2014 den Mephisto am Residenztheater mit ganz unerhörter Brillanz spielen soll. Und sie heißt Luzi — die Pudeline, nicht die Beglau. Das kommt von Luzifer und soll wohl die Abkürzung von Mephistopheles sein. Vielleicht auch eine Reverenz an die Schauspielerin Lucie Lechner, die sich ihren Namen nicht ausgesucht hat, und wenn doch, dann nicht nach einer diabolisch missverstandenen Variation über die römische Venus, und die einmal als Sponsorin auftritt und dreimal als — nein, nicht als Mephistopheline, sondern als Fäustin. Bei Christopher Marlowe um 1588 war Mephisto noch eine Art Laufbursche von Luzifer, bei Goethe, auf den die Münchner Event-Ballung sich bezieht, fragt er: “Ihr schönen Kinder laßt mich wissen: Seyd ihr nicht auch von Lucifers Geschlecht?” — wenn auch erst im zweiten Teil, den bestimmt kein Mensch in München jemals bis zum Schluss durchgehalten hat — und das wiederum wahrscheinlich, weil zu arg des Geheimrats Rotweinlieferungen aus ihm sprechen und zu wenig gemütliche Bierseligkeit. Aber lass recht sein, “Luzi” klingt ja schon besser als “Mephi”.

München halt. Hauptsache, man kann eine Sekt- und Biertränke daneben hinstellen, gell. Sehen wir’s mal optimistisch: Es werden über 500 Veranstaltungen angedroht. Die können ja schon rein statistisch nicht alle scheiße sein.

Soundtrack: Colum Sands & Scarlett O’Seeboldt: Goethe’s Song, aus: All My Winding Journeys, 1996. Das ist nach “Nähe des Geliebten” von 1795 und deshalb so fern vom “Faust” wie, sagen wir zum Beispiel: eine Zusammenrottung kulturell unterforderter Schwollköpfe im München des 21. Jahrhunderts – und dabei schau ich niemanden an! –, aber wirklich schön:

Ende der Allee

Fassen wir also endlich zusammen: Das Gedicht von Eugen Gomringer geht:

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Auch wenn man für das absichtsvoll schlichte Spanisch mit dem kleinen Latinum auskommt, gibt die deutsche Übersetzung anzuführen besonders viel Sinn, weil Gomringer als bolivianisch-schweizerischer Dichter geführt wird, aber ab 1954 die Konkrete Poesie mitbegründet hat, die sich wesentlich im deutschen Sprachraum — ja, auch in anderssprachigen — äußerte. Avenidas fällt formal und historisch unter die Vorformen der Konkreten Poesie und vermittelt als solche außer einer visuellen Konstellation einen — offensichtlich anfechtbaren — Inhalt und stammt von 1952; gesammelt erschienen ist es 1953 in konstellationen bei der Berner spiral press.

Nun hat sich die glücklose Berliner Alice Salomon Hochschule seit 2011 dazu entschieden, das Produkt eines von ihr selbst ausgezeichneten Dichters öffentlich auszustellen, in dem implizit die Schönheit von Frauen mit der Schönheit von Blumen gleichgesetzt wird. Meinungsstarke und diskussionsfreudige Kräfte haben das missbilligt, weil sie es in gesellschaftsschädigender Weise unzulässig finden, Frauen mit Pflanzen gleichzusetzen.

Da haben sie recht. Das gleiche finde ich auch, das findet bestimmt sogar Eugen Gomringer. Inzwischen haben alle Berufenen und Unberufenen ihre Argumente dafür und dagegen ausgetauscht, das Gedicht an seiner öffentlichen Stelle zu überpinseln. Recht behalten haben die Handwerker, die empfohlen haben, dass die Hauswand 2018 sowieso renoviert gehört. Das hätte nicht einmal dann mit Zensur zu tun, wenn die fragliche Hochschule nicht entschieden hätte, die Preisträger an ihrer Hauswand fortan regelmäßig durchzuwechseln. Nichts mit Zensur, umso mehr mit Hausrecht: Wenn ich schon dafür zuständig bin, die Renovierung zu bezahlen, werde ich wohl an meine Hauswand schreiben dürfen, wozu ich lustig bin; ich selbst liebäugele mit Alle Wässerlein fließen von Friedrich Rückert 1834 oder irgendwas von Gernhardt, wie jeder andere anständige, fühlende Mensch auch.

Mein Hausrecht stieße dann an seine Grenzen, wenn ich jemanden mit meiner Gedichtauswahl beleidigte, zum Beispiel bestehende Gesetze oder irgendwelche meinungsstarken und diskussionsfreudigen Kräfte, die nichts mit Gedichten anfangen können. Weil ich ein guter Nachbar wäre, würde ich freiwillig zusätzlich darauf achten, was ich meinen Mitgeschöpfen zumuten wollte, und nähme von Sachen, die sich gerade nochmal so innerhalb legaler oder Geschmacksgrenzen bewegen, Abstand. Je nach dem Zustand meiner Hauswand fände ich es dann wie die Alice Salomon Hochschule (die ihrerseits offenbar nichts mit Bindestrichen anfangen kann), meine Hütte neu zu streichen, oder eben: mich zu freuen, dass zum ersten Mal nach wie vielen hundert Jahren die schöne Orchidee der Gedichtinterpretation gesellschaftliche Relevanz erhält.

Normalerweise kommen jetzt nämlich welche und sagen: Ach komm, ist doch bloß ein Gedicht. Das war die letzten paar Unterepochen des gesamten Kapitalismus so, und da schau mal her, wie wichtig auf einmal ein 65 Jahre altes Gedicht aus 8 extrakurzen Versen sein kann.

Gedichte, die kann man nämlich, liebe Kinder in und außerhalb Berlin, so oder so sehen. Eure eigene Auslegung, liebe Kinder, ist zulässig. Sie ist aber nicht die weltweit einzige zulässige, sondern eine von über ungefähr acht Milliarden möglichen, allesamt zulässigen Auslegungen. Auch wenn euch die Zahl gerade etwas mutig angesetzt erscheint, versteht ihr vielleicht so, was ich meine. Nicht jede von den acht Milliarden ist nämlich auch sinnvoll, liebe Kinder. Da muss man schon auch vorher schauen, was in dem Gedicht drinsteht, wer es gechrieben hat, wann, unter welchen äußeren Umständen und warum. Das hat euch euer Deutschlehrer doch bis zum Überdruss gefragt, was uns der Autor damit sagen will, stimmt’s? Und der hat euch auch beigebracht, dass es keine Interpretation gibt, die gegen eine andere gewinnen oder verlieren kann, außer sie ist so strunzdoof, dass sie überhaupt keine Interpretation sein kann. Und damit will ich nichts gegen eure Auslegung gesagt haben, denn ich finde, dass sie ihre Qualitäten hat. Ihre political correctness, die ihr gerne geltend macht, zählt nicht dazu.

Seid sicher: Eugen Gomringer wollte uns damals, 1952, bestimmt nicht sagen, dass man Weiber ausrupfen sollte wie Gemüse, er wollte auch keine Frauen herabsetzen, und er wollte ganz sicher nicht zu Gedankenlosigkeit und Nachlässigkeit im menschlichen Umgang aufrufen. Glaubt es ruhig: Der alte Onkel Gomringer (Jahrgang 1925) wollte eher das Gegenteil und steht bis heute auf eurer Seite. Da dürft ihr gern nachschauen unter werkimmanenter Interpretation, Sprechabsicht und solchen Sachen. Man schrieb nämlich, wie gesagt, 1952, als Eugen Gomringer zwei Jahre vor seinem Manifest zur Konkreten Poesie stand, die erstens einen Heidenspaß macht und zweitens zur Achtsamkeit gegenüber Sprache und Personen anhält, und als man anderwärts Sätze mitlesen musste wie “Er (irgendein Playboy, Filmstar oder Prinz) liebt rassige Pferde, schnelle Autos und schöne Frauen”.

Letzteren Satz hab ich aus der Titanic— keine Angst, nicht aus dem provokanten Teil, wo sie frauenfeindliche Reden führen und chauvinistische Pimmelwitzchen reißen, um klar zu machen, was Satire alles darf, aber nicht sollte — sondern von einem der Schreiber, denen man zuerst mal glauben darf: Stefan Gärtner in Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Die Blumen des Bösen, Titanic, 28. Januar 2018, wo er ihn von Luise F. Pusch überliefert, die ihn übrigens schon am 17. September 2017 in die Diskussion eingebracht hätte:

Dazu würde mir ja nun einfallen, daß schlechthin jeder Blick etwas zum Objekt macht (des Blickes nämlich) und ein Liebesgedicht oder ein einschlägiger Popsong ohne ein (und sei’s verhohlenes) Objekt der Sehnsucht gar nicht auskommen. (Sarah Kirsch: “Immer wollen dich meine Augen“.) Zweitens lassen sich die Reihen Pferde – Autos – Frauen und Straßen – Blumen – Frauen nicht gleichsetzen, wie ein Illustriertenartikel (Achtung, Textsorte!) nun einmal kein Gedicht ist, welches dazu neigt, eine Sinnebene mehr zu haben: Wenn es eine Chiffre für (männliche?) Sehnsucht gibt, dann ist es die Straße, und wenn es an dieser Straße Blumen (Schönheit) hat, sind wir eher bei Eichendorff als bei Weinstein. Dann Auftritt der Frauen, die sowenig “Blume”“ sein müssen wie, um in Puschs Analogie zu bleiben, Autos: Es gibt auf und an der Straße Blumen und Frauen, wie es Autos und Frauen gibt.

Ich sag’s bloß, weil’s ja im Heideröslein, das seit Aberjahrhunderten arglosen Schulkindern beigebracht wird, unverhohlen um eine Vergewaltigung geht. Aber erstens ist die offizielle Lehrversion von Goethe selber nur geklaut und zweitens gewinnt die Rose. Und mein Vater, immerhin zehn Jahre jünger als Eugen Gomringer, meint, dass solche, die über Gedichte reden, bloß den Sauerstoff aufbrauchen, und solche, die das Sagen haben, über alles mögliche reden außer über Gedichte.

Sie sollten, liebe Kinder, sie sollten.

Zwitschern ohne Twittern

Als erstes hab ich gelernt: Auch 2018 — gesundes Neues noch, falls wir uns noch nicht gesehen haben — auch 2018 ist mein Default-Zustand: ruhend im Bett. Das mag sich etwas aufwändig im Unterhalt anhören, ist aber recht umkompliziert umschaltbar in eine Art Aktivitätsmodus. Während der Verweildauer im Bett bin ich auf möglichst lückenlose Zufuhr audiovisueller Eindrücke angewiesen, dann wird das auch was mit dem Aktivitätsmodus. Nahrungszufuhr zum Beispiel. Oder das Gegenteil davon, jedenfalls hab ich seit Menschenaltern nicht mehr ins Bett gepinkelt und habe das mindestens so viele Menschenalter auch nicht vor.

Kurzzeitig war meine Versorgung mit audiovisuellen Eindrücken unterbrochen. Erst wollte ich die Soundcard nachschauen, hab mir dann aber bloß die Ohren spülen lassen. Das zahlt wenigstens die Kasse. Seit ich weiß, dass von den seit 1998 bekannten Vögeln gerade noch 85 % am Leben sind (von den Insekten 20 %), und was ASMR ist, muss ich zum Schönesachenhören nicht mal mehr an den Flaucher und entdecke ganz neue Ecken auf YouTube. Es ist eine Lust, im 21. Jahrhundert zu leben.

Cave Brassicam

Und — was war? — Wieso, war was? — Ach so, Weihnachten.

Früher, liebe Kinder, als die Menschen sich noch auf Weihnachten freuten, statt es als Endspurt einer Etappe von etwas Ungeliebtem zu betrachten, früher, da bekamen die Menschen um Weihnachten herum — man wusste nie ganz genau, wann — Besuch von der autoexec.bat und der config.sys.

Natürlich waren die beiden das ganze Jahr über da und wirkten und woben im Verborgenen, wie das Christkind auch, nur eben um Weihnachten herum machten sie sich den Menschen bemerkbar und erschreckten die Kinder, die keinen Plan davon hatten, wie sie sich auf der MS-DOS-Ebene zu verhalten haben. Heute treten autoexec.bat und config.sys nicht mal mehr so häufig auf wie der Krampus, die Kinder erschreckt heute die svchost.exe.

Jedenfalls erzählen einem das die Schoßkinder des Glücks, die noch in die Registry eingreifen können. Ich muss leider derweil in der Küche den Weihnachtswichtel machen und Grünkohl kochen — auch so ein Relikt aus den Tagen der Christtagsfreude.

Mit Verlaub, mir ist das zu körperlich. Man sieht es so einem Grünkohl nicht an, wenn er einem Christbaum nicht unähnlich ins Haus kommt, was er einem antun kann, bis er in einem Kochtopf Platz genommen hat. Setzen Sie gerne an dieser Stelle Ihre Lieblingsglosse über “die Tücke des Objekts” ein und tauschen Sie dabei “Liegestuhl” mit “Grünkohl” aus, Tatsache bleibt: Wer so ein Ungetüm bis zur Verzehrfertigkeit bändigen will, kann auch das zugehörige Wildtier einfangen, mit bloßen Händen erwürgen, ihm das Fell abziehen und aus seinen Reißzähnen und Sehnen eine Halskettte basteln.

Man kann auch mit echter Holzkohle zeichnen, auf einer hundert Jahre alten Zither “Stille Nacht” zupfen, Geschlechtsverkehr “mit Dritten” ausüben oder auf einem 286er ein typographisch gestaltetes Gedicht ausdrucken: Es wird schon irgendwie gehen und ist vermutlich schon mal jemandem gelungen, aber man darf sich halt nicht wundern. Man hantiert mit archaischen Materialien, die Widerstand leisten und überzeugt, wenn nicht gar bezwungen werden müssen, an denen man sich dreckig machen und weh tun kann. Nix da wischiwischitipptadaa, nix für Weicheier. Wer Weihnachten Grünkohl haben will, kann auch gleich vögeln und soll froh sein, wenn er nicht seinerseits von seinem selbst gewählten Gegner gefressen wird.

Mehr haben wir heuer nicht gelernt? — Doch, zwei Sachen noch: Die Don-Giovanni-Aufnahme, die wirklich zählt, wäre zum Horchen schon immer die unter Carlo Maria Giulini 1959 und zum Angucken die unter Wilhlem Furtwängler in Salzburg 1954 gewesen, und: Bei antiquarischen Büchern soll man nicht sparen.

In diesem Sinne: Gesegnete Feiertage.

Zwischen dem Hof- und E-Garten links durch den Schmiedeeisenzaun, den steileren Weg auf den zweiten Hügel

Arm sein und nicht murren ist schwer. Reich sein und nicht hochmütig werden ist im Vergleich damit leicht.

Konfuzius.

In München ist der Dichtergarten ein versteckter und schwer zugänglicher Teil des Finanzgartens. Heine sitzt bei Wasser ohne Brot hinter Gittern. Die größte Statue ist die von Konfuzius, geboren 551 vor Christus in Qufu, Provinz Shandong. Die Anlage gilt seit 1984 als Geheimtipp.

Was sie in Müchen halt so für das Schreibervolk angemessen halten.

ברודר מרטין לותר

Wie könnte man wohl die Feierlichkeiten zu fünfhundert Jahren Reformation und Martin Luthers Verdienste um die Gefährdung des Weltfriedens geeigneter begehen, als indem man endlich Hebräisch lernt?

Eben: gar nicht. Die üblichen über Thüringen und Sachsen-Anhalt verteilten Lutherstädte wollen zehn Jahre gebraucht haben, alle Bratwurstbuden und Mehrzwecksäle mit dem Nötigsten zu bestücken, um zu vermitteln, dass man die Bibel sogar im Internetz lesen kann und dass Katholen auch Menschen sind, vielleicht sogar die Juden — was nicht einmal dem Doctor Luther jemals einer vermitteln konnte. Hebräisch will ich schon seit ungefähr dreißig Jahren können: Die Juden haben Heinrich Heine, Groucho Marx und Bob Dylan, und was haben die Evangelen? Angela Merkel.

Mit dem Kramer/Kowalik geht das recht ordentlich und kostet 12,90, außer man handelt gleich mir und leiht sich das Ding fertig mit allen Bleistiftanmerkungen aus der Stadtbücherei. Ein Stündchen die Wiki-Seite “Hebräisches Alphabet” anstieren tut’s wahrscheinlich auch.

Damit hab ich jetzt dreißig Jahre herumgezögert; als ich vierzig geworden, hab ich’s kurzzeitig noch am ernstesten gemeint, weil ich ab da koschererweise befugt war, die Kabbala zu studieren. In der Zeit haben andere Leute die Thora auf eine Briefmarke kalligraphiert, und ich kann seit letzter Woche das Aleph-Bet aufsagen und holpere immer noch bei den Zahlenwerten.

Hätten Sie das gewusst, dass Althebräisch ab dem zweiten Jahrhundert als Muttersprache gestorben ist und als “Neuhebräisch” als Fach- und Gelehrtensprache überlebte, bis es 1919 als palästinensische Amtssprache anerkannt und 1948 für das junge Israel gar verordnet wurde — ohne allzu verwirrende Unterschiede zwischen Bibelhebräisch und dem neugeborenen Ivrit? Das ist ungefähr, als ob es seit der Völkerwanderung keine deutschen Muttersprachler mehr gäbe, aber seit dem Anschluss der Ostprovinzen 1990 alle Neudeutschen unter Strafandrohung eine byzantinische Ausprägung des Lateinischen sprechen müssten. Und das Wessobrunner Gebet wäre seit zweitausend Jahren weltweit lückenlos verständlich.

Auch sonst kann man sich recht schnell in die jüdische Seele einfühlen, wenn man den Leuten von seinen Bestrebungen erzählt. Die erste Reaktion war die Frage, warum ich denn nicht Arabisch lerne, das erhöht die Berufschancen. Die zweite Reaktion war eine Tirade darüber, dass die Juden doch die Arschlöcher sind, die eine Decke über “die Frau” werfen und sie durch den Schlitz ficken. Ich referiere das nur, das walking talking Gegenargument Marc Chagall ist mir wieder erst hinterher eingefallen.

Eigentlich will ich ja keinen Mauschelstammtisch eröffnen (obwohl …), sondern nicht so planlos vor den Regalen stehen, in denen man die Bücher wie die Mangas von hinten nach vorne blättern muss, und den Talmud vom Midrasch unterscheiden können. Das konnte ja sogar der Judenfresser Luther — autodidaktisch, noch ohne die Motivation, dass man doch mal kurz den Tanach wegübersetzen könnte.

Wenigstens beschert uns der Mann nach einem halben Jahrtausend einen zusätzlichen Feiertag außer der Reihe – der auch heuer weder Halloween noch Weltspartag heißt, dafür weiterhin mein Namens- und unser Hochzeitstag bleibt. Das widerfährt uns erst wieder in weiteren fünfhundert Jahren.

Entwarnung für Brückentagjäger: Der 31. Oktober 2517 fällt auf einen Sonntag.

Soundtrack: Kaizers Orchestra: Begravelsespolka, aus: Violeta Violeta Vol. III, 2012:

Frankfurtreich

Es folgt mein alljährliches Geläster über die Frankfurter Buchmesse.

Longtemps je me suis couché de bonne heure.

Das französische Autobahnnetz ist so lang wie ein Satz von Marcel Proust, aber sehr viel langweiliger und obendrein gebührenpflichtig.

Catherine Meurisse, Süddeutsche Zeitung Nr. 233,
Literatur-Teil, Dienstag, 10. Oktober 2017, Seite 1.

Man fasst es ja nicht, was in einem Jahr, in dem Frankreich Gastland auf der Herbstbuchmesse ist, ein dahinsiechender Literaturbetrieb noch aus einem 104 Jahre alten Buch rausholen kann: Die 1953er Übersetzung — zum 40-jährigen Erscheinen — von Eva Rechel-Mertens, die Generationen hypersensibler Sozialphobiker zu dem gemacht hat, was sie sind, hat endlich einen Anmerkungsteil — und ist bereinigt von angeblichen Übersetzungsfehlern, weil keinem mehr klar ist, dass eine “Person” vorwiegend weiblich, aber etwas anderes als ein “Mädel” ist — dabei war Dr. Rechel-Mertens Brandenburgerin und wusste wahrscheinlich selber nicht einmal, wann es “das Mensch” heißt.

Und die 2013er Übersetzung — zum 100-jährigen Erscheinen — von Bernd-Jürgen Fischer ist in einem stark zeitversetzten Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Rechelin ebenfalls nach vier Jahren fertig und schon als Taschenbuch-Gesamtklotz lieferbar — dafür mit noch mehr Anmerkungen und einem zusätzlichen Handbuch, das — wenn schon, dann richtig — gleich den dicksten von 8 Bänden abgibt. — Ein 104-jähriges Buch wohlgemerkt, in dem es 5000 (jawoll: fünftausend) Seiten lang hauptsächlich darum geht, dass vor einem Menschenalter ein kleiner Bub mal einen Keks in Tee getunkt hat. In Lindenblütentee!

Im Direktvergleich hat Fischer den sprichwörtlich gewordenen ersten Satz “Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen” dem Buben gelassen, dafür “schloss” er jetzt die Augen, statt dass sie ihm, übrigens gleich im ersten Absatz, “zufielen”, weil das wegen fermer wörtlich richtiger sein soll, obwohl es um den Schlaf und nicht seinen großen Bruder geht. Solche Skandale häufen sich auf den folgenden 4999 Seiten.

Weil es Buchmesse heißen und deshalb immer um harte Kosten-Nutzen-Rechnungen gehen muss: Der ICE von München nach Frankfurt ist länger als ein Satz von Marcel Proust, aber seit dem Unwesen mit den Schallschutzwänden sehr viel langweiliger und praktisch nicht unter 89,90 zu haben, die anderen Versionen kosten 125,90 und brauchen länger — und zwar einfache Fahrt. Pro Sitz-, wenn nicht gar Stehplatz. Das macht zu zweit 503,60, falls Sie jemals wieder nach München wollen. Ach ja: plus vier ICE-Zuschläge, gell? — Den Rechel-Mertens-Proust gibt’s momentan ab 42,48 und in jeder — wirklich jeder — Stadtbücherei dauerhaft umsonst. Von dem haben Sie länger als sechs Stunden was, und Sie dürfen sich dazu hinlegen, ohne dass ein Großraumwaggon voller rasierwassergetränkter Rollkoffermännchen blöd herschaut.

Und Weihnachten ist auch gleich wieder, genau deswegen ist ja Buchmesse. Für mich bitte einmal die revidierte Rechel-Mertens: Suhrkamp 49,95 statt Reclam 148.

Bookporn: Bookshot, 20. September 2017:

Bonus Track: Carla Bruni: Quelqu’un m’a dit, aus: Quelqu’un m’a dit, 2002:

Wahlunrat

Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau,
Mit allen seinen Geschwüren.

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen,
Caput XXIV, 1844.

War was? Was für ein Wal? Ach so, die Waaahl. Ach, letzte Woche war das?

Was man so hört, scheint’s ja gar nicht so schlecht ausgegangen: 83 Prozent haben nicht AfD gewählt, obwohl nur 76 Prozent überhaupt irgendwas gewählt haben, das muss man auch erst mal schaffen. 83 minus 76 gleich 7: Heißt das dann bei einem Parlament von etwa 1000 Insassen, dass ungefähr 70 AfD-Angehörige des Landes verwiesen werden? Im Rausrennen sind sie ja groß.

Das wäre der Moment, öffentlich zu bitten, dass die ganzen Hackfressenbilder von mir aus jetzt bitte sofort entfernt werden dürfen, danke. Ab Montag war schon jemand schneller und konstruktiver und hat ketzereigelb über die Wahlplakate plaktiert, ob man jetzt Jesus oder den Tod wählt, fertig mit Kästchen zum Ankreuzen. Einer unrepräsentativen Zählung nach liegt die Wahlbeteiligung derer, die mit dem Edding den Tod wählen, weit über 76 Prozent. Die Schnittmenge zur AfD hätte mich interessiert — irgendwas unter null oder über 100 wahrscheinlich.

Und die ganzen Hackfressen dürfen von mir aus jetzt bitte endlich sofort weg, danke.

Soundtrack: Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze, 1787, in kleiner Besetzung: Streichquartett in St. Ottilie, Möschenfeld, Karfreitag 1985: