Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Religion (Seite 1 von 2)

Altes Ego

Ich bin nicht
zu alt um
alles zu tun
was man mir
sagt ich bin
nur zu jung
um damit aufzuhören.

Soundtrack: Iris DeMent: Leaning on the Everlasting Arms, 1887, aus: True Grit, 2010:

https://youtu.be/UVuAqLTmvFY

Die Katz’. Vorher – nachher.

Der KATER berichtet

 

Der Baum des Wissens ist nicht der des Lebens.

George Gordon Byron

 

Der Baum

Baum dunkel

 

Der kühne Blick

Kater Murr vor Baum

 

Die Tat

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Rocking and Wailing

Wenigstens einmal im Leben will man ein bissel eine Gaudi haben. Zur eigenen Beerdigung wäre das wohl keinen Tag zu früh. I put the fun into funeral und hab vorsichtshalber schon My Funeral Playlist zusammengestellt, nicht dass die Bedienung meinen Leichenschmaus mit höhenlastigem Classic Ambient aus ihrem Telefon beschallt.

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ברודר מרטין לותר

Wie könnte man wohl die Feierlichkeiten zu fünfhundert Jahren Reformation und Martin Luthers Verdienste um die Gefährdung des Weltfriedens geeigneter begehen, als indem man endlich Hebräisch lernt?

Eben: gar nicht. Die üblichen über Thüringen und Sachsen-Anhalt verteilten Lutherstädte wollen zehn Jahre gebraucht haben, alle Bratwurstbuden und Mehrzwecksäle mit dem Nötigsten zu bestücken, um zu vermitteln, dass man die Bibel sogar im Internetz lesen kann und dass Katholen auch Menschen sind, vielleicht sogar die Juden — was nicht einmal dem Doctor Luther jemals einer vermitteln konnte. Weiterlesen

In diesem Sinne

Schon wahr: Ich werde auf dem Sterbebett nicht denken: Ach, wenn ich doch damals zwei, drei Stündchen länger an dem einen Blog-Eintrag rumrecherchiert hätte.

Leider bin ich ziemlich genau der drittlangweiligste Teigbatzen von ganz München. Zum Vergleich: Der zweitlangweiligste soll in Großhadern auf der Komastation liegen, der langweiligste soll mal bei Pro7 moderiert haben.

Was mir Angst macht, sind die Tage, an denen ich zufällig mal nicht auf dem Sterbebett liege.

Soundtrack. Bach: Solokantate Ich habe genug, BWV 82, Leipzig 1782.
Anspieltipp: Aria Nr. 5: Ich freue mich auf meinen Tod (in der Aufnahme mit dem stilechten Countertenor ab Minute 20:32:

Beiträge zur kulturellen Ökumene

Im evangelischen Brauchtum heißen die Sonntage zwischen Ostern und Pfingsten der Reihe nach: Quasimodogeniti, Misericordias Domini, Jubilate, Kantate, Rogate oder Vocem jucunditatis und Exaudi. — Eine typische musikalische Begleitung dazu sind die geistlichen Kantaten des verstorbenen Protestanten Johann Sebastian Bach — beispielsweise diejenigen zum Sonntag Jubilate: Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV 12 von 1714, Ihr werdet weinen und heulen, BWV 103 von 1725 und Wir müssen durch viel Trübsal, BWV 146 von 1726.

Im katholischen Brauchtum heißt die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten “zwischen Ostern und Pfingsten” und dient dazu, die ersten Frühlingskirchweihen abzufackeln, damit jedes Kuhkaff, das sich eine Kneipe leisten kann, einen Schnitt macht, und damit die städtischen Kahlfresser pro Sonntag bis zur Fürther Michaeliskirchweih im Oktober nicht mehr als drei bis vier Kirchweihen wegfeiern müssen, wenn sie auf jeder mindestens drei Maß Bier auflesen wollen. — Eine typische musikalische Begleitung dazu sind Lieder wie “Wou is denn des Gerchla? Gerchla is fei net dahamm. Gerchla is auf Kerwa, frisst die ganzen Bratwürscht zam”, “Und der Pfarrer von Speyer hat gläserne Eier. Wos maanst, wie des klimpert, wenn der aane pimpert?” und “Zwetschgakern, Zwetschgakern, Maadla, lou dei Bumbl schern“.

Discuss.

Veganer Bonus Track:

Nicht genug Tumult

Angenommen, dass Post reinkommt von einer bedeutenden Anstalt des öffentlichen Rechts, etwa von einem großen bayerischen Rundfunk, nehmen wir an, des Wortlauts:

Sehr geehrter Herr Wolfster [Name geändert],

für einen Radiobeitrag über Luther und die Alltagsprache suchen wir einen Werbetexter als Interviewpartner, der ausprobieren möchte, ob typische Lutherzitate (“Hier stehe ich, ich kann nicht anders!”) auch heute als Werbetext funktionieren.

Falls Sie Interesse haben, können Sie mich gerne kontaktieren.

Mit freundlichen Grüßen,
[Name]
[Firma]
Religion und Orientierung

Angenommen, sagte ich, dass solche Post reinkommt, was sagt man da bloß? — Zum Beispiel wird man irgendwas zwischen dienstlich, freundlich und satirisch und sagt:

Sehr geehrte Frau [Name],

das ehrt mich, dass Sie da auf mich kommen.

Leider bin ich als Werbetexter eine zu kleine Nummer, um zu entscheiden, ob ein Werbetext funktioniert oder nicht. Was Werbezielkontrolle ist, wissen Sie besstimmt besser als ich; ich arbeite ja nur kreativ.

Das bedeutet, ich liefere nur Texte, die bestellt werden, und möglichst genau so, wie es vom Kunden gesagt wird, genau das wird bezahlt. Für mich hat ein Werbetext dann funktioniert, wenn ich ihn an einen Kunden verkaufen konnte, mit fachlichen Erwägungen, gar der Hoffnung, dass der bezahlte Werbetext dem Werbekunden (nicht zu verwechseln mit der Zielgruppe “Endverbraucher“) nützen könnte, hat das nicht zwingend etwas zu tun.

Ehrlicherweise wird Ihnen da kein Werbetexter etwas anderes erzählen können. Ich selbst kann Ihnen recht zuverlässig voraussagen, dass ein Werbetext, der Lutherzitate verwendet, an keinen Werbekunden zu vermitteln ist (außer für die letzten freien Fremdenzimmer in Eisleben, Wittenberg und Eisenach o. ä., und das nur noch bis ca. Ende August, wg. Druckvorlaufzeiten). Wenn schon Zitate, dann muss die Idee dazu vom Werbekunden stammen und typischerweise die bewährten Bonmots von Oscar Wilde und Coco Chanel verwenden.

Damit will ich nichts gegen den Dr. theol. Luther gesagt haben, der es als hoffentlich einziger ausgewiesener und praktizierender Antisemit zu unseren privaten Hausheiligen gebracht hat (o Gott, wenn er das wüsste…). Für die Nachprüfung meiner 8. Klasse Gymnasium musste ich die Bedeutung der Lutherschen Bibelübersetzung nachweisen, um nicht Bayerns einziger Schüler zu werden, der wegen Geschichte sitzen bleibt. Das hat funktioniert, allein deswegen bin ich dem Manne zu Dank verpflichtet.

Angeblich soll sich die 2017er Bearbeitung der Lutherbibel wieder Luther angenähert haben, bei Hugendubel geprüft habe ich das noch nicht. Es wäre ihm aber zu wünschen, weil alle Bearbeitungen seit 1912 nur noch ein Graus waren, was sich auf Wunsch belegen lässt. Wo immer es geht, verwende ich Letzte Hand 1545, wo es jemand verstehen soll, meine alte Senfkornbibel, die eine 1984er Revision ist. Hilft ja nix.

“Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?” Das soll von Luther sein, ist aber zur Zeit nur von Günter Scholz, C.H. Beck 2016 nachweisbar. Soviel zu Lutherzitaten.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Suche und würde durchaus gern erfahren, wann ein Ergebnis gesendet wird: Radio rockt.

Mit freundlichen Grüßen,
Wolfster [Name geändert]
Bayern-2-Kunde, Werbetexter, Bibelschmökerant et al. pp.

Zu wenig dienstlich? Dann war’s schon richtig, ist ja ein privater Weblog. Trotzdem enttäuschend:

Sehr geehrter Herr Wolfster [Name geändert],

vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir werden den Beitrag wahrscheinlich an Pfingsten senden. Vorausgesetzt vorher passiert nicht irgendein Luther-Sprachboom. Uns ging es jetzt in erster Linie um Begriffe wie “Sündenbock”, “Machtwort” und ähnliches, die wir benutzen ohne zu wissen woher sie kommen.

Bestimmte Zitate zum Beispiel “Hier stehe ich, ich kann nicht anders” waren (auf Kondomen aufgedruckt) in diesem Jahr aber schon mal Teil einer Werbekampagne der evangelischen Jungkirche. Leider wurde die Aktion umgehend von der eigentlichen Kirche verboten. Sie hätte vielleicht ganz gut funktioniert.

Schade, dass ich Sie nicht Interviewpartner gewinnen konnte. Ihre Hinweise warum es funktioniert oder nicht wären auch sehr gut als O-Ton.

Mit freundlichen Grüßen,
[Name]
[Firma]
Religion und Orientierung

Ich als O-Ton. Vielleicht besser so, dass die freundliche Dame mich noch nie reden gehört hat.

Soundtrack ist natürlich was Evangelisches: die Entdeckung des Monats: Konzert für vier Cembali von Bach, BWV 1065 mit pädagogischem Schlussteil und vor allem einer rothaarigen Bassistin:

https://youtu.be/CSbXcYfUGzM

Anbetung und Worship

Also, ich erfinde da nix. Nicht dass es heißt, ich erfinde da was. Letzthin in der Heilig-Geist-Kirche aufgelesen:

Charismatischer Gottesdienst

JEDEN 1. SAMSTAG IM MONAT

Heilig Geist Kirche am Viktualienmarkt

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HOPECITY.ERNEUERUNG.DE

18 UHR POWERPRAISE UND ZEUGNIS, BEICHTGELEGENHEIT

19 UHR HEILIGE MESSE MIT PREACH

20.15 UHR ANBETUNG UND WORSHIP

21 UHR SEGEN UND ABSCHLUSS

TERMINE 2017 — ERSTES HALBJAHR

4. FEBRUAR · 4. MÄRZ · 1. APRIL · 6. MAI · 3. JUNI · 1. JULI

Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche

“Anbetung und Worship? Wow”, staunt Vroni.

“Ja, der Schießler gibt wieder alles.”

“Wie der eine Laden in Nürnberg. ‘Sex und Erotik’ hat der geheißen.”

“Warst du so kinky vor meiner Zeit?”

“War auf meinem Arbeitsweg.”

“Hätt ich jetzt auch gesagt.”

“Als ob du vor meiner Zeit nirgends in Forschung und Lehre gegangen wärst.”

“Meine Eltern haben sogar ein Buch gehabt, das hat ‘Liebe und Sex in Wort und Bild’ geheißen.”

“Deine Eltern? O ja — das ist kinky.”

“Und ob — eine katholisch-evangelische Mischehe.”

“Pikant, pikant. Wieso bist du dann Einzelkind?”

“Keine Ahnung. Vielleicht weil überm Kapitel ‘Laute der Lust’ immer die Nachbarn mit dem Besen gewummert haben?”

“Laute und Lust. Was man halt so macht jeden 1. Samstag im Monat.”

Außer August und Dezember.”

Powerpraise-Soundtrack: aus Ladykillers. Natürlich nicht dem historisch zu würdigenden Gaunerkomödchen mit Alec Guinness 1955, in dem nur The Last Rose of Summer vorkommt, sondern dem der Gebrüder Coen 2004:
Abbot Kinney Lighthouse Choir: Shine on Me + Trouble of This World:

Laylat samita (Haram, Bruder!)

Wie jeder anständige Laden, besonders jeder anständige Buchladen, wird der texxt im Keller erst interessant. Das kann etwas Freudsches sein, muss aber nicht.

Die nötigen Fremdwörter zur Diskussion darüber findet man sinnigerweise in ebenjenem Keller. Da ist nämlich die Abteilung Psychologie. Und Klassiker. Und Lyrik. Und Märchen. Und Religion.

In der Religon, im hintersten Eck, wo hinter der Wand der Heizungskeller des Nachbarladens zu vermuten ist, hab ich mal eine schöne Doré-Bibel gefunden. Der jetzt da steht, sucht bestimmt etwas anderes. Den allahtreuen Rahmenbart und das Pierre-Vogel-Gedächtnisnachthemd hat er schon, in der Hand hält er Heinz Halm: Der Islam: Geschichte und Gegenwart, Beck’sche Reihe, 112 Seiten, 8,95 Euro, bei texxt — wie alles — zum halben Preis. Stören mag man ihn eigentlich nicht bei seinem sekundärliterarischen Koranstudium, sein Gesichtsausdruck verheißt nämlich keine Freundschaft. Ich will aber an die Bibeln, die er mit seiner Wampe im Nachthemd blockiert, ob die von Marc Chagall noch da ist.

“Kann ich mal, mein Freund?” sag ich.

So viel sollte man auch ohne die Monographien der Beck’schen Reihe über den Islam wissen: Wer in Frieden kommt, spricht die Leute mit “mein Freund” an. Ohne Sorge, sich als bester Freund anzuwanzen oder die Facebookisierung der analogen Welt voranzutreiben. Wer seinen Freund anspricht, schraubt eine Umdrehung weiter und sagt: “mein Bruder”.

Pierre Vogels Wiedergänger blickt von seinem Islamheftchen auf und sagt düster: “Haram.”

“Wer? Ich?”

Er schüttelt den Kopf und tippt auf seine Heftchenseite.

“Jaja, weiß schon”, sag ich, “der Koran lässt sich ziemlich großzügig auslegen, stimmt’s?”

“Kennst Koran?” fragt er.

Jetzt lieber nichts Falsches sagen. “Ja”, sag ich, “aber bloß die Übersetzung von Friedrich Rückert. Wegen der deutschen Romantik und so. Hab ich hier gekauft, wo du davorstehst” — und höre vorsichtshalber fürs erste auf zu quatschen.

Er mustert mich und beschließt, mich ungläubigen Schweinefresser nicht gleich hier im Keller mit einer Chagall-Bibel zu verprügeln, aber nur, weil die Buchhändlerin von ihrem Bestellcomputer zu uns herüberschielt und er gehört hat, dass in dieser Demokratie aus Weicheiern sogar die Weiber was zu sagen haben. Dann nickt er, wenn möglich, noch düsterer und studiert weiter Heinz Halm. Eine Diskussion darüber, ob man den Islam so fortschrittlich wie Imam Daayiee “Der Islam und Homosexualität passen wunderbar zusammen” Abdullah ausüben sollte, der schwule Paare traut, oder eher den gläubigen Moslem vor allen Äußerungen des allzu christlichen Weihnachten beschützen sollte, würde mich momentan ein Stück überfordern.

Feiern Moslems denn kein Weihnachten? würde ich gern fragen, aber vielleicht nicht ausgerechnet diesen Kritiker der aufgeklärten Information, dessen erwartbar geballtes Fachwissen ich nicht verstehen würde — und erinnere mich über eine kurze Assoziationskette, in einem lange verflossenen Dezember schon mal eine sonnige türkische Gemüsehändlerin mit nackten Haaren gefragt zu haben: “Was heißt da schöne Weihnachten? Feiern Moslems denn Weihnachten?”

Die hat mir gesagt: “Gescheite schon.”

Das hab ich verstanden. Schöne Weihnachten.

PS: Wegen der Chagall-Bibel müssen Sie schon nicht mehr zum texxt; wegen allem anderen schon. Zum Beispiel, um herauszufinden, was die Hälfte von 8,95 Euro sein soll.

In dich hoff ich ganz festiklich

Zur gestrigen Mariä Empfängnis muss ich doch endlich mal die Hausmadonnen feierlich unters Volk werfen, die ich kurz nach Mariä Lichtmess, also vergangenen Februar zu Nürnberg eingefangen hab. Da war mir nicht klar, dass die schon ziemlich flächendeckend dokumentiert sind. Nächstes Mal geh ich halt mehr auf die Details, die sind stellenweise richtig vogelwild.

Die Bilder sind frühmorgens gemacht, so früh es eben im Februar schon so hell wird, kurz bevor ich zu meinen Eltern, lang sollen sie leben, Richtung Lauf weiter musste, und sind allesamt um den Obstmarkt herum einsehbar. Der Text stammt ebenfalls aus Nürnberg und aus der gleichen Zeit wie die Mariä. Die Musik ist auch wieder mit Hans Sachs, aber, nun ja, neuzeitlich.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

——— Hans Sachs:

Das liet Maria zart

verendert und cristlich corrigirt.

1524.

1.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu zart, götlicher art,
ein ros on alle doren,
Du hast aus macht herwider bracht
das vor lang was verloren
Durch Adams fal; dir wart die wal
von got vatter versprochen;
auf das nit würt gerochen
mein sünt und schult, erwarbstu hult;
wan kein trost ist, wa du nit bist
barmherzikeit erwerben;
wer dich nit hat und dein genat,
der muß ewiklich sterben.

2.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste milt, du hast gestilt
der altvätter verlangen,
Die jar und tag in we und klag
die vorhell het umfangen,
Senlicher not ruften: “o got,
zureiß des himels pfarten
und send uns, des wir warten,
den messiem, der uns abnem
die senlich pein.” das ist durch dein
vilfaltig blutverreren
ganz abgestelt, darum dich zelt
all welt Cristum den heren.

3.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu rein, du bist allein
der sünder trost auf erden;
Darum dich hat der ewig rat
erwelet, mensch zu werden;
Uns all zu heil darum urteil,
am jüngsten tag wirst richten,
die dir glauben, mit nichten.
o werte frucht, all mein zuflucht
han ich zu dir; ich glaub, hast mir
erworben ewig leben;
in dich hoff ich ganz festiklich,
weil du mir gnad tust geben.

4.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste groß, du edle ros,
gütig an allen enden,
Wie gar gütlich, her, hast du mich
wider zu dir lan wenden
Mit deinem wort! mein sel leit mort
bei den falschen profeten,
die mich verfüret heten:
auf mancherlei ir gleisnerei,
auf werk ich hoft und meinet oft,
genad mir zu erwerben;
verliße dich; o her! nit rich
mein unwissent verderben.

5.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Jesu fein, dein wort gibt schein,
licht, klar als der karfunkel.
Es hilft aus pein den armen dein,
die sitzen in der dunkel;
Kein ru noch rast haben sie fast
wol in der menschen lere;
reich in dein wort, mit gere
hilf in darvan auf rechte ban
und sie selb tröst, seit du erlöst
hast alle welt gemeine,
das sie in dich hoffen einig,
nit in ir werk unreine.

6.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016O Criste wert, so dein wort kert
von mir und sich derscheite,
So kum zu mir, beschütz mich schir,
auf das mich nit verleite
Die menschenler, die gleißet ser,
wer kan ir list erkennen?
sie tut sich heilig nennen,
ist doch entwicht und lebet nicht;
allein dein wort, das ist der hort,
darin das leben iste;
da speis mich mit (entzeuch mirs nit!)
zu ewiklicher friste!

7.

O Jesu Crist, war got du bist;
in dir ist kein gebrechen.
Es ist kein man, der mag und kan
dein glori groß aussprechen;
Dein hohes lob schwebt ewig ob,
dir ist als übergeben
was ie gewan das leben,
all creatur. o könig pur,
wens darzu kumt, das mein mut stumt,
leiblich den tot muß leiden,
dan hilf du mir, das ich mit gir
in deim wort müg abscheiden.

Hausmadonna Nürnberg, Februar 2016

Für den langen Winterabend: Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg, 1868, Bayreuth 1943 unter Wilhelm Furtwängler:

Meide das Oktoberfest

Endlich hat man eine Ahnung davon, warum jeden September das Oktoberfest ausbrechen muss: Da scheinen die Chinesen Schulferien zu haben.

Natürlich nicht alle gleichzeitig, es gibt ja nicht nur Chinesen. Das geistige Lexikon des Halbwissens, das uns allen innewohnt, kennt auch noch Indochinesen, Philippinen, Japaner, Koreaner, Nordkoreaner, Südvietnamesen, Vietnamesen, Laosser, Hongkonger, Mandarinen, Maharanis, Kantonesen, Uiguren, Kirgisen, Nepalesen, Tibetaner, Taiwanesen, Thailänder, Mailänder, Malayen, Tamilen, Bengalen, Bangladeschis, Kambodschaner, Siamesen, Singapurer, Seidenstraßen, Seitenstraßen, Birmesen, Burmesen, Hindi, Hindus, Ganges, Singhalesen, Sikhs, Parias, Pandas, Papayas, Koriander, Yetis, Mongos und Fidschis. Oder so ähnlich.

Alle konnte man in den vergangenen Wochen auf dem Marienplatz treffen — außer den Nordkoreanern, die man exklusiv in Nordkorea treffen kann — bis sie auf die Theresienwiese gelassen werden. Wenn man nicht gerade Chinese ist, so ist der Marienplatz zu meiden (das war der Touristentipp des Jahres). Ich war nur da, weil am 6. September 2016 vor 230 Jahren im Huthaus Breiter, Kaufingerstraße 23–26, tatsächlich mal Goethe übernachtet hat und ich mal gucken wollte, ob die Frauenkirche immer noch so ein stinklangweiliger Backsteinhaufen ist wie vor 15 Jahren.

In Andacht versunken betrachte ich die einwandfrei geweißelten Wände der Kirche, da redet aus Hüfthöhe eine quengelige Stimme zu mir: “Toilet? Toilet?”

Es ist ein Chinese, soviel Menschenkenntnis gewinnt man schon in einem Studentenjob als Nachtportier im Hotel. Nur echte Chinesen haben diesen dauerhaft entsetzten Blick, auf halber Strecke zwischen Verblüffung und Verzweiflung, wo um Buddhas willen und unter was für steindummen, kreuzhässlichen und böswilligen Langnasen sie ihr ungnädiges Schicksal da ausgesetzt hat. Hinter Samarkand wird’s halt immer recht exotisch für die.

“Toilet?” frage ich zu dem ratlosen Gast in München Premium-Wahrzeichen Nummer 1 hinunter, “it’s not even Oktoberfest yet.”

“No matter”, sagt er, “no time. Toilet?”

Die umliegenden Gaststätten sehen es nicht gerne, wenn die Touristen immer nur zum Pinkeln reinkommen und dann den Kloschüsseln mit Unverstand und Vandalismus begegnen, weil in ihrer Heimat das Klo ein Loch im Boden ist. Wenn das aber so eilig ist, denke ich — und weise mit ausgestrecktem Arm auf den Beichtstuhl.

Der Chinese trippelt zm Beichtstuhl und öffnet die linke Tür. “This toilet?” fragt er.

“Other toilet”, sag ich, “middlere door.”

Er schlüpft in die mittlere Tür. Nach Sekunden schaut er noch verzweifelter heraus: “Hooo! Door not close!”

“Of course not”, sag ich, “it’s catholic.”

Das scheint ihn zu beruhigen. Diesmal bleibt die Tür länger geschlossen.

In Andacht versunken überlege ich, ob es Kirchenlieder gibt, die zugleich aufs Oktoberfest passen. Bei Luther müsste einiges zu holen sein, aber die sind bestimmt alle evangelisch.

Nach fünf Minuten steht der Chinese wieder neben mir, den Gipfel der Verzweiflung ins Gesicht gemalt: “Hooo! Toilet no paper!”

Wortlos und mit ausgestrecktem Arm weise ich aufs Weihwasserbecken.

Langsam scheint ihm etwas zu dämmern. “Yúchun, choulòu, èyì cháng bízi”, sagt er.

“Shùn Mìníhei píjiu jié”, sag ich.

Soundtrack: Coconami: Isarmärchen, live 2011:

Kurz vor Glockenschlag

Es reicht eben nicht, die wirklich sinnstiftenden Filme zu den naheliegenden Terminen anzuschauen: Das Leben des Brian nur zu Weihnachten und Ostern, damit kommen wir nicht weiter. Ich wollte wirklich, er böte nichts als Klamauk, leider wird er täglich aktueller. Dabei ist gar nicht zu fassen, dass er 600 Jahre vor Erfindung des Islam spielt.

Jeder, der noch bei Sinnen ist, hat schon mal überlegt, welche Rolle aus dem Brian er sein will — oder vom Leben zu spielen verdammt wurde. So richtig wünschenswert ist keine, aber hey, wir kriegen nichts geschenkt. Mich selbst hatte ich jahrelang im Verdacht, der struppige Prophet zu sein (der übrigens von Michael Palin gespielt wird und im Original ein auffallend schönes Britisch spricht); im Rennen war noch der Ex-Leprakranke (schon wieder Michael Palin und nie einer, der von John Cleese gespielt wird).

Ich korrigiere: Nicht allein meine unbedeutende Person, sondern wir alle sind nicht der struppige boring prophet, sondern der keine zwei Sekunden auftretende Zuhörer, der verzweifelt versucht, ein Wort zu verstehen.

Im Gesamtfilm steht der Auftritt bei Minute 43:30 bis 44:04, in den Ausschnitten steht unser aller Vorbild kurz nach Sekunde 20. Mir wäre ein Orient wie aus Tausendundeiner Nacht, dem West-östlichen Divan, Friedrich Rückert oder wenigstens den Almanachen von Wilhelm Hauff, einer voller üppig gesponnener Märchen, unerschütterlich weltoffener Weisheit, phantasievoller Sachen zum Rauchen und einer Friedfertigkeit, von der sich jeder abendländische Giaur noch was abschneiden kann, auch lieber.

Der angestrengt gaffende Zuhörer taucht in keiner Darstellerliste auf. Mehr Hoffnung kann ich uns da nicht machen.

There shall, in that time, be rumours of things going astray … and there shall be a great confusion as to where things really are, and nobody will really know where lieth those little things with the sort of raffia work base that has an attachment. At this time, a friend shall lose his friend’s hammer and the young shall not know where lieth the things possessed by their fathers that their fathers put there only just the night before, about eight o’clock. It’s written in the book of Zero.

Also, ich wollte sagen, dass etwa zu dieser Zeit die Verwirrung … Und die Verwirrung wird all jene verwirren, die nicht wissen, und niemand wird wirklich genau wissen, wo diese kleinen Dinge zu finden sind, die verknüpft sind mit einer Art von Handarbeitszeug, das durch die Verknüpfung verknüpft ist. Und zu der Zeit soll ein Freund seines Freundes Hammer verlieren, und die Jungen sollen nicht wissen, wo die Dinge…, die jene Väter erst um acht Uhr am vohergehenden Abend dorthin gelegt hatten, kurz vor Glockenschlag. Dies steht geschrieben im Buch von Sel.

Schäftlarn von hinten

Raben Grünwalder Brücke

Rosa hatte aber kaum von seinem Vorhaben gehört, als sie sogleich mit aller Heftigkeit den Gedanken ergriff mitzureisen. “Das laß ich wohl bleiben”, sagte Leontin, “da schnüre ich noch heut mein Bündel und reit euch ganz allein davon. Ich will eben als ein Verzweifelter weit in die Welt hinaus, will mich, wie Don Quijote, im Gebirge auf den Kopf stellen und einmal recht verrückt sein, und da fällt’s euch gerade ein, hinter mir dreinzuzotteln, als reisten wir nach Karlsbad oder Pyrmont, um mich jedesmal fein natürlich wieder auf die Beine zu bringen und zurechtzurücken. Kommt mir doch jetzt meine ganze Reise vor, wie eine Armee, wo man vorn blitzende Schwerter und wehende Fahnen, hinterdrein aber einen langen Schwanz von Wagen und Weibern sieht, die auf alten Stühlen, Betten und anderm Hausgerät sitzen und plaudern, kochen, handeln und zanken, als wäre da vorn eben alles nichts, daß einem alle Lust zur Courage vergeht. Wahrhaftig, wenn du mitziehst, meine weltliche Rosa, so lasse ich das ganze herrliche, tausendfarbige Rad meiner Reisevorsätze fallen, wie der Pfau, wenn er seine prosaischen Füße besieht.” – Rosa, die kein Wort von allem verstanden hatte, was ihr Bruder gesagt, ließ sich nichts ausreden, sondern beharrte ruhig und fest bei ihrem Entschlusse, denn sie gefiel sich schon im voraus zu sehr als Amazone zu Pferde und freute sich auf neue Spektakel.

Eichendorff: Ahnung und Gegenwart, 1815.

Fahrt oben und lasst euch vom Auto totfahren. Das ist dann sicherer.

Werden Sie Mitglied.Isartalverein e. V.

Wegweise Kloster Schäftlarn

Kloster Schäftlarn von hinten

Tympanon Kloster Schäftlarn, Beichtstuhl

Buidln: Sejwa gmacht, die Isar lang an der Greawoider Seitn; derfa’S nehma, wann’S meng und dazuasong, wo Se’s herham.

Fun Facts über Schäftlarn

1. In der Bibel kommen keine Katzen vor. Deswegen kommen

2. in Kirchen nie Katzen vor. Unrein! Unrein!

3. In der Klosterkirche Schäftlarn, als ob sie dort das ganze Jahr über noch nicht genug agnostisch-freigeistige Hämmer krachen ließen, kommt eine Katze vor.

4. Dafür gibt’s in ganz Schäftlarn einschließlich Hohenschäftlarn keinen einzigen öffentlich zugänglichen Kühlschrank, der was taugt. Kein Supermarkt, bloß eine Bäckerei, die Adelholzener aus Plastikflaschen für 1,80 verkauft, aber immer noch Strom sparen muss. Zur Ehrenrettung dieses gottgesegneten Landstrichs will ich annehmen, dass die Wirtshäuser ihre Kühlschränke wenigstens auf 3 gedreht halten.

5. Ganz ohne ab und zu mal nach Schäftlarn zu latschen, geht’s halt doch nicht. Die neueste Motivation: Im Klosterbräustüberl haben sie inzwischen gelernt, was ein Schäufele ist. In Franken schlägt sogar jeder Wirt über die 11,90 € “bro Bozzion” die Hände über dem Kopf zusammen, aber das machen die eh dauernd, wenn sie was aus Bayern hören (und wenn sie das Diminutiv “Schäuferl” erleben müssen).

6. Katzen dürfen kein Schweinernes fressen. Denaturiertes schon, aber bevor das “Schäuferl” nicht richtig durch ist, lieber gar keins. Sonst Ende von Katze.

7. Wer mir sagen kann, wo genau in der Klosterkriche Schäftlarn die Katze vorkommt, ist auf ein Schäufele eingeladen. Vorausgesetzt, Sie wurden schon mal von mir eingeladen (oder Sie sind Hélène Grimaud oder so jemand), wo kommen wir denn da sonst hin.

Klosterkirche Schäftlarn, Sockel des Taufbeckens mit Katze

Buidl: Meins. Schenk ich Ihnen natürlich, wenn Sie immer fein dazusagen, wo’s her ist.

Dem glänzt noch das Abendrot, der am Morgen wollt’ verzagen

Man konnte es seit über 17 Jahren ahnen und hat es seit etwas weniger befürchtet: Irgendwann müssen wir Moritz, den besten Miez der Welt und den Sonnenschein unserer Tage, begraben. Das Loch dafür auszuheben war vermutlich die schwerste Arbeit, die ich je verrichten musste — nicht so sehr wegen des widerspenstigen Lehmbodens unter der Hecke meiner Schwiegermutter, eher wegen der Aussicht, dass, wenn ich damit fertig bin, nichts Schönes und nichts Sinnhaltiges in der Welt übrigbleibt.

Von solchen Aussichten werden ganz die freudigen verstellt: In den frühen Morgenstunden des 1. Mai ist die Tochter des Hauses nach bewegter Walpurgisnacht zusätzlich zu ihren Titeln als Doktor und Professor auch noch Mutter geworden. Wie die Doktorarbeit und Habilitationsschrift heißen, hab ich vergessen, aber der Bub heißt Daniel.

Damit wäre nicht nur geregelt, wer mal unsere Wohnung, die wir einst um drei Katzen herumgekauft haben und die immer noch nicht abgezahlt ist, und — zum Beispiel — meine Bibliothek, die niemals vollständig sein wird, erbt, sondern sogar, an wen die ihrerseits sie weitervererben werden. Mithin lässt sich ab sofort absehen, wann die Wohnung von den Überlebenden als Schutthaufen in der falschen Gegend und die Bibliothek als ein paar Zentner Altpapier angesehen werden. Kreise schließen sich nicht, wenn sie Abwärtsspiralen sind.

Und was unternimmt Stiefopa? Spart seit 1985 auf nichts Bedeutenderes als die große durchkommentierte Ausgabe “Phantasus” von Ludwig Tieck, die für 102 Euro im Deutschen Klassiker Verlag, 1-, 2- und 5-centweise in drei Kaffeetassen, als ob er damit den Wohnwert steigern könnte. Vroni meint: “Na, wenn’s texten hilft.”

Erwachsensein ist kein Gewinn; Erwachsensein heißt dreißig Jahre lang auf ein Buch zu sparen und dann nach einer Entscheidung von drei Sekunden den Betrag knapp zu verdoppeln, um davon seinen besten Freund einschläfern zu lassen. Wahrscheinlich hatte Moritz auch damit recht, vor seinem Achtzehnten abzutreten — was allerdings nicht mehr für die neue Hoffnung namens Daniel gelten kann, der gar nicht mehr zu vermitteln sein wird, wer oder was mal ein “Ludwig Tieck” war.

Moritz hätte gesagt: “Ihr Dosenöffner habt manchmal echt nicht alle Haare an der Schnurrn.”

Soundtrack: Reinhard Mey: Menschenjunges aus: Menschenjunges, 1977.

Nous sommes Charlie

Ich ging in den Westen und sah Islam, aber keine Muslime. Ich kehrte in den Osten zurück und sah Muslime, aber keinen Islam.

Großmufti Muhammad Abduh,
1849 bis 11. Juli 1905.

Mesdames et Messieurs, die meinen uns. Egal wer die fehlgeleiteten Wurstel in Paris zu ihrem unheiligen Kriegszug beauftragt hat — es war niemand, dem etwas an irgend einer Religion liegt; es war jemand, der Errungenschaften wie die Encyclopédie und französische Comics endlich mal ernst nimmt — tödlich ernst.

Mesdames et Messieurs, die meinen uns. In offen konsumkapitalistischen Gesellschaften sind solche wie wir nur volkswirtschaftlich so entbehrlich, dass wir von den Machtinhabern grundsätzlich gewürdigt und bis jetzt sogar ein bisschen schamhaft aussortiert werden; in religiös affirmativen Gesellschaften gehören wir offenbar dutzendweise abgeknallt.

Mesdames et Messieurs, die meinen uns. Mein faustisch geprägter Pantheos und ich nehmen das persönlich. Wenn das Religion ist, nehm ich die Comics.

(Tim Neshitov: Irland, das islamischste Land der Welt erschien in der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch, 7. Januar 2015, entstand also noch ohne den Eindruck der gegen eine Pariser Witzheftchenbude, Denken, Sprechen, Schreiben, Kunst und Anstand gerichteten Nine-Eleven-Aktion.)

Sinnvoll feiern

Meine Kamera ist nicht nagelneu. Sie ist für meine Verhältnisse neu. Eine neuere hat Vroni, die darf das, die ist Grafikerin und steht viel lieber hinter als vor Kameras.

Vroni klagt bei ihrer halbwegs neuen Kamera über die Funktion “Antischock”. Man stellt sich so leichtfertig vor, das sei ein Bildstabilisator, und benutzt sie, um sein Bild nicht zu verwackeln. Und verwackelt es dann leichtfertig erst recht. Geisteswissenschaftler und Technik.

Die jetzt aber wirklich neue Citylight-Werbung des Weihnachtsgeschäfts hat mir nahegelegt, jetzt aber wirklich nagelneue Kameras zu verschenken, die vorausberechnen, wie sich ein Fotomotiv weiterbewegen wird. Die “Technik der Zukunft” erringt ganze neue Bedeutungsebenen.

Wenn die Kameras so beschaffen sind, ist es am besten, man lernt ein bissel zeichnen. Mein Geschenktipp der Woche ist deshalb: ein Bleistift, am besten Faber Castell, die sind traditionsreiche Nürnberger Wertarbeit, neu nur wenige Millimeter kürzer als vor fünfzehn Jahren, und machen richtig Spaß. Im Schreibwarenbedarf Ihres Vertrauens unter 1 Euro. Wenn’s ein bissel mehr sein darf: Anständige Skizzenbücher aus Papier, dem weder Radiergummi, der eine oder andere Tintenklecks noch gemäßigtes Aquarell viel anhaben können, hat der Kaut-Bullinger. Hemdentaschenformat, das reicht vollkommen, für keine 5 Euro, weil man den überschätzten Namen “Moleskine” nicht mitzahlt.

Fröhliche Bescherung am Mittwoch! Und um 22.30 Uhr nicht die Christmette in Sankt Maximilian vergessen — zum Thema “Gott existiert — aber du bist es nicht, also entspann dich” mit anschließender Birthday Party.

Jeder wie er kann

Wenn es so ist, wie ich’s in der Kirche gelernt hab: dass jeder Mensch seinen Platz und seine Bestimmung auf der Welt hat, dann ist mein Platz: im Weg rum, und meine Bestimmung: warten, bis mir auch der noch der letzte Hanswurst in die Tasche gelangt und nachgeschaut hat, ob nicht doch eine Handvoll Geld drin ist, und wenn er eine gefunden hat, darf er sie behalten und mir eine schallern, weil so eine provokante Verweigerungshaltung natürlich bestraft gehört.

Wenn es so ist, wie ich’s in der Kirche gelernt hab, ist am 8. Dezember eine Jungfrau mit einem Kind schwanger geworden, das sie am 24., das heißt entweder nach 16 Tagen oder nach 13 Monaten, entbunden hat, das später pflanzliche in tierische Materie umwandeln konnte und drei Tage nach seiner Beerdigung allein deswegen nicht mehr gestorben war, weil es nämlich in den Himmel geflogen ist.

Was man glauben will, kann man sich aussuchen. Seinen Platz und seine Bestimmung auf der Welt nicht.

Cot almahtico

DER HERR hat mich gehabt im anfang seiner wege / Ehe er was machet / war ich da. Jch bin eingesetzt von ewigkeit / von anfang vor der Erden. Da die Tieffen noch nicht waren / da war ich schon bereit / Da die Brunne noch nicht mit wasser quollen. Ehe denn die Berge eingesenckt waren / vor den Hügeln war ich bereit. Er hatte die Erden noch nicht gemacht / vnd was dran ist / noch die Berge des Erdbodens. Da er die Himel bereitet / war ich daselbs / da er die Tieffen mit seim ziel verfasset. Da er die Wolcken droben festet / da er festiget die Brünnen der tieffen. Da er dem Meer das ziel setzet / vnd den Wassern / das sie nicht vbergehen seinen Befelh. Da er den grund der Erden legt / da war ich der Werckmeister bey jm / vnd hatte meine lust teglich / vnd spielet fur jm allezeit. Vnd spielet auff seinem Erdboden / Vnd meine lust ist bey den Menschenkindern. SO gehorcht mir nu meine Kinder / Wol denen / die meine wege behalten. Höret die Zucht vnd werdet Weise / vnd lasset sie nicht faren.

Sprüche Salomo, 8,22–33.

Das ist Wessobrunn.

Ortsmitte Wessobrunn

Wasserwerk Wessobrunn

Das ist der Weg nach Wessobrunn.

Gates of Wessobrunn

Gates of Wessobrunn

Gates of Wessobrunn

Gates of Wessobrunn

Gates of Wessobrunn

Gates of Wessobrunn

Das sind die Wessobrunnerinnen.

Wessobrunnerinnen Kühe

Das ist das Kloster Wessobrunn.

Kloster Wessobrunn mit Grauem Herzog

Und das, das ist das Wessobrunner Gebet. Neuhochdeutsch, kann man ja noch lesen.

Klosterkirche Wessobrunn, Gebet

Und das ist das Wessobrunner Gebet nochmal in Älter. Althochdeutsch, kann man ja gar nicht lesen. Saualt. So weit von unserer Sprache weg, dass man Holländisch, Plattdeutsch oder das Gegrummel aus dem Landkreis Nürnberger Land besser versteht. So alt ist das Gebet.

Wessobrunner Gebet, Gebtetsstein unter der Gebetslinde auf dem Lindenfleck

Eine von den Wurzeln der deutschen Literatur, kann man ruhig so sagen.

Wessobrunner Gebet, Gebetsstein unter der Gebetslinde am Lindenfleck

Muss man unbedingt mal hin, ist ja ein Geschenk, sowas, dass sich das so erhalten hat. Der Zettel, wo das Wessobrunner Gebet draufsteht, liegt heute ja schon in München, in der Stabi, Clm 22053, 65v und 66r, aber erst seit 1806 oder so, seit dem Napoleon. Haben also sogar die Säkularisierung überlebt, das Kloster und das Gebet, und sehen heute noch gut aus und können einwandfrei benutzt werden.

Und dann kommt da so’ne Frau.

Die Missions-Benediktinerinnen von Tutzing verkaufen das Kloster Wessobrunn an Martina Gebhardt

Nach 99 Jahren haben sich die Missions-Benediktinerinnen von Tutzing entschlossen, das Kloster Wessobrunn zu verkaufen.

Martina Gebhardt, Inhaberin der Firma Martina Gebhardt Naturkosmetik GmbH und MG Naturkosmetik Produktions GmbH, wird mit Ihren Gesellschaften in das 7 km entfernte Kloster Wessobrunn ziehen und dort Produktion, Heilpflanzenanbau, Vertrieb und Tagungshotel einrichten.

Im Weiteren sind Räume für Kunst, Manufakturen und Ausstellungen geplant.

Klingt komisch, ist aber so. Wo die freundlichen Schwestern seit eineinviertel Jahrtausenden auf die Quelle der deutschen Literatur aufgepasst haben, da darf jetzt eine neue Schwester kommen und ihre freizeitayurvedischen Duftseifen zusammenkochen, neben ihrem Tagungshotel mit Aufenthaltsraum, Tischtennis und Beamer. Haben sich eben doch ein paar Wertsetzungen verschoben seit der Zeit vor Karl dem Großen.

Eingang Klosterbücherei Wessobrunn

Klosterführung Bücherei Wessobrunn

Da muss man nämlich ganz gut aufpassen, liebe Kinder, wie es auf dem Zettel, auf dem das Wessobrunner Gebet draufsteht, drunter noch weitergeht. Diesmal lateinisch, also noch ältere Sprache, und gehört deswegen schon nicht mehr richtig zum Gebet dazu. Da steht nämlich:

Qui non vult peccata sua penitere | ille venit iterum ubi iam amplius | illum non penitebunt | nec illorum | se ultra erubescit.

Das heißt auf Neuhochdeutsch, damit es die Frau Gebhardt auch versteht:

Wer seine Sünden nicht bereuen will, kommt dereinst dorthin, wo sie ihn nicht mehr reuen können und er sich ihrer nicht mehr schämen kann.

Und so kommt man übrigens aus Wessobrunn wieder weg.

Bushaltestelle Wessobrunn Kloster, SOS

Bushaltestelle Wessobrunn Kloster

Die kommen alle immer wieder

Beim Wälzen des neuen Münchner Katalogs der Volkshochschule wird man noch ein, zwei Semester damit fremdeln, dass der abgemusterte Oberbürgermeister Christian Ude nicht mehr das Grußwort schreibt, sondern sein Genosse Dieter Reiter.

Der Ude kommt in der Volkshochschule trotzdem noch vor, diesmal im Dozentenverzeichnis (BG 6 E). Genauer: Er kommt wieder vor. Der Mann hatte nämlich, die Älteren entsinnen sich, ein Leben vor dem Oberbürgermeisteramt: 1969, noch als Student, leitete er an der Volkshochschule München den politischen Diskurs “Politik der Woche”. Darin ging es um die Nahost-Krise, Ostpolitik oder Rechtsradikalismus, eingebunden war ein Hearing mit dem Oberbürgermeister, seinerzeit Hans-Jochen Vogel, wenn er schon das Grußwort stiften durfte.

Udes damalige Einstellung zu Themen wie Nahost-Krise, Ostpolitik und Rechtsradikalismus sollte klar sein. 1969, das war die Zeit, in der man, um politisch satisfaktionsfähig zu sein, “Das Kapital” einmal durchgeackert haben musste. Das von Karl Marx, nicht das vom eigenen Vater, alle drei Bände mit Kommentar.

Leider zeigt sich, dass die Probleme, denen 1969 möglicherweise mit den Vorschlägen von Karl Marx beizukommen war, erst heute auftreten. Aber jetzt haben wir ja wieder den Ude — als ob man ihn je los gewesen wäre. Nach seiner letzten Lehrveranstaltung knüpft er da wieder an, wo er vor 45 Jahren aufgehört hat: bei einem politischen Diskurs namens “Politik der Woche”. Darin geht es um die Nahost-Krise, Ostpolitik und Rechtsradikalismus, eingebunden wird zweifellos ein Hearing mit dem Oberbürgermeister, dem Genossen Reiter, bekannt aus Grußwort und Kommunalwahl.

Ein “Kapital” von Marx gibt’s auch wieder in München und Freising, leider heißt er Reinhard und ist da der Erzbischof, und das “Kapital” ist ein “Plädoyer für den Menschen” von 2008. Für welchen Menschen, müsste man mal nachlesen, aber spielt das wirklich eine Rolle?

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