150 Jahre sind alt genug

Frank Zander konnte man schon immer albern finden, aber was den bis heute berüchtigten Bestand an Schlagersängern nach 1970 angeht, hatte man bei dem nie so das Gefühl, der wird doch von der CDU bezahlt.

Ein großer Moment in der trüben deutschen Musikgeschichte der Siebziger war … nein, nicht seine Phase als “Fred Sonnenschein”, auch wenn Hugo Egon Balder als Hamster Fritz mitsingt — sondern seine Platte Donnerwetter 1979. Da war nämlich Captain Starlight drauf.

Von dem Lied hat sich jemand einiges versprochen, es wurden nämlich Versionen auf Deutsch und Englisch, mit und ohne Intro erstellt. Man kann bemängeln, dass es nach dem damaligen Weltraum-Hype schon zu spät kam (der erste Star Wars war 1976), aber Peter Schilling ist mit seinem “völlig losgelösten” Major Tom auch erst 1983 nachgerückt. Dass er einen überschätzten Kubrick-Film elf Jahre zu spät veralbern wollte, hab ich zweifellos schon als “Krieg der Sterne”-Verweigerer in der fünften Klasse gemerkt, weil schon immer auf der Hand lag, dass Kubrick ausschließlich überschätzte Filme gemacht hat.

Das Intro von Captain Starlight vom grunddeutschen Frank Zander hatte dagegen Größe. Ein Kasperleschlager, der wie selbstverständlich mit einem ausführlichen, nirgends erklärten, ja auch nur erwähnten klassischen Streichersatz anfängt — und auch wieder aufhört, wo gibt’s denn sowas? Ich muss einige Male ziemlich gebannt am Radio geklebt haben, die Fernsehsendungen haben den nämlich grundsätzlich unterschlagen.

Später, mit einigem musikalischen Grundwissen, konnte man von selber draufkommen, dass es ein Streichquartett war. Welches, ein bestehendes oder gar ein eigens von Herrn Zander komponiertes, wusste kein Mensch, und zu Zeiten des Internets war Frank Zander schon ein abgehalfterter Schlageropa für ironisch-nostalgische Rückblicke.

Bis zum 18. Juli 2010, als <u<in einem nerdigen Gitarrenforum jemand wusste: Das ist eine Moll-Version aus dem 1. Satz von Joseph Haydn: Quartett D-Dur für zwei Violinen, Viola und Violoncello, op. 64,5; Hoboken-Nummer III: 63, Werkverzeichnisnummer 860, dem vulgo Lerchenquartett. — Stimmt.

Dass Haydn mit Sicherheit keine Moll-Versionen von seinen eigenen, gar nicht mehr genau zählbaren Streichquartetten in Dur-Tonarten angefertigt hat, macht die Antwort nicht erschöpfender, rückt Frank Zander aber in ein geheimnisvolles Licht: Der hat das bestimmt auch nicht umgeschrieben, weil er gelernter Grafiker ist, und welche vier praktizierenden Saitenkünstler für die Donnerwetter eine musikologische Fingerübung eingespielt haben, sollte man Herrn Zander (Jahrgang 1942, berufsbedingt als trinkfester Raucher einzuschätzen) endlich mal selber fragen. Wer traut sich?

Ich wette nur auf soviel: Es ist h-Moll.

Für den nachweis der musikalischen Verwandtschaft ist das Haydn’sche Lerchenquartett in YouTube ausreichend vertreten. Ich möchte eine eher kleine, anrührend dilettantische Version verlinken, die von den Eleven der Levanger Kulturskole, weil deren Instrumente so schön authentisch verstimmt sind. Außerdem mag ich das hagere Tomboy-Nordmädchen an der ersten Geige.



Und weil die jungen nordischen Kulturschüler offenbar mit Allegro moderato, Adagio und Menuetto. Allegretto – Trio schon ausgelastet waren, Haydn aber seine Quartette noch viersätzig gestaltete, müssen die ausgelernten Kolleginnen vom Four Voices String Quartet Vivace zu Ende spielen:

Und nochmal alle vier Sätze als Playlist vom Attacca Quartet im Zusammenhang:

Bürgerliches Trauerspiel

Der junge Baron bringt’s mit einem Wischer hinaus, das muß ich wissen, und alles Wetter kommt über den Geiger.

Stadtmusikus Miller, Kabale und Liebe, I,1, 1784.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass Kunst nichts mehr wert ist? Da kann man weit zurückschauen: Mehr Mammutfilet als für die abgebildeten Tätigkeiten des Jagens und Abschlachtens ist für Konzeption und Ausführung der Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux auch nicht rausgesprungen.

Offen feindselig wurde gegen Kunstschaffende erst mit der abendländischen Aufklärung vorgegangen, als sich volks- und betriebswirtschaftlich nachweisen ließ, dass Schamanen eigentlich nur den Arbeitenden das Zeug wegkiffen und Kinder mehr Ideen haben als bezahlte Künstler. Diese Epoche wird derzeit noch perfektioniert.

Beim nächtlichen Studium von YouTube wird das besonders augenfällig, wenn man die Live-Aufnahmen klassischer Musik vergleicht: Bis tief in die 1970-er Jahre bestanden Orchester aus bierbäuchigen Familienvätern mit Hornbrillen, die auf ein ernstzunehmendes Monatsgehalt angewiesen sind, ganz wie der Schiller’sche ehrwürdige Stadtmusikus Miller (Cello). Danach sehen Orchester zunehmend aus wie fernöstliche Mädchenschulklassen.

Dass japanische Schulmädchen Musik machen dürfen, ist an sich noch nicht feindseilig; auf den ersten Blick ist es sogar schön vom Herrn Intendanten, überhaupt welche einzustellen. Es fällt nur auf, dass seit dem Einbruch der Billiglohngeschlechter in die Arbeitswelt die Arbeit nur mehr aus Gewohnheit und zur Eindämmung des Arme-Leute-Gemosers symbolisch bezahlt wird, wenn nicht gar vollends ausgeht. Da rede ich nicht allein vom Kunstschaffen, da macht es nur mehr Spaß hinzuschauen.

Ist es Zufall, dass der Preis für Tonträger mit klassischer Musik im gleichen Zeitraum in bestürzender Weise verfallen ist? Auch das ist für uns Musikverbraucher zuerst einmal schön. Oder ein Schlag ins Gesicht für jeden, der sich einst den Hunderter für die Matthäus-Passion unter John Eliot Gardiner monatelang vom Munde abgespart hat: Die gibt’s nämlich heute als Dreingabe für CD-Boxen, auf denen netto eine Woche der erlesensten Jahrhundertaufnahmen zusammengepackt ruht, um auf Amazon noch einen letzten Zwanziger einzutragen und dann nie wieder angehört zu werden.

Der Eintritt für Live-Konzerte kostet ungebrochen die ein, zwei Hunderter wie in den alten Zeiten, als in einem bürgerlichen Mittelstand in auskömmlichen Mengen Geld verbreitet war. Nun geht weder ein Bürger noch einer, der sich dergleichen leisten kann, in ein klassisches Konzert, da sind zwei- bis vierhundert Öcken schnell weg, und da ist noch nicht mal der Sekt in der Pause mit drin. Für vierhundert kann einer allerdings die verbliebene Klassik-Abteilung vom Müller aufkaufen, jedenfalls die relevanten CDs. Und von denen hat er länger als zwei Stunden was.

Ist doch gut? Ja, zuerst schon — für eine Gesellschaft, denen Kunst nicht einfach nur nichts wert ist, sondern die seit einigen Jahrhunderten gegen ihre Geistesarbeiter vorgeht: durch Aushungern, Verunglimpfen, Ausgrenzen — ein politisch gewünschtes, funktionierendes Mobbing. Eine Gesellschaft, die sich den eigenen Kopf absägt.

Zu den Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux wird immer betont, aus welch hochstehender Zivilisation sie nur entstehen konnten. Wenn uns das heute wieder reicht — okay. Jedenfalls hört man von den Leuten aus der Jungsteinzeit weniger Klagen als von den um ihr Leben geigenden Familienvätern und den immer verzweifelt ratlos wirkenden Schulmädchen im YouTube-Orchester. Und in dem gibt’s die Jahrhundertaufnahmen gratis, hurra, zum gleichen Preis wie im Paläolithikum, als die Schamanen legal kiffen und dabei mit den Honoratioren am selben Höhlenbärenfell sitzen durften.

Kann man schon machen. Muss man halt wollen.

Soundtracks: Beethoven: Fünfte, einmal unter Otto Klemperer 1970, einmal unter Chung Myung-Whun 2013:

To all those who have lived and died alone

Update zu Fuck Yes:

Es ergeht Empfehlung für ein einzelnes Lied; vielleicht hilft das gegen den mittlerweile wochenlangen Ohrwurm.

Wie viele Jahrzehnte hab ich jetzt geglaubt, in Wirklichkeit stünde ich auf die baumlange, blasse, burschikose Rothaarige mit Brille, Birkenstockmodell Gizeh und Knabenbrüstchen, die sich kaum aus dem Eck traut, um ihr Augustiner aufzufüllen, und keinen findet, mit dem sie ihr Promotionsthema diskutieren kann, und die ganzen heißblütigen Südgewächse sind bestimmt auch ganz wunderbare Menschen, aber weiter kein Grund, nervös zu werden.

Nach Naturereignissen wie Salma Hayek, Penelope Cruz und jetzt auch noch Lindi Ortega wollte ich vorsichtshalber nochmal nachdenken. Mit dem Ergebnis: Ach so, Kanadierin. Na dann.

Das Video zu ihrem Lived and Died Alone aus Tin Star von 2013 spielt explizit auf der anderen Seite der USA, inmitten mexikanischer Kultur der Trauerbewältigung; es geht nämlich von vorne bis hinten ums Sterben, schlimmer noch: Störung der Totenruhe, wenn nicht gar Nekrophilie. Jedenfalls ist alles denkbar morbid und gerade deswegen besonders tröstlich. Das ist kein Widerspruch, sondern Schwarze Romantik, und funktioniert innerhalb christlicher Kulturen in seiner modernen Form etwa seit 1780.

Außer als Kanadierin versteht Frau Ortega sich als Country-Musikerin, was die engelschöne, komplexe Melodie erklärt. Und dann den Text, ach den Text.

Man versteht Frau Ortega recht gut, Kanadier können von Geburt an mit Mehrsprachigkeit umgehen. Und der Wortschatz bleibt kunstvoll schlicht, allerdings in thematisch ungewohnten Zusammenhängen, die sich keinem Normaldeutschen so selbstverständlich ins Ohr nisten, dass er ohne ein Minimum an Eigenleistung jederzeit mitsingen könnte. Der Text ist online gut auffindbar, aber an allen bisherigen Stellen, die wahrscheinlich eine von der anderen abkopiert sind, in falscher Versaufteilung. Als Mehrwert bringe ich daher erst das Video und dann den Text in merkfähiger, weil lyrisch korrekter Typographie. Falls das Video youtube-typisch verschwindet, lohnt sich jeder Suchaufwand, versprochen; es reicht sowieso nie, es nur einmal laufen zu lassen.

Lifehack 1: Gegen Ohrwürmer hilft auch, die Pippi Langstrumpf zu singen, die überdeckt alles andere.

——— Lindi Ortega:

Lived and Died Alone

from: Tin Star, Last Gang Records, October 8th, 2013:

Love never came easily to me,
there were no fish swimming in my sea.
I resided myself to the fact
that I would always love
never to be loved back.
But that’s okay,
I know some day —

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I guess I thought it couldn’t really hurt
to search for sweethearts underneath the dirt.
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
to be with me
in the Dead Sea.

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

(Solo.)

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed.
I will fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I’d been a girl and one dream frequented my late afternoons

Girl
where did you stay so long
Girl
where did you stay so long
I feel strong
the answer she gave
simply was
I’ll show you where the lilies grow

Die gute Nachricht ist: Sibylle Baier sitzt an einem zweiten Studioalbum. Dem zweiten seit 1973.

Keine Schande, das erste nicht zu kennen. Es hieß Colour Green und wurde von der Künstlerin höchstselbst im Alleingang spätnachts in ihrem Wohnzimmer mit einem Kassettenrekorder und einer beneidenswert gut gestimmten Wanderklampfe aufgenommen. Das war zwischen 1970 und 1973.

Sibylle Baier und Sohn Robby, sibyllebaier.comIn diesen drei Jahren hat Frau Baier 14 Lieder eingespielt, die zusammen nicht ganz 37 Minuten dauern. Im weiteren Verlauf ist sie nach Amerika ausgewandert, hat Kinder aufgezogen und getan, was man so tut im Leben — zum Beispiel einmal für Jochen Richter den Soundtrack geschrieben und einmal für Wim Wenders mitgespielt. Viel mehr weiß man nicht über sie. Offenbar legt sie keinen gesteigerten Wert auf großen Rummel um ihre Person. Eine amerikanische Hausfrau, die als junges Mädchen in Deutschland mal ein paar selbstgeschriebene Liedchen gezupft hat, wird nicht gerade dauerhaft von Paprazzi umlagert, und wozu auch?

Ungefähr 2003 war ihr Sohn Robby schon groß und seinerseits Musiker und konnte aus Mamas alten Kassetten eine CD zusammenbrennen. Wie dieselbe an J Mascis von den Dinosaur Jr geriet, fällt schon unter die feineren Verästelungen im Unterholz des Musikgeschehens. Jedenfalls kam die CD von den Dinosaur Jr ans Label Orange Twin Records und war ab 2006 eine Zeitlang verkäuflich. Amazon.de weiß noch davon, und der wohlgeratene Robby pflegt ihr bis heute die Website.

Anscheinend hat die junge Frau Baier um 1970 viel Pink Floyd gehört, inhaltlich erinnern ihre Lieder stark an die Zeit zwischen Syd Barrett und der Dark Side of the Moon. Die Gitarrenarbeit ist ordentliches Lagerfeuerniveau. Jedes Jahr Warten seit 1973 und jeden Cent wert ist aber ihre Stimme: ungefähr Nico Päffgen, ebenfalls Exildeutsche, von den Velvet Underground, jedenfalls genauso unbeirrbar modulationsfrei. Aber schöner.

Und die schlechte Nachricht? Wer auf eine besteht, kann ja egal wohin anders surfen als zur Playlist von Colour Green, aber davon rate ich ab.

Wenigstens eine mittelgute: Wir müssen jetzt nicht alle gefrustet unsere im Gefolge von Janis Joplin und Hannes Wader vollgesungenen Kassetten vorschriftsmäßig im Plastikmüll entsorgen, es hat nämlich nicht gleich jeder Wim Wenders zum Freund des Hauses. Soviel Trost muss uns unentdeckt Bleibenden reichen.

Bild: Sibylle und Robby Baier gegen 1973.

Mit Blumen, mit verdorrten

Lieber meteorologischer Frühlingsanfang — leicht zu merken: immer am 1. März — als Märzunruhen. — Seit 1849 immer wieder bestrickend sind die beziehungsreichen Pflanzennamen:

——— August Freiherr von Seckendorff:

‘s ist wieder März geworden

März 1848, Erstdruck als August Dorff in: Leuchtkugeln, Verlag von Emil Roller, München, Mitte April 1849, Seite 150 f.:

Alfred Rethel, Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849, Deutsches Historisches Museum Berlin‘s ist wieder März geworden,
vom Frühling keine Spur.
Ein kalter Hauch aus Norden
erstarret rings die Flur.

‘s ist wieder März geworden —
März, wie es eh’dem war:
Mit Blumen, mit verdorrten
erscheint das junge Jahr.

Mit Blumen, mit verdorrten?
O nein, doch das ist Scherz —
gar edle Blumensorten
bringt blühend uns der März.

Seht doch die Pfaffenhütchen:
den Rittersporn, wie frisch!
Von den gesternten Blütchen —
welch farbiges Gemisch!

Der März ist wohl erschienen.
Doch ward es Frühling? — Nein!
Ein Lenz kann uns nur grünen
im Freiheitssonnenschein.

Seht hier den Wütrich thronen
beim Tausendgüldenkraut,
dort jene Kaiserkronen,
die Königskerze schaut!

Wie zahlreich die Mimosen,
das Zittergras wie dicht!
Doch freilich rote Rosen,
die kamen diesmal nicht.

Bild: Alfred Rethel: Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849,
Deutsches Historisches Museum Berlin.

Ein Tag mit Glenn Gould

Unterschied zwischen Glenn Gould und Maria Callas? — Bei Glenn Gould hat’s nicht so gestört, wenn er mitsingt.

Haben Sie schon gekannt? Macht nix, ungefähr einmal pro Jahr erzählt den irgend jemand, der sich für den einzigen humorbegabten Kenner klassischer Musik auf Gottes Erdboden hält, und weil man ihn in solchen Abständen regelmäßig wieder vergessen hat, ist der seit mehreren Jahrzehnten für ein wiederkehrendes Grinsen gut. Heuer muss man sich noch öfter drauf gefasst machen, da hat Glenn Gould kurz hintereinander 85. Geburtstag und 35. Todestag.

Wie oft und wie lange Glenn Gould beim Mitsingen ertappt wird, kann man jetzt endlich mitvergleichen, ohne andauernd mühselig die CD zu wechseln (oder gar, wie noch früher, doppelt so oft die Platte umzudrehen): War der einzige Erfolg der weiland Google Videos, die nicht mal mehr einen deutschen Wiki-Artikel haben, dass die Videos dort länger als zehn Minuten sein durften, hat am 27. Juni 2016 ein engagierter Musikfreund mal kurz ein Video mit allen Bach-Aufnahmen von Glenn Gould (oder sollte es heißen: allen Gould-Aufnahmen von Bach…?) auf YouTube gepumpt. Es dauert über siebzehneinhalb Stunden.

Allein die jeden Höreindrucks entkleidete Zahl macht einen erschauern. “Glenn Gould spielt Bach” ist ja geradezu eine eigene Musikrichtung, die jedenfalls mehr Regalmeter auffüllen kann als manche Unterkategorien der Leicht- und Schwermetalle. Wenn da oben “Ein Tag mit Glenn Gould” steht, meine ich auch einen Tag. Einschließlich der Nacht. Die verbleibenden viereinhalb Stunden sind für einen kurzen Nachtschlaf und Stoffwechsel. Oder um weitere engagierte Musikfreunde zur Nachforschung anzuhalten, wie lange es dauert, wenn Glenn Gould mal nicht Bach spielt.

Der Eintritt in die erste Veranstaltung der Elbphilharmonie, für die man überhaupt irgendwelche Eintrittskarten kaufen durfte, hätte übrigens zwischen 19,80 und 91,30 Euro gekostet, “ggf. wenige Restkarten am Veranstaltungstag vor Ort“.

Das Wochenend sollte jedenfalls gerettet sein. Ansprechbar bin ich hinterher wieder. Aber fest versprechen kann ich’s nicht.

These fascists kill machines

Ich referier das bloß. Nicht dass es wieder heißt, ich erfinde was.

——— Woody Guthrie:

Old Man Trump

Music: Ryan Harvey, 2016; lyrics: Woody Guthrie, 1950, rediscovered 1967:

I suppose that Old Man Trump knows just how much racial hate
He stirred up in that bloodpot of human hearts
When he drawed that color line
Here at his Beach Haven family project.

Beach Haven ain’t my home!
No, I just can’t pay this rent!
My money’s down the drain,
And my soul is badly bent!
Beach Haven is Trump’s Tower
Where no black folks come to roam,
No, no, Old Man Trump!
Old Beach Haven ain’t my home!

I’m calling out my welcome to you and your man both
Welcoming you here to Beach Haven
To love in any way you please and to have some kind of a decent place
To have your kids raised up in.

Beach Haven ain’t my home!
No, I just can’t pay this rent!
My money’s down the drain,
And my soul is badly bent!
Beach Haven is Trump’s Tower
Where no black folks come to roam,
No, no, Old Man Trump!
Old Beach Haven ain’t my home!

Das tut uns leid.

Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar, da es Musik enthalten könnte, über deren Verwendung wir uns mit der GEMA bisher nicht einigen konnten. Das tut uns leid.

Das untrügliche Merkmal wirklich klassischer Zitate ist ja, dass sie oft parodiert und noch öfter falsch wiedergegeben werden. Das Original verschwindet dann aus dem kollektiven Bewusstsein und muss von Bewahrern einer schnell als nerdy wahrgenommenen Kultur in Nostalgie-Gruppen gehortet werden, bis das nächstflachere Telephon rauskommt.

Oben steht die vorläufige Ausgabe “letzter Hand” der YouTubischen Sperrtafel, was kein Widerspruch mehr ist, seit Facebook damit wirbt, dass man seine rassistischen Entgleisungen theoretisch sogar wieder löschen könne. Vorläufer-Versionen sperrten das Video für “dein Land”, was sie geändert haben, seit YouTube die psychologische Kriegsführung gegen die GEMA untersagt ist, weil ungefähr gleichzeitig das faschistische Vokabular im Verliererland sowieso wieder salonfähig wurde.

Wir werden sie vermissen, die Sperrtafeln mit dem Vintage-“Weiß nicht recht”-Emoticon. Die ersten Neuformulierungen “Und da für zaheln wir Gemma??!!!?? Da mal drüber nach denken!!!!!111!!” wurden schon gesichtet.

Denken wir positiv und nutzen die angeblich Tausende von seit den frühen Morgenstunden von Allerheiligen freigeschalteten Videos, solange Sony kein neues Argument einfällt. Eins, das ich lange und durchaus schmerzlich vermisst hab, ist der Beitrag von Wolfgang Ambros zum in den frühen Morgenstunden von Halloween ausgebrochenen Lutherjahr. Es ist von 1979 und war dafür ziemlich zeitig dran. Ich bin leider schon über 30 und dafür ziemlich spät dran. Typisch. Es ist nicht, wie die meisten richtig guten Lieder von Ambros, eine Dylan-Übersetzung; die Kalauer sind echt. Und dafür zahlen wir GEMA.

Sieben Tage, sieben scheußlich schöne Lieder

Facebook kann sogar Spaß machen. Letzte Woche hat mich dort unversehens ein Musikstöckchen ins Genick getroffen: Sieben Tage, sieben Lieder.

Immer nur Sachen zu verbreiten unter dem Ansatz, sie seien “so schlecht, dass es schon wieder gut ist”, wäre natürlich ein garstiges Unterfangen. Mir liegt immer daran zu betonen, dass ich niemals einer Verbreitung Vorschub leisten werde, nur um jemanden oder etwas bloßzustellen. Außerdem ist das auf hipsterhafte Weise postironisch, also ja wohl sowas von 2012.

Vielmehr will ich auf die Schönheit in der allzu offensichtlichen Scheußlichkeit aufmerksam machen. Ich darf sowas, weil ich allzeit und absichtslos einen viel zu soziologischen Blick auf die Natur (und Kunst) gerichtet halte, um ein Lied rundum scheiße zu finden. Ich betrachte die erschütternd gedankenlos zusammengerüpelten Prominentendarstellungsliedchen aus dem weiland Blauen Bock mit der gleichen geradezu zoologischen Faszination wie das perfide Brutverhalten der Schlupfwespen. Oder anders: Ich bin nicht so der Fremdschämer.

Weil ich ja mit den wenigsten Leuten auf der Welt befacebookt bin, folgt meine Liederauswahl, damit ich das Zeug nicht bloß für zweieinhalb Facebooquiniers ausgewählt hab, denen außer Fotos von Tellergerichten eh alles wurscht ist. Da müssen Sie jetzt durch.

Mittwoch. Als erstes fällt mir der Roadrunner von 1983 ein, vor allem das Video aus der Frühzeit des Musikvideoschaffens. Burghausen, die längste Burganlage der Welt, war schon Zeuge mancher musikalischen Verirrung und Drehort für irgendwelche Versionen von den “3 Musketieren” und “Baron Münchhausen”, “Wickie auf großer Fahrt” und “1 1/2 Ritter”, aber vermutlich nur einmal Schauplatz eines so engagiert und buchstäblich zerbombten Refrains. Das Schöne daran ist, dass dieser gesuchte Effekt tatsächlich stört und dadurch erst zeigt, was Roadrunner für ein unverwüstlicher Ohrwurm ist.

Der Künstler Max Werner ist Holländer, sieht aber mit seinem zeittypischen Vokuhila und diesem nicht kopierbaren Trucker-Blick verblüffend aus wie die Nürnberger Gebrauchs- und Biergartenmusiker, die man bis heute an ihrem freien Samstag in den nach der Gentrifizierung übrigen Altstadtkneipen trifft, wo sie mit ihrem Fender-Plektrum auf der Theke den Takt zu den “besten Oldies” klopfen wie normale Leute mit ihrem BMW-Schlüsselanhänger. Meistens betonen sie einmal zu oft, dass “Spaß sein” müsse, sind aber bei genauerem Herumlallen erstaunlich patent. Lang sollen sie leben.

Donnerstag. Wenn schon, dann richtig: Ray Peterson: Tell Laura I Love Her von 1960 ist mir zuerst etwa 14-jährig beim heimlichen Radiohören im Bett widerfahren, wahrscheinlich im Nachtprogramm auf SWF 3 oder so. Danach musste ich erst mal ausschalten, weil darauf einfach nichts Ebenbürtiges mehr folgen konnte. Gegen diesen schamlos ausgelebten Herzschmerz kann jeder Shakespeare-trainierte Berufstragöde einpacken, und am besten ist natürlich der letzte Refrain, den “Tommy” aus dem Sarg heraus singt. Und ich wusste bis soeben nicht einmal, dass ein Genre des Teenage tragedy songs existiert.

Freitag. Mal was Lustiges. Leinemann: Piraten der Liebe, 1986 kann ich nur ungefähr zwei-, dreimal im Leben gehört haben; unvollständige Youtube-Anspielungen zählen nicht. Dabei kann es sein, dass dieser Faschingsklopfer in hedonistischer orientierten Gegenden Deutschlands, vulgo “Karnevalshochburgen”, sehr viel präsenter ist als im Fränkischen.

Der erhältliche Fernsehmitschnitt sieht so aus, wie das Lied klingt: bunt, überladen, randvoller Piratenklischees, übermütig und auf jede Weise so, dass man nicht wegschauen kann. Die Melodie ist offenbar eingängig genug, dass ich sie mir an die drei Jahrzehnte ohne weitere Stütze merken konnte, und poetisch ganz und gar durchtrieben gestrickt — und vor dieser Art Unterhaltungshandwerk hab ich von jeher einen Heidenrespekt. Man hat ständig das Bedürfnis, an geeigneter Stelle “und ‘ne Buddel voll Rum” einzufügen.

Samstag. Bei Country & Western muss man ja immer höllisch aufpassen: Vor allem wenn die Künstler als Cowboys kostümiert sind, womöglich noch in Weiß und/oder mit Indianer-Applikationen, hagelt’s patriotischen Kitsch. Faustregel: Country-Musiker mit Hut sind zu meiden.

Tom Astor — Markenzeichen: weißer Cowboyhut — ist in Wikipedia als Sänger, Komponist, Texter und Produzent ausgewiesen und hat schon mit Johnny Cash Duett gesungen — ein respektabler Mann. Auf einem Nürnberger Truckertreffen hab ich ihn dagegen mal live und eher als überforderten Pausenkasper erlebt. Die Produzentenseite in ihm scheut sich nicht, für seine Spätpubertätshymne Junger Adler von 1993 Kinderchor und elektrisch vervielfältigten Dudelsack zu verwenden. Alle Häme des kulturell Gebildeten ist über dergleichen schnell ausgegossen.

Und dann das: Sozialarbeiter, die mehrmals pro Jahr Zeltlager mit straffälligen Jugendlichen wuppen müssen, berichten mir, dass zuverlässig immer bei diesem Lied mit den mittelschweren Jungs “etwas Magisches” passiert. Und das ist der Moment, wo Adorno mit seinem leider unwiderlegbaren Elitequatsch über Gebrauchsmusik mal kurz die Klappe halten soll. Mir sagt das: Es funktioniert also offenbar auch mit verstimmter Lagerfeuerklampfe und rührt an etwas Urtümliches, zutiefst Menschliches — und das eben nicht nur in musikalischen Nullcheckern und bekennenden CDU-Wählern, sondern in Menschen, die sich anderweitig jung aufgegeben haben. Sagen wir, ich würde kein Geld für einen Tonträger davon ausgeben, ich find’s ja selber zum Fürchten — aber wer mir erzählt, das rühre samt Kinderchor und Dudelsack sein Herz nicht an, der hat keins.

Sonntag. Ich bin ziemlich sicher, dass ich das genau einmal im Leben gehört hab, bevor ich aus dokumentarischen Gründen auf Youtube danach gesucht hab; man sucht dergleichen nicht freiwillig auf. Und schau an: Es ist tatsächlich eine Rarität. Der ganze Patrick Nielsen firmiert in allen Suchergebnissen als Profiboxer, das Väter und Cowboys von 1980 hat so gut wie nie existiert. Allein einem einzigen Youtübner scheint es etwas zu bedeuten, der visuellen Möblierung nach etwas sehr Persönliches. Die Tonaufnahme ist sehr höhenlastig, wie die meisten Vinyl-LPs, die per USB-Plattenspieler in Sounddateien überführt wurden. Offenbar hat das Lied nie den CD-Status erreicht, sondern kommt nahtlos aus einer Plattentruhe ins Internet.

Es war wohl einst sozialkritisch gemeint — damals, als Bayern 1 noch ungeniert Heino spielen konnte. Warnung: Es fällt schwer, sich auf einen schlimmeren Schmalz zu besinnen, und wie mein Beispiel lehrt, hält der Ohrwurm Jahrzehnte.

Montag. Weil morgen schon schluss ist, gleich ein Double Feature: Kate Bush: Wuthering Heights aus The Kick Inside von 1978 hat seinerzeit gleich zwei aufwendige Videos bekommen: das White Dress Video für den europäischen Markt und das Red Dress Video für den amerikanischen. Jemand mit Kohle hat also ziemlich viel von dem Lied gehalten, dabei wusste von Anfang an niemand, welche Visualisierung jetzt die grausigere ist.

Es ist so eins, um das die Legendenbildung praktisch sofort eingesetzt hat, zahlreiche Coverversionen balgen sich, freiwillig oder nicht, um die Palme für die schlimmste Parodie und versuchen endlich Herr über die zugegeben sehr anspruchsvolle Melodie zu werden. Selber bilde ich mir einiges darauf ein zu wissen, welche Wuthering Heights-Verfilmung das 18-jährige Mädelchen Kate Bush beim Aufwachen vor dem Fernseher (es war der 5. März 1977, natürlich eine Vollmondnacht) zu diesem Monument der Besessenheit inspriert hat (der mit Laurence Olivier von 1939 war’s).

Pina Bausch hätte Kate Bush für diese Verunglimpfung des Ausdruckstanzes mit einem nassen Tütü erschlagen, aber das Lied hat wirklich Größe.


Dienstag, letzter Teil: Einmal Neue Deutsche Welle muss einfach sein: Andreas Dorau und die Marinas: Fred vom Jupiter aus Blumen und Narzissen von 1981 war ein Schulprojekt, was man ihm auch anhört, aber immer für künstlerische Gestaltung gehalten hat. Andreas Dorau war bei Konzept und Umsetzung ebenso wie seine Go-Go-Klassenkameradinnen 16 Jahre alt, vier Jahre älter als ich, und konnte mich durch den Rest meiner Jugend damit begleiten. Wirklich imponiert hat mir immer der Mädchenchor, der gegen seine eigene Melodie ansingt.

Erst im YouTube-Zeitalter erhellte, dass tatsächlich eine Sechseinhalb-Minuten-Version erstellt wurde. O der verschwendeten Jugend.

Und? Können Sie noch? Sie sollten ja auch nicht alles gleichzeitig anklicken.

Nummer 8 wäre übrigens New World: Kara Kara Kimbiay von 1971 gewesen. Leider war da die Woche schon rum. — Bonus Track:

Remember I said I give you lessons, too?

Obwohl die zuverlässigste Zählung der Filme mit drei und vier Marx Brothers (der biedere Zeppo war Ersatzbank, Gummo war nur live auf der Vaudeville-Bühne und in keinem Film, und einer ist schon mit drei Monaten gestorben) auf 17 plus 7 mit Groucho solo plus 3 mit Harpo solo, und Chico in “jedem der dreizehn Marx-Brothers-Filme” durch seine versehentlich erlernte Pistolenfingertechnik am Klavier aufgefallen sein soll, stellt der “one-stop shop for Chico Marx playing the piano” gerade einmal 10 Klavierauftritte zusammen. So krampfhaft ich mich auf meine frühen Fernseherlebnisse zu besinnen suche, fällt mir auch kein elfter mehr ein.

Chicos zehn Rezitationen populärer Klassiker, früher Schlagerfetzen und Kinderlieder am Klavier dürfen ruhig als stilbildende Momente der Filmgeschichte gelten. Deren Versammlung ist erschütternd kurz: keine 20 Minuten. Das Tonmaterial von Wladimir Sofronitski dauert wahrscheinlich ein paar Wochen, aber sein Schauwert beschränkt sich dabei auf die Spannung, ob er die Tasten auch mit den Mundwinkeln anschlagen kann. Spätestens wenn man Chico in dieser Geballtheit zuschaut, dämmert einem wieder, was man aufgrund der eigenen Lebensauffassung im Leben alles verpasst: eigentlich nichts Genaues, aber schöner, geschmeidiger, leichtfüßiger und vor allem leichtherziger ging’s auch.

Etwas Größeres kann ein Film nicht leisten. Wenn jemandem etwas Größeres einfällt, das ein Film leisten kann, soll er mir’s bitte sagen. Aber nicht in der Rhetorik von meinem alten Vorbild Groucho, das merk ich nämlich sofort und kann’s hoffentlich selber am besten.

  1. The Cocoanuts, 1929: Gypsy Love Song als Signor Pastrami the Lithuanian Pianist;
  2. Animal Crackers, 1930: Silver Threads Among the Gold als Signor Emmanuel Ravelli;
  3. Monkey Business, 1931: Pizzicatto/When I Take My Sugar To Tea als Chico;
  4. Horse Feathers, 1932: Collegiate als Baravelli the Piano Teacher;
  5. A Night at the Opera, 1935: All I Do Is Dream Of You als Fiorello;
  6. A Day at the Races, 1937: Hungarian Rhapsody #2/On The Beach at Bali Bali als Tony;
  7. At The Circus, 1939: Beer Barrel Polka als Antonio;
  8. Go West, 1940: The Woodpecker Song als Joe Panello;
  9. The Big Store, 1941: Mamãe eu Quero als Ravelli, vierhändig mit Harpo als Wacky;
  10. A Night In Casablanca, 1946: Hungarian Rhapsody #2/Beer Barrel Polka/Moonlight Cocktail als Corbaccio.

Um als Bonus Track doch noch einen elften Moment zu ermöglichen, verschweigt die YouTube-Gesamtausgabe ausdrücklich Chicos Duett mit dem vielbeschäftigten Filmgeiger Leon Belasco als Mr. Lyons — aus Love Happy, 1950: Gypsy Love Song — mit der Begründung, dass es kein Solo ist. Als ob der vierhändige Auftritt mit Harpo eins wäre; übrigens der beste, aber der verwendet aufs Ende zu sogar ein virtuelles Orchester. Das heißt mich hoffen, dass jemand oder etwas bald auch eine Sammlung mit den Harfenrezitationen von Harpo erstellen wird.