In starker perspektivischer Verkürzung

Münchner lesen ja nie den Lonely Planet für München. So vergisst sich ständig, dass die Münchner Museen am Sonntag immer einen einzelnen Euro Eintritt kosten.

Auch die Pinakotheken, alle drei (oder vier oder fünf, je nach Zählung). Selbst die sonst üblichen sechs Euro liegen immer noch unter einem Kinoeintritt, und die Mass Bier soll ab heuer drei Oktoberfeste lang bei mickrigen 10,70 Euro “gedeckelt” werden, was offenbar eine ganze Handvoll Multimillionäre in Armut und Verderben stürzen wird.

Der eine Euro hingegen erleichtert es einem wenigstens theoretisch, für sein Geld nicht etwa alle Säle aller Pinakotheken hemmungslos leerzuglotzen, weil man was sehen will für sein Geld, sondern entspannt seine ein, zwei Lieblingsbilder zu besuchen. Ich empfehle nicht ausgerechnet die dauerhaft von halb Tokio umlagerte, dabei kreuzhässliche Version der van Gogh’schen Sonnenblumen, sondern:

Adolph von Menzel, Wohnzimmer mit Menzels Schwester 1847, Neue Pinakothek MünchenAdolph von Menzel (1815–1905): Wohnzimmer mit Menzels Schwester, 1847. Öl auf Papier, aufgezogen auf Pappe, 46,1 x 31,6 cm, 1937 aus Privatbesitz erworben, Inv. Nr. 8499.

Unabhängig von den Konventionen der Interieurmalerei wählte Menzel den Bildausschnitt in dieser Ölstudie offenbar beiläufig und spontan. Der unbemerkte Blick von außen in das geöffnete und in starker perspektivischer Verkürzung wiedergegebene Zimmer erfasst mit tonigen Farben und punktuell aufscheinenden Lichtern die intime Atmosphäre einer ruhigen Abendstunde.

Ein Ölbild wie ein Schnappschuss aus der Hüfte — ein denkbar aufwändig hergestelltes Lomo aus dem 19. Jahrhundert. Schon klasse. Einmal gucken ein Euro, die Postkarte davon im Museumsshop kostet mehr (falls es die gibt). Für die eingesparten zehn Euro — man geht ja nicht allein hin — springt dann ein Käsekuchen im Museumscafé raus. Das in der Alten Pinakothek ist schöner, liegt aber mitten in dessen Eingeweiden, also zwei weitere Euro tiefer versteckt. Macht aber nix, soviel lässt man sich für den guten Zweck (Kunst! Essen! Nackte Weiber!) vom Lebendigen nehmen, mit wirklich “altem” Zeug wird man da drin auch nicht behelligt, weil sie erst gegen anno 1400 anfangen, und man nimmt noch die schönste aller Danaen mit, die von Mabuse 1527. Hach.

Zum Ausschneiden:

Alte Pinakothek:
Täglich außer Montag 10.00 bis 18.00 Uhr,
Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr

Neue Pinakothek:
Täglich außer Dienstag 10.00 bis 18.00 Uhr
Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr

Pinakothek der Moderne:
Täglich außer Montag 10.00 bis 18.00 Uhr
Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr

Museum Brandhorst:
Täglich außer Montag 10.00 bis 18.00 Uhr
Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr

Sammlung Schack:
Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr
Jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat Abendöffnung bis 20.00 Uhr

Buidl: Adolph von Menzel: Wohnzimmer mit Menzels Schwester 1847 via Neue Pinakothek München.

Soundtrack von kurz nach 1400: Mike Oldfield: Pictures in the Dark, 1985:

With your feet in the air and your head on the ground

Waun’st Vertraun host in di selber,
daun brauchst ka Versicherung,
weu wann du wüst,
bleibst immer jung.

Wolfgang Ambros: Für immer jung, 1983.

Dass einem das auch mal auffällt: Wir verfügen über zwei Haftpflichtversicherungen.

Über ein Jahrzehnt lang ist das unbemerkt geblieben, weil die einen immer am Jahresanfang abbuchen, wenn man froh ist, dass von den Überresten der Weihnachtsausgaben überhaupt noch ein paar Kröten für Wasser und Brot übrig sind, und die anderen um die Jahresmitte, wenn man mit keinen jährlich fälligen Abbuchungen mehr rechnet.

Cool. Heißt das jetzt, dass ich meine Schadensmeldungen immer gleich bei zwei Haftpflichtversicherungen einreichen kann, und ich krieg sie dann doppelt ersetzt? Außer mit den zwei Versicherungen sind wir ja auch mit zwei lebenslustigen, sprungkräftigen Katern mit scharfen Krallen und einer laxen Einstellung zu Eigentumsfragen gesegnet, da ist so ein Schadensfall ruckzuck eingetreten.

Die Kater sollen sowieso mehr raus. Ein kurzer Ausflug mit einem Kater und einem Laserpointer in die Glas- und Porzellanabteilung vom Kustermann, und wir sind gemachte Leute.

Soundtrack: Pixies: Where Is My Mind? aus: Surfer Rosa, 1988, für: Fight Club, 1999.

2 + 2 – 2 + 2 = 7 (BWL für Spätromantiker)

“Der Wolf wieder”, sagt Vroni, “mit seinen Kinder- und Hausmärchen. Was hast’n wieder für einen Schauerkram aufgetrieben?”

“Und was für einen”, sag ich, Die beiden Wanderer. Das willst du gar nicht kennen.”

Das sicherste Mittel. “Lies mal vor”, sagt Vroni.

Die beiden Wanderer nach der siebten Auflage letzter Hand 1857. Den Anfang lass ich mal weg.

Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syrakus. Titelblatt der Erstausgabe, gezeichnet von Johann Christian Reinhart, 1803Als sie eine Zeitlang gewandert waren, kamen sie an einen großen Wald, durch welchen der Weg nach der Königsstadt gieng. Es führten aber zwei Fußsteige hindurch, davon war der eine sieben Tage lang, der andere nur zwei Tage, aber niemand von ihnen wußte, welcher der kürzere Weg war. Die zwei Wanderer setzten sich unter einen Eichenbaum und rathschlagten wie sie sich vorsehen und für wie viel Tage sie Brot mitnehmen wollten. Der Schuster sagte “man muß weiter denken als man geht, ich will für sieben Tage Brot mit nehmen.” “Was,” sagte der Schneider, “für sieben Tage Brot auf dem Rücken schleppen wie ein Lastthier und sich nicht umschauen? ich halte mich an Gott und kehre mich an nichts. Das Geld, das ich in der Tasche habe, das ist im Sommer so gut als im Winter, aber das Brot wird in der heißen Zeit trocken und obendrein schimmelig. Mein Rock geht auch nicht länger als auf die Knöchel. Warum sollen wir den richtigen Weg nicht finden? Für zwei Tage Brot und damit gut.” Es kaufte sich also ein jeder sein Brot, und dann giengen sie auf gut Glück in den Wald hinein.

In dem Wald war es so still wie in einer Kirche. Kein Wind wehte, kein Bach rauschte, kein Vogel sang, und durch die dichtbelaubten Äste drang kein Sonnenstrahl. Der Schuster sprach kein Wort, ihn drückte das schwere Brot auf dem Rücken, daß ihm der Schweiß über sein verdrießliches und finsteres Gesicht herabfloß. Der Schneider aber war ganz munter, sprang daher, pfiff auf einem Blatt oder sang ein Liedchen, und dachte “Gott im Himmel muß sich freuen daß ich so lustig bin.” Zwei Tage gieng das so fort, aber als am dritten Tag der Wald kein Ende nehmen wollte, und der Schneider sein Brot aufgegessen hatte, so fiel ihm das Herz doch eine Elle tiefer herab: indessen verlor er nicht den Muth, sondern verließ sich auf Gott und auf sein Glück. Den dritten Tag legte er sich Abends hungrig unter einen Baum und stieg den andern Morgen hungrig wieder auf. So gieng es auch den vierten Tag, und wenn der Schuster sich auf einen umgestürzten Baum setzte, und seine Mahlzeit verzehrte, so blieb dem Schneider nichts als das Zusehen. Bat er um ein Stückchen Brot, so lachte der andere höhnisch und sagte “du bist immer so lustig gewesen, da kannst du auch einmal versuchen wies thut wenn man unlustig ist: die Vögel, die Morgens zu früh singen, die stößt Abends der Habicht,” kurz, er war ohne Barmherzigkeit. Aber am fünften Morgen konnte der arme Schneider nicht mehr aufstehen und vor Mattigkeit kaum ein Wort herausbringen; die Backen waren ihm weiß und die Augen roth. Da sagte der Schuster zu ihm “ich will dir heute ein Stück Brot geben, aber dafür will ich dir dein rechtes Auge ausstechen.” Der unglückliche Schneider, der doch gerne sein Leben erhalten wollte, konnte sich nicht anders helfen: er weinte noch einmal mit beiden Augen und hielt sie dann hin, und der Schuster, der ein Herz von Stein hatte, stach ihm mit einem scharfen Messer das rechte Auge aus. Dem Schneider kam in den Sinn was ihm sonst seine Mutter gesagt hatte, wenn er in der Speisekammer genascht hatte “essen so viel man mag, und leiden was man muß.” Als er sein theuer bezahltes Brot verzehrt hatte, machte er sich wieder auf die Beine, vergaß sein Unglück und tröstete sich damit daß er mit einem Auge noch immer genug sehen könnte. Aber am sechsten Tag meldete sich der Hunger aufs neue und zehrte ihm fast das Herz auf. Er fiel Abends bei einem Baum nieder, und am siebenten Morgen konnte er sich vor Mattigkeit nicht erheben, und der Tod saß ihm im Nacken. Da sagte der Schuster “ich will Barmherzigkeit ausüben und dir nochmals Brot geben; umsonst bekommst du es nicht, ich steche dir dafür das andere Auge noch aus.” Da erkannte der Schneider sein leichtsinniges Leben, bat den lieben Gott um Verzeihung und sprach “thue was du mußt, ich will leiden was ich muß; aber bedenke daß unser Herrgott nicht jeden Augenblick richtet und daß eine andere Stunde kommt, wo die böse That vergolten wird, die du an mir verübst und die ich nicht an dir verdient habe. Ich habe in guten Tagen mit dir getheilt was ich hatte. Mein Handwerk ist der Art daß Stich muß Stich vertreiben. Wenn ich keine Augen mehr habe, und nicht mehr nähen kann, so muß ich betteln gehen. Laß mich nur, wenn ich blind bin, hier nicht allein liegen, sonst muß ich verschmachten.” Der Schuster aber, der Gott aus seinem Herzen vertrieben hatte, nahm das Messer und stach ihm noch das linke Auge aus. Dann gab er ihm ein Stück Brot zu essen, reichte ihm einen Stock und führte ihn hinter sich her.

Noch weiter?”

“Wolf!” gruselt sich Vroni, “das ist ja fürchterlich!”

“Gelle? Hätte heut nicht mal eine Jugendfreigabe.”

“Aber echt mal. Wieso hat nicht jeder einfach für vier Tage Brot gekauft?”

“Wieso jetzt für vier?”

“Weil du genausowenig rechnen kannst wie dein tapferes Schneiderlein.”

“??”

“Na, denk doch mal nach. Sie haben zwei Möglichkeiten. Eine davon ist möglicherweise falsch. Und wann finden sie heraus, ob sie falsch war?”

“Du meinst …”

“Nach zwei Tagen, genau. Und was unternehmen sie dann?”

“Besser machen?”

“Kluger Wolf. Und dazu müssen sie die gleichen zwei Tage wieder zurück. Macht vier. Wenn sie wieder da sind?”

“Kaufen sie Brot für sieben Tage?”

“Quatsch, du BWL-Genie! Sie kaufen nochmal Brot für zwei Tage und nehmen den anderen Weg.”

“Ah, logisch.”

“Die Chance, dass sie falsch laufen, beträgt grade mal fünfzig Prozent. Ganz gut für eine Lebensentscheidung, find ich. Und selbst wenn sie ihren zweiten Versuch nutzen müssen, brauchen sie insgesamt immer noch Brot für sechs Tage, nicht für sieben.”

“Genial.”

“Märchenhaft genial. Wie geht deine Schauergeschichte überhaupt weiter?”

“Moment, da haben wir die Anmerkungen der Brüder Grimm selber, in der dritten Auflage 1856. Die stehen im dritten Band der großen Reclam-Ausgabe:

Georg Friedrich Kersting, Caspar David Friedrich auf der Wanderung ins Riesengebirge, 18. Juli 1810Nach einer Erzählung aus dem Holsteinischen, die besser und vollständiger ist als die in den früheren Ausgaben unter dem Titel die Krähen sich befindet und einer Überlieferung aus dem Meklenburgischen folgte. Bei Pauli in Schimpf und Ernst Cap. 464 eine einfache Darstellung. Ein Diener wird von seinem Herrn an einen Baum gebunden: böse Geister, die sich Nachts da versammeln, sprechen daß ein Kraut welches unter dem Baum wächst, das Gesicht wieder gebe. Nachdem er sich geheilt hat, macht er damit eines reichen Mannes Tochter wieder sehend und erhält sie mit großen Gütern zur Ehe. Sein voriger Herr will sich auch solchen Reichthum verschaffen, geht zum Baum, wo ihm des Nachts die Geister die Augen ausstechen. In der Braunschweiger Sammlung (S. 168–180) mit dem unsrigen übereinstimmender, aber schlecht erneuert. Krähen die, auf dem Baume sitzend, von Augen aushacken sprechen, auch in Helwigs jüdischen Legenden Nr. 23, hier, indem sie dem Blinden sagen was er thun soll, gleichen sie den Vögeln die dem Sigurd guten Rath geben (s. Fafnismâl und Anmerk. zu Str. 32). Der frischgefallene Thau der das Gesicht wieder gibt, ist das Reine, das alles heilt, der Speichel, womit der Herr dem Blinden das Gesicht wieder gibt, und das unschuldige Kinder- oder Jungfrauenblut, wodurch die Miselsüchtigen genesen; vergl. Altd. Wälder 2, 208 und armer Heinrich S. 175 ff. In der Braunschweiger Sammlung kommt das Märchen S. 168–180 vor, in dem Büchlein für die Jugend S. 252–263. Bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 1. Dänisch bei Molbech Nr. 6 mit eigenthümlichen und guten Abweichungen. Norwegisch bei Asbjörnsen Bd. 2. Böhmisch bei Gerle Bd. 1, Nr. 7 St. Walburgis Nachttraum oder die drei Gesellen. Ungarisch bei Gaal (Nr. 8) die dankbaren Thiere, bei Mailath die Brüder (Nr. 8), bei Stier die drei Thiere S. 65. Serbisch mit einer eigenthümlichen Einleitung bei Wuk Nr. 16. Im Heftpeiger des persischen Dichters Nisami kommt eine offenbar verwandte Erzählung vor, welche Hammer in der Geschichte der schönen Redekünste Persiens (Wien 1818) S. 116. 117 aus der Handschrift bekannt gemacht hat. Chair wird von einem treulosen Reisegefährten Scheer, den er für seinen Freund hält, erst seines Vorraths an Wasser, dann auch seiner Augen beraubt und mishandelt. So bleibt er liegen, bis ein schönes kurdisches Mädchen ihn findet, verpflegt und heilt. Der Jüngling heilt die Tochter des Wesirs und Sultans und läßt sichs wohlgehen, bis er eines Tages seinem alten Gefährten begegnet, dem er verzeiht, der aber von einem Kurden getödtet wird.

Der Schneider bleibt auf einem Galgenberg unter zwei Gehängten liegen. Die unterhalten sich, und er kriegt mit, dass er sich mit dem Tau, der von ihnen ins Gras tropft, die Augenhöhlen waschen muss, damit er wieder sieht. Das macht er, freut sich und kämpft sich zur Königsstadt durch, hilft unterwegs ein paar Tieren, kriegt von jedem einen Wunsch frei und wird am gleichen Tag Hofschneider wie der Schuster, der nicht mehr sein Kumpel ist …”

“… denk ich mir …”

“… Hofschuster wird. Unterwegs hat er übrigens vier Tieren geholfen, nicht wie üblich dreien.”

“Kommt da die Vierzahl rein, die sie bei ihrer Lebensmittelplanung vernachlässigt haben?”

“Glaub ich jetzt nicht. So buchhalterisch geht’s nicht. Ist doch bloß ein Märchen.”

“Eben, mein Lieber, eben. In denen geht’s normalerweise gerecht zu. Dass der Schneider mit Hilfe seiner dankbaren Tiere alles schafft und die Königstochter und das halbe Reich kriegt, setz ich voraus. Was wird aus dem Schuster, dem Kameradenschwein?”

“Der

Moritz von Schwind, Abschied im Morgengrauen, 1859mußte die Schuhe machen, in welchen das Schneiderlein auf dem Hochzeitfest tanzte, hernach ward ihm befohlen die Stadt auf immer zu verlassen. Der Weg nach dem Wald führte ihn zu dem Galgen. Von Zorn, Wuth und der Hitze des Tages ermüdet, warf er sich nieder. Als er die Augen zumachte und schlafen wollte, stürzten die beiden Krähen von den Köpfen der Gehenkten mit lautem Geschrei herab und hackten ihm die Augen aus. Unsinnig rannte er in den Wald und muß darin verschmachtet sein, denn es hat ihn niemand wieder gesehen oder etwas von ihm gehört.

Glücklich damit?”

“Joh, das geht okay. Ist ein langes Märchen, oder?”

“Ziemlich, und richtig detailverliebt ausgeschrieben – also schon aus der Werkstatt von Wilhelm, nicht Jacob Grimm. Da braucht’s Brot für sieben Tage.”

“Für vier bitte. ‘Das Brot wird in der heißen Zeit trocken und obendrein schimmelig.’ Und Zwiebeln fehlen.”

“Ist doch bloß ein Märchen.”

“Eben, mein Lieber, eben.”

“Geh ja schon.”

Bilder: Johann Christian Reinhart: Titelblatt der Erstausgabe Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus, 1803;
Georg Friedrich Kersting: Caspar David Friedrich auf der Wanderung ins Riesengebirge, 18. Juli 1810;
Moritz von Schwind: Abschied im Morgengrauen, 1859.

Bargeldlos durch die Nacht

Auf dem 181. Oktoberfest, das war das anno 2014, wurden 7,7 Millionen Maß Bier verkauft. Nach Rechnung des kritischen Oktoberfestverbrauchers wurden demnach ungefähr 3,85 Millionen Litern Bier ausgeschenkt.

Von diesen nicht mal vier Millionen läuft eine geschätzte Million über Biermarken, und von Freibier wird man ja nicht besoffen — vor allem dann nicht, wenn auch noch ein halbes Hendl dabei ist. Die restlichen drei Millionen vertrocknen nach kurzem Körperkontakt mit Amerikanern, die bis soeben gedacht haben, “Bud” wäre ein Bier, auf den Geh- und Bahnsteigen im Umkreis von fünf Kilometern um die Theresienwiese.

“2014 hat also gar niemand auf der Wiesn besoffen sein können“, deduziere ich Vroni.

“Dann ist ja gut”, versucht sie sich nicht an meine damalige Heimkehr zu erinnern. Dabei reden wir gar nicht mal von 2014, es muss so gegen 2001 gewesen sein. Ich war jung und verbrauchte das Geld.

“Was machen wir heuer?” frage ich weiter, vorausschauend, in die Zukunft, zu neuen Taten, wie immer.

“Wieso? Was sollen wir heuer machen? Machen wir nicht dauernd irgendwas?”

“Das ist mein Spruch. Was machen wir heuer mit der Wiesn?”

“Die Frage ist: Was macht die Wiesn mit dir?”

“Sollten wir denn nicht irgendwas um die Wiesn machen?”

“Hm … Einen möglichst großen Bogen?”

In den meisten Fällen gibt es Sinn, wenn wir einfach machen, was sie sagt.

Die Zicke Cheryl und der kluge Christi

Dass man immer erst aus der Zeitung erfahren muss, was “die Internetgemeinde”, wer immer das ist, beschäftigt: wann Cheryl (w. i. d. i.) Geburtstag hat.

Cheryl, offenbar eine rechte Zicke, hat zwei Freunde, Albert und Bernard. Denen gibt sie zehn mögliche Daten zum Raten zur Auswahl: 15., 16. und 19. Mai, 17.und 18. Juni, 14. und 16. Juli, 14., 15. und 17. August. Dann setzt sie ihrer Zickerei die Krone auf und flüstert jedem “Freund” jeweils die Hälfte der Lösung ins Ohr: Einer kriegt den richtigen Monat, der andere den richtigen Tag.

Albert sagt: “Ich weiß nicht, wann Cheryl Geburtstag hat, aber ich weiß, dass es auch Bernard nicht weiß.”

Bernard sagt: “Zuerst wusste ich nicht, wann Cheryl Geburtstag hat, aber jetzt weiß ich es.”

Darauf Albert: “Dann weiß ich es jetzt auch.”

Angeblich ist das eine lösbare mathematische Aufgabe — im Schwierigkeitsgrad für Vierzehnjährige in Singapur, Taipeh oder Shanghai, wo die Kinder schlimmer als in Wien bis spät in die Nacht in der Eisdiele hängen, Hausaufgaben machen und nur aufstehen, um das Nachhilfeinstitut ums Eck aufzusuchen. Ich finde nicht mal raus, nach wie vielen Unbekannten man da auflösen muss; für meinen Begriff sind eine, zwei oder drei möglich. Außerdem glaub ich nicht, dass diese Cheryl zwischen Mai und August Geburtstag haben soll. Ihrem Benehmen nach ist die mindestens Skorpion, und denen kann man’s eh mit keinem Geschenk recht machen.

Eine Textaufgabe nach meinem Herzen wäre ja:

Kommen drei Mathematiker in die Kneipe: Andi, Bulli und Christi (doch, wirklich, Mathematiker heißen so).

Die Bedienung (Dosi) sagt: “Ein Bier jeder?”

Andi sagt: “Weiß ich nicht.”

Bulli sagt: “Ich überleg noch.”

Christi sagt: “Ja, bitte, stell schon welche her.”

Bleibt bloß noch auszurechnen, wie viele von denen man braucht, um eine Glühbirne einzuschrauben. Ich würde ja die Cheryl scheuchen, die von mir sowieso nix kriegt.

Kommt ein Germanist in den Musikladen.

“Grüß Gott.”

“Grüß Gott?”

“Banjosaiten bitte.”

“Vier- oder Five-string?”

“Four- oder Five-string!”

“Ja, genau: vier oder fünf?”

“Genau genommen viereinhalb.”

“Müssen’s fei aufpassen: Gitarrenbanjo hätt sechs.”

“Dann is es doch ka Banjo mehr.”

“Gitarrenbanjo.”

“Und die mit weniger?”

“Banjo halt. Vier- oder Five-string. Je nachdem.”

“Gitarrensaiten bräucht ich vielleicht auch.”

“Stahl oder Nylon?”

“Naa, passt scho. Einfach welche fürs Banjo.”

Was wolln’S’n drauf spieln?”

“Bei mir is wurscht, was i spiel. Des wird eh immer Wolfgang Ambros.”

“Und da immer Mir geht es wie dem Jesus, stimmt’s?”

“Ja, des.”

“Ja, des is a bekanntes Problem. Streichinstrumente ham immer vier. Ham’S scho mal an a Streichinstrument dacht?”

“Ja, immer wenn mei Radio auf Bayern Klassik wegschwimmt.”

“Bei Ihrer Größ geht Kontrabass. Da sin die Saiten immer Schafsdarm.”

“Gibt’s die dann aa in Lamm oder Hammel?”

“Dreiviertel oder Vierviertel?”

“Krieg i etz meine Banjosaiten?”

“Five-string. Siem neununeunzich.”

“Danke.”

~~~\~~~~~~~/~~~

“Und, Wölfling? Hast kriegt, wast wolln hast?”

“Keine Ahnung. Kann aber sein.”

“Meiomei, bis ma von dir a Antwort kriegt.”

Soundtrack: Dueling Banjos aus Deliverance
(dt.: Beim Sterben ist jeder der Erste), 1972, was sonst.

Kulturpreis

Das waren heute wieder 70,32 Euro allein beim V-Markt (hätten Sie gewusst, was Loganberry Jam ist?)

Und weil der V-Markt in der Gegend von der großen Stadtbücherei am Gasteig liegt, auch noch zwei Opern aufgelesen: die Mutter aller Opern: L’Orfeo von Monteverdi und einen abgelegenen Schatz, der bisher genau zweimal eingespielt wurde: Aurora von E.T.A. Hoffmann.

Ein einziges Kilogrämmchen Gimpet Käse-Rollis für die Betriebskatze Moritz gab es für 19,59 Euro, die Opern umsonst.

Moritz meint: “So viel Unterschied muss sein.”

The Meaning of München

Oft sind es die ehrbarsten Menschen, die komische Zeitungen lesen. Mit manchem, der sich im Bus hinter einer Bild-Zeitung versteckt, möchte man durchaus mal auf eine kleine saure Apfelschorle, und selbst ich wurde in meiner freudlosen Jugend gern mit MAD und Yps erwischt. Schließlich können die wenigsten von uns eine blondbezopfte hohe Tochter mit der mare sein.

Richtig gelohnt hat sich die Münchner Abendzeitung vom Freitag, den 16. April 2010, und darin allein die Seite 7: Dort hat Vanessa Plodeck empirische Fakten des Münchner Statistischen Amtes von Jahresdurchschnitten auf Tageswerte heruntergerechnet. Dabei bewegt sie sich innerhalb des knochig dürren Rahmens, den nicht einmal eine Boulevardzeitung absichtsvoll begradigen muss, indem sie nur das Rohmaterial herzählt, aus dem Lügenmärchen, Farcen und Zeitungsartikel erst geschnitzt werden wollen. Deutsch gesagt: Kein Grund, ihr nicht zu glauben.

Das hätte übersichtlicher ablaufen können, aber wir sind im München-Teil, nicht beim Handelsblatt. Nehmen wir den Journalistenjargon für übernächtigte Frühstücker mal raus:

Am 30. September 2009 hatte München 1.321.818 Einwohner. Und jetzt kommt

1 Tag in München:

  • 269 Menschen ziehen zu,
  • 228 Menschen ziehen weg,
  • 38 Menschen werden geboren,
    • von denen jedes 55. Mädchen Anna
    • und jeder 43. Bub Maximilian heißen wird,
  • 29 Menschen sterben,
    • davon 12 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen
    • und 8 an Krebs,
  • 6 Ausländer werden eingebürgert.
  • Etwa aller 30 Tage geschieht ein Mord,
    • im Zeitraum 2008 wurden 100 % davon aufgeklärt.
  • Das ergibt einen Bevölkerungszuwachs von 69 Menschen pro Tag.
  • In den Standesämtern heiraten 20 Paare,
  • in den Familiengerichten lassen sich 9 scheiden.
  • Alten- und Pflegeheime beherbergen 9.319 alte Menschen,
  • Kindertageseinrichtungen 54.061 junge.
  • Auf den Straßen geschehen 114 Unfälle,
    • in denen 16 Menschen verletzt werden
    • und etwa alle drei Wochen 1 stirbt.
  • Der MVG befördert in U-Bahn, S-Bahn, Tram und Bus 1.692.260 Menschen
  • und legt dabei 246.041 Kilometer zurück.
  • Jeder Münchner produziert 1,2 Kilogramm Müll,
  • das Münchner Gewerbe zusätzlich 544.000 Kilogramm,
  • zusammen 2062 Tonnen.
  • 65 Gewerbe werden angemeldet,
  • 2 Arbeitnehmer werden wegen Insolvenzen arbeitslos.
  • 5 Häuser werden gebaut,
  • 2 abgerissen.
  • Der Tierpark Hellabrunn begrüßt 3.872 Besucher,
  • die drei Pinakotheken 2.156,
  • der Botanische Garten 971.
  • 293 Straftaten werden polizeilich aufgenommen,
    • davon 110 Diebstähle,
    • 31 Körperverletzungen
    • und 12 Beleidigungen.
  • 13.233 Touristen übernachten,
    • davon 7.479 aus Deutschland
    • und 5.754 aus dem Rest der Welt.
  • 5,2 Stunden scheint die Sonne,
  • dagegen in Nürnberg nur 4,7, in Hamburg traurige 4,4 Stunden, Novograsnitovsk und Berlin werden taktvoll ignoriert.

So weit Vanessa Plodecks Umrechnung für die Abendzeitung nach Material des Statistischen Amts. Auch wenn ich nach Plodecks aufgeführten Plus- und Minusbewegungen der Bevölkerung nicht auf 69, sondern 269 — 228 + 38 — 29 = 50 Neuzugänge pro Tag komme: Von einiger Brisanz finde ich die Frage, ob tatsächlich jedes der effektiv 3 Häuser am Tag für je 23 Leute ausgerichtet ist. Schön wiederum, dass alle 69 Neumünchner schon nach 31,2 Tagen durch alle Pinakotheken gescheucht sind. Bestimmt fallen 10 von den 12 Beleidigungen auf den 246.041 Kilometern des MVG vor, und zwar gegen 4 von den 6 eingebürgerten Ausländern, woraus 15 von den 31 Körperverletzungen, 2 von den 12 Herz-Kreislauf-Kasperln und 3 von den 9 Scheidungen resultieren, und wollen mindestens 0,7 von den 3.872 Besuchern in Hellabrunn die Nacktmulle schauen. Unzulässig wäre dagegen der Schluss, dass unter diesen 69 Neuen alle 65 Gewerbegründungen Webdesign-Agenturen, die restlichen 4 Arbeitslose ohne Insolvenzeinwirkung seien.

Ein lückenhaft, aber plastisch hingeworfenes Bild von der realpoetischen Schönheit eines Zementwerks im Sonnenuntergang.

Soundtrack: Eric Idle für Monty Python: Galaxy Song,
aus: Monty Python’s The Meaning of Life, 1983.

Panikzahlen der “Experten” in der Presse und ihr wirkliches Verhältnis zum Ganzen

Grafikdesign (oder: “Malen nach Zahlen”), wenn man es einmal wirklich brauchen kann:

Wirtschaftskraft

“Experten erwarten 2009 einen kräftigen Konjunktureinbruch. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet damit, dass die deutsche
Wirtschaft im kommenden Jahr um 2,7 Prozent schrumpft.”
(Quelle: SPIEGEL Online, 23.12.2008)

Konsumrueckgang

“Wir erwarten für 2009 einen Rückgang um 0,5 Prozent”, sagte Analyst
Sebastian Wanke von der Deka-Bank. “Die Rezession ist unglaublich
scharf, das ist bei vielen Verbrauchern noch gar nicht angekommen.” (Quelle: SPIEGEL Online, 23.12.2008)