Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Kreatives Arbeiten (Seite 1 von 2)

Seidenstraße

Update zu Die west-östlichen Sofata:

In der Goethestraße
kauf ich das
Gemüse, seit in
der Türkenstraße kein
Antiquariat mehr steht.

Kausal unhaltbar. Nochmal:

Seit in der
Türkenstraße kein Antiquariat
mehr steht, kauf
ich das Gemüse
in der Goethestraße.

Auch nicht besser.

Soundtrack: Nil Auslaender: der ost und der west SOFA
(der west östliche divan von wolffgang göte), 28. Mai 2010:

Nix verarschen lassen! (Liegen auf die Sofa)

I ain’t saying I beat the devil,
but I drank his beer for nothing.
Then I stole his song.

Kris Kristofferson, 1970.

Warum geht man eigentlich nicht viel öfter in Kneipen? Man kommt so leicht mit den Menschen ins Gespräch.

„Und, was machst du so?“ fragt der neben mir. Lidl-Jeans Größe 48, Karohemd aus dem Baumarkt, schwarze Taxifahrerweste. Das Salz der Erde.

„Och, Werbetext“, sag ich.

„Was ist?“

„Werbung. Reklame. Schreiben.“

„Ah, schreiben! Schreibst du Buch?“

„Hab ich mal. Bücher sind nicht zu verkaufen.“

„Wollen verarschen? Gibt Büchergeschäft!“

„Jaja, für Reiseführer und Kochbücher.“

„Schreibst du Reiseführer und Kochbuch.“

„Ich komm ja nie raus und koch meistens Kaffee.“

„Wollen verarschen? Guckst du Internet, schreibst du. Verkaufen Büchergeschäft, reich.“

„Mit Bücherschreiben ist schon lang keiner mehr reich geworden.“

„Wollen verarschen? Nix verarschen lassen. Machst du gscheite Vertrag!“

„Ja, die Verlage warten sehnsüchtig auf zusammengegoogelte Reiseführer.“

„Einfach schreiben. Gibst du Büchergeschäft, nix Verlage.“

„Was geb ich denen? Wikipedia-Ausdrucke?“

„Wikipedia, Tripadvisor, Scheffkoch, alles.“

„Sie werden es mir aus den Händen reißen. Und mich damit erschlagen.“

„Zerscht zahlen. Nix verarschen lassen.“

„Besprech ich nachher mit meiner Frau. Wenn ich besoffen genug bin.“

„Bist verheiratet?“

„Jaja.“

„Wie lange?“

„Halloween zweitausend.“

„Wollen verarschen? Wer heiratet Halloween?“

„Bis jetzt hält’s. Akademikerehe!“

„Hast Kinder?“

„Zwei Kater.“

„Wollen verarschen?“

„Meine Frau hat eine große Tochter. Ich bin ihr zweiter Versuch, den Original-Daddy gibt’s noch.“

„Eigene nix?“

„Wo ich zuletzt nachgeschaut hab, war Weltüberbevölkerung, keine schmerzlich brachliegenden Wüsteneien.“

„Wollen verarschen?“

„Nö.“

„Frau arbeitet?“

„Grafikerin. Selbstständig.“

„Malen?“

„Webdesign. Geschäftsauftritte und so.“

„Ah, schlau. Lassen Frau arbeiten!“

„Keine Angst, kochen kann die auch.“

„Reklame schreiben deine einzige Job?“

„Muss reichen.“

„Frau nix dabei Bier trinken?“

„Die arbeitet nachts.“

„Du nix?“

„Doch, meistens.“

„Tag nix Arbeit?“

„Doch, schon auch.“

„Liegen auf die Sofa! Jajaja, hahaha!“

„Wie bringst du deinen Tag so rum?“

„Fahren Taxi. Immer Arbeit, Arbeit.“

„Logisch, da schläft sich nix.“

„Abend nach Hause, was essen, Frau. Dann Nachtschicht.“

„Allerhand. Wohnst du überhaupt?“

„Zwei Zimmer, Untersendling. Miete fast achthundert.“

„Au weh.“

„Hast viele Zimmer?“

„Alle für die Kater. Eins ist Büro.“

„Schwabing, oder?“

„Glockenbach.“

„Arsch offen? Alles Schwule!“

„Nö, meine Frau nicht.“

„Du?“

„Nein, ich auch nicht.“

„Na!“

„Versprochen.“

„Schwule nix lassen Frau arbeiten, hahaha!“

„Hahaha …“

„Frau arbeit viel?“

„Och, neue Aufträge sucht man immer.“

„Arbeit scheise, odder?“

„So schlimm nu auch wieder nicht.“

„Reicht für Miete zahlen?“

„Muss. Bei uns ist das keine Miete, wir zahlen an der Eigentumswohung.“

„Wollen verarschen? Nix mehr arbeiten, schon reich!“

„Von wegen. Wir wohnen ja selber drin. Eigennutzung, nicht abgezahlt und renovierungsbedürftig.“

„Warum nix vermieten?“

„Weil wir selber drin wohnen und die Burg nicht abgezahlt und renovierungsbedürftig ist.“

„Wollen verarschen? Hier München! Immer vermieten! Alle wohnen, wohnen!“

„Und wir ziehen derweil nach Pfaffenhofen, wo die Miete nix kostet?“

„Pfaffenhofen! Hast noch mehr Wohnung?“

„Schmarrn.“

„Wieviel zahlen?“

„Haben wir noch in D-Mark abgeschlossen, aber rechne ruhig mal deine Untersendlinger achthundert mal zwei.“

„Arsch offen? Zuviel für nix wie wohnen!“

„Dann schau mal nach, was inzwischen der Glockenbacher Quadratmeter kostet.“

„Gute Preis. Aber bei zwei schwule Arbeitslose … Geht nix.“

„Wir geben alles.“

„Warum Frau nix gehen fragen Arbeit?“

„Wen?“

„Wollen verarschen? Da vorne! Alles Läden! Alle brauchen Visitekarte und Fleier und alles! Internetseite, Geschäftauftritt! Fragen, Auftrag, Arbeit, reich.“

„Ja, gleich morgen, wenn ich meine Wikipedia-Ausdrucke in den Bücherladen bring.“

„Nix verarschen lassen, meine schwule Bruder! Prost!“

„Prost.“

„Kommst du, zahl ich Bier.“

„Danke, das braucht’s jetzt.“

„Aber ich nix schwul!“

„Ich auch nicht.“

„Hahaha!“

Warum geht man eigentlich nicht viel öfter in Kneipen? Jetzt weiß ich’s wieder: Man kommt so leicht mit den Menschen ins Gespräch.

Soundtrack: Kris Kristofferson: To Beat the Devil,
aus: Kristofferson, 1970
(vielleicht das Beste, was er je geschrieben hat):

If you waste your time a-talking
to the people who don’t listen
to the things that you are saying,
who do you think’s gonna hear?
And if you should die explaining how
the things that they complain about
are things they could be changing,
who do you think’s gonna care?
There were other lonely singers
in a world turned deaf and blind,
who were crucified for what they tried to show,
and their voices have been scattered by the swirling winds of time,
‚cause the truth remains that no one wants to know.

Zur Wiedervorlage:

Was mit Fahrrad, Tuba und/oder großem Waldstück westlich von Moskau draus machen (Taxi zu bourgeois). Evtl. Lutherstrophen:

Max Goldt, Eine Splittercollage

Bild: Max Goldt: Eine Splittercollage, 17. Juli 2018.

But first, rebellion.

„Und? Was machst du heut noch?“ sag ich.

„Och, die Geschäftsseite umbauen“, sagt Vroni. „Ich muss neue Zielgruppen erschließen.“

„Gut. Versuch mal eine zahlungskräftige.“

„Mach ich ja. Hipster.“

„Gibt’s die noch?“

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5–7–5 (7–7)

Immer noch nicht raus ist ja, ob Dialektlyrik jetzt wirklich ausdrucksvoller als Lyrik in „hochdeutscher“ Standardsprache ist. Ich versuch mal einen Vergleich, vorsichtshalber angefangen mit der hochdeutschen Version, zum Wohle unserer Leser nördlich der Pegnitzlinie. Und südlich davon eigentlich auch.

Tattoo

Die zwei Buchstaben
am dritten Halswirbel werd
ich noch vermissen.

Inhalt erfasst? Dann nochmal den gleichen Silbenfall mit so vielen Informationseinheiten, wie reinpassen:

Dadduu

Di zwaa Bouchschdoom am
driddn Groongwirbl wer i

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Das erste Frühlingsgedicht 2018

Wie, wenn über diese Wiese
eine sachte Brise bliese?

Macbeth's Hillock, Wikimedia Commons

„Erster!“ sag ich.

„Wieso eigentlich nicht: ‚fiese Brise bliese‘?“ sagt Vroni.

„Weil’s dann das erste Herbstgedicht 2018 wäre.“

„Das damit ich geschrieben hätte.“

„D’oh.“

Bild: Macbeth’s Hillock (2.5 km from Brodie Castle) (49 m), traditionally identified as the „blasted heath“ where Macbeth and Banquo first met the „weird sisters“, lies between an area known as the Hardmuir and the A96 (Inverness to Aberdeen trunk road), about 2.5 km south-west of Brodie Castle and 250 m east of the Nairn(shire)-Moray(shire) boundary, 23. September 2006.

Beiträge zur Arbeitsmoral (Ich begreif nicht, was Ihr habt)

Nämlich zur Arbeitsmoral von Auftraggebern.

——— Robert Gernhardt:

Der Abt von San Marco an Raffael

aus: Schreiben, die bleiben. Höhepunkte abendländischer Briefkultur,
in: Wörtersee. IV: Spaßmacher und Ernstmacher, 1981:

Verehrter Meister Raffael,
wir brauchen die Madonna, schnell!
Seit Monaten ist sie bezahlt,
bis heute hab’n Sie nichts gemalt.

PS Avanti!

Raffael an den Abt von San Marco

Hochverehrter Vater Abt,
ich begreif nicht, was Ihr habt.
Das Bild kommt mit dem Glockenschlag
um zwölf Uhr am Madonnastag.

PS Schickt Chianti!

Wie schön für den Signor Raffaello Sanzio da Urbino, dass er sich solche Antworten leisten konnte; es wird ja nicht jeder knapp drei Jahrhunderte nach seinem eigenen Ableben von Ludwig Tieck und seinem Kumpel Wackenroder in den Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders so hymnisch verewigt, bloß weil er seinen Hintergrund von Wolken auf Engelsköpfe uminterpretiert hat.

Allein den letzteren Schachzug kann heute einer, der nichts als Künstlertum studiert hat, kaum mehr in ausreichend verwölkendes BWL-Deutsch übersetzen, damit’s auch ein Auftraggeber versteht. Dass jeden Tag Mdonnastag sei, versteht er wahrscheinlich schon nicht mehr. Schon 1928 konnte ein immerhin Tucholsky nur noch listenförmig um Ruhe bitten.

Einen Versuch ist es wert: Schickt Chianti!

Soundtrack: Electra: Die Sixtinische Madonna, aus: Die Sixtinische Madonna, Amiga 1980:

With his spectacles off, the near-sighted photographer can’t focus

Summoning his cosmic powers,
And glowing slightly from his clothes,
His psychic emanations flowed.

Pink Floyd, 1968.

Heute keine Bilder.

Ich wollte selber eins machen, mit zwei Büchern drauf, im Zusammenhang mit den zwei Brillen, die ich derzeit benutze. Es hätte aber draußen sein müssen, auf hellem Hintergrund bei Tageslicht, weil die zwei Bücher eher dunkel sind: Wieland, antiquarisch von A. D. 1853, die zwei von 18 Bänden mit dem Aristipp.

Leider ist mir typischerweise nicht nur die Sonne davon-, sondern die Bewölkung hinterhergelaufen, und der Idee einer verschwommenen Brille konnte ich seit der Cover-Art von Hipgnosis für die Nice Pair-Compilation von Pink Floyd 1973 nichts mehr hinzufügen:

Out-of-focus spectacles — With his spectacles off, the near-sighted photographer can’t focus.

Ich beklage mich nicht, es werden ja so viele Bilder gemacht, was soll da ein dermaßen stilles Motiv noch reißen. Grund zu klagen gibt’s erst, wenn ich’s nicht mehr selber kann.

Soundtrack ist natürlich Let There Be More Light aus: A Saucerful of Secrets, 1968:

Staffelknipsen

Auf solche Projekte steh ich ja heillos: Daily Portrait IV Berlin 2015–2016 ist mal wieder so eine Fusion aus Fotografie und Happening. Warum gedeiht so was wieder nur in Berlin (gemeint ist der Dörferhaufen bei Polen) und nie in München? — Die Projektbeschreibung:

One camera and 365 Berliners. I photographed Elle in her apartment. I gave her my camera and she did take a photo of M in her apartment next day. M photographed Jonathan and Jonathan photographed Carise and Carise photographed Christoph and Christoph photographed Joanna and Joanna photographed Terka and Terka photographed Stephan… Until 365 photos will be made. If you would like to be photographed by Berliner you don’t know and take a photo of another Berliner you don’t know next day, please email me to: portraitdaily@gmail.com The photo shoot takes place at the model’s homes. The whole body is captured on the photo. Those who want can be naked, otherwise in underwear. Photographing is for free. In order to take part you have to be over 18. All 365 photos will be exhibited in a gallery and a book will be published. Project is non-profit.

Überhaupt ist alles sehr berlinerisch: Die Selbstdarstellung gibt’s gar nicht auf Deutsch, der Bonus ist, dass man für eine behauptete Dienstleistung nicht auch noch zahlen muss, keiner verdient was dabei, keiner kennt den anderen, die Teilnahme ist nicht jugendfrei und alle sind nackig.

Jeden Tag einen fremden Berliner in allen Farben und Formen mehr angucken kann man am besten auf Flickr und Twitter. Ich empfehle die vermutliche Hauptseite auf Tumblr, weil die unter den sozialen Netzwerken am wenigsten mit stark frontal nudity rumzicken und nicht gleich von der Tatsache offended — das heißt tatsächlich: beleidigt — sind, dass eine schöpfende Kraft einst an Frauen Brüste befestigt hat.

Der Pornofaktor ist gering: Mit keinem der freundlichen, aufgeschlossenen und kulturell interessierten Berliner — und Berlinerinnen — ist etwas geschehen, an dem er oder sie nicht selbst ungefähr die halbe Regie geführt hätte. Nackte in ihrer Wohnung anzuschauen hat zwangsläufig etwas Voyeuristisches, aber alle waren offensichtlich einverstanden damit: Niemand wurde zu einem Objekt degradiert, man erblickt lauter lustige, stolze, oft ansehnliche, aber allesamt respektable Leute.

Bin jetzt ich der einzige, dem auffällt, wie gleichbleibend hochwertig das Projekt läuft? Alles high-end, alles high-key, alles highly sophisticated. Penibel gezählt hab ich nicht, aber mit Stand von Anfang April 2016 müsste ungefähr die Hälfte der 365 Fotos durch sein. Bis jetzt stelle ich keinen Flüsterpost-Effekt fest. Sollte nicht längst jeder zweite aus der Rolle fallen? Lücken in der Kontinuität entstehen, weil jemand zu einer anderen Entscheidung als stinkbesoffen und verkokst heute früh um drei im Sankt Oberholz gelangt ist oder weil ein anderer doch kein so nettes, urbanes, zuverlässiges Haus war?

Ich meine, hey: Es ist Berlin — und jeder, wirklich jeder wohnt in einem vorbildlich aufgeräumten, professionell ausgeleuchteten Loft, hat den erlesensten Kunstgeschmack an der Wand hängen und hupft nackicht für einen Wildfremden durch sein Schlafzimmer, nur weil er a) einen Fotoapparat und b) gestern in der Schlange vor der Smoothie-Manufaktur blöd gefragt hat?

Wie darf sich ein Münchner Bergbauernbub das vorstellen? Da fragt heute jeder sofort den nächsten und kriegt auch gleich für morgen einen Nackig-im-Schlafzimmer-rumhupf-Termin? Bei Tageslicht? Hält die heikle Etikette der Amateur-Aktsitzung ein, vergisst das Briefing und besonders das einheitliche Querformat nicht und verwackelt nie? Gibt die Hand, sagt artig: „Dankeschön, hat mir jefreut, bis ürjendwann ma“, verkneift sich höflich das „und wennde ma nüscht for deine urst schnieke Wassermatratze hast, meine Nummer unne Addy haste ja, wa“, geht heim, photoshoppt seine Ausbeute auf genau 350 dpi und mailt sie schnurstracks brav an portraitdaily@gmail.com? Jeden lieben Tag? Alle drei Hunderte, fünf und nochmal sechzig? — Boah, Berlin muss ja echt rocken.

Und das soll die Mami glauben? Oder ist das kleinlich, in einer einwandfreien, wunderschönen bunten Menschensammlung mit gar nicht so wenigen tollen Bildideen als erstes ein Fake zu vermuten? Sollte mich hier jemand für dumm verkaufen, dann wenigstens nicht unter Preis. Filme guck ich auch gern, und die sind auch nicht wahr. Aber sie stimmen.

Als Auswahl folgen dem großen Thema des Weblogs entsprechend die sechs bisherigen Bilder, auf denen mir Katzen aufgefallen sind. Wie sich das gehört, ist das letzte das beste.

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Bilder: Daily Portrait IV Berlin 2015–2016.

Writing Bad

„Was haben wir eigentlich noch nie im Auftrag geliefert?“

„Wir haben schon immer alles geliefert. Ohne Verzug und hoffnungslos überbilligt.“

„Ja, aber was war noch nie dabei?“

„Hm … Ein Versepos in mehr als vierundzwanzig Gesängen?“

„Stimmt. Wir werden ins Grab sinken müssen, ohne das Sequel zur Odyssee geschrieben zu haben.“

„Du vielleicht.“

„Wieso, würdest du gern?“

„Nö, wozu denn. Mir reicht der Film.“

„Unterschätz das nicht. Der Nibelungen-Film dauert knapp drei Stunden.“

„Sind ja auch gleich 39 Gesänge.“

„Aventüüüüüren.“

„Stimmt, ist ja Stummfilm, da singt ja keiner.“

„In der Odyssee singt auch keiner, die werden gesungen.“

„Machen wir halt den Stummfilm, da sparen wir uns die Dialoge.“

„Sag bloß, Fritz Lang hat ausgerechnet die Odyssee als Film ausgelassen?“

„In echt schon. Bei Godard hat er wenigstens so getan.“

„Das ist die Lösung: Wir tun bloß so.“

„Dazu müsste man schon Fritz Lang sein.“

„Irgendwas ist ja immer.“

„Du willst nicht wirklich ein Drehbuch ohne Dialoge schreiben. Wie soll das gehen? ‚Odysseus steigt vom Berge Sinai herab und tut so, als ob er Sein oder Nichtsein aufsagt. Dann tut er so, als ob er sich von Kriemhild verabschiedet, um auf der Bounty das Goldene Vlies zu erbeuten‘ …“

„… ‚Statt dessen bleibt er aber in Auerbachs Keller hängen und tauscht den Einen Ring gegen ein Tischlein-deck-Dich“, ganz recht.“

„Jedenfalls tut er so. Das werden mindestens sechs Stunden.“

„Heute hat man sowieso eher Fernsehserien zum Binge-Gucken.“

„Braucht eigentlich jede Folge einen eigenen Konflikt?“

„Nicht, wenn du genügend Cliffhanger baust. Immer einen zur nächsten, und yippi.“

„Nein, keine Scripted Reality mit Werbeunterbrechungen.“

„Hätten wir auch noch nie gescriptet, so eine Reality …“

„Man trifft ja selten reale Leute.“

„Realität ist überschätzt. Die haben bloß irgendwelche romantischen Schwärmer Ende des Achtzehnten in die Literatur reingezerrt.“

„Für ein Drehbuch reicht aber heute kein einzelner Quotenneger mehr.“

„Nehmen wir halt Inder. Da gibt’s immer bloß einen einzigen pro Film, und die haben sich nicht so wegen dem Blackfacing.“

„Copperfacing? Noch nicht. Die lernen ja schnell, die Inder.“

„Am besten, du schickst eine arbeitslose lesbische Jüdin im Rollstuhl gegen einen alleinerziehenden Pädophilen aus Eritrea los.“

„Dann brauch ich die sechs Stunden erste Staffel schon für die Exposition.“

„Irgendwas ist ja immer.“

Die Hölle, das sind immer die gleichen

In der Gegend, wo Münchens letzte paar ernstzunehmenden Antiquariate die letzten Erbmassen Altpapiers verhökern, macht eine unschlagbar treffende Wandverzierung auch noch ein Drittel Göttliche Komödie überflüssig:

München, Maxvorstadt, Türkenstraße, Die Hölle macht keinen Spaß

Das ist natürlich der Teil Inferno auf den Punkt gebracht. Bei der Location und der Typographie hätte sich sogar noch Gustave Doré seinen großmächtigen Zyklus von Illustrationen sparen können.

Wenn der Meister seinen 750. Geburtstag hinter sich hat, sucht man endlich nach einer anständigen Dante-Ausgabe, und dann das. Kein Wunder, dass es die Antiquariate so dahinrafft.

Bild: Hauseinfahrt Türkenstraße, selbergemacht und gemeinfrei gegeben, 25. Juni 2015.

Nymphenlüster

So geht Kronleuchter: Bei 70 Zentimeter Durchmesser 40 Kilo schwer vor lauter Bernstein — der nach langer Suche von Idar-Obersteiner Experten in Madagaskar aufgetrieben werden musste, weil die gleiche Transluzidität mit gleicher Maserung in den Alpen schon vor hundert Jahren alle war.

Kronleuchter Schloss Nymphenburg, Chinesisches Lackkabinett

So groß kommen einem die 70 Zentimeter gar nicht vor, obwohl das Chinesische Lackkabinett, in dem das Modul hängt, gar nicht so viel größer ist — aber vollgepflastert mit lauter noch viel unscheinbarerem Teuerkram aus Koromandellack. War auch Zeit für die Restaurierung: Nebenan in der Amalienburg grasen schon die Hasen.

Tympanon Amalienburg

Buidln: Oiwei wieder sejwergmacht und gmoafrei, wann dabeisteht, wo’s her is, des bassd dann scho.

Und in Deutschland verhungern die Kinder.

„Karl-Theodor zu Guttenberg ist und bleibt für mich ein Mann mit Doktor Tietel egal ob geklaut oder fehler ich hab nix gesehen er verdient ihn eh schon durch seine super Arbeit die er macht !“1


1Jörg

Soundtrack: Bob Geldof: The Great Song of Indifference, from: The Vegetarians of Love, 1990 (hätten Sie gewusst, dass Bob Geldof linkshändig spielt?).

Der Schreiber fürs Leben

Heute gelernt: Wenn sie Kolbenfüller heißen, kann man die Tinte direkt reindrehen, wie man’s bei Onkel Dagobert und Dickens-Verfilmungen gelernt hat, und muss sich nicht mit den widerlichen Plastikverschleißteilen namens Konverter innerhalb eines Geräts herumschlagen, das zwei Monatsverdienste kostet. In einem früheren Leben hat mir meine Frau Mutter, deren Tage der HErr, der über uns wohnt, mehren und schirmen soll, einen goldgefiederten Waterman geschenkt, und wenn man Tinte drin haben will, was macht man da? Schraubt den Konverter (was konvertiert der eigentlich? Tinte rein, Tinte raus, da konvertiert sich überhaupt gar nix) raus und versaut sich die Wolfspfoten. Bin mal im gehobenen Schreibwarenhandel, ein Pelikan Souverän M 400 darf’s ruhig sein. Deutsche Wertarbeit, und die Erbin hat was zum Erben. Montblanc ist so vermessen, außerdem schreiben die sich aus lauter Corporate Spelling seit der Steinzeit falsch. Soll ich Geha-Patronen mitbringen?

Du bist nicht bei mir, aber ich bin nicht allein (Everybody Now)

Hooters EP Cover 5x5, 2010Na bitte, geht doch: Kaum probiert man nach wenigen Jahrzehnten glückloser Versuche mit dem Bayerischen Rundfunk einen anderen Sender, schon arbeitet man die Nacht durch wie nix. Fürs Protokoll: In den frühen Donnerstagmorgenstunden (15. Juli 2010 gegen halb vier) erreichte das zweite deutsche Lied der Hooters eine breitere Öffentlichkeit, jedenfalls potenziell breiter, als am 7. Mai in die Rundsporthallte von Waiblingen gepasst haben.

Sie erinnern sich an Johnny B. und ihren Auftritt, als Roger Waters 1990 glaubte, The Wall als Kasperltheater aufführen zu müssen. Sie erinnern sich ans letzte Mal, als Sie einen Engländer Deutsch reden hörten und sich ständig verbeißen mussten, ihm verbessernd ins Wort zu fallen. Sie erinnern sich, dass Sie’s gelassen haben, weil er ein wirklich klasse Typ war, mit dem man das nicht machen kann, die Qualität kam eben woanders her als aus seinem korrekten Deutsch; Ihr Schulenglisch war auch nicht besser, als Sie Ihren ersten englischen Liedtext geschrieben haben, und die Hooters haben sogar noch eine halbe Strophe Mozartsolo drin, und das machen sie den meisten German Native Speakers vor. Und Sie erinnern sich, dass man Sauflieder beispielsweise der Toten Hosen viel besser mitpfeifen kann. Und das ist die Hooters-EP wert. Das .mp3 ist so gratis wie legal.

Leider reimt sich nur der Rhein, die Isar auf überhaupt gar nix. Typisch Bayerischer Rundfunk.

Die Welt der Online-Shops

Ein Online-Shop hat bereits fertige Produkte, man kann sie anschauen, vergrößern und Preise vergleichen, ein Klick führt in den Warenkorb. Wir selbst sind begeisterte Shopper bei Books oder Amazon – und haben Verständnis, dass es so herrlich bequem ist. Nicht ohne Grund hat Amazon beträchtliche Umsatzsteigerungen hinlegen können.

Nicht ganz so bequem ist es beim Einkauf von Dienstleistungen. Ein Designbüro ist leider (noch) kein Online-Shop mit fertigen Produkten, liebe Leser. Wir würden Ihnen auch gerne im Vorfeld auf den Zuruf eines einzelnen Stichworts wie "Broschüre!" reflexhaft Preise nennen und Sie in unseren Warenkorb führen, aber es geht seriöserweise nicht. Noch nicht. Wir wissen ja nicht einmal, wie viele Seiten Ihre Broschüre haben soll, ob Illustrationen oder beispielsweise Fotos aus einem extra dafür angesetzten und von uns gesteuerten und eingekauften Shooting drin sein sollen oder Stockarchivfotos (ebenfalls Fremdeinkauf, aber ganz anderes Preisniveau) usw.

Wir werden uns aber bemühen:

Es wird demnächst einen Warenkorb geben (wie es Online-Druckereien machen), da können Sie anklicken:

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Gestaltung Broschüre, 8s
Text- und Bildkonzeption
__________________________________________________________________________

Leistungen:

2 Entwürfe frei, 2 Korrekturdurchläufe frei, 1 Schlusslektorat, davon 1 druckfertiges Layout auf Indesign, 4c/4c, CMYK-Daten, geschlossene Daten, PDF mit Preflight:

… xx,xx EUR

__________________________________________________________________________
Gestaltung Broschüre, 12s
Text- und Bildkonzeption
__________________________________________________________________________

Leistungen:

2 Entwürfe frei, 2 Korrekturdurchläufe frei, 1 Schlusslektorat, davon 1
druckfertiges Layout auf Indesign, 4c/4c, CMYK-Daten, geschlossene
Daten, PDF mit Preflight:


… xx,xx EUR

__________________________________________________________________________
Gestaltung Broschüre, 16s
Text- und Bildkonzeption
__________________________________________________________________________

Leistungen:

2 Entwürfe frei, 2 Korrekturdurchläufe frei, 1 Schlusslektorat, davon 1
druckfertiges Layout auf Indesign, 4c/4c, CMYK-Daten, geschlossene
Daten, PDF mit Preflight:


… xx,xx EUR

__________________________________________________________________________
Gestaltung Broschüre, 20s
Text- und Bildkonzeption
__________________________________________________________________________

Leistungen:

2 Entwürfe frei, 2 Korrekturdurchläufe frei, 1 Schlusslektorat, davon 1
druckfertiges Layout auf Indesign, 4c/4c, CMYK-Daten, geschlossene
Daten, PDF mit Preflight:


… xx,xx EUR


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Wie wir das Problem lösen, dass sich solche Warenkörbe nur unsere liebe und teuere Konkurrenz anschaut (und Sie gar nicht, weil Ihnen die ganzen Fachkürzel unverständlich und lästig sind)…, da sind wir noch dran.

Versprochen.
the missing link – Wir lösen Probleme.

Und jetzt einen kleinen Film, viel Spaß und schönes WE schon mal:


Jetzt an die Oster-Postkarten denken…

… denn der Frühling kommt. Ganz bestimmt.

Guilloche_computergrafik
© Illustration "Blaue Tulpe" the missing link  –  zum Vergrößern auf die Abb. klicken.
Wenn die Mouse-Lupe auftaucht, nochmals.


Guilloche_style
© Illustration the missing link  –  zum Vergrößern: wie oben.

 

Hey, ist doch nur Silvester

Der Jahresrückblick 2007 nebst guter Vorsätze für 2008:

Selten ist das einzelne Wort banal: auch in der Musik trotzt der einzelne Ton dem Verschleiß.

Theodor Wiesengrund Adorno: Minima Moralia, 1945/1951

Bevor ich’s vergesse: Mein Lieblingsspam der Weihnachtswoche war:

Zu Weihnachten nicht das Richtige bekom-
men? Dann gönnen Sie sich bei dem eBay
PowerSeller elektro-plus das Bosch
Akkuschrauber IXO III Set mit Winkel- und
Drehmomentaufsatz für nur 57,99 €!

Der Lieblingsbetreff des Gesamtjahres war:

Man lebt nur einmal! Probier’s aus!

Was ab Samstag anders wird:

  • Wir werden sehr viel mehr alte Musik hören. Nicht, weil früher alles besser war, sondern weil es einen Grund haben wird, dass man sich an Lieder von verkratzten LPs lieber erinnert als an Gratisdateien von Myspace-Avantgardisten ("Artist has not enabled downloads for this song"), ja dass man sie überhaupt so liebevoll verkratzt hat. Gut, The Nancy Sikes! (Anspieltipp: O Ruby) und SoKo (Anspieltipp: I Will Never Love You More) waren echte Entdeckungen, rechtfertigen aber immer noch nicht den Zeitaufwand, in dem man ein vollständiges Telemann-Oratorium durchhören kann.
  • Wir werden teurer. Nicht, weil Fußballer ja auch noch ein paar Kröten fuchzig für ihr Hobby rauskriegen oder weil irgendwelche deutschen Manager bei ihrer "Leistung" im internationalen Vergleich mit einem Stundenlohn von 6500 Euro so heillos hartz-4-gedumpt sind, sondern weil genau unsere Leistung genau den Preis wert sein wird, den wir verlangen. Genauer gesagt, werden wir damit preiswerter.
  • Wir werden mehr rauchen. Wenn ab 2009 Zigaretten als harte Drogen mit allen Konsequenzen eingestuft werden, kann man endlich mal was richtig Verbotenes machen, ohne gleich Gefahr für Leib und Leben zu fürchten.
  • Wir werden mehr auf die Katze hören. Ihre Beschwerden häufen sich schon.

Im übrigen raten wir, sich emotional nicht so sehr in den Jahreswechsel zu hängen. Ist doch nicht Ihr erster, und auch Ihre Erfahrung lehrt, dass Sie drei von vier guten Neujahrsvorsätzen sowieso bis Dreikönig vergessen haben.

Sinn und Sinnlichkeit

100_0102_gdeckterkleiner

Eine Antwort an Christof Hintze zu Chancen Optionen Stärken Möglichkeiten
(manueller Trackback…)

Eine reine Welt der guten, angenehmen Emotionen…

Gerade hat hier im Hinterhof jemand einen uralten italienischen Schlager aufgedreht. Hach war das herrlich.
______________________
Ich habe mich ein bisschen mit der Whitelist beschäftigt und dem
Kerngedanken daraus, dass die Menschen sich sowieso nie rein rational
entscheiden, weder zu einem neuen Tafel-Service noch zu einem neuen
Dienstleister. D*accord, schonschon.

Der gedankliche Fehler, der sich da eingeschlichen haben könnte, ist,
dass das Gegenteil von "rational" eben genau nicht nicht "emotional"
ist, sondern "irrational". Ich würde "emotional" also nicht so als
Gegensatz aufbauen (damit wird es entwertet und in Richtung irrational
getrieben), sondern als wunderbaren zweiten Verstand, der immer dazu
gehört.

Rational und emotional gehen perfekt zusammen, sie sind keine anderen Welten.
Hirnforscher wissen das.

Und wenn man das auf ein Empfehlungssystem überträgt, muss man wissen,
dass die reine Ratio (auch sie eine Fiktion, gibt es die reine Ratio?)
immer die sozial-psychologische Komponente sucht, ja dringend braucht.

Und ab da haben alle Systeme, die auf virtuellem Gebiet installiert
sind, einen horrenden Nachteil: Man kann sich nicht riechen (merken Sie
was?), man kann sich nicht spüren, man kann keine unsichtbaren, aber
genau die wichtigen Signale aussenden.

Daher ist für mich ein Netzwerkgedanke, der umfassender ist als ein
reines Brauggsdu-Kriggsdu- Abchecken, immer besser im real life
angesiedelt. Im Internet ist eben genau die wunderbare
Gefühlsverstand-Komponente ausgeknipst = alle wunderbaren weiteren
Kanäle, um sich zu verständigen, fehlen. Der Rechner bietet einem
umfassend gepolten Verstand, der viele Antennen hat und viel wahrnimmt
(einem Gefühlsverständigen), überhaupt nichts. Nur Bilder (die nicht
echt sein müssen und oft genug auch falsch sind), nur Texte, bei denen
es oft schwer ist, die ganzen Inhaltsebenen einzuordnen, die sie
anbieten. Der Gebrauch von emoticons ist im Netz nicht spießig, sondern
weise, weil man sich auf nur rein textlicher Ebene extrem missverstehen
kann, wie wir alle sicher schon erfahren durften. Es fehlen Betonungen,
Akzente, ein Lippenkräuseln, ein Blick von der Seite. Da fehlt alles.

Daher ist für mich das Internet nur ein rudimentäres und sehr fehlerhaftes Mittel zur Akquise. Um die geht es doch. Im Internet findet nur da erfolgreich Akquise statt, wo die Leistungen
klar und einfach beschreibbar sind. Ergo sind sie dann auch
vergleichbar. Und wo vergleichbare Leistungen angeboten werden,
herrscht ein reiner Preismarkt und der Untergang der Idee.

Das, worauf Sie raus wollen, dem Kunden die Qualität der Idee
herauszustellen, wichtiger als stupide technische Umsetzung, und sie
als wichtigen Grundstein Ihrer eigene Arbeit anzubieten (was ich gut
finde), geht im Netz daher… schlecht.

Nutzen Sie für Ihre eigene Sache mehr Wahrnehmungskanäle als das dröge
Internet und machen Sie… Seminare, Events. Denn Sie sind keine
Schraubenfabrik und verkaufen keine Schrauben.

Und zwar keine dieser trockenen Powerpointvorlesungen oder dieser
unglaublichen IHK-Seminare (I know), sondern mit Schmackes und
Aha-Effekt. Ich bin sicher, Sie haben es drauf. Mit den Leuten, die
jetzt schon von Ihnen begeistert sind, ein Netzwerk halten und weiter
ausbauen.

Eine, die nicht mehr im XING ist…

Hokus Pokus Viribus

Viral ist die Zauberidee ( und sprichst du nur das Zauberwort…), wenn das Budget schmal ist und man trotzdem Bekanntheit möchte. Denn es verkörpert auf geniale Weise, wie Internet funktioniert: Der gelangweilte Lebens- und Büroslacker hüpft freiwillig drauf und amüsiert sich prächtigst zu Tode und erzählt das auch noch von selber weiter (der Depp als Viruswirt…).

Leider erzählen irgendwelche komischen Web 2.0 Unternehmensb(e)rater-Gurus, die sich als Freud-Epigonen wähnen, in Wirklichkeit aber aus der Ecke Informatik kommen, absoluten Kommunikations-Blödsinn: Witzig sei nur, was als Tabubruch daher käme. Und KMU fallen darauf herein. Nur weil Papa Freud mal erzählt hat, dass ein wirklich guter Witz nur dann ein echter Knaller ist, wenn er ein Tabu berührt.

Logisch: Wir lachen am meisten über das, was uns weh tut. Witze über Schwiegermütter und über Chefs lehren uns das.

Die sogenannte logische Umkehrung aber, dass alles, was ein Tabu bricht, automatisch dann auch witzig sei *zurücklehn*, ist ein Fehlschluss. Der nur aus der Mathematiker- und Informatik-Ecke kommen kann. Rührt euch, wenn ihr Mumm habt, ihr lebensfremden Kommunikationsversager! *french kiss aber auch*.

In Wirklichkeit ist Humor aber immer ein zweischneidiges Schwert. Man muss sich fragen: Funktioniert auch der Witz sozial? Passt er fürs social web? Oder halte nur ich ihn für witzig, weil ich gern primitive und unkorrekte Witze höre? Und das ist viel komplexer als eine mathematische Gleichung, die in ihrer Welt der emotionslosen Zahlen immer und komplikationslos als simple Umkehrung funktoniert: a = b, also ist b = a. True = true;  false = false.  Oder für die Fans des Pythagoras:

a² + b² = c². Also ist  Dbdb285a1c7df59d99931a73095b1efc

Wunderbar.

Nur: Wenn ich Tabus wie Porn, Sex, Inzest, Betrug oder den Furz zum Inhalt meiner viralen Spots nehme, ist der dann auch wie die Umkehrung der mathematischen Gleichung auch gleichzeitig immer witzig? Eine Witzischkeitsgarantie?

Nä. Auf dieses Idee, diese schmale logic fuzzi Brett, können echt nur Mathematiker und Ingenieure kommen, oddr? Falls Werber (Berufskommunikatoren, hach) drauf kommen, dann sind sie entweder windelweiche Ja-Sager oder blöd in der Birne und haben ihren Beruf verfehlt. Weil sie Ihre Kohle wollen und kaum fragen: „Zahlt das auch auf Ihre Marke ein?“

http://www.werbeblogger.de/2007/06/19/pariser-duft/
http://www.werbeblogger.de/2007/05/16/happy-fathers-day/
http://the-missinglink.blogs.com/logisches/2007/06/westaflex-is-ov.html
http://www.werbeblogger.de/2007/03/18/jvm-weis-genau-was-hinten-raus-kommt/

OK, jetzt habe ich es mir mit Ingenieuren und Mathematikern komplett verdorben. Dabei war ich sehr gut in Mathe und eine meiner besten Freundinnen im Gym ist Mathematikerin geworden. Ich liebe Mathematiker! Und Bach. Manchmal, wenn von Glenn Gould gespielt. Aber das war auch nur so ein furzender Verrückter… Und wenn der Web 2.0 Käse vorüber ist, wird es darüber ein fettes Buch von T. C. Boyle geben wie damals das „Grün ist die Hoffnung“ (World’s End.  New York: Viking, 1987.) und „Willkommen in Melville“ (The Road to Wellville.  New York: Viking, 1993). Eine Glosse über inkompetente Ernährungsgurus und windige Geschäftemacher.

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Fetter Rat an Kosten sparen wollende KMU: Holt euch Leute, die wirklich was vom Witz verstehen, Informatik-Professoren und Web 2.0 Gurus sind es jedenfalls nicht, die den Tabubruch wie Porn, Splatter, Vergasung zur heiligen Kuh erheben wollen. Informatiker haben null Humor und begreifen als soziale Autisten absolut nicht und nie mehr in diesem Leben, warum nur Harald Schmidt und Polen Polenwitze machen dürfen. Und Web 2.0 Gurus haben nur ihr eigenes Beratergeld im Kopf. Ihnen ist es wurscht, ob Sie sich blamiert haben. Logisch mal  wieder: Es ist nicht ihr Geld, sie stehen nicht in der Verantwortung.

Zweiter fetter Rat an KMU:

Bester Humor ist: Selfirony. State of the Art, wie Engländer und englisch schnackende Länder wissen. Nichts ist dumpfer und peinlicher als deutscher schenkelklopfender Anal-Humor. Nichts ist sympathischer als souveräne Selbstironie wie in einer Anzeige der Hilfsgemeinschaft für Blinde und Sehbehinderte:

Was sagt ein Blinder wenn man ihm Schleifpapier gibt?

„Verflucht, ist das aber klein geschrieben!“

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