Nicht zu unterschätzen: Aegopodium podagraria

Vorher:

Gierschbeet vorher

——— Jan Wagner:

giersch

aus: Regentonnenvariationen, Hanser Berlin 2014:

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt seine kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

Während:

Giersch nah

Nachher:

Gierschhaufen nachher

Buidln: Selber gemacht, für gemeinfrei mit Namensnennung erklärt.

Bonus Track: Reinhard Mey: In meinem Garten,
aus: Aus meinem Tagebuch, 1970, in: Live, 1971:

Ein Mann, ein Wort

Wenn’s nicht kaputt ist, reparier’s nicht.

Volksgut.

Wenn ich nix sag,
mach ich’s;
wenn ich’s nicht mach,
sag ich was.

Wenn ich was gemerkt hätt,
hätt ich’s gemacht;
wenn ich’s nicht gemacht hab,
hab ich nix gemerkt.

Wenn ich nix sag,
wird nix sein;
wenn was war,
merk ich’s schon.

Soundtrack: Kroke: Time, 2010:

Wolf sucht Rolf

Kein Wort stimmt doch mit dem überein, was tatsächlich passiert.

R. D. B.

Brigitte Friedrich, Rolf Dieter Brinkmann und die Beine seiner Frau Maleen, ca. 1969Es ergeht eine antiquarische Suchanfrage: Hat jemand Bücher vom heillos vernachlässigten Rolf Dieter Brinkmann sinnlos herumgilben und will sie loswerden? Geliehen geht auch. Gesucht werden in der Reihenfolge nach Wichtigkeit:

Ja, ich weiß, die sind alle spätestens antiquarisch erhältlich, wenn ich sie schon auf Amazon.de verlinken kann. Wir reden hier aber über abgewanzte, annähernd zwei Generationen alte rororo für irgendwas um 19 Euro, das kann ja wohl nicht wahr sein. Die Stadtbibliothek hat münchenweit je genau 1 Exemplar von Westwärts 1 & 2 und Rom, Blicke, beide im Gasteig, und die sind chronisch ausgeliehen, weil auf dem einen ein Baum drauf und das andere so schön rosa ist.

Ich zahl einen Fünfer pro Stück, oder wenn Sie mir’s leihen mögen, geb ich’s garantiert schöner zurück, als ich’s gekriegt hab. Sind die fünf Euro okay, plus Porto natürlich, oder ist das zu mickymaus oder wollen wir was tauschen? — Die Kommentarfunktion ist offen.

Die Beine von Maleen: Brigitte Friedrich: Rolf Dieter Brinkmann und die Beine seiner künftigen Witwe Maleen, ca. 1969.

Küchenregeln

3. Wenn ich schon kochen muss, dann was zu essen. Wenn einer ein “Rezept” kochen muss, bitte nicht in meiner Küche.

2. Zum Kochen braucht man: 1 Messer (scharf), 1 Löffel (groß) und 1 Gabel, ferner 1 Schüssel (groß), 1 Topf (groß genug) und noch einen Topf für die Nudeln. Für jedes zusätzliche Trumm ist ein Antrag zu stellen, bitte mit guter Begründung — oder eine Spülmaschine anzuschaffen, die unter obgenannten Regeln kein Mensch gebraucht hätte. Wer sich ein Brot schmiert, muss deswegen nicht den Besteckkasten alle machen.

1. Wer im Ernst das Wort “lecker” benutzt, hat noch 1 Chance und darf, während er draußen eine raucht, ein Wort überlegen, das eine Aussage über Essen trifft. Wahlweise kann er gern in andächtigem Schweigen die Gaben Gottes verzehren. Wer danach immer noch auf nichts anderes als “total lecker” kommt, fliegt.

Dem glänzt noch das Abendrot, der am Morgen wollt’ verzagen

Man konnte es seit über 17 Jahren ahnen und hat es seit etwas weniger befürchtet: Irgendwann müssen wir Moritz, den besten Miez der Welt und den Sonnenschein unserer Tage, begraben. Das Loch dafür auszuheben war vermutlich die schwerste Arbeit, die ich je verrichten musste — nicht so sehr wegen des widerspenstigen Lehmbodens unter der Hecke meiner Schwiegermutter, eher wegen der Aussicht, dass, wenn ich damit fertig bin, nichts Schönes und nichts Sinnhaltiges in der Welt übrigbleibt.

Von solchen Aussichten werden ganz die freudigen verstellt: In den frühen Morgenstunden des 1. Mai ist die Tochter des Hauses nach bewegter Walpurgisnacht zusätzlich zu ihren Titeln als Doktor und Professor auch noch Mutter geworden. Wie die Doktorarbeit und Habilitationsschrift heißen, hab ich vergessen, aber der Bub heißt Daniel.

Damit wäre nicht nur geregelt, wer mal unsere Wohnung, die wir einst um drei Katzen herumgekauft haben und die immer noch nicht abgezahlt ist, und — zum Beispiel — meine Bibliothek, die niemals vollständig sein wird, erbt, sondern sogar, an wen die ihrerseits sie weitervererben werden. Mithin lässt sich ab sofort absehen, wann die Wohnung von den Überlebenden als Schutthaufen in der falschen Gegend und die Bibliothek als ein paar Zentner Altpapier angesehen werden. Kreise schließen sich nicht, wenn sie Abwärtsspiralen sind.

Und was unternimmt Stiefopa? Spart seit 1985 auf nichts Bedeutenderes als die große durchkommentierte Ausgabe “Phantasus” von Ludwig Tieck, die für 102 Euro im Deutschen Klassiker Verlag, 1-, 2- und 5-centweise in drei Kaffeetassen, als ob er damit den Wohnwert steigern könnte. Vroni meint: “Na, wenn’s texten hilft.”

Erwachsensein ist kein Gewinn; Erwachsensein heißt dreißig Jahre lang auf ein Buch zu sparen und dann nach einer Entscheidung von drei Sekunden den Betrag knapp zu verdoppeln, um davon seinen besten Freund einschläfern zu lassen. Wahrscheinlich hatte Moritz auch damit recht, vor seinem Achtzehnten abzutreten — was allerdings nicht mehr für die neue Hoffnung namens Daniel gelten kann, der gar nicht mehr zu vermitteln sein wird, wer oder was mal ein “Ludwig Tieck” war.

Moritz hätte gesagt: “Ihr Dosenöffner habt manchmal echt nicht alle Haare an der Schnurrn.”

Soundtrack: Reinhard Mey: Menschenjunges aus: Menschenjunges, 1977.

Jeder wie er kann

Wenn es so ist, wie ich’s in der Kirche gelernt hab: dass jeder Mensch seinen Platz und seine Bestimmung auf der Welt hat, dann ist mein Platz: im Weg rum, und meine Bestimmung: warten, bis mir auch der noch der letzte Hanswurst in die Tasche gelangt und nachgeschaut hat, ob nicht doch eine Handvoll Geld drin ist, und wenn er eine gefunden hat, darf er sie behalten und mir eine schallern, weil so eine provokante Verweigerungshaltung natürlich bestraft gehört.

Wenn es so ist, wie ich’s in der Kirche gelernt hab, ist am 8. Dezember eine Jungfrau mit einem Kind schwanger geworden, das sie am 24., das heißt entweder nach 16 Tagen oder nach 13 Monaten, entbunden hat, das später pflanzliche in tierische Materie umwandeln konnte und drei Tage nach seiner Beerdigung allein deswegen nicht mehr gestorben war, weil es nämlich in den Himmel geflogen ist.

Was man glauben will, kann man sich aussuchen. Seinen Platz und seine Bestimmung auf der Welt nicht.

Wer kennt sich aus bei uns zu Haus?

Weil sich die Natur grad so schön ansteckend in den Astgabeln räkelt. die sich bloß ums Verrecken nicht belauben wollen, machen wir jetzt eine motivierende Gaudi und ein Gewinnspiel:

Vervollständigen Sie den Satz, der auf dem Rondell um die Steinerne Bank im Englischen Garten steht — und den man von keiner Stelle aus vollständig lesen kann:

Hier wo ihr wallet da war sonst Wald nur und […]

Ja, und was? Googeln gilt nicht, hingehen und nachschauen schon. Ich werde das genau abfragen, wenn Sie mit der richtigen Lösung kommen.

Ich verlose einmal das Buch von Ulrike Sterblich: Tüte oder so was: Wie man als Kunde nervt, ohne es zu merken, Goldmann 2010, ein gebrauchtes, fast überhaupt nicht gelesenes Exemplar, jedenfalls noch ziemlich gut in Schuss — an jemanden, der den richtigen Satz in den Kommentar schreibt. Das Gewinnspiel läuft bis nächsten Freitag, den 21. März 2014, um 23.59 Uhr.

Die Verlosung erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit sowie jeglicher Vernunft durch ein pausbäckiges Waisenmädchen mit blonden Zöpfen. Der Rechtsweg ist daher ausgeschlossen, denn wer sich bei einem derart holdherzigen Geschöpfchen über kleinliche Ziehungsmodalitäten echauffieren wollte, soll sich was schämen. Die versteht das doch noch gar nicht.

Und jetzt Sie.

Buidl: Sejwergmacht, gmoafrei.

In allen Wortverbindungen, Schreibweisen, Kombinationen und mit allen Zusätzen, für alle Medien, insbesondere elektronische Online-Dienste und digitale Verbreitungswege aller Art einschließlich CD-ROM, CD-I, DVD und Printmedien

Den an- und ausstehenden Jahresrückblick kann gern nächste Woche Vroni schreiben; ich bin ja froh, wenn ich die restlichen drei Wochen noch irgendwie lebend rumbring. Bei mir ist das allerdings unabhängig von der Jahreszeit.

So many books to write and so little time, wie Sokrates sagte. Wir beantragen unter Hinweis auf §§ 5, 15 MarkenG Titelschutz für:

  • Die 10 Gebote der Anarchie
  • Das A-Z der ungebundenen Soßen
  • Abstiegskandidat Kaiserslautern
  • The Beauty of the Beast
  • Die Beschwerden über mein Verhalten häufen sich
  • Feierabend-Jazz für Führungskräfte
  • Die Frau mit den zwei G-Punkten
  • Gesammelte Höhepunkte einer Gottheit
  • Ich liebe dich und du mich auch
  • Jemand anders schlägt den Takt
  • Komische Geräusche
  • Kurtz-weilige Geschrifft zur Beschreibung alter und neuer Reisen zu Länden, zu Wassern alß auch in den Lüfften des Courfürstlichen Prinzipals der Lande Brandenburg und Oberlausitz einschlüßlich der sorbischen Land-Striche, genennet Hannes Lüderlich und seiner treulichen Mannen, die er zu seinem supportem und Wolfart recrutiret und zur Ausrüstung seines Lufft-Schiffes gemacht, mit dessen Hülff er die Welt umründet und bis bei den Negern gewest, denen er die frohe Nachricht unsers Heylandes ferbracht, worauff sie in ein grosz mechtig jauchzen unde frolocken ausgebrochen, und wie es ihm hernach ergangen, und Amouren-Geschichten desselben, die er in verschiedenen Continenten durchlebet, und weßhalb ihm sein eigner Milchbruder umb den gantzen globus nachgefolget, um ihm an das Leder zu gehen, und welchen Verlusst der Selbige darbei erlitten, nebst einigen wahrhafftigen Begebenheiten aus der vitam desselben, comische Münchhausiaden sowie schier ungläubliche Hanswurstiaden, illustriret durch mit aller accuratesse hergestelleten Kupffer Stichen, zalreichen umfänglichen Land- und Seekarten, einer Einleitung, einer Bemerkung zum Schlusse, auffklerenden Anmerckungen des Verfassers und einem Richtigen Verzeichnuß sembtlicher enthaltenen Materien, den günstigen Lesern der bürgerlichen zugleich adlichten Stende zur Erbauung zugeeignet sowie der reiffen Jugend anempfolen
  • Mein Smegma komme über euch
  • Nachts Sind Die Affen Platt (zur Bedeutung der NSDAP)
  • Der Schrebergarten der Verdummten
  • Ein Schwein am Seil
  • Selbs Befriedigung (bevor Bernhard Schlink draufkommt)
  • Stirb, ich komme nach (Erben für Anfänger)
  • Tote leben nicht
  • Unrasierte Sachen, die nachts ticken
  • Unvergessene Briefe an vergessene Frauen
  • Waldschrat und Stadtschrat
  • Walther mit der Vogelscheuche
  • Wanderungen durch den Euro Brandenburg (Neufassung)
  • Warum Frauen nicht bei Neonlicht auf einem Betonboden verprügelt werden wollen (Feminismus für Anfänger)

Mehr kann man gar nicht tun. Schönes drittes Adventswochenende.

Happy Hallohochzeitsween, Part 11

Update zu Hochzeitstag (’cause There’s Nothing Else to Do) #10:

Heute war bei Tisch von den Frauen die Rede, und Goethe äußerte sich darüber sehr schön. »Die Frauen, sagte er, sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren, oder in mir entstanden, Gott weiß wie. Meine dargestellten Frauen-Charaktere sind daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind.«

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 2. Theil (1836), , Mittwoch, den 22. Oktober 1828, cit. n. Deutscher Klassiker Verlag.

Frauen sind gefährlich! Sie sind oft intelligenter als du glaubst!

“Na, Wölfchen? Wieder feministische Inhalte ausbreiten, um dich für den Hochzeitstag einzuschleimen?”

“Seit wann erachtest du Goethen als feministisch?”

“Dein Eckermann ist gar kein richtiger Goethe.”

Und die Lustigen Taschenbücher sind keine richtigen Entenhausener Berichte.

“Is recht, Wolf. Ich such dann schon mal meine blauen und grünen Nagellackflaschen raus. Wir treffen uns in einer Stunde am Küchentisch, wenn meine Zehen getrocknet sind.”

“Meine liebste Frau, Partnerin und Gespielin. Ich liebe dich, wenn du dich so um deine schönsten Teile kümmerst.”

“Meine Zehen?”

“Und mich.”

“Pff. Sonst nicht?”

“Aber doch. Ich lieb dich. Ewig. Ganz feste.”

“Das wollen wir in einer Stunde doch mal sehen. Und bis dahin rasier dich bitte.”

“Du auch.”

“Du bist ein alter Saubär.”

“Rwarrrrr.”

My body’s broken, yours is bent: Placebo: Every You, Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1998.