Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Frauen und das Internet (Seite 1 von 2)

Daniel in der Kinderstube

Solange James Bond noch ein Fall fürs Kino und nicht für die Kinderstunde war, haben wir gesagt: Alt sind wir dann, wenn wir älter sind als der aktuelle Bond. Dann war Daniel Craig. Der Mann ist zwei Monate und vier Tage älter als ich, aber der zählt eh nicht als Bond. Beim nächsten werden wir uns wohl eine neue Faustregel ausdenken müssen. Vielleicht den Gandalf.

Neuerdings soll Daniel Craig gleich gar „entmännlicht“ (emasculated) sein, indem er fotografiert wurde, wie er ein kleines Kind mit Hilfe einer Babytrage (papoose) mit sich führte. Hat er das verdient?

Zur Einordnung: Das Kind ist sein eigenes, soll allem Vernehmen nach ganz frisch im September 2018 geboren sein und ist sein zweites, nach dem ersten von 1992 — und zwar von Rachel Weisz. Dazwischen war er mal, Bond oder nicht, mit Heike Makatsch zusammen.

Es mag eher bedingt hierher gehören, aber kurz nach diesen Bildungsanstrengungen in der zeitgenössischen Schauspielkunst hab ich gefunden:

Not all pricks have pricks, not all pussies have pussies, but all assholes have assholes.

Wenn man es von vorne und hinten betrachtet, findet sich schon noch was, das man sich merken sollte, gell. Wenn mich wer sucht: Nägel lackieren, und zwar meine eigenen und ohne erst herumzugreinen, ob ich dann schwul oder ein Mädchen sein könnte.

Soundtrack: Johnny Cash featuring Oscar the Grouch:
Nasty Dan, aus: The Johnny Cash Children’s Album, 1975,
in: Sesame Street, Season 5, 1973:

Ende der Allee

Fassen wir also endlich zusammen: Das Gedicht von Eugen Gomringer geht:

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Auch wenn man für das absichtsvoll schlichte Spanisch mit dem kleinen Latinum auskommt, gibt die deutsche Übersetzung anzuführen besonders viel Sinn, weil Gomringer als bolivianisch-schweizerischer Dichter geführt wird, aber ab 1954 die Konkrete Poesie mitbegründet hat, die sich wesentlich im deutschen Sprachraum – ja, auch in anderssprachigen – äußerte. Avenidas fällt formal und historisch unter die Vorformen der Konkreten Poesie und vermittelt als solche

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Eine Lanze für Destiny Hope Cyrus

„Fan“ wäre jetzt übertrieben — aber dann ist mir doch etwas aufgefallen, bei dem man kurz schluckt: Man suche die Backyard Sessions von Miley Cyrus auf: Die Stimme ist geboostet, aber ihr übliches „Wäh, ich bin so ein böses Mädchen“-Gehabe hat die gar nicht nötig:

Die englische Wikipedia führt Frau Destiny Hope Cyrus als „vocal, guitar, piano“, dabei ist der Fratz gerade 25 geworden. Außerdem ist sie aus Nashville als Tochter eines praktizierenden Countrymusikers gebürtig — und weil ihre gute Fee zum Quartalsende alle guten Gaben loswerden musste, die Patentochter von Dolly Parton.

Auf der Brennsuppe dahergeschwommen sieht anders aus, die junge Destiny Hope war zum Berühmtwerden geboren. Daddy heißt Billy Ray Cyrus, ist im Geburtsjahr seiner nachmals berüchtigten Tocher 1992 mit dem mittelwichtigen Evergreen Achy Breaky Heart (dt.: „Ächzi Brechzi Herz“) hervorgetreten und

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Lebensgröße DIN A4

Ich erfinde nichts. Nicht dass wieder es heißt, ich erfinde was.

Wir in München, 08.17

Wir! in München, von vorn und hinten („Entdecke faszinierende Giganten der Urzeit in Lebensgröße“), August 2017.

Hasta la Windows 10, baby

Kulturhistoriker behaupten, manche Computer laufen heute — wir schreiben 2017 — noch mit Windows Vista. Allzu viele können es nicht mehr sein, wenn selbst ich seit vorgestern Windows 10 hab.

Eine einfache Geburt war das nicht, fragen Sie die angetraute IT. Es hat zwei Tage gedauert, die dem Gegenwert von etwa fünf Arbeitstagen entsprechen, das erzähl ich jetzt nicht schrittweise nach, weil Sie ja heute noch ins Wochenend wollen. Als konstruktiven Tipp kann ich aber sagen: Man muss Vista zuerst mit Windows 7 überschreiben, kurz wirken lassen (vulgo neustarten) und dann das Windows 7 mit Windows 10 überschreiben. Klingt komisch, ist aber einfacher als jeder andere Versuch. Draufkommen muss man halt, aller Dank und Anerkennung gehen an die IT und nicht an mich, der ich schon am ersten Tag das widerspenstige Waffeleisen (Acer, ca. 2010) zu einem freundlichen Hacker in der Bahnhofsgegend getragen hätte.

Wiederherstellungspunkt nicht vergessen, dann sieht der Computer nicht mehr aus wie ein eselsohriger Regionalkrimi aus dem „Zu verschenken!!!“-Karton, sondern wie die ersten Zuckungen eines Filmvorspanns.

Ist eigentlich schon raus, was nach Windows 10 kommt?

Friedensengel, Portrait

Buidl: Friedensengel, Prinzregent-Luitpold-Terrasse Bogenhausen, 12. Juli 2017.

Soundtrack: Buena Vista Social Club: Lost and Found, 2015:

Bürgerliches Trauerspiel

Der junge Baron bringt’s mit einem Wischer hinaus, das muß ich wissen, und alles Wetter kommt über den Geiger.

Stadtmusikus Miller, Kabale und Liebe, I,1, 1784.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass Kunst nichts mehr wert ist? Da kann man weit zurückschauen: Mehr Mammutfilet als für die abgebildeten Tätigkeiten des Jagens und Abschlachtens ist für Konzeption und Ausführung der Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux auch nicht rausgesprungen.

Offen feindselig wurde gegen Kunstschaffende erst mit der abendländischen Aufklärung vorgegangen, als sich volks- und betriebswirtschaftlich nachweisen ließ, dass Schamanen eigentlich nur den Arbeitenden das Zeug wegkiffen und Kinder mehr Ideen haben als bezahlte Künstler. Diese Epoche wird derzeit noch perfektioniert.

Beim nächtlichen Studium von YouTube wird das besonders augenfällig, wenn man die Live-Aufnahmen klassischer Musik vergleicht: Bis tief in die 1970-er Jahre bestanden Orchester aus bierbäuchigen Familienvätern mit Hornbrillen, die auf ein ernstzunehmendes Monatsgehalt angewiesen sind, ganz wie der Schiller’sche ehrwürdige Stadtmusikus Miller (Cello). Danach sehen Orchester zunehmend aus wie fernöstliche Mädchenschulklassen.

Dass japanische Schulmädchen Musik machen dürfen, ist an sich noch nicht feindseilig; auf den ersten Blick ist es sogar schön vom Herrn Intendanten, überhaupt welche einzustellen. Es fällt nur auf, dass seit dem Einbruch der Billiglohngeschlechter in die Arbeitswelt die Arbeit nur mehr aus Gewohnheit und zur Eindämmung des Arme-Leute-Gemosers symbolisch bezahlt wird, wenn nicht gar vollends ausgeht. Da rede ich nicht allein vom Kunstschaffen, da macht es nur mehr Spaß hinzuschauen.

Ist es Zufall, dass der Preis für Tonträger mit klassischer Musik im gleichen Zeitraum in bestürzender Weise verfallen ist? Auch das ist für uns Musikverbraucher zuerst einmal schön. Oder ein Schlag ins Gesicht für jeden, der sich einst den Hunderter für die Matthäus-Passion unter John Eliot Gardiner monatelang vom Munde abgespart hat: Die gibt’s nämlich heute als Dreingabe für CD-Boxen, auf denen netto eine Woche der erlesensten Jahrhundertaufnahmen zusammengepackt ruht, um auf Amazon noch einen letzten Zwanziger einzutragen und dann nie wieder angehört zu werden.

Der Eintritt für Live-Konzerte kostet ungebrochen die ein, zwei Hunderter wie in den alten Zeiten, als in einem bürgerlichen Mittelstand in auskömmlichen Mengen Geld verbreitet war. Nun geht weder ein Bürger noch einer, der sich dergleichen leisten kann, in ein klassisches Konzert, da sind zwei- bis vierhundert Öcken schnell weg, und da ist noch nicht mal der Sekt in der Pause mit drin. Für vierhundert kann einer allerdings die verbliebene Klassik-Abteilung vom Müller aufkaufen, jedenfalls die relevanten CDs. Und von denen hat er länger als zwei Stunden was.

Ist doch gut? Ja, zuerst schon — für eine Gesellschaft, denen Kunst nicht einfach nur nichts wert ist, sondern die seit einigen Jahrhunderten gegen ihre Geistesarbeiter vorgeht: durch Aushungern, Verunglimpfen, Ausgrenzen — ein politisch gewünschtes, funktionierendes Mobbing. Eine Gesellschaft, die sich den eigenen Kopf absägt.

Zu den Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux wird immer betont, aus welch hochstehender Zivilisation sie nur entstehen konnten. Wenn uns das heute wieder reicht — okay. Jedenfalls hört man von den Leuten aus der Jungsteinzeit weniger Klagen als von den um ihr Leben geigenden Familienvätern und den immer verzweifelt ratlos wirkenden Schulmädchen im YouTube-Orchester. Und in dem gibt’s die Jahrhundertaufnahmen gratis, hurra, zum gleichen Preis wie im Paläolithikum, als die Schamanen legal kiffen und dabei mit den Honoratioren am selben Höhlenbärenfell sitzen durften.

Kann man schon machen. Muss man halt wollen.

Soundtracks: Beethoven: Fünfte, einmal unter Otto Klemperer 1970, einmal unter Chung Myung-Whun 2013:

To all those who have lived and died alone

Update zu Fuck Yes:

Es ergeht Empfehlung für ein einzelnes Lied; vielleicht hilft das gegen den mittlerweile wochenlangen Ohrwurm.

Wie viele Jahrzehnte hab ich jetzt geglaubt, in Wirklichkeit stünde ich auf die baumlange, blasse, burschikose Rothaarige mit Brille, Birkenstockmodell Gizeh und Knabenbrüstchen, die sich kaum aus dem Eck traut, um ihr Augustiner aufzufüllen, und keinen findet, mit dem sie ihr Promotionsthema diskutieren kann, und die ganzen heißblütigen Südgewächse sind bestimmt auch ganz wunderbare Menschen, aber weiter kein Grund, nervös zu werden.

Nach Naturereignissen wie Salma Hayek, Penelope Cruz und jetzt auch noch Lindi Ortega wollte ich vorsichtshalber nochmal nachdenken. Mit dem Ergebnis: Ach so, Kanadierin. Na dann.

Das Video zu ihrem Lived and Died Alone aus Tin Star von 2013 spielt explizit auf der anderen Seite der USA, inmitten mexikanischer Kultur der Trauerbewältigung; es geht nämlich von vorne bis hinten ums Sterben, schlimmer noch: Störung der Totenruhe, wenn nicht gar Nekrophilie. Jedenfalls ist alles denkbar morbid und gerade deswegen besonders tröstlich. Das ist kein Widerspruch, sondern Schwarze Romantik, und funktioniert innerhalb christlicher Kulturen in seiner modernen Form etwa seit 1780.

Außer als Kanadierin versteht Frau Ortega sich als Country-Musikerin, was die engelschöne, komplexe Melodie erklärt. Und dann den Text, ach den Text.

Man versteht Frau Ortega recht gut, Kanadier können von Geburt an mit Mehrsprachigkeit umgehen. Und der Wortschatz bleibt kunstvoll schlicht, allerdings in thematisch ungewohnten Zusammenhängen, die sich keinem Normaldeutschen so selbstverständlich ins Ohr nisten, dass er ohne ein Minimum an Eigenleistung jederzeit mitsingen könnte. Der Text ist online gut auffindbar, aber an allen bisherigen Stellen, die wahrscheinlich eine von der anderen abkopiert sind, in falscher Versaufteilung. Als Mehrwert bringe ich daher erst das Video und dann den Text in merkfähiger, weil lyrisch korrekter Typographie. Falls das Video youtube-typisch verschwindet, lohnt sich jeder Suchaufwand, versprochen; es reicht sowieso nie, es nur einmal laufen zu lassen.

Lifehack 1: Gegen Ohrwürmer hilft auch, die Pippi Langstrumpf zu singen, die überdeckt alles andere.

——— Lindi Ortega:

Lived and Died Alone

from: Tin Star, Last Gang Records, October 8th, 2013:

Love never came easily to me,
there were no fish swimming in my sea.
I resided myself to the fact
that I would always love
never to be loved back.
But that’s okay,
I know some day —

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I guess I thought it couldn’t really hurt
to search for sweethearts underneath the dirt.
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
to be with me
in the Dead Sea.

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

(Solo.)

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed.
I will fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I’d been a girl and one dream frequented my late afternoons

Girl
where did you stay so long
Girl
where did you stay so long
I feel strong
the answer she gave
simply was
I’ll show you where the lilies grow

Die gute Nachricht ist: Sibylle Baier sitzt an einem zweiten Studioalbum. Dem zweiten seit 1973.

Keine Schande, das erste nicht zu kennen. Es hieß Colour Green und wurde von der Künstlerin höchstselbst im Alleingang spätnachts in ihrem Wohnzimmer mit einem Kassettenrekorder und einer beneidenswert gut gestimmten Wanderklampfe aufgenommen. Das war zwischen 1970 und 1973.

Sibylle Baier und Sohn Robby, sibyllebaier.comIn diesen drei Jahren hat Frau Baier 14 Lieder eingespielt, die zusammen nicht ganz 37 Minuten dauern. Im weiteren Verlauf ist sie nach Amerika ausgewandert, hat Kinder aufgezogen und getan, was man so tut im Leben — zum Beispiel einmal für Jochen Richter den Soundtrack geschrieben und einmal für Wim Wenders mitgespielt. Viel mehr weiß man nicht über sie. Offenbar legt sie keinen gesteigerten Wert auf großen Rummel um ihre Person. Eine amerikanische Hausfrau, die als junges Mädchen in Deutschland mal ein paar selbstgeschriebene Liedchen gezupft hat, wird nicht gerade dauerhaft von Paprazzi umlagert, und wozu auch?

Ungefähr 2003 war ihr Sohn Robby schon groß und seinerseits Musiker und konnte aus Mamas alten Kassetten eine CD zusammenbrennen. Wie dieselbe an J Mascis von den Dinosaur Jr geriet, fällt schon unter die feineren Verästelungen im Unterholz des Musikgeschehens. Jedenfalls kam die CD von den Dinosaur Jr ans Label Orange Twin Records und war ab 2006 eine Zeitlang verkäuflich. Amazon.de weiß noch davon, und der wohlgeratene Robby pflegt ihr bis heute die Website.

Anscheinend hat die junge Frau Baier um 1970 viel Pink Floyd gehört, inhaltlich erinnern ihre Lieder stark an die Zeit zwischen Syd Barrett und der Dark Side of the Moon. Die Gitarrenarbeit ist ordentliches Lagerfeuerniveau. Jedes Jahr Warten seit 1973 und jeden Cent wert ist aber ihre Stimme: ungefähr Nico Päffgen, ebenfalls Exildeutsche, von den Velvet Underground, jedenfalls genauso unbeirrbar modulationsfrei. Aber schöner.

Und die schlechte Nachricht? Wer auf eine besteht, kann ja egal wohin anders surfen als zur Playlist von Colour Green, aber davon rate ich ab.

Wenigstens eine mittelgute: Wir müssen jetzt nicht alle gefrustet unsere im Gefolge von Janis Joplin und Hannes Wader vollgesungenen Kassetten vorschriftsmäßig im Plastikmüll entsorgen, es hat nämlich nicht gleich jeder Wim Wenders zum Freund des Hauses. Soviel Trost muss uns unentdeckt Bleibenden reichen.

Bild: Sibylle und Robby Baier gegen 1973.

Die Top 2 Tipps für eine glückliche Ehe

Mehr ist da nicht, und mehr könnte sich sowieso kein Mensch merken. Die Formulierungen richten sich an Frauen, aber umgekehrt und in gleichgeschlechtlichen Beziehungen kann da kein großer Unterschied sein.

  1. Dein Mann ist auf deiner Seite.
  2. Auch der Versuch ist zu respektieren.

Oder was dachten Sie jetzt, worum es gehen kann? „Wie Sie Ihr Sexleben aufpeppen“? Es muss reichen, auf der Liste mit den Leuten zu stehen, für die Ihre Frau 112 anrufen würde, wenn Sie mal mit Herzklabaster im Eck liegen.

Soundtrack: John Prine & Iris DeMent: In Spite of Ourselves, live 1999, mit dem Zeug zum Lieblingslied. Der Beste ist der am Kontrabass:

(Für die Buchführug: Das war unser 800. Beitrag.)

Real Amateur Goes YouTube (Alright)

Nein, wir sind nicht mit dem Internet aufgewachsen, sondern das Internet mit uns.

Uns ist durchaus bewusst, dass heutige Kochtöpfe mit so leistungsfähigem WLAN kochen können, dass die Essensbilder sich praktisch von selbst auf Facebook veröffentlichen, aber als ich 1997 eine der ersten — die Älteren können mir noch folgen — Homepages auf Geocities aus handgeschriebenem HTML aufgebaut hab, bin ich sogar ohne animierte GIFs von tanzenden Tomaten mit Sonnenbrillen ausgekommen. Man nimmt dergleichen wahr, aber wozu ständig ein Mäusekino mit einer einzelnen Fingerkuppe putzen, wenn man eine Tastatur beherrscht?

Bis zu einem gewissen Alter ist das Schwimmen mit Hilfe von Schwimmflügeln okay, manch junger Mann, der neu in Deutschland ist, muss noch die wichtigsten Redewendungen wie „Große Brüste“, „Ich will dich küssen“, „Ich töte Sie“ oder „Ich will ficken“ mit der Übersetzung auf einem Merkzettel bei sich tragen, und wenn’s nicht mehr so gehen will mit dem Facebooken, hält sich mancher Angeschlagene nicht nur vorm WLAN, sondern auch vorm Kochtopf fern, weil sich der Herzschrittmacher nicht mit dem Induktionsherd verträgt. Das sind so Sachen, mit denen muss man halt umgehen lernen.

Wir bloggen ja sogar noch. Übrigens tun wir das, um uns ein- für allemal selbst zu loben, mit einer beispielhaften Pünktlichkeit, die es in Zeiten der weltumspannenden Echtzeit-Kommunikation gar nicht mehr gibt. Twittern ist nicht so unser Ding, weil, wer der Visual-Maske von WordPress misstraut und sein HTML bis heute auswendig von Hand eintippt, darüber hinaus Herr über einen gewissen hypotaktischen Satzbau bleiben will, 140 Anschläge vielleicht für die Überschrift veranschlagt, nicht aber für den gesamten Inhalt.

Damit sind wir nicht allein. Als ab 2005 in einer fruchtbaren Blogosphäre haufenweise Mama-Blogs erblühten und umgehend einer Lächerlichkeit anheimfielen, der sie wegen der folgenden Nichtbeachtung nie wieder entkamen, war ihr dokumentarischer Wert überhaupt noch nicht abzusehen. Angefangen wurden diese platzsparenden Schwangerschaftstagebücher und Baby-Fotoalben für einen fest umrissenen Verwandtenkreis der bloggenden Frauen und werdenden Mütter mit Kundgebungen darüber, „was da in meinem Bauch Wunderbares heranwächst“. Dokumentarisch wertvoll wird das Zeug beim erneuten Blick nach zehn Jahren, wenn das Wunderbare auf eine weiterführende Schule gewechselt hat.

Das Wunderbarste ist ja, dass solche Blogs überhaupt immer noch geführt werden, samt ständig aktuellem Bildmaterial und Hypotaxen. Deren mehr oder weniger wunderbarer Inhalt hält sich für Digital Native, weil er seitdem mit dem Internet aufwächst. Dort plant er seine zukünftige, reichlich zur Verfügung stehende Tagesfreizeit anhand Videobeispielen wie „i was bored lol“ (Quelle: YouTube) und erforscht seine eigene Geschichte, bevor Mama Mama-Bloggerin wurde, anhand Videobeispielen wie „REAL Amateur German Hairy Milf Comes Hard Until She Screams And Squirts (20+ min.)“ (Quelle: RedTube).

Nachdem in den Altersheimen der Umbau von Raucher- und Nichtraucher- auf Beatles- und Stones-Aufenthaltsräume abgeschlossen ist und gerade die striktere Trennung von Oasis- und Blur-Playlisten ansteht, bleibt den unverdrossenen Mama-Bloggerinnen genug Zeit, auf Oma-Blog umzustellen: Solange noch Bargeld in legalem Umlauf bleibt, gibt es keinen echten Grund, seine Tastatur für ein Ein-Finger-Telefon dranzugeben, und sie behalten die Kontrolle über ihre Fotos von veganen Mahlzeiten (ohne Gluten und Lactose) und wunderbaren Kindern (ohne ödipale Traumatisierungen).

Woran wiederum man endgültig erkennt, was für ein alter Sack ich bin: Facebook ist gar nicht mehr das soziale Natzwerk der coolen Wahl, sondern YouTube. Mir war ja nicht mal klar, dass die Kommentare dort von denkenden Menschen verfasst werden.

Soundtrack: The Who: The Kids Are Alright aus: My Generation, 1965.

Analyse, ach Analyse

Twitter-Profilbild Naina, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen.

Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.

Das hat am Samstag, den 10. Januar 2015 Naina aus Köln getwittert, was einem egal sein könnte, wenn es nicht so viele andere interessieren würde — und wenn sie nicht so recht hätte und gleichzeitig unrecht. Internet halt: Interessant ist, was alle anderen interessiert, und was stimmt, weiß erst recht keiner.

Den Vorwurf, den Naina sich selbst und implizit dem nordrhein-westfälischen Schulsystem macht, machen meine Eltern mir explizit seit 30 Jahren. Ich bin nämlich fast 47 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen, und ich wäre glücklicher mit meiner längst abgeschüttelten Ausbildung, wenn ich meine Gedichtanalysen viersprachig abfassen könnte.

Dabei hat Naina wahrscheinlich selbst gar nicht gemerkt, worin ihr eigentlicher Vorwurf besteht: Offensichtlich hat ihr Deutschunterricht versagt, indem er Naina vorenthalten hat, worin der Sinn davon liegt, Gedichte zu analysieren: um wenigstens um die nächsten zwei Ecken herum zu denken.

Uli Hoeneß — ja, warum nicht zum Beispiel der — ist gerade 63 geworden, gilt gerade wegen einer rechtswirksamen Gefängnisstrafe als erfolgreich, und sein Erfolg bestand jahrzehntelang darin, keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherung zu haben. „’ne Gedichtsanalyse“ hält er wahrscheinlich für ein Bierzeltlied, und was soll man denn in einer oder gar in vier Sprachen sagen, wenn man Bratwürste verkaufen kann? „Senf?“

Angeblich konnte Uli Hoeneß vor einigen Generationen mal ganz ordentlich Fußball spielen; Naina ist leuchtend hübsch, jung und dazu noch rothaarig. Sind das nicht die Qualifikationen, auf die es in einer postkonsumkapitalistischen Gesellschaft ankommt? Was sollten diese Schoßkinder des Glücks ihre Lebenszeit an Steuern, Miete oder Versicherungen verschwenden?

Angenommen, das nordrhein-westfälische Schulsystem verfolge einen gewissen Bildungsanspruch, soll es mal die ohnehin viel zu kritisch hinterfragende Naina vom Schadwissen der Gedichtanalyse fernhalten: Berühmt ist sie bereits für die nächste Woche, hübsch bleibt sie locker noch zwanzig Jahre, und noch weiter plant kein Mensch.

Ein gnädiges Schicksal bewahre uns vor einem Gemeinwesen, in dem sich alle mit nichts als dem auskennen, was Naina als „Steuern, Miete oder Versicherungen“ verherrlicht. Dann ist, so wundersam das inzwischen klingt, sogar Platz für das, was sie als „’ne Gedichtsanalyse“ anprangert.

Die Naina, die hat doch zu ihrem öffentlich missbilligten Deutsch bestimmt Englischfranzlatein dazugenommen, oder bei neusprachlichem Zweig Spanisch, weil Latein doch sowas von Nineties ist und damit sie auf vier Sprachen kommt und später mal nach dem FSJ in Nicaragua Wasmitmedien machen kann, wetten? Dann auf nach Irland. Da fällt man als Rotschopf nicht so auf, und wie man hört, halten sie da sogar noch was von Gedichten. Steuern, Miete oder Versicherungen? Ja, nee, is klar, ne.

Moment.

Update: Ich hab jetzt ’ne Ahnung von Miete, Steuern und Versicherungen und kann Gedichtanalysen ohne S schreiben. Immer noch auf 4 Sprachen.

Das hat Naina am 14. Januar 2015 getwittert. Steile Lernkure, alle Achtung.

Bild: Naina aus Köln, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014.

Annie Get Your Panzerfaust

… and have the Maßkrug later. (Irving München)

München, Hofgarten 27. September 2014

München, Hofgarten 27. September 2014

München, Hofgarten 27. September 2014

München, Hofgarten 27. September 2014

München, Hofgarten 27. September 2014

München, Hofgarten 27. September 2014

Hofgarten, 27. September 2014.

Leutebeobachten im Wandel der Zeit

Mit 20:

WG-Fenster Papa-Schmid-Straße

Mit 45:

 

 

WG-Fenster Papa-Schmid-Straße verschwommen

 

Special thanks an die Studenten-WG in der Papa-Schmid-Straße.

Dances with Models

Zwei Stunden auf Flickr herumgeklickt, und man kann getrost seine Zweifel beiseite legen, ob in der zeitgenössischen Kunst noch Qualität geschaffen werde: alles voller sehr junger, sehr schöner und sehr kluger Mädchen, die sich als Fotografinnen verstehen oder laut ihren Profilangaben so schnell wie möglich welche werden wollen.

Dafür empfehlen sie sich durch Portfolios, die für nicht weniger als professionell zu halten sind. Gerne bedient wird dabei das Genre des Selbstportraits, weil bessere Fotomotive als die eigene Person um den gleichen Preis für junge, schöne, kluge Mädchen nicht zu haben sind; gerne dokumentiert wird eine Neigung zu den traditionellen Freizeitbeschäftigungen Hoher Töchter (Lesen alter Bücher, Zeichnen von jungen, schönen, klugen Mädchen, Barfußlaufen nicht aus Armut, sondern aus innerer Verbundenheit zu märchenhaften Wäldern und landwirtschaflichen Nutzflächen, feengleiches Schweben im Raum pp.); die technische Qualität entsteht durch den Einsatz leistungsstarker Kameras, deren Preise praktisch mit jeder Stunde mehr verfallen, und Photoshop, dessen ältere Versionen es zumindest am Rande der Legalität für nix gibt.

Vor ein paar Jahren, als Myspace noch ein Thema war, gaben sich aufstrebende Schönheiten mit solchen öffentlichen Selbstdarstellungen noch Spott und Häme preis. Meist standen sie leicht oder gar nicht bekleidet im elterlichen Badezimmer und richteten am ausgestreckten Arm ein mobiles Telefon mit Fotofunktion auf sich. Das fanden sie möglicherweise cool oder erotisch oder jedenfalls geeignet als Ausdruck ihrer pubertären Gefühlslage, was man nachträglich gar nicht so gehässig niedermachen muss. In dieser kurzen Zeit hat sich nämlich ihre Professionalität auf eine Ebene erhoben, die man nicht mehr ignorieren kann.

Ob in Photoshop oder einer analogen Installation, finden die jungen Damen genügend Zeit, Energie und Sachkenntnis, Bilder von sich zu veröffentlichen, für die man in den 1990er Jahren noch ausgewiesener, weltweit gefeierter Starfotograf und Model Whisperer geworden wäre. Theoretisch kann sich heute jedes Lifestyle- oder Modemagazin aus privaten Flickr-Accounts bestücken, ohne sich zu blamieren. Dieses atemberaubend hochwertige Bildmaterial hat in der Herstellung nahe null gekostet, wird von Privatpersonen ohne Geschäftsinteressen (oft sogar ohne Geschäftsfähigkeit) bereitgestellt und kann deshalb nicht weit über null kosten.

Die Künstlerinnen erinnern allesamt an Existenzen wie die Figur von Scarlett Johansson in „Lost in Translation“. Der Film ist von 2003, da war Myspace eine große Halde für schnell dahingeknipste Handyfotos, die man nicht mehr beim Schlecker für Geld entwickeln lassen musste, und Scarlett Johansson war neunzehn.

2003 fand es Scarlett Johansson — jedenfalls im Film — so erstrebenswert wie Heranwachsende der Jahre 1913 oder 2013, einen „kreativen“ Beruf zu ergreifen — zum Beispiel Fotografin. Frauen wie die Johansson oder Alexis Mire, Brooke Shaden oder Laura Zalenga und wie sie alle heißen sehen einfach gut genug aus, um aus dem Handgelenk ihre Füße zu fotografieren und dafür Lob und Ermutigung zu erfahren. Wollen wir es ihnen gönnen, selbst Frau Johansson wird bald dreißig.

Dem entgegen steht die Preisentwicklung für künstlerische Arbeit. Wer erst so einen „kreativen“ Beruf ergriffen hat, versteht das in einem Maße wie die Preisentwicklung für künstlerische Arbeitsgeräte: stündlich weniger. Deswegen sehen kostenpflichtige kreative Arbeiten aus, wie sie aussehen: Es ist leicht, es ist billig, es ist Bettjäckchen wie Spitzenunterhose, wer sie — und bitte selbstverständlich immer „bis vorgestern“ — dahingeknipst oder eingetippt hat.

Sind die Kameras heute dermaßen gut? Oder die Mädchen dermaßen hübsch? Oder die Arbeitsqualität dermaßen wurschtegal?

„Mach den Mund zu“, sagt meine Frau zu mir, „die Tastatur wird nass.“

Beckah, Love My Geek Glassesm 8. September 2011

Junges schönes kluges Mädchen dancing with herself:
beckah:): <3 my geek glasses!, 8. September 2011.

Adele, Adele

Schon die Eingangsfrage ist eine des Alters: Erkennen Sie Adele (sprich nicht: „A-dé-le“ wie die fränkische Abschiedsformel, sondern ungefähr: „Erdäll“), wenn sie wie immer unangesagt im Radio kommt? Denn welcher Bürger einer Industrienation unter 30 hört heute noch allen Ernstes Radio? Oder andersrum: Wann bitte soll einer der Musik kleiner Mädchen hinterherforschen, solange er noch nicht mal die kompletten Gambenkonzerte von Telemann aufgeholt hat?

Adele.tvNachrichten über das Fräulein Adele erreichen mich über die Zeitung – jawohl, Print – und besagen, dass sie erstens soeben einen ganzen Armvoll Grammys – sechs an der Zahl – gewonnen hat, also richtig gut sein muss, und diesen Höhepunkt ihrer jungen Karriere zweitens zum Anlass nimmt, aufzuhören. Sie sei dann mal für vier, fünf Jahre weg.

Recht so, denkt mein innerer alter Sack, würd ich auch. 23 ist das Kindchen, in dem Alter hab ich noch keine so tollen Lieder geschrieben. Warum soll sie sich da nicht erklärtermaßen zur Aufzucht von Kindern und Gemüse zurückziehen, solange ihr Derzeitiger (37) noch keinen erektilen Dysfunktionen unterliegt und sie sich ihre selbstgezogenen Radieschen noch von oben anschauen kann? Endlich erlebe ich auch mal, wie man auf erfolgreiche Prominenzen neidisch sein kann: wenn sie sich mit etwas Erreichtem zufrieden geben, statt noch ein Auftragsgeträller für einen charakterfreien Disneyfilm abzuliefern, an dem das Marketing eifriger herumgestopselt hat als die Drehbuchabteilung.

Wie, ich bin ja bloß neidisch? Ja, schon, hab ich ja gerade gesagt. Was uns zur zweiten Altersfrage trägt: Auch ich hatte mal Jugendträume. Und vermutlich waren es so ähnliche wie die von Patrick Süskind, der als Schulbub ein einziges Buch zu schreiben plante, von dem er dann ein Leben lang zehren kann. Bei mir ist nichts draus geworden, weil er Das Parfüm dann schon selber geschrieben hat, sogar den charakterfreien Film dazu gibt’s schon lange als ermäßigte DVD.

Albrecht Dürer, Selbstbildnis im Pelzrock, 1500Altersfrage 3: Kaum verabschiedet, bereitet Adele ihr Comeback vor. Wahrscheinlich noch im selben Interview, keine Zeit zu verlieren, wie solche Twitterkinder halt so sind. Ihre „Auszeit“ gedenke sie mit dem Schreiben eines neuen, möglichst optimistischen Albums zu verbringen – also außer dem üblichen anstehenden „sich wahnsinnig auf das Baby freuen“ und „Erfüllung im eigenen Garten finden“ jetzt – weil sie nicht länger „als verbitterte Hexe“ auftreten will (zur Erinnerung: Sie ist 23. Siehe auch: Bunte und Landlust, Jahrgänge ab ca. März 2012).

Das Optimistischste an Fräulein Adeles mittelfristiger Lebensplanung finde ich heute schon die Unterstellung, dass in fünf Jahren die Musikeinheiten immer noch in Alben gerechnet werden, und dass bis dahin noch jemand weiß, wer mal die Adeledings war, ohne das sie – Mazeltov – den Weg der Whitney Houston gegangen wäre. Das macht mich ausnahmsweise moderner, um nicht zu sagen: jünger als sie. Der Unterschied ist: Sie kann sich das leisten, weil ich nicht von Tantiemen meiner fünf Jahre alten Textarbeiten leben kann. Glauben Sie mir, ich hab’s versucht, aber heiß ich Süskind?

Altersfrage 4: Ein paar Seiten weiter im Kulturteil geht’s nochmal um die Verbreitung von Kunstwerken. Überschrift: „Nicht mehr transportfähig“. Aber damit meinen sie schon nicht mehr Adele, sondern Albrecht Dürer.

Bilder: Adele im Luminaire in Kilburn, London, 2007;
Albrecht Dürer: Selbstbildnis im Pelzrock, 1500.

Happy Hallohochzeitsween, Part 11

Update zu Hochzeitstag (’cause There’s Nothing Else to Do) #10:

Heute war bei Tisch von den Frauen die Rede, und Goethe äußerte sich darüber sehr schön. »Die Frauen, sagte er, sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren, oder in mir entstanden, Gott weiß wie. Meine dargestellten Frauen-Charaktere sind daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind.«

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 2. Theil (1836), , Mittwoch, den 22. Oktober 1828, cit. n. Deutscher Klassiker Verlag.

Frauen sind gefährlich! Sie sind oft intelligenter als du glaubst!

„Na, Wölfchen? Wieder feministische Inhalte ausbreiten, um dich für den Hochzeitstag einzuschleimen?“

„Seit wann erachtest du Goethen als feministisch?“

„Dein Eckermann ist gar kein richtiger Goethe.“

Und die Lustigen Taschenbücher sind keine richtigen Entenhausener Berichte.

„Is recht, Wolf. Ich such dann schon mal meine blauen und grünen Nagellackflaschen raus. Wir treffen uns in einer Stunde am Küchentisch, wenn meine Zehen getrocknet sind.“

„Meine liebste Frau, Partnerin und Gespielin. Ich liebe dich, wenn du dich so um deine schönsten Teile kümmerst.“

„Meine Zehen?“

„Und mich.“

„Pff. Sonst nicht?“

„Aber doch. Ich lieb dich. Ewig. Ganz feste.“

„Das wollen wir in einer Stunde doch mal sehen. Und bis dahin rasier dich bitte.“

„Du auch.“

„Du bist ein alter Saubär.“

„Rwarrrrr.“

My body’s broken, yours is bent: Placebo: Every You, Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1998.

Langenscheidt Deutsch—Mutter/Mutter—Deutsch

Update zu 60 + 2.0 und Mutter, du hier?:

Teil 1: Deutsch—Mutter.

Abitur: nichts lernen, bloß auf die Schule gehen.

studieren: in die Schule gehen, bis man dreißig ist.

BWL: Geld machen.

Zahnmedizin: was aus sich machen.

Geisteswissenschaften: Lesen und Schreiben.

Germanistik: unfallfrei ein Buch lesen können.

den Sinn des Lebens suchen: schauen, wie der Club gespielt hat.

Studentenwohnung: Haschisch fressen; einen Bart wachsen lassen; feste bumsen.

Auslandssemester: in der Weltgeschichte herumhupfen.

vorlesungsfreie Zeit: Ferien; Mucken auf die Schwänze hauen; monatelang den ganzen Tag das Maul ans Tischbein hauen.

BAföG: meine Steuern.

Studiengebühren: in Hartz IV einzahlen.

Magister Artium; Diplom: doch mal endlich fertig; zu alt für die Schule geworden.

Werbetexter: Reklamekasper.

Praktikum: immer noch kein Job.

freie Mitarbeit: keine Arbeit.

fester Freelancer: keine Arbeit.

Auftrag: keine Arbeit.

selbstständig: arbeitslos.

Arbeit finden: nirgends anders genommen werden.

promovieren: doch lieber weiter auf die Schule gehen.

selbstständig, fünfzehn Jahre lang: bis heute nie irgendwo eingestellt.

eigene Firma: noch nie eine Arbeit gehabt.

eigene Firma, zehn Jahre lang: auch nichts geworden.

Geschäftsidee: Strohfeuer; der nächste Hirnfurz.

Freundin: weißt schon, die da.

Freundin, erste: die Schnalle damals.

Freundin, zweite: die mit dem Gesicht.

Freundin, dritte: der geschminkte Fratz, hast du noch was mit der?

Ehefrau: die, weißt schon.

Beruf: was mit Computer.

Computer: was man da heute immer hat.

iPad: sowas Neues.

Internet: im Computer drin; gar nicht da.

Facebook: im Internetz drin.

Statusmeldung: dein Rumgekasper den ganzen Tag.

Blog: dein Geschmarre zu nachtschlafender Zeit.

Twitter: dem Willi seinem Buben sein Geschmarre zu allen Tag- und Nachtzeiten.

Google: vielleicht nächstes Jahr ein neues Sofa.

Website: von was dem Willi sein Enkel jetzt schon wahrscheinlich bald keinen Finger mehr rühren braucht.

Posteingang: Pimmelreklame.

Postausgang: anders bist ja du nicht zu erreichen.

neue Rechtschreibung: wie man will.

YouTube: Reklame.

Musikvideo: was früher dauernd aus deinem Zimmer rausgedröhnt ist.

Musik: Neger-Hau-Hau.

klassische Musik: das schwere Gegeige (instrumental); das Mozartgeschrei (vokal).

volkstümliche Musik: Musik.

Radio: die Urwaldaffen aus Amerika.

Bayern 1: Radio.

Eigentumswohnung: hinausgekündigt.

Wohneigentum: Schulden bis ins Grab.

Eigentumsbildung: in der Bruchbude hausen.

Rente: endlich daheimbleiben; zuwenig rauskriegen.

Wochenende: in die Fränkische fahren.

sich betrinken: ein Seidlein kaufen.

sich regelmäßig betrinken: endlich was davon haben.

Politik: keine Mannsbilder mehr.

Bier: Brot.

Schnaps: Nachspeise.

Wein: kein Bier mehr.

Champagner: der Teure vom Aldi.

Essen: Schäuferle mit Knödel.

Essen, vegetarisches: Vogelfutter.

mit Salat: vegetarisch.

Schäuferle mit Knödel: was Gescheites zu essen.

Gicht: Strafe Gottes.

Kinderzimmer, ehemaliges: Wurstkonservenkammerl.

fernsehen: (s.o.: den Sinn des Lebens suchen).

Privatfernsehen: Busenradau.

ZDF: Fernsehen.

Altersdemenz: nicht mehr so können wie vor vierzig Jahren.

Altersstarrsinn: Meinung; Wahrheit.

Nordic Walking: jetzt auch immer zwei so Stecken mitnehmen.

nächste Woche: wenn wir mal nicht mehr sind.

Rufnummer unbekannt: deine Mutter.

Nächste Woche (eventuell): Teil 2: Mutter—Deutsch.

Mutter, du hier?

Update zu 60+2:

Mal nachrechnen: Die Digital Ist Besser, eine der verdienstreichsten und auf entwaffnende Weise besten Platten deutscher Provenienz, selbst wenn man dem Musikexpress nicht jede auf einem Bierfilz zusammengestoppelte Liste glauben mag, ist von 1995. Auch schon wieder gleich 15 Jahre alt.

Vor 15 Jahren hat da jemand genölt und gejammert, und wir fanden es schaurig schön: „Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung Sein“; das Demo geht sogar schon hart auf die 16.

Wenn wir annehmen, dass ein zorniger junger Mensch 1995 etwa 15-jährig in der finanziellen und seelischen Verfassung war, sich die erste CD von Tocotronic anzuschaffen, wäre er heute im besten Alter, eigene Ableger zu treiben. Die sind heute irgendwas zwischen 2 (Akademikereltern) und 12 (bildungsferne Kindergeldjäger) und feste im Internet unterwegs — und singen das Lied von der digitalen Abnabelung: My Mom’s On Facebook.

Ein oft erlebtes Weihnachtsphänomen: Mama ante portas. Dieser Frühwarnservice kostet Sie nichts und ist umsonst.

Ist Frust bei der Kundenakquise der Grund für die Flucht ins Netz?

Blaetterdachflaucherhell

Die Frage hat es in sich.

Die Akquise-Flucht in das vermutet  anonymere und in das vermutet  weniger anstrengende, reine, herrlich klare Internet halte ich für ein starkes Motiv vieler, die im Internet ein Geschäft aufmachen wollen.  Der Traum vom Perpetuum Mobile, von dem Ding, das von alleine vollautomatisch Geld verdient und kein Personal braucht! Wunderschön deutlich scheinende Trackingzahlen! Alles läuft anscheinend von alleine, das Serverchen brummt, das wiegt in Sicherheit. Auch in Sicherheit vor lästigen Kunden?

Habe ich von Auftraggebern schon gehört, die sich scheuen, ins Getümmel des Lebens zu
gehen, dass "man keine Lust mehr habe", sich im echten Leben mit
Klingelputzen und anstrengender ungewisser Real-Akquise, quengelnden Interessenten menschlich
herumzuplagen. Real-Akquise wird als menschliche Plage empfunden.
Dauernd akquirieren zu müssen wird zudem noch als hoher Kostenfaktor, id
est: unwirtschaftlich betrachtet.  Reine Finanzleute unter meinen Kunden
sehen das oft so.

Internet-Shop aufmachen, die Leute sollen dich
da das Produkt kaufen oder downloaden, kein Rumdiskutieren wie im Laden
und Tschüss… :-))

Die Frage ist:
Ist es ein sehr kluges Motiv?
Und
muss man nicht auch im Netz als Shopbetreiber freundlich und geduldig auf Kundenfragen
antworten, sich um Zulauf und Akquise kümmern. Die alte unsinnige
Faul-Idee: Zielgruppe sei, wer sich – ausversehen?- in den E-Shop
verläuft, ist ebenfalls nicht auszurotten: 1. Hauptirrtum.  Nur so ganz nebenbei.

Das Motiv ist nicht klug, aber es ist da 
ich weiß es, ich höre es oft.

Doch das Netz ist nicht minder
anstrengend als am Verkaufstresen zu diskutieren oder als Kaltanrufe zu machen.
Nur anders anstrengend, anders expensiv (Kosten jetzt). Internet, das gut läuft,  kost'
net nix. 2. Hauptirrtum vieler hoffnungsvoller Aspiranten.

Wer da
Erfolg haben will, muss sehr wohl investieren nicht zu knapp. Mit
seinen Kunden reden, verhandeln und kann sich nicht als hohler Avatar zurückziehen.
Märkte sind Gespräche (Cluetrain), gerade im Netz. Und keine von allein sprechenden Plakate. Gerade da, wo der
Wettbewerb dicht wird. Wer Gespräche als anstrengend empfindet, wird
auch im Netz nix reißen.

Ein akquirieren müssendes Unternehmen (und das sind 99%) muss sich gar
nicht überlegen, wo es denn besser aufgestellt wäre, was denn strategisch
mehr Sinn gäbe. Oft gibt es die Frage, was ist besser gar nicht: Man muss beides machen. Weil die Menschen, ob jung oderälter mittlerweile sich beide in beiden Welten bewegen.  Cross eben.  Für den der Cross für Schoko-Chips hält
:- ): Marketing/Akquise-Mix Offline und online. Der Mix bringt am meisten.

Like the Naked Leads the Blind

Update zu Every You Every Me:

Cover Placebo, Without You I'm Nothing, 1998Sucker love is heaven sent,
You pucker up, our passion’s spent.
My heart’s a tart, your body’s rent,
My body’s broken, yours is bent.

Carve your name into my arm,
Instead of stressed, I lie here charmed.
Cuz there’s nothing else to do,
Every me and every you.

Placebo: Every You Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1998.

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

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