Ende der Allee

Fassen wir also endlich zusammen: Das Gedicht von Eugen Gomringer geht:

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Auch wenn man für das absichtsvoll schlichte Spanisch mit dem kleinen Latinum auskommt, gibt die deutsche Übersetzung anzuführen besonders viel Sinn, weil Gomringer als bolivianisch-schweizerischer Dichter geführt wird, aber ab 1954 die Konkrete Poesie mitbegründet hat, die sich wesentlich im deutschen Sprachraum — ja, auch in anderssprachigen — äußerte. Avenidas fällt formal und historisch unter die Vorformen der Konkreten Poesie und vermittelt als solche außer einer visuellen Konstellation einen — offensichtlich anfechtbaren — Inhalt und stammt von 1952; gesammelt erschienen ist es 1953 in konstellationen bei der Berner spiral press.

Nun hat sich die glücklose Berliner Alice Salomon Hochschule seit 2011 dazu entschieden, das Produkt eines von ihr selbst ausgezeichneten Dichters öffentlich auszustellen, in dem implizit die Schönheit von Frauen mit der Schönheit von Blumen gleichgesetzt wird. Meinungsstarke und diskussionsfreudige Kräfte haben das missbilligt, weil sie es in gesellschaftsschädigender Weise unzulässig finden, Frauen mit Pflanzen gleichzusetzen.

Da haben sie recht. Das gleiche finde ich auch, das findet bestimmt sogar Eugen Gomringer. Inzwischen haben alle Berufenen und Unberufenen ihre Argumente dafür und dagegen ausgetauscht, das Gedicht an seiner öffentlichen Stelle zu überpinseln. Recht behalten haben die Handwerker, die empfohlen haben, dass die Hauswand 2018 sowieso renoviert gehört. Das hätte nicht einmal dann mit Zensur zu tun, wenn die fragliche Hochschule nicht entschieden hätte, die Preisträger an ihrer Hauswand fortan regelmäßig durchzuwechseln. Nichts mit Zensur, umso mehr mit Hausrecht: Wenn ich schon dafür zuständig bin, die Renovierung zu bezahlen, werde ich wohl an meine Hauswand schreiben dürfen, wozu ich lustig bin; ich selbst liebäugele mit Alle Wässerlein fließen von Friedrich Rückert 1834 oder irgendwas von Gernhardt, wie jeder andere anständige, fühlende Mensch auch.

Mein Hausrecht stieße dann an seine Grenzen, wenn ich jemanden mit meiner Gedichtauswahl beleidigte, zum Beispiel bestehende Gesetze oder irgendwelche meinungsstarken und diskussionsfreudigen Kräfte, die nichts mit Gedichten anfangen können. Weil ich ein guter Nachbar wäre, würde ich freiwillig zusätzlich darauf achten, was ich meinen Mitgeschöpfen zumuten wollte, und nähme von Sachen, die sich gerade nochmal so innerhalb legaler oder Geschmacksgrenzen bewegen, Abstand. Je nach dem Zustand meiner Hauswand fände ich es dann wie die Alice Salomon Hochschule (die ihrerseits offenbar nichts mit Bindestrichen anfangen kann), meine Hütte neu zu streichen, oder eben: mich zu freuen, dass zum ersten Mal nach wie vielen hundert Jahren die schöne Orchidee der Gedichtinterpretation gesellschaftliche Relevanz erhält.

Normalerweise kommen jetzt nämlich welche und sagen: Ach komm, ist doch bloß ein Gedicht. Das war die letzten paar Unterepochen des gesamten Kapitalismus so, und da schau mal her, wie wichtig auf einmal ein 65 Jahre altes Gedicht aus 8 extrakurzen Versen sein kann.

Gedichte, die kann man nämlich, liebe Kinder in und außerhalb Berlin, so oder so sehen. Eure eigene Auslegung, liebe Kinder, ist zulässig. Sie ist aber nicht die weltweit einzige zulässige, sondern eine von über ungefähr acht Milliarden möglichen, allesamt zulässigen Auslegungen. Auch wenn euch die Zahl gerade etwas mutig angesetzt erscheint, versteht ihr vielleicht so, was ich meine. Nicht jede von den acht Milliarden ist nämlich auch sinnvoll, liebe Kinder. Da muss man schon auch vorher schauen, was in dem Gedicht drinsteht, wer es gechrieben hat, wann, unter welchen äußeren Umständen und warum. Das hat euch euer Deutschlehrer doch bis zum Überdruss gefragt, was uns der Autor damit sagen will, stimmt’s? Und der hat euch auch beigebracht, dass es keine Interpretation gibt, die gegen eine andere gewinnen oder verlieren kann, außer sie ist so strunzdoof, dass sie überhaupt keine Interpretation sein kann. Und damit will ich nichts gegen eure Auslegung gesagt haben, denn ich finde, dass sie ihre Qualitäten hat. Ihre political correctness, die ihr gerne geltend macht, zählt nicht dazu.

Seid sicher: Eugen Gomringer wollte uns damals, 1952, bestimmt nicht sagen, dass man Weiber ausrupfen sollte wie Gemüse, er wollte auch keine Frauen herabsetzen, und er wollte ganz sicher nicht zu Gedankenlosigkeit und Nachlässigkeit im menschlichen Umgang aufrufen. Glaubt es ruhig: Der alte Onkel Gomringer (Jahrgang 1925) wollte eher das Gegenteil und steht bis heute auf eurer Seite. Da dürft ihr gern nachschauen unter werkimmanenter Interpretation, Sprechabsicht und solchen Sachen. Man schrieb nämlich, wie gesagt, 1952, als Eugen Gomringer zwei Jahre vor seinem Manifest zur Konkreten Poesie stand, die erstens einen Heidenspaß macht und zweitens zur Achtsamkeit gegenüber Sprache und Personen anhält, und als man anderwärts Sätze mitlesen musste wie “Er (irgendein Playboy, Filmstar oder Prinz) liebt rassige Pferde, schnelle Autos und schöne Frauen”.

Letzteren Satz hab ich aus der Titanic— keine Angst, nicht aus dem provokanten Teil, wo sie frauenfeindliche Reden führen und chauvinistische Pimmelwitzchen reißen, um klar zu machen, was Satire alles darf, aber nicht sollte — sondern von einem der Schreiber, denen man zuerst mal glauben darf: Stefan Gärtner in Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Die Blumen des Bösen, Titanic, 28. Januar 2018, wo er ihn von Luise F. Pusch überliefert, die ihn übrigens schon am 17. September 2017 in die Diskussion eingebracht hätte:

Dazu würde mir ja nun einfallen, daß schlechthin jeder Blick etwas zum Objekt macht (des Blickes nämlich) und ein Liebesgedicht oder ein einschlägiger Popsong ohne ein (und sei’s verhohlenes) Objekt der Sehnsucht gar nicht auskommen. (Sarah Kirsch: “Immer wollen dich meine Augen“.) Zweitens lassen sich die Reihen Pferde – Autos – Frauen und Straßen – Blumen – Frauen nicht gleichsetzen, wie ein Illustriertenartikel (Achtung, Textsorte!) nun einmal kein Gedicht ist, welches dazu neigt, eine Sinnebene mehr zu haben: Wenn es eine Chiffre für (männliche?) Sehnsucht gibt, dann ist es die Straße, und wenn es an dieser Straße Blumen (Schönheit) hat, sind wir eher bei Eichendorff als bei Weinstein. Dann Auftritt der Frauen, die sowenig “Blume”“ sein müssen wie, um in Puschs Analogie zu bleiben, Autos: Es gibt auf und an der Straße Blumen und Frauen, wie es Autos und Frauen gibt.

Ich sag’s bloß, weil’s ja im Heideröslein, das seit Aberjahrhunderten arglosen Schulkindern beigebracht wird, unverhohlen um eine Vergewaltigung geht. Aber erstens ist die offizielle Lehrversion von Goethe selber nur geklaut und zweitens gewinnt die Rose. Und mein Vater, immerhin zehn Jahre jünger als Eugen Gomringer, meint, dass solche, die über Gedichte reden, bloß den Sauerstoff aufbrauchen, und solche, die das Sagen haben, über alles mögliche reden außer über Gedichte.

Sie sollten, liebe Kinder, sie sollten.

Eine Lanze für Destiny Hope Cyrus

“Fan” wäre jetzt übertrieben — aber dann ist mir doch etwas aufgefallen, bei dem man kurz schluckt: Man suche die Backyard Sessions von Miley Cyrus auf: Die Stimme ist geboostet, aber ihr übliches “Wäh, ich bin so ein böses Mädchen”-Gehabe hat die gar nicht nötig:

Die englische Wikipedia führt Frau Destiny Hope Cyrus als “vocal, guitar, piano”, dabei ist der Fratz gerade 25 geworden. Außerdem ist sie aus Nashville als Tochter eines praktizierenden Countrymusikers gebürtig — und weil ihre gute Fee zum Quartalsende alle guten Gaben loswerden musste, die Patentochter von Dolly Parton.

Auf der Brennsuppe dahergeschwommen sieht anders aus, die junge Destiny Hope war zum Berühmtwerden geboren. Daddy heißt Billy Ray Cyrus, ist im Geburtsjahr seiner nachmals berüchtigten Tocher 1992 mit dem mittelwichtigen Evergreen Achy Breaky Heart (dt.: “Ächzi Brechzi Herz”) hervorgetreten und konnte demütigende Frisuren fast noch würdevoller tragen als die Familienfreundin Dolly Parton:

Von den DVDs zum ersten Berühmtwerdeschubs der jungen Cyrus Hannah Montana hat mich ein einzelner Youtube-Kommentar gerade noch so abgehalten: “Ich bin schon 12 und schaue immer noch Hannamonata lollol gggggg” oder so ähnlich. So verunzierten die 4 bestehenden Staffeln etwa 2 Stunden lang meine Amazon-Wunschliste; auf die nächsten automatischen Empfehlungen freu ich mich schon. Im weiteren Verlauf musste Jung-Miley, um noch berühmter zu werden, in Autotune-Orgien wie BB Talk (nein, das ist mir jetzt doch zu beschallert zum Einbetten) oder das 2013er Skandalon Wrecking Ball (nein, das ist mir zu bekannt zum Einbetten) geschubst werden. Für die darstellende Künstlerin spricht, dass sie sich schon 2017 für solches Zeug schämt. Eine rasante Entwicklung.

Die neuere Kritik bescheinigt inzwischen dem “Wrecking Ball”-Quatsch einige Substanz, das neuere Malibu strotzt immer noch vor Autotune-Kapriolen, hat aber eine richtig komponierte Melodie mit mehr als einer Idee in einer nervensehrenden Basslinie:

Man fängt am Ende noch an, Miley Cyrus zu mögen, vielleicht eine Art Adventsirresein. Meinen Desktophintergrund tausch ich bestimmt bald wieder aus, insgesamt aber schauen wir in zehn, zwanzig Jahren nochmal nach, ob sie bis dahin endlich wie Tante Dolly ihre selbergeschriebenen Lagerfeuerklopfer auf dem Barhocker zur Klampfe vorträgt. Scrollen wir nochmal hinauf zur Playlist mit den Backyard Sessions aus 14 Liedern von 2012 und 2015 und stellen fest: Holla, da ist sie ja, die Substanz. Das wird mal ein schöner Alt.

Als Vorschuss auf diese Zeit ein Bonus Track mit echter Singstimme aus ihrer Phase als Hannah Montana:

Hasta la Windows 10, baby

Kulturhistoriker behaupten, manche Computer laufen heute — wir schreiben 2017 — noch mit Windows Vista. Allzu viele können es nicht mehr sein, wenn selbst ich seit vorgestern Windows 10 hab.

Eine einfache Geburt war das nicht, fragen Sie die angetraute IT. Es hat zwei Tage gedauert, die dem Gegenwert von etwa fünf Arbeitstagen entsprechen, das erzähl ich jetzt nicht schrittweise nach, weil Sie ja heute noch ins Wochenend wollen. Als konstruktiven Tipp kann ich aber sagen: Man muss Vista zuerst mit Windows 7 überschreiben, kurz wirken lassen (vulgo neustarten) und dann das Windows 7 mit Windows 10 überschreiben. Klingt komisch, ist aber einfacher als jeder andere Versuch. Draufkommen muss man halt, aller Dank und Anerkennung gehen an die IT und nicht an mich, der ich schon am ersten Tag das widerspenstige Waffeleisen (Acer, ca. 2010) zu einem freundlichen Hacker in der Bahnhofsgegend getragen hätte.

Wiederherstellungspunkt nicht vergessen, dann sieht der Computer nicht mehr aus wie ein eselsohriger Regionalkrimi aus dem “Zu verschenken!!!”-Karton, sondern wie die ersten Zuckungen eines Filmvorspanns.

Ist eigentlich schon raus, was nach Windows 10 kommt?

Friedensengel, Portrait

Buidl: Friedensengel, Prinzregent-Luitpold-Terrasse Bogenhausen, 12. Juli 2017.

Soundtrack: Buena Vista Social Club: Lost and Found, 2015:

Bürgerliches Trauerspiel

Der junge Baron bringt’s mit einem Wischer hinaus, das muß ich wissen, und alles Wetter kommt über den Geiger.

Stadtmusikus Miller, Kabale und Liebe, I,1, 1784.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass Kunst nichts mehr wert ist? Da kann man weit zurückschauen: Mehr Mammutfilet als für die abgebildeten Tätigkeiten des Jagens und Abschlachtens ist für Konzeption und Ausführung der Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux auch nicht rausgesprungen.

Offen feindselig wurde gegen Kunstschaffende erst mit der abendländischen Aufklärung vorgegangen, als sich volks- und betriebswirtschaftlich nachweisen ließ, dass Schamanen eigentlich nur den Arbeitenden das Zeug wegkiffen und Kinder mehr Ideen haben als bezahlte Künstler. Diese Epoche wird derzeit noch perfektioniert.

Beim nächtlichen Studium von YouTube wird das besonders augenfällig, wenn man die Live-Aufnahmen klassischer Musik vergleicht: Bis tief in die 1970-er Jahre bestanden Orchester aus bierbäuchigen Familienvätern mit Hornbrillen, die auf ein ernstzunehmendes Monatsgehalt angewiesen sind, ganz wie der Schiller’sche ehrwürdige Stadtmusikus Miller (Cello). Danach sehen Orchester zunehmend aus wie fernöstliche Mädchenschulklassen.

Dass japanische Schulmädchen Musik machen dürfen, ist an sich noch nicht feindseilig; auf den ersten Blick ist es sogar schön vom Herrn Intendanten, überhaupt welche einzustellen. Es fällt nur auf, dass seit dem Einbruch der Billiglohngeschlechter in die Arbeitswelt die Arbeit nur mehr aus Gewohnheit und zur Eindämmung des Arme-Leute-Gemosers symbolisch bezahlt wird, wenn nicht gar vollends ausgeht. Da rede ich nicht allein vom Kunstschaffen, da macht es nur mehr Spaß hinzuschauen.

Ist es Zufall, dass der Preis für Tonträger mit klassischer Musik im gleichen Zeitraum in bestürzender Weise verfallen ist? Auch das ist für uns Musikverbraucher zuerst einmal schön. Oder ein Schlag ins Gesicht für jeden, der sich einst den Hunderter für die Matthäus-Passion unter John Eliot Gardiner monatelang vom Munde abgespart hat: Die gibt’s nämlich heute als Dreingabe für CD-Boxen, auf denen netto eine Woche der erlesensten Jahrhundertaufnahmen zusammengepackt ruht, um auf Amazon noch einen letzten Zwanziger einzutragen und dann nie wieder angehört zu werden.

Der Eintritt für Live-Konzerte kostet ungebrochen die ein, zwei Hunderter wie in den alten Zeiten, als in einem bürgerlichen Mittelstand in auskömmlichen Mengen Geld verbreitet war. Nun geht weder ein Bürger noch einer, der sich dergleichen leisten kann, in ein klassisches Konzert, da sind zwei- bis vierhundert Öcken schnell weg, und da ist noch nicht mal der Sekt in der Pause mit drin. Für vierhundert kann einer allerdings die verbliebene Klassik-Abteilung vom Müller aufkaufen, jedenfalls die relevanten CDs. Und von denen hat er länger als zwei Stunden was.

Ist doch gut? Ja, zuerst schon — für eine Gesellschaft, denen Kunst nicht einfach nur nichts wert ist, sondern die seit einigen Jahrhunderten gegen ihre Geistesarbeiter vorgeht: durch Aushungern, Verunglimpfen, Ausgrenzen — ein politisch gewünschtes, funktionierendes Mobbing. Eine Gesellschaft, die sich den eigenen Kopf absägt.

Zu den Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux wird immer betont, aus welch hochstehender Zivilisation sie nur entstehen konnten. Wenn uns das heute wieder reicht — okay. Jedenfalls hört man von den Leuten aus der Jungsteinzeit weniger Klagen als von den um ihr Leben geigenden Familienvätern und den immer verzweifelt ratlos wirkenden Schulmädchen im YouTube-Orchester. Und in dem gibt’s die Jahrhundertaufnahmen gratis, hurra, zum gleichen Preis wie im Paläolithikum, als die Schamanen legal kiffen und dabei mit den Honoratioren am selben Höhlenbärenfell sitzen durften.

Kann man schon machen. Muss man halt wollen.

Soundtracks: Beethoven: Fünfte, einmal unter Otto Klemperer 1970, einmal unter Chung Myung-Whun 2013:

To all those who have lived and died alone

Update zu Fuck Yes:

Es ergeht Empfehlung für ein einzelnes Lied; vielleicht hilft das gegen den mittlerweile wochenlangen Ohrwurm.

Wie viele Jahrzehnte hab ich jetzt geglaubt, in Wirklichkeit stünde ich auf die baumlange, blasse, burschikose Rothaarige mit Brille, Birkenstockmodell Gizeh und Knabenbrüstchen, die sich kaum aus dem Eck traut, um ihr Augustiner aufzufüllen, und keinen findet, mit dem sie ihr Promotionsthema diskutieren kann, und die ganzen heißblütigen Südgewächse sind bestimmt auch ganz wunderbare Menschen, aber weiter kein Grund, nervös zu werden.

Nach Naturereignissen wie Salma Hayek, Penelope Cruz und jetzt auch noch Lindi Ortega wollte ich vorsichtshalber nochmal nachdenken. Mit dem Ergebnis: Ach so, Kanadierin. Na dann.

Das Video zu ihrem Lived and Died Alone aus Tin Star von 2013 spielt explizit auf der anderen Seite der USA, inmitten mexikanischer Kultur der Trauerbewältigung; es geht nämlich von vorne bis hinten ums Sterben, schlimmer noch: Störung der Totenruhe, wenn nicht gar Nekrophilie. Jedenfalls ist alles denkbar morbid und gerade deswegen besonders tröstlich. Das ist kein Widerspruch, sondern Schwarze Romantik, und funktioniert innerhalb christlicher Kulturen in seiner modernen Form etwa seit 1780.

Außer als Kanadierin versteht Frau Ortega sich als Country-Musikerin, was die engelschöne, komplexe Melodie erklärt. Und dann den Text, ach den Text.

Man versteht Frau Ortega recht gut, Kanadier können von Geburt an mit Mehrsprachigkeit umgehen. Und der Wortschatz bleibt kunstvoll schlicht, allerdings in thematisch ungewohnten Zusammenhängen, die sich keinem Normaldeutschen so selbstverständlich ins Ohr nisten, dass er ohne ein Minimum an Eigenleistung jederzeit mitsingen könnte. Der Text ist online gut auffindbar, aber an allen bisherigen Stellen, die wahrscheinlich eine von der anderen abkopiert sind, in falscher Versaufteilung. Als Mehrwert bringe ich daher erst das Video und dann den Text in merkfähiger, weil lyrisch korrekter Typographie. Falls das Video youtube-typisch verschwindet, lohnt sich jeder Suchaufwand, versprochen; es reicht sowieso nie, es nur einmal laufen zu lassen.

Lifehack 1: Gegen Ohrwürmer hilft auch, die Pippi Langstrumpf zu singen, die überdeckt alles andere.

——— Lindi Ortega:

Lived and Died Alone

from: Tin Star, Last Gang Records, October 8th, 2013:

Love never came easily to me,
there were no fish swimming in my sea.
I resided myself to the fact
that I would always love
never to be loved back.
But that’s okay,
I know some day —

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I guess I thought it couldn’t really hurt
to search for sweethearts underneath the dirt.
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
to be with me
in the Dead Sea.

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

(Solo.)

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed.
I will fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I’d been a girl and one dream frequented my late afternoons

Girl
where did you stay so long
Girl
where did you stay so long
I feel strong
the answer she gave
simply was
I’ll show you where the lilies grow

Die gute Nachricht ist: Sibylle Baier sitzt an einem zweiten Studioalbum. Dem zweiten seit 1973.

Keine Schande, das erste nicht zu kennen. Es hieß Colour Green und wurde von der Künstlerin höchstselbst im Alleingang spätnachts in ihrem Wohnzimmer mit einem Kassettenrekorder und einer beneidenswert gut gestimmten Wanderklampfe aufgenommen. Das war zwischen 1970 und 1973.

Sibylle Baier und Sohn Robby, sibyllebaier.comIn diesen drei Jahren hat Frau Baier 14 Lieder eingespielt, die zusammen nicht ganz 37 Minuten dauern. Im weiteren Verlauf ist sie nach Amerika ausgewandert, hat Kinder aufgezogen und getan, was man so tut im Leben — zum Beispiel einmal für Jochen Richter den Soundtrack geschrieben und einmal für Wim Wenders mitgespielt. Viel mehr weiß man nicht über sie. Offenbar legt sie keinen gesteigerten Wert auf großen Rummel um ihre Person. Eine amerikanische Hausfrau, die als junges Mädchen in Deutschland mal ein paar selbstgeschriebene Liedchen gezupft hat, wird nicht gerade dauerhaft von Paprazzi umlagert, und wozu auch?

Ungefähr 2003 war ihr Sohn Robby schon groß und seinerseits Musiker und konnte aus Mamas alten Kassetten eine CD zusammenbrennen. Wie dieselbe an J Mascis von den Dinosaur Jr geriet, fällt schon unter die feineren Verästelungen im Unterholz des Musikgeschehens. Jedenfalls kam die CD von den Dinosaur Jr ans Label Orange Twin Records und war ab 2006 eine Zeitlang verkäuflich. Amazon.de weiß noch davon, und der wohlgeratene Robby pflegt ihr bis heute die Website.

Anscheinend hat die junge Frau Baier um 1970 viel Pink Floyd gehört, inhaltlich erinnern ihre Lieder stark an die Zeit zwischen Syd Barrett und der Dark Side of the Moon. Die Gitarrenarbeit ist ordentliches Lagerfeuerniveau. Jedes Jahr Warten seit 1973 und jeden Cent wert ist aber ihre Stimme: ungefähr Nico Päffgen, ebenfalls Exildeutsche, von den Velvet Underground, jedenfalls genauso unbeirrbar modulationsfrei. Aber schöner.

Und die schlechte Nachricht? Wer auf eine besteht, kann ja egal wohin anders surfen als zur Playlist von Colour Green, aber davon rate ich ab.

Wenigstens eine mittelgute: Wir müssen jetzt nicht alle gefrustet unsere im Gefolge von Janis Joplin und Hannes Wader vollgesungenen Kassetten vorschriftsmäßig im Plastikmüll entsorgen, es hat nämlich nicht gleich jeder Wim Wenders zum Freund des Hauses. Soviel Trost muss uns unentdeckt Bleibenden reichen.

Bild: Sibylle und Robby Baier gegen 1973.

Die Top 2 Tipps für eine glückliche Ehe

Mehr ist da nicht, und mehr könnte sich sowieso kein Mensch merken. Die Formulierungen richten sich an Frauen, aber umgekehrt und in gleichgeschlechtlichen Beziehungen kann da kein großer Unterschied sein.

  1. Dein Mann ist auf deiner Seite.
  2. Auch der Versuch ist zu respektieren.

Oder was dachten Sie jetzt, worum es gehen kann? “Wie Sie Ihr Sexleben aufpeppen”? Es muss reichen, auf der Liste mit den Leuten zu stehen, für die Ihre Frau 112 anrufen würde, wenn Sie mal mit Herzklabaster im Eck liegen.

Soundtrack: John Prine & Iris DeMent: In Spite of Ourselves, live 1999, mit dem Zeug zum Lieblingslied. Der Beste ist der am Kontrabass:

(Für die Buchführug: Das war unser 800. Beitrag.)

Real Amateur Goes YouTube (Alright)

Nein, wir sind nicht mit dem Internet aufgewachsen, sondern das Internet mit uns.

Uns ist durchaus bewusst, dass heutige Kochtöpfe mit so leistungsfähigem WLAN kochen können, dass die Essensbilder sich praktisch von selbst auf Facebook veröffentlichen, aber als ich 1997 eine der ersten — die Älteren können mir noch folgen — Homepages auf Geocities aus handgeschriebenem HTML aufgebaut hab, bin ich sogar ohne animierte GIFs von tanzenden Tomaten mit Sonnenbrillen ausgekommen. Man nimmt dergleichen wahr, aber wozu ständig ein Mäusekino mit einer einzelnen Fingerkuppe putzen, wenn man eine Tastatur beherrscht?

Bis zu einem gewissen Alter ist das Schwimmen mit Hilfe von Schwimmflügeln okay, manch junger Mann, der neu in Deutschland ist, muss noch die wichtigsten Redewendungen wie “Große Brüste”, “Ich will dich küssen”, “Ich töte Sie” oder “Ich will ficken” mit der Übersetzung auf einem Merkzettel bei sich tragen, und wenn’s nicht mehr so gehen will mit dem Facebooken, hält sich mancher Angeschlagene nicht nur vorm WLAN, sondern auch vorm Kochtopf fern, weil sich der Herzschrittmacher nicht mit dem Induktionsherd verträgt. Das sind so Sachen, mit denen muss man halt umgehen lernen.

Wir bloggen ja sogar noch. Übrigens tun wir das, um uns ein- für allemal selbst zu loben, mit einer beispielhaften Pünktlichkeit, die es in Zeiten der weltumspannenden Echtzeit-Kommunikation gar nicht mehr gibt. Twittern ist nicht so unser Ding, weil, wer der Visual-Maske von WordPress misstraut und sein HTML bis heute auswendig von Hand eintippt, darüber hinaus Herr über einen gewissen hypotaktischen Satzbau bleiben will, 140 Anschläge vielleicht für die Überschrift veranschlagt, nicht aber für den gesamten Inhalt.

Damit sind wir nicht allein. Als ab 2005 in einer fruchtbaren Blogosphäre haufenweise Mama-Blogs erblühten und umgehend einer Lächerlichkeit anheimfielen, der sie wegen der folgenden Nichtbeachtung nie wieder entkamen, war ihr dokumentarischer Wert überhaupt noch nicht abzusehen. Angefangen wurden diese platzsparenden Schwangerschaftstagebücher und Baby-Fotoalben für einen fest umrissenen Verwandtenkreis der bloggenden Frauen und werdenden Mütter mit Kundgebungen darüber, “was da in meinem Bauch Wunderbares heranwächst”. Dokumentarisch wertvoll wird das Zeug beim erneuten Blick nach zehn Jahren, wenn das Wunderbare auf eine weiterführende Schule gewechselt hat.

Das Wunderbarste ist ja, dass solche Blogs überhaupt immer noch geführt werden, samt ständig aktuellem Bildmaterial und Hypotaxen. Deren mehr oder weniger wunderbarer Inhalt hält sich für Digital Native, weil er seitdem mit dem Internet aufwächst. Dort plant er seine zukünftige, reichlich zur Verfügung stehende Tagesfreizeit anhand Videobeispielen wie “i was bored lol” (Quelle: YouTube) und erforscht seine eigene Geschichte, bevor Mama Mama-Bloggerin wurde, anhand Videobeispielen wie “REAL Amateur German Hairy Milf Comes Hard Until She Screams And Squirts (20+ min.)” (Quelle: RedTube).

Nachdem in den Altersheimen der Umbau von Raucher- und Nichtraucher- auf Beatles- und Stones-Aufenthaltsräume abgeschlossen ist und gerade die striktere Trennung von Oasis- und Blur-Playlisten ansteht, bleibt den unverdrossenen Mama-Bloggerinnen genug Zeit, auf Oma-Blog umzustellen: Solange noch Bargeld in legalem Umlauf bleibt, gibt es keinen echten Grund, seine Tastatur für ein Ein-Finger-Telefon dranzugeben, und sie behalten die Kontrolle über ihre Fotos von veganen Mahlzeiten (ohne Gluten und Lactose) und wunderbaren Kindern (ohne ödipale Traumatisierungen).

Woran wiederum man endgültig erkennt, was für ein alter Sack ich bin: Facebook ist gar nicht mehr das soziale Natzwerk der coolen Wahl, sondern YouTube. Mir war ja nicht mal klar, dass die Kommentare dort von denkenden Menschen verfasst werden.

Soundtrack: The Who: The Kids Are Alright aus: My Generation, 1965.

Analyse, ach Analyse

Twitter-Profilbild Naina, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen.

Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.

Das hat am Samstag, den 10. Januar 2015 Naina aus Köln getwittert, was einem egal sein könnte, wenn es nicht so viele andere interessieren würde — und wenn sie nicht so recht hätte und gleichzeitig unrecht. Internet halt: Interessant ist, was alle anderen interessiert, und was stimmt, weiß erst recht keiner.

Den Vorwurf, den Naina sich selbst und implizit dem nordrhein-westfälischen Schulsystem macht, machen meine Eltern mir explizit seit 30 Jahren. Ich bin nämlich fast 47 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen, und ich wäre glücklicher mit meiner längst abgeschüttelten Ausbildung, wenn ich meine Gedichtanalysen viersprachig abfassen könnte.

Dabei hat Naina wahrscheinlich selbst gar nicht gemerkt, worin ihr eigentlicher Vorwurf besteht: Offensichtlich hat ihr Deutschunterricht versagt, indem er Naina vorenthalten hat, worin der Sinn davon liegt, Gedichte zu analysieren: um wenigstens um die nächsten zwei Ecken herum zu denken.

Uli Hoeneß — ja, warum nicht zum Beispiel der — ist gerade 63 geworden, gilt gerade wegen einer rechtswirksamen Gefängnisstrafe als erfolgreich, und sein Erfolg bestand jahrzehntelang darin, keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherung zu haben. “‘ne Gedichtsanalyse” hält er wahrscheinlich für ein Bierzeltlied, und was soll man denn in einer oder gar in vier Sprachen sagen, wenn man Bratwürste verkaufen kann? “Senf?”

Angeblich konnte Uli Hoeneß vor einigen Generationen mal ganz ordentlich Fußball spielen; Naina ist leuchtend hübsch, jung und dazu noch rothaarig. Sind das nicht die Qualifikationen, auf die es in einer postkonsumkapitalistischen Gesellschaft ankommt? Was sollten diese Schoßkinder des Glücks ihre Lebenszeit an Steuern, Miete oder Versicherungen verschwenden?

Angenommen, das nordrhein-westfälische Schulsystem verfolge einen gewissen Bildungsanspruch, soll es mal die ohnehin viel zu kritisch hinterfragende Naina vom Schadwissen der Gedichtanalyse fernhalten: Berühmt ist sie bereits für die nächste Woche, hübsch bleibt sie locker noch zwanzig Jahre, und noch weiter plant kein Mensch.

Ein gnädiges Schicksal bewahre uns vor einem Gemeinwesen, in dem sich alle mit nichts als dem auskennen, was Naina als “Steuern, Miete oder Versicherungen” verherrlicht. Dann ist, so wundersam das inzwischen klingt, sogar Platz für das, was sie als “‘ne Gedichtsanalyse” anprangert.

Die Naina, die hat doch zu ihrem öffentlich missbilligten Deutsch bestimmt Englischfranzlatein dazugenommen, oder bei neusprachlichem Zweig Spanisch, weil Latein doch sowas von Nineties ist und damit sie auf vier Sprachen kommt und später mal nach dem FSJ in Nicaragua Wasmitmedien machen kann, wetten? Dann auf nach Irland. Da fällt man als Rotschopf nicht so auf, und wie man hört, halten sie da sogar noch was von Gedichten. Steuern, Miete oder Versicherungen? Ja, nee, is klar, ne.

Moment.

Update: Ich hab jetzt ‘ne Ahnung von Miete, Steuern und Versicherungen und kann Gedichtanalysen ohne S schreiben. Immer noch auf 4 Sprachen.

Das hat Naina am 14. Januar 2015 getwittert. Steile Lernkure, alle Achtung.

Bild: Naina aus Köln, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014.