To all those who have lived and died alone

Update zu Fuck Yes:

Es ergeht Empfehlung für ein einzelnes Lied; vielleicht hilft das gegen den mittlerweile wochenlangen Ohrwurm.

Wie viele Jahrzehnte hab ich jetzt geglaubt, in Wirklichkeit stünde ich auf die baumlange, blasse, burschikose Rothaarige mit Brille, Birkenstockmodell Gizeh und Knabenbrüstchen, die sich kaum aus dem Eck traut, um ihr Augustiner aufzufüllen, und keinen findet, mit dem sie ihr Promotionsthema diskutieren kann, und die ganzen heißblütigen Südgewächse sind bestimmt auch ganz wunderbare Menschen, aber weiter kein Grund, nervös zu werden.

Nach Naturereignissen wie Salma Hayek, Penelope Cruz und jetzt auch noch Lindi Ortega wollte ich vorsichtshalber nochmal nachdenken. Mit dem Ergebnis: Ach so, Kanadierin. Na dann.

Das Video zu ihrem Lived and Died Alone aus Tin Star von 2013 spielt explizit auf der anderen Seite der USA, inmitten mexikanischer Kultur der Trauerbewältigung; es geht nämlich von vorne bis hinten ums Sterben, schlimmer noch: Störung der Totenruhe, wenn nicht gar Nekrophilie. Jedenfalls ist alles denkbar morbid und gerade deswegen besonders tröstlich. Das ist kein Widerspruch, sondern Schwarze Romantik, und funktioniert innerhalb christlicher Kulturen in seiner modernen Form etwa seit 1780.

Außer als Kanadierin versteht Frau Ortega sich als Country-Musikerin, was die engelschöne, komplexe Melodie erklärt. Und dann den Text, ach den Text.

Man versteht Frau Ortega recht gut, Kanadier können von Geburt an mit Mehrsprachigkeit umgehen. Und der Wortschatz bleibt kunstvoll schlicht, allerdings in thematisch ungewohnten Zusammenhängen, die sich keinem Normaldeutschen so selbstverständlich ins Ohr nisten, dass er ohne ein Minimum an Eigenleistung jederzeit mitsingen könnte. Der Text ist online gut auffindbar, aber an allen bisherigen Stellen, die wahrscheinlich eine von der anderen abkopiert sind, in falscher Versaufteilung. Als Mehrwert bringe ich daher erst das Video und dann den Text in merkfähiger, weil lyrisch korrekter Typographie. Falls das Video youtube-typisch verschwindet, lohnt sich jeder Suchaufwand, versprochen; es reicht sowieso nie, es nur einmal laufen zu lassen.

Lifehack 1: Gegen Ohrwürmer hilft auch, die Pippi Langstrumpf zu singen, die überdeckt alles andere.

——— Lindi Ortega:

Lived and Died Alone

from: Tin Star, Last Gang Records, October 8th, 2013:

Love never came easily to me,
there were no fish swimming in my sea.
I resided myself to the fact
that I would always love
never to be loved back.
But that’s okay,
I know some day —

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I guess I thought it couldn’t really hurt
to search for sweethearts underneath the dirt.
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
to be with me
in the Dead Sea.

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

(Solo.)

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed.
I will fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I’d been a girl and one dream frequented my late afternoons

Girl
where did you stay so long
Girl
where did you stay so long
I feel strong
the answer she gave
simply was
I’ll show you where the lilies grow

Die gute Nachricht ist: Sibylle Baier sitzt an einem zweiten Studioalbum. Dem zweiten seit 1973.

Keine Schande, das erste nicht zu kennen. Es hieß Colour Green und wurde von der Künstlerin höchstselbst im Alleingang spätnachts in ihrem Wohnzimmer mit einem Kassettenrekorder und einer beneidenswert gut gestimmten Wanderklampfe aufgenommen. Das war zwischen 1970 und 1973.

Sibylle Baier und Sohn Robby, sibyllebaier.comIn diesen drei Jahren hat Frau Baier 14 Lieder eingespielt, die zusammen nicht ganz 37 Minuten dauern. Im weiteren Verlauf ist sie nach Amerika ausgewandert, hat Kinder aufgezogen und getan, was man so tut im Leben — zum Beispiel einmal für Jochen Richter den Soundtrack geschrieben und einmal für Wim Wenders mitgespielt. Viel mehr weiß man nicht über sie. Offenbar legt sie keinen gesteigerten Wert auf großen Rummel um ihre Person. Eine amerikanische Hausfrau, die als junges Mädchen in Deutschland mal ein paar selbstgeschriebene Liedchen gezupft hat, wird nicht gerade dauerhaft von Paprazzi umlagert, und wozu auch?

Ungefähr 2003 war ihr Sohn Robby schon groß und seinerseits Musiker und konnte aus Mamas alten Kassetten eine CD zusammenbrennen. Wie dieselbe an J Mascis von den Dinosaur Jr geriet, fällt schon unter die feineren Verästelungen im Unterholz des Musikgeschehens. Jedenfalls kam die CD von den Dinosaur Jr ans Label Orange Twin Records und war ab 2006 eine Zeitlang verkäuflich. Amazon.de weiß noch davon, und der wohlgeratene Robby pflegt ihr bis heute die Website.

Anscheinend hat die junge Frau Baier um 1970 viel Pink Floyd gehört, inhaltlich erinnern ihre Lieder stark an die Zeit zwischen Syd Barrett und der Dark Side of the Moon. Die Gitarrenarbeit ist ordentliches Lagerfeuerniveau. Jedes Jahr Warten seit 1973 und jeden Cent wert ist aber ihre Stimme: ungefähr Nico Päffgen, ebenfalls Exildeutsche, von den Velvet Underground, jedenfalls genauso unbeirrbar modulationsfrei. Aber schöner.

Und die schlechte Nachricht? Wer auf eine besteht, kann ja egal wohin anders surfen als zur Playlist von Colour Green, aber davon rate ich ab.

Wenigstens eine mittelgute: Wir müssen jetzt nicht alle gefrustet unsere im Gefolge von Janis Joplin und Hannes Wader vollgesungenen Kassetten vorschriftsmäßig im Plastikmüll entsorgen, es hat nämlich nicht gleich jeder Wim Wenders zum Freund des Hauses. Soviel Trost muss uns unentdeckt Bleibenden reichen.

Bild: Sibylle und Robby Baier gegen 1973.

Die Top 2 Tipps für eine glückliche Ehe

Mehr ist da nicht, und mehr könnte sich sowieso kein Mensch merken. Die Formulierungen richten sich an Frauen, aber umgekehrt und in gleichgeschlechtlichen Beziehungen kann da kein großer Unterschied sein.

  1. Dein Mann ist auf deiner Seite.
  2. Auch der Versuch ist zu respektieren.

Oder was dachten Sie jetzt, worum es gehen kann? “Wie Sie Ihr Sexleben aufpeppen”? Es muss reichen, auf der Liste mit den Leuten zu stehen, für die Ihre Frau 112 anrufen würde, wenn Sie mal mit Herzklabaster im Eck liegen.

Soundtrack: John Prine & Iris DeMent: In Spite of Ourselves, live 1999, mit dem Zeug zum Lieblingslied. Der Beste ist der am Kontrabass:

(Für die Buchführug: Das war unser 800. Beitrag.)

Real Amateur Goes YouTube (Alright)

Nein, wir sind nicht mit dem Internet aufgewachsen, sondern das Internet mit uns.

Uns ist durchaus bewusst, dass heutige Kochtöpfe mit so leistungsfähigem WLAN kochen können, dass die Essensbilder sich praktisch von selbst auf Facebook veröffentlichen, aber als ich 1997 eine der ersten — die Älteren können mir noch folgen — Homepages auf Geocities aus handgeschriebenem HTML aufgebaut hab, bin ich sogar ohne animierte GIFs von tanzenden Tomaten mit Sonnenbrillen ausgekommen. Man nimmt dergleichen wahr, aber wozu ständig ein Mäusekino mit einer einzelnen Fingerkuppe putzen, wenn man eine Tastatur beherrscht?

Bis zu einem gewissen Alter ist das Schwimmen mit Hilfe von Schwimmflügeln okay, manch junger Mann, der neu in Deutschland ist, muss noch die wichtigsten Redewendungen wie “Große Brüste”, “Ich will dich küssen”, “Ich töte Sie” oder “Ich will ficken” mit der Übersetzung auf einem Merkzettel bei sich tragen, und wenn’s nicht mehr so gehen will mit dem Facebooken, hält sich mancher Angeschlagene nicht nur vorm WLAN, sondern auch vorm Kochtopf fern, weil sich der Herzschrittmacher nicht mit dem Induktionsherd verträgt. Das sind so Sachen, mit denen muss man halt umgehen lernen.

Wir bloggen ja sogar noch. Übrigens tun wir das, um uns ein- für allemal selbst zu loben, mit einer beispielhaften Pünktlichkeit, die es in Zeiten der weltumspannenden Echtzeit-Kommunikation gar nicht mehr gibt. Twittern ist nicht so unser Ding, weil, wer der Visual-Maske von WordPress misstraut und sein HTML bis heute auswendig von Hand eintippt, darüber hinaus Herr über einen gewissen hypotaktischen Satzbau bleiben will, 140 Anschläge vielleicht für die Überschrift veranschlagt, nicht aber für den gesamten Inhalt.

Damit sind wir nicht allein. Als ab 2005 in einer fruchtbaren Blogosphäre haufenweise Mama-Blogs erblühten und umgehend einer Lächerlichkeit anheimfielen, der sie wegen der folgenden Nichtbeachtung nie wieder entkamen, war ihr dokumentarischer Wert überhaupt noch nicht abzusehen. Angefangen wurden diese platzsparenden Schwangerschaftstagebücher und Baby-Fotoalben für einen fest umrissenen Verwandtenkreis der bloggenden Frauen und werdenden Mütter mit Kundgebungen darüber, “was da in meinem Bauch Wunderbares heranwächst”. Dokumentarisch wertvoll wird das Zeug beim erneuten Blick nach zehn Jahren, wenn das Wunderbare auf eine weiterführende Schule gewechselt hat.

Das Wunderbarste ist ja, dass solche Blogs überhaupt immer noch geführt werden, samt ständig aktuellem Bildmaterial und Hypotaxen. Deren mehr oder weniger wunderbarer Inhalt hält sich für Digital Native, weil er seitdem mit dem Internet aufwächst. Dort plant er seine zukünftige, reichlich zur Verfügung stehende Tagesfreizeit anhand Videobeispielen wie “i was bored lol” (Quelle: YouTube) und erforscht seine eigene Geschichte, bevor Mama Mama-Bloggerin wurde, anhand Videobeispielen wie “REAL Amateur German Hairy Milf Comes Hard Until She Screams And Squirts (20+ min.)” (Quelle: RedTube).

Nachdem in den Altersheimen der Umbau von Raucher- und Nichtraucher- auf Beatles- und Stones-Aufenthaltsräume abgeschlossen ist und gerade die striktere Trennung von Oasis- und Blur-Playlisten ansteht, bleibt den unverdrossenen Mama-Bloggerinnen genug Zeit, auf Oma-Blog umzustellen: Solange noch Bargeld in legalem Umlauf bleibt, gibt es keinen echten Grund, seine Tastatur für ein Ein-Finger-Telefon dranzugeben, und sie behalten die Kontrolle über ihre Fotos von veganen Mahlzeiten (ohne Gluten und Lactose) und wunderbaren Kindern (ohne ödipale Traumatisierungen).

Woran wiederum man endgültig erkennt, was für ein alter Sack ich bin: Facebook ist gar nicht mehr das soziale Natzwerk der coolen Wahl, sondern YouTube. Mir war ja nicht mal klar, dass die Kommentare dort von denkenden Menschen verfasst werden.

Soundtrack: The Who: The Kids Are Alright aus: My Generation, 1965.

Analyse, ach Analyse

Twitter-Profilbild Naina, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen.

Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.

Das hat am Samstag, den 10. Januar 2015 Naina aus Köln getwittert, was einem egal sein könnte, wenn es nicht so viele andere interessieren würde — und wenn sie nicht so recht hätte und gleichzeitig unrecht. Internet halt: Interessant ist, was alle anderen interessiert, und was stimmt, weiß erst recht keiner.

Den Vorwurf, den Naina sich selbst und implizit dem nordrhein-westfälischen Schulsystem macht, machen meine Eltern mir explizit seit 30 Jahren. Ich bin nämlich fast 47 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen, und ich wäre glücklicher mit meiner längst abgeschüttelten Ausbildung, wenn ich meine Gedichtanalysen viersprachig abfassen könnte.

Dabei hat Naina wahrscheinlich selbst gar nicht gemerkt, worin ihr eigentlicher Vorwurf besteht: Offensichtlich hat ihr Deutschunterricht versagt, indem er Naina vorenthalten hat, worin der Sinn davon liegt, Gedichte zu analysieren: um wenigstens um die nächsten zwei Ecken herum zu denken.

Uli Hoeneß — ja, warum nicht zum Beispiel der — ist gerade 63 geworden, gilt gerade wegen einer rechtswirksamen Gefängnisstrafe als erfolgreich, und sein Erfolg bestand jahrzehntelang darin, keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherung zu haben. “‘ne Gedichtsanalyse” hält er wahrscheinlich für ein Bierzeltlied, und was soll man denn in einer oder gar in vier Sprachen sagen, wenn man Bratwürste verkaufen kann? “Senf?”

Angeblich konnte Uli Hoeneß vor einigen Generationen mal ganz ordentlich Fußball spielen; Naina ist leuchtend hübsch, jung und dazu noch rothaarig. Sind das nicht die Qualifikationen, auf die es in einer postkonsumkapitalistischen Gesellschaft ankommt? Was sollten diese Schoßkinder des Glücks ihre Lebenszeit an Steuern, Miete oder Versicherungen verschwenden?

Angenommen, das nordrhein-westfälische Schulsystem verfolge einen gewissen Bildungsanspruch, soll es mal die ohnehin viel zu kritisch hinterfragende Naina vom Schadwissen der Gedichtanalyse fernhalten: Berühmt ist sie bereits für die nächste Woche, hübsch bleibt sie locker noch zwanzig Jahre, und noch weiter plant kein Mensch.

Ein gnädiges Schicksal bewahre uns vor einem Gemeinwesen, in dem sich alle mit nichts als dem auskennen, was Naina als “Steuern, Miete oder Versicherungen” verherrlicht. Dann ist, so wundersam das inzwischen klingt, sogar Platz für das, was sie als “‘ne Gedichtsanalyse” anprangert.

Die Naina, die hat doch zu ihrem öffentlich missbilligten Deutsch bestimmt Englischfranzlatein dazugenommen, oder bei neusprachlichem Zweig Spanisch, weil Latein doch sowas von Nineties ist und damit sie auf vier Sprachen kommt und später mal nach dem FSJ in Nicaragua Wasmitmedien machen kann, wetten? Dann auf nach Irland. Da fällt man als Rotschopf nicht so auf, und wie man hört, halten sie da sogar noch was von Gedichten. Steuern, Miete oder Versicherungen? Ja, nee, is klar, ne.

Moment.

Update: Ich hab jetzt ‘ne Ahnung von Miete, Steuern und Versicherungen und kann Gedichtanalysen ohne S schreiben. Immer noch auf 4 Sprachen.

Das hat Naina am 14. Januar 2015 getwittert. Steile Lernkure, alle Achtung.

Bild: Naina aus Köln, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014.

Dances with Models

Zwei Stunden auf Flickr herumgeklickt, und man kann getrost seine Zweifel beiseite legen, ob in der zeitgenössischen Kunst noch Qualität geschaffen werde: alles voller sehr junger, sehr schöner und sehr kluger Mädchen, die sich als Fotografinnen verstehen oder laut ihren Profilangaben so schnell wie möglich welche werden wollen.

Dafür empfehlen sie sich durch Portfolios, die für nicht weniger als professionell zu halten sind. Gerne bedient wird dabei das Genre des Selbstportraits, weil bessere Fotomotive als die eigene Person um den gleichen Preis für junge, schöne, kluge Mädchen nicht zu haben sind; gerne dokumentiert wird eine Neigung zu den traditionellen Freizeitbeschäftigungen Hoher Töchter (Lesen alter Bücher, Zeichnen von jungen, schönen, klugen Mädchen, Barfußlaufen nicht aus Armut, sondern aus innerer Verbundenheit zu märchenhaften Wäldern und landwirtschaflichen Nutzflächen, feengleiches Schweben im Raum pp.); die technische Qualität entsteht durch den Einsatz leistungsstarker Kameras, deren Preise praktisch mit jeder Stunde mehr verfallen, und Photoshop, dessen ältere Versionen es zumindest am Rande der Legalität für nix gibt.

Vor ein paar Jahren, als Myspace noch ein Thema war, gaben sich aufstrebende Schönheiten mit solchen öffentlichen Selbstdarstellungen noch Spott und Häme preis. Meist standen sie leicht oder gar nicht bekleidet im elterlichen Badezimmer und richteten am ausgestreckten Arm ein mobiles Telefon mit Fotofunktion auf sich. Das fanden sie möglicherweise cool oder erotisch oder jedenfalls geeignet als Ausdruck ihrer pubertären Gefühlslage, was man nachträglich gar nicht so gehässig niedermachen muss. In dieser kurzen Zeit hat sich nämlich ihre Professionalität auf eine Ebene erhoben, die man nicht mehr ignorieren kann.

Ob in Photoshop oder einer analogen Installation, finden die jungen Damen genügend Zeit, Energie und Sachkenntnis, Bilder von sich zu veröffentlichen, für die man in den 1990er Jahren noch ausgewiesener, weltweit gefeierter Starfotograf und Model Whisperer geworden wäre. Theoretisch kann sich heute jedes Lifestyle- oder Modemagazin aus privaten Flickr-Accounts bestücken, ohne sich zu blamieren. Dieses atemberaubend hochwertige Bildmaterial hat in der Herstellung nahe null gekostet, wird von Privatpersonen ohne Geschäftsinteressen (oft sogar ohne Geschäftsfähigkeit) bereitgestellt und kann deshalb nicht weit über null kosten.

Die Künstlerinnen erinnern allesamt an Existenzen wie die Figur von Scarlett Johansson in “Lost in Translation”. Der Film ist von 2003, da war Myspace eine große Halde für schnell dahingeknipste Handyfotos, die man nicht mehr beim Schlecker für Geld entwickeln lassen musste, und Scarlett Johansson war neunzehn.

2003 fand es Scarlett Johansson — jedenfalls im Film — so erstrebenswert wie Heranwachsende der Jahre 1913 oder 2013, einen “kreativen” Beruf zu ergreifen — zum Beispiel Fotografin. Frauen wie die Johansson oder Alexis Mire, Brooke Shaden oder Laura Zalenga und wie sie alle heißen sehen einfach gut genug aus, um aus dem Handgelenk ihre Füße zu fotografieren und dafür Lob und Ermutigung zu erfahren. Wollen wir es ihnen gönnen, selbst Frau Johansson wird bald dreißig.

Dem entgegen steht die Preisentwicklung für künstlerische Arbeit. Wer erst so einen “kreativen” Beruf ergriffen hat, versteht das in einem Maße wie die Preisentwicklung für künstlerische Arbeitsgeräte: stündlich weniger. Deswegen sehen kostenpflichtige kreative Arbeiten aus, wie sie aussehen: Es ist leicht, es ist billig, es ist Bettjäckchen wie Spitzenunterhose, wer sie — und bitte selbstverständlich immer “bis vorgestern” — dahingeknipst oder eingetippt hat.

Sind die Kameras heute dermaßen gut? Oder die Mädchen dermaßen hübsch? Oder die Arbeitsqualität dermaßen wurschtegal?

“Mach den Mund zu”, sagt meine Frau zu mir, “die Tastatur wird nass.”

Beckah, Love My Geek Glassesm 8. September 2011

Junges schönes kluges Mädchen dancing with herself:
beckah:): <3 my geek glasses!, 8. September 2011.

Adele, Adele

Schon die Eingangsfrage ist eine des Alters: Erkennen Sie Adele (sprich nicht: “A-dé-le” wie die fränkische Abschiedsformel, sondern ungefähr: “Erdäll”), wenn sie wie immer unangesagt im Radio kommt? Denn welcher Bürger einer Industrienation unter 30 hört heute noch allen Ernstes Radio? Oder andersrum: Wann bitte soll einer der Musik kleiner Mädchen hinterherforschen, solange er noch nicht mal die kompletten Gambenkonzerte von Telemann aufgeholt hat?

Adele.tvNachrichten über das Fräulein Adele erreichen mich über die Zeitung – jawohl, Print – und besagen, dass sie erstens soeben einen ganzen Armvoll Grammys – sechs an der Zahl – gewonnen hat, also richtig gut sein muss, und diesen Höhepunkt ihrer jungen Karriere zweitens zum Anlass nimmt, aufzuhören. Sie sei dann mal für vier, fünf Jahre weg.

Recht so, denkt mein innerer alter Sack, würd ich auch. 23 ist das Kindchen, in dem Alter hab ich noch keine so tollen Lieder geschrieben. Warum soll sie sich da nicht erklärtermaßen zur Aufzucht von Kindern und Gemüse zurückziehen, solange ihr Derzeitiger (37) noch keinen erektilen Dysfunktionen unterliegt und sie sich ihre selbstgezogenen Radieschen noch von oben anschauen kann? Endlich erlebe ich auch mal, wie man auf erfolgreiche Prominenzen neidisch sein kann: wenn sie sich mit etwas Erreichtem zufrieden geben, statt noch ein Auftragsgeträller für einen charakterfreien Disneyfilm abzuliefern, an dem das Marketing eifriger herumgestopselt hat als die Drehbuchabteilung.

Wie, ich bin ja bloß neidisch? Ja, schon, hab ich ja gerade gesagt. Was uns zur zweiten Altersfrage trägt: Auch ich hatte mal Jugendträume. Und vermutlich waren es so ähnliche wie die von Patrick Süskind, der als Schulbub ein einziges Buch zu schreiben plante, von dem er dann ein Leben lang zehren kann. Bei mir ist nichts draus geworden, weil er Das Parfüm dann schon selber geschrieben hat, sogar den charakterfreien Film dazu gibt’s schon lange als ermäßigte DVD.

Albrecht Dürer, Selbstbildnis im Pelzrock, 1500Altersfrage 3: Kaum verabschiedet, bereitet Adele ihr Comeback vor. Wahrscheinlich noch im selben Interview, keine Zeit zu verlieren, wie solche Twitterkinder halt so sind. Ihre “Auszeit” gedenke sie mit dem Schreiben eines neuen, möglichst optimistischen Albums zu verbringen – also außer dem üblichen anstehenden “sich wahnsinnig auf das Baby freuen” und “Erfüllung im eigenen Garten finden” jetzt – weil sie nicht länger “als verbitterte Hexe” auftreten will (zur Erinnerung: Sie ist 23. Siehe auch: Bunte und Landlust, Jahrgänge ab ca. März 2012).

Das Optimistischste an Fräulein Adeles mittelfristiger Lebensplanung finde ich heute schon die Unterstellung, dass in fünf Jahren die Musikeinheiten immer noch in Alben gerechnet werden, und dass bis dahin noch jemand weiß, wer mal die Adeledings war, ohne das sie – Mazeltov – den Weg der Whitney Houston gegangen wäre. Das macht mich ausnahmsweise moderner, um nicht zu sagen: jünger als sie. Der Unterschied ist: Sie kann sich das leisten, weil ich nicht von Tantiemen meiner fünf Jahre alten Textarbeiten leben kann. Glauben Sie mir, ich hab’s versucht, aber heiß ich Süskind?

Altersfrage 4: Ein paar Seiten weiter im Kulturteil geht’s nochmal um die Verbreitung von Kunstwerken. Überschrift: “Nicht mehr transportfähig”. Aber damit meinen sie schon nicht mehr Adele, sondern Albrecht Dürer.

Bilder: Adele im Luminaire in Kilburn, London, 2007;
Albrecht Dürer: Selbstbildnis im Pelzrock, 1500.

Happy Hallohochzeitsween, Part 11

Update zu Hochzeitstag (’cause There’s Nothing Else to Do) #10:

Heute war bei Tisch von den Frauen die Rede, und Goethe äußerte sich darüber sehr schön. »Die Frauen, sagte er, sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren, oder in mir entstanden, Gott weiß wie. Meine dargestellten Frauen-Charaktere sind daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind.«

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 2. Theil (1836), , Mittwoch, den 22. Oktober 1828, cit. n. Deutscher Klassiker Verlag.

Frauen sind gefährlich! Sie sind oft intelligenter als du glaubst!

“Na, Wölfchen? Wieder feministische Inhalte ausbreiten, um dich für den Hochzeitstag einzuschleimen?”

“Seit wann erachtest du Goethen als feministisch?”

“Dein Eckermann ist gar kein richtiger Goethe.”

Und die Lustigen Taschenbücher sind keine richtigen Entenhausener Berichte.

“Is recht, Wolf. Ich such dann schon mal meine blauen und grünen Nagellackflaschen raus. Wir treffen uns in einer Stunde am Küchentisch, wenn meine Zehen getrocknet sind.”

“Meine liebste Frau, Partnerin und Gespielin. Ich liebe dich, wenn du dich so um deine schönsten Teile kümmerst.”

“Meine Zehen?”

“Und mich.”

“Pff. Sonst nicht?”

“Aber doch. Ich lieb dich. Ewig. Ganz feste.”

“Das wollen wir in einer Stunde doch mal sehen. Und bis dahin rasier dich bitte.”

“Du auch.”

“Du bist ein alter Saubär.”

“Rwarrrrr.”

My body’s broken, yours is bent: Placebo: Every You, Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1998.