Das schreiben die anderen: Was ist virales Marketing?

Update zu Hokus Pokus Viribus und And you still can hear me singin’ to the people who don’t listen:

Bis Sie die verbleibenden Raunächte mit Überlegungen zugebracht haben, was eine auf Geld angewiesene Werbeagentur dazu treibt, sich erneut (!) mit "Du bist Deutschland"-Faxen zum Horst zu machen, lassen Sie mal den Beitrag des Radiokollegen Hamlet Hamster vom Meerschweinchenreport Virales Marketing – Was ist das? so lange laden, bis alle Youtube-Filme erscheinen, so lange dauert das nämlich locker.

Wenn wir selbst von der Historie abgelebter Werbeformen genügend durchleuchtet sind, gibt’s vielleicht auch mal von uns einen Beitrag außerhalb von Freitagen. Stehen ja länger da und gelten länger als jeder Virusfilm.

Quo vadis, Fluppenwerbung?

And you won’t sing worth a heck
With a big hole in your neck.

Wenn solche Leute, die Leserbriefe schreiben, nicht gerade über die anderen Leute, die ebenfalls Weihnachtsgeschenke kaufen müssen, und deren Zusammenballung in der Kaufingerstraße lamentieren, füllen sie die Leserbriefspalten regionaler Tageszeitungen genervten Äußerungen darüber, wie genervt sich Gastwirte über die anstehende Einstufung von Zigaretten als harte Drogen äußern. Was sollen denn erst die Werber sagen.

Anno 1959 bekamen Werbeschaffende von ihrem Account "Zigaretten" noch einen anständigen harten USP geboten, an dem es sich entlangkreieren ließ. Zum Beispiel die Salem softness, which freshens your taste. In Amerika, dem Land der Raucherprogrome, war die öffentliche, ja kommerziellen Ertrag versprechende Äußerung erlaubt, an Zigaretten sei ein gesunder Aspekt!

1995: Die grandiose Band Freakwater macht für ihre Platte Old Paint ein Video namens Smoking Daddy, das aus einem träumerischen Zusammenschnitt aus Szenen in amerikanischen Schwarzweißfilmen besteht, in denen Leute mit inbrünstigem Vergnügen an Zigaretten ziehen. Die Ausrichtung ist bereits eindeutig satirisch, zum Aufbau einer Produktmarke ist nicht einmal mehr der Versuch erkennbar, und nein: Das geht auch nicht als Product Placement durch.

2006: Das Video wird wegen Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen aus Youtube geschmissen.

Und heute… Ach, hat mal jemand Feuer?

Westaflex is over

Update zu Was Youtube verschweigt:

Vorschule der Ästhetik, Lerninhalt 1: Niemals sind die Dinge "so peinlich, dass sie schon wieder gut sind", sondern sie sind gut oder schlecht oder etwas dazwischen. Die Schöpfer der Welt kennen 0 und 1 in sehr vielen Einzelentscheidungen, aber kein "so 0, dass es schon wieder 1 ist".

Die Ikone der selbstbewussten Unternehmensdarstellung schmiert radikal ab, weil sie offenbar ihre Positionierung optimieren wollte oder irgendwas: Westaflex macht jetzt auch witzige Werbung.

Wie es zu solchen Tragödien kommt? – Ein Familienunternehmen, wie Westaflex eins ist, investiert Zeit, Geld und Mühe in seine Selbstdarstellung (Original mit Quicktime). Dann kommen Leute, die nicht die Zielgruppe sind, und lachen es dafür aus. Dann kommen andere, Zielgruppe oder nicht, und finden es gut – und das Familienunternehmen hält es für Ironie und schämt sich.

Wie oft noch: Irony is over, sagt Jarvis Cocker auf der This is Hardcore von 1998. Weil die Hauswerber von Westaflex solche Platten offenbar nicht hören, fühlen sie sich zu so würdelosen Verrenkungen gedrängt, um einem wie auch immer gearteten Zeitgeist zu genügen.

Sowas passiert nicht etwa beim Fliegenfischen oder einem anderen Hobby, bei dem es aufs Mundhalten ankommt, sondern innerhalb der Kommunikationsbranche.

Allerdings kann alles noch viel schlimmer kommen, wenn man sie hantieren lässt. Immerhin lässt die Reklamefirma, die Westaflex ihre viralen Versuche eingeredet hat, im zweiten Spot an der wichtigsten Stelle eine andächtige Stille:

Unser gut geschultes Mitarbeiterteam ist motiviert,
weil die Zufriedenheit unserer Kunden groß geschrieben wiert.

Danke an Kay von den Buzz-People für die Aufmerksamkeit!

Substanzieller Blues

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten: Beim 52. Eurovision Song Contest geraten "Künstler", die heißen wie die sinnloseste Zeitung seit der GQ und reimen wie Der von Kürenberg, ganz zu Recht auf einen belanglosen 19. Platz, dafür entdeckt sich ein astreiner, gar nicht mal so Unsubstantial Blues dort, wo er nicht zu erwarten war: aus Ungarn.

Klasse Video, stringenter rückwärts und mit einem besseren Schluss (also Anfang…) als weiland Memento. Warum nur Platz 9?

Nicht mosern, einmal im Leben eine Schwulenveranstaltung gut finden.

Schämen muss man sich

Erstens dafür, dass man angeblich schon mit 450 Zugriffen pro Monat zu den Alpha-Bloggern gehören kann und immer noch nicht in den Top 50 vorkommt.

Zweitens und schlimmer für die Selbstreferenzialität von Weblogs: "Boah ey, gestern schon wieder zweistellige Zugriffszahlen, aber heute keine Lust zum Bloggen!!!!! ;o)))" So nachhaltig vernetzt, wie die "Blogosphäre" inzwischen ist, kann sie wie jedes andere Gehirn auch nur noch von sich selbst ausgehen – und auch nur dort ankommen. Schlimmer als Sex.

Nicht mal Cowgirls get the Blue Dunst

So weit ist es gekommen. In Amerika äußern sich schon die Cowgirls kulturkritisch über den Konsum von weichen, einstweilen noch legalen Drogen. Bei solchen Sachen frag ich mich immer, wer gerechterweise an wen Summen Geldes entrichen sollte: die Band an das marktwirtschaftliche Unternehmen fürs Nutzungsrecht – oder umgekehrt fürs Product Placement.

(Das ist von Freakwater, deren sechste CD Feels Like the Third Time von the missing link, Ihrer Lieblingsagentur für kompetente Beschallung einer gedeihlichen Arbeitsatmosphäre, warm empfohlen wird; Weihnachten kommt ja immer so plötzlich. Da ist nämlich eine Würdigung von Amelia Earhart für Lagerfeuerklampfe, Fiedel und zwei Mädchenstimmen drauf. Wer bei dieser Melodei keine nassen Augen kriegt, hat ein Kunstharzherz.)