Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Film (Seite 1 von 2)

Nos dejamos hace tiempo, pero me llego el momento de perder

Update zu To all those who have lived and died alone:

Und weil gerade noch halbwegs Zeit für was Sommerliches ist, ein großer Filmmoment, der erst von 2017 stammt, bei dem man also staunt, dass er schon in der Qualität veryoutubt wurde, und der wohl bleiben wird: Harry Dean Stanton hat 89-jährig ein großes Solo mit Unterstützung der Familie Lynch erhalten, und wo immer Lucky auftaucht, soll man ihn durchlaufen lassen und mal 88 Minuten fein stille schweigen, damit man bemerkt, was aus der Schildkröte im Vorspann noch wird (nein, keine Suppe oder so, wir sind ja nicht bei Tarantinos).

Schon den halben Film wert ist, wie „Lucky“ Stanton seinen Abgang als Geschenk an einen Zehnjährigen singt, der als einziger nicht zuhört. Der Text von Vicente Fernández erscheint hier in korrekter Versaufteilung, weil die bisher auffindbaren Versionen vermutlich voneinander abkopiert sind und alles durcheinanderwürfeln (offenbar muss ich das immer bei Liedern mit mexikanischem Bezug machen). Verständlich wird alles beim Google Translator:

——— Harry Dean Stanton:

Volver volver

aus: Lucky, 2017:

Este amor apasionado,
anda todo alborotado
por volver
Voy camino a la locura
y aunque todo me tortura
se querer.

Nos dejamos hace tiempo
pero me llego el momento
de perder
Tu tenias mucha razón,
le hago caso al corazón
y me muero por volver.

‚Y volver, volver, volver
a tus brazos otra vez
Llegare hasta donde estés
Yo se perder, yo se perder,
quiero volver, volver,
volver.‘

Nos dejamos hace tiempo
pero me llego el momento
de perder
Tu tenias mucha razón,
le hago caso al corazón
y me muero por volver.

‚Y volver, volver, volver
a tus brazos otra vez
Llegare hasta donde estés
Yo se perder, yo se perder,
quiero volver, volver,
volver.‘

Altes Ego

Ich bin nicht
zu alt um
alles zu tun
was man mir
sagt ich bin
nur zu jung
um damit aufzuhören.

Soundtrack: Iris DeMent: Leaning on the Everlasting Arms, 1887, aus: True Grit, 2010:

https://youtu.be/UVuAqLTmvFY

Achtung jetzt kommt ein Karton

Was ist eigentlich aus Emmentaler geworden? Dabei entsinne ich mich noch genau, in einem früheren Leben beschlossen zu haben, keinen Emmentaler mehr zu mögen, weil einem nach der ersten Scheibe eine Stunde lang die Zunge brennt. Das funktionierte nur bei Emmentaler und war nicht mal mit ausreichenden Mengen Bier zu beheben, und ist bitteschön keine vierzig Jahre her. Und bei dem postkapitalistischen Zeug: Nix. Was stimmt nicht mit dem rezenten Emmentaler?

Wann hat man eigentlich zuletzt jemanden mit einer Knoblauchfahne getroffen? Man kann Umgang mit Morgenländern, Senioren und Rohköstlern pflegen, soviel man will: Nix. Was stimmt nicht mit dem rezenten Knoblauch?

Denken wir lieber positiv und reden lieber statt vom ewigen Twitter-Account einer hyperaktiven Gelbbauchunke von was Vernünftigem: Katzen und Pappkartons.

Und damit ein Doppelnutzen dabei rumkommt, sollten es 7 Life-Hacks (was vormals Haushaltstipps hieß), die das Leben vom Kater vereinfachen sein. Es hat etwas zutiefst Beruhigendes, diesem russischen Zungenschlag zu lauschen (nein, das ist kein polnischer oder gar tschechischer). So reden nämlich immer die lebenstüchtigen, leichtherzigen Schlawiner, die einfach alles können. Wenn einer kommt und so redet, ist man entweder einen Zwanziger, mindestens aber eine Zigarette los oder es wird alles gut.

Zum Katzenkarton noch der Katzencartoon: Der erste Tom und Jerry war Puss Gets the Boot — am 10. Februar 1940. Alles Gute, auch der Maus.

Vor der Schlammschlacht im Rosenkrieg

OMG, Brangelina sind wieder zu haben!

Jetzt, wo sie keiner mehr will. Deshalb geht der sprechende Sessel mit austauschbaren Gesichtsbehaarungen zurück an Jennifer Aniston, die UNICEF kann hoffentlich noch was mit dem Schlauchboot anfangen, und die Kindersammlung ist die UNICEF.

Als abgebrühter Alteuropäer scherzt man über dergleichen, dabei ist für eine „Kultur“, die von nicht viel mehr getragen wird als Mr. & Mrs. Smith (2005, nicht der gleichnamige Hitchcock von 1941), die Trennung ihrer Träger ein nicht nachvollziehbar tiefer Einschnitt. Auf europäische Verhältnisse übertragen muss sich das anfühlen wie:

https://youtu.be/26GpAc4NdQ8

(Endlich mal wieder ein originäres YouTübchen, das einen atemlos hinterlässt — genau das, wozu YouTube gut sein könnte. Die Jahreszahlen stehen ganz winzelig im linksoberen Eck. Also keine Chance, das mit Gewinn auf seinem Telephon anzuschauen, man braucht schon einen überbreiten Schwertransport im Vollbild — und sollte lieber nicht die Jahreszahlen allzu penibel mitvergleichen, die sind nämlich nicht synchron mit den Grenzziehungen. Der Siebenjährige Krieg bricht einfach irgendwann aus, und die Wehrmacht stand 1946 in einem Weltkrieg, der bis 1960 dauert, vor Moskau. Wirklich Spaß macht es aber, das selbsttätige Entstehen und Vergehen des Heiligen Römischen Flickerlteppichs Deutscher Nation zu beobachten. Etwas glaubwürdiger, leider ohne ausgearbeiteten Flickerlteppich, scheinen mir die 5000 Jahre mehr in 8 Minuten weniger. Den Soundtrack von einem Hans-Zimmer-Epigonen hätte ich mir in beiden Fällen für den Ringkrieg aufgespart, aber „video“ heißt ja „ich sehe“.)

Kurz vor Glockenschlag

Es reicht eben nicht, die wirklich sinnstiftenden Filme zu den naheliegenden Terminen anzuschauen: Das Leben des Brian nur zu Weihnachten und Ostern, damit kommen wir nicht weiter. Ich wollte wirklich, er böte nichts als Klamauk, leider wird er täglich aktueller. Dabei ist gar nicht zu fassen, dass er 600 Jahre vor Erfindung des Islam spielt.

Jeder, der noch bei Sinnen ist, hat schon mal überlegt, welche Rolle aus dem Brian er sein will — oder vom Leben zu spielen verdammt wurde. So richtig wünschenswert ist keine, aber hey, wir kriegen nichts geschenkt. Mich selbst hatte ich jahrelang im Verdacht, der struppige Prophet zu sein (der übrigens von Michael Palin gespielt wird und im Original ein auffallend schönes Britisch spricht); im Rennen war noch der Ex-Leprakranke (schon wieder Michael Palin und nie einer, der von John Cleese gespielt wird).

Ich korrigiere: Nicht allein meine unbedeutende Person, sondern wir alle sind nicht der struppige boring prophet, sondern der keine zwei Sekunden auftretende Zuhörer, der verzweifelt versucht, ein Wort zu verstehen.

Im Gesamtfilm steht der Auftritt bei Minute 43:30 bis 44:04, in den Ausschnitten steht unser aller Vorbild kurz nach Sekunde 20. Mir wäre ein Orient wie aus Tausendundeiner Nacht, dem West-östlichen Divan, Friedrich Rückert oder wenigstens den Almanachen von Wilhelm Hauff, einer voller üppig gesponnener Märchen, unerschütterlich weltoffener Weisheit, phantasievoller Sachen zum Rauchen und einer Friedfertigkeit, von der sich jeder abendländische Giaur noch was abschneiden kann, auch lieber.

Der angestrengt gaffende Zuhörer taucht in keiner Darstellerliste auf. Mehr Hoffnung kann ich uns da nicht machen.

There shall, in that time, be rumours of things going astray … and there shall be a great confusion as to where things really are, and nobody will really know where lieth those little things with the sort of raffia work base that has an attachment. At this time, a friend shall lose his friend’s hammer and the young shall not know where lieth the things possessed by their fathers that their fathers put there only just the night before, about eight o’clock. It’s written in the book of Zero.

Also, ich wollte sagen, dass etwa zu dieser Zeit die Verwirrung … Und die Verwirrung wird all jene verwirren, die nicht wissen, und niemand wird wirklich genau wissen, wo diese kleinen Dinge zu finden sind, die verknüpft sind mit einer Art von Handarbeitszeug, das durch die Verknüpfung verknüpft ist. Und zu der Zeit soll ein Freund seines Freundes Hammer verlieren, und die Jungen sollen nicht wissen, wo die Dinge…, die jene Väter erst um acht Uhr am vohergehenden Abend dorthin gelegt hatten, kurz vor Glockenschlag. Dies steht geschrieben im Buch von Sel.

Vorstadtsokratiker

Man kann nicht zweimal in den selben Wald scheißen.

Heraklit (Neuübersetzung).

Der Verleser der Woche:

Vorsokratiker

statt

Vorstadtkrokodile.

Schade eigentlich. Dabei wollte ich mich schon anfangen zu freuen über die bunten Bilder auf der DVD, damit man endlich Anaxagoras, Anaxarchos, Anaximander und Anaximenes auseinanderhalten kann, und dann kommt man auch noch durcheinander mit dem deutschen Regisseur Wolfgang Becker und dem deutschen Regisseur Wolfgang Becker: einer mit der verkannten und vernachlässigten Vorstadtkrokodilsverfilmung von 1977, einer mit Das Leben ist eine Baustelle von 1997. Schlimmer als mit dem deutschen Regisseur Marcus O. Rosenmüller und dem deutschen Regisseur Marcus H. Rosenmüller.

Macht aber nix, dergleichen kann bereichernd sein. Nächste Woche verwechseln dann hoffentlich die Aushilfsverpacker den Diels-Kranz (nicht realistisch erreichbar) mit dem Wilhelm Capelle (ab ein paar Cent), die alten Vollsokratiker.

Playlist:

Remember I said I give you lessons, too?

Obwohl die zuverlässigste Zählung der Filme mit drei und vier Marx Brothers (der biedere Zeppo war Ersatzbank, Gummo war nur live auf der Vaudeville-Bühne und in keinem Film, und einer ist schon mit drei Monaten gestorben) auf 17 plus 7 mit Groucho solo plus 3 mit Harpo solo, und Chico in „jedem der dreizehn Marx-Brothers-Filme“ durch seine versehentlich erlernte Pistolenfingertechnik am Klavier aufgefallen sein soll, stellt der „one-stop shop for Chico Marx playing the piano“ gerade einmal 10 Klavierauftritte zusammen. So krampfhaft ich mich auf meine frühen Fernseherlebnisse zu besinnen suche, fällt mir auch kein elfter mehr ein.

Chicos zehn Rezitationen populärer Klassiker, früher Schlagerfetzen und Kinderlieder am Klavier dürfen ruhig als stilbildende Momente der Filmgeschichte gelten. Deren Versammlung ist erschütternd kurz: keine 20 Minuten. Das Tonmaterial von Wladimir Sofronitski dauert wahrscheinlich ein paar Wochen, aber sein Schauwert beschränkt sich dabei auf die Spannung, ob er die Tasten auch mit den Mundwinkeln anschlagen kann. Spätestens wenn man Chico in dieser Geballtheit zuschaut, dämmert einem wieder, was man aufgrund der eigenen Lebensauffassung im Leben alles verpasst: eigentlich nichts Genaues, aber schöner, geschmeidiger, leichtfüßiger und vor allem leichtherziger ging’s auch.

Etwas Größeres kann ein Film nicht leisten. Wenn jemandem etwas Größeres einfällt, das ein Film leisten kann, soll er mir’s bitte sagen. Aber nicht in der Rhetorik von meinem alten Vorbild Groucho, das merk ich nämlich sofort und kann’s hoffentlich selber am besten.

  1. The Cocoanuts, 1929: Gypsy Love Song als Signor Pastrami the Lithuanian Pianist;
  2. Animal Crackers, 1930: Silver Threads Among the Gold als Signor Emmanuel Ravelli;
  3. Monkey Business, 1931: Pizzicatto/When I Take My Sugar To Tea als Chico;
  4. Horse Feathers, 1932: Collegiate als Baravelli the Piano Teacher;
  5. A Night at the Opera, 1935: All I Do Is Dream Of You als Fiorello;
  6. A Day at the Races, 1937: Hungarian Rhapsody #2/On The Beach at Bali Bali als Tony;
  7. At The Circus, 1939: Beer Barrel Polka als Antonio;
  8. Go West, 1940: The Woodpecker Song als Joe Panello;
  9. The Big Store, 1941: Mamãe eu Quero als Ravelli, vierhändig mit Harpo als Wacky;
  10. A Night In Casablanca, 1946: Hungarian Rhapsody #2/Beer Barrel Polka/Moonlight Cocktail als Corbaccio.

Um als Bonus Track doch noch einen elften Moment zu ermöglichen, verschweigt die YouTube-Gesamtausgabe ausdrücklich Chicos Duett mit dem vielbeschäftigten Filmgeiger Leon Belasco als Mr. Lyons — aus Love Happy, 1950: Gypsy Love Song — mit der Begründung, dass es kein Solo ist. Als ob der vierhändige Auftritt mit Harpo eins wäre; übrigens der beste, aber der verwendet aufs Ende zu sogar ein virtuelles Orchester. Das heißt mich hoffen, dass jemand oder etwas bald auch eine Sammlung mit den Harfenrezitationen von Harpo erstellen wird.

The Good, the Bad, the Ugly, and the Flauschi

Update zu Glück und Geld:

Gut, dass einen gerade noch so das Google-Doodle vorwarnt, dass die nächste Zeit wieder irgendsoein Herrenfußball-Schmarrn gefeiert wird, da kann man guten Gewissens non solum das Fernsehgeschehen, sed etiam die Innenstadt meiden und alte Filme gucken.

Für meinen Begriff ist ja Il buono, il brutto, il cattivo, besser bekannt als The Good, the Bad and the Ugly, der auf Deutsch aus kulturhistorisch nicht nachvollziehbaren Gründen nur Zwei glorreiche Halunken zählt, immer noch „der neue“ unter den Leone-Eastwood-Spaghettis, weil er der jüngste Teil der Dollar-Trilogie ist. In der Handlung liegt er aber vor den zwei älteren und ist dabei immer noch älter als ich: Ein halbes Jahrhundert wird der pünktich kurz vor Weihnachten.

Man weiß von Vater-Sohn-Gespannen, die den einträchtig eine Zeitlang täglich angeschaut haben — was insofern besonders generationenverbindend ist, als das Ding in der künstlerisch vorgesehenen Fassung 178 Minuten dauert. Man hat also innerhalb der Familie ziemlich viel zum pausenlosen Durchgrinsen, bis Eli Wallach am Schluss Clint Eastwood endlich „Der Blitz soll dich beim Scheißen treffen!“ hinterherbrüllt.

Kaufen muss man ihn nicht, weil er gut genug ist, dass sich irgendwo auf Welt immer jemand findet, der ihn ungekürzt auf YouTube pumpt. Bis ungefähr vorgestern hat den Job eine Version mit arabischen Untertiteln gemacht, momentan ist es die mit den vietnamesischen. Die stören nicht weiter, geredet wird sowieso nicht viel. Und die Qualität ist auch nicht mieser als die VHS-Kassetten aus den Achtzigern, wenn man sie mit seinem Vater erst mal einen Monat lang täglich komplett durchgeschaut hat.

Was hat man vor dem Zeiten des Internets — angeblich gibt’s Amazon ja erst seit 1994, YouTube sogar erst seit 2005 — obskure Versandhändler damit bemüht, einem die ungekürzte Fassung mit den vollen drei Stunden aufzutreiben, und es soll bloß keiner glauben, dass die besonders schnell oder billig gearbeitet hätten. In der Kinofassung für Deutschland haben nämlich ein paar bestimmte Großaufnahmen gefehlt, in der Fernsehfassung gar der halbe Showdown auf dem Friedhof, der eigentlich den Film erst ausmacht. Wo sind die Dinger eigentlich heute alle, seit die heimischen Regalmeter für DVDs gebraucht wurden, an die sich zur Not noch jemand erinnert, weil Spaghettiwestern meistens erst ab 16 sind?

Arabien wusste noch von den ganzen 178 Minuten, Vietnam hat jetzt 174. Wer seinen komparatistischen Ehrgeiz darein setzen will, kann ja mal nachschauen, wo heute die restlichen vier abgeblieben sind.

https://youtu.be/xhtwrMlzUxo

Das ist sowieso das, was den Menschen vom Vieh unterscheidet: Er kann Western etwas abgewinnen und entdeckt auch nach dem hundertelfzigsten Mal noch neue Details.

Ein Herz und ein Arsch in der Hose

My career is a complete mystery to me. It’s been a total surprise since the first day. I never thought I was going to be an actress; I never thought I was going to be in movies. I never thought it would all happen the way it did.

A. H., uncredited.

Vorgestern, am 4. Mai, wäre Audrey Hepburn 87 geworden.

Audrey Hepburn makes cake for No Nonsense with Nuwan Sen, 2nd birthday, via Rare Audrey HepburnAudrey Hepburn wurde 1929 als Enkelin eines Barons und Tochter eines Nazi-Sympathisanten im belgischen Ixelles oder Elsene geboren. Gerade deshalb verbrachte sie ihre Jugendjahre hauptsächlich mit unter Lebensgefahr abgehaltenen Ballett-Aufführungen im holländischen Untergrund (Anne Frank war keine sechs Wochen jünger als Hepburn), um Geld für die Widerstandsbewegung im Kampf gegen die Nazi-Besatzung aufzutreiben.

Mit einem einzigen Film begründete sie ihren Ruhm als Schauspielerin nachhaltig genug, um fortan als Hollywood-Klassikerin zu gelten. Sie war die insgesamt fünfte Künstlerin, die alle vier großen Preise der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gewann: einen Oscar, einen Emmy, zwei Tony Awards und einen Grammy. Als erster gelang ihr das posthum. Mit zusätzlich der höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten von Amerika, der Presidential Medal of Freedom, steht sie bisher weltweit einzig da.

1988, etwa 20 Jahre nach ihrer großen Karriere und ein Jahr vor ihrem allerletzten Film, wurde sie zur zur Sonderbotschafterin von UNICEF ernannt. Die Wohlfahrtsmarke Audrey Hepburn gilt als wertvollste moderne Briefmarke der Welt.

Im Gedächtnis der ganzen Welt wird Audrey Hepburn wohl auf ewig dafür fortleben, dass sie früher um die 20 mal ganz hübsch war.

Carraro, Audrey Hepburn at a London supermarket for a UNICEF campaign, 7. Mai 1989

Bilder: Audrey Hepburn makes cake for No Nonsense with Nuwan Sen, 2nd birthday, via Rare Audrey Hepburn, 1. Mai 2016;
Audrey Hepburn photographed by Carraro at a London supermarket for a UNICEF campaign in London, England, May 7th, 1989 (also frisch 60-jährig), via Rare Audrey Hepburn, 27. Juni 2014.

https://youtu.be/BOByH_iOn88

Writing Bad

„Was haben wir eigentlich noch nie im Auftrag geliefert?“

„Wir haben schon immer alles geliefert. Ohne Verzug und hoffnungslos überbilligt.“

„Ja, aber was war noch nie dabei?“

„Hm … Ein Versepos in mehr als vierundzwanzig Gesängen?“

„Stimmt. Wir werden ins Grab sinken müssen, ohne das Sequel zur Odyssee geschrieben zu haben.“

„Du vielleicht.“

„Wieso, würdest du gern?“

„Nö, wozu denn. Mir reicht der Film.“

„Unterschätz das nicht. Der Nibelungen-Film dauert knapp drei Stunden.“

„Sind ja auch gleich 39 Gesänge.“

„Aventüüüüüren.“

„Stimmt, ist ja Stummfilm, da singt ja keiner.“

„In der Odyssee singt auch keiner, die werden gesungen.“

„Machen wir halt den Stummfilm, da sparen wir uns die Dialoge.“

„Sag bloß, Fritz Lang hat ausgerechnet die Odyssee als Film ausgelassen?“

„In echt schon. Bei Godard hat er wenigstens so getan.“

„Das ist die Lösung: Wir tun bloß so.“

„Dazu müsste man schon Fritz Lang sein.“

„Irgendwas ist ja immer.“

„Du willst nicht wirklich ein Drehbuch ohne Dialoge schreiben. Wie soll das gehen? ‚Odysseus steigt vom Berge Sinai herab und tut so, als ob er Sein oder Nichtsein aufsagt. Dann tut er so, als ob er sich von Kriemhild verabschiedet, um auf der Bounty das Goldene Vlies zu erbeuten‘ …“

„… ‚Statt dessen bleibt er aber in Auerbachs Keller hängen und tauscht den Einen Ring gegen ein Tischlein-deck-Dich“, ganz recht.“

„Jedenfalls tut er so. Das werden mindestens sechs Stunden.“

„Heute hat man sowieso eher Fernsehserien zum Binge-Gucken.“

„Braucht eigentlich jede Folge einen eigenen Konflikt?“

„Nicht, wenn du genügend Cliffhanger baust. Immer einen zur nächsten, und yippi.“

„Nein, keine Scripted Reality mit Werbeunterbrechungen.“

„Hätten wir auch noch nie gescriptet, so eine Reality …“

„Man trifft ja selten reale Leute.“

„Realität ist überschätzt. Die haben bloß irgendwelche romantischen Schwärmer Ende des Achtzehnten in die Literatur reingezerrt.“

„Für ein Drehbuch reicht aber heute kein einzelner Quotenneger mehr.“

„Nehmen wir halt Inder. Da gibt’s immer bloß einen einzigen pro Film, und die haben sich nicht so wegen dem Blackfacing.“

„Copperfacing? Noch nicht. Die lernen ja schnell, die Inder.“

„Am besten, du schickst eine arbeitslose lesbische Jüdin im Rollstuhl gegen einen alleinerziehenden Pädophilen aus Eritrea los.“

„Dann brauch ich die sechs Stunden erste Staffel schon für die Exposition.“

„Irgendwas ist ja immer.“

Valar Morghulis

The Tomahawk Films Blog, Kriegsweihnachten – Third Reich Christmas Carols 1939--44. The Leading Supplier of Original Third Reich Military Music to the World’s Movie & Television Industry and the WW II German CD collectorDer Welt droht die erste Kriegsweihnacht seit 1944. Das bedeutet, 2016 sind noch mehr Hassausbrüche und Gewaltexzesse unter der Zivilbevölkerung zu gewärtigen als in den 71 Jahren davor.

Ein längst nicht mehr entwirrbares Herumgerangel aus neoliberalen auf der einen und barbarischen Kräften auf der anderen Seite geben den jeweils anderen keine Faustbreit darin nach, wer über mehr Macht verfügt und fortan in allem und jedem recht haben darf. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Da sieht man mal, wie lebensnah die angebliche Fantasy-Serie Game of Thrones ist — welcher Fantasy-Charakter wiederum erklärt, warum ein ganzes Land Figuren, die möglicherweise als missmutig gealtertes Nerd-Mädchen und entfesseltes Golemweibchen ersonnen wurden, während üblicher Arbeitszeiten seine obersten Kriegsherren markieren lässt.

Positiv gedacht ist es ja erst die erste Kriegsweihnacht auf eigenem Boden seit längerem. Das bis jetzt erhältliche Weihnachtsgeflügel sollte also noch kein falscher Hase aus gepresster Holzwolle für die Handgranatenkisten sein, sondern veritable Vorkriegsware.

Wer bleibende Werte verschenken will, kapriziere sich auf Bücher: Wenn unsere Großeltern genug Exemplare von hanebüchenem Unfug wie Mein Kampf über eine ganze demokratische Periode hinwegretten konnten, um allen Ernstes gerade zu diesem Weihnachtsgeschäft eine kritische Edition aus dem einen Stück deutscher Geschichte zu stückseln, aus dem irgendjemand ausnahmsweise leider doch etwas gelernt hat (Institut für Zeitgeschichte München–Berlin IfZ, 2000 Seiten, 59 Euro, Bestseller Nr. 1), dann wird sich noch ein Eckchen in einem Bunker finden, um einen Weltkrieg lang ein paar richtige Bücher einzuwintern — solange sie noch erlaubt sind. Chanukka sameach.

Alexandre Town Trier, Please post your all-time favourite piece of visual art, 26. Dezember 2014

Bilder: The Tomahawk Films Blog: Kriegsweihnachten – Third Reich Christmas Carols 1939–44;
Alexandre Town Trier: Please post your all-time favourite piece of visual art, 26. Dezember 2014;
Soundtrack: Get Well Soon: Listen! Those Lost At Sea Sing A Song On Christmas Day, aus: Songs Against The Glaciation, der Weihnachtsbeilage zu: Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon, 2008. Vollbild und alle Regler nach rechts, wenn ich bitten darf.

Mondo Schmuddelkino

Der Fernsehtipp des ganzen nächsten Monats ist ja wohl: auf NDR, der sich hoffentlich weit genug südlich streamen lässt, die gleich drei Klassiker: Cinema Perverso. Die wunderbare und kaputte Welt des Bahnhofskinos: Eine Bahre für den Sheriff, Fünf Klumpen Gold und Töte Amigo — in den frühen Morgenstunden des 15. Dezember 2015 von 0.45 bis 5.15 Uhr hintereinander weg. Für echte Fans: Das ist der Donnerstag.

Diese B- bis E-Klasse der Italo-Western hat durchaus Fans — vor allem die mit Klaus Kinski, wo er dermaßen irre gucken darf, dass seine Auftritte in den familientauglichen Edgar-Wallace-Schnulzen dagegen reines Arthouse sind. Für einen Querschnitt durch das klassische Bahnhofskinoprogramm finde ich die Auswahl etwas einseitig: Wo bleibt der Schulmädchen-Report? Bademeister-Report? Hausfrauen-Report? Die Mondo-Serie? Lederhosen-Pornos? Romero, Russ Meyer, John Waters, die frühen David Lynch und Peter Jackson?

Und vor allem: Warum wurden jemals andere Filme gedreht als solche, die preiswert produziert werden können und gerade deswegen genug Schauwert aufweisen, dass man zuerst hinterher in der Kneipe und später seinen Kindern was zu erzählen hat?

Weil man nach dem Besuch eine Bahnhofskinos nicht in die Kneipe geht, sondern nach Hause zu seiner Frau und so tut, als wäre man überall gewesen außer im Kino. Die zuletzt genannten Regisseure sind keine Deutschen, die Institution des Bahnhofskinos hingegen so urdeutsch wie Faust persönlich (der selber nicht als Welterklärung eines Dichterfürsten, sondern als reißerisches Puppenspiel fliegender Komödianten angefangen hat).

Die Dokumentation, die der Filmnacht am 15. Dezember interpretierend beiliegt, läuft derzeit auf Arte und heißt ebenfalls Cinema Perverso. Da erfährt man 59 Minuten lang, dass Ben Becker und Wolfgang Niedecken zu ihren einstmaligen Besuchen in Bahnhofskinos stehen und Jörg Buttgereit zu dem Zeug, das er gedreht hat, dass eine gewisse Mechthild Großmann eine Stimmlage von einer geschätzten halben Oktave unter Elmar Gunsch spazieren führt, erlebt eine künstlerisch tatsächlich nicht ganz ambitionsfreie Nacktsequenz mit der welpigen Ingrid Steeger, auf die sie traurigerweise gar „nicht stolz“ ist, und fragt sich, wozu jemals das heimische Fernsehen eine derartige Verbreitung erfahren konnte und warum mein zuständiger Laden im ersten Stock vom Nürnberger Hauptbahnhof eigentlich „aki“ geheißen hat.

Solange Filme noch einen bewussten Weg zu einem dazu bestimmten Gebäude, Eintrittsgeld und eine Spanne aufmerksamen Stillsitzens erforderten, verbreitete sich der Kopiensatz über eine lange Verweildauer in den Kinos und wurde von großen Häusern in großen Städten in kleine Klitschen auf dem flachen Land durchgereicht, danach wieder zurück in die Großstadt, wo der Film dann schon seine ganze Zielgruppe erreicht hatte, oft sogar mehrmals, und noch eine Zeitlang im Bahnhof lief.

Im Laufe der 1960er Jahre, als jeder gratis drei Fernsehprogramme von der Kinderstunde bis zum Ameisenkrieg anschauen konnte, ohne den Hintern zu heben, ließ das nach. In den 1980ern, als jeder nach Belieben Videokassetten kaufen, ausleihen und sogar selber aufnehmen konnte, starb es aus. Betriebswirtschaftlich sagt man wohl: Die Wertschöfpungskette eines Films hat sich dahingehend geändert, dass er aus dem Multiplex nahtlos auf Blu-ray übergehen muss, damit ihn nicht jeder Schulfratz sofort dem Markt entzieht. Oder kürzer: Ein Film rechnet sich gleich oder gar nicht.

Man mag das bedauern; in Cinema Perverso beteuern jedenfalls alle Interviewten aufs ausführlichste ihr Bedauern darüber. Wahrscheinlich ist es wie mit den ehrbaren Absturzkneipen: Ein-, zweimal war jeder drin, leugnet es aber erstens und kann zweitens damit keinen Laden ernsthaft finanzieren. Was damals „Schmuddelfilme“ waren, ist heute mindestens „Trash“ und somit „Kult“ und lehrt uns, wenn schon keine Alltagskultur, was die heutigen Herrgötter des Films ohne Jugendfreigabe, Tarantino und Rodriguez, da eigentlich die ganze Zeit keineswegs ohne Respekt zitieren.

Aus Johnny Depp (A Nightmare on Elm Street, 1984) und Renée Zellweger (Texas Chainsaw Massacre – Die Rückkehr, 1994) ist schließlich auch noch was geworden, die späten Machwerke von Peter Jackson (Bad Taste, 1987) kommen auf 17 Oscars bei 30 Nominierungen. Nur Brad Pitt (Todesparty 2, 1988) hat mit der Scream Queen Jennifer Aniston (Leprechaun – Der Killerkobold, 1993) gebrochen und musste dafür die böse Hexe heiraten.

Die wirkliche Frage ist allerdings: Was muss das für ein Zeitalter der Unschuld gewesen sein, in dem sich erwachsene Menschen allen Ernstes an Filmen wie Die Todesgöttin des Liebescamps (Christian Anders, 1981) aufgeilen konnten?

Wenn mich jemand sucht: Ich schau mal nach, ob Friß den Staub von meinen Stiefeln (1970) und Ein Zombie hing am Glockenseil (1980) endlich auf YouTube in halbwegs hinnehmbaren Schnittfassungen vorliegen.

Ingrid Steeger beim Bergsteigen

Das Bild ist der beschriebenen Dokumentation Cinema Perverso von Lunabeach auf Arte entnommen. Wer mir als erstes in den Kommentar schreibt, aus welchem Film das stammt, kriegt ein schönes Buch oder vielleicht auch passender: ein grausigen Film auf DVD von mir. Diese Verlosung ist privat wie nur was, dient rein meiner persönlichen Belustigung und schließt jeden Rechtsweg aus.

Der Woche ihre Filme

Das bayerische Filmschaffen besteht praktisch aus Marcus H. Rosenmüller, das fränkische gar nicht mehr; was macht eigentlich inzwischen Fitzgerald Kusz (1 Film, 1989)?

Einen einzigen Film zu benennen ist ein müdes Witzchen. Es müssen viele sein, dann klingt’s lustig. Und beschweren Sie sich nicht bei mir, wenn Sie jetzt den ganzen Tag albern grinsend über süddeutsche Filmprojekte nachdenken. — Die ersten 25 alphabetisch nach Vorlage:

  • Den Killertomaten ihr Angriff
  • Dem Architekt sein Bauch
  • Dem Dorian Gray sein Bildnis
  • Dem Prinz seine Braut
  • Den Frauen ihr Duft
  • Dem Geld seine Farbe
  • Der Entscheidung ihr Fels
  • Der Sohn vom Frankenstein
  • Dem Grauen sein Fahrstuhl
  • The Fog – Dem Grauen sein Nebel
  • Dem Zorn seine Früchte (eigentlich: Der Wut ihr Obst)
  • Dem Tod sein Hauch
  • Dem Verderben sein Labyrinth
  • Im Vater seinem Namen
  • Dem Dr. Moreau seine Insel
  • Dem verlorenen Schatz seine Jäger
  • Der Spinnenfrau ihr Kuss
  • Nosferatu – Dem Grauen seine Symphonie
  • Dem Teufel seine rechte und seine linke Hand
  • Der Kokosnuss ihre Ritter
  • Den reitenden Leichen ihre Rückkehr
  • Im Zweifel seinem Schatten
  • Dem Manitu sein Schuh
  • Den Lämmern ihr Schweigen
  • Dem Leben sein Sinn

Weiß jemand noch mehr?

Austen, Brontë, Woolf

Gegen die galoppierende Verwechslungsgefahr merken wir uns ganz einfach: Jane Austen ist ungefähr die Muttergeneration der Brontë-Schwestern — vor allem der schreibenden Anne, Charlotte und Emily. Zwei Brontë-Schwestern, Elizabeth und Mary, sind noch als Schulmädchen gestorben; vom einzigen Bruder Patrick gibt es auf eine fast theoretische Weise die gesammelten Gedichte, aber die will niemand lesen, bezahlen oder gar übersetzen, ansonsten soll er recht begabt gemalt und vor allem in der Dorfkneipe beim Porter Schoten erzählt haben. Das Alter von vierzig Jahren hat überhaupt nur Schwester Charlotte erreicht, die außerdem die einzige war, die nicht als Jungfrau gestorben ist: Ein Kumpel ihres Vaters hat sich ihrer mit 39 erbarmt, aber damit nicht eine schließlich doch noch geoutete Bestseller-Autorin geheiratet, sondern seine örtliche Pfarrerstochter. Alle anderen welkten pünktlich kurz vor ihren Dreißigsten ab — es herrschte ein hässlich feuchtes, der Lunge junger Mädchen (und Patricks) wenig zuträgliches Hochmoorklima im Pfarrhaus mit Fenster auf den Friedhof zu Haworth in West Yorkshire. Vater Brontë überlebte alle, trotz seiner sechs Kinder der letzte Spross seines Stammes.

Mit Jane Austen, ebenfalls ledigerweise nur 42 geworden, verbindet diese glücklose Familie ein angenehm überschaubares Gesamtwerk, das jeweils in einen einzigen, dann aber geradezu waffentauglichen Band passt, sowie dessen vollständige und sogar mehrfache Verfilmung, für die man sich nicht allzusehr genieren muss, wenn man sie ab und zu binge-watcht. Austen- und Brontë-Filme machen Spaß, sogar noch die richtig miesen, und man verschafft sich mal wieder das nützliche Gefühl, man habe wenigstens versucht, eine Handlung davon zu kapieren.

Viel mehr Schreiberinnen solcher Filmvorlagen sind nicht bekannt. Man kann allenfalls Elizabeth Gaskell, persönliche Freundin und erste Biographin von Charlotte Brontë, und ein paar obskure Georgianerinnen dazuzählen — mit der Schreiberei was fürs Herrenhaus dazuverdienen war erst als Viktorianerin nichts Peinliches mehr — und dann entweder bemängeln oder liebenswert finden, dass immer wieder nur das verfilmt werden kann, was nun mal da ist. Ich finde es sogar bereichernd, in die Tiefe statt in die Breite zu konsumieren — oder finden Sie mal raus, auf welche Verfilmung von Wuthering Heights hin Kate Bush 1978 zu ihrem überkandidelten Ausdruckstanz gejodelt hat.

Vroni nennt dieses durchweg erfreuliche Genre sehr treffend „Häubchenfilme“ und guckt lieber Schwedenkrimis, die gar nicht trostlos genug verlaufen und ausgehen können. Recht hat sie damit, dass Jane Austen auf einer Seitenzahl, in der man getrost eine ausgewachsene Romanhandlung unterbringen könnte, gerade einmal das Setting schafft, und wenn’s endlich losgehen könnte, sind alle schon verheiratet. Tot oder glücklich wären sie erst bei Charles Dickens, aber dazu brauchte es historisch noch die Zwischengeneration der Brontinnen (wie ja die Brontës insgesamt so eine Art Charles Dickens für Mädchen sind, was spätestens dann auffällt, wenn bei John Irving in Gottes Werk und Teufels Beitrag den Waisenkinderlein im Wechsel David Copperfield und Jane Eyre vorgelesen werden).

Wer genug Häubchenfilme auf Handlungsdichte und Figurenführung durchgeschaut hat, merkt dann schon, welchen Satz nach vorn die Auffassung von Suspense in dieser entscheidenden Generation vollführt hat: Die Austen stickt noch Bildchen auf Sofakissen, die Brontës spulen schon Filme ab. Es kann auch, wenn man an dergleichen glaubt, an der Geographie liegen: Die Austen erzählt über die englische Südküste, wo am Golfstrom die ersten Palmen gedeihen, die Brontës kauzen über die knorrige Gegend an der Grenze zu Schottland herum. Und Dickens, wieder eine Generation später und von immerhin London aus wirksam, konnte dann sowieso alles.

Weiterhin verbindet Jane Austen und die drei literarisch hervorgetretenen Schwestern Brontë, dass sie im derzeitigen deutschen Buchhandel in mehreren qualitativ unterschiedlichen Gesamtausgaben stattfinden. Das reicht von den besten, natürlich wie immer beim Insel-Verlag, der für solche Gestalten ja geradewegs zuständig ist, bis hin zu Volltextabdrucken in lustigen Eindeutschungsversuchen auf einer Art saugfähigem Küchenpapier, natürlich wie immer bei ganz und gar unnötigen Verlagen, die nur deswegen Verlage sind, weil der Controller gehört hat, dass man in manchen Weltgegenden quasi für nix saugfähiges Küchenpapier volldrucken und in Deutschland preisgebunden verkaufen kann. Beider — oder genauer: vierer — Gesamtausgaben sind in schmucken Sammelkästen erhältlich, weil man mit den einbändigen Ausgaben beim Lesen im Bett Gefahr läuft, sich beim Wegdösen das Nasenbein zu brechen.

So eine Schmucksammlung wünsch ich mir endlich aus einer bis drei weiteren Generationen später: von Virginia Woolf, über deren Orlando in der jüngsten Übersetzung von Melanie Walz man ja Wunderdinge hört. Der ist von 1928 im Eigenverlag einer starken Frau erschienen, da wurden die englischen Könige schon fotografiert statt gemalt, die Engländerinnen wurden zu politischen Wahlen zugelassen und die Häubchen fallen nicht mehr als Stigma unterdrückten Heiratsfutters auf, das ist dann vielleicht sogar für Vroni zeitgemäß genug. Und verfilmt ist der — wenn schon, dann richtig — mit Tilda Swinton.

Filmtipp: Der eine Häubchenfilm, der wirklich richtig was taugt, ist Sinn und Sinnlichkeit nach Jane Austen — aber der von 1995, mit Emma Thompson als Hauptrolle und dem 1996er Oscar fürs adaptierte Drehbuch, Kate Winslet in der anderen Hauptrolle, einem gewohnt doofen, aber gut gelaunten Hugh Grant, dem sowieso immer lohnenden Alan Rickman und ein paar frühen, hinreißend grantigen Kurzauftritten von Hugh „Dr. House“ Laurie in seiner Jungform, als er eigentlich noch Musiker war.

Das Kulturereignis des Monats

Den Mai durch haben sie die Musikabteilung der Gasteig-Bibliothek ganz erheblich umgeräumt. Sie will laut Eigenbeschreibung immer noch „die größte kommunale Musikbibliothek in Deutschland“ sein, macht neben der größten Klassikabteilung der Welt, der beim Beck am Rathauseck, eine ganz ordentliche Figur, liegt immer noch im Keller, und sogar das elektrische Klavier zum Ausprobieren der Partituren ist noch da, aber nach Münchens einzigem zugänglichen Exemplar der Ästhetischen Theorie von Adorno muss man jetzt ganz schön schatztauchen, dafür findet man sich in den DVDs mit den Opernmitschnitten endlich zurecht. Auch schön.

Eine Inszenierung von Robert Wilson ist da, der Orphée vom Ritter Gluck, Pariser Fassung auf Französisch. Das ist fein, die hab ich immer gemocht, weil die Sorgen von Orpheus nicht erst seit seinem glücklosen Auftritt in den Sandman-Comics an irgendwas Uriges in mir rühren — meine erste Oper, die ich nach dem ganzen Operetten- und Eindeutschungsdesaster auf Vinyl in meinem elterlichen Haushalt als Gesamtaufnahme selber gekauft hab, aber nie gesehen. Außerdem mit der kleinen schnellen rothaarigen Patricia Petibon, eine der wenigen liebenswerteren Sopranetten, Jahrgang ’70, so sind sie, die Französinnen, als was sonst denn als L’Amour. Nix wie für zwei Wochen eingesackt (nicht verlängerbar).

Zur Einstimmung, weil ich über Robert Wilson nicht viel mehr weiß, als dass er mal den Black Rider von Tom Waits in seine gültige visuelle Form gebracht hat, muss man den natürlich erst mal feste googeln — um herauszufinden, dass genau dieselbe Inszenierung seit Jahren auf YouTube rumsteht. Sogar mit allem nötigen Gemoser der Kulturchecker drunter, dass Orpheus auf Französisch ja wohl mal gar nicht geht, wie immer das im englischen Wortlaut heißt, und wenn man eine Inszenierung von Robert Wilson gesehen hat, hat man alle gesehen.

Mein eigener innerer Kulturchecker findet es dagegen recht angemessen, dass eine Pariser Fassung egal wovon auf Französisch stattfindet, und eine wiedererkennbare Handschrift nennt man unter Freunden nicht „alle gesehen“, sondern „wiedererkennbare Handschrift“; oder gucken solche Miesmuscheln dann auch nie wieder einen Coen-Film, bloß weil Fargo eigentlich ganz lustig war? Und wessen Herz nicht aufgeht, wenn Patricia Petibon die barfüßige Amour gibt, wo hält sich das die ganze Zeit versteckt?

Die anrührendste Oper der Musikgeschichte als DVD und als eindreiviertelstündiges YouTübchen. Der Abend ist gleich zweimal gerettet. Lieber la Petibon zuhören als Sorgen wie Orpheus zu haben, seine Frau durch Schlangenbiss zu verlieren, aus der Hölle herauszuholen, auf dem Rückweg gleich nochmal zu verlieren und für die Bewältigung seiner Trauer von den Mänaden zu rohem Stifado zerrissen zu werden. Auf soviel kann man sich wohl einigen.

Fünfzig graue Sonnenbrillen

Was sich bloß dauernd alle so aufregen: Ein Kapitalist misshandelt und fickt eine Geisteswissenschaftlerin. Damit die Zuwendungen nicht aufhören, lässt sie sich’s gefallen.

Das nennt man Arbeitsleben. Für den Anteil an Handlung, den jeder Porno aufweisen muss, finde ich das sogar ausgesprochen lebensnah. Und dass genau das nicht als Film funktioniert, weiß man seit 1986.

Agnes‘ neue Welt

Vieles erinnert an einen französischen Spielfilm, den es mal im Kino gab.
Aber der hier ist wahr:

http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/lebenslinien/lebenslinien-128.html
43 Minuten.

Wie eine Frau das Grobe, Autoritäre und Herzlose ihrer Kindheit hinter sich lässt und sich ein Leben in Fülle aufbaut. Hut ab! Einiges ist mir zu eso, doch das stört mich hier gar nicht. Es passt. Das Wort Achtsamkeit passt hier, absolut.

Einiges am eigenen Leben fällt einem da ein. War auch eine, der der harte Ton und das einander nicht Zuhören zuhause nicht gefiel und die ebenfalls rasch auszog. Was sie dann aber geschafft hat, übersteigt bei weitem das, was ich jemals hingekriegt habe. Ich habe tiefen Respekt: eine Riesen-Lebensleistung. Aber nicht wie man viel Kohle scheffelt und andere ausschmiert, sondern wie man mit der Gemeinschaft ein innerlich reiches Leben führt.

Der Trailer für Schnellgucker zur Einstimmung:


(Der leider zu viel aus BR-Eigenwerbung besteht, knurr)
 

 

Kein Ding draus

1.: Die Realität:

Die Chefin: „Wolf?“

Der Chef: „O je …“

Die Chefin: „Bist du beschäftigt?“

Der Chef: „Und wenn nicht, dann bin ich’s jetzt?“

Die Chefin: „Najaa …“

Der Chef: „Schwer beschäftigt!“

Die Chefin: „Deine YouTübchen haben einen Pause-Button. Brot ist alle. Obst, Tomaten, Waschpulver, Frühstückssachen, dein Deo, Klopapier.“

Der Chef: „War’s das?“

Die Chefin: „Von deinen Widerworten kommen die Sachen auch nicht von selber dahergelaufen.“

Der Chef: „Ich kann so nicht arbeiten.“

Die Chefin: „Indem du dir die Einkaufsbeutel schnappst und da rausgehst, schon. Bis später, Beutelwolf.“

~~~\~~~~~~~/~~~

2.: Die Filmvorlage:

Aus: P.S. I Love You, 2007:

Als Leprechaun verkleideter Briefbote mit Luftballons an der Haustür: „Sind Sie Holly Kennedy?“

Holly Kennedy: „Singen Sie mir dann was vor?“

Briefbote: „Ja!“

Holly: (aalglatte Wendung) „Nein, die bin ich nicht.“

Briefbote: „Machen Sie jetzt bitte kein Ding draus. Ich soll singen und einen Brief abgeben.“

Holly: „Einen Brief? Was sollen Sie singen?“

Briefbote: „‚Yah Mo B There‚.“

Holly: (versucht eine Win-win-Situation) „Ohh, bitte nicht. Geben Sie den Brief her.“

Briefbote: (händigt den Brief aus) „Wenn das jemand petzt, dann …“

Holly: „Wer — die Koboldgewerkschaft?“

Briefbote: (langsam ernstlich genervt) „Ich hab zusammen mit Al Pacino in einem Off-Broadway-Stück gespielt, ich hab das hier nicht nötig. — (Zeigt auf seine Luftballons) Wollen Sie die?“

Holly: „Nein.“

Briefbote: (grob) „Auch gut!“ (Verschwindet hinter der zugeknallten Tür.)

~~~\~~~~~~~/~~~

3.: Das Original:

Aus dokumentarischen Gründen, damit wir für diese Woche wieder was Kulturelles geleistet haben, folgt derselbe Dialog im Originalwortlaut. Die eigentliche Leistung ist, dass ich das dahingenuschelte Lied dingfest machen konnte. Einer muss es machen:

Leprechaun: „Are you Holly Kennedy?“

Holly Kennedy: „If I am, will you sing at me?“

Leprechaun: „Yes.“

Holly: „No, I’m not.“

Leprechaun: „Please, don’t make this an issue. I gotta sing and deliver a letter.“

Holly: „A letter? What’s the song?“

Leprechaun: „‚Yah Mo B There‚.“

Holly: „Oh, please don’t, just give me the letter.“

Leprechaun: „I could get reported!“

Holly: „By who? The leprechaun union?“

Leprechaun: „You know, I was in an off-Broadway play with Al goddamn Pacino, I don’t need this shit. — Want the balloons?“

Holly: „No.“

Leprechaun: „Fine!“

Der Soundtrack zu einem Dialog aus diesem Film fällt leicht: Die denkbar hanebüchene Rom-Com wird zu einem guten Teil von den ganzen Pogues-Liedern gerettet. Die Handlung läuft ohnehin auf nichts anderes als den Moment zu, wo schon mal das Nachspannlied einsetzt und punktgenau synchron zu einem besonders romantischen Moment endlich das Schlagzeug um die Ecke biegt: Flogging Molly: If I Ever Leave This World Alive, ach.

(Don’t Trust the Girls,) Trust the Mittelstand.

Titanischer Service bei Peter Naguschewski (Kreuzstraße 15, das ist da beim Buchladen ums Eck durch die Passage auf der andern Seite, wer’s kennt):

Film Service München Inh. Peter Naguschewski, Kreuzstraße 15

Don’t Look Now

Update zu Undressed to Shower. The Hollywood Küchenmesser Massacre. Liebe, Tod und Marli Renfros Füße in Schokosirup:

The Man Who Wasn't There, film poster 1983

The Man Who Wasn’t There, 1983.

 

The Man Who Wasn't There, film poster 2001

The Man Who Wasn’t There, 2001.

 

The Man Without a Past, film poster 2002

Der Mann ohne Vergangenheit, 2002.

 

Body of Lies, film poster 2008

Der Mann, der niemals lebte, 2008.

„Don’t Look Now“: Die Vögelsequenz aus dem gleichnamigen Film, der auf Deutsch sinnloserweise „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ heißt, hab ich lange Zeit für die beste der Filmgeschichte gehalten, wegen der gegenläufigen Schnitttechnik nämlich, ehrlich – und bin damit in illustrer Gesellschaft („We cannot see humping. We cannot see the rise and fall between thighs. […] technically speaking, there was no ‚humping‘ in that scene.“ Nicolas Roeg, Regisseur). Trotzdem oder deswegen muss man von Deutschland aus ganz schön kramen, bis man eine technisch halbwegs brauchbare Version davon findet. Soweit ich mich an Sexualität erinnere, haben diese drei Minuten allerhand mit dem zu tun, was man so treibt, wenn zufällig mal kein Kameramann zuschaut, der sein Regiedebüt dreht. Deshalb, meine lieben minderjährigen Weblogleser: Weg die Mausepfoten, ja? Wie das geht, kriegt ihr noch beizeiten genug spitz, und ich weiß heute selber, dass Vögelsequenzen nicht in Filme gehören: Wenn in einem Film ein Hemd aufgeknöpft oder das Haarband aus einem Zopf geschüttelt wird, hat das gefälligst als Chiffre zu genügen. Da muss kein unbefugter Sadist von Regisseur seine zahlenden Zuschauer noch weiter damit foltern, was sie alles im Leben verpassen. Aber Julie Christie konnte man 1973 noch ganz gut anschauen („People didn’t do scenes like that in those days.“) Schönes Wochenende.

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