Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Fast Food und andere Ungereimtheiten (Seite 1 von 2)

Seidenstraße

Update zu Die west-östlichen Sofata:

In der Goethestraße
kauf ich das
Gemüse, seit in
der Türkenstraße kein
Antiquariat mehr steht.

Kausal unhaltbar. Nochmal:

Seit in der
Türkenstraße kein Antiquariat
mehr steht, kauf
ich das Gemüse
in der Goethestraße.

Auch nicht besser.

Soundtrack: Nil Auslaender: der ost und der west SOFA
(der west östliche divan von wolffgang göte), 28. Mai 2010:

Sammeln Sie Punkte?

Auf die Frage hab ich bis letzte Woche immer geantwortet: „Ja, im Gesicht.“ Danach kennt mich die Kassiererin und fragt nie wieder.

Letzte Woche ist mir beim Warten an der Bushaltestelle eine Paybackkarte zugelaufen. Da ist eine rote Katze drauf, die mich anmiaute: „Nimm mich mit!“ Erster Impuls natürlich: ab damit ins Fundbüro, aber wo um Himmels willen ist ein Fundbüro und gibt’s das überhaupt noch? Sonst finde ich immer nur Eurostücke, die sich als Augustiner-Kapseln herausstellen.

Ein Test bei der Kassiererin, die mich schon lange nicht mehr fragt, ob ich Punkte sammle, ergab: Weiterlesen

Essbares München

Update zu Obwohl ich arm bin, kann ich in meiner Bude Fahrrad fahren:

Was sagt es eigentlich über eine Stadt aus, in deren größter Filiale der Stadtbibliothek der Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann, Roland Spiegelberger: Essbare Wildpflanzen einfach bestimmen: Die 50 beliebtesten Arten in mehr als 400 Farbfotos. Mit Rezepten und Tipps für die Küche, AT-Verlag, Aarau 2016, beständig ausgeliehen ist und dazu eine nicht abebbende Zahl von Vorbestellungen hat? Wenn das einzige gratis zugängliche Exemplar eines Buches, das Auffindung und Verwertung von gratis zugänglichem Essen verrät, wenn es wirklich mal unvorbestellt im Bibliotheksregal steht, so zerlesen aussieht — Erscheinungsjahr: 2016 — wie das benachbarte Fachbuch über Blumengestecke für ein schöneres Heim seit 1996 nicht?

Wenn zwischen den Seiten dann auch noch ein vergessenes Lesezeichen steckt: ein namentlich ausgestellter, aktueller Bezugsschein für die Münchner Tafel, Ausgabestelle Milbertshofen?

Was das über eine Stadt aussagt? Dass da lauter lebenslustige Schickimickis wohnen, die nach fünf Maß à 10,90 Euro im Käfer-Zelt nichts sehnlicher begehren als eine After-Wiesn-Party, oder etwas anderes? Die Münchner Tafel zählt:

Schon jeder 6. Münchner gilt als arm

Eine viertelmillion Menschen lebt in München unter oder am Rande der Armutsrisikogrenze. Mehr als 120.000 Münchnerinnen und Münchner benötigen Sozialleistungen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Und:

Deshalb können wir nur denjenigen helfen, die ihre Hilfsbedürftigkeit auch nachweisen können. Die Voraussetzung für diesen Nachweis ist, dass Ihnen nach Abzug von Miete und Mietnebenkosten nicht mehr als 409 Euro pro Monat zur Verfügung stehen.

Wenn Sie Lebensmittel-Hilfe von der Münchner Tafel in Anspruch nehmen wollen, müssen Sie sich zuerst unbedingt bei unserer telefonischen Sprechstunde anmelden. Diese findet immer mittwochs zwischen 14 und 15.30 Uhr statt. Einfach die 089/292250 anrufen. Dort erfahren Sie dann, wie es genau weiter geht.

Aufgrund der großen Nachfrage kann es sein, dass die Telefonleitung überlastet ist. Dann versuchen Sie es bitte nochmal.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ein Besuch in unserem Büro, vor der telefonischen Anmeldung, überhaupt keinen Sinn macht.

Tröstlicherweise gibt es auch noch, alle im AT-Verlag Aarau, chronologisch:

  • Steffen Guido Fleischhauer, Andreas Thumm: Wildpflanzen-Salate: Sammeltipps, Pflanzenporträts und 60 Rezepte, 2006;
  • Steffen Guido Fleischhauer: Kleine Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen. 1000 Pflanzen tabellarisch, mit 300 Farbfotos, 2010;
  • Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann: Enzyklopädie essbare Wildpflanzen. 2000 Pflanzen Mitteleuropas. Bestimmung, Sammeltipps, Inhaltsstoffe, Heilwirkung, Verwendung in der Küche, 2013 [teuer, aber empfohlen. Das will ich];
  • Roland Spiegelberger, Jürgen Guthmann: Essbare Wildpflanzen: 200 Arten bestimmen und verwenden, 2015.

Das mit den 50 beliebtesten Arten mit den Rezepten und Tipps für die Küche führt in der Münchner Stadtbibliothek am Gasteig die Signatur Uga 70 /FLE, das ist im zweiten Stock unter Botanik.

Zusatzinformationen: Das Sammeln und Verwerten von Wildpflanzen ist ohne Genehmigung für den Eigenbedarf erlaubt. München hat 1.545.105 Einwaohner (Stand: 31. März 2017). Ein Benutzerausweis der Stadtbibliothek München kostet im Moment 20 Euro pro Jahr.

Soundtrack. Ralph McTell: Streets of London, aus: Spiral Staircase, 1969:

Ich bin nicht alt geworden, ich bin noch allzeit jung

Am einzigen Regentag der Woche nach Schäftlarn pilgern, um lokalen Klosterhonig aufzutreiben, zum ersten Mal im Leben Fotos von den Sehenswürdigkeiten machen, ohne einen ausgewiesenen Fotoapparat zu benutzen, am Abend mit demselben Gerät auf Spotify das Gesamtwerk von Zupfgeigenhansel durchhören und dann wundern, wenn’s Werbung für Treppenlifte reinschwemmt. Genau mein Humor.

Öffnungszeiten vom Klosterladen:
Mittwoch bis Samstag: 14.00 bis 17.00 Uhr,
Sonn- und Feiertage: 11.00 bis 17.00 Uhr.
Montag und Dienstag: geschlossen.
Sonntage im Januar, Februar und März: geschlossen.

Kloster Schäftlarn von hinten, mit Obstgarten, 22. März 2017

Buidl: Kloster Schäftlarn von hinten mit Obstgarten, 22. März 2017, von mir. Schenk ich Ihnen, weil’s meins ist.

If you are the dealer, I’m out of the game

Fällt das wieder allein mir auf, dass seit Wochen alle von 2016 in der Vergangenheit reden? Bis es die anderen merken, ist 2016 Vergangenheit, und es wird sich — Futur römisch zwei — herausgestellt haben, ob eine tourettekranke Gelbbauchunke in Amerika noch vor Weihnachten einen Atomkrieg losgebrochen hat oder erst hinterher, und ob man sich, wenn die ganzen geflüchteten erzkatholischen Mexikaner mit den angestammten Islamisten zusammentreffen, nach Mitternacht noch in die Bahnhofsgegend trauen kann, um ein paar Flaschen zu sammeln.

Die gute Nachricht ist: McDonald’s hat endlich den Nutella-Burger erfunden. Die schlechte: und schafft den Big Mac ab. Und die mittelgute: In der Münchner Bahnhofsgegend gibt’s praktisch keinen McDonald’s.

Soundtrack: Leonard Cohen: You Want It Darker, 2016, natürlich als vollständige Playlist, solange sie legal bleibt (jedenfalls so lange, wie sie nicht in in private Weblogs eingebettet wird).

Das Haustier und das Nutztier und die schöne regionale Welt

Unser Umgang mit Tieren

Hier spricht mal wieder der Kater.
DEM KATER SÎN BLOG: Hier spricht der Kater. 17 und forever young.

Wenn der moderne Mensch die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient, selbst töten müsste, würde die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene steigen. (Christian Morgenstern)

Weh dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt. (Christian Morgenstern)

Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück. (Charles Darwin)

 

Moritz am Ende ihrer Tage

My sun sets to rise again. (Moritz,17, † 17. Mai 2015)

Es geht um Anzeigen gegen Schlachthöfe, die CO2-Gruben, abgebrühte Schweine im Todeskampf und den juristischen Kampf gegen uneinsichtige Betreiber und lahme Kommunen.

Der Staat gibt sich – fast wie immer  – hilflos.

Ich wiederhole der Einfachheit halber den Link dort unten zum Spenden:

Mit Ihrer Hilfe schalten wir für die Tiere die Justiz ein.

 

Man kann viel gegen PETA e. V. haben, aber hier spenden ist eine wirklich gute Sache!

Falls Interesse an Infos aus der unabhängigen, investigativen Presse besteht, der Schlachthof Landshut lässt es grade „tierisch“ krachen. Die SZ berichtet am 27. Juli 2016:

http://www.sueddeutsche.de/bayern/verbraucherschutz-tierquaelerei-und-ungeziefer-auf-niederbayerischem-schlachthof-1.3097244

CO2-Begasung die nachgewiesen qualvoll ist (siehe auch Bundesfleischforschungsanstalt Kulmbach), Ü-Stunden bis oder über 10 Stunden/d der überlasteten Arbeiter (Akkord, nehme ich mal an), die den Tötungstich den nicht mehr sauber setzen und die Tiere im Brühgang erst qualvoll verecken.

Einfach nur kein Fleisch mehr essen reicht nicht, wenn sich was für die Tiere und wenn sich unser Umgang mit Tieren verändern soll.

Der Fleischkonsum in Deutschland sinkt stetig. Aber díe Fleischerzeugung steigt widersinnigerweise dennoch. Die Fleischerzeuger machen dann eben schwer auf massiven (Billig?-)Export. Und zerstören dann eben die heimischen Infrastrukturen eben dieser anderen Länder.

Am Ende auch noch EU-subventioniert ist anzunehmen. Aber auf den Webseiten der einschlägigen „Erzeugergemeinschaften“ ein Werbe-Gesülze an Texten, dass man pfeilgrad fast glauben könnte, den Tieren und der heiligen regionalen Erzeugung würde ante und post Mortem ein rosarotes Himmelreich errichtet. Dass sogar ein Werber im Gesicht rot wird. Ob diese ungesunde Gesichtsfarbe von Scham oder vor Wut kommt, ist auch schon egal.

 

Gruß

der Kater

Neulich

Neulich, als ich einen 2013er Merlot trank und Nürnberger Lebkuchen aß (Wicklein Meistersinger) stieß es mir nach irgendwas mit Heizöl auf. Nachdenklich geworden.

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O.k., hab eine geraucht. Das war aber schon alles.

 

 

 

Weihnachten Wein Lebkuchen Heizöl and all this Holy Shit

Unschlagbare Neue Gespenster eingetroffen … (Eine Art Nachlese vom Oktoberfest in München – ein freundliches Anti-Wiesn-Bashing)

DEM KATER SÎN BLOG: Hier spricht der Kater.

Die Künstler sind wie Sonntagskinder; nur sie sehen Gespenster. Wenn sie aber ihre Erscheinung erzählt haben, so sieht sie jedermann.

 

Ich möchte fast glauben, Herr Pastor, wir alle sind Gespenster. Nicht bloß das geht in uns um, was wir von Vater und Mutter geerbt haben. Es sind allerhand alte, abgestorbne Ansichten und allerlei alter, abgestorbner Glaube und dergleichen. Es lebt nicht in uns, aber dennoch sitzt es fest in uns, und wir können’s nicht loswerden.

 

Neeiiiin, nicht Halloween. Das Oktoberfest! Sehet die unschlagbaren Gespenster.
Die Gespenster des Oktoberfests
Die unteren Gespenster abgedeckt. (Mer waas nie, wer sich alles erkennt am letzten Oktoberfesttag – und dann hat der Kater des Gschieß mit den Rechten … ^^. (… am Bild…)

Und lesbarer in Groß, mit allerbester Rächtschraipung:

Neue Gespenster eingetroffen! In Groß.
Auch diese auf den Augen schröcklich abgedeckt, mer waas ja nie …

Das war das Lustigste am Oktoberfest. Auf dem der Kater höchstselbst am letzten Tage flanieren tat.

 

Auch sehr lustig:
Der einzig wahre Maiskolben. Huldigt ihm!
Huldigt dem Maiskolben! (Blick vom Augustiner-Biergarten aus, aber hey!)

Er, der Maiskolben, ist zwar nicht sonderlich bairisch, aber des is wurscht, net woar. Er ist internationales Barbequju. Des is wichtig. Im Angesicht des majestätischen Maiskolbens im Biergarten des Augustiner-Wahrzeichens, des Turms, nahm der Kater trotz der Widrigkeiten (voll und kaum ein Plätzchen zu finden) traditionell eine Maß Augustiner und ein Hendl zu sich.

Gruß also von der internationalen Wiesn vom internäschonäl Kater. Habe Gerhart Polt gesehen. Wie er von der Alternativ-Wiesn kumma is. Mitsamt seiner Entourage. Ansonsten nix Wichtiges. Die Leut im Biergarten waren wunderbar, lieb, angenehm und gaaanz normal. Null Schickimicki, keine Besoffenen, keine Randalierer, kein IS. Habe es genossen, so soll Wiesn sein.

 

Gruß
Der Kater, das Sonntagskind
Der geliebte Kater Mor. Wie er die Welt sieht.
In sich ruhend und geliebt von den Seinigen.

Take the Fruktoseintoleranz Away From Me o Lord

Give me cornbread when I’m hungry,
give me corn liquor when I’m dry.
Give me wine and women while I’m living
and sweet salvation when I die.

John Fahey: The Dance of Death
and Other Plantation Favorites
, 1964 ff.

Allgemeinmenschliche Verhaltensweisen wie das Gucken von YouTube-Videos, Zigarettenrauchen und Alkoholismus sind heute gut behandelbar, weil Betroffene ihre Umgebung meist ausführlich an ihrem Krankheitsverlauf teilhaben lassen.

Schwieriger liegt der Fall bei intestinaler Fruktoseintoleranz, weil die Umgebung das Wort nie für die Bezeichnung einer Krankheit hält, sondern für ein Lied von Funny van Dannen. Erst wenn man Betroffenen ihre gewohnten zwei bis sieben Nutellabrote zum Frühstück wegnimmt und sie durch Obst und Gemüse (was auch immer der Unterschied dazwischen sein soll) ersetzt, zeigen sich die Symptome, die bei Hunger anfangen und bei Reizbarkeit noch lange nicht aufhören, und die sich erst bei Aufnahme von Nahrung unmittelbar legen.

Auch der sozial zuträgliche Alkoholismus kann hier lindernd wirken, weil in Verbindung mit genügend Schnaps die schädliche Fruktose nicht zu lange im Körper verbleibt. Hätten Adam und Eva nicht den ersten und schädlichsten aller Äpfel vom Baum der Erkenntnis zu sich genommen, sondern vielmehr die Schlange, die auf vielen glaubwürdigen Darstellungen (außer bei Dürer) vom Baum des Lebens gleich daneben herübergekrochen kommt, wären wir heute alle wohlig umnachtet und unsterblich und würden uns von Reptilien ernähren. Und Nutellabrot, Whisky und Zigaretten.

Unter Lieben, Trinken, Singen

Update zu Cooles Essen:

Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten!
Unter Lieben, Trinken, Singen
Soll dich Chisers Quell verjüngen.

Goethe: Hegire, aus: West-östlicher Divan, 1819/1827, Anfang.

Saufen und Aufmucken, man mag es gutheißen oder nicht, waren schon immer eine deutsche, nun ja: Einheit. In der ersten funktionierenden Version Deutschlands als geschlossenes Konstrukt, dem nachnapoleonischen Deutschen Reich, galten Kneipen an regierenden Stellen als Brutstätte des Widerstands. Bis heute wird unterstellt, das, was an Stammtischen betrieben werde, sei Politik.

In diesen postmodernen Zeiten muss man ja ohne Alkohol fröhlich sein. Daher ist es nicht zwingend als Teilsieg eines aufmuckenden Islamismus zu werten, wenn morgenländische Rip-offs von Coca Cola den abendländischen Basar überschwemmen.

Liter Cola Turka, Flasche 1 Liter 99 CentVon uns am lebendigen Leib getestet wurde Cola Turka, weil’s das in unserem Gemüse-Mekka Goethestraße gibt (1 Liter: 99 Cent). Das Urteil aus unserem privaten Pepsi-Test: Typische Tiefschwärze, erfüllt in Pappigkeit und Dursterzeugung alle Verbrauchererwartungen, überzeugender Rülpsfaktor. Insgesamt auch nicht grauslicher als herkömmliche Zuckerlösungen. Gut.

Sobald unser zuständiger Cavusoglu sein Angebot verbreitert, vergleichen wir:

  • Evoca Cola, EU-weit aus London für orientaffine Zielgruppen;
  • Mecca Cola, Algerien;
  • Parsi Cola, Iran, direkte Konkurrenz zu Zamzam, ohne eigenen Web-Auftritt;
  • Qibla Cola, Pakistan, ohne eigenen Web-Auftritt;
  • Cola Turka, Türkei, vom global agierenden Lebensmittelriesen Ülker, auch als 3-Liter-Bombe erhältlich;
  • Zamzam Cola, Iran.

Vaterlands- und gottlose Allround-Rebellen (Berlin-Mitte-Hipster, die irgendwie an Unis wie Freiburg im Breisgau, Greifswald oder Tübingen hängen geblieben sind, Liegeradfahrer, Unixer) werden sich ihr Cola lieber in bewusstem Widerstand zu allen Ideologien selbst mischen. Jetzt, wo die OpenCola-Bewegung offiziell ausgeblubbert ist, das Rezept aber noch online steht, müsste es ja wieder „gehen“, oder nicht?

Widerstand gegen den Widerstand, prinzipell eine zutiefst hippe Konstellation, regt sich bei den Erfindern der modernen Demokratie, die ihre Monarchie nie aufgeben wollten: In Newcastle upon Tyne, Northumberland hört eine von unbeugsamen Linksfahrern bevölkerte Brausefabrik nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. West und Süd und Ost zersplittern, Throne bersten, Reiche zittern — nur Fentimans füllt alles in Flaschen, was nicht sofort Glas zersetzt, bis keiner mehr weiß, ob es als Cola, Nährbier, Cocktail, zur Einnahme oder zum Waschbeckenputzen gemeint war.

Cool, die Engländer. Sieger nach Punkten, von denen einem nach dem „Genuss“ wahrscheinlich der ganze Körper übersät ist: Fentimans! Burp! Tschuldigung!

Tautologischer Pleonasmus

Atticus told me to delete the adjectives and I’d have the facts.

Harper Lee: To Kill a Mockingbird, 1960.

Update zu Und zwar es ist ja doch so:

Wird ja so viel sinnlos geredet hetzutage, hat meine Großmutter gesagt, und wenn man genauer googelt, ein paar Vorsokratiker bestimmt auch schon.

Und weil gleich wieder Weihnachten ist, wünsch ich mir, dass ich nie wieder sinnlose Adjektive lesen muss. Sinnvolle schon, und davon jede Menge. Das ist wie bei allen anderen Formen der Umweltverschmutzung auch: Jeder kann mithelfen.

Für den Anfang merken Sie sich einfach, dass „lecker“ keinen Geschmack beschreibt. „Lecker“ beschreibt gar nichts, noch nicht mal den geistigen Zustand der Benutzers; in den letzten Jahren hab ich die zurechnungsfähigsten Leute „lecker“ sagen gehört. Erst bei „total lecker“ falle ich jedes Mal in Zweifel.

Wenn Sie das geschafft haben, sagen Sie einfach nie wieder (alphabetisch):

  • ansprechender Flyer;
  • berstend voll;
  • blauer Himmel;
  • brütende Hitze;
  • finsteres Mittelalter;
  • frische Luft;
  • fröhliche Urständ;
  • gesunder Menschenverstand;
  • grüne Wiese;
  • heiße Endphase;
  • kochend heiß;
  • pfiffige Schreibe;
  • schnöder Mammon;
  • spitze Feder;
  • tierisch ernst;
  • wohlverdienter Ruhestand.

Und wenn Sie’s schon nicht lassen können, so zu reden, schreiben Sie es wenigstens nicht. „Total“ ist der Gegensatz zu „relativ“, das benutzt man nicht außerhalb der Mathematik, und „lecker“ gehört sich einfach überhaupt nicht. Das ist alles meine unwiederbringliche Lebenszeit. Und Ihre übrigens auch.

Total leckere wöchentliche Imogen:
Speed Baking: Vanilla Muffins,
22. September 2012.

Kulturpreis

Das waren heute wieder 70,32 Euro allein beim V-Markt (hätten Sie gewusst, was Loganberry Jam ist?)

Und weil der V-Markt in der Gegend von der großen Stadtbücherei am Gasteig liegt, auch noch zwei Opern aufgelesen: die Mutter aller Opern: L’Orfeo von Monteverdi und einen abgelegenen Schatz, der bisher genau zweimal eingespielt wurde: Aurora von E.T.A. Hoffmann.

Ein einziges Kilogrämmchen Gimpet Käse-Rollis für die Betriebskatze Moritz gab es für 19,59 Euro, die Opern umsonst.

Moritz meint: „So viel Unterschied muss sein.“

Servicewüste Deutschland andersrum:

„Kännchen nur draußen.“

Steckrüben – in München mission impossible

Bei meiner Oma gabs die immer zum Schweinebraten, später raspelte ich sie als junge (Haus-) Frau zum Gemüse. Immer lecker. Meine Tochter müsste sich an sie erinnern können, befürchte aber, dass nicht mehr.

Was in Oberfranken noch möglich war, ist im luxuriösen München schwierig bis nicht möglich. Eher bekommt man handgekneteten Ziegenkäse aus der Auvergne. Einmal bekam ich auf dem Viktualienmarkt etwas Steckrübenähnliches. Das war bereit fertig geraspelt. Und furchtbar salzig – nie wieder, brr.

Heuer probierte ich es beim Biomarkt als Bestellung. Warte immer noch auf den Telefonanruf, dass jetzt da. Müssen wir erst wieder Kriegswinter kriegen, damit ich im Süden problemlos Steckrüben bekomme? Dann ist halt auch wieder Käse mit dem Ziegenkäse aus der Auvergne. Ich weiß.

 

Letzte allgemeine Verunsicherung

Update zu Cooles Essen:

Haben Sie mal mit jemandem zusammengelebt, der sich als Gourmet versteht? Und sind Sie da noch zu regelmäßigen Mahlzeiten gekommen?

Mein Französisch ist in letzter Zeit etwas porös, aber „Gourmet“ muss etwas heißen wie „Nichtesser“, so eine angeblich unübersetzbare Entsprechung eben. Drei Tage in einem Haushalt mit einem Gourmet, und je nachdem, wer stärker ist, wird einer den anderen zwangsernähren.

Gourmetsein scheint ziemlich hip; man munkelt von Kochsendungen im Fernsehen, wo von gelernten, ja berühmten Köchen gezeigt wird, wie man isst. Und schlecht ernährt sind alle Leute, heißt es.

Und rambazamba macht der Bundesverband der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände – Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) eine Seite namens Lebensmittelknappheit auf. Sollen sie ruhig: Wenn das irgendwas nützt, ist es morgen verboten.

Hach, Moment, „Lebensmittelklarheit“ heißt das. Tatsache ist: Zuerst hab ich mich tatsächlich auf „-knappheit“ verlesen, und zweite Tatsache ist: Das kommt aufs gleiche raus. Unter Lebensmittelklarheit litt allenfalls meine Oma, aber da war Krieg und schmerzhaft klar, dass die Kartoffeln, die sie der kargen Krume entrang, aus Kartoffeln bestehen.

Im Ernst: Beim derzeit gültigen Preis für Erdbeerjogurt ist nicht die Frage, ob die Erdbeeren darin auf Schimmelpilzen oder Frisörabfällen basieren, sondern ob man davon sofort krank wird oder erst in einem Zeitraum, der auch für Zigaretten gilt.

Der Marketing-Tipp von Ihrem Lieblingstexter: Analogkäse muss endlich veganer Käse heißen. Dann regt sich kein Loha und nicht mal mehr ein Gourmet mehr darüber auf, sondern zahlt begeistert den dreifachen Kilopreis für das, was bei der Rewe-Kette als Bio-Tiefkühlpizza durchgeht, wetten?

Erste Allgemeine Verunsicherung: Oh Bio mio aus: À la carte, 1984.

Anständig essen

Um 1370:

Du solt nit bey tische grelzen noch mit dem messer in die zent stüren.

Vor 1643, überliefert in Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages, Übersetzung von Burkhart Kroeber, 1994 (Seite 69, Kapitel 6: Große Kunst des Lichts und der Schatten):

In sauberen Kleidern erscheinen, nicht nach jedem Happen einen Schluck trinken, sich vor dem Trinken den Bart und den Schnurrbart abwischen, sich nicht die Finger ablecken, nicht in den Teller spucken, sich nicht in die Tischdecke schneuzen. Wir sind schließlich keine Kaiserlichen, Messieurs!

Heinz Dietrich: Menschen miteinander. Ein Brevier des taktvollen und guten Benehmens, 1934, Nachdruck 1952:

Von dem aufgetanen Fleisch wird im Gegensatz zu angelsächsischen Gepflogenheiten immer nur das Stück, das man für den nächsten Bissen braucht, abgeschnitten. Nur für Gebrechliche und für Kinder, die sich auf den Gebrauch von Messer und Gabel noch nicht verstehen, kann man das ganze Stück gleich auf einmal zerteilen. Knochen, unzerkaubare Knorpel und Sehnen, die einem in den Mund geraten sind, läßt man auf Gabel gleiten und legt sie etwas abseits auf den Teller zurück.

Messer und Gabel werden am oberen Teil des Griffes gehalten, so daß dessen Ende wie ein Hebel gegen die Mitte der Innenhand stößt. Dadurch hat man nicht nur die größte Gewalt über Messer und Gabel, die locker über den Griff ausgestreckten Zeigefinger werden dann auch niemals so weit nach unten gleiten, daß sie die Schneide oder die Gabelzinken berühren. Die Daumen liegen ebenfalls ausgestreckt seitwärts an, während die übrigen Finger eingekrümmt die untere Klammerstütze für die Besteckgriffe bilden. Je leichter und unverkrampfter die Hände Messer und Gabel führen, desto eleganter sieht es aus und desto weniger Geklapper und Lärm entsteht. Die Gabel bleibt stets in der Linken, das Messer in der Rechten. Sie werden beide mit dem Rücken nach oben im spitzen Winkel flach und schräg über dem Teller gehalten. Das Messer darf sich niemals vom Teller entfernen, es dient nur zum Fleischschneiden und zur Unterstützung der Gabel bei der Zusammenstellung und beim Anspießen des Bissens. Degenschlucker gehören in den Zirkus. Grundsätzlich wird das Messer nur zum Schneiden solcher Gerichte benutzt, die allein mit der Gabel nicht zerkleinert werden können. Gemüse wird also nicht geschnitten, ebensowenig natürlich Deutsches Beefsteak. Gleichwohl wird das Messer auch dann nicht aus der Hand gelegt, sondern zur Unterstützung der Gabel als Schieber gebraucht. Auch wenn es für das Messer gerade nichts zu tun gibt, soll es während des Ganges also nicht aus der Hand gelegt werden. Die Gabel sticht, Rücken nach oben, leicht in das abgeschnittene Fleischstück und hebt es zum Munde. Gemüse, Kartoffel usw. ohne Fleisch kann auch mit der nach oben offenen Gabel aufgenommen werden. Sie darf aber nicht erst in der Luft angefüllt werden, indem etwa das Messer die Speisen an ihr wie ein Maurerspachtel abstreicht, sondern immer direkt auf dem Teller. Und, wie man nicht oft genug sagen kann, nie zu hoch auf einmal aufladen, lieber die Gabel ein paarmal mehr zum Munde führen. […]

Jede Mahlzeit geht einmal zu Ende, auch die längste. Trotz der so oft angestrengten „Sitzung“ werden Sie jedoch niemals schwer und stumm in Ihren Stuhl zurücksinken, als hätten Sie schon mit einem kleinen Verdauungsschlummer begonnen. Bei den rauchern erwacht die Sehnsucht nach der Zigarette. Doch sie sollten ihre Etuis steckenlassen und sich bezähmen, bis der Hausherr es für richtig hält, Zigaretten anbieten zu lassen. Vor dem Schlußgericht (Süßspeise oder Obst) wird das nicht der Fall sein. In der Regel geht man zu Kaffee, Zigarette und Likör nach beendeter Mahlzeit in ein anderes Zimmer. Wird der Kaffee sofort anschließend am Eßtisch serviert, nachdem alles Geschirr und alle Gläser abgedeckt sind, so paßt eine Zigarette recht gut dazu. Zugleich macht auch die Kiste Zigarren die Runde. Zwischen den Gängen zu rauchen, ist heute vielfach üblich geworden. Besonders schön ist das nicht, und bei großen, offiziellen Diners ist das zweifellos nicht am Platze. Vor dem Kriege verwendete man für die ganz engagierten Raucher gern sogenannte „Damen-Zigaretten“, die nur wenige Züge enthielten. Zur Zeit sind solche Zwischengangszigaretten nur als Sonderanfertigungen erhältlich. […]

Darum wird man auch allein genau so essen, als sei man mit anderen zusammen. Auch allein bleibt man ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, und man degradierte sich menschlich, wenn man sich von jenen Formen „befreite“, sobald man unbemerkt ist, als seien sie nur ein Komödienspiel, das man ohne Zuschauer nicht mehr nötig hätte. Wie könnte man auch von jemand verlangen, daß er als ernsthafter erwachsener Mensch sich nach Formeln richtete, die weiter nichts wären als bloße Spielregeln?

Doch es kommt noch hinzu, daß man niemals die nötige Sicherheit und Gewandtheit erlangt, wenn man immer erst in Gegenwart anderer mit seinem guten Benehmen beginnt. Da Appetit und schlechte Gewohnheit sehr bald den auferlegten Zwang durchbrächen, so würden sich die üblen Manieren doch schnel verraten. Wem daher der tiefere Sinn der Tischsitten verborgen bliebe, für den wäre es immer noch eine Sache der praktischen Zweckmäßigkeit, sich auch allein am Tische niemals gehen zu lassen.

Barbara Kleber: Knigge für jeden Tag: Richtiges Benehmen. Zeitgemäße Umgangsformen. Mit Trainingsfilm auf DVD:

Ein Beispiel: Dr. jur. Krösus (wir erinnern uns, der frischgebackene Doktor der Rechtswissenschaften) lädt seine beiden Mitarbeiterinnen zum Mittagessen in den Ratskeller ein. Alle Tische sind eingedeckt, ein paar Gäste sitzen im Gastraum. Dr. Krösus führt die Damen an einen Tisch seiner Wahl, ohne sich mit dem Service abgesprochen zu haben. Ein Kellner folgt der Prozession und weist die Gruppe darauf hin, dass dieser ausgewählte Tisch reserviert sei. Mit den Worten „Dann reservieren Sie eben einen anderen!“ lässt sich Krösus nieder, während die Damen noch zögerlich stehen bleiben. Der Kellner bittet Krösus höflich an einen anderen Tisch, denn dieser Tisch sei reserviert und schoin für die Gäste dekoriert, die übrigens die Dekoration auch schon bezahlt hätten. Notgedrungen wechselt Krösus mit den damen, denen die ganze Situation peinlich ist, an einen anderen Tisch. Krösus hat kaum von der Suppe gekostet, als er laut in die Hände klatscht, um die aufmerksamkeit eines Kellners zu gewinnen. Dieser kommt auch schnell, weil er neues Unheil ahnt Krösus erklärt ihm nun lautstark, dass er dieses „Sosenfutter“ nicht essen und auch nicht bezahlen wird. Mit einer Entschuldigung räumt der Kellner die Suppentasse ab. Die Damen löffeln weiter, immerhin scheint es ihnen zu schmecken. zum Hauptgang haben die Herrschaften Rotwein bestellt. Wieder lässt Krösus den Service antreten und verkündet: „Diesen verkorkten Wein werde ich nicht trinken, bringen Sie mir ein Bier, damit können Sie hoffentlich nichts falsch machen.“ Schließlich sind die Teller und Gläser leer und Krösus ruft durch den Raum: „Zahlen!“ Der Kellner kommt mit der Rechnung. Derweilen hat Krösus seine Brieftasche gezückt, knallt drei Kreditkarten auf de Tisch mit der Bemerkung: „Suchen Sie sich eine aus!“ Während der Kellner noch mit der Karte seiner Wahl und der Abrechnung beschäftigt ist, steht Krösus auf und holt die Garderobe. Als sich die drei anziehen, kommt der Kellner mit der Karte und dem Rechnungsbeleg zurück. Wortlos nickend nimmt Krösus beides an sich. Die drei verlassen den Ratskeller und der Kellner atmet tief durch.

Sie wissen und können es besser. Notieren Sie hier Ihre Empfehlungen für Herrn Dr. Krösus:






Erkenntnis: Seit man seine Mammuts nicht mehr selbst handwürgen muss, ist nichts einfacher geworden.

Julia und die Paprikasau

Update zu Tausend und ein Apfelstrudel:

Kreative sind ja so sensible Menschlein. Die Juliaschwemme von vor zwanzig Jahren ist jetzt erwachsen und auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Und jetzt braucht sie einen USP. Wenn schon keinen positiven, wenigstens einen hilfesuchenden. Wozu hat man was Heiratsträchtiges im Einzelhandel gelernt:

Kreative sind ja so sensible Menschlein. Und ich erst. Schau meinen Kassenzettel an: Ui. Wer kauft denn sowas. HEFI PAPRIKASAU. Vergleich mit den erbeuteten Schätzen: Heringsfilets in Paprikasauce. Große Erleichterung.

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Tausend und ein Apfelstrudel

Schick die Dienstleister ein Weilchen zur Fortbildung ins Web 2.0, schon reicht ein Kurztrip nach Nürnberg, um sich von der Wüstenprinzessin mit den Köstlichkeiten Arabiens Stirn und Füße salben zu lassen. (Okayokay, es waren hausgemachte Köstlichkeiten Frankens, und wir haben sie zwischen zwei Zügen denkbar unspektakulär am Tisch sitzend verzehrt, aber schön ist es trotzdem, was die Leute im Internet für Wörter lernen.)

Gasthof Pillhofer, Königstraße Nürnberg. Uns bediente die Wüstenprinzessin.

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Wo der Aufschwung angekommen ist

Marketingplanungen für heute abgeschlossen? Ihren guten Vorsatz des täglichen Networking-Anrufs erledigt? Tee statt Kaffee? Sitzen Sie orthopädisch vorteilhaft? Fein, dann sind Sie ja so jemand, der gerne mal diese Betroffenheitslyrik liest.

Falls noch jemand Zweifel hatte, dass eine natürliche Auslese lebensuntüchtiger Elemente politisch gewollt ist: Die Zeitungen werden heute voll mit der folgenden Meldung sein, was nicht lange anhalten wird. Ich wähle die Version aus der Süddeutschen Zeitung und teile nach Art von Erich Fried den — gekürzten — Wortlaut in Verse auf. Dann ist es Kunst und muss niemanden erschüttern.

Ein
arbeitsloser
Mann
geht in den Wald,
um zu sterben.

Ein Hochsitz,
wie es sie im Solling
zu Hunderten gibt,
nicht weit
entfernt von einem
Erlebnis-Waldweg
in der Nähe
des Ferienorts
Uslar.

Jagd-Kollegen
von Hennecke
entdeckten die Leiche
des Mannes, als sie
am vergangenen Freitag
ein paar morsche
Bretter reparieren wollten.

Der Arbeitslose,
davon geht
die Polizei aus,
hat seinem Leben
durch Nahrungsverweigerung
ein Ende gesetzt.

Polizeisprecher Harald Falkenhain
bestätigt am Dienstag
Angaben der
Sollinger Allgemeinen
Zeitung
, dass der
Arbeitslose
in seinen
letzten Lebenswochen
ein Tagebuch
geführt hat, das
neben der Leiche
gefunden wurde.

Seine Ehe
sei gescheitert,
seine erwachsene
Tochter habe sich
von ihm losgesagt.
Und als er im Oktober
kein Arbeitslosengeld
mehr bekam, habe er
sich mit dem Fahrrad
auf den Weg gemacht
von Hannover
Richtung Solling.
Uslar liegt
mehr als 100 Kilometer
südlich der niedersächsischen
Landeshauptstadt.

Ein kleines Mädchen
habe den Hochsitz
erklimmen wollen, sei
aber von seinem
besorgten Vater
zurückgerufen worden.

Als die Jäger
ihn jetzt fanden,
lag der Tote,
der vertrocknet und
wie mumifiziert
ausgesehen hat, auf
einer alten Matratze
auf dem Boden
des Hochsitzes.

Das Tagebuch
des Toten wird
jetzt an seine Tochter
geschickt. Der 58-Jährige
hatte in dem Büchlein
darum gebeten.

Text: Süddeutsche Zeitung: Arbeitsloser hungert sich auf Hochsitz zu Tode,
12. Februar 2008, gekürzt.

Blüht, fruchtet, rankt und klettert

Update zu innovativpreiswertkompetent:

Vor nicht sehr vielen Jahren kamen mit der Post noch Prospekte vom Orion Versand, mit dessen Kalenderbildern die Wehrpflichtigen ihren Spinden eine weibliche Note verleihen. Heute krieg ich Kataloge vom Gartenversand.

Das Schlimmste daran: Ich kann den Katalog von Ahrens + Sieberz nicht mal rundum uninteressant finden. Für Lebensformen wie mich, die zur Ernährung unpraktischerweise auf Essen angewiesen sind, pflegen sie in Seligenthal ein durchaus anregendes Angebot.

Als mein Vater noch seinen Schrebergarten betrieb, hätte er seine gesamte März- und Junirente auf Zuchterfolge wie die heute bestürzend weit fortgeschrittene Bandbreite von Säulenobst verwendet. Und ich hätte ihn dabei unterstützt, weil immer ich auf die Leiter musste, um die Kirschen zu ernten, und es noch gut finden sollte, weil "richtige Jungen" gefälligst auf Bäume zu klettern haben. Ob jemals einer ausrechnen wird, wie viele Knie- und Bandscheiben sich mit den rezenten Säulen-Zwetschen hätten retten lassen?

Wir kannten gerade mal zwei Sorten Erdbeeren: mit und ohne Pferdemist; Ahrens + Sieberz kennt fünf Katalogseiten voll. Von der Arkansas-Brombeere Navaho, der ersten dornenlosen Säulen-Brombeere der Welt, und der Weltneuheit Prosecco – eine perfekte Züchtung aus einer wertvollen italienischen Birne und einem ganz besonderen französischen Gourmet-Apfel, prickelnd wie Champagner, saftig wie Pfirsiche, knackig wie Äpfel, aromatisch wie Birnen, dabei völlig anspruchslos und monatelang haltbar und selbstbefruchtend auch noch – ganz zu schweigen.

Man kann heute im eigenen Vorgarten Nashi und Kaki ziehen und wild gemustertes Obst mit Namen, die früher den ewähnten Damen beim Orion-Versand vorbehalten waren, sich mit dem Sweet Aloe Vera vom Fensterbrett von Insektenstichen, Brandverletzungen, Bluthochdruck und rheumatischen Erkrankungen kurieren und mit Basilicco die Fliegen und Fruchtfliegen aus der Küche vertreiben. Und weil Gesundheit noch mehr ist denn die Abwesenheit von Krankheit, genießt man die Power-Beere Cranberry, eine wahre Multi-Vitamin-Beere. Den Gewinnlern der Klimakatastrophe zum Trotz zieht man sich so gerüstet Musa, die absolut winterharte (bis -10°C) Bananenstaude als dekorative Solitärpflanze. Schon klasse.

Um bei den Adressenhändlern als Zielgruppe für Schrebergartenbedarf durchzugehen, reicht offenbar kein Vorname, der aufs Germanische (nicht etwa auf dieses neumodische Alt- und Mittelhochdeutsch) zurückgeht; es müssen schon noch Wohneigentum und ein paar Amazon-Erwerbungen aus der Kategorie "Klassiker" dazukommen.

Wenn die ganzen dreijährigen Benedikt, Wenzel, Kreszenzia und Magdalena ins Archiv von Schober kommen, erfahren sie von den Segnungen der Gentechnik, noch bevor sie wissen, was man mit dem ORION Covergirl der Stunde anstellen könnte.

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