Klimawandel: O Herr, die Früchte werden groß.

Der KATER berichtet

Die dümmsten Bauern haben die größten Kiwis

Neubairischer Volksmund

 

Beweis-Pfoto:
Riesen-Kiwi 8 cm lang

 

Wachsen tun sie einfach so, mitten in der Smog-, Feinstaub-, SO2- und CO2-verpesteten Münchner Altstadt, Reifenstuel Süd, 4.-5. Stock. Beweis-Pfoto:
Kiwis am Haus, Südlage, 4.-5. S5tock

 

Nochmal das Ernteglück, weils so schee war:
Ernteglück mit Kiwis am Haus

 

Außerdem, zu der dickplüschigen Hummelkönigin, die sich im Oktober noch an den Rosenblüten gelabt hat, jetzt die Hagebutten dazu. Ca. 3-4 cm groß. Beweis-Pfoto:
Riesen-Hagebutten im Garten

Der Sommer geht, das Klima wandelt, der Winter kommt.

 

 

Der Retter der 62

Für die Buslinie 62 innerhalb der Isarvorstadt ergeht vorläufige Entwarnung: Die nervige Umleitung zwischen Kapuzinerstraße und Zenettistraße ist aufgehoben.

Nicht dass bisher eine Haltestelle ausgefallen wäre. Nur eben, dass man von der Kapuziner- zur Zenettistraße unverstärkt hinüberschreien kann, dass der Bus schnell warten soll — was die Klientel des Tröpferlbades, das sich akkurat zwischen den zwei Haltestellen erstreckt, nächtens bestimmt auch öfter so handhabt — der Bus aber seit Anfang Oktober ständig am Penny abgebogen und über den Umweg über Tumblinger- und Zenettistraße weiter ist. In der Gegenrichtung übrigens nicht, weil sie wieder nur die halbe Straße saniert haben. Die Längshälfte.

Um sein Viertel kennenzulernen, war’s ganz praktisch. Oder wer kennt denn das Eck ums Arbeitsamt herum, wo es ein so inniges wie sinniges Ensemble mit dem Schlachthof bildet, außer solchen, die da hinmüssen und deshalb keinen Sinn für seine Schönheit entwickeln können? Lauschige 1-Euro-Läden, Geheimmetzgereien, die früh um viere auf und um sieben wieder zu machen, konspirative Messerschleifereien, im Straßenbegleitgrün hausen wirklich noch Spatzen, dahinter verrosten selbstgestaltete Firmenschilder obskurer Werbeagenturen, von denen kein Mensch jemals etwas hören wird. Was Stadtbilder angeht, eine Gemeinschaftsarbeit von Hieronymus Bosch und René Magritte.

Diese Woche in den letzten Zügen der Busumleitung: Der 62er hält am Eck Tumblinger-Zenetti. Lange. Tucker, tucker, tucker, räusper, pffschschsch. So lange, dass ich von meinem Buch aufschau, weil ich rechnerisch inzwischen längst rauchen sollte. Außer mir noch überschaubare zwei Fahrgäste. Der Busfahrer blättert ungelogen in einem Falk-Stadtplan. Die gibt’s noch.

Der Busfahrer steht auf, geht durch seine Sitze und mustert seine drei Fahrgäste auf Zurechnungsfähigkeit. Putzt seine ergraute Schnurrn, strafft seine gestreifte Hemdbrust und fragt in die Runde: “Wajß hyämand, wo lank diesä Umlajtung gäht?”

Allen Menschen, die noch reden können wie Fritz Muliar als braver Soldat Schwejk, gehört mein Herz. “Links die Zenetti lang, vorn wieder normal rechts gradaus auf die Thalkichner”, sag ich.

“Chat mir njimand ajngäwiesen”, sagt der Busfahrer und schiebt ab auf seinen Platz. Tucker, tucker, pffschschsch, Zenetti rechts Thalkirchner.

Schade, dass ich übernächste schon raus muss. So schnell kann ich mein Glück gar nicht fassen, einem Busfahrer im Einsatz den Weg erklärt zu haben. Ab 15. November bis Anfang Dezember sind noch ein paar Gelegenheiten: Vorläufige Entwarnung, hab i xagt.

Soundtrack: Andreas Dorau: Girls in Love,
aus: 70 Minuten Musik Ungeklärter Herkunft, 1997:

In diesem Sinne

Schon wahr: Ich werde auf dem Sterbebett nicht denken: Ach, wenn ich doch damals zwei, drei Stündchen länger an dem einen Blog-Eintrag rumrecherchiert hätte.

Leider bin ich ziemlich genau der drittlangweiligste Teigbatzen von ganz München. Zum Vergleich: Der zweitlangweiligste soll in Großhadern auf der Komastation liegen, der langweiligste soll mal bei Pro7 moderiert haben.

Was mir Angst macht, sind die Tage, an denen ich zufällig mal nicht auf dem Sterbebett liege.

Soundtrack. Bach: Solokantate Ich habe genug, BWV 82, Leipzig 1782.
Anspieltipp: Aria Nr. 5: Ich freue mich auf meinen Tod (in der Aufnahme mit dem stilechten Countertenor ab Minute 20:32:

Hättest du je geahnt, dass die Südlichen Sandwichinseln im subantarktischen Südatlantik liegen, zum britischen Überseegebiet Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln gehören, auch von Argentinien beansprucht werden und aufgrund ihrer geographischen Lage nicht unter den Antarktisvertrag fallen?

Wenn’s mal auf hart kommt, bin ich eine Enttäuschung für jeden Psychoanalytiker. Ich träume nämlich nicht und werde ihm nichts zu erzählen wissen. Die fünf ersten Probestunden, von denen man so viel hört, werden dahingehen mit der Diskussion darüber, dass jeder Mensch träumt, was mir aber nichts hilft, weil ich mich nun mal an nix und wieder nix erinnern kann, und die nächsten zehn Stunden mit der Diskussion darüber, dass “Ich kann nicht” mitnichten “Ich will nicht” bedeutet, sondern “Ich kann nicht”, weil ich nämlich sonst “Ich will nicht” gesagt hätte. Es wird alles sehr ungedeihlich, wenn’s mal auf hart kommt.

Weil mich die Leute auch dauernd für so einen Träumer halten müssen. Mir wird aber auch grundsätzlich unterstellt, dass ich ein schlimmer Kiffer wäre, dabei bin ich wirklich so.

Letzte Woche zum Beispiel. Da war ich eingeladen. So weit weg, dass ich anderwärtig übernachten musste. Im Kinderzimmer nämlich. Da war die Nachttischlampe ein Leuchtglobus (oder ein Leuchtglobus die Nachttischlampe, je nachdem). Die Gastgeberin brachte mich ins Kinderbettchen und erklärte mir, wie man die Nachttischlampe (oder den Leuchtglobus) ausknipst, wenn man sich durch die Märchenbücher im ganzen Kinderzimmer gelesen hat.

“Und? Was Schönes geträumt?” fragte sie später beim Kaffeekochen.

“Nö, ich träum nie was.”

“Jeder Mensch träumt.”

Bevor das Gespräch schon in seiner Frühphase eine ungedeihliche Richtung einschlagen konnte, steuerte ich bei: “Und was man in der ersten Nacht in einem neuen Haus träumt, geht in Erfüllung.”

“So neu ist das Haus gar nicht, ich hab bloß Staub gesaugt.”

“Und die Märchenbücher nach Farbe geordnet.”

“Alle ausgelesen über Nacht?”

“Woher denn. Ich bin bloß platt rumgelegen, hab der Welt auf den Arsch geglotzt und bin bis vor zwei Stunden nicht drüber hinweggekommen, dass auf den Sandwichinseln das erste n fehlt. Sadwich Islds.”

“Kann sein. War im Angebot bei Weltbild.”

“Logisch. Dann dürfen die auch Tippfehler auf ihren Globus machen, wenn’s bloß um die Bilder geht.”

“Apropos Sandwichinseln: Wurst oder Nutella?”

Und ich wusste wieder, warum ich mich lieber von ihr einladen ließ als vom nächstbesten Psychoanalytiker.

Kalenderspruch

“Auftakt” ist ja gut, in der dritten Kalenderwoche, wo man schon wieder von den heurigen Dissonanzen gelangweilt ist. Das Imposante ist aber immer wieder, dass so ein literarischer Katzenkalender schon Mitte 2016 fertig sein muss, wenn das Titelbild von 2018 drinstehen soll. Das Gedicht verbreitet dagegen eine angenehme Ruhe. Schönes Wochenend.

Katz im Kalender

——— Walle Sayer:

Auftakt

aus: Cool Pains, 20. November 2013,
in: Julia Bachstein (Hrsg.): Der literarische Katzenkalender 2017,
Schöffling, Frankfurt am Main 2016, Kalenderwoche 03/2017:

Ohne Lehrerlaubnis
fällt draußen Schnee.

Dass du stehst neben dir
am Fenster deiner Dachkammer.

Hinausschaust als wie jemand,
der auf nichts wartet.

Bis schwarz eine Katze
den Garten durchquert.

Schnee fällt draußen
und bedeckt das Weiß.

Katz im Kalender: Schöffling in der Küche.

Ein Tag mit Glenn Gould

Unterschied zwischen Glenn Gould und Maria Callas? — Bei Glenn Gould hat’s nicht so gestört, wenn er mitsingt.

Haben Sie schon gekannt? Macht nix, ungefähr einmal pro Jahr erzählt den irgend jemand, der sich für den einzigen humorbegabten Kenner klassischer Musik auf Gottes Erdboden hält, und weil man ihn in solchen Abständen regelmäßig wieder vergessen hat, ist der seit mehreren Jahrzehnten für ein wiederkehrendes Grinsen gut. Heuer muss man sich noch öfter drauf gefasst machen, da hat Glenn Gould kurz hintereinander 85. Geburtstag und 35. Todestag.

Wie oft und wie lange Glenn Gould beim Mitsingen ertappt wird, kann man jetzt endlich mitvergleichen, ohne andauernd mühselig die CD zu wechseln (oder gar, wie noch früher, doppelt so oft die Platte umzudrehen): War der einzige Erfolg der weiland Google Videos, die nicht mal mehr einen deutschen Wiki-Artikel haben, dass die Videos dort länger als zehn Minuten sein durften, hat am 27. Juni 2016 ein engagierter Musikfreund mal kurz ein Video mit allen Bach-Aufnahmen von Glenn Gould (oder sollte es heißen: allen Gould-Aufnahmen von Bach…?) auf YouTube gepumpt. Es dauert über siebzehneinhalb Stunden.

Allein die jeden Höreindrucks entkleidete Zahl macht einen erschauern. “Glenn Gould spielt Bach” ist ja geradezu eine eigene Musikrichtung, die jedenfalls mehr Regalmeter auffüllen kann als manche Unterkategorien der Leicht- und Schwermetalle. Wenn da oben “Ein Tag mit Glenn Gould” steht, meine ich auch einen Tag. Einschließlich der Nacht. Die verbleibenden viereinhalb Stunden sind für einen kurzen Nachtschlaf und Stoffwechsel. Oder um weitere engagierte Musikfreunde zur Nachforschung anzuhalten, wie lange es dauert, wenn Glenn Gould mal nicht Bach spielt.

Der Eintritt in die erste Veranstaltung der Elbphilharmonie, für die man überhaupt irgendwelche Eintrittskarten kaufen durfte, hätte übrigens zwischen 19,80 und 91,30 Euro gekostet, “ggf. wenige Restkarten am Veranstaltungstag vor Ort“.

Das Wochenend sollte jedenfalls gerettet sein. Ansprechbar bin ich hinterher wieder. Aber fest versprechen kann ich’s nicht.

Der Rückblick

Die schlechte Nachricht ist … Ach lass gut sein, die schlechte Nachricht entfällt, wir wollen ja heuer noch fertig werden. Die gute Nachricht ist: Keith Richards lebt noch. (Nächstes Jahr wird er ganz-arg-vielleicht den Nobelpreis kriegen. Für Chemie.)

Schloss Nymphenburg

Wir sehen uns dann nächste Woche. Oder nächstes Jahr. Oder beides. Prost.

Schloss Nymphenburg

Buidln: Champagne Hubert de Gertale & Robby Bubble Apple-Cherry auf Schloss Nymphenburg, alles vom 29. Dezember 2016 und von mir. Können Sie brauchen? Schenk ich Ihnen.

Die fünf traurigsten Stellen im Internet

5.: Aufgenommen ca. 1995, 0 Favs, 0 Kommentare.

4.: Deine Änderungen konnten nicht übernommen werden.

3.: Versuche es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.

2.: Finde heute noch sexy girlfriend in Deiner region bis 300 km.

1.: Sei die erste Person, der das gefällt.

Soundtrack: Handsome Family: Far From Any Road, from: Singing Bones, 2003.

Morgenblic

——— Wolfram von Eschenbach: Den morgenblic bî wahtaeres sange erkôs, ca. 1210, letzte Strophe:

Der trûric man nam urloup balde alsus:
ir liehten vel, diu slehten,
kômen nâher, swie der tac erschein.
weindiu ougen — süezer vrouwen kus!
sus kunden sî dô vlehten
ir munde, ir bruste, ir arme, ir blankiu bein.
Swelch schiltaer entwurfe daz,
geselleclîche als si lâgen, des waere ouch dem
genuoc.ir beider liebe doch vil sorgen
truoc, si pflâgen minne ân allen haz.

——— Übersetzung von Peter Wapnewski für Des Minnesangs Frühling, 1935:

Der betrübte Mann verabschiedete sich entschlossen,
und zwar so: Ihre hellen und glatten Körper
kamen zueinander, obwohl der Tag herankam.
Weinende Augen, um so süßer der Kuss der Herrin!
So konnten sie sich ineinander verflechten mit
Mund, Brust, Armen und bloßen Beinen:
Wenn ein Maler das darstellen wollte,
wie sie vereinigt dalagen, das wäre zu schwierig für
ihn. Ihre Liebe war zwar von Sorgen beschwert,
dennoch liebten sie sich ohne jede Einschränkung.

——— Delirium in: Neil Gaiman: The Sandman: Brief Lives, 1994:

I like in-betweens.

Das Beste vom Tag ist ja, wenn er noch nicht richtig anfangen will. Das Achtel des Tages, zu dem unsere teutschen Vorfahren zur Gattung des Tageliedes anhuben, und das bei unseren anglophonen Zeitgenossen tiny wee hours heißt. Zwischen 4 und 7 Uhr früh wach sein, egal ob noch oder schon, das muss man sich verdienen.

Irgendwas wird sich Gustav Gsaenger bei seinem Neubau ab 1953 schon gedacht haben, dass er seine Matthäuskirche so nah an die Bushaltestelle Sendlinger-Tor-Platz gebaut hat; fragen kann man ihn (1900–1989) leider nicht mehr.

“Es ist sechse in der Früh”, wie Ringsgwandl sagt, die Ersten müssen zur Arbeit, die letzten kommen von der Nachtschicht, und von denen wieder manche von einer, auf der sie Geld verdienen, die anderen, auf der sie welches ausgeben. Zwei solche stehen zwischen der Bushaltestelle und dem freiliegenden Treppenaufgang zum Turm der Matthäuskirche und finden noch nicht heim.

Heinz Theuerkauf, St. Matthäus, 17. April 2012, FlickrIhr Abschiedskuss zieht sich schon seit dem letzten Bus hin, der mir vor der Nase weggefahren ist und um diese Uhrzeit noch zwanzigminütlich verkehrt. Offenbar können sie sich nicht entscheiden, ob sie zu ihm oder zu ihr sollen. Nach einem verstohlenen Rundblick schleichen sie sich auf die Treppe zum Turm, ohne ihren Kuss so lange zu unterbrechen, dass sie einen neuen anfangen müssten. Langsam sammeln sich Fahrgäste für den nächsten Bus und schauen zu. Um diese Zeit soll man sich über gar nichts wundern.

Die zwei sind jung. Kaum volljährig, wahrscheinlich warten alle vier Eltern schon seit gestern Abend, 22 Uhr auf sie. Der Junge setzt sich auf eine Treppenstufe in halber Höhe, das Mädchen setzt sich ihm breitbeinig frontal gegenüber auf den Schoß und ruckelt sich zurecht. Zügig umhalst und umschlungen: So lässt sich gut weiterküssen. Der nächste Bus hat wohl Verspätung.

“Um die Zeit kommt der Bus eh, wann er will”, spricht mich ein Seehundsbart im Jeansanzug neben mir an, eine frische Zigarette im Mund. “Die zwei da drüben machen’s richtig.”

Recht hat er. Das Mädchen trägt Parka mit Pelzrand unten und an der Kapuze, darüber langes Blondhaar, und rutscht mit dem Hintern immer näher an den Jungen, bis es nicht mehr geht. Die Hände hat er inzwischen wohl unter ihrer Bluse, oder was junge Mädchen immer unter ihren Parkas tragen. Jetzt flüstern sie sich etwas in die Ohren. Einverstanden: Sie schwingt ihr Bein von seinem Schoß, sie stehen auf, nebeneinander auf die Treppe.

Als nächstes lösen beide ihren Gürtel und knöpfen sich die Hosen auf. Weil man Hosen nicht über die Schuhe ausziehen kann, nimmt zuerst das Mädchen die Hand des Jungen, damit sie nicht die Stufen hinunterkullert, und zieht sich mit der anderen einen Schuh nach dem anderen von den Füßen und stellt das Paar sorgfältig neben sich. Putzige kleine Mädchenturnschuhe. Jetzt er. Seine enormen Hiphopperstiefel schafft er kaum einhändig. Jetzt wieder sie: Ein Griff links, ein Griff rechts, und sie hat ihre Söckchen in der Hand und stopft sie in eins ihrer Turnschühchen. Dann wieder er: Ein Griff links, ein Griff rechts, die Socken in den Schuhen versenkt, und sie tapsen barfuß auf den Steinstufen umher.

Leider müssen sie kurz die Hände voneinander lassen, um sich die Hosen auszuziehen. Sie stellt sich vor ihn, damit wir nicht zuviel von ihnen lernen können. Von hier aus erkennt man nur: respektable Größe, weil er noch jung ist, immerhin freistehend und lang genug für eine Aufwärtsbiegung. Sie lässt ihre Mädchenjeans sorgfältig über ihr Turnschuharrangement hinfließen. Er breitet seine Cargohosen oben drauf. Dann die Hauptsache: ein duftig winziger, geblümter Mädchenschlüpfer schwebt auf den Haufen. Er schmeißt seine Unterhose drüber. Wer immer auf dem Sendlinger-Tor-Platz es wissen will, erfährt jetzt: Das Mädchen ist im Schritt rasiert — oder ist die wirklich so jung?

Kurze, fröhliche Mädchenbeinchen neben stachligen Jungsstelzen. Sie wenden sich wieder einander zu, umfangen einander in einer fließenden Bewegung und sinken dahin auf die Steinstufen. Der Seehundsbart raucht wahrscheinlich schon die übernächste, ein paar Meter steht offenmündig eine Frau und schüttelt sehr langsam den Kopf.

Der Junge nimmt seinen Platz auf der Treppenstufe wieder ein, sie stellt den linken Barfuß neben ihn, schwingt das rechte Knie noch breitbeiniger als vorhin über ihn und senkt sich ganz langsam über seinen Schoß. Bei der Turnübung blitzt ihr milchweißer, doppelt runder Mädchenhintern unterm Parka hervor. Sie muss sich öfter hinsetzen. Noch einmal. Und nochmal, diesmal näher. Und jetzt aber richtig. Und wieder. Und dabei immer schön küssen.

“Und ich hab geglaubt, ich wär schon aufgewacht”, sagt der Seehundsbart fassungslos.

Der Junge hat lange, spillerige Zehen und knochige Knie, mit denen er ihr durch Öffnen und Schließen biem häufigen Hinsetzen hilft, die Hände hat er mal in ihren Haaren, mal an ihrem Hintern, meistens aber unter ihrem Parka. Sie hat eine Hand um ihn geschlungen, die andere in ihrem Schritt, und nimmt mit dem Hintern immer geläufiger eine geübte Wellenbewegung auf.

Nur ganz kurz gibt der untere Pelzrand ab und zu den typischen Pornoblick frei: Ständer in Aktion zwischen Mädchenhinterbacken; sie bleckt wie zum Spott die Fußsohle am knienden Bein in Richtung ihrer Zuschauer. Ihre Zehe Nummer 2 ist länger als die große, erkenne ich von unten: eigentlich viel zu lange und schmale Füße, irgendwie zu erwachsen für so ein Mausi. Ich würde ja gern auch ihre Gesichter beobachten, aber die haben sie zusammengeklebt.

“Sieht gar nicht mal so unbequem aus, wie sie’s machen”, sag ich zu dem Seehundsbart.

“Kein Wunder”, sagt er, “morgen probier ich das auch mal mit so einer jungen Hübschen.”

Von hinten fährt der Bus ein. Der Fahrer stellt den Motor ab, lässt die Türen aufzischen, steigt aus, kramt in drei Jackentaschen nach Zigaretten, angelt eine heraus, schürt sie sich an und erfasst ungerührt die Situation auf der Kirchturmtreppe.

“Ja verreck”, brummelt er und raucht. Die eingetroffenen drei Fahrgäste steigen in den Bus, alle auf die Fensterseite zur Kirche hin.

Dann fasst der Busfahrer einen Entschluss. Er geht auf die Treppe mit den Turteltäubchen zu, stellt sich beamtig auf und fängt an, gedämpft in die Morgenluft zu schimpfen. Ich meine ungefähr zu verstehen: “Wenn ihr zwei Hallodri net sofort eiern nackerten Arsch in die Hosen nei verstauts, dann raucht’s aber da. I werd eich glei helfen von wegn da umanandervegln am Montagfrüh in der Kirch.”

Sie dreht ihm ihr zweifellos hitzig kirschenrotes Gesicht zu und sagt: “Wieso, Herr Oberförster? Erregen wir wohl Ihr öffentliches Ärgernis?” Dem Jungen, solang er alle Hände voller Brust hat, fällt nur ein: “Ist doch evangelisch, die Kirche.”

Nicht schlecht für ihr Alter. Das wollte sie schon immer mal sagen, die machen das also öfter. Der Busfahrer hat während seiner Amtshandlung fertiggeraucht, stampft vor den zweien seine Kippe aus und strebt wieder auf seinen Bus zu, den Fahrplan einhalten. “Ihr habts mi scho verstanden.”

Auf einmal sitzt ein rotes Eichkatzel mit einem hellbraunen Büschel Nistmaterial im Maul unter der Treppe und späht auf das ungewohnte Treiben hinauf. “Ui jegerl, ui jegerl, ui jegerl”, höre ich es keckern, womit es auf den nahen Baum mit den Eichhörnchenkobel hinaufwieselt, “ist denn schon wieder Paarungszeit?” Akkurat festlegen will ich mich da aber nicht.

Natürlich haben die zwei nicht aufgehört, sondern vielmehr zu einem Endspurt angesetzt: Das Mädchen hoppelt beneidenswert hüftgelenkig auf ihr Ziel zu, und weil schon alles egal ist, stöhnt sie jetzt sogar. Durch die sich schließenden Türen hören wir eine Art Löwenbrüllen von der Kirche her, das war der Junge. Er hat den Kopf ins Genick gekippt, und sie hält sich mit dem Fuß hinter seinem Hals eingehakt. Dazu hat sie sich auf seinem Schoß so weit zurückgebogen, dass man ihr Gesicht voll erkennt. Ihre Haare baumeln über seine Füße, ihre Beine lagern auf seinen Schultern und pumpen vor und zurück. Der Busfahrer lässt den Motor an. Die Bluse — tatsächlich ein Hemd Größe S mit Knöpfen — ist dem Mädchen weitgehend über die Brüste gerutscht, er schiebt sie ihr beidhändig noch höher. Sie hat die Augen zu und den Mund weit offen. Beider Gesichter sind hektisch rot, und unsereins macht am Montagfrüh nicht mal seine zehn Liegestützen am Fenster. Der Bus fährt ab.

Hinter uns kommen schon die ersten an die Haltestelle, die unseren Bus verpasst haben. “Da hat sie jetzt zwei rote und zwei weiße Backen”, sag ich zum Seehundsbart.

“Nächster Halt Maistraße”, sagt der Busfahrer.

Mir passiert das eh andauernd, dass die Leute feste vor mir rumbumsen, egal ob im Nachbarschlafsack nach dem Feiern, im Zeitschriftenarchiv von der Stabi, Buchstabe O bis Q, oder bei gleißendem Sonnenschein hinterm Wittelsbacherbrunnen; ich weiß auch nicht, was die da alle dran finden. Den Spannervorwurf muss ich deshalb von mir weisen, bevor er erhoben wird.

Bild: Heinz Theuerkauf: St. Matthäus, 17. April 2012,
gut sichtbar der Treppenaufgang zum Kirchturm;
Soundtrack: Ringsgwandl: Sechse in der Früh, aus: Vogelwild, 1992: