Das Wetter:

Paul Gerhardt, Praxis Pietatis Melica – Das ist Übung der Gottseligkeit in christlichen und trostreichen Gesängen, 1653, TitelblattAnhaltende Schauder.

Die Bächlein rauschen in dem Sand,
und mahlen sich und ihren Rand
mit schattenreichen Myrthen,
Die Wiesen liegen hart dabei,
und klingen ganz von Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten.

Paul Gerhardt: Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in: Praxis Pietatis Melica – Das ist Übung der Gottseligkeit in christlichen und trostreichen Gesängen, 1653, 5. Strophe.

Damit weiter im Programm. Schönes Wochenende.

Bild: gemeinfrei.

Lamento lacrimoso in Zick-Moll

Für die Fremdwortgegner unter uns (“Kann man das denn nicht auf Deutsch sagen?!”): Tonsetzer ist deutsch und bedeutet: Komponist. Die meisten Tonsetzer, die Sie kennen, waren technisch nicht in der Lage, ihre gesetzten Töne auf CDs festzuschreiben, wofür sie nichts können. Vielmehr mussten sie ihre Musik jedes liebe Mal wieder live vorspielen oder von Musikergruppen unterschiedlicher Mannstärke vorspielen lassen. Das hat bestimmt oft Spaß gemacht, jedenfalls kannten sie es nicht anders.

Wenn die das all die Jahrhunderte lang geahnt hätten, dass ihre Smash-Hits mal in dutzendweise verschiedenen Aufnahmen verkauft werden! Dann hätten sie ihren Hervorbringungen vielleicht anständige Namen verpasst. “Klavierkonzert Nr. 21 A-Dur”, dass ich nicht lache, und dann muss man noch den Tonsetzer dazusagen. Soll das ein Name sein?

Im international gewordenen Musikhandel ist es Unsitte geworden, die Packungsbeilagen zu Klassik-CDs mehrsprachig abzufassen: meistens in Englisch, Französisch und Deutsch, gerne noch Italienisch, besonders bei Tonsetzern, die auf -i enden. Das Problem dabei ist: Auch die Tonarten heißen in den Sprachen jeweils anders. Ich habe Jahre meiner kulturellen Bewusstheit an die Einsicht gewendet, dass es von Bach nicht eine h-Moll-Messe und dann noch eine b-Moll-Messe vom entgegengesetzten Pol des Quintenzirkels gibt, sondern dass B Minor Mass englisch für h-Moll-Messe steht. So deutsch kann ein Tonsetzer gar nicht sein, dass man ihn nicht für den amerikanischen Markt übersetzen müsste.

Klassik-Labels klagen, dass sie nichts verkaufen. Das tut jeder, aber haben die mal überlegt, dass sie ihre Produkte mit etwas Schlüssigem beschriften könnten? Ist in der Kassette mit der Complete Keyboard Music das gleiche drin wie in den Sämtlichen Werken für Klavier? Macht das was, wenn die einen auf Cembalo spielen, die anderen auf Spinett, die nächsten auf Harpsichord? Unterscheiden die Engländer auch sorgfältig genug zwischen Violinsonaten und Violinkonzerten, und sind dann die Violin Sonatas und Violin Concertoes die gleichen wie die String Sonatas und String Concertoes oder nicht? Gehen jetzt 40 oder 46 oder 50 Symphonien auf Mozart, und wer hat die Zuschreibungen erschlossen und warum (und wenn ja, wie viele)?

Ganz hinterfotzig sind die Tonarten: Okay, ein Fis ist kein Ges, das weiß man seit dem Pythagoreischen und dem Syntonischen Komma. Dann ist ein E-is erst recht kein F, obwohl genau den Halbton höher, oder? Dann kann eine Cellosonate in H kein Cello Concerto in B sein, obwohl sie in der gleichen Tonart steht, kein Hashtag rauf und kein b runter. Ist denn ein C sharp wenigstens ein ut majeur?

Da freut man sich, dass die CDs so schöne dicke Booklets haben, da kann man was lernen! Und dann sind sie dreisprachig in verschiedenen Stadien des Lektorats, mit Librettoversionen, die nur satirisch gemeint sein können (übersetzen Sie mal Beschimpfungen wie “Vergeh, frevelnder Gauch!” und bleiben Sie dabei ernst). Die restlichen 32 Seiten gehen drauf für Werbung für einen Haufen mies abgemischter “Klassik-Hits”, die höhenlastiger Ihre Lautsprecher zerscheppern als Klassik-Radio durch iPod-Stöpsel. Man spart nicht, indem man den lizenzfreien, beliebig zusammengewürfelten Vier-neunundneunzig-Schrott neben der Kasse kauft, dagegen fährt man mit dem zuerst überteuert anmutenden Zeug von cpo und dhm ganz gut.

Und Vorsicht: Johann Sebastian Bach hat eine Matthäus-Passion geschrieben. Eine schöne. Sein Sohn Carl Philipp Emanuel Bach auch. Eine schöne. Aber eine andere. Nochmal 19 Euro 99. Muss man wollen. Dafür ist die Markus-Passion von Carl Philipp Emanuel klingende singende Realität, die Markus-Passion von Johann Sebastian eine Art Hypothese als Doppel-CD. Außerdem klingen die Passionen, vor allem die Johannes, in kleiner Besetzung um Klassen besser und durchschaubarer als das überarrangierte massenhafte Gedröhn. Dass man die Empore der Thomaskirche mit halb Leipzig vollstellen kann, muss nämlich nicht heißen, dass es Bach jeden Sonntag getan hat: Die Stellenanweisung “Mit Hauffe” bezeichnet die andächtige Kirchengemeinde, nicht nur die Nachthemdknaben auf der Empore. So, das musste mal verbreitet werden.

Ich stehe kaufwillig im Plattenladen und muss Übersetzungen übersetzen und Tonarten umrechnen. Und meine Frau wundert sich, wieviel Zeit ich bildungsbürgerlicher Schnösel da verbringen kann, und Sony (oder in diesem Fall Play It Again Sam), dass ich dann doch einfach die Narrow von Soap&Skin kaufe. Die heißt wenigstens anständig.

So tragt a jeds sei Packerl.

In allen Wortverbindungen, Schreibweisen, Kombinationen und mit allen Zusätzen, für alle Medien, insbesondere elektronische Online-Dienste und digitale Verbreitungswege aller Art einschließlich CD-ROM, CD-I, DVD und Printmedien

Den an- und ausstehenden Jahresrückblick kann gern nächste Woche Vroni schreiben; ich bin ja froh, wenn ich die restlichen drei Wochen noch irgendwie lebend rumbring. Bei mir ist das allerdings unabhängig von der Jahreszeit.

So many books to write and so little time, wie Sokrates sagte. the missing link, Ihre Lieblingsagentur für vorläufig unerfüllte Wünsche, beantragt unter Hinweis auf §§ 5, 15 MarkenG Titelschutz für:

  • Die 10 Gebote der Anarchie
  • Das A-Z der ungebundenen Soßen
  • Abstiegskandidat Kaiserslautern
  • The Beauty of the Beast
  • Die Beschwerden über mein Verhalten häufen sich
  • Feierabend-Jazz für Führungskräfte
  • Die Frau mit den zwei G-Punkten
  • Gesammelte Höhepunkte einer Gottheit
  • Ich liebe dich und du mich auch
  • Jemand anders schlägt den Takt
  • Komische Geräusche
  • Kurtz-weilige Geschrifft zur Beschreibung alter und neuer Reisen zu Länden, zu Wassern alß auch in den Lüfften des Courfürstlichen Prinzipals der Lande Brandenburg und Oberlausitz einschlüßlich der sorbischen Land-Striche, genennet Hannes Lüderlich und seiner treulichen Mannen, die er zu seinem supportem und Wolfart recrutiret und zur Ausrüstung seines Lufft-Schiffes gemacht, mit dessen Hülff er die Welt umründet und bis bei den Negern gewest, denen er die frohe Nachricht unsers Heylandes ferbracht, worauff sie in ein grosz mechtig jauchzen unde frolocken ausgebrochen, und wie es ihm hernach ergangen, und Amouren-Geschichten desselben, die er in verschiedenen Continenten durchlebet, und weßhalb ihm sein eigner Milchbruder umb den gantzen globus nachgefolget, um ihm an das Leder zu gehen, und welchen Verlusst der Selbige darbei erlitten, nebst einigen wahrhafftigen Begebenheiten aus der vitam desselben, comische Münchhausiaden sowie schier ungläubliche Hanswurstiaden, illustriret durch mit aller accuratesse hergestelleten Kupffer Stichen, zalreichen umfänglichen Land- und Seekarten, einer Einleitung, einer Bemerkung zum Schlusse, auffklerenden Anmerckungen des Verfassers und einem Richtigen Verzeichnuß sembtlicher enthaltenen Materien, den günstigen Lesern der bürgerlichen zugleich adlichten Stende zur Erbauung zugeeignet sowie der reiffen Jugend anempfolen
  • Mein Smegma komme über euch
  • Nachts Sind Die Affen Platt (zur Bedeutung der NSDAP)
  • Der Schrebergarten der Verdummten
  • Ein Schwein am Seil
  • Selbs Befriedigung (bevor Bernhard Schlink draufkommt)
  • Stirb, ich komme nach (Erben für Anfänger)
  • Tote leben nicht
  • Unrasierte Sachen, die nachts ticken
  • Unvergessene Briefe an vergessene Frauen
  • Waldschrat und Stadtschrat
  • Walther mit der Vogelscheuche
  • Wanderungen durch den Euro Brandenburg (Neufassung)
  • Warum Frauen nicht bei Neonlicht auf einem Betonboden verprügelt werden wollen (Feminismus für Anfänger)

Mehr kann man gar nicht tun. Schönes drittes Adventswochenende.

Lyrik zur Lage

Wenn die Gedichte
einfacher werden
so zeigt das
nicht immer an
dass das Leben
einfach geworden ist.

Erich Fried: Widerspiegelung, in: Lebensschatten, 1981.

Wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden.

Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung, 1979.

La la lá lalala,
la la lá lalala,
la la lá, la la lá,
la la la.

“Israeli-French singer Yael Naim captured the world’s attention in 2008 when this winsome, enchanting single was picked up by Apple for the ad campaign for MacBook Air.” (National Geographic).

Anständig essen

Um 1370:

Du solt nit bey tische grelzen noch mit dem messer in die zent stüren.

Vor 1643, überliefert in Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages, Übersetzung von Burkhart Kroeber, 1994 (Seite 69, Kapitel 6: Große Kunst des Lichts und der Schatten):

In sauberen Kleidern erscheinen, nicht nach jedem Happen einen Schluck trinken, sich vor dem Trinken den Bart und den Schnurrbart abwischen, sich nicht die Finger ablecken, nicht in den Teller spucken, sich nicht in die Tischdecke schneuzen. Wir sind schließlich keine Kaiserlichen, Messieurs!

Heinz Dietrich: Menschen miteinander. Ein Brevier des taktvollen und guten Benehmens, 1934, Nachdruck 1952:

Von dem aufgetanen Fleisch wird im Gegensatz zu angelsächsischen Gepflogenheiten immer nur das Stück, das man für den nächsten Bissen braucht, abgeschnitten. Nur für Gebrechliche und für Kinder, die sich auf den Gebrauch von Messer und Gabel noch nicht verstehen, kann man das ganze Stück gleich auf einmal zerteilen. Knochen, unzerkaubare Knorpel und Sehnen, die einem in den Mund geraten sind, läßt man auf Gabel gleiten und legt sie etwas abseits auf den Teller zurück.

Messer und Gabel werden am oberen Teil des Griffes gehalten, so daß dessen Ende wie ein Hebel gegen die Mitte der Innenhand stößt. Dadurch hat man nicht nur die größte Gewalt über Messer und Gabel, die locker über den Griff ausgestreckten Zeigefinger werden dann auch niemals so weit nach unten gleiten, daß sie die Schneide oder die Gabelzinken berühren. Die Daumen liegen ebenfalls ausgestreckt seitwärts an, während die übrigen Finger eingekrümmt die untere Klammerstütze für die Besteckgriffe bilden. Je leichter und unverkrampfter die Hände Messer und Gabel führen, desto eleganter sieht es aus und desto weniger Geklapper und Lärm entsteht. Die Gabel bleibt stets in der Linken, das Messer in der Rechten. Sie werden beide mit dem Rücken nach oben im spitzen Winkel flach und schräg über dem Teller gehalten. Das Messer darf sich niemals vom Teller entfernen, es dient nur zum Fleischschneiden und zur Unterstützung der Gabel bei der Zusammenstellung und beim Anspießen des Bissens. Degenschlucker gehören in den Zirkus. Grundsätzlich wird das Messer nur zum Schneiden solcher Gerichte benutzt, die allein mit der Gabel nicht zerkleinert werden können. Gemüse wird also nicht geschnitten, ebensowenig natürlich Deutsches Beefsteak. Gleichwohl wird das Messer auch dann nicht aus der Hand gelegt, sondern zur Unterstützung der Gabel als Schieber gebraucht. Auch wenn es für das Messer gerade nichts zu tun gibt, soll es während des Ganges also nicht aus der Hand gelegt werden. Die Gabel sticht, Rücken nach oben, leicht in das abgeschnittene Fleischstück und hebt es zum Munde. Gemüse, Kartoffel usw. ohne Fleisch kann auch mit der nach oben offenen Gabel aufgenommen werden. Sie darf aber nicht erst in der Luft angefüllt werden, indem etwa das Messer die Speisen an ihr wie ein Maurerspachtel abstreicht, sondern immer direkt auf dem Teller. Und, wie man nicht oft genug sagen kann, nie zu hoch auf einmal aufladen, lieber die Gabel ein paarmal mehr zum Munde führen. [...]

Jede Mahlzeit geht einmal zu Ende, auch die längste. Trotz der so oft angestrengten “Sitzung” werden Sie jedoch niemals schwer und stumm in Ihren Stuhl zurücksinken, als hätten Sie schon mit einem kleinen Verdauungsschlummer begonnen. Bei den rauchern erwacht die Sehnsucht nach der Zigarette. Doch sie sollten ihre Etuis steckenlassen und sich bezähmen, bis der Hausherr es für richtig hält, Zigaretten anbieten zu lassen. Vor dem Schlußgericht (Süßspeise oder Obst) wird das nicht der Fall sein. In der Regel geht man zu Kaffee, Zigarette und Likör nach beendeter Mahlzeit in ein anderes Zimmer. Wird der Kaffee sofort anschließend am Eßtisch serviert, nachdem alles Geschirr und alle Gläser abgedeckt sind, so paßt eine Zigarette recht gut dazu. Zugleich macht auch die Kiste Zigarren die Runde. Zwischen den Gängen zu rauchen, ist heute vielfach üblich geworden. Besonders schön ist das nicht, und bei großen, offiziellen Diners ist das zweifellos nicht am Platze. Vor dem Kriege verwendete man für die ganz engagierten Raucher gern sogenannte “Damen-Zigaretten”, die nur wenige Züge enthielten. Zur Zeit sind solche Zwischengangszigaretten nur als Sonderanfertigungen erhältlich. [...]

Darum wird man auch allein genau so essen, als sei man mit anderen zusammen. Auch allein bleibt man ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, und man degradierte sich menschlich, wenn man sich von jenen Formen “befreite”, sobald man unbemerkt ist, als seien sie nur ein Komödienspiel, das man ohne Zuschauer nicht mehr nötig hätte. Wie könnte man auch von jemand verlangen, daß er als ernsthafter erwachsener Mensch sich nach Formeln richtete, die weiter nichts wären als bloße Spielregeln?

Doch es kommt noch hinzu, daß man niemals die nötige Sicherheit und Gewandtheit erlangt, wenn man immer erst in Gegenwart anderer mit seinem guten Benehmen beginnt. Da Appetit und schlechte Gewohnheit sehr bald den auferlegten Zwang durchbrächen, so würden sich die üblen Manieren doch schnel verraten. Wem daher der tiefere Sinn der Tischsitten verborgen bliebe, für den wäre es immer noch eine Sache der praktischen Zweckmäßigkeit, sich auch allein am Tische niemals gehen zu lassen.

Barbara Kleber: Knigge für jeden Tag: Richtiges Benehmen. Zeitgemäße Umgangsformen. Mit Trainingsfilm auf DVD:

Ein Beispiel: Dr. jur. Krösus (wir erinnern uns, der frischgebackene Doktor der Rechtswissenschaften) lädt seine beiden Mitarbeiterinnen zum Mittagessen in den Ratskeller ein. Alle Tische sind eingedeckt, ein paar Gäste sitzen im Gastraum. Dr. Krösus führt die Damen an einen Tisch seiner Wahl, ohne sich mit dem Service abgesprochen zu haben. Ein Kellner folgt der Prozession und weist die Gruppe darauf hin, dass dieser ausgewählte Tisch reserviert sei. Mit den Worten “Dann reservieren Sie eben einen anderen!” lässt sich Krösus nieder, während die Damen noch zögerlich stehen bleiben. Der Kellner bittet Krösus höflich an einen anderen Tisch, denn dieser Tisch sei reserviert und schoin für die Gäste dekoriert, die übrigens die Dekoration auch schon bezahlt hätten. Notgedrungen wechselt Krösus mit den damen, denen die ganze Situation peinlich ist, an einen anderen Tisch. Krösus hat kaum von der Suppe gekostet, als er laut in die Hände klatscht, um die aufmerksamkeit eines Kellners zu gewinnen. Dieser kommt auch schnell, weil er neues Unheil ahnt Krösus erklärt ihm nun lautstark, dass er dieses “Sosenfutter” nicht essen und auch nicht bezahlen wird. Mit einer Entschuldigung räumt der Kellner die Suppentasse ab. Die Damen löffeln weiter, immerhin scheint es ihnen zu schmecken. zum Hauptgang haben die Herrschaften Rotwein bestellt. Wieder lässt Krösus den Service antreten und verkündet: “Diesen verkorkten Wein werde ich nicht trinken, bringen Sie mir ein Bier, damit können Sie hoffentlich nichts falsch machen.” Schließlich sind die Teller und Gläser leer und Krösus ruft durch den Raum: “Zahlen!” Der Kellner kommt mit der Rechnung. Derweilen hat Krösus seine Brieftasche gezückt, knallt drei Kreditkarten auf de Tisch mit der Bemerkung: “Suchen Sie sich eine aus!” Während der Kellner noch mit der Karte seiner Wahl und der Abrechnung beschäftigt ist, steht Krösus auf und holt die Garderobe. Als sich die drei anziehen, kommt der Kellner mit der Karte und dem Rechnungsbeleg zurück. Wortlos nickend nimmt Krösus beides an sich. Die drei verlassen den Ratskeller und der Kellner atmet tief durch.

Sie wissen und können es besser. Notieren Sie hier Ihre Empfehlungen für Herrn Dr. Krösus:






Erkenntnis: Seit man seine Mammuts nicht mehr selbst handwürgen muss, ist nichts einfacher geworden.

Love Minus Zero

Der deutsche Tonsetzer Adrian Leverkühn ist am 23. Mai 1941 “aus tiefer Nacht in die tiefste gegangen”, welchen Ausdruck Thomas Mann durch seinen Erzähler des Doktor Faustus, den Dr. phil. Serenus Zeitblom, für Leverkühns Tod verleiht.

Tags darauf, den 24. Mai 1941, ist der amerikanische Tonsetzer Robert “Bob Dylan” Zimmermann geboren. So hat, ohne dass der erfindungsreiche Thomas Mann davon erfahren konnte, das Musikgenie der alten Zeit das Szepter an dasjenige der neuen Zeit fliegend überreicht: Adrian Leverkühn, den es nie gab, an Bob Dylan, den es noch lange geben soll. Ein vernachlässigter Umstand in der Berichterstattung über Dylans siebzigsten Geburtstag.

Man mag sich erinnern, worin Adran Leverkühns “tiefe Nacht” im diesseitigen Leben bestand: Um den Preis, vierundzwanzig Jahre lang zum allerfeinsten, genialsten und höchststehenden musikalischen Schaffen befähigt zu sein, verschreibt er seine Seele für alle Zeit, die darauf folgt, dem Teufel. In seiner “geheimen Handschrift”, die zum Fulminanstesten gehört, was nicht nur Thomas Mann je zusammengesponnen hat, liest sich der Kontrakt:

Er: “[...] Zeit hast du von uns genommen, geniale Zeit, hochtragende Zeit, volle vierundzwanzig Jahre ab dato recessi, die setzen wir dir zum Ziel. Sind die herum und vorübergelaufen, was nicht abzusehen, und ist so eine Zeit auch eine Ewigkeit, – so sollst du geholt sein. Herwiderumb wollen wir dir unterweilen in allem untertänig und gehorsam sein, und dir soll die Hölle frommen, wenn du nur absagst allen, die da leben, allem himmlischen Heer und allen Menschen, denn das muß sein.”

Ich (äußerst kalt angeweht): “Wie? Das ist neu. Was will die Klausel sagen?”

Er: “Absage will sie sagen. Was sonst? Denkst du, Eifersucht ist nur in den Höhen zu Hause und nicht auch in den Tiefen? Uns bist du, feine, erschaffene Creatur, versprochen und verlobt. Du darfst nicht lieben.”

usf. “Gut altdeutsch, ohn’ alle Bemäntelung und Gleisnerei” (a.a.O.) heißt das: Leverkühn durfte nur komponieren, niemals lieben. Das interessiert uns ehrfürchtige Lesejünger, weil von Leverkühn alles über seine fiktive Biographie, hingegen nichts von seinem musikalischen Schaffen auf uns gekommen. Bei Bob Dylan verhält es sich umgekehrt: Wir ehrfürchtigen Musikjünger besitzen alle seine Platten und wissen über sein Werden, Werben und Wandeln nur, was er uns wissen lässt. Beides ist gänzlich in der Ordnung.

Einige Jahrzehnte nach Leverkühns Ende und Dylans Anfängen verliebte sich in meine bescheidene Person ein Mädchen von hoher Schönheit und Intelligenz, das dem Prinzip der körperlichen Leidenschaft in ihrem Herzen einen großen und besonders kuschligen Raum gab. Sie konnte genau so küssen, wie Bob Dylan auf Don’t Think Twice, It’s All Right Mundharmonika spielt. Vielleicht hätte mich ausgerechnet dieses Lied von Anfang an misstrauisch stimmen sollen. Trotzdem verfügte sie damit über eine unter Mädchen jeglichen Alters vernachlässigte Fertigkeit.

Genau das unterscheidet die Musik Leverkühns von der Dylans: Die erstere muss ohne Liebe auskommen bis zu dem Grade, dass ihr Schaffender für einen Anflug wärmender Liebe, von liebender Wärme zur Hölle führe, sie ist ganz Hirn-Gespinst bis zu dem Grade, dass sie rein als theoretische Beschreibung existiert – nachzuvollziehen im XXII. Kapitel des Doktor Faustus –, letztere besteht nahezu aus Sinnlichkeit, subjektivem Empfinden, eben aus Liebe und jener Form des Hasses, die nicht das Gegenteil von Liebe, sondern ihr unmittelbarer Nachbar ist. Mit Dylan wäre kein teuflischer Pakt zu schließen wie mit Leverkühn. Das erklärt auch, wie Dylan trotz seiner unsäglich disharmonischen Gesänge immer wieder mit dem Götterliebling Orpheus verglichen werden kann: Der Mann scheint allem Vernehmen nach ein dauermürrischer Ranzbeutel zu sein, seine Musik jedoch entspringt der Motivation der Engel. Die Erkenntnis, die wir von Dylan erfahren, führt nicht zwingend über musikwissenschaftliche Bildung, sondern über die Resonanz im Trommel- und im Zwerchfell.

Ein weiteres Jahrzehnt später verliebte sich in meine schon weit weniger bescheiden gewordene Person ein großes Mädchen von noch viel höherer Schönheit und Intelligenz als die oben beschriebene. Ihr Kuss glich nicht dem Saugen und Blasen auf Dylans wildgewordener Mundharmonika, die er auf seinem eisernen Ständer spielt – bei welcher Wortwahl abermals die Nähe seiner Musik zur körperlichen Liebe auffällt –, vielmehr fühlten unsere Harmonien sich an wie die Gitarre auf Down the Highway. Das ist das vierte Lied auf Dylans Zweiter, der The Freewheelin’ Bob Dylan, die von ihrem Lieblingslied eröffnet wird, und somit in vielfacher Hin- und Rücksicht eine Steigerung davon.

Schon heute praktiziert Dylan mehr als doppelt so lange, wie dem Leverkühn teuflischerseits zugebilligt wurde: Seine erste Platte ist von 1961. Auf zirka 1917 wird Leverkühns oben zitierte “Handschrift” durch Thomas Mann datiert, die ihre absichtsvolle Antiquiertheit außer in der lutherischen Ausdrucksweise in der Beobachtung offenbart:

Er: “Gewiß doch! Wenn einer die gröbsten Mißverständnisse über sich, mehr noch aus Wahrheits-, denn aus Eigenliebe, richtigstellt, ist er ein Maulaufreißer. Ich werde mir von deiner ungnädigen Verschämtheit den Mund nicht stopfen lassen und weiß, daß du nur deine Affecten bei dir verdruckst und mir mit so viel Vergnügen zuhörst wie das Mägdlein dem Flüsterer in der Kirche… Nimm gleich einmal den Einfall, – was ihr so nennt, was ihr seit hundert oder zweihundert Jahren so nennt, – denn früher gabs die Kategorie ja gar nicht, so wenig wie musikalisches Eigentumsrecht und all das. [...]“

Man erkennt ohne Vorkenntnis: Der Teufel sagt das. Eher der gewinnende Mephisto denn der schwefelstinkende bäurische Pferdefuß, sagt er dem Leverkühn aufs Haupt zu, wie er ohnehin so ungnädig verschämt und verdruckst zur Liebe unfähig sei, wessenthalb “dir denn auch die Hölle nichts wesentlich Neues, – nur das mehr oder weniger Gewohnte, und mit Stolz Gewohnte, zu bieten haben” werde.

Wie viel anders und, trotz seines mittlerweile zusammengeflossenen halben Jahrhunderts in aktiver Musik und Liebe, wie viel neuzeitlicher die Auffassung von Bob Dylan! Ungnädig und verdruckst wie nicht leicht einer, wacht er eifersüchtig über sein musikalisches Eigentumsrecht, was wir ihm als liebende “Affecte” zu seiner ureigenen Musik gutschreiben wollen.

Nun ist gerade Dylan berüchtigt dafür, keins seiner Lieder je ein zweites Mal genau so spielen wie ein vergangenes Mal. Und mit Verlaub: Einen Gitarrenlauf wie das virtuose Fingergewühl auf Down the Highway erschafft man weder mit der ptolemäischen Naturtönerey noch mit der wenige Jahrhunderte seit Bach zählenden chromatischen Wohltemperiertheit, und am wenigsten mit Zwölfton-Reihentechnik, sondern – sagen wir gut altdeutsch, ohn’ alle Bemäntelung und Gleisnerei, was Sie schon lange ahnen, mit einem modernen Wort: Das entsteht wie Sex.

Kaum jemals hat man Bob Dylan öffentlich lächeln gesehen, außer (1969 auf dem Cover zur Nashville Skyline und) 1973 in Pat Garrett and Billy the Kid, und da war er Schauspieler. Den Soundtrack dazu hat er nie auf Konzerten verwendet, das Knockin’ on Heaven’s Door daraus allenfalls nach seiner alten und immer neuen Weise bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Die CD davon und die Freewheeling war zu Zeiten unserer jungen Liebe der Soundtrack zu unseren stillsten Stunden. Sobald die Musik in ihrer technischen Wiedergabe verstummte, schufen wir Rhythmus und Harmonie selbst. Oft werden das Fingergewühl und die Resonanz im Zwerchfell hörbar. Es ist – und ich übertreibe mit keinem Wort – es ist – und damit sei der Höhepunkt meiner Unbescheidenheit für diesmal überschritten – es ist, sagte ich, ein Privileg, sich so zwischen Leverkühn und Dylan zu begeben und von meiner Frau zu lernen und mit ihr immer alte und immer neue Harmonien zu schaffen. Down the Highway mit all seinem virtuosen Fingergewühl, all seinem unsäglich disharmonischen Gesang, all seinem Saugen und Blasen auf dem – amorabile dictu – Ständer – es ist ein vernachlässigtes Lied.

Herrschaften, ich liebe diese Frau. Wahrscheinlich heißt es deswegen Gitarren-Lick.

Bob Dylan: Love Minus Zero/No Limit, aus: Bringing It All Back Home, 1965: Live-Video; Text.

Fachliteratur: Von meiner ab sofort wieder bescheidenen Person: Warum wir trotz allem Thomas Mann lieb haben; Adrian Leverkühns Krankheit; ferner ein Essay von Karl-Heinz Wollscheid: Personifikationen des Bösen. Hölle, Teufel und Dämonen in der Bibel und in der christlichen Tradition.

Sophia Kabbala

Der Tratsch der Woche war ja:

Sophia Thomalla, 21, Schauspielerin, hat einen neuen Freund: Till Lindemann, 48, Sänger der Band Rammstein. Ihr Partner ist damit drei Jahre älter als ihre Mutter, “Tatort”-Kommissarin Simone Thomalla, die derzeit mit dem Handball-Nationalspieler Silvio Heinevetter liiert ist, der wiederum nur fünf Jahre älter ist als Sophia Thomalla. Davor war Simone Thomalla mit Fußball-Manager Rudi Assauer zusammen, der 21 älter ist als sie, also 66 und damit immerhin 40 Jahre älter als sein Nachfolger, aber lediglich 18 Jahre älter als Lindemann. Dessen Tochter ist übrigens etwa so alt wie Heinevetter.

Alles verstanden? Das steht in der Süddeutschen Zeitung vom 7. April 2011 im Panorama unter Leute. Muss man sich anscheinend merken, die Spalte, aber hör ich da eine gewisse Missbilligung heraus? Ach komm, ungenannt bleiben wollender Promiwatchredakteur, ist doch Frühling, da probieren die Leute halt was Neues aus. Das Verständnis und das Wohlwollen aller lebenslustigen Weiber und aller Mannsbilder, die empfänglich sind für den Welpencharme 21-jähriger Schauspielerinnen wie für die Coolness von großen Mädchen, mit denen man über alles quatschen kann außer über ihr Alter, schweben über der Familie Thomalla (wer immer das ist) und ihren Liebhabern bis ins siebente… nun ja: Glied.

Durch anderleuts Abscheu kommt man doch erst auf die richtigen Sachen, oder warum sonst schauen die ansonsten zurechnungsfähigsten Leute zielgerichtet das Füllmaterial für die Fernsehwerbeblöcke an? Warum, um bei Familie Thomalla zu bleiben, hätte meine weiland erste Freundin mich überhaupt jemals mit den Hintern anschauen sollen, wenn nicht, um in pubertierender Absicht die sozialen Vorstellungen ihrer Eltern zu widerlegen? Und warum, um von Familie Thomalla wegzuführen, gebe ich Geld, für das ich ehrbar arbeiten musste, für Errungenschaften wie die erste historisch-kritische Gesamtausgabe von Heinrich Wackenroder aus?

Den Klatsch der letzten Woche hat ein ebenfalls namenloser Restaurantkritiker über eine namentlich nicht weiter erwähnenswerte Gaststätte in eine ebensolche Zeitung geschrieben: Offenbar servierte dort die anonymste aller Servicekräfte dem Manne (möglicherweise auch dem großen Mädchen oder so jemandem), Obacht, und jetzt alle: “einen belanglosen Lollo an einer fahrlässigen Vinaigrette”.

Ist das nicht schnulli? Ein belangloser Lollo an einer fahrlässigen Vinaigrette, schmackofatz. Für mich mit einem extratrashigen Schirmchencocktail, der am besten etwas in der Qualität von “Sex on the Discosofa” heißt, bitte.

Abscheulich tolles Lied: Katzenjammer: Tea with Cinnamon, 2009.
Am Donnerstag, den 14. April 2011, live in der Muffe!

Bonus Track: Demon Kitty Rag live:

PS: Ein belangloser Lollo an einer fahrlässigen Vinaigrette. Hach.

Mit welcher Mystik muß er dann Indikativ und Konjunktiv, das nahestehende Präsens, das hohe Perfektum, das verehrungswürdige Plusquamperfektum begrüßen?

Die deutsche Sprache, seit sie von Adelung ab 1774 erstmals systematisch und normierend festgeschrieben wurde, verarmt sie nicht seither nur noch beständig? Für Missstimmungen der Seele hat man nur noch das Wort für den medizinischen Befund zur Hand, Werbeagenturen fliehen die Not, irgendwie zu heißen, durch gewollte Garstigkeit und Ironie, und Ladengeschäfte schreiben eher klingende Namen, bevor sie ein Angebot sichtbar machen.

Erst wollte ich die grundlegende Philosphie über die Tempus der Verben und die sechs (!) Kasus der Substantive behandeln, die Ludwig Tieck noch 1825 einfach so nebenbei in seine populäre Novelle Die Gesellschaft auf dem Lande einflechten und damit einer breiten gebildeten Leserschaft gefallen konnte. Bei näherem Besehen ist das nichts, womit man heute noch Inhalte vermitteln, geschweige den prodesse et delectare könnte.

Adelheid hatte während dieser feierlichen Rede das Lachen verhalten müssen, die Mutter hatte sie aufmerksam angehört, ohne ein Wort zu verstehn.

Na gut, die Klage über dergleichen war nie neu und wird nie alt.

Antiquarische Bücher, Weißgerbergasse 21, Nürnberg Altstadt

Klingender Name ohne sichtbares Angebot: Antiquarische Bücher, Weißgerbergasse 21, Nürnberger Altstadt.

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Marmorschädel

Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier
Bücher und Menschen verschlungen;
Die Glocken wurden geläutet dabei
Und Kyrie eleison gesungen.

Dummheit und Bosheit buhlten hier
Gleich Hunden auf freier Gasse;
Die Enkelbrut erkennt man noch heut
An ihrem Judenhasse.

singt Heinrich Heine in Deutschland. Ein Wintermärchen 1844 in Caput IV (Was nichts “Kaputtes” ist, sondern lateinisch für “Kopf”, mithin der Augmentativ von “Kapitel”). Das waren üble Unterstellungen, darum hieß es ab der zweiten Auflage: “Die Enkelbrut erkennt man noch heut / An ihrem Glaubenshasse.”

Nun begibt es sich ausgerechnet in dem Jahr, in dem Heines in Marmor gemeißelter caput in die Walhalla aufgenommen wird, dass das 2007er Buch einer gewissen Deborah HertzHow Jews Became Germans: The History of Conversion and Assimilation in Berlin” unter die Deutschen fällt. Der deutsche Verlag Campus weiß auch nichts Besseres und übersetzt korrekt: “Wie Juden Deutsche wurden. Die Welt jüdischer Konvertiten vom 17. bis zum 19. Jahrhundert“.

Ich würde ja nix sagen, das ist ein ehrenwertes Thema, und spannend find ich’s auch noch, gerade wegen Heine. Frau Hertz ist aber Professor of Modern Jewish Studies an der University of California in San Diego und sollte wissen: Deutsch ist eine Nationalität, jüdisch ist eine Religion. German is a nationality, Jewish is a religion, capisce? Findet das eigentlich erst seit der intensiven Öffentlichkeitsarbeit eines verwachsenen Österreichers mit Chaplin-Bärtchen statt, mit dem Deutschland bis heute keinen Staat machen kann, dass zwischen Juden im Gegensatz zu Deutschen unterschieden wird? Und vorsichtshalber für hintern Spiegel: Eine “Rasse” sind Juden auch nicht.

Juden, die es erst praktisch gestern zu einem eigenen Land gebracht haben, leben seit den alten Römern dort, wo seit praktisch vorgestern Deutschland liegt. Als die Germanen endlich Deutsche wurden, empfanden sich die mitten unter ihnen lebenden Juden als was wohl? Als Deutsche, genau. Als was sonst? Hermann Cohen sah in seinen jüdischen Glaubensgenossen sogar die Träger eines eigenen germanischen Stammes, was einen glatt auf die Frage werfen kann, wie gut das Chaplin-Double in Neukantianismus beschlagen war. Ganze Arbeit hat er ja geleistet: Solche eingeschlichenen Formulierungen, ebenso das bis heute grassierende “Halbjude“, insinuieren nämlich, dass “der Jude an sich” ein gutgläubiger Depp ist, der meint, er sei ein Deutscher, obwohl er doch wissen müsste, dass er von Antisemiten umzingelt ist und jederzeit massenvernichtet werden kann. Liebe Alt- und Neonazis, Judenfreunde, Christenmenschen und Sprachbenutzer, Halbjuden gibt’s nämlich gar nicht. Hat’s nie gegeben. Juden, die gibt’s, in Form von Rabbis, Bankern, Drehbuchschreibern, Schustern und koscheren Metzgern, und manche sollen sogar was gelernt haben, das nix und wieder nix mit ihrem Glauben zu tun hat. Und es gibt Leute, die etwas anderes als Juden sind. Halbe nicht. Das lassen sie sich erstaunlich gleichmütig gefallen, die Juden. Was reg ich mich also stellvertretend auf.

Einwände gegen Heinrich Heines Aufnahme in die Walhalla (als Nr. 130 nach Sophie Scholl und Edith Stein) lauteten dahin, dass der Mann zu Lebzeiten drei Spottlieder auf König Ludwig I., den Gründer der “marmornen Schädelstätte” (wieder Heine) verfasste, die er sich nicht einmal selber in die Fassungen seiner Gedichtzyklen letzter Hand aufzunehmen traute. Und dann doch wieder: Bei der Enthüllung am 28. Juli 2010 sprach Karl-Heinz Theisen vom Düsseldorfer Freundeskreis Heinrich Heine: “Wir setzen mit dieser Ehrung auch ein deutliches Zeichen gegen antisemitische Tendenzen und Rassenhass. Diese Büste macht uns stolz.” Martin Luther ist schließlich auch da, und den wollte Ludwig I. dort nicht sehen. Und inzwischen steht er da höchstselbst, 75 Zentimeter hoch aus Lasa-Marmor. Das ist ja alles nichts Schlechtes. Was Heine uns lehren kann in dem Denkmal, das er sich durch sein Werk gesetzt hat: dass man trotzdem aufpassen soll, was man sagt.