Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Design im wirklichen Leben (Seite 1 von 5)

Der nächste Meter bedruckter Seiten

Jetzt endlich auch bei Ikea: keine Bücher!

Beim buchreport haben sie offenbar schon am 29. August den Ikea-Katalog für 2019 gekriegt. Müssen wohl die Rezensionsexemplare sein; jedenfalls verreißen sie ihn sofort: Verdrängung im Bücherregal: Ikea inszeniert Wohnen mit wenig Buch:

Geht es dagegen nach dem in diesen Tagen an ca. 25 Mio deutsche Haushalte verteilten 300-Seiten-Katalog 2019, spielen Bücher nur noch eine marginale Rolle. Statt der bunten Bücherregale früherer Jahre finden sich meist nur noch in schwarzen oder weißen Umschlägen neutral gewandete Einzelstücke als marginale Accessoires. Zahlreiche der abgebildeten und explizit als “Bücherregal” bezeichneten Möbel enthalten Wollknäuel, Geschirr und andere Haushaltsgegenstände, aber kein einziges Buch.

Schön auch zu erfahren: Bei der FAZ lesen sie sowohl den Ikea-Katalog als auch den buchreport, jedenfalls deren Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck, die beobachtet: Klassiker für Katzen. Neuer Ikea-Katalog ohne Bücher, FAZ, 30. August 2018:

In seinem neuen Katalog hat Ikea die Bücher aus den Regalen verbannt. Ist das die Lehre aus dem Vormarsch des Digitalen – oder ein Plädoyer für den Müßiggang?

[…] Sicher, jeder hat schon einmal einen Bücherschrank zweckentfremdet. Man denke nur an die regalfüllenden DVD-Sammlungen lesefauler Lebenspartner, die jede nach Autoren und Stilformen geordnete Buchkollektion durcheinander brachten. Oder an die Hauskatzenangewohnheit, tote Mäuse in ungenutzt gelassenen Fächern zu verstauen. Aber ein Blick in alte, akribisch im Buchregal gesammelte Ikea-Kataloge zeigt, dass “Billy” früher immer voller Bücher stand, sogar im Kaufhaus selbst, was ja einer von vielen Gründen war, warum man beim Gang durch die Möbelabteilung immer so lange brauchte. Und wenn das erstandene Regal noch so langweilig war und auch beim spießigen Nachbarn stand – zumindest die Auswahl der Titel darin konnte man selbst bestimmen.

Auf meinem eigenen letzten Müßiggang durch den Echinger Ikea ist mir aufgefallen, dass sie dort keineswegs eine verlockende Bibliothek in ihre Wohnlandschaften geordnet haben, sondern abertausendfache Pappdeckelmodelle der erst posthum öffentlich gemachten Coming-outs von — nein, nicht etwa Astrid Lindgren; wo dächte man hin? — Patricia Highsmith: Elsie’s Lebenslust, ‘Small g’ — eine Sommeridylle und Carol. Roman einer ungewöhnlichen Liebe, in späterer Übersetzung: Carol: Salz und sein Preis.

Attrappen von Lesben-Klassikern mit diskutierwürdigen Apostrophen einer Amerikanerin aus einem Schweizer Verlag am Stadtrand von Eching — das war noch praktizierte Weltoffenheit der Seefahrernation Schweden. Nachdem Ikea seinerseits sein ausgewiesenes Bücherregal Billy in einer Form neu auflegte, in der man seine eigenen Bohrlöcher nach Bedarf mit dem kleinen Finger ins Holz stechen konnte, soll mir mein geboosteter Vintage-Ivar reichen. Der aktuelle Produkttext für Billy handelt ausdrücklich über “Regale & Bücherregale”, aber eben:

Nicht nur für Bücher

Bei IKEA versuchen wir immer, neue Wege zu denken. Zum Beispiel, indem wir uns bei einem Bücherregal nicht auf Bücher als Aufbewahrungsgegenstände beschränken lassen. Regale eignen sich auch für Geschirr hervorragend. Oder für deine Sammlungen. Aber wenn du sie einfach nur für den nächsten Meter bedruckter Seiten brauchst, ist das selbstverständlich auch prima.

Sie raten von Büchern ab und biedern sich sogar mit einer als fortschrittlich eingestuften Zielgruppe an, indem sie sich gallig von analogen Medien distanzieren — das hätte wenigstens der investigativen FAZ ruhig auffallen können. Dem allzeit wachen und dem Buchhandel zuarbeitenden buchreport hätte ich vorgeschlagen: Meine Fresse, warum geht Ikea denn nicht endlich eine längst überfällige interdisziplinäre Kooperation mit dem Aufbau-Verlag ein?

Fortschrittlicher Soundtrack in Blau und Gelb:
Reinhold Limberg: Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!, 1951:

The only thing that looks good on me

Seit vorgestern muss ich mich an die frisch angebrochene Ära der Gleitsichtbrille gewöhnen. Dass es gleich zwei solche Geräte geworden sind, um einen Ersatz in der neuen Technologie zu schaffen, macht nichts leichter. Das eine Modell geht in die Richtung Buddy Holly und Heiner Müller, das andere ist dermaßen dem 19. Jahrhundert verhaftet, dass es noch einen Windsorring hat — das, was sich E. T. A. Hoffmann hinter die Ohren geschnallt hätte, um den Kater Murr zu schreiben; nicht das um Mitleid flehende Blumendrahtgestellchen von Franz Schubert, aber schon etwas, mit dem man sich bei Unschlittkerzenlicht Eisengallustintenfinger zuzieht. Ich brauche dringend einen Bratenrock.

Damit lernt man dergestalt das Gucken neu, dass man sich fürs erste stark der Musik zuwendet, weil man zuerst einen Blick wie E. T. A. Hoffmann kurz vor dem täglichen Verlassen des Lutter & Wegner hat. Darum vorsichtshalber heute keine Bilder.

Und sonst? Ist uns der Harry Rowohlt auch schon wieder drei Jahre gestorben:

Ich hab’s geschafft: Ich bin Coverboy im Hamburger Abendblatt, in Farbe, und das mir, dem letzten freilebenden Springer-Boykotteur. […] Orthographie und Interpunktion waren immer das einzige, was ich einigermaßen beherrschte. Wenn diese beiden Tugenden plötzlich nichts mehr gelten, stehe ich vor dem Nichts. Ich kann ja nicht mal ordentlich skilaufen. […] Das ist so gut gesagt, da beschlägt einem doch die Berylle.

Harry Rowohlt: Pooh’s Corner.
Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand
,
in: Die Zeit, 8. August 1997.

Soundtrack: Die Ärzte: Buddy Holly’s Brille,
aus: Im Schatten der Ärzte, 1985:

Lebensgröße DIN A4

Ich erfinde nichts. Nicht dass wieder es heißt, ich erfinde was.

Wir in München, 08.17

Wir! in München, von vorn und hinten (“Entdecke faszinierende Giganten der Urzeit in Lebensgröße”), August 2017.

Maximilianstraße

Alix, München, 23. März 2013, blog-amm.comDen entscheidenden Tick
zu lange gemusterte
Markenjeans,

den entscheidenden Tick
zu bemühte hochhackige
Sandalenstiefel:

Die Sommersaison ist
entweder in der
Staatsoper

der Eintritt höher
oder im P1
niedriger.

~~~\~~~~~~~/~~~

Buidl: Frau Alix in München, 23. März 2013, aus dem blog-amm.com, den es nicht mehr gibt.
Paisley-Jeans, Peetoe-Boots und Schneeleopardentasche: Zara.
Die Straße scheint mir einer der ruhigeren Aufgänge am Giesinger Berg.
Meine eigenen Models halten nämlich nie still.

Ernstfall-Video: Secret Fashion Show Vol. 7, Mai 2017. Keine dreieinhalb Minuten, aber nichts für schwache Nerven:

Soundtrack zum Entgiften, weil Musik ja auch Spaß machen soll: Sportfreunde Stiller: Tage wie dieser, aus: Die gute Seite, 2002, mit allerhand glaubwürdigen Münchner Ansichten:

With his spectacles off, the near-sighted photographer can’t focus

Summoning his cosmic powers,
And glowing slightly from his clothes,
His psychic emanations flowed.

Pink Floyd, 1968.

Heute keine Bilder.

Ich wollte selber eins machen, mit zwei Büchern drauf, im Zusammenhang mit den zwei Brillen, die ich derzeit benutze. Es hätte aber draußen sein müssen, auf hellem Hintergrund bei Tageslicht, weil die zwei Bücher eher dunkel sind: Wieland, antiquarisch von A. D. 1853, die zwei von 18 Bänden mit dem Aristipp.

Leider ist mir typischerweise nicht nur die Sonne davon-, sondern die Bewölkung hinterhergelaufen, und der Idee einer verschwommenen Brille konnte ich seit der Cover-Art von Hipgnosis für die Nice Pair-Compilation von Pink Floyd 1973 nichts mehr hinzufügen:

Out-of-focus spectacles — With his spectacles off, the near-sighted photographer can’t focus.

Ich beklage mich nicht, es werden ja so viele Bilder gemacht, was soll da ein dermaßen stilles Motiv noch reißen. Grund zu klagen gibt’s erst, wenn ich’s nicht mehr selber kann.

Soundtrack ist natürlich Let There Be More Light aus: A Saucerful of Secrets, 1968:

These Schlappen are made for Öl und Fett standhalting (I knew all the rules but the rules did not know me)

Noch gar nicht erzählt: Dieser Wochen hab ich mir ein neues Paar Birkenstocks gekauft.

Das Besondere daran: Es war in einem Laden. Einem Geschäft. Einem Schuhgeschäft. Einem Birkenstock-Schuhfachgeschäft oder wie solche Bauten sonst noch heißen. Ich musste hingehen, Grüß Gott sagen, mich überzeugen, ob das Warenlager tatsächlich bis Größe 47 geht, und Bargeld aus einem Geldbeutel abzählen. Nix da wischwisch, Glückwunsch-Sie-haben-erfolgreich-in-Kürze-erhalten-Sie und zwei Wochen warten, bis sich ein DHL-Inder erbarmt, einen neuen, noch missmutigeren “Wunschnachbarn” zwei Hausnummern weiter ausfindig zu machen, bei dem er das Paket mit irgendeiner Kindergröße verstecken kann.

Noch besonderer: Es war mein erstes Paar neuer Birkenstocks seit dreißig Jahren. So lange halten die nämlich. Wenn man sie regelmäßig putzt, jedenfalls die ersten zwei, drei Jahre, hüstel.

Birkenstocks are back, Wantering BlogBei meinem ersten Paar war ich 18. Was seitdem nicht alles passiert ist! Heidi Klum durfte Glitzerkram auf bis dahin einwandfreie Birkenstockschuhe kleben, um sich mal wie eine richtige Designerin zu fühlen. Kate Moss durfte ganz ordentlich darin aussehen, auch wenn sie das vollkommen unbrauchbare, weil offenzehige Modell Arizona benutzte, aber die darf eh alles. 1993, lange nach meinem Kauf, trat zutage, dass die damalige Führung des Hauses Birkenstock, offenbar widerwärtige Klischeekapitalisten mit Zylinder und Zigarre allesamt, dem Konzept des Betriebsrates mit Unverständnis begegnete. Noch später wurde das Internet erfunden, sonst hätte man das vorher googeln und dann womöglich von einer weiteren Bereicherung der Kapitalistenbande absehen müssen. Zweimal musste ich mein eigenes Paar immer noch einwandfreie, weil fast regelmäßig geputzte Birkenstockschuhe aus einem Müllcontainer befreien, wohin es das erste Mal meine Mutter und das zweite Mal meine Frau heimlich versteckt hatte.

Noch später wurde, diesmal vom Hause Birkenstock selbst, das Modell Professional Kay SL erfunden, denn “wer in einem anspruchsvollen Umfeld arbeitet, ist auf zuverlässiges Schuhwerk angewiesen. Das gibt es von BIRKENSTOCK: Die Professional Linie überzeugt mit rutschhemmenden Sohlen, die Öl und Fett standhalten, und vielen weiteren Details wie z.B. Schutzkappen [und rundumlaufenden roten Rallyestreifen! Und vor allem: ungelogen zuschaltbaren Fersenriemen! Anm. d. Red.]. Alle Modelle sind TÜV – geprüft und sind teilweise mit einem auswechselbaren Fußbett ausgestattet – das perfekte Schuhwerk für den professionellen Einsatz.” Cit. a. a. O. Im Laden hieß es: für OP-Krankenschwestern, Bauarbeiter, Köche und alle, die lange stehen und weite Strecken zurücklegen müssen. Ich möchte ergänzen: Und Stubenhocker, die höchstens mal zum Rauchen vor die Tür kommen, weil solche ohne zuverlässig bereitstehendes anständiges Schuhwerk überhaupt keinen Arschbacken mehr aus dem Bett heben.

Wenn die Dinger wieder dreißig Jahre halten, womit ich fest rechne, brauch ich mein nächstes Paar, wenn ich 78 bin. Da kann ich jeden Tag für 0,82 Cent Birkenstockschlappen anhaben — gar nicht so teuer eigentlich. So gegen 2031 müsste meine Frau meine hoffentlich regelmäßig geputzten Professional Kay SL zum ersten Mal heimlich im Müllcontainer versenken, das zweite Mal gegen 2041 meine Zugehkrankenschwester. Aber die kann was erleben.

Selbstlaufendes Bild: Wantering Blog, zu cool für ein Datum;
Soundtrack: Eddie Vedder: Guaranteed, aus: Into the Wild, 2007.

Cross gesellt ‒ aus dem Marketing-Zyklus “Heiter durch den Tag”

Wer als hoffnungsloser Katzenidiot (ich) seinen Katzen Bananen-Bandanas kauft (weil sie in einer Bananenkiste vor die Türe gelegt wurden …), kauft seinem Mann auch das:

Latz

 

Und seinem Kunden das da  …  oder umgekehrt … flickr.com

Eulen-Rassel, gehäkelt

(Eulen)Rassel; Baby; Kleinkind; Spielzeug.

 

Und das  …  der Hahn auf dem Mist … für Gockel egal welchen Alters … etsy.com

Hahnenmütze, gehäkelt

 

Und das  …etsy.com

Raubtierpfoten-Schuhe häkeln

Raubtier-Pfoten häkeln

Das Letzte ist Hammer. Ob ich dem Daniel welche häkeln soll?

 

Lalala

Guerilla heißt ja, dass alle dürfen, ob sie können oder nicht.

Guerillapoesie Instagram

Ich bin nichts und doch soviel denn ich kann sein was immer ich will!

16. April 2016, keine Ahnung mehr, wo, riecht aber nach Schwabing. Hohenzollernstraße, wetten?

Graffiti Unterführung

Eine Seele ohne Licht. Wie ein Tag ohne Nacht. Macht, keine Kraft. Der Funke entfacht. Der Schatten daneben. (Traurig, gell.)

17. März 2014, verspinnwebte Unterführung im strukturschwachen Niemandsland zwischen Leutstettener Moos und der A 95, wahrscheinlich sogar unter der letzteren.

Raiffeisenbank Isar-Loisachtal für den Prälatengarten Kloster Schäftlarn

Da wo das Geld zuhause ist,
man auch das Schenken nicht vergißt!

1. September 2015 von der Raiffeisenbank Isar-Loisachtal für den Prälatengarten Kloster Schäftlarn. Wenigstens die kennt man.

Staffelknipsen

Auf solche Projekte steh ich ja heillos: Daily Portrait IV Berlin 2015–2016 ist mal wieder so eine Fusion aus Fotografie und Happening. Warum gedeiht so was wieder nur in Berlin (gemeint ist der Dörferhaufen bei Polen) und nie in München? — Die Projektbeschreibung:

One camera and 365 Berliners. I photographed Elle in her apartment. I gave her my camera and she did take a photo of M in her apartment next day. M photographed Jonathan and Jonathan photographed Carise and Carise photographed Christoph and Christoph photographed Joanna and Joanna photographed Terka and Terka photographed Stephan… Until 365 photos will be made. If you would like to be photographed by Berliner you don’t know and take a photo of another Berliner you don’t know next day, please email me to: portraitdaily@gmail.com The photo shoot takes place at the model’s homes. The whole body is captured on the photo. Those who want can be naked, otherwise in underwear. Photographing is for free. In order to take part you have to be over 18. All 365 photos will be exhibited in a gallery and a book will be published. Project is non-profit.

Überhaupt ist alles sehr berlinerisch: Die Selbstdarstellung gibt’s gar nicht auf Deutsch, der Bonus ist, dass man für eine behauptete Dienstleistung nicht auch noch zahlen muss, keiner verdient was dabei, keiner kennt den anderen, die Teilnahme ist nicht jugendfrei und alle sind nackig.

Jeden Tag einen fremden Berliner in allen Farben und Formen mehr angucken kann man am besten auf Flickr und Twitter. Ich empfehle die vermutliche Hauptseite auf Tumblr, weil die unter den sozialen Netzwerken am wenigsten mit stark frontal nudity rumzicken und nicht gleich von der Tatsache offended — das heißt tatsächlich: beleidigt — sind, dass eine schöpfende Kraft einst an Frauen Brüste befestigt hat.

Der Pornofaktor ist gering: Mit keinem der freundlichen, aufgeschlossenen und kulturell interessierten Berliner — und Berlinerinnen — ist etwas geschehen, an dem er oder sie nicht selbst ungefähr die halbe Regie geführt hätte. Nackte in ihrer Wohnung anzuschauen hat zwangsläufig etwas Voyeuristisches, aber alle waren offensichtlich einverstanden damit: Niemand wurde zu einem Objekt degradiert, man erblickt lauter lustige, stolze, oft ansehnliche, aber allesamt respektable Leute.

Bin jetzt ich der einzige, dem auffällt, wie gleichbleibend hochwertig das Projekt läuft? Alles high-end, alles high-key, alles highly sophisticated. Penibel gezählt hab ich nicht, aber mit Stand von Anfang April 2016 müsste ungefähr die Hälfte der 365 Fotos durch sein. Bis jetzt stelle ich keinen Flüsterpost-Effekt fest. Sollte nicht längst jeder zweite aus der Rolle fallen? Lücken in der Kontinuität entstehen, weil jemand zu einer anderen Entscheidung als stinkbesoffen und verkokst heute früh um drei im Sankt Oberholz gelangt ist oder weil ein anderer doch kein so nettes, urbanes, zuverlässiges Haus war?

Ich meine, hey: Es ist Berlin — und jeder, wirklich jeder wohnt in einem vorbildlich aufgeräumten, professionell ausgeleuchteten Loft, hat den erlesensten Kunstgeschmack an der Wand hängen und hupft nackicht für einen Wildfremden durch sein Schlafzimmer, nur weil er a) einen Fotoapparat und b) gestern in der Schlange vor der Smoothie-Manufaktur blöd gefragt hat?

Wie darf sich ein Münchner Bergbauernbub das vorstellen? Da fragt heute jeder sofort den nächsten und kriegt auch gleich für morgen einen Nackig-im-Schlafzimmer-rumhupf-Termin? Bei Tageslicht? Hält die heikle Etikette der Amateur-Aktsitzung ein, vergisst das Briefing und besonders das einheitliche Querformat nicht und verwackelt nie? Gibt die Hand, sagt artig: “Dankeschön, hat mir jefreut, bis ürjendwann ma”, verkneift sich höflich das “und wennde ma nüscht for deine urst schnieke Wassermatratze hast, meine Nummer unne Addy haste ja, wa”, geht heim, photoshoppt seine Ausbeute auf genau 350 dpi und mailt sie schnurstracks brav an portraitdaily@gmail.com? Jeden lieben Tag? Alle drei Hunderte, fünf und nochmal sechzig? — Boah, Berlin muss ja echt rocken.

Und das soll die Mami glauben? Oder ist das kleinlich, in einer einwandfreien, wunderschönen bunten Menschensammlung mit gar nicht so wenigen tollen Bildideen als erstes ein Fake zu vermuten? Sollte mich hier jemand für dumm verkaufen, dann wenigstens nicht unter Preis. Filme guck ich auch gern, und die sind auch nicht wahr. Aber sie stimmen.

Als Auswahl folgen dem großen Thema des Weblogs entsprechend die sechs bisherigen Bilder, auf denen mir Katzen aufgefallen sind. Wie sich das gehört, ist das letzte das beste.

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Bilder: Daily Portrait IV Berlin 2015–2016.

Das Herz eines Boxers

Update zu Familiärer Hardcore:

Tired of being fat and ugly, just be ugly, Boxschule KnochWenn bloß alle solche Werbung machen wollten wie manche, die ganz was anderes gelernt haben, aber halt ihr Ding sagen wollen wie alle anderen anständigen Leute auch.

Eine der zahllosen Definitionen von Anstand ist ja, nicht mehr zu versprechen, als man halten kann. Irgendwie, was selbst gelernte Werber nie garantieren können, kriegt die Boxschule Knoch (Boxen für alle: ab 16 Jahren bis Urgestein) es hin, dass ich mir zum flockigen Spruch sogar die Firma gemerkt hab. Und endlich mal nicht solche Sissy-Kampfkünste wie Capoeira und Tai Chi.

Zum ersten Mal im Leben hab ich erwogen, Boxen zu lernen, die Gegend (Flößergasse 8, der 1. Stock in einem Mittersendlinger Rückgebäude) sieht recht authentisch danach aus, als ob man da ein paar Boxstunden gebrauchen könnte — aber nicht sehr lange. Das Konzept ist nämlich gar nicht so schlecht, wie ich schulsportgebranntes Kind jeder Sportschule automatisch unterstellt hätte:

„ Float like a butterfly, sting like a bee “
(Drew Bundini Brown)

Die Boxschule Knoch bietet Dir ein hochquallifiziertes Boxtraining…von der Pike über den Breitensport bis zum Leistungsträger.

Du selbst entscheidest, Deinen Ansprüchen und Deiner Verfassung entsprechend, über Deine persönliche Trainingsintensität.

Wichtig: Das Duell im Ring (bedingtes, begleitetes oder freies Sparring) ist FREIWILLIG !, und stellt nur einen Teil des komplexen Trainingsinhaltes dar.

Für dieses hochwertige, vielseitige Trainingsprogramm stehe ich mit meinem Namen, und wünsche Euch vor allem viel, viel Spaß.

Euer Rainer Knoch

Wenn ich jetzt in dem Laden nachfrage, ob und wie das 1993er Album Krieg & Spiele von den Abstürzenden Brieftauben, auf dem das Lied Fett & häßlich drauf ist, mit deren 1994er Single Das Herz eines Boxers, die gar nirgends drauf ist, und beide mit dem Geschäftskonzept und der Außenkommunikation der Boxschule Knoch zusammenhängen, handle ich mir dann einen rechten Schwinger ein?

Der Berufsidiot

Ein wenig Leidenschaft beflügelt den Geist,
zu viel löscht ihn aus.
Henri Stendhal

 

Als Designer jetzt:
Ich habe von Anfang an nicht verstanden, was daran gut sein soll, zu sagen, dass man Design “mit Herzblut” mache. Da hat man doch nur den Effekt, dass man von den beauftragenden Geschäftsleuten für einen kleinen Idioten gehalten wird.

Zusätzlich zum Effekt, dass sie dann umso stärker glauben, der kleine schmalzig lügende Idiot würde sie eh nur um ihr Geld behumsen wollen. Ich hasse das alles aufrichtig.

 

Der Mensch ist von Geburt an gut, aber die Geschäfte machen ihn schlecht.
Konfuzius

 

Eine der zehn besten Partys der Welt

Es ist eindeutig eine gewinnorientierte Werbung, keine Leistungsschau von und für Praktikanten. Normalerweise steckt man denen nämlich als erstes, dass der Text etwas anderes sagen soll als das Bild zeigt; siehe auch: “Neger vor Hütte” (Ausdruck von Erik Spiekermann, ca. 1950, als Menschen in der Pigmentierung bayerischer Restaurantaushilfsköche noch “Neger” hießen).

Die Münchner City-Lights halten das derzeit vorbildlich durch. Der Plakattext geht:

Gewinne mit Beck’s die Nacht deines Lebens.

Reise mit 3 Freunden zu einer der 10 besten Partys der Welt.
Einfach Gewinncode im Deckel checken.

Beck’s
Folge deinem inneren Kompass

Dagegen auf dem Bild hat dann offensichtlich ein ungewaschener jugendlicher Alkoholiker eine nackte Hütchenspielerbande zusammengetrommelt, damit er auf drei Freunde kommt, und steht mit ihnen in einem überschwemmten Keller umher. Social Awareness — kann man machen, ist aber selten an Münchner Bushaltestellen, wo man die Werbefläche ohne weiteres in Schwabinger Wohnfläche umrechnen kann. Vor allem mit diesem Zynismus, mit dem der soziale Härtefall nicht als Opfer dargestellt wird, sondern vielmehr seine Misere als “Nacht [s]eines Lebens” betrachtet.

Gewinne mit Beck's die Nacht deines Lebens, Plakat Sendlinger-Tor-Platz

Wenn das eine der zehn besten Partys der Welt ist, will ich lieber nicht die Top 100 sehen. Eine soziale Mission strahlt es nicht aus, sonst wären den aktuellen Bedürfnissen folgend eher Flüchtliche aus restaurantaushilfsköcheliefernden Ländern abgebildet, sondern allein durch seinen Premiumplatz am Sendlinger Tor schon die ganze Verzweiflung einer hohen Gewinnorientierung. Dann wird es wohl so ein Hipster-Ding sein: ein- bis dreifach gebrochene Ironie und so.

Demnach sind wir jetzt von Firmenseite gewarnt: So kann’s gehen, wenn man Beck’s kauft. Das Gute ist, dass man fürs gleiche Geld schon einen Kasten Bier haben kann.

Bild: Meins, schenk ich Ihnen aber.

Die echten Modernisierungsverlierer

DEM KATER SÎN BLOG: Hier spricht der Kater. 17 und forever young.

Greise glauben alles. Männer bezweifeln alles. Junge wissen alles besser. Oscar Wilde

Wolf ist grade mal 47. Und kriegt diesen Brief:

Ab ins Pflegeheim mit dem rüstigen 46er

Du hinfällig, du alt, du Pflegeheim!

Und das ist drin:

Bestelltext des unglaublichen Seniorenmarketing

Die Erlösung, die Rettung!! Das Versprechen!! … und Katzenfutter kriegste auch! … Die Superbestellung für Hinfällige. Alles an edlem 80er-Jahre-Marketingwissen ist da vereint …

Ob ein Mann, der 70 ist, dieses unglaublich dreiste Stück Angst-Marketing super findet, ist dem immer noch teils herumglucksenden, teils erschütterten Hause Gräbel nicht bekannt. Wohl nicht.

Ob Moritz oder ob die unsterblichen Tjorvens, Pelles, Stinas, Malins und Melcher Melchersons, alle for ever young. Man wird diese trottelhafte Beleidigung der schieren Existenz dahin tun, wo sie hingehört: als Klimawandel-bewusster Bürger mit “Ich trenne – also bin ich!”-Mindset vollkorrekt in die Mülltrennung. Bringt zwar dem Klima und meinem Fell nix, aber macht Spaß.

 

Gruß,

Moritz, for ever young

 

 

¡La ciudad unida jamás será vencida!

Update zum Anarchistischen Glaubensbekenntnis:

Werden wir gefährlich, Thalkirchener Straße

Die Stadt in der wir leben befindet sich in einem permanenten Zustand der Modernisierung bzw. Umstrukturierung. Es wird saniert, aufgewertet, abgerissen und teure Neubauten werden errichtet.

Wir sollen die Veränderungen in unserer Umgebung als passive Zuschauer wahrnehmen (also hinnehmen), um den gewinnbringenden Projekten der Zukunft nicht gefährlich zu werden, sondern sie als beschlossen und unabwendbar zu akzeptieren. Doch genau wir sind es, die die Folgen dieser Vorgänge zu spüren bekommen, sei es in Form von unbezahlbaren Mieten, die immer mehr Leute aus der Stadt verdrängen, da sie nicht mehr in der Lage sind, diese zu bezahlen oder in Form von der Ausweitung repressiver Strukturen, die dafür sorgen, dass alles, was dem reibungslosen Fortschreiten dieser Prozesse gefährlich werden könnte aus dem Weg geschafft wird. Durch einen technologischen Überwachungsapparat, erhöhte Polizeipräsenz und private Security-Firmen wird der Reichtum und das Eigentum der Einen geschützt, während die Anderen durch die Androhung von Strafe im Zaum gehalten werden. Die Politik versucht uns mit leeren Versprechungen für ihre Vorhaben zu vereinnahmen und jeden Konflikt im Keim zu ersticken. Lassen wir uns nicht blenden! Solange wir die für vorgesehene Rolle des folgsamen und unterwürfigen demokratischen Bürgers nicht endlich hinter uns lassen, werden wir weiterhin dem Bild des passiven Zuschauers gerecht, der sein Leben in die Hände anderer legt und sich deren Entscheidungen fügt.

Doch was, wenn wir das Leben wieder an uns reißen und anfangen, selbst Entscheidungen zu treffen?

Wenn wir eigenständig denken und die Konsequenz aus unserem Denken das direkte Handeln ist, sind wir in der Lage, fernab des politischen Spektakels auf unsere Realität und somit auch unmittelbar auf unsere Umgebung einzuwirken.

Wenn das Leben in dieser Stadt für viele unmöglich wird, ist das kein Schicksal sondern das Ergebnis der kapitalistischen Gleichung, bei der unterm Strich der Profit zählt.

Wer von der Umstrukturierung und Aufwertung der Stadt profitiert und sich somit für diese verantwortlich macht, liegt auf der Hand. Vom Vermieter und Architekten, über die Immobilienfirma, Makler und Baufirmen bis zur Stadtverwaltung und Politik, befinden sich die, die unseren Lebensraum als handelbare Ware betrachten überall um uns herum und sind somit auch überall angreifbar.

Machen wir ein für alle Mal klar, was wir von ihnen halten. Mit eigenen Ideen, Worten und Taten!

Ich referier das bloß. So ein Deutsch und so eine Logik in der Argumentation pflegen also diejenigen, mit denen man eigentlich zur Not ganz gern ein paar Überschneidungen in der Meinung hätte. Als erklärte Münchner Einwohner sind es vermutlich Deutsche, auch wenn sie das Wort “München” sorgsam umgehen, aber vielleicht verwenden sie ja für anderen Städte den gleichen Text; das politische Spektakel tobt ja überall. Wer braucht schon Argumente, wenn er eine Meinung haben kann.

Unser Versuch seit Jahren ist, unsere eigene Wohnung aufzuwerten. “Wer von der Umstrukturierung und Aufwertung der Stadt profitiert und sich somit für diese verantwortlich macht, liegt auf der Hand”: nicht etwa “Vermieter und Architekten, über die Immobilienfirma, Makler und Baufirmen bis zur Stadtverwaltung und Politik” (cit. a. a. O.), sondern ausschließlich wir selber. Wenn jetzt das Sondereigentum unseres Kelleranteils zum Wohle der Eigentümergemeinschaft wenn schon nicht komplett enteignet, so doch verkleinert und in seiner Nutzbarkeit eingeschränkt wird, so ist das demokratisch hinzunehmen, weil wir schließlich alle Opfer bringen müssen: Wo soll die Hausgemeinschaft nach einer Sanierung des Abwassersystems mit komplizierter neuer Rohrverlegung denn sonst hinscheißen, wenn nicht mitten durch unseren Keller, am Regal mit den Einweckgläsern vorbei, vorausgesetzt, dass die hinterher noch reinpassen? Dem hab ich keine anderslautenden Vorschläge entgegenzusetzen, weil ich dazu wie immer das Falsche studiert hab. Sollte in einer folgenden Eigentümerversammlung, sei sie ordentlich oder außerordentlich, beschlossen werden, dass ich in meinem Wohnzimmer, weil wir grade so schön dabei sind, auf Kosten des Bücherregals ein Klärbecken einzurichten habe, könnte eventuell sogar ich überlegen, mal gefährlich zu werden; man kann ja durch nichts so verstören wie durch korrekte Kommasetzung. Meine Befürchtung ist allein, dass niemand sie bemerken wird.

Bild mit Zitat: am Tröpferlbad in der Thalkirchener Straße selber gemacht, keine Rechte vorbehalten, aber bitte mit Quellenangabe. Bitte Vorsicht mit dem Text, auch wenn er von jungen, betont gemeinschaftlich orientierten Antifa-Recken stammt: Enteignet werden ist unlustig. Venceremos.

Soundtrack: Roxette: Dangerous aus: Look Sharp!, 1989.

Wir werden das genau verfolgen.

Drei Mühlen, bayerisches Wirtshaus, Neueröffnung

Endlich wieder eine zünftige Hauskneipe. Zuerst hat sie Zur wilden Sau geheißen, das konnte sich jeder merken. Dann Mundart, da haben die Leute schon um ein Eck denken müssen, wenn man ihnen den Weg erklärt hat. Dann Ennstaler Stub’n, das hat keiner mehr gekannt, das Ennstal nicht, und ich hab mich für den Apostroph geniert. Seit 29. heißt es Drei Mühlen, das geht jetzt wieder, weil das Viertel auch so heißt, weil die Leute schon anfangen, sich fürs Glockenbachviertel zu genieren, weil das nächste große Ding das Westend wird, wenn es nicht das Dreimühlenviertel wird, was aber bloß ein Thema werden kann, wenn der Texmex am Eck zumacht, weil der sich nämlich komischerweise hält. Drei Mühlen jedenfalls, und Hauptsache, die Halbe kostet nicht über drei fuchzig.

Drei Mühlen, bayerisches Wirtshaus, Neueröffnung

Buidln: Drei Mühlen, bayerisches Wirtshaus, Stand 18. Mai 2015.
Keine Rechte vorbehalten, aber bitte mit Quellenangabe.

Anarchistisches Glaubensbekenntnis

Das Plakat mit dem Text von 1910 hängt zur Stunde noch einige Meter neben dem Kafe Marat, das keinesfalls zu verwechseln ist mit dem Tröpferlbad im gleichen Gebäude; nur inzwischen etwas abgewanzter. Von den zwei Läden will wahrscheinlich bloß keiner “in die rechte Tür” sagen müssen, wenn er neue Proselyten rekrutiert hat. Seine Inhalte mache ich mir vorsichtshalber nicht zu eigen, solange ich es nur korrekturgelesen, aber nicht verstanden hab. Schon gar nicht öffentlich.

Bei den Schweizer Genossen, die das im März 2013 aus dem Italienischen übersetzt haben sollen, fehlt zweimal eine sinnverändernde Wortgruppe, falls es sie interessiert — aber es kommt drauf an, ob von dem Text auf dem Plakat oder dem Text online als maßgeblich ausgegangen wird. Ich sag’s bloß. Venceremos.

Plakat Kafe Marat, La Rivolta, Aufruhr, Ich, 1910, März 2013

La Rivolta, anarchistische Zeitung:

Ich

Pistoia, Italien, 12. Februar 1910,
übersetzt von Aufruhr, Nummer 5, März 2013:

Ich habe einen Verstand, einen Charakter, der mich von meinen Mitmenschen unterscheidet, und ich habe eine Würde, die sich weder verkaufen noch beugen will. Ich habe eine Menge zu verstreuende Energien, zu entwickelnde Gedanken und zu begehende Handlungen. Ich suche nach der Erfüllung von mir selbst, nach der vollständigen Entfaltung meiner Individualität, und in dieser Entfaltung fühle ich mich glücklich. Ich suche nach dem Wohl der anderen oder verachte es, je nachdem, ob ich in ihrem Wohlstand mein Glück oder mein Unglück finde.

Ich will. Ich will materiell frei sein, um sagen und tun zu können, wonach mir ist, ohne dass mir irgendeine Autorität irgendetwas aufzwingt. Ich nehme Kritik oder Ratschläge von anderen an, nachdem ich über sie nachgedacht, sie für gut befunden und verstanden habe; den brutalen Befehl aber verachte ich und weise ich zurück.

Ich spüre in mir selbst die moralische Unmöglichkeit, zu gehorchen. Da ich ein Gehirn habe, das denkt, will ich tun, was ich für richtig halte, und nicht, was meinen Unterdrückern zugutekommt. Ich habe es nicht nötig, dass mich irgendjemand führt und mich beschützt: Man sagt mir, das Individuum könne sich nicht selbst führen, doch wenn ich meine Handlungen nicht regeln kann, dann können noch viel weniger die Regierenden die Handlungen von anderen führen.

Da ich also in der heutigen Gesellschaft nicht frei bin, kämpfe ich mit allen meinen Kräften, um alle Schranken zu zerstören. Ich kämpfe nicht weil ich auf einen weit entfernten Wohlstand hoffe, nicht nur, weil ich Glauben an die Zukunft habe. Ich lebe in der Gegenwart. Selbst wenn ich wüsste, dass ich niemals frei sein werde, würde ich genauso revoltieren, denn ich spüre den Drang gegen jegliche Tyrannei zu revoltieren.

Ich habe keinen Glauben, ich habe keine Dogmen, ich habe keine Sorgen einer Partei oder einer Schule. Ich glaube weder an Gott, noch an das himmlische Paradies oder an das irdische, das die Gesellschaftler vor den Augen anderer wie im Traum aufblitzen lassen.

Ich suche nicht danach, mich mit meinen Mitmenschen für den Ruhm zu vereinigen, einem Verband anzugehören, und unter einem Banner Unterschlupf zu finden. Ich schließe mich zusammen für ein bestimmtes Ziel, und wenn dieses erreicht ist, ergreife ich wieder meine Freiheit.

Ich hasse die konstituierten Formen, weil sie im Widerspruch zum Fortschritt stehen, der beständig alles verändert.

Ich will nicht wissen, es kümmert mich nicht, was die künftige Gesellschaft sein wird. Ich glaube nicht an jene, die im Namen des Volkes, der Menschheit und anderer ungreifbaren und formlosen, kollektiven Körperschaften sprechen, denn man kann das Zusammengesetzte nicht kennen, ohne die einfachen Einzelnen – jeden für jeden – zu kennen – was unmöglich ist. Darum glaube ich nicht an die Abgeordneten, an die Widerstandskomitees, an die Kongresse und alle Parlamentarismen. Nur ich alleine kann mich selbst repräsentieren.

Ich will keine Bestrafungen, ich will keine Gesetzbücher, Formalismen, Stempel und dergleichen. Die moralischen Gefühle drängen sich nicht auf, wenn sie nicht existieren, und wenn sie existieren, ist es nicht nötig sie aufzudrängen. Ich rebelliere gegen die Mode, ich glaube nicht an die Phrasen, an das Recht, an die Moral, an die Justiz. Im übrigen formt sie sich ein jeder für den eigenen Gebrauch und Verzehr.

Ich glaube nur an die Stärke und den Kampf, der das Individuum vorantreibt, nicht, um die Schwachen zu zertrampeln und die Starken zu vergöttern, sondern um sich selbst immer mehr zu erhöhen und zu verbessern. Ich glaube an das Leben, an die Energie. Heute kämpfe ich mit Gewalt, weil ich gegen mich die Gewalt habe; morgen kämpfe ich mit dem Denken, weil ich gegen mich das Denken habe.

Mein Ziel ist es mich zu vervollkommnen; mein Mittel ist der Kampf, mein Verlangen ist die Freiheit.

Mich beschimpfen die Frommen und nennen mich hochmütig, unmoralisch, etc. Ich lache über sie: Für meine Handlungen bin ich nur vor meinem Bewusstsein verantwortlich. Ich bin Atheist, ich bin Rebell, ich bin Anarchist, ich bin frei. Ich bin “Ich”.

Plakat: Kafe Marat München, Thalkirchnerstraße 102,
nach Fernweh. Anarchistische Straßenzeitung, März 2013.

Metaffiti

Ich träume von einer Welt, in der man für ein Komma stirbt.

Émile Michel Cioran.

In letzter Zeit beobachte ich einen gewissen Freizeitgelehrtenstreit darüber, ob man lieber ein Komma zuviel oder das eine oder andere zuwenig setzen sollte.

Schön, dass das Graffito des Jahres sich einer korrekten Zeichensetzung befleißigt. Und schön, es schon in Kalenderwoche 7 zu kennen.

Dinge, die ich hasse, Grafffiti Thalkirchener Straße

Dinge, die ich hasse:

  • Vandalismus
  • Ironie
  • Listen

Thalkirchener Straße: Unbekannter Typograph, 2014 ff.

Bavarian Gothic

Update zu Peregrini Bavarici:

Als ich noch in Nürnberg gewohnt hab, wusste ich gar nicht richtig zu schätzen, dass es da eine … nun ja: quicklebendige Gothic-Szene geben sollte. Mich entschuldigt einzig, dass ich das gar nicht gemerkt hab, und einfach so unter den schwarzgewandeten Bleichgesichtern meine Nervengifte zu mir nahm.

Das ist überhaupt das Schöne an den Gruftis: Es sind die Dickbrettbohrer unter den Subkulturen. Immer mit Edgar Allan Poe und Samuel Beckett befasst, immer ein besinnliches Liedchen auf den schwarz abgesetzten Lippen, stets im Bewusstsein der Vergänglichkeit aller Existenz. Und mit Schwarz ist man sowieso immer und überall angezogen.

Als ich nach Bayern ausgewandert bin, waren die Leute nicht mehr so schwarz, jedenfalls nicht äußerlich. Mit der Vergänglichkeit haben sie’s aber hallo:

Memento-mori-Fensterladen in Lenggries

Memento-mori-Fensterladen in Lenggries

Am Grabe streut man frische Blumen,
Warum im Leben nicht?
Warum so sparsam mit der Liebe,
Bis das Herze bricht!

Den Toten freuen keine Blumen,
Im Grabe fühlt man keinen Schmerz.
Würd’ man im Leben mehr Liebe schenken,
So lebte länger manches Herz.

Mir sagt ja die Unverfrorenheit zu, mit der die Oberländer Goten auf dem linken Fensterrahmen schnauzig und unterkühlt die Chevy-Chase-Strophe in die Memento-mori-Lyrik tragen und ohne falsche Scheu vor genug Senkungen pro Vers “Herz” auf “Schmerz” reimen — und vor allem das lebensbejahende “Im Grabe fühlt man keinen Schmerz”. Amen, Brüder!

Beinhaus St. Jakobus d. Ä., Lenggries

Buidln: Lenggries, glei wo ma einekimmt, und Sankt Jakobus der Ältere, “der Dom im Isartal”, ebenda.
Danke an Ralf für die Kamera, weil bei meiner die Akkus runter waren (soviel zur Vergänglichkeit)!

Besetzt

Als Kind, da hab ich noch das Prinzip eines Adventskalenders verstanden: 1. aufessen, 2. fertig.

Wahrscheinlich liegt’s wieder an mir, aber was mir der namhafte Büroartikelanbieter Viking saisonbedingt außerhalb seiner unangezweifelten Büroartikel anbietet, überfordert mich: Krieg ich jetzt ein Tablet, wenn ich genug “Office Depot Toilettenpapier” kaufe, oder krieg ich ein Bürovorratsgebinde Klopapier extra, wenn ich ein Tablet kaufe?

Wahrscheinlich ist es wieder so wie sonst auch: Egal wird’s sein. Die Benutzung bleibt sich gleich, ob man sein Tablet aufs Klo mitnimmt oder default dort aufbewahrt. Ist Hackfleischsoße eine Beilage zu Nudeln, oder sind die Nudeln ein Trägermedium für die Soße? Wurscht, auf dem Teller sieht’s gleich aus und im Magen kommt alles zusammen, und warum sollte sich das auf dem weiteren Weg groß ändern.

Vielleicht eignet sich so ein Büroklopapier sogar als Endloswalze für den Drucker. Gewisse Inhalte, die mich aus der Bürowelt erreichen, lassen deutlich derlei Zusammenhänge erahnen. Hauptsache, man hat genug Work in der Life-Balance, gell?

Adventsbildchen: Viking, 2. Dezembertürchen 2014.

Hinauswachsen, abstauben und einschmelzen

In einer Zeit, als die Wanzen der NSA, die Telefone der Regierung und mein Fernseher noch dreierlei Geräte waren, wäre einem auch das verborgen geblieben: Soso, mein volksvertretender Bundespräsident Joachim Gauck wohnt gar nicht mehr in seinem Schloss, der hat jetzt bei Madame Tussaud’s, aber nur in deren Filiale bei Polen, unter seinesgleichen einen Stehplatz. Wer mal auf dem Oktoberfest war, kennt das Gefühl. Da muss man nicht seinen schönen Lebensabend mit dem Regieren verplempern und erreicht viel mehr Menschen als übers ZDF.

Herrn Gaucks Berliner Sitzplatz hat jetzt sein neu erstellter Avatar. Der repräsentiert viel billiger, passt besser zu Angela Merkels Wachsfigurenkabinett und muss sich überhaupt nicht mehr waschen.

Kann sein, dass ich da was verwechselt hab, aber das erklärte einiges.

Soundtrack: The Dresden Dolls: Coin-Operated Boy,
aus: The Dresden Dolls, 2004.

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