Neulich in der Asamkirche

Ich weiß, dass Sie mir jetzt nicht glauben werden, aber ich habe mich nicht nur wegen des Geldes für diesen Beruf entschieden. Ich erfinde gern Sätze. Kein anderes Metier verleiht den Wörtern so viel Macht. Werbetexter sind Verfasser verkäuflicher Aphorismen. Auch wenn ich hasse, was aus mir geworden ist, muss ich einräumen, dass man sich nirgends sonst drei Wochen lang wegen eines Adverbs anschreien kann. „Ich träume von einer Welt, in der man für ein Komma stirbt“, schrieb Cioran; ob er wohl ahnte, dass er von der Welt der Texter und Konzeptioner sprach?

Frédéric Beigbeder: 39,90, 2001, Seite 43.

Cosmas Damian und Egid Quirin Asam, Asamkirche Sendlinger Straße

Bild: Asamkirche Sendlinger Straße,
die zwischen dem texxt und dem Schuh-Skandal.

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Ist Frust bei der Kundenakquise der Grund für die Flucht ins Netz?

Blaetterdachflaucherhell

Die Frage hat es in sich.

Die Akquise-Flucht in das vermutet  anonymere und in das vermutet  weniger anstrengende, reine, herrlich klare Internet halte ich für ein starkes Motiv vieler, die im Internet ein Geschäft aufmachen wollen.  Der Traum vom Perpetuum Mobile, von dem Ding, das von alleine vollautomatisch Geld verdient und kein Personal braucht! Wunderschön deutlich scheinende Trackingzahlen! Alles läuft anscheinend von alleine, das Serverchen brummt, das wiegt in Sicherheit. Auch in Sicherheit vor lästigen Kunden?

Habe ich von Auftraggebern schon gehört, die sich scheuen, ins Getümmel des Lebens zu
gehen, dass "man keine Lust mehr habe", sich im echten Leben mit
Klingelputzen und anstrengender ungewisser Real-Akquise, quengelnden Interessenten menschlich
herumzuplagen. Real-Akquise wird als menschliche Plage empfunden.
Dauernd akquirieren zu müssen wird zudem noch als hoher Kostenfaktor, id
est: unwirtschaftlich betrachtet.  Reine Finanzleute unter meinen Kunden
sehen das oft so.

Internet-Shop aufmachen, die Leute sollen dich
da das Produkt kaufen oder downloaden, kein Rumdiskutieren wie im Laden
und Tschüss… :-))

Die Frage ist:
Ist es ein sehr kluges Motiv?
Und
muss man nicht auch im Netz als Shopbetreiber freundlich und geduldig auf Kundenfragen
antworten, sich um Zulauf und Akquise kümmern. Die alte unsinnige
Faul-Idee: Zielgruppe sei, wer sich – ausversehen?- in den E-Shop
verläuft, ist ebenfalls nicht auszurotten: 1. Hauptirrtum.  Nur so ganz nebenbei.

Das Motiv ist nicht klug, aber es ist da 
ich weiß es, ich höre es oft.

Doch das Netz ist nicht minder
anstrengend als am Verkaufstresen zu diskutieren oder als Kaltanrufe zu machen.
Nur anders anstrengend, anders expensiv (Kosten jetzt). Internet, das gut läuft,  kost'
net nix. 2. Hauptirrtum vieler hoffnungsvoller Aspiranten.

Wer da
Erfolg haben will, muss sehr wohl investieren nicht zu knapp. Mit
seinen Kunden reden, verhandeln und kann sich nicht als hohler Avatar zurückziehen.
Märkte sind Gespräche (Cluetrain), gerade im Netz. Und keine von allein sprechenden Plakate. Gerade da, wo der
Wettbewerb dicht wird. Wer Gespräche als anstrengend empfindet, wird
auch im Netz nix reißen.

Ein akquirieren müssendes Unternehmen (und das sind 99%) muss sich gar
nicht überlegen, wo es denn besser aufgestellt wäre, was denn strategisch
mehr Sinn gäbe. Oft gibt es die Frage, was ist besser gar nicht: Man muss beides machen. Weil die Menschen, ob jung oderälter mittlerweile sich beide in beiden Welten bewegen.  Cross eben.  Für den der Cross für Schoko-Chips hält
:- ): Marketing/Akquise-Mix Offline und online. Der Mix bringt am meisten.

+++.de (Logos ab 49,00 Euro) und wundersame Versprechungen. UPDATE.

UPDATE:

Ich
wurde dieser Tage vom Geschäftsführer des Unternehmens +++.de angerufen
und bin gebeten worden, den ganzen Artikel (den Komplett-Beitrag) 
über seine Logo-Fabrik rauszunehmen, aka ihn ganz zu löschen*. Wegen insgesamt
geschäftsschädigender Äußerungen. Ihn störte vor allem die Passage, wo
ich davon rede, dass es Betrug wäre, ein Logo in so rascher Zeit und
vermutlich baukastenmäßig als individuell anzubieten. Diese Passage
habe ich jetzt so abgeändert, dass ich jetzt von fachlich nicht in Ordnung
rede, denn Einzigartigkeit ist in der Regel in so schneller
Herstellungszeit nicht erreicht. Normalerweise ist ein Grafiker im
Schnitt mind. eine Woche über einem Logo – und nicht weil er zu langsam
ist, sondern weil ein vernünftiges Logo (das nicht nur technisch in Ordnung ist, sondern auch die restlichen Forderungen an ein Logo in den größten Teilen erfüllt  und wirklich für das Unternehmen einzigartig ist) das nach meiner unmaßgeblichen
Meinung braucht. Die Logos von +++.de sind in den meisten Fällen grafisch überladen. Was für eine Vignette sehr nett sein kann, aber für ein Logo nicht funktioniert. Das hat mit  überforderter Wahrnehmung zu tun auf Märkten, die vor solchen Logos wimmeln. Das hat zur Folge, dass sie derart überladen nicht gut merkfähig und erinnerbar sind, dazu müssten sie wesentlich reduzierter sein UND gleichzeitig auf ihre Art unique. Das Gehirn merkt sich so viele Gestaltungselemente auf einen Schlag nicht.  Dazu aber ein ander Mal.

*Ich
möchte den Komplett-Beitrag nicht löschen, da ich die Meinungsfreiheit
angetastet sehe. Ich habe ihm angeboten, seinerseits ein Dementi zu
schreiben, das ich gern veröffentliche, wenn es da ist. Habe aber dafür
den Originalnamen seines Unternehmens  in +++.de geändert. So wird es
in den Suchergebnissen nicht direkt unter oder gar über  von +++.de auf
Google Seite 1 gelistet (wie derzeit und wie er beklagte).

Memoriert
wiedergegeben: Gleichzeitig wurde von ihm inkriminiert, wie ich denn derart
gegen +++.de argumentieren könne, wenn ich doch gleichzeitig selber ein
Shopmodell plane mit ähnlicher Ausrichtung. Ich möchte dazu sagen, dass
mein geplantes Shopmodell auf alle Fälle anders ist: Ich werde bereits fertige
Produkte
verkaufen, die nicht  billig erst nach Auftrag, sondern frei vorher und ausschließlich von mir hergestellt sind. Ich vertrete die Ansicht, dass eine vernünftige Logo-Auftragsarbeit auf günstigem Massenniveau nicht funktioniert. Für die Logo-Fabrik schon, aber nicht für den Auftraggeber.  Und ich
beschäftige keine Grafiker wie +++.de, die nach Auftragseingang
geschätzt pro Nase ca. 3-5 Logos am Tag herstellen. Insofern sind für
mich diese beiden Geschäftsmodelle nicht vergleichbar. Ich verspreche in meinem Shop keine hohe zugeschnittene Individualität und Einzigartigkeit,  denn das können meine  fertigen Produkte grundsätzlich nicht leisten.

Ich
vermute, dass der feine Unterschied zwischen einer wirklich
unverwechselbaren Logoerstellung (Logo nach Maß), einem Logo von der Stange (ein bereits fertiges) und einem Logo im
Stundentakt  nicht nur potenziellen Kunden schwer vermittelbar ist.
Sondern auch Anwälten oder Richtern, denn ich denke da an die
Empfehlung eines früheren Chefs von mir, der mal eine langwierige
Gerichtsauseinandersetzung hatte wg. eines Auftrags, bzw. einer
Rechnung: Richter wissen wenig über das Fachliche in dieser Branche. Um
sich einen Überblick zu verschaffen sind meist Gutachter notwendig
(Sachen wie Schöpfungshöhe, etc.). Und das wird teuer.

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Der alte Eintrag:


Und die gehen so [edit: Die wundersamen Versprechungen, siehe Headline, d. S.]:

(Auszug):

Sie möchten von Design-Profis Ihr Logo erstellen lassen, ohne dafür ein Vermögen zu bezahlen? 

Interessanter kompetitiver, aber leider unwahrer und sehr unfairer Konkurrenz-Ansatz gegenüber Einzel-Designern und Designbüros, die vernünftige Logos bauen (die eine Aussage und einen Sinn ergeben und nicht nur gefällig sind) und vernünftig kalkulieren müssen, da sie Familie haben, Steuern bezahlen müssen und Leute beschäftigen.

Klartext und die Wahrheit: Ein Vermögen ist relativ, es kann sein
das, was die Erbtante hat, geht für Hungerleider aber schon ab 300,00
Euro los und für Erbschleicher langsam ab dem Preis für einen SUV.
Die Logos dieser normale Stundensätze kalkulierenden und seriös arbeitenden Designer mit Semiotik-Expertise kosten im Gegenteil kein wie auch immer geartetetes Vermögen, sondern Netto vor späterer Verwendung und etwaigen Nutzungsrechten bei kleinen Designbüros etwa zwischen 800,00 und ca. 2000,00 Euro. Wenn das bereits für einen hoffnungsfrohen Gründer, der seinen BMW-Geschäftsführerwagen schon eingepreist hat, aber die Kosten für die Putzfrau vergisst^^ ein Vermögen sein soll, möge er bitte seine komplette Geschäftsidee überprüfen, ob er für sie überhaupt irgendwelche Marketingkosten eingeplant hat und sich leisten kann. Er wird sie sich leisten können müssen, denn sonst wird es hinten am dicken Ende teuer. Ein schöner englischer Claim bringt das gut zum Ausdruck: "Can you afford not to afford it?"

Nur für kluge Rechner und Leute, die wissen, was ROI ist, die anderen sollen sich besser jetzt ein Youtube-Filmchen reinziehen: Logo- und Folgemarketingkosten sind rasch wieder refinanziert und drüber hinaus, wenn die Logos zusammen mit der Geschäftsidee stimmig sind, sitzen, und von der angepeilten Zielgruppe klar erfasst, verstanden und erinnert werden -  also merkfähig und nicht nur gefällig sind.

So gesehen ist +++.de die ideale Geschäftsidee. Für Nachfrager, die in ihrem Marketing (wie muss ich was draußen anbieten, damit es nachgefragt wird) vermutlich nicht nachgedacht haben, sondern augenscheinlich autistisch ihren eigenen Geschmack als Maß aller Dinge wähnen. Auch hier Glückwunsch an +++.de, der Nachfrage-Markt diesbezüglich ist riesig, denn es gibt ihrer viele. www.+++.de hat, was das betrifft, seine BWL-Hausaufgaben sehr wohl gemacht, Hutzieh, seine Kundschaft aber macht meist keine, das ist der Trick, der funktioniert.

                                                   * * *


Ein bisschen Kopfzerbrechen – aber nur ein bisschen -  macht mir nur, was denn die Grafiker kriegen, die von +++.de und ähnlichen Plattformen bezahlt werden. Mehr als ein Hungerlohn kann es nach meiner Einschätzung nicht sein, also auch hier: +++.de hat wohl seinen Lieferantenmarkt gut erkannt: die sich gegenseitig auf die Füße trampelnden Grafiker. Die meisten Grafiker und künstlerischen Berufe können nach meinem Dafürhalten entweder nicht rechnen, buchhalten, kalkulieren und gezielt akqirieren (das konnten sie noch nie, das weiß ich seit dem Studium) oder stecken vermutlich eh schon tief in der Krisen-Defensive – oder meist alles auf einmal.

Weitere werbliche Argumentation von +++.de:
(Auszug)

Dann sind Sie hier richtig, denn wir entwerfen preiswerte Logos für über 1.500 Kunden pro Jahr! Firmenlogos, Produktlogos, Vereinslogos, Schullogos, Bandlogos, Privatlogos u.v.m. Individuell, exklusiv und kreativ – das ist professionelles Logodesign!

Werbeblabla: Ein sauberer Zirkelschluss mit vagen Adjektiven, der nicht stimmt. Professionelles Logodesign ist nicht "individuell" (geschmäcklerisch-eitel, wie ein Armband mit Gravur es sein könnte), sondern es muss sein: wiedererkennbar, merkfähig. Dazu braucht es über die vorhanden sein sollende Kreativität hinaus (Kardinaltugend, muss eh sein) Erfahrung, Expertise vom Designer über bewusste und unbewusste Wahrnehmung von Information, ihre Prinzipien und Expertise über die Semiotik (die Bedeutung von Zeichen, Zeichensprache und Zeichenprozessen).

"Exklusiv" ist es auch nicht bei +++.de. Was bitte an 49,00 €  ist exklusiv. Nach meiner unmaßgeblichen Einschätzung haben die Grafiker, die das machen, im Vorfeld vermutlich zig Raster im Kopf und vielleicht auch Blankomuster in der geistigen oder echten Schublade (wie der Fernsehkoch den ruhen gelassenen Teig, die feingehackten Zwiebeln, die vorgeschnittenen feinen Julienne-Streifen: "Da habe ich ein klein wenig für Sie vorbereitet, …" und schwupps ist sein Menue fertig, das der Hausfrau locker 1 Stunde mehr kostet als geguckt. Ein Menue ist aber das eine, nach fertigem Rezept gekocht, ein Logo aber muss eine Innovation sein). Sonst zeitlich in einer Stunde (im Vergleich: Gesellenpreis im Handwerk: 1 Stunde à 45,00 Euro) unattraktiv und wirtschaftlich kaum zu schaffen. Den Rest der "Individualität" erledigen mit allergrößter Vermutung modifizierte Farbgebung, leicht geänderte Anordnung der Elemente, ein fertiger Katalog von trendigen Schriften, egal ob sie passen oder  nicht und diverse Illustrator-Plugins und Filter. Hauptsache, netter Effekt. Den neuen Firmennamen eingesetzt, einen hübschen Bogen drunter oder drüber, fertig. Wollen wir wetten?


Wenn das so ist, ist das aber nicht exklusiv, sondern oberflächlich, pseudo-exklusiv nach Fertigbaukasten (wird beim Webdesign genauso gemacht, da kann ich aus dem Nähkästchen berichten), billig und austauschbar: Ich kann Ihnen aus dem Stand und ohne jegliches Briefing viele solcher netten Logos machen, sind in einer Stunde fertig. Ich tue es aber nicht, weil ich das für fachlich nicht in Ordnung halte. Gegenüber dem Kunden, denn ich plündere damit nur meine formalen Sammlungen für einen Appel, ein Ei und Beliebigkeit. Geschäftlich geholfen ist dem Kunden leider mit so etwas nicht, meist geschadet, da undurchdacht: Den Dingern fehlt einfach die echte Einzigartigkeit, die inhaltliche Substanz und die Relevanz zum Zielmarkt.

Fazit:
Für ein Privatlogo fürs Blogtagebuch, die Privatkorrespondenz, für den Verein für graue Tauben im Sinkflug e.V., oder ein kleines Standard-Handwerksunternehmen von mir aus. Tun Sie, was Sie nicht lassen können :-).

Meine Empfehlung: Für ein neues Firmenlogo, ein Produktlogo: Hände weg!

Disclosure:
Nein, ich bin nicht futterneidig auf +++.de. Die Firmenauftraggeber/Gründer, die sich für clever halten und solche wie +++.de beauftragen, muss man als kluger Designer dem Mitbewerb (euphemistisch-neudeutsch für Konkurrenz) überlassen. Denn dieser Mitbewerb und diese Kunden, sie werden sich gegenseitig in feinster Schluderarbeit unprofessionell selber erledigen.

Man nennt das exitorientiert.
:-D

Wer nicht exitorientiert ist, sondern aus Fehlern anderer lernen möchte:
Warum Startups scheitern

Die häufigsten Fehler im Businessplan


Sollen wir uns erst mal bei Ihnen treffen?

Ein Grafikdesigner und das Zahlen mit richtigem Geld.
Du hältst deinen Platz an der Bar wie ein richtiger Held.
Die ganze Welt gegen einen, das ist nicht fair.
Die rettende Kavallerie, die kommt heut nicht mehr.

Element of Crime, 1999.

"Haben Sie gut hergefunden?" fragt mich der Kunde als Ice-Breaker, wie er es aus "Smalltalk für Manager" gelernt hat.

"Aber ja, sofort! Der einzige Taxifahrer am Bahnhof hat sich geweigert, aber hinterm Sägewerk kommt ja nicht mehr viel", verkneife ich mir. Laut antworte ich ein klares, uneingeschränktes: "Ja", wie ich es aus "Leitfaden für Beziehungsgespräche" gelernt habe.

In der ersten Stunde verfehle ich mein Gesprächsziel, dem Kunden von seinem angedachten Firmennamen "Wurstberaterei" abzuraten. Nach zwei weiteren Stunden, die ich nicht mehr berechnen kann, ist deshalb schon Sense; über den Rest senkt sich der Mantel der Diskretion über einige unerfreuliche Betriebsgeheimnisse. Die des Kunden.

Mein Exkunde in spe arbeitet, wo andere Urlaub machen: in einem Handy-Funkloch. Ein Telefongespräch wollte ich ihm nicht mehr aufhalsen. Die Bushaltestelle belehrt mich, dass wir uns hier in der Rufbus-Region Mangfalltal oder Leitzachtal oder Murnau-Land oder irgend sowas befinden. Das heißt, dass man den Bus persönlich anrufen muss, mit dem man fahren will.

Die für den Landkreis zuständige Gaststätte hab ich schon mal gesehen: in einer frühen Kurzgeschichte von Heinrich Böll. Am Stammtisch schweigt sich eine Runde glasäugiger Austragsbauern an, weil man so früh am Tag noch nicht schafkopfen kann und bis dahin saufen muss. Wenn sie geredet hätten, wären sie bei meinem Eintritt verstummt. Beim Hinsetzen versuche ich die Stille so wenig wie möglich zu stören. Sollte ich hier jemals lebendig wieder rauskommen, werde ich das Thema des Abends sein: "Wos wor denn des heint fir oana?" Die Bedienung mistet hinten den Kuhstall aus und kommt hoffentlich zur vollen Stunde den Bauern Bier und Birngeist nachfüllen.

Praktischerweise war es gerade kurz nach halb. Die Bedienung stutzt, hat aber in ihrer Weltläufigkeit schon mal jemanden gesehen, der ein Vorstellungsgespräch bei meinem Kunden hatte. Und sie war so ziemlich die einzige, die ihn je gesehen hat.

"A Hoibe und telefoniern?" fragt sie.

Ich nicke beeindruckt.

"Telefon is do hint", sagt sie, hat schon mit Bierzapfen angefangen und zeigt mit dem Kinn in den Flur hinaus, wo ein handgeschnitzter und -gemalter Wegweiser "Pissoir/Scheißhäusl" grüßt.

Es gibt tatsächlich noch Telefone mit Wählscheibe. Und sie funktionieren! Die Nummer vom Rufbus klebt am Telefontischchen, seit der mit dem Vorstellungsgespräch hier eingekehrt ist. Muss doch schon länger her sein.

"???!" meldet sich der Rufbus.

"Grüß Gott", versuche ich, "fahren Sie heut noch?"

"Freilich!!" bellt jemand (ich versuche hier eine grobe Simultanübersetzung), "wann wollen Sie denn fahren!!"

"Wär's Ihnen recht um…" – ein Blick zu dem Bierfassdeckel mit Uhrzeigern über der Pissoir/Scheißhäusltür – "um sechse?"

"Wird schon wie gehen", mault der andere und legt auf. Woher ich anrufe, schien im keine Frage zu sein, woher soll man in Funklöchern schon anrufen, gell.

Vor lauter Empathie in die Bedürfnisse eines Rufbusunternehmers habe ich dessen Zeitfenster zur Anreise spontan etwas großzügig berechnet, denn als die Bedienung ihre Fünf-Uhr-Runde macht, kassiert sie nacheinander ihre Bauern ab.

"Jaaaaaaa…", will einer von ihnen zahnlos widersprechen.

"Nix ja, Wiggerl!" streichelt sie ihm über die Steppe seines Gelöcks, "woaßt eh, dass heint Samstag is. I wui aa no ind'Stoodt eine nachant!"

"Nacha brauch ma nimma hockableim bis aufs Kartn?"

Offenbar ist das eine Gehirnregion, die bei Wiggerl noch anspricht. "Nein neinzge kriagidi na von dir", nutzt die Bedienung seinen lichten Moment aus. Nachdem er quälende Minuten lang in seinem Ledergeldbeutel herumgekratscht hat, lässt er's auf zehn Euro aufgehen. Zu mir kommt sie zuletzt. Auch bei mir kommt sie auf neun Euro neunzig, das ortsübliche Trinkgeldgebaren habe ich schon verinnerlicht.

Das gibt mir eine Stunde Zeit, mich ohne Verzehrzwang dort umzutun, wo andere Urlaub machen. Ganz hinten auf der Wiese gegenüber dem Gasthaus, schon fast im dichten Tann, scheißt eine alleinstehende Kuh einen neuen Fladen für ihre Sammlung. Damit sind die Freizeitmöglichkeiten erschöpft. So wie ich.

Fast pünktlich höre ich an der Rufbushaltestelle ein fernes Röcheln. Ein gut erhaltener VW-Bus keucht um den Hügel. Gerade als die Bedienung geschminkt und aufgedirndlt aus der Gasthaustür stöckelt, ohne ihren fremden Gast (mich) noch einmal zu grüßen, die Haustür mit einem gusseisernen Schlüssel zusperrt, in einen rostigen Ascona steigt und davonröhrt, hält der VW-Bus vor meinen Schuhkappen.

"Was ist jetzt?" kläfft der Fahrer duch die geöffnete Tür, ich steige ein. "Zum Bahnhof", sage ich. "Bitte."

"Ja, eh."

Das Dorf, das hinter den schlammverspritzten Scheiben vorbeizuckelt, hat es schon lange nicht mehr nötig, sich an "Unser Dorf hat Zukunft" zu beteiligen. Eine Kirche mit Zwiebelturm, modernisierte Bauernhöfe, zu Eigenheimen ausgebaute Bauernhöfe, stillgelegte Bauernhöfe, der maßgebliche Arbeitgeber: das Sägewerk. Die Volkshochschule versucht seit Jahren, Bert Hellinger für einen Vortrag zu gewinnen, doch nicht einmal er nutzt die Chance für eine Familienaufstellung. Zum ersten Mal verstehe ich ihn, denn wir hatten einen Grund, die Agentur innerhalb einer Postleitzahl zu eröffnen, die mit 80 anfängt.

Dahinter Wiesen, dahinter Wald. Da, wo andere Urlaub machen, weil hier noch keine Stadt und keine Alpen mehr sind. Die Züge fahren hoffentlich bis nach 20 Uhr – die in Richtung München. Der Fahrer versieht seinen Job nur unter Protest und erkennt deshalb keine Not, Fahrgeld von mir zu verlangen. Auf einer Lichtung, aber ich kann mich täuschen in der Dämmerung, äst ein Hase. Wäre nicht das Geweih, ich hätte geschworen, er hat Reißzähne.

~~~|~~~~~~~|~~~

Soundtrack: Element of Crime: Kavallerie, aus: Psycho, 1999.

Altmodisch und froh drum

Warum ich schon seit längerem wieder dahin zurückkehre, was einst als gute Form des Geschäftemachens galt: mit dem direkten persönlichen Gegenüber sprechen (Nein, nix Telefon, ich seh den ja dann nicht).

Die Zeiten des schnellen Online-Austausches haben selbst in einem so beratungsintensiven Bereich wie dem Grafikdesign einen Kundentyp hervorgebracht, den man vorher kaum zu Gesichte kriegte, der sich aber jetzt ameisenhaft vermehrt: den ungeduldigen Pauschal-Preistouristen.

Erkennungsmerkmal 1:
Er ist faul und will wenig Information über sich preisgeben, die Agentur soll aber zu seinem lückenhaften, oft widersprüchlichen Briefing bereits Preise abgeben. Kein Preisangebot aber ohne Treffen.

Ich trenne mittlerweile recht gut die Spreu vom Weizen und erkenne den Preistouristen, der gar nicht unbedingt an einer unmittelbaren Briefing-Zusammenarbeit interessiert ist, aber erstmal wie in einem Supermarkt Preisangebote sammeln will (für was auch immer) an seiner Reaktion: Auf den Vorschlag, sich doch mal persönlich zusammenzusetzen, um das zu besprechen.

Erkennungsmerkmal 2, weiche Version:
Er meldet sich daraufhin nicht mehr.

Erkennungsmerkmal 2, harte Version:
Er beschimpft einen. Schriftlich. Per E-Mail.

Auch nicht schlecht.

Die modernen digitalen Zeiten – und das (vor)schnelle Wort ist leider schnell auf E-Mail.

Leider dann unwiderruflich. Wie menschenfreundlich waren doch papierene Briefe. Das Schreiben ging langsam und man konnte sich in dieser Zeitspanne bis zum Zukleben mit der teuren, schönen Sondermarke noch gut überlegen, ob man damit wirklich zum Postkasten will. Ich kenne den Effekt des zu schnell gedrückten Buttons, aber meine Preistouristen eben nicht. Denn sie haben wenig Übung im digitalen Coolbleiben. Ich aber schon, denn ich betreibe seit über 2 Jahren ein Blog und kommentiere in Blogs. Diese neue Kulturtechnik stählt und bringt einem auf die harte Tour bei (learning by doing und die harten Reaktionen anderer darauf), die schnelle Taste im Zaum zu halten und durchaus fundierte Kritik, aber keine justitiablen Beleidigungen zu posten. Wer also als Geschäftsmensch keine Übung im digitalen Austausch und seinen Tücken hat, sollte lieber zum Papierbrief greifen.

Mit Überzeugung in diesem Bereich gelernter Blogger und gleichzeitig erfrischend altmodisch:
the missing link

Professor Dueck erklärt die Welt. Anhand IBM und überhaupt.

Duecks Farbenlehre: Blau, orange, gelb. Ein Gelber ist ein Tekkie/Kreativer, der muss nicht noch mehr motiviert werden, um mit Hingabe einfach gut zu sein, sonst ist er beleidigt. Ein Blauer ist einer, der die Sicherheit der übersichtlichen Hierarchie braucht. Und ein Oranger ist einer, der glaubt, siegen zu müssen und dem jedes Mittel Recht ist, zu bescheißen.

Welche Farbe herrscht heutzutage vor? Welche Farbe lebst du?

Hier der Link zu Duecks Vortragsfilm:
"Über Firmenkulturen und für mehr Kundennähe"

Zitat Prof. Dr. Gunter Dueck
Chief Technologist, IBM Global Technology Services
Germany:

Der Schluss ist aber am besten, sagen Leute, die dabei waren. Ich hätte ja
lieber, die Leute würden sich die ernsten Messages merken – DIE sind die
Höhepunkte, nicht die Pointen!

Wie wahr.
Bitte etwas Zeit mitbringen und: bei mir hat der Film nicht gestreamt wie versprochen, ich musste ihn mir komplett runterladen. Vielleicht ist das ja bei den guten alten IBM Thinkpads anders :-) Und immer die Dauerpfote am Lautsprecherregler haben, denn Barbara Schöneberger spricht laut, Dueck wieder um einiges leiser. Ist bestimmt auch wieder so ein Trick von ihm, dem Listigen, dass man die Ohren spitzen muss.

Have fun. Alles andere als eine lame duck.
Ich geb’s zu, ich bin ein Fan.

Absage.doc II . Anmerkungen zum erhaltenen Briefing zum Corporate-Redesign einer Meta-Plattform

Sehr geehrte Frau xxx und an
alle Mitglieder der Jury,
 
erlauben Sie uns vier Anmerkungen:
 
1. Es fehlt das geistige
Dachmarkenkonzept, bevor mit Design losgelegt wird.
 
So aber kann nie ein sauberes Design entstehen, das
den Wirrwarr der Scout-Plattformen klar verbindet, gleichzeitig die zarten
Untermarken-Unterschiede herausarbeitet (Farbleitlinien?) und dennoch klar als
EINE Dachmarke arbeitet.
 
 
2. Bildmarke
 
a)  Allgemein-rechtliche Probleme der
Bildmarke.
 
Wenn Sie Pech haben, passiert Ihnen das,
was der großen Internetplattform Mr. Wong mit ihrem runden, gedrungenen,
klischeehaft feist-listig-grinsenden Chinesenkopf als Bildmarke
passiert ist: Die Internetplattform Mr. Wong bekam eine Abmahnung/Klage
und musste das Logo entfernen. Begründung: Rassismus.
Der Chinesenkopf musste weg, er stellt eine rassistische Beleidigung aller
Chinesen dar. Sie mussten tatsächlich ein neues Logo erstellen lassen. Wenn Sie
Markenrechts – Internet- und UWG-Anwälte in Ihren Plattformreihen haben, lassen
Sie das bitte vorher prüfen, bevor Sie einen Wettbewerb aufrufen, der so ein
düsteres Hakennasen -Logo implementiert und stilistisch vom Design
darauf aufbaut. Sonst fangen Sie wieder ganz von vorne an.
 
b) Grafisch-werbliche Tonality der
Bildmarke
 
Der Indianerkopf geht grafisch-werblich gar
nicht: Er hat eine strenge, unfreundliche Miene. Er guckt nicht einmal im
Ansatz spähend
, sondern böse – und hat noch dazu wie gesagt eine
diskriminierend-deutliche Hakennase, wie in der Judendarstellung des
III.Reiches. Letzteres zieht mit ziemlicher Sicherheit
Rassismus-Vorwürfe
nach sich). Das passt
nicht zu einer Plattform, die modern, einladend wirken und mehr Besucher
anziehen will. Streng, unfreundlich geht eh nie und diskriminierend geht gar
nicht.
 
Daraus ergeben sich ebenfalls Probleme für
die gewünschte freundliche Farbgebung:
 
So mit dieser unfreundlichen Strenge und
mit dieser ungeschickten strengen Farbkombination, die aber stilistische Vorgabe
für die Farben sind, die von uns verwendet werden dürfen – dieses
Dunkelblau und dieses dark gold SIND in dieser Zusammensetzung nicht freundlich
-  bekommen Sie niemals eine freundliche, lockere und vor
allem schicke Optik mit freundlichen Farben und viel Weiß wie XING (plus helles
Grün) oder Mymuesli (freundliche warme Farben) [im Briefing des Wettbewerbs wurde die Anmutung wie XING, mymuesli als bevorzugt/gewünscht eingestuft, d. S.]. Das kann ich jetzt schon
beurteilen, das sehe ich klar vor mir. Freundliche Farbkombinationen und
Farbwelten im Corporatebereich gehen deutlich anders wie in Ihrem derzeitigen
Logo.
 
3. Briefing
 
Das gesamte Briefing müsste vor Beginn der Arbeiten
überarbeitet und von der Agentur in einem sauberen und aufwändigen Creative
Re-Brief neu dargestellt und abgestimmt werden. Grund: Es ist – so wie es
derzeit ist -  von einer seriösen, markentechnisch und corporate-design- und
joborientierten Agentur nicht ausführbar, da es keine klare Arbeitsgrundlage
darstellt.
 
Nur ein Beispiel, es gibt noch mehrere: "Die
Conversionsrate soll durch ein neues Design erhöht werden".
Kein noch so
schickes, neues Design dieser Welt kann eine Conversionsrate erhöhen. Dieser
Punkt geht gar nicht. Bitte halten Sie Rücksprache mit einem erfahrenen
SEO-Fachmann und Online-Marketer Ihrer Wahl. Aber selbst ein Diplom-Designer,
der in der echten Welt weilt und in der Online-Welt auf dem laufenden ist, weiß
das.
 
 
4. Teilnahmebedingungen
 
Nicht nur ein (wie oft zu großes) Gremium stimmt
ab. Das ist eine bekannte Schwierigkeit für eine präsentierende Agentur, vor
allem, wenn man nicht persönlich präsentieren kann, sondern nur online, und
dadurch kaum persönliche Überzeugungsarbeit auf Augenhöhe leisten kann, die hier
dringend nötig wäre.
 
Sondern dazu soll es zusätzlich noch eine
Online-Abstimmung geben. Die Online-Abstimmung ist aber fachlich so fair und
ungefähr so zielführend für Ihr Anliegen, eine wirklich gute Meta-Plattform zu
bekommen wie "Deutschland sucht den Superstar". Keine
Corporate-Design-Agentur, die auf sich hält, läßt ihre durchdachte Arbeit, die
sie per Brief und Re-Brief geleistet hat, fachlich öffentlich-Online beurteilen
von Menschen, die weder das Briefing, noch irgendein Re-Brief kennen und gesehen
haben (sich vermutlich auch nicht die Mühe machen würden, sich das alles
durchzulesen und zu verinnerlichen), dazu einen Scout-Fährtenleser nicht von
einem Indianer auf Kriegspfad unterscheiden können aber bereits vorher schon
einen festen Zettel in der Hand haben, wen sie mit viel Traffic und
Aufmerksamkeit zum Favoriten küren sollen (Seilschaft- und
Verbandelungsfaktoren). So wird das sein.
 
 
Ich möchte daher mit meiner Agentur die
Teilnahme an diesem Wettbewerb, wie er derzeit inhaltlich und von den
Bedingungen her ist, höflich absagen. Vor allem wg. Punkt 4.
 
Es tut mir
leid.
Vielleicht
überdenken Sie Ihren Wettbewerb und Ihr Briefing, und lassen sich besser für
eine Briefing-Erstellung an Agenturen kompetent beraten.
 
Nur dann bin ich
wieder mit dabei.
 
Mit freundlichen Grüßen,
die Vroni Gräbel
 
the missing link
Designbüro für bessere
Kommunikation

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Nachtrag/Update:
So sieht das (in meinen Augen) ungünstige Logo aus

Logo_indianer_rgb

Was der Mittelstand, KMUs über das Web 2.0 wirklich wissen sollten

Hessen-IT hat ein wirklich hilfreiches Werk über Web 2.0 für den Mittelstand verfasst, ein kostenloses PDF, zum runterladen.

Nicht alles, was kostenlos ist, ist schlecht. Dieses hier ist in seiner Zusammenfassung eine gute, saubere Arbeit (kein PR-Gesülze) und absolut lesenswert. Wissenswertes und How To über Podcasts, Social Bookmarking, Long Tail, kollektive Intelligenz, neue Vermarktungsmöglichkeiten. Am besten ausdrucken, denn das sind keine Info-Häppchen, die man mal schnell am Computer überfliegt.

Kleiner inhaltlicher Kritikpunkt von mir über den Artikel 3.4 "Nutzung durch KMU, Corporate Blogging" (Seite 24):

"kostengünstiger Betrieb"

Das stimmt nicht. Warum?

Corporate Blogging ist alles andere als nicht aufwändig, rechnet man die Zeit, die man damit verbringen wird und die Tatsache, dass man fundiert, überlegt und dennoch "sexy" und gut schreiben muss, sonst bleiben ganz brutal die Leser aus. Und: Time is Money, tempus fugit.

Nein, rechnen Sie Ihren ganz persönlichen Stundensatz aus, den Sie nach draußen verrechnen (wenn Sie ihn nicht schon wissen, das setze ich eigentlich voraus), den müssen Sie dafür ansetzen. Nicht weniger oder Null, das ist betriebswirtschaftlicher Dummfug.

Corporate Blogging ist nicht: Verlautbarungsjournalismus top down, ist nicht: Hineinstellen von technischen Features, die mal ein Werbetexter geschrieben hat, kein Abkopieren von PR-Artikeln, die schmissig verzapft wurden, nie, das ist kein Blogging. Auch die rasche Idee, einen günstigen Praktikanten ("er schreibt doch recht nett") da hinzusetzen, macht die Idee nicht besser. Corporate Blogging braucht ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und Ausdauer, am besten vom Boss und gut kommitteten Angestellten. Das sind mich derzeit beispielweise Kirstin Walther (Saftblog) hat und herwig danzer (der schreibt sich wirklich absichtlich klein, so isser) vom Möbelmacherblog "Nachhaltig". Reinlesen!

Es ist grundfalsch und typisch technologisch-merkantil angehauchter Typus (Tschakkaaa!), als Betriebskosten nur die Serverkosten zu sehen, die sicher weniger kosten als eine 3stufige Dialog-Mailingkampagne – stattgegeben. Man muss die Arbeits-, liebevolle Recherche- und Schreibzeit sehen und auch die Zeit für die Pflege der Kommentare (id est: ihnen auch mal antworten, das ist ein ganz heißes Thema im feedbackfaulen Deutschland…). Dass muss alles, sonst halbherzig und wird nichts. Ich will Sie nicht abhalten, nur sollten Sie wissen: Es wird brutal unterschätzt im Aufwand. The missing link bloggt am 29. September 2007 genau seit 2 Jahren und weiß das. Oft gehen locker 2 Stunden pro Tag allein nur für Recherche und Verlinken drauf. Dann am Diskurs teilnehmen, in anderen Blogs ab und an präsent sein (nein, nicht Links spammen, sondern fundiert kommentieren), und neue Artikel ausdenken: nochmal 2 Stunden. Das ist die Realität.

Bei einem fiktiven Stundensatz von 150 € und bis jetzt 269 Beiträgen haben wir gemeinsam an Zeitaufwand fürs Bloggen bis jetzt eine Summe zwischen 80 700 € und 161 400 € ausgegeben. Kommen dazu noch die läppischen Sixapart’schen Server-/Hostingkosten von 14,95 € im Monat: nochmal insgesamt 358,80 € (Peanuts!!). Hab ich was vergessen?   

Und wir sind zwei, immerhin, und teilen uns das. Seien Sie keine dieser Eintagsfliegen, die sinn- und hirnlos eine Blogpräsenz eröffnen und dann nach wenigen Wochen die Lust verlieren, weil nicht sofort Kunden heranstürmen. Das erst wird das Image beschädigen.

Apropos Kunden heranstürmen:

Ein Corporate Blog ist keine Hard-Selling-Kundengenerierungsmaschine, ein Corporate Blog ist ein Gesprächsangebot auf Augenhöhe. Wer da in seiner Web 2.0 Euphorie den raschen merkantilen ROI glaubt zu kriegen, weil er top down billig was verkünden will, wird keinen Erfolg haben. Nicht, weil die restliche Bloggergemeinde ("rumprollende Rüpel") zu kritisch ist und als Dauerhaltung rummeckert, nein, weil der stinknormale Internetnutzer nichts langweiliger finden wird als top down und lustlose, oder von Billigkräften (willig, aber billig)  hingerotzte Texte. Er merkt das schnell – auch wenn er "nur Hauptschulausbildung" hat :-( und wird stante pede Fersengeld geben.

Oh, war ich jetzt zu sehr top down? Ich werde mich bessern.

Rotkäppchen ist kein Dr. Oetker

Die Medienschau von heute lehrt: Man kann Werber sein, ohne im einzelnen zu durchblicken, welchem Tycoon gerade welche Marke gehört.

Eine Ansicht, die ich erstmals verteidigen musste, als ich vor zwanzig Jahren nicht wusste, dass man in Nürnberg egal ob Patrizier, Tucher, Lederer oder Zirndorfer Bier praktisch aus dem selben Sudkessel schöpft. Wieso, sagte ich, Patrizier ist doch rot, Tucher blau, Lederer krokodilgrün und Zirndorfer auch irgendwas. Da hätten Sie den Saufexperten mal hören sollen, der sich einiges auf sein tagespolitisches Öhrchen zugute hielt. (Sie kennen den Schlag: Aktien-Checker, zur Zeit arbeitslos, will in zwei Jahren oder zehn den Iron Man machen und bestellt sich seit dem frühen Nachmittag das letzte Bier, weil er über dem Austrinken einen Bus nach dem anderen verpasst. Gedeiht in fränkischen Landgasthöfen.)

Finanzpolitik mag bestimmt für etwas gut sein. Auch nach den zwanzig Jahren bleibe ich dabei, dass solches Wissen eher hemmend wirkt, wenn man Marken, nicht aber Elefantenehen bewirbt. Werber sind auch Menschen und deshalb gelegentlich Verbraucher. So weit sollten sie sich also mit all den anderen Verbrauchern identifizieren, denen sie ihre gut durchgeplanten, an einer sinnvollen Strategie entlangdesignten Werbemittel verkaufen: Die Leute wollen was zu naschen haben, keine Nestlé-Produktdiversifikation.

Überrascht hat mich in diesem Sinne das heutige Multiple-Choice-Quiz auf web.de, bei dem man raten wissen muss, wer in letzter Zeit wen aufgekauft hat. Aber ich hab ja nicht mal während der New Economy eine Aktie gekauft.

Weiters (sic) sind uns die Österreicher wieder mal mindestens einen Monat voraus: Im noch rückständiger als das restliche Österreich geltenden Burgenland gibt’s schon die Nikoläuse. Brauchen die ihre Regalmeter denn gar nicht für das Ziergemüse für Halloween? "Kunden sind verwirrt, kaufen aber." Frohe Weihnachten.

Nur wer Schmerzen hat, geht zum Doktor.

Oder auch nicht.

Bildquelle: hostel sadomaso

Ich hab noch mal drüber nachgedacht, was es sein könnte, was viele Firmen so nichtsehend macht, was eine funktionierende übergreifende Strategie betrifft.

Ist es "Das gute Beispiel fehlt":
1. Dass sie nicht vorexerziert krieg(t)en, dass es nur Erfolg bringt, wenn man sich eindeutig aufstellt? Man deutlicher wirbt, mit frechem Ambient, z. B. (Das Unternehmen keine positiven, ertragreichen Beispiele von guter Strategie und frecher Werbung kennt oder erzählt kriegt?)

Oder ist es "Der Schmerz fehlt":
2. Die bisherige Methode des Unternehmens ist noch nicht erfolglos genug, sie geht noch eine Weile "gut".

Wenn es 2. ist, muss die Kundenansprache ausgehend von Leuten wie uns generell nicht nur höflich, sanft und nett über den an sich begreifbaren Benefit = "Nur mit Planung des roten Kommunikationsfadens stimmt deine Kommunikation und nur mit Planung wirst du dein Budget richtig und gewinnbringend einsetzen, ROI, blabla" erfolgen. Das ist dann zu dezente Kinderkacke.

Sondern über das krasse Inszenieren eines Schmerzgefühls. Dem Gefühl, es geht so nicht weiter.
Nur wer Schmerz hat, handelt. Wie Ärzte wissen. Ergreift Maßnahmen, die er vorher liegen gelassen hat.

Bei uns damals in der guten alten Tante McCann waren – von mir "gefühlte" – Schmerzkunden ca. 70% der Kunden, und zwar gut situierte Kunden, keine Krauterer. Sie waren "Schmerz"-Kunden, denn sie kamen, weil es aktuell "gebrannt" hat. Umsatz ging zurück oder so etwas. Der Rest der Kunden kam, weil er die Führung kannte (Vertrauen von Boss zu Boss) oder weil es zum guten Ton gehört, bei McCann zu sein (Image).

Der Boss von Westaflex, der mich kürzlich anrief, hat sofort kapiert, als er hörte, wir seien McCanner gewesen (Pling im Kopf!! McCann kannte er, fand er gut). Den Rest meiner Antworten hat er wohl nicht so recht verstanden (da verwette ich meinen Hintern), da konnte ich reden, was ich wollte. Und ich kann reden, an dem liegt’s doch hoffentlich nicht :-)

Was fehlt also:
1. Das gute Beispiel? (Fehlt tatsächlich oft…, der Kommunikationsfachmensch redet nur über seine tolle Strategie, erzählt aber nicht, was sie pekuniär eingebracht hat, aber nur das zählt. Ich suche gerade erfolgreiche Beispiele.)
2. Oder der Schmerz?

Feedback erwünscht,
(Telefon-Joker gibt es keinen…, hier nix call-in-Fernsäh:-)