40 winzige Aufgaben

Update zu Saufspiele für Bücher-Geeks:

Es ergeht Empfehlung für die Unternehmung und die Website Book Riot — zusammen mit der Frage, warum sowas wieder nur auf Englisch wächst.

Hierzuland mag einem nicht einmal eine halbwegs würdevolle Entsprechung für das allfällige englische bookish einfallen, das im Bookweb (“Im was??”) ständig und für alles gebraucht wird. Hätten Sie gewusst, was ein TBR ist? Soll ich’s sagen, während Sie sich von Trockenblutreaktion zu Total Business Return hangeln? Das heißt to be read und bezeichnet den Stapel ungelesener und angefangener Bücher, der sich neben Ihrem Sofa türmt. — Ach, da türmt sich gar nix mehr, seit Sie Ihre unvollständige Harry-Potter-Sammlung der Stadtbücherei auf die Theke gekippt und noch ein Dankeschön dafür erwartet haben? Na, dann wundert mich auch nix. Dichter und Denker my ass.

Deshalb kommt wohl auch kein deutschsprachiger Kulturverbraucher auf den Gedanken, dass er ein Reading Life (übersetze: Leseleben?) führen, geschweige denn es bereichern könnte. Mir fällt ja selber schwer, die Tiny Tasks aus der Überschrift zu übersetzen (“Warum ist das Katzenklo nicht gereinigt? Du kennst doch deine Aufgaben!”), aber ich übersetze aus dem Book Riot (“Buchtumult”?) mal die 40 Tiny Tasks For a Richer Reading Life. Schaden wird’s schon nicht.

Ein paar von den 40 will man umgehend schon längst gleich ein paarmal mitgemacht haben, ein paar sind nur im englischsprachigen Umgang möglich (aber offensichtlich haben Sie ja Zugang zum Internet), ein paar kosten Überwindung, und ein paar will ich kopfschüttelnd beiseite lassen. Üblicherweise entspricht das aber dem Geist solcher Anleitungen: Man darf immer guten Gewissens weglassen, womit man sich unwohl fühlt.

1. Lass dich eine Viertelstunde früher wecken als sonst. Das reicht, um in Ruhe ein Gedicht zu lesen. ((Eine von den guten Ideen.))

2. Geh in deine zuständige Bücherei und lass dir von der Bibliothekarin etwas empfehlen — vor allem wenn das letzte Mal schon länger her ist.

3. Setz dich über ein Vorurteil übers Bücherlesen hinweg und denk absichtlich darüber nach.

4. Lies ein Buch aus einer Richtung, die du verachtest. ((Gibt’s eigentlich noch die Landserheftchen?))

5. Frag jemanden, vor dem du Respekt hast, was du lesen sollst, und fang sofort damit an.

6. Verschenk das Buch, das am längsten auf deinem TBR-Stapel liegt ((siehe oben)).

7. Melde dich freiwillig zu einer öffentlichen Einrichtung, die Lesefreude und Lesekompetenz fördert. ((In Deutschland bleibt’s damit wohl bei der Stiftung Lesen.))

8. Lies ein Buch, das von außen verstörend auf dich wirkt.

9. Lass dich auf eine Reading Challenge ein.

10. Entnimm deinem Bestand zehn Bücher und spende sie, ohne neue Bücher dafür einzutauschen. ((In München empfehle ich die Oxfam-Läden.))

11. Lies einem Lieblingsmenschen laut vor. ((Aber frag ihn vorher.))

12. Schreib eine Liste mit deinen eigenen Schnittstellen von Bücherlesen und Liebe.

13. Beschaff dir das Hörbuch zu einem Buch, das du vor Jahren nicht zu Ende gelesen hast — und hör es auch an. ((Vorsicht mit Hörspielbearbeitungen. Romane aller Richtungen und Längen sind gerne gekürzt. Mach dich schlau über den Grad der Verstümmelung, aber lass dich nicht abhalten: Jemand, der hoffentlich dafür bezahlt wurde, hat über dein Hörbuch so und nicht anders entschieden, und er konnte es begründen.))

14. Lies das Lieblingsbuch von deinem besten Freund — egal was für eins.

15. Mach ein Eselsohr.

16. Schreib an den Rand.

17. Frag deinen ältesten Verwandten oder Freund nach seinem Lieblingsbuch. Lies es sofort und erzähl ihm davon.

18. Lies im Freien.

19. Lass bei der Hausarbeit ein Hörbuch laufen. ((Beim Staubsaugen empfehlen sich die Hörspielfassungen, um die ist’s nicht so schade. Nachteil: die Stimme von Iris Berben; Vorteil: gebügelte Unterhosen und Handtücher.))

20. Lies ein Theaterstück. Nimm dir die Zeit für die bildliche Vorstellung, wie du es inszenieren würdest.

21. Lies ein Buch wieder, das du in der Schule zum Kotzen fandest. Und gleich nochmal! ((Ist das noch SM oder schon Rebirthing?))

22. Entschuldige dich bei jemandem, mit dem du überheblich oder abfällig über Bücher geredet hast. ((Von wegen, ich war noch viel zu nett!))

23. Lies ein Buch aus einem Land, in das du noch nie wolltest. ((Südamerika müsste einiges hergeben.))

24. Lies eine Gedichtsammlung von einem einzigen Autor. Von vorne bis hinten. Zweimal. ((Empfehlung der Woche: Jan Wagner: Regentonnenvariationen, Hanser Berlin, 2014.))

25. Verschenk das Lieblingsbuch aus deiner Kindheit auf deiner nächsten Babyparty. ((Das soll mittlerweile auch im deutschen Sprachraum gehen.))

26. Verschenk das Lieblingsbuch aus deinen Zwanzigern an deinen Lieblingsstudenten. ((Persönlich würde ich ja eine Studentin nehmen, aber wahrscheinlich wäre das in meinem Fall zu anzüglich.))

27. Lies ein Buch von jemandem, der ganz anders als du aussieht. ((Toni Morrison soll trotz Nobelpreis ganz gut sein, aber Alice Walker guckt auf ihren Bildern freundlicher.))

28. Lies ein Buch von jemandem, der dich in Jahrmillionen nicht verstehen würde. ((Aber ohne Geld für den Sarrazin auszugeben. Für Mein Kampf gibt’s seit 2016 Ausreden. Glaubwürdige.))

29. Lies eine Seite aus der heiligen Schrift einer Religion, in der du nicht erzogen bist.

30. Hör einen Podcast über Bücher.

31. Geh zur nächsten Autorenlesung in deiner Stadt, auch wenn du den Autor nicht kennst. Vor allem wenn du den Autor nicht kennst.

32. Schreib von Hand einen Brief an einen lebenden Schriftsteller, den du bewunderst. ((Aber bitte jetzt nicht alle auf einmal mit Fee Katrin Kanzler anbandeln, gell.))

33. Besuch das Grab eines toten Schriftstellers, den du bewunderst. ((Wer in <u<Wien oder Paris wohnt, ist im Vorteil. München geht noch.))

34. Fahr irgendwohin, das du nur aus Büchern kennst.

35. Brich einem Buch das Kreuz. Mach schon! Du kannst es!

36. Lies einen Superhelden-Comic. Vor allem nach einer Ewigkeit wieder oder zum allerersten Mal. ((Ich fürchte leider, der Sandman zählt hier nicht.))

37. Schau die Verfilmung von einem Buch an, das dir gefallen hat, und versuch sie um ihrer selbst willen zu mögen.

38. Lern ein Gedicht auswendig.

39. Lies das Buch wieder, das mit 16 dein Leben über den Haufen geworfen hat.

40. Rede mit jemandem über Bücher, mit dem du noch nie über Bücher geredet hast.

Soundtrack: Tracey Ullman: Kindle Killed The Library Book, 2016:

Anständige Hörbücher

Anständige Hörbücher sind nicht gekürzt. Auf anständigen Hörbüchern steht hinten ausdrücklich drauf: “Ungekürzte Lesung”. Ich traue keinem Leser außer mir selber, schon gar keinem Verleger, und erst recht keiner Hörbuchmacherei, die darauf angewiesen ist, ihre Textmengen in Längeneinheiten zu pressen, die vor Jahrzehnten auf die Beethoven-Neunte zurechtgequetscht wurde. Ich merk das schon selber, wenn eine Landschafts- oder Bumsbeschreibung zum Weiterblättern kommt.

Anständige Hörbücher sind Lesungen, keine Hörspiele. Die Luft wird dünn, seit Gert Westphal 2002 und dann 2015 auch noch Harry Rowohlt gestorben sind, weil Rufus Beck auch nicht alles alleine machen kann, aber Hörspiele sind was für Pumuckl-Fans, und das meine ich keineswegs so abfällig, wie es klingt. Dennoch sollten Hörspiele weiterhin produziert werden, weil sie dafür gut sind, in zwanzig, dreißig Jahren “Kult” zu werden. So wie jetzt im Moment die Kompaktkassetten über zweimal 45 Minuten, die über Monate aus Radioprogrammen zusammengestückelt wurden, um 9,95 D-Mark für Langspielplatten zu sparen, am besten noch mit Fragmenten von Fritz Egners Dazwischengequassel auf Bayern 3. Diese zwanzig, dreißig Jahre braucht es, um zu bemerken, dass früher mitnichten alles besser war, da sind Hörbücher kein allzu schmerzlicher Verlust, und irgendwem gefallen sogar die Mischkassetten von 1975.

In Zeiten, wo solche Kassetten “wegen des Siegeszuges der digitalen Audiotechnik in Industrieländern nur noch geringe Bedeutung” (Wikipedia) haben, aber die digitalen Siegeszöglinge, die sich als erwerbsmäßige “Youtuber” verstehen, in den Fernseh-Tagesthemen über Zuschauerschwund klagen, ist es auch wieder angebracht zu fordern: Anständige Hörbücher sind auf CDs, nicht auf Kassetten. Diese Ankunft von Problemen im Mainstream hat bestimmt wieder einen phatt poshen Namen, dafür hab ich das Hörbuch zum Aristipp mit immerhin Jan Philipp Reemtsma, jedenfalls so lange, bis es fällig wird. Aus einer Bücherei. Kennt heute auch keiner mehr, gell. Huch, wir schreiben 2017.

Bonus Track: Doch, ja, es gibt Philosophinnen. Und sie referieren über Katzenphilosophen:

Die fünf traurigsten Stellen im Internet

5.: Aufgenommen ca. 1995, 0 Favs, 0 Kommentare.

4.: Deine Änderungen konnten nicht übernommen werden.

3.: Versuche es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.

2.: Finde heute noch sexy girlfriend in Deiner region bis 300 km.

1.: Sei die erste Person, der das gefällt.

Soundtrack: Handsome Family: Far From Any Road, from: Singing Bones, 2003.

Weltgeist ab 1 Cent

Die Zeit hab ich lange gelesen. Die einzige Zeitung, die ich jemals abonniert hab; ein halbes Leben ist das her.

Nun wäre weder damals noch heute ein nachlässig recherchierter Zeitungartikel ein Grund, gleich die ganze Zeitung zu kündigen, und bestimmt war der Herr Allmaier auch nur emotional aufgewühlt, schließlich sollte es keine knallharte Reportage, sondern nur ein besonders persönlich gefärbter Erlebnisaufsatz werden oder wie sie heute auf der Hamburger Journalistenschule dazu sagen, und er spricht es ja sogar selber aus, dass er kein Trottel ist:

Heute kommt der Büchermann und bringt meine Freunde weg. Manche von ihnen begleiteten mich über vierzig Jahre. Sie schenkten mir Einsichten und munterten mich auf. Wenn ich heute kein Trottel bin, dann ist das ihr Verdienst.

Ich habe den Büchermann selbst bestellt; sein Zettel lag im Postkasten. Im Grunde ist er Entrümpler. Töpfe, Schuhe, kaputte Uhren … all das nimmt er kostenlos mit, aber seine Spezialität sind Bücher.

Wer da noch recherchieren könnte, wenn in Deutschland wieder die nächsten Freunde abgeholt werden. Wir lesen gerade — online — Bücher: Weg damit. Unsere Bücher sind nichts mehr wert. Warum trennen wir uns nicht einfach von ihnen? Michael Allmaier bestellt den Entrümpler.. So etwas wie

Ich habe versucht, sie zu verkaufen. Mit einem Rucksack voller Kunstbände zog ich ins nächste Antiquariat. Der Antiquar war ein müder Mann hinter einem Rechner. Seufzend tippte er eine ISBN nach der anderen in sein Bewertungsprogramm ein. Ich sah ihm über die Schulter: 85 Cent, 1,10 Euro, 4 Cent, so ging das in einem fort. Dann sagte er: “Ich gebe Ihnen 12 Euro – für das hier und das und das.” In meiner Frustration habe ich ihm die Übrigen geschenkt. Er war taktvoll genug, sie nicht schon vor meinen Augen wegzuwerfen.

Sie glauben, das lag an meinen Büchern? Probieren Sie es aus. Sie müssen nur die App Momox aufs Smartphone laden und damit den Barcode scannen, dann bekommen Sie ein Angebot für jedes Ihrer Bücher. Oder zumindest die Gewissheit, dass es nicht einmal seine Transportkosten einspielen würde. Nicht, dass Literatur jemals eine gute Geldanlage war. Aber vor zehn Jahren zahlten Antiquariate einem vielleicht ein Viertel des Neupreises; und selbst auf dem Flohmarkt waren noch ein, zwei Euro pro Band drin. Heute stehen neben den Hausmülltonnen “Bitte mitnehmen”-Schachteln, aber niemand greift zu.

hätte trotzdem nicht kommen dürfen. Offenbar kann Herr Allmaier seit über vierzig Jahren lesen, da hat er bestimmt auch nicht erst vorletzte Woche seine Schultüte für die Journalistenschule geköpft, kann vielmehr auf dem Stand vom Donnerstag, dem 11. Februar 2016 satte 303 Einträge allein bei der Zeit vorweisen. Ein richtig gescheiter Bub ist er da. Und dann kann er nicht den Wert von Büchern einschätzen — nicht derer, die er kaufen will, nicht derer, die er verkaufen will.

Warum fällt das Ausmisten so schwer? Weil jedes Buch eine Seele hat, sage ich mir. Es bewahrt die Gedanken eines Menschen, vielleicht sein Lebenswerk. Ich hüte es nicht nur für mich, sondern für uns alle.

Das wäre eine noble Gesinnung gewesen in der Ära vor dem Offsetdruck oder im Kambodscha der Roten Khmer. Im Deutschland von 2016 ist es schlichter Quatsch. Bei uns wird jedes halbwegs erfolgreiche Werk so oft gedruckt, gesammelt, erfasst und geteilt, dass selbst Verbote oder Verbrennungen seine Spur nicht tilgen könnten. Forschen Sie doch mal im Internet nach dem rarsten Werk Ihrer Sammlung. Wahrscheinlich finden Sie es günstig bei Amazon.

Ja, zu solchen Schlüssen gelangt man wohl, wenn man “unsere” Bücher nach dem Preis auf Amazon beurteilt. Dabei muss man es nicht einmal so ideell sehen, dass jedes Buch gleich den Weltgeist persönlich symbolisiert.

Das Leben ist einfach zu kurz für Texte, die nicht von jemanden erschlossen werden mussten. Nicht trotzdem, sondern deswegen muss auch bei mir ein Buch raus, wenn eins reinkommt. Das ist meine Lösung, eine von einer Million möglichen; dass keine davon etwas mit Geldanlage oder Reichtum zu tun hat, weiß man vorher. Wenn es die anständigen Ausgaben, die leider alle als “Klassiker” laufen, mit nachgewiesenen Kommentaren endlich als eBook oder iBook oder wenigstens zuverlässigen Online-Volltext gibt, reden wir nochmal. Von wegen

Ein paar Passworte öffnen ihnen den Zugang zu allem, was sie lesen wollen, schneller, als ich meinen Hocker an die Regalwand schiebe.

Wenn das so wäre, hätte ich ein sehr flaches Telefon in der Hemdtasche und läse den lieben Tag aktuelle Bestseller. Mancher weiß sich nichts Schöneres, und die Katze frisst die Mäuse roh.

Moment mal – Fleckhaus? Ich schalte viel zu spät. Nelly ist tatsächlich die Tochter des berühmten Buchgestalters Willy Fleckhaus. Sie nimmt mir nicht krumm, dass auf meinem Ramschhaufen etliche Suhrkamp-Bände liegen, alle mit seinem Design. Sie kennt das ja aus Kindertagen, den Überfluss an Büchern. “Die kamen gebindeweise an und wurden meist nicht mal ausgepackt.”

Vielleicht entürmpelt dann, wenn “wir” endlich “unsere” Bücher ausmisten, die Urenkelin vom Gutenberg (mit 1 t).

Real Amateur Goes YouTube (Alright)

Nein, wir sind nicht mit dem Internet aufgewachsen, sondern das Internet mit uns.

Uns ist durchaus bewusst, dass heutige Kochtöpfe mit so leistungsfähigem WLAN kochen können, dass die Essensbilder sich praktisch von selbst auf Facebook veröffentlichen, aber als ich 1997 eine der ersten — die Älteren können mir noch folgen — Homepages auf Geocities aus handgeschriebenem HTML aufgebaut hab, bin ich sogar ohne animierte GIFs von tanzenden Tomaten mit Sonnenbrillen ausgekommen. Man nimmt dergleichen wahr, aber wozu ständig ein Mäusekino mit einer einzelnen Fingerkuppe putzen, wenn man eine Tastatur beherrscht?

Bis zu einem gewissen Alter ist das Schwimmen mit Hilfe von Schwimmflügeln okay, manch junger Mann, der neu in Deutschland ist, muss noch die wichtigsten Redewendungen wie “Große Brüste”, “Ich will dich küssen”, “Ich töte Sie” oder “Ich will ficken” mit der Übersetzung auf einem Merkzettel bei sich tragen, und wenn’s nicht mehr so gehen will mit dem Facebooken, hält sich mancher Angeschlagene nicht nur vorm WLAN, sondern auch vorm Kochtopf fern, weil sich der Herzschrittmacher nicht mit dem Induktionsherd verträgt. Das sind so Sachen, mit denen muss man halt umgehen lernen.

Wir bloggen ja sogar noch. Übrigens tun wir das, um uns ein- für allemal selbst zu loben, mit einer beispielhaften Pünktlichkeit, die es in Zeiten der weltumspannenden Echtzeit-Kommunikation gar nicht mehr gibt. Twittern ist nicht so unser Ding, weil, wer der Visual-Maske von WordPress misstraut und sein HTML bis heute auswendig von Hand eintippt, darüber hinaus Herr über einen gewissen hypotaktischen Satzbau bleiben will, 140 Anschläge vielleicht für die Überschrift veranschlagt, nicht aber für den gesamten Inhalt.

Damit sind wir nicht allein. Als ab 2005 in einer fruchtbaren Blogosphäre haufenweise Mama-Blogs erblühten und umgehend einer Lächerlichkeit anheimfielen, der sie wegen der folgenden Nichtbeachtung nie wieder entkamen, war ihr dokumentarischer Wert überhaupt noch nicht abzusehen. Angefangen wurden diese platzsparenden Schwangerschaftstagebücher und Baby-Fotoalben für einen fest umrissenen Verwandtenkreis der bloggenden Frauen und werdenden Mütter mit Kundgebungen darüber, “was da in meinem Bauch Wunderbares heranwächst”. Dokumentarisch wertvoll wird das Zeug beim erneuten Blick nach zehn Jahren, wenn das Wunderbare auf eine weiterführende Schule gewechselt hat.

Das Wunderbarste ist ja, dass solche Blogs überhaupt immer noch geführt werden, samt ständig aktuellem Bildmaterial und Hypotaxen. Deren mehr oder weniger wunderbarer Inhalt hält sich für Digital Native, weil er seitdem mit dem Internet aufwächst. Dort plant er seine zukünftige, reichlich zur Verfügung stehende Tagesfreizeit anhand Videobeispielen wie “i was bored lol” (Quelle: YouTube) und erforscht seine eigene Geschichte, bevor Mama Mama-Bloggerin wurde, anhand Videobeispielen wie “REAL Amateur German Hairy Milf Comes Hard Until She Screams And Squirts (20+ min.)” (Quelle: RedTube).

Nachdem in den Altersheimen der Umbau von Raucher- und Nichtraucher- auf Beatles- und Stones-Aufenthaltsräume abgeschlossen ist und gerade die striktere Trennung von Oasis- und Blur-Playlisten ansteht, bleibt den unverdrossenen Mama-Bloggerinnen genug Zeit, auf Oma-Blog umzustellen: Solange noch Bargeld in legalem Umlauf bleibt, gibt es keinen echten Grund, seine Tastatur für ein Ein-Finger-Telefon dranzugeben, und sie behalten die Kontrolle über ihre Fotos von veganen Mahlzeiten (ohne Gluten und Lactose) und wunderbaren Kindern (ohne ödipale Traumatisierungen).

Woran wiederum man endgültig erkennt, was für ein alter Sack ich bin: Facebook ist gar nicht mehr das soziale Natzwerk der coolen Wahl, sondern YouTube. Mir war ja nicht mal klar, dass die Kommentare dort von denkenden Menschen verfasst werden.

Soundtrack: The Who: The Kids Are Alright aus: My Generation, 1965.

Rumschnurren

„die scheinasylanten können doch nur kinder machen und rumschnurren. (Pegida- und Fratzenbuchdeppen)

 

DEM KATER SÎN BLOG: Hier spricht der Kater. 17 und forever young:

Moritz am Ende ihrer Tage

My sun sets to rise again. (Moritz,17, † 17. Mai 2015)

Wann’st euch net endlich schleicht’s, ihr Bratz’n, ihr Nichtintegrierten, ihr Sprachverhunzer, ihr strukturellen Analphabeten, ihr Hohlraumbenutzer, ihr Brettergymnasiasten, wenn ihr so lang wär’t wie ihr dumm seid, dann könntet ihr den Mond mit Sidolin putzen. Rumschnurren, das tun nur wir!!einself!!!!!!!

 

 

 

Es ist, ist es nicht.

 

 

 

Analyse, ach Analyse

Twitter-Profilbild Naina, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen.

Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.

Das hat am Samstag, den 10. Januar 2015 Naina aus Köln getwittert, was einem egal sein könnte, wenn es nicht so viele andere interessieren würde — und wenn sie nicht so recht hätte und gleichzeitig unrecht. Internet halt: Interessant ist, was alle anderen interessiert, und was stimmt, weiß erst recht keiner.

Den Vorwurf, den Naina sich selbst und implizit dem nordrhein-westfälischen Schulsystem macht, machen meine Eltern mir explizit seit 30 Jahren. Ich bin nämlich fast 47 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen, und ich wäre glücklicher mit meiner längst abgeschüttelten Ausbildung, wenn ich meine Gedichtanalysen viersprachig abfassen könnte.

Dabei hat Naina wahrscheinlich selbst gar nicht gemerkt, worin ihr eigentlicher Vorwurf besteht: Offensichtlich hat ihr Deutschunterricht versagt, indem er Naina vorenthalten hat, worin der Sinn davon liegt, Gedichte zu analysieren: um wenigstens um die nächsten zwei Ecken herum zu denken.

Uli Hoeneß — ja, warum nicht zum Beispiel der — ist gerade 63 geworden, gilt gerade wegen einer rechtswirksamen Gefängnisstrafe als erfolgreich, und sein Erfolg bestand jahrzehntelang darin, keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherung zu haben. “‘ne Gedichtsanalyse” hält er wahrscheinlich für ein Bierzeltlied, und was soll man denn in einer oder gar in vier Sprachen sagen, wenn man Bratwürste verkaufen kann? “Senf?”

Angeblich konnte Uli Hoeneß vor einigen Generationen mal ganz ordentlich Fußball spielen; Naina ist leuchtend hübsch, jung und dazu noch rothaarig. Sind das nicht die Qualifikationen, auf die es in einer postkonsumkapitalistischen Gesellschaft ankommt? Was sollten diese Schoßkinder des Glücks ihre Lebenszeit an Steuern, Miete oder Versicherungen verschwenden?

Angenommen, das nordrhein-westfälische Schulsystem verfolge einen gewissen Bildungsanspruch, soll es mal die ohnehin viel zu kritisch hinterfragende Naina vom Schadwissen der Gedichtanalyse fernhalten: Berühmt ist sie bereits für die nächste Woche, hübsch bleibt sie locker noch zwanzig Jahre, und noch weiter plant kein Mensch.

Ein gnädiges Schicksal bewahre uns vor einem Gemeinwesen, in dem sich alle mit nichts als dem auskennen, was Naina als “Steuern, Miete oder Versicherungen” verherrlicht. Dann ist, so wundersam das inzwischen klingt, sogar Platz für das, was sie als “‘ne Gedichtsanalyse” anprangert.

Die Naina, die hat doch zu ihrem öffentlich missbilligten Deutsch bestimmt Englischfranzlatein dazugenommen, oder bei neusprachlichem Zweig Spanisch, weil Latein doch sowas von Nineties ist und damit sie auf vier Sprachen kommt und später mal nach dem FSJ in Nicaragua Wasmitmedien machen kann, wetten? Dann auf nach Irland. Da fällt man als Rotschopf nicht so auf, und wie man hört, halten sie da sogar noch was von Gedichten. Steuern, Miete oder Versicherungen? Ja, nee, is klar, ne.

Moment.

Update: Ich hab jetzt ‘ne Ahnung von Miete, Steuern und Versicherungen und kann Gedichtanalysen ohne S schreiben. Immer noch auf 4 Sprachen.

Das hat Naina am 14. Januar 2015 getwittert. Steile Lernkure, alle Achtung.

Bild: Naina aus Köln, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014.

Herr, verzeih’ ihnen nicht, denn sie wissen sehr wohl, was sie tun.

DEM KATER SÎN BLOG: Hier spricht der Kater.

Trust and belief are two prime considerations. You must not allow yourself to be opinionated.

Only the gentle are ever really strong.

James Dean

Ex-BW-Ministerpräsident und Atomnutte Oettinger, die überhaupt nichts von Internet versteht, wird EU-Kommissar für das Internet.

Heiliger Strohsack. Das war diesmal jetzt wirklich kein Versehen. Deutlicher als mit dieser Lobbyistentrickser-Personalie kann man als digitaler Bürger nicht mehr übergebraten kriegen, dass das alles Absicht ist: Wir werden verarscht. Bei vollem Bewusstsein.

Baboon buttocks
Fotografie: Prakhar Amba from Agra, Gandhinagar

 

Ein wahrhaft großer Mann wird weder einen Wurm zertreten noch vor dem Kaiser kriechen.

Sagte Benjamin Franklin.

DEM KATER SÎN BLOG: Hier spricht der Kater.

Der Kater kann dem diesmal nichts hinzufügen. Frank Schirrmacher ist tot. Zu früh, zu schnell. Man hätte ihn, den Nicht-Furchtsamen noch eine Zeitlang gebraucht.

In tiefstem Respekt.

__________________________________________________________________

Der Tod lächelt uns alle an, das einzige was man machen kann ist zurücklächeln!

Marcus Aurelius

/x/details.png

Die Wahrheit über narzisstische Gründer. Geht pleite! Schnell!

Narzissten als Gründer: eine Katastrophe.

Narzissten als Gründer: eine Katastrophe. (Bild: Caravaggio, WikipediaCommons)

Der gemeine Gründer:

“So haben selbstverliebte Persönlichkeiten eine höhere Neigung Unternehmen zu gründen. Hochwertige Businesspläne stammen dagegen eher aus der Feder von Machiavellisten.”

(Sagt jedenfalls Uni Hohenheim: https://www.uni-hohenheim.de/pressemitteilung?&tx_ttnews[tt_news]=11030&cHash=63a29a21c77f34ab2ad21cf99d313e4e )

Und weiter darin:

“Narzissten und subklinische Psychopathen verfolgen wohl eher Geschäftsideen, da sie einerseits stärker nach Geld, Macht und Status streben als andere Menschen, und sie andererseits ihr stark übersteigertes Selbstbewusstsein an eigene, scheinbar überragende Fähigkeiten und Erfolg bei der Unternehmung glauben lässt.

Problematisch ist das deshalb, weil diese Fähigkeiten in der Realität nicht unbedingt immer vorhanden sind, warnen die Wissenschaftler. Vergleicht man die Leistungen von Narzissten und subklinischen Psychopathen etwa bei der Erstellung eines umfassenden Businessplans nämlich mit Machiavellisten, den „manipulativen Machtmenschen“, dann schneiden Narzissten signifikant schlechter ab. Während sich Machiavellisten durch eine eher realistische Weltsicht auszeichnen und sich auf ihr Ziel fokussieren, geben sich Narzissten keine sonderlich große Mühe, denn sie halten sich ohnehin für die Besten und meinen, im Wettbewerb keine großen Anstrengungen aufbringen zu müssen.”

So ist es.

 

80% der Gründer, die bei uns anrufen, sind:

1. SmartPhone-Bürscherl. Alle Geschäfte werden hochwichtig und nervtötend auf diesem Ding nach dem Motto “Don`t call us back, we call you” abgewickelt. Man hebt nie ab, alles geht auf AB. Die Rufnummer ist zu 50% unterdrückt, voll seriös Alter.

2. Businessplan zu 99% nicht vorhanden, wenn vorhanden: schlampig, dünn. Darin Abgeschriebenes aus uralten Sinus Milieues. Die Krönung war mal, dass einer aufschlug, da war nur seine Adresse drin. Sonst nichts. Den Rest sollte ich machen. Alter Schwede!

3. Sie und ihre Produkte sind dermaßen großkotzigartig, dass man sich wundert, warum sie überhaupt Werbung wollen. (“Der “beste Gin der Welt”, der “beste Wodka der Welt” … Keine Erfindung, genauso erlebt.)

4. Ein zusammengebasteltes Logo, Marke Hipsterstyle Neger im Tunnel ähm Schwarz auf schwarzem Grund hat man aber schon. Todalgeil nach der eigenen Bude bei euren Eltern, die ihr stolz voll stylisch in Schwarz-Weiß eingerichtet habt. Ihr habts einfach drauf!

5. Sie schlagen dann bei uns auf, zu versuchen, sich kostenlose Beratung zusammenzuhamstern. Auf die sie dann grundsätzlich nicht hören wollen. Und die sie zum Anlass nehmen, den Auftrag, den sie noch gar nicht erteilt haben, todbeleidigt zu entziehen.

6. Wenn doch nicht, dann versuchen sie, gefängnisreif, kriminell, uns aufzudrängen, ein astreines Duplikat einer bereits existierenden Marke zu herzustellen. Die hat so eine tollen Schmetterling im Kreis, mussmanunbedingtauchsohaben. Das me-too-Produkt ist ein Ding mit vollmundigen, unseriösen Versprechungen, die höflich ausgedrückt, vermutlich nicht recht EU-Healthclaim-gemäß sind und haben den geklauten Namen eines Produkts einer US-Kaffeehaus-Kette. Feudale Zeiten: der Grafiker als euer Domestike. Als Copycat-Ausführ-Schweinchen. Wie war das nochmal mit der Einzigartigkeit eures Produkts?

Leute, ihr seid dermaßen ahnungslose, hirnrissige, dumme, arrogante und selbstverliebte Zeit- und Nervenfresser. Schleichts euch ihr subklinischen Psychopathen mit eurem Gehabe und eurem Made-in-China-Phone-Geraffel. Geht pleite! Schnell!

Ich steh auf Leute, die Festnetznummern haben und in der Lage sind, sich anständig zu benehmen.