But first, rebellion.

“Und? Was machst du heut noch?” sag ich.

“Och, die Geschäftsseite umbauen”, sagt Vroni. “Ich muss neue Zielgruppen erschließen.”

“Gut. Versuch mal eine zahlungskräftige.”

“Mach ich ja. Hipster.”

“Gibt’s die noch?”

“Wird’s immer geben. Heißen bloß jedes Wochenend anders.”

“Wieso? Wenn sie sich schon mal ‘Hipster’ gemerkt haben?”

“Weil kein Mensch ein ‘Hipster’ sein will.”

“MIch wundert eher, dass ein Mensch so einen lästigen Fußsack im Gesicht spazieren führen will.”

“Wolf Woif Wolf. Wir schreiben zweitausendachtzehn.”

“Jaja, März.”

“Und Bärte sind durch.”

“Ach. Und was ist dann das, was in der Innenstadt rumläuft?”

“Wahrscheinlich die Münchner Innenstadt.”

“Deine Zielgruppe.”

“Aber das kann man nicht schreiben.”

“Schreib ich halt nix.”

“Lass mich einfach die Geschäftsseite umbauen.”

The Hipster Song: 2010:

5–7–5 (7–7)

Immer noch nicht raus ist ja, ob Dialektlyrik jetzt wirklich ausdrucksvoller als Lyrik in “hochdeutscher” Standardsprache ist. Ich versuch mal einen Vergleich, vorsichtshalber angefangen mit der hochdeutschen Version, zum Wohle unserer Leser nördlich der Pegnitzlinie. Und südlich davon eigentlich auch.

Tattoo

Die zwei Buchstaben
am dritten Halswirbel werd
ich noch vermissen.

Inhalt erfasst? Dann nochmal den gleichen Silbenfall mit so vielen Informationseinheiten, wie reinpassen:

Dadduu

Di zwaa Bouchschdoom am
driddn Groongwirbl wer i
nu schwer vermissn.

Sieg nach Punkten für die Dialektversion, die noch das “schwer” unterbringt. Inhaltlich sind beides keine Haiku, es lappt eher ins Senryu. Und überhaupt:

Wenn man mit seiner
Frau ein Tanka schreibt, ist das
dann schon ein Renga?

Zähl Silben, soviel du willst,
schreib einfach bloß kein Hentai.

Soundtrack: Justin Johnson: Ace of Spades, solo auf dreisaitiger Gartenschaufel, (“Ace of Shovels”?) aus: Motörhead: Ace of Spades, 1980:

Manic Street Preacher

Schubs mich nicht Querformat

Schubs mich nicht wenn ich am Abgrund
Ich frühstücke in der Apotheke

Vroni meint: “Du wieder mit deinem dunkelschwärzlichen Zeug zur Verherrlichung der Gemütskrankheit.”

“Kaum schreiben die Leute gleich zwei halbwegs zusammenhängende deutsche Sätze an die Laterne, sind sie schon behandlungswürdig depressiv.”

“Wahrscheinlich eher umgekehrt: Kaum muss man die Leute unter verschreibungspflichtige Substanzen stellen, brechen sie schon in Vandalismus aus.”

“Alles eine Frage der Einstellung.”

“Harr harr.”

Buidl: Selber gemacht im Münchner Rosental vorm Jokers, 3. März 2018.

Soundtrack: Manic Street Preachers: The Second Great Depression,
aus: Send Away the Tigers, 2007, was sonst:

Das erste Frühlingsgedicht 2018

Wie, wenn über diese Wiese
eine sachte Brise bliese?

Macbeth's Hillock, Wikimedia Commons

“Erster!” sag ich.

“Wieso eigentlich nicht: ‘fiese Brise bliese’?” sagt Vroni.

“Weil’s dann das erste Herbstgedicht 2018 wäre.”

“Das damit ich geschrieben hätte.”

“D’oh.”

Bild: Macbeth’s Hillock (2.5 km from Brodie Castle) (49 m), traditionally identified as the “blasted heath” where Macbeth and Banquo first met the “weird sisters”, lies between an area known as the Hardmuir and the A96 (Inverness to Aberdeen trunk road), about 2.5 km south-west of Brodie Castle and 250 m east of the Nairn(shire)-Moray(shire) boundary, 23. September 2006.

Zwitschern ohne Twittern

Als erstes hab ich gelernt: Auch 2018 — gesundes Neues noch, falls wir uns noch nicht gesehen haben — auch 2018 ist mein Default-Zustand: ruhend im Bett. Das mag sich etwas aufwändig im Unterhalt anhören, ist aber recht umkompliziert umschaltbar in eine Art Aktivitätsmodus. Während der Verweildauer im Bett bin ich auf möglichst lückenlose Zufuhr audiovisueller Eindrücke angewiesen, dann wird das auch was mit dem Aktivitätsmodus. Nahrungszufuhr zum Beispiel. Oder das Gegenteil davon, jedenfalls hab ich seit Menschenaltern nicht mehr ins Bett gepinkelt und habe das mindestens so viele Menschenalter auch nicht vor.

Kurzzeitig war meine Versorgung mit audiovisuellen Eindrücken unterbrochen. Erst wollte ich die Soundcard nachschauen, hab mir dann aber bloß die Ohren spülen lassen. Das zahlt wenigstens die Kasse. Seit ich weiß, dass von den seit 1998 bekannten Vögeln gerade noch 85 % am Leben sind (von den Insekten 20 %), und was ASMR ist, muss ich zum Schönesachenhören nicht mal mehr an den Flaucher und entdecke ganz neue Ecken auf YouTube. Es ist eine Lust, im 21. Jahrhundert zu leben.

Cave Brassicam

Und — was war? — Wieso, war was? — Ach so, Weihnachten.

Früher, liebe Kinder, als die Menschen sich noch auf Weihnachten freuten, statt es als Endspurt einer Etappe von etwas Ungeliebtem zu betrachten, früher, da bekamen die Menschen um Weihnachten herum — man wusste nie ganz genau, wann — Besuch von der autoexec.bat und der config.sys.

Natürlich waren die beiden das ganze Jahr über da und wirkten und woben im Verborgenen, wie das Christkind auch, nur eben um Weihnachten herum machten sie sich den Menschen bemerkbar und erschreckten die Kinder, die keinen Plan davon hatten, wie sie sich auf der MS-DOS-Ebene zu verhalten haben. Heute treten autoexec.bat und config.sys nicht mal mehr so häufig auf wie der Krampus, die Kinder erschreckt heute die svchost.exe.

Jedenfalls erzählen einem das die Schoßkinder des Glücks, die noch in die Registry eingreifen können. Ich muss leider derweil in der Küche den Weihnachtswichtel machen und Grünkohl kochen — auch so ein Relikt aus den Tagen der Christtagsfreude.

Mit Verlaub, mir ist das zu körperlich. Man sieht es so einem Grünkohl nicht an, wenn er einem Christbaum nicht unähnlich ins Haus kommt, was er einem antun kann, bis er in einem Kochtopf Platz genommen hat. Setzen Sie gerne an dieser Stelle Ihre Lieblingsglosse über “die Tücke des Objekts” ein und tauschen Sie dabei “Liegestuhl” mit “Grünkohl” aus, Tatsache bleibt: Wer so ein Ungetüm bis zur Verzehrfertigkeit bändigen will, kann auch das zugehörige Wildtier einfangen, mit bloßen Händen erwürgen, ihm das Fell abziehen und aus seinen Reißzähnen und Sehnen eine Halskettte basteln.

Man kann auch mit echter Holzkohle zeichnen, auf einer hundert Jahre alten Zither “Stille Nacht” zupfen, Geschlechtsverkehr “mit Dritten” ausüben oder auf einem 286er ein typographisch gestaltetes Gedicht ausdrucken: Es wird schon irgendwie gehen und ist vermutlich schon mal jemandem gelungen, aber man darf sich halt nicht wundern. Man hantiert mit archaischen Materialien, die Widerstand leisten und überzeugt, wenn nicht gar bezwungen werden müssen, an denen man sich dreckig machen und weh tun kann. Nix da wischiwischitipptadaa, nix für Weicheier. Wer Weihnachten Grünkohl haben will, kann auch gleich vögeln und soll froh sein, wenn er nicht seinerseits von seinem selbst gewählten Gegner gefressen wird.

Mehr haben wir heuer nicht gelernt? — Doch, zwei Sachen noch: Die Don-Giovanni-Aufnahme, die wirklich zählt, wäre zum Horchen schon immer die unter Carlo Maria Giulini 1959 und zum Angucken die unter Wilhlem Furtwängler in Salzburg 1954 gewesen, und: Bei antiquarischen Büchern soll man nicht sparen.

In diesem Sinne: Gesegnete Feiertage.

In diesem Sinne

Schon wahr: Ich werde auf dem Sterbebett nicht denken: Ach, wenn ich doch damals zwei, drei Stündchen länger an dem einen Blog-Eintrag rumrecherchiert hätte.

Leider bin ich ziemlich genau der drittlangweiligste Teigbatzen von ganz München. Zum Vergleich: Der zweitlangweiligste soll in Großhadern auf der Komastation liegen, der langweiligste soll mal bei Pro7 moderiert haben.

Was mir Angst macht, sind die Tage, an denen ich zufällig mal nicht auf dem Sterbebett liege.

Soundtrack. Bach: Solokantate Ich habe genug, BWV 82, Leipzig 1782.
Anspieltipp: Aria Nr. 5: Ich freue mich auf meinen Tod (in der Aufnahme mit dem stilechten Countertenor ab Minute 20:32:

Hasta la Windows 10, baby

Kulturhistoriker behaupten, manche Computer laufen heute — wir schreiben 2017 — noch mit Windows Vista. Allzu viele können es nicht mehr sein, wenn selbst ich seit vorgestern Windows 10 hab.

Eine einfache Geburt war das nicht, fragen Sie die angetraute IT. Es hat zwei Tage gedauert, die dem Gegenwert von etwa fünf Arbeitstagen entsprechen, das erzähl ich jetzt nicht schrittweise nach, weil Sie ja heute noch ins Wochenend wollen. Als konstruktiven Tipp kann ich aber sagen: Man muss Vista zuerst mit Windows 7 überschreiben, kurz wirken lassen (vulgo neustarten) und dann das Windows 7 mit Windows 10 überschreiben. Klingt komisch, ist aber einfacher als jeder andere Versuch. Draufkommen muss man halt, aller Dank und Anerkennung gehen an die IT und nicht an mich, der ich schon am ersten Tag das widerspenstige Waffeleisen (Acer, ca. 2010) zu einem freundlichen Hacker in der Bahnhofsgegend getragen hätte.

Wiederherstellungspunkt nicht vergessen, dann sieht der Computer nicht mehr aus wie ein eselsohriger Regionalkrimi aus dem “Zu verschenken!!!”-Karton, sondern wie die ersten Zuckungen eines Filmvorspanns.

Ist eigentlich schon raus, was nach Windows 10 kommt?

Friedensengel, Portrait

Buidl: Friedensengel, Prinzregent-Luitpold-Terrasse Bogenhausen, 12. Juli 2017.

Soundtrack: Buena Vista Social Club: Lost and Found, 2015:

Das Ende der Kunst

“Wieso spielst du eigentlich gar nicht mehr auf deiner Gitarre?”

“Meiner was?”

“G-i-t-a-r-r-e. Der Holzscheit unter der Staubschicht da an der Wand.”

“Wann denn?”

“In deiner Freizeit.”

“Meiner was?”

“F-r-e-i- … Ach komm. Ich hab einen Mann mit Gitarre geheiratet.”

“Das war sehr mitfühlend, aber nicht sehr umsichtig von dir.”

“Gedichte und so was alles schreibst du auch nicht mehr.”

“Vertonst du mir eins?”

“Machst keine Fotos mehr.”

“Ich bin nicht mal sicher, ob ich noch aufladbare Akkus hab, die in die Kamera passen.”

“Zeichnest nicht mehr.”

“Ich sauf ja auch nicht mehr.”

“Willst du sagen, dass du ohne Alkohol nicht fröhlich und kreativ sein kannst?”

“Doch, aber nicht besoffen.”

“Wieso eigentlich nicht? Du kannst doch auch beim Essen mehr schwitzen als beim Arbeiten.”

“Weil ich nicht mal das Wort kreativ nüchtern aushalt.”

“So wird das freilich nix mit einem kreativen Zustand.”

“Was aussagt, dass meine künstlerischen Bemühungen nichts sind, das in der Welt sein sollte, sondern etwas, das eine faule, besoffene Sau ausschwitzt.”

“Das hast du gesagt.”

“Einer muss es tun.”

“Das war sehr kreativ, aber nicht sehr umsichtig von dir.”

“Gern geschehen.”

Soundtrack: Keni Lee Burgess und Schwager: Sweet Home Chicago auf zwei Cigar-Box-Klampfen, 5. Dezember 2009: