Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Aktuelles (Seite 1 von 5)

Der Ton macht die Musik.

1. Nicht arbeiten müssender Edel-A-Blogger zieht um in ein neues Medium, in dem er auch wieder bezahlt wird.

2. Dass das gewählte Medium sein erklärter Oberfeind war: geschenkt. Passiert im Netz andauernd, dass das Gerede von gestern nicht mehr interessiert. Mir wär’s nicht wurst, aber bitte was solls!

3. Als selbsternannt erlesen vorbildlicher Gentleman der Oberschicht wird er im Ton sehr ruppig, als eine Dame ihn daran erinnert, dass er Weiterlesen

Faust in your face

Zwei Seelen, ach, in meiner Brust!
Zwei Brüste, ach, in meiner Seele!

Kathrin Bach, Buchhändlerin und Lyrikerin, Berlin, 4. Oktober 2017.

Da schau her, zu was für Themen wir auf einmal tagesaktuell werden können: Ab heute schmeißen die Münchner Kunsthalle und der Gasteig ein Faust-Festival. Ganz recht gehört: Faust, der von Goethe:

München steht 2018 fünf Monate lang im Zeichen von Goethes berühmtestem Drama. Vom 23. Februar bis 29. Juli 2018 präsentieren mehr als 200 Partner und Institutionen überall in der Stadt ihre Projekte zum Thema “Faust”.

Soweit die Eigenbeschreibung, mit weiteren Küchenhandtuchstickereien wie:

Weiterlesen

Ende der Allee

Fassen wir also endlich zusammen: Das Gedicht von Eugen Gomringer geht:

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Auch wenn man für das absichtsvoll schlichte Spanisch mit dem kleinen Latinum auskommt, gibt die deutsche Übersetzung anzuführen besonders viel Sinn, weil Gomringer als bolivianisch-schweizerischer Dichter geführt wird, aber ab 1954 die Konkrete Poesie mitbegründet hat, die sich wesentlich im deutschen Sprachraum – ja, auch in anderssprachigen – äußerte. Avenidas fällt formal und historisch unter die Vorformen der Konkreten Poesie und vermittelt als solche

Weiterlesen

Der Geschenktipp des Jahres (doch, echt jetzt)

Der Advent liegt heuer skurril. Zum praktischen Gebrauch stehen nur drei Adventssonntage zur Verfügung, der vierte ist schon Heiligabend, worüber sich der Einzelhandel nicht genug zerfleischen kann, als ob es heute noch Angestelltenverhältnisse gäbe, in denen man nur das bisschen arbeiten muss, das in den Arbeitsverträgen aus dem Abreißblock vom Kaufhof steht.

Silvester ist quasi fünfter Advent. Und wo wir gerade beim Einzelhandel sind: Liebe Kinder, es werden mir keine Gegenstände gekauft, Weiterlesen

Der Retter der 62

Für die Buslinie 62 innerhalb der Isarvorstadt ergeht vorläufige Entwarnung: Die nervige Umleitung zwischen Kapuzinerstraße und Zenettistraße ist aufgehoben.

Nicht dass bisher eine Haltestelle ausgefallen wäre. Nur eben, dass man von der Kapuziner- zur Zenettistraße unverstärkt hinüberschreien kann, dass der Bus schnell warten soll — was die Klientel des Tröpferlbades, das sich akkurat zwischen den zwei Haltestellen erstreckt, nächtens bestimmt auch öfter so handhabt — der Bus aber seit Anfang Oktober ständig am Penny abgebogen und über den Umweg über Tumblinger- und Zenettistraße weiter ist. In der Gegenrichtung übrigens nicht, weil sie wieder nur die halbe Straße saniert haben. Die Längshälfte.

Um sein Viertel kennenzulernen, war’s ganz praktisch. Oder wer kennt denn das Eck ums Arbeitsamt herum, wo es ein so inniges wie sinniges Ensemble mit dem Schlachthof bildet, Weiterlesen

Wenn man dazwischen was arbeitet

Zweimal zwei freie
Tage pro Woche sind gar
nicht übertrieben.

Soundtrack: Beth Gibbons & Rustin Man: Mysteries, aus: Out Of Season, 2002:

Frankfurtreich

Es folgt mein alljährliches Geläster über die Frankfurter Buchmesse.

Longtemps je me suis couché de bonne heure.

Das französische Autobahnnetz ist so lang wie ein Satz von Marcel Proust, aber sehr viel langweiliger und obendrein gebührenpflichtig.

Catherine Meurisse, Süddeutsche Zeitung Nr. 233,
Literatur-Teil, Dienstag, 10. Oktober 2017, Seite 1.

Man fasst es ja nicht, was in einem Jahr, in dem Frankreich Gastland auf der Herbstbuchmesse ist, ein dahinsiechender Literaturbetrieb noch aus einem 104 Jahre alten Buch rausholen kann: Die 1953er Übersetzung — zum 40-jährigen Erscheinen — von Eva Rechel-Mertens, die Generationen hypersensibler Sozialphobiker zu dem gemacht hat, was sie sind, hat endlich einen Anmerkungsteil — und ist bereinigt von angeblichen Übersetzungsfehlern, weil keinem mehr klar ist, dass eine “Person” vorwiegend weiblich, aber etwas anderes als ein “Mädel” ist — dabei war Dr. Rechel-Mertens Brandenburgerin und wusste wahrscheinlich selber nicht einmal, wann es “das Mensch” heißt.

Und die 2013er Übersetzung — zum 100-jährigen Erscheinen — von Bernd-Jürgen Fischer ist in einem stark zeitversetzten Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Rechelin ebenfalls nach vier Jahren fertig und schon als Taschenbuch-Gesamtklotz lieferbar — dafür mit noch mehr Anmerkungen und einem zusätzlichen Handbuch, das — wenn schon, dann richtig — gleich den dicksten von 8 Bänden abgibt. — Ein 104-jähriges Buch wohlgemerkt, in dem es 5000 (jawoll: fünftausend) Seiten lang hauptsächlich darum geht, dass vor einem Menschenalter ein kleiner Bub mal einen Keks in Tee getunkt hat. In Lindenblütentee!

Im Direktvergleich hat Fischer den sprichwörtlich gewordenen ersten Satz “Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen” dem Buben gelassen, dafür “schloss” er jetzt die Augen, statt dass sie ihm, übrigens gleich im ersten Absatz, “zufielen”, weil das wegen fermer wörtlich richtiger sein soll, obwohl es um den Schlaf und nicht seinen großen Bruder geht. Solche Skandale häufen sich auf den folgenden 4999 Seiten.

Weil es Buchmesse heißen und deshalb immer um harte Kosten-Nutzen-Rechnungen gehen muss: Der ICE von München nach Frankfurt ist länger als ein Satz von Marcel Proust, aber seit dem Unwesen mit den Schallschutzwänden sehr viel langweiliger und praktisch nicht unter 89,90 zu haben, die anderen Versionen kosten 125,90 und brauchen länger — und zwar einfache Fahrt. Pro Sitz-, wenn nicht gar Stehplatz. Das macht zu zweit 503,60, falls Sie jemals wieder nach München wollen. Ach ja: plus vier ICE-Zuschläge, gell? — Den Rechel-Mertens-Proust gibt’s momentan ab 42,48 und in jeder — wirklich jeder — Stadtbücherei dauerhaft umsonst. Von dem haben Sie länger als sechs Stunden was, und Sie dürfen sich dazu hinlegen, ohne dass ein Großraumwaggon voller rasierwassergetränkter Rollkoffermännchen blöd herschaut.

Und Weihnachten ist auch gleich wieder, genau deswegen ist ja Buchmesse. Für mich bitte einmal die revidierte Rechel-Mertens: Suhrkamp 49,95 statt Reclam 148.

Bookporn: Bookshot, 20. September 2017:

Bonus Track: Carla Bruni: Quelqu’un m’a dit, aus: Quelqu’un m’a dit, 2002:

Wahlunrat

Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau,
Mit allen seinen Geschwüren.

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen,
Caput XXIV, 1844.

War was? Was für ein Wal? Ach so, die Waaahl. Ach, letzte Woche war das?

Was man so hört, scheint’s ja gar nicht so schlecht ausgegangen: 83 Prozent haben nicht AfD gewählt, obwohl nur 76 Prozent überhaupt irgendwas gewählt haben, das muss man auch erst mal schaffen. 83 minus 76 gleich 7: Heißt das dann bei einem Parlament von etwa 1000 Insassen, dass ungefähr 70 AfD-Angehörige des Landes verwiesen werden? Im Rausrennen sind sie ja groß.

Das wäre der Moment, öffentlich zu bitten, dass die ganzen Hackfressenbilder von mir aus jetzt bitte sofort entfernt werden dürfen, danke. Ab Montag war schon jemand schneller und konstruktiver und hat ketzereigelb über die Wahlplakate plaktiert, ob man jetzt Jesus oder den Tod wählt, fertig mit Kästchen zum Ankreuzen. Einer unrepräsentativen Zählung nach liegt die Wahlbeteiligung derer, die mit dem Edding den Tod wählen, weit über 76 Prozent. Die Schnittmenge zur AfD hätte mich interessiert — irgendwas unter null oder über 100 wahrscheinlich.

Und die ganzen Hackfressen dürfen von mir aus jetzt bitte endlich sofort weg, danke.

Soundtrack: Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze, 1787, in kleiner Besetzung: Streichquartett in St. Ottilie, Möschenfeld, Karfreitag 1985:

Hauptsache Miez

Die Nachkommen von Ernest Hemingways Lieblingskater Snowball heißen Hemingway-Katzen. Snowball trug an den Vorderpfoten je 6 statt normalerweise 5 Zehen; ob er hinten 5 statt normalerweise 4 trug, ist nicht überliefert. Heute wird im Andenken an Snowball der Begriff Hemingway-Katze für alle polydaktylen Katzen benutzt. Polydaktylie vererbt sich autosomal-dominant, manifestiert sich also nicht bei allen Genträgern, die Merkmalsträger sind nicht gesundheitlich beeinträchtigt: Menschliche Zwölfender leben — bis auf eine gewisse Abneigung gegen das Tragen von Flip-Flops — vergnügt unter uns, bei Katzen sehen die extrabreiten Pfoten sogar ausgesprochen putzig aus.

Hemingway bekam Snowball 1935 auf seinem Alterssitz in Kuba geschenkt. Katzen waren in Hemingways Weltbild so ziemlich die einzigen Lebewesen, die sich weder zum Abschießen noch zum Flachlegen eigneten. Vielmehr versammelte er diese perfekt durchgestalteten, liebenswertesten Tiere aus Gottes Portfolio um sich — “One cat just leads to another” — und versorgte etwa 35 davon. Die kannte er mit Namen und Stammbaum auseinander und ließ sie bei sich zu Tische speisen. Begeisterter Snowball.

Im weiteren Verlauf zeugte Snowball 60 Nachkommen, etwa 30 davon mit einer Zehe pro Pfote zuviel, manche auch nur an den Vorderpfoten, das macht bis zu 22 Zehen pro Katze. Nach Hemingways Selbstmord wurden alle überlebenden Katzen ins heutige Ernest Hemingway Home and Museum in Key West, Florida überführt.

2003 war die Katzenpopulation im Hemingway-Museum, einem Bau im spanischen Kolonialstil mit halbverwildertem Grundstück über ein Hektar, optimales Mausgebiet, auf etwa 50 angewachsen. Dann kam das United States Department of Agriculture dahinter, dass Katzen dort nicht leben dürfen. Nicht in dieser Ballung, nicht ohne Zoolizenz, nicht ohne Zaun drumrum.

Nach fünf Jahren harten Verhandlungen zwischen Museum und USDA hat man sich endlich darauf geeinigt, dass die Katzen, zumal sie allesamt wohlgenährt, gesund und zufrieden wirkten, nicht nur hier wohnen bleiben dürfen, sondern auch ein Taschengeld von 200 Dollar erhalten — pro Tag und pro Katze.

Haben Sie mitgerechnet? Das sind zehntausend Dollar täglich. Kann man gerne mitnehmen, statt obdachlos oder eingesperrt zu werden. Die Katzen stehen nicht zum Verkauf.

Aktuell verlautet über die inzwischen 54 Katzen, die es heutzutage gern schon mal auf sieben Vorderzehen bringen (also 26 insgesamt), über Martha Ross: Ernest Hemingway’s Key West home, cats safe after making it through Hurricane Irma, 8. September 2017:

UPDATE SUNDAY 5 p.m. PST: Ernest Hemingway’s historic home on Key West, its employees and its famous 54 cats are all safe after Hurricane Irma passed through the Florida Keys early Sunday morning, the home’s executive director told MSNBC.

Man muss sich im hiesigen Leben sehr, sehr gut benehmen, um im nächsten eventuell Katze zu werden.

Sonst schafft die das

Martin Schulz, schon mal gehört in letzter Zeit, der war mal in der Zeitung, wer die noch liest. Martin Schulz hat keinen demütigenden zweiten Vornamen, dafür mal Buchhändler gelernt. Bis 1980 hat er gesoffen, danach einen Buchladen aufgemacht, den es noch gibt, Kaiserstraße 78. Die neue Chefin konnte das Logo beibehalten, weil sie die gleichen Initialen hat wie der alte Chef. Heute hat die Buchhandlung Schillings M. eine Google-Bewertung von 4,7 auf der Grundlage von 7 Einzelbewertungen, darunter “Die freundlichste Buchhandlung in Würselen” von Volker Göbbels, sehr aktuell von Anfang 2017 (übrigens hat Würselen zwei Buchhandlungen). Martin Schulz hat seit 3. Juli 2003 einen eigenen Wikipedia-Artikel, der immer noch nicht wegen Irrelevanz gelöscht wurde.

Und das Beste: Martin Schulz ist nicht identisch mit Angela Merkel, die Dorothea heißt und bis jetzt noch überhaupt nix aufgemacht hat außer ab und zu ihrer Klappe oder einer Packung Suppenwürfel.

Um nicht selber daran mitschuldig zu werden, dass ab dem Tag der Wiesn-Halbzeit zum ersten Mal seit 1945 die Nazis ins deutsche Parlament einziehen, kann jeder Wahlberechtigte Briefwahl beantragen, das geht heute per Fingerwisch wie’s Tindern. Ich sag’s bloß.

Soundtrack: Element of Crime: Michaela sagt, aus: Psycho, 1999:

Die Königin der Nacht (eulen)

Der Mensch ist doch wie ein Nachtgänger, ersteigt die gefährlichsten Kanten im Schlafe.
Johann Wolfgang von Goethe

 

Heiße Sommernächte bringen einen um den Schlaf.
Also bleibt man lieber gleich wach.
 

Gestern um Mitternacht blühte C.s Epiphyllum. Ich also mehrmals die Treppen in den 4. Stock hoch und zurück und wieder hoch mit dem Equipment. Die erste Blüte vor zwei Tagen fotografierte ich mit abgedimmtem Blitz. Gefiel mir nicht so, wirkte wie Plastik. Die von gestern Nacht aber hey duftig mit indirektem Licht und mehr von hinten. Und mit C.s Hilfe bei den Ausleucht-Tests:

Wir prüfen die Position, wie die Beleuchtung am besten kommt.

C. hilft beim Ausleuchten. Uhrzeit 0:30.

Die Königin der Nacht - nachts um eins, Treppenhaus 4. Stock

Ort: Treppenhaus 4. Stock. Uhrzeit 0:45. Name der Schönen: Königin der Nacht, Epiphyllum. Herkunft: Montenegro

 

Nachteulen wie der Kater wissen: Es lohnt sich, wach zu bleiben.

 

A so an Haffa Biacha dahoam

Jetzt kommen’s wieder daher: Kaum hat man sich eineinhalb Jahre dran gewöhnt, dass der Hugendubel am Marienplatz dicht ist, machen sie ihn wieder auf.

Weil so viele Kunden so sehnsüchtig drauf gewartet haben, sagen sie. Weil sowieso jeder “am Hugendubel” sagt, wenn er sich am Marienplatz verabredet, weil “am Fischbrunnen” schon seit 1318 nicht besonders einladend klingt, nehm ich an. “An der Telekom” oder “an dem neuen Luxushotel für arabische und russische Wohnungsspekulanten, denen der Bayerische Hof schon zu runtergewanzt ist”, was das gleiche Gebäude bezeichnen würde, sagt eh keiner.

Wo sie zugemacht haben, war man tatsächlich versucht, mit dem Hugendubel Mitleid zu haben, den man bei seiner ersten Eröffnung als Antichrist mit Rolltreppen dargestellt hat. Der Endgegner Internet war dann doch noch ein Stück größer, und auf einmal war der Hugendubel halt doch bloß ein Bücherladen, und keine Rede mehr davon, dass der nächste größere Hugendubel weiterhin am Stachus haust und der schönere — skurril genug — in den Fünf Höfen, alle zwei fünf Minuten vom Marienplatz weg. Jedenfalls zu Zeiten, in denen man auch wirklich in einen Buchladen hinein möchte.

Laut sämtlichen Presseberichten besteht der größte Vorteil des “neuen alten” Standorts darin, dass man da — o des Novums — “Kaffee trinken” kann und die E-Books jetzt keine gesonderte Abteilung mehr haben. Was mich beruhigt, ist der gar nicht als Vorteil ausgelobte Umstand, dass der Eingang hinten raus zum Rindermarkt liegt. Der letzte Grund, jemals wieder den Marienplatz zu betreten, entfällt also immer noch.

Die E-Books sind jetzt ins Sortiment integriert, als ob sie Bücher wären, und die “Leseinseln” sind ebenso abgeschafft wie drei von fünf Stockwerken. Nur logisch, weil Strombücher keinen Platz wegnehmen, jedenfalls keinen, der Innenstadtmiete kostet. Und ein Buch, das nicht wert ist, es stehend bei Hugendubel auszulesen, wäre auch nicht den — dankenswerter Weise immer noch — gebundenen Verlagsvollpreis wert gewesen.

Ein Gewinn für die Logistik, weil sie ihr Altpapier ab sofort spätestens zum Saisonwechsel zum Hinterausgang vom Luxushotel über den Rindermarkt raus in die Sendlinger Straße karren können, ohne Münchens neue Wohungseigentümer mit Leitkulturgut zu belästigen. Da in der Sendlinger steht nämlich in Nummer 24 eine der wenigen verbliebenen relevanten Buchhandlungen, der texxt, wo sie das ein halbes Jahr alte Zeug für die Hälfte verhökern. Oder es jedenfalls ungebrochen tapfer versuchen. Ganz verkehrt kann’s also nicht sein, wenn in München ein neuer Buchladen aufmacht — auch wenn er alt ist und schon zehnmal offen hat.

Wenn ich so durchvergleiche, hat der texxt alle der angepriesenen Vorteile vom Hugendubel außer dem Kaffee, vielleicht weil schräg gegenüber der Starbucks drinsitzt, wenn’s einer mag. Am Wochenend geh ich dann doch wieder in alle zwei und bestell daheim über Booklooker ein steinaltes Artemis-Winkler für 2,95, das ich mir mit 14 nicht leisten konnte.

Wenn sie beim Hugendubel eine antiquarische Abteilung für Strombücher haben, meld ich mich wieder.

Live vor Ort: Buch Wurm: Hugendubel Neueröffnung Marienplatz 08.17, 1. August 2017:

https://youtu.be/R3uudQMB1wA

Hasta la Windows 10, baby

Kulturhistoriker behaupten, manche Computer laufen heute — wir schreiben 2017 — noch mit Windows Vista. Allzu viele können es nicht mehr sein, wenn selbst ich seit vorgestern Windows 10 hab.

Eine einfache Geburt war das nicht, fragen Sie die angetraute IT. Es hat zwei Tage gedauert, die dem Gegenwert von etwa fünf Arbeitstagen entsprechen, das erzähl ich jetzt nicht schrittweise nach, weil Sie ja heute noch ins Wochenend wollen. Als konstruktiven Tipp kann ich aber sagen: Man muss Vista zuerst mit Windows 7 überschreiben, kurz wirken lassen (vulgo neustarten) und dann das Windows 7 mit Windows 10 überschreiben. Klingt komisch, ist aber einfacher als jeder andere Versuch. Draufkommen muss man halt, aller Dank und Anerkennung gehen an die IT und nicht an mich, der ich schon am ersten Tag das widerspenstige Waffeleisen (Acer, ca. 2010) zu einem freundlichen Hacker in der Bahnhofsgegend getragen hätte.

Wiederherstellungspunkt nicht vergessen, dann sieht der Computer nicht mehr aus wie ein eselsohriger Regionalkrimi aus dem “Zu verschenken!!!”-Karton, sondern wie die ersten Zuckungen eines Filmvorspanns.

Ist eigentlich schon raus, was nach Windows 10 kommt?

Friedensengel, Portrait

Buidl: Friedensengel, Prinzregent-Luitpold-Terrasse Bogenhausen, 12. Juli 2017.

Soundtrack: Buena Vista Social Club: Lost and Found, 2015:

Nostradamus and Jesus and Buddha and me (and Hawking)

Entwarnung für alle: Niemand muss mehr Angst vorm Dritten Weltkrieg haben.

Draufgekommen ist Andreas Maier in der Titanic:

Beruhigend (1756-1763)

Als studierter Historiker kann ich allen Menschen, die sich davor fürchten, daß demnächst der dritte Weltkrieg ausbricht, eine sehr erfreuliche Mitteilung machen: es ist der vierte.

Die Titanic ist ein Satiremagazin und deshalb in höchstem Grade glaubwürdig. Satiriker sind nämlich die einzigen, die ausdrücklich fürs Lügen bezahlt werden. Nicht trotzdem, sondern deswegen sind sie die ersten, die fürs Lügen belangt werden.

Auch sonst spricht einiges dafür:

Der Krieg wurde in Mitteleuropa, Portugal, Nordamerika, Indien, der Karibik sowie auf den Weltmeeren ausgefochten, weswegen er von Historikern gelegentlich auch als ein Weltkrieg angesehen wird.

Dazu die nötige Fachliteratur:

Hurra, gell? Auch Stephen Hawking macht uns Hoffnung und verspricht uns noch hundert Jahre, bis wir die Erde unbewohnbar gebracht haben. Zum Vergleich: Im November 2016 sprach der Mann noch von tausend Jahren. Wenn sich das aller halbe Jahre auf ein Zehntel runterkocht, leben wir alle mathematisch gerechnet ewig, sind aber praktisch übermorgen tot.

Menschheit als Konzept gibt es seit zwei Millionen Jahren. Das heißt, man darf langsam recht zügig überlegen, was man auf das letzte Zwanzigtausendstel seiner restlichen Lebenszeit noch anstellen will. Vielleicht noch das eine oder andere Milliönchen oder Milliärdchen Schweine, Kühe, Hühner und Heringe einkesseln und zu Tode foltern, um sie hinterher in die Biotonne zu stampfen oder zum Scheißhaus runterzuspülen. Mit Trinkwasser. Oder wie von Herrn Hawking konstruktiv vorgeschlagen, endlich den Mars als Bauerwartungsland auf den Markt zu werfen, was nur ein paar Jahrzehnte vom verbleibenden Jahrhundert dauert. Wenn man sofort anfängt. Oder Alpha Centauri. Dahin dauert die Anreise allerdings schon dreißgtausend Jahre. Man hätte also im Laufe des Holozäns aufbrechen und unterwegs das Raumschiff verwüsten müssen. Mit Laserschub dauert’s schlanke zwanzig Jahre, allerdings braucht man dazu mehrere tausend Atomkraftwerke. Für ein einziges Raumschiff. Irgendwas ist ja immer.

Bleibt also noch ein bissel fachsimpeln, der wievielte Weltkrieg das genau ist, der jeden Moment losbricht, das Rauchen aufhören, sich endlich die große Blonde aus der Parallelklasse damals ins Bett wuchten, feste besaufen, ein Arschgeweih stechen lassen und Marcel Proust lesen.

Soundtrack: Bob Geldof: The Great Song of Indifference,
aus: The Vegetarians of Love, 1990,
weil The End of the World kein anständiges Video hat:

Wir sind < 95 Thesen

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

Karl Valentin, Zuschreibung.

——— Dr. Thomas de Maizière:

Leitkultur für Deutschland — Was ist das eigentlich?

in: Bild am Sonntag, 30. April 2017, via Bundesministerium des Inneren:

[…] Ich will mit einigen Thesen zu einer Diskussion einladen über eine Leitkultur für Deutschland.

  1. Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Bei Demonstrationen haben wir ein Vermummungsverbot. “Gesicht zeigen” – das ist Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders. Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei unseren Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken. Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.
  2. Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument. Schüler lernen – manchmal zu ihrem Unverständnis – auch das, was sie im späteren Berufsleben wenig brauchen. Einige fordern daher, Schule solle stärker auf spätere Berufe vorbereiten. Das entspricht aber nicht unserem Verständnis von Bildung. Allgemeinbildung hat einen Wert für sich. Dieses Bewusstsein prägt unser Land.
  3. Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: Im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft. Wir fordern Leistung. Leistung und Qualität bringen Wohlstand. Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht. Wir leisten auch Hilfe, haben soziale Sicherungssysteme und bieten Menschen, die Hilfe brauchen, die Hilfe der Gesellschaft an. Als Land wollen wir uns das leisten und als Land können wir uns das leisten. Auch auf diese Leistung sind wir stolz.
  4. Wir sind Erben unserer Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen. Unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Kultur. Wir sind Erben unserer deutschen Geschichte. Für uns ist sie ein Ringen um die Deutsche Einheit in Freiheit und Frieden mit unseren Nachbarn, das Zusammenwachsen der Länder zu einem föderalen Staat, das Ringen um Freiheit und das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte. Dazu gehört auch ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels.
  5. Wir sind Kulturnation. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland. Deutschland hat großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der ganzen Welt genommen. Bach und Goethe “gehören” der ganzen Welt und waren Deutsche. Wir haben unser eigenes Verständnis vom Stellenwert der Kultur in unserer Gesellschaft. Es ist selbstverständlich, dass bei einem politischen Festakt oder bei einem Schuljubiläum Musik gespielt wird. Bei der Eröffnung eines großen Konzerthauses sind – wie selbstverständlich – Bundespräsident, Vertreter aus Regierung, Parlament, Rechtsprechung und Gesellschaft vor Ort. Kaum ein Land hat zudem so viele Theater pro Einwohner wie Deutschland. Jeder Landkreis ist stolz auf seine Musikschule. Kultur in einem weiten Sinne, unser Blick darauf und das, was wir dafür tun, auch das gehört zu uns.
  6. In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft. Dafür stehen in unserem Land die Kirchen mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die Gesellschaft. Sie stehen für diesen Kitt – sie verbinden Menschen, nicht nur im Glauben, sondern auch im täglichen Leben, in Kitas und Schulen, in Altenheimen und aktiver Gemeindearbeit. Ein solcher Kitt für unsere Gesellschaft entsteht in der christlichen Kirche, in der Synagoge und in der Moschee. Wir erinnern in diesem Jahr an 500 Jahre Reformation. Für die Trennung der christlichen Kirchen hat Europa, hat Deutschland einen hohen Preis gezahlt. Mit Kriegen und jahrhundertelangen Auseinandersetzungen. Deutschland ist von einem besonderen Staat-Kirchen-Verhältnis geprägt. Unser Staat ist weltanschaulich neutral, aber den Kirchen und Religionsgemeinschaften freundlich zugewandt. Kirchliche Feiertage prägen den Rhythmus unserer Jahre. Kirchtürme prägen unsere Landschaft. Unser Land ist christlich geprägt. Wir leben im religiösen Frieden. Und die Grundlage dafür ist der unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben.
  7. Wir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten. Der Kompromiss ist konstitutiv für die Demokratie und unser Land. Vielleicht sind wir stärker eine Konsens orientierte Gesellschaft als andere Gesellschaften des Westens. Zum Mehrheitsprinzip gehört der Minderheitenschutz. Wir stören uns daran, dass da einiges ins Rutschen geraten ist. Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig. Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen und wer dies ablehnt, stellt sich außerhalb eines großen Konsenses. Gewalt wird weder bei Demonstrationen noch an anderer Stelle gesellschaftlich akzeptiert. Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt.
  8. Wir sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere. Auch wir Deutschen können es sein. “Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s. Und das Liebste mag’s uns scheinen, so wie andern Völkern ihr‘s”, so heißt es in der Kinderhymne von Bert Brecht. Ja, wir hatten Probleme mit unserem Patriotismus. Mal wurde er zum Nationalismus, mal trauten sich viele nicht, sich zu Deutschland zu bekennen. All das ist vorbei, vor allem in der jüngeren Generation. Unsere Nationalfahne und unsere Nationalhymne sind selbstverständlicher Teil unseres Patriotismus: Einigkeit und Recht und Freiheit.
  9. Unser Land hatte viele Zäsuren zu bewältigen. Einige davon waren mit Grundentscheidungen verbunden. Eine der wichtigsten lautet: Wir sind Teil des Westens. Kulturell, geistig und politisch. Die NATO schützt unsere Freiheit. Sie verbindet uns mit den USA, unserem wichtigsten außereuropäischen Freund und Partner. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer. Deutsche Interessen sind oft am besten durch Europa zu vertreten und zu verwirklichen. Umgekehrt wird Europa ohne ein starkes Deutschland nicht gedeihen. Wir sind vielleicht das europäischste Land in Europa – kein Land hat mehr Nachbarn als Deutschland. Die geographische Mittellage hat uns über Jahrhunderte mit unseren Nachbarn geformt, früher im Schwierigen, jetzt im Guten. Das prägt unser Denken und unsere Politik.
  10. Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen. Das Brandenburger Tor und der 9. November sind zum Beispiel ein Teil solcher kollektiven Erinnerungen. Oder auch der Gewinn der Fußballweltmeisterschaften. Regionales kommt hinzu: Karneval, Volksfeste. Die heimatliche Verwurzelung, die Marktplätze unserer Städte. Die Verbundenheit mit Orten, Gerüchen und Traditionen. Landsmannschaftliche Mentalitäten, die am Klang der Sprache jeder erkennt, gehören zu uns und prägen unser Land.

Was folgt nun aus dieser Aufzählung? Manches mag fehlen, anderes kann hinzukommen. […]

Stimmt:

  1. “Wir” benutzen sehenden Auges Weblog-Themes, bei denen Blockquote automatisch kursiv dargestellt wird.
  2. Wir haben keinen Schimmer, wer “wir” sein soll, schreiben es aber in öffentlichen Äußerungen hin, wenn keiner so genau wissen muss, um wen es gerade geht.
  3. Wir benutzen die Bezeichnung für unser Land als Schimpfwort. Oder
  4. als Ausrede, wenn wir sonst nichts haben, auf das wir stolz sein könnten.
  5. Wir schließen die deutsche Sprache konkludent von der Leitkultur aus. Jedenfalls ist es Leuten in Berufen mit angeblicher Vorbildfunktion gestattet, Sätze wie “Wir sind nicht Burka” zu bilden und zu verbreiten. Verdammt, wie oft noch: Obervolta heißt schon seit 1984 nicht Burka, sondern Burkina Faso, was nicht Bundesrepublik bedeutet, sondern Vaterland der ehrenwerten Menschen.
  6. Wir brechen reflexartig in lange totgesagte Gratiswitzchen aus, wenn jemand “unsere” Kultur erwähnt. In diesem Sinne: Dichter, Denker, Goethe, Schiller, Socken, Sandalen, Blasmusik, Feinrippunterwäsche, Fußball, Hitlergruß, Jägerzaun, Kehrwoche,
  7. grüß Gott.

PS: Ich bin auch keine Burka. Ich bin eine schwarze Jeans, 36/36.

Und nochmal verständlich:

Nicht genug Tumult

Angenommen, dass Post reinkommt von einer bedeutenden Anstalt des öffentlichen Rechts, etwa von einem großen bayerischen Rundfunk, nehmen wir an, des Wortlauts:

Sehr geehrter Herr Wolfster [Name geändert],

für einen Radiobeitrag über Luther und die Alltagsprache suchen wir einen Werbetexter als Interviewpartner, der ausprobieren möchte, ob typische Lutherzitate (“Hier stehe ich, ich kann nicht anders!”) auch heute als Werbetext funktionieren.

Falls Sie Interesse haben, können Sie mich gerne kontaktieren.

Mit freundlichen Grüßen,
[Name]
[Firma]
Religion und Orientierung

Angenommen, sagte ich, dass solche Post reinkommt, was sagt man da bloß? — Zum Beispiel wird man irgendwas zwischen dienstlich, freundlich und satirisch und sagt:

Sehr geehrte Frau [Name],

das ehrt mich, dass Sie da auf mich kommen.

Leider bin ich als Werbetexter eine zu kleine Nummer, um zu entscheiden, ob ein Werbetext funktioniert oder nicht. Was Werbezielkontrolle ist, wissen Sie besstimmt besser als ich; ich arbeite ja nur kreativ.

Das bedeutet, ich liefere nur Texte, die bestellt werden, und möglichst genau so, wie es vom Kunden gesagt wird, genau das wird bezahlt. Für mich hat ein Werbetext dann funktioniert, wenn ich ihn an einen Kunden verkaufen konnte, mit fachlichen Erwägungen, gar der Hoffnung, dass der bezahlte Werbetext dem Werbekunden (nicht zu verwechseln mit der Zielgruppe “Endverbraucher“) nützen könnte, hat das nicht zwingend etwas zu tun.

Ehrlicherweise wird Ihnen da kein Werbetexter etwas anderes erzählen können. Ich selbst kann Ihnen recht zuverlässig voraussagen, dass ein Werbetext, der Lutherzitate verwendet, an keinen Werbekunden zu vermitteln ist (außer für die letzten freien Fremdenzimmer in Eisleben, Wittenberg und Eisenach o. ä., und das nur noch bis ca. Ende August, wg. Druckvorlaufzeiten). Wenn schon Zitate, dann muss die Idee dazu vom Werbekunden stammen und typischerweise die bewährten Bonmots von Oscar Wilde und Coco Chanel verwenden.

Damit will ich nichts gegen den Dr. theol. Luther gesagt haben, der es als hoffentlich einziger ausgewiesener und praktizierender Antisemit zu unseren privaten Hausheiligen gebracht hat (o Gott, wenn er das wüsste…). Für die Nachprüfung meiner 8. Klasse Gymnasium musste ich die Bedeutung der Lutherschen Bibelübersetzung nachweisen, um nicht Bayerns einziger Schüler zu werden, der wegen Geschichte sitzen bleibt. Das hat funktioniert, allein deswegen bin ich dem Manne zu Dank verpflichtet.

Angeblich soll sich die 2017er Bearbeitung der Lutherbibel wieder Luther angenähert haben, bei Hugendubel geprüft habe ich das noch nicht. Es wäre ihm aber zu wünschen, weil alle Bearbeitungen seit 1912 nur noch ein Graus waren, was sich auf Wunsch belegen lässt. Wo immer es geht, verwende ich Letzte Hand 1545, wo es jemand verstehen soll, meine alte Senfkornbibel, die eine 1984er Revision ist. Hilft ja nix.

“Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?” Das soll von Luther sein, ist aber zur Zeit nur von Günter Scholz, C.H. Beck 2016 nachweisbar. Soviel zu Lutherzitaten.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Suche und würde durchaus gern erfahren, wann ein Ergebnis gesendet wird: Radio rockt.

Mit freundlichen Grüßen,
Wolfster [Name geändert]
Bayern-2-Kunde, Werbetexter, Bibelschmökerant et al. pp.

Zu wenig dienstlich? Dann war’s schon richtig, ist ja ein privater Weblog. Trotzdem enttäuschend:

Sehr geehrter Herr Wolfster [Name geändert],

vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir werden den Beitrag wahrscheinlich an Pfingsten senden. Vorausgesetzt vorher passiert nicht irgendein Luther-Sprachboom. Uns ging es jetzt in erster Linie um Begriffe wie “Sündenbock”, “Machtwort” und ähnliches, die wir benutzen ohne zu wissen woher sie kommen.

Bestimmte Zitate zum Beispiel “Hier stehe ich, ich kann nicht anders” waren (auf Kondomen aufgedruckt) in diesem Jahr aber schon mal Teil einer Werbekampagne der evangelischen Jungkirche. Leider wurde die Aktion umgehend von der eigentlichen Kirche verboten. Sie hätte vielleicht ganz gut funktioniert.

Schade, dass ich Sie nicht Interviewpartner gewinnen konnte. Ihre Hinweise warum es funktioniert oder nicht wären auch sehr gut als O-Ton.

Mit freundlichen Grüßen,
[Name]
[Firma]
Religion und Orientierung

Ich als O-Ton. Vielleicht besser so, dass die freundliche Dame mich noch nie reden gehört hat.

Soundtrack ist natürlich was Evangelisches: die Entdeckung des Monats: Konzert für vier Cembali von Bach, BWV 1065 mit pädagogischem Schlussteil und vor allem einer rothaarigen Bassistin:

https://youtu.be/CSbXcYfUGzM

Anbetung und Worship

Also, ich erfinde da nix. Nicht dass es heißt, ich erfinde da was. Letzthin in der Heilig-Geist-Kirche aufgelesen:

Charismatischer Gottesdienst

JEDEN 1. SAMSTAG IM MONAT

Heilig Geist Kirche am Viktualienmarkt

powered by

HOPECITY.ERNEUERUNG.DE

18 UHR POWERPRAISE UND ZEUGNIS, BEICHTGELEGENHEIT

19 UHR HEILIGE MESSE MIT PREACH

20.15 UHR ANBETUNG UND WORSHIP

21 UHR SEGEN UND ABSCHLUSS

TERMINE 2017 — ERSTES HALBJAHR

4. FEBRUAR · 4. MÄRZ · 1. APRIL · 6. MAI · 3. JUNI · 1. JULI

Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche

“Anbetung und Worship? Wow”, staunt Vroni.

“Ja, der Schießler gibt wieder alles.”

“Wie der eine Laden in Nürnberg. ‘Sex und Erotik’ hat der geheißen.”

“Warst du so kinky vor meiner Zeit?”

“War auf meinem Arbeitsweg.”

“Hätt ich jetzt auch gesagt.”

“Als ob du vor meiner Zeit nirgends in Forschung und Lehre gegangen wärst.”

“Meine Eltern haben sogar ein Buch gehabt, das hat ‘Liebe und Sex in Wort und Bild’ geheißen.”

“Deine Eltern? O ja — das ist kinky.”

“Und ob — eine katholisch-evangelische Mischehe.”

“Pikant, pikant. Wieso bist du dann Einzelkind?”

“Keine Ahnung. Vielleicht weil überm Kapitel ‘Laute der Lust’ immer die Nachbarn mit dem Besen gewummert haben?”

“Laute und Lust. Was man halt so macht jeden 1. Samstag im Monat.”

Außer August und Dezember.”

Powerpraise-Soundtrack: aus Ladykillers. Natürlich nicht dem historisch zu würdigenden Gaunerkomödchen mit Alec Guinness 1955, in dem nur The Last Rose of Summer vorkommt, sondern dem der Gebrüder Coen 2004:
Abbot Kinney Lighthouse Choir: Shine on Me + Trouble of This World:

Mit Blumen, mit verdorrten

Lieber meteorologischer Frühlingsanfang — leicht zu merken: immer am 1. März — als Märzunruhen. — Seit 1849 immer wieder bestrickend sind die beziehungsreichen Pflanzennamen:

——— August Freiherr von Seckendorff:

‘s ist wieder März geworden

März 1848, Erstdruck als August Dorff in: Leuchtkugeln, Verlag von Emil Roller, München, Mitte April 1849, Seite 150 f.:

Alfred Rethel, Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849, Deutsches Historisches Museum Berlin‘s ist wieder März geworden,
vom Frühling keine Spur.
Ein kalter Hauch aus Norden
erstarret rings die Flur.

‘s ist wieder März geworden —
März, wie es eh’dem war:
Mit Blumen, mit verdorrten
erscheint das junge Jahr.

Mit Blumen, mit verdorrten?
O nein, doch das ist Scherz —
gar edle Blumensorten
bringt blühend uns der März.

Seht doch die Pfaffenhütchen:
den Rittersporn, wie frisch!
Von den gesternten Blütchen —
welch farbiges Gemisch!

Der März ist wohl erschienen.
Doch ward es Frühling? — Nein!
Ein Lenz kann uns nur grünen
im Freiheitssonnenschein.

Seht hier den Wütrich thronen
beim Tausendgüldenkraut,
dort jene Kaiserkronen,
die Königskerze schaut!

Wie zahlreich die Mimosen,
das Zittergras wie dicht!
Doch freilich rote Rosen,
die kamen diesmal nicht.

Bild: Alfred Rethel: Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849,
Deutsches Historisches Museum Berlin.

Der Rückblick

Die schlechte Nachricht ist … Ach lass gut sein, die schlechte Nachricht entfällt, wir wollen ja heuer noch fertig werden. Die gute Nachricht ist: Keith Richards lebt noch. (Nächstes Jahr wird er ganz-arg-vielleicht den Nobelpreis kriegen. Für Chemie.)

Schloss Nymphenburg

Wir sehen uns dann nächste Woche. Oder nächstes Jahr. Oder beides. Prost.

Schloss Nymphenburg

Buidln: Champagne Hubert de Gertale & Robby Bubble Apple-Cherry auf Schloss Nymphenburg, alles vom 29. Dezember 2016 und von mir. Können Sie brauchen? Schenk ich Ihnen.

Diese Woche gelernt:

Update zu Diese Woche gelernt,
Diese Woche gelernt,
Diese Woche gelernt,
Diese Woche gelernt
und Valar Morghulis:

  1. Früher: “Wann ist denn bei dem Zugriffszeit?” — “Kurz nach Weihnachten.” — Heute: “Wo sind denn die Lebkuchen her?” — “Amazon Prime.”
  2. Kirk Douglas ist dreißig Jahre jünger als Erdinger Weißbier.
  3. Der Wortschatz von Goethe umfasst 93000 Wörter. Das ist der mit Abstand größte Individualwortschatz im deutschen Sprachraum. (Sagt wer? Sagt das Goethe-Wörterbuch, das dafür siebzig Jahre gebraucht hat. Bis jetzt.) Zum Vergleich: Luther hatte 23000, ich hab ungefähr 23 pro Tag.
  4. Gelegentlich sucht sich die Poesie des Versagens ihre Fürsprecher selbst. Manchmal hat sie Glück und die Fürsprecherin auch.
  5. Die Durchhaltefolklore entfällt auch bei der zweiten Kriegsweihnacht in Folge, wenn man nicht “Krieg”, sondern “Bundeswehreinsatz” dazu sagt.

Soundtrack: Get Well Soon: Christmas in Adventure Parks, aus: Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon, 2008:

Ältere Beiträge

© 2018 Freitag! Logbuch

Theme von Anders NorénHoch ↑