Bei- und Nachträge zur Kritik der reinen und praktischen Unvernunft

Und ich hab gedacht, damit wäre im Lauf der Achtziger Schluss gewesen: dass Werbung so offensichtlich ihre Zielgruppe zum Besten haben kann. Die zynische Abwertung “Zielgruppe” wird sich wohl so schnell keiner mehr abgewöhnen, aber wurde “Reklame” nicht mit dem Wechsel in die Neunziger in “Werbung”, also etwas Altfränkisch-Deutsches, und noch fürnehmer in “Verbraucherinformationen” umbenannt? Damit wurde doch ein gewisser Respekt vor dem Melkvieh zumindest nach außen hin behauptet — so wie heute auch kein Landwirt mehr damit prahlt, wie viele Stück Vieh er hinter wie wenig Stallfenster stopfen kann; egal wie er daheim wirtschaftet, wenn die PETA nicht hinschaut.

In der Werbung kann man’s noch machen, ist ja bloß Reklame. Seit Lidl nicht mehr durch Arbeitsbedingungen wie in der Legebatterie, sondern richtig entspannte, fröhliche Angestellte auffällt, müssen sie ihre “Ich Chef, du nix”-Allüren wohl an irgendwem anders auslassen und hängen in ihre Filialen und mitten in den öffentlichen Raum Plakate, auf denen sie fragen: “Woran erkennt man gutes Brot?”, “Woran erkennt man gute Wurst?” und was eben sonst noch so weg muss. In einer Art Parodie auf Verbraucherinformationen geben sie auch gleich die Antworten in drei Unterpunkten; der vierte zählt nicht, der heißt immer: “Und an einem guten Preis.” Und was soll ich sagen: Woran man guten Kaffee erkennt? — Am guten Kaffee! Ja scheiß doch die Wand an.

Hab ich gedacht. Bevor ich nachgedacht hab.

Wenn heute aufgeklärte Kreise der, Obacht: Zielgruppe statt Kaffee lieber gleich die Tränen der kolumbianischen Plantagensklavinnen trinken würden, wenn da bloß genug Koffein drin wäre, muss man solche Wackelkonsumenten wieder daran erinnern, dass billiger eben doch besser ist, nicht andersrum. Fast schon liebhaben könnte man in seiner Abkehr von allem, was das 21. und 20 Jahrhundert ausmacht, die Verbraucherinformation für den wahren Genießer: “Woran erkennt man guten Wein?”

Jaja, klar, am “guten Preis”, wie alles andere auch, aber an erster Stelle? Soll ich’s sagen oder wollen Sie selber zum Lidl? Okay, ich bin ja gar nicht so. Die schonungslose Enthüllung lautet: “An seinen Eigenschaften”!

Ist das nicht schnulli? Ist es nicht wunder-wunderschön? Wein ist gut, wenn er im dreidimensionalen Raum eine bestimmte Zeitlang in Beziehung zu seiner Außenwelt, dem Nicht-Wein, existiert — und nix kostet. Und das von einem marktorientierten Unternehmen. Kant wäre begeistert.

Nun ist ja Kant tiefes achtzehntes Jahrhundert, dagegen sind die Gepflogenheiten der Achtziger des 20. Jahrhunderts Avantgarde. Und seit Einstein nachgewiesen hat, dass Zeit und Raum gar keine reinen Kategorien des unzulänglichen Menschengeistes sind, sondern dass es die womöglich in echt gibt, lässt sich guter oder schlechter Wein durch nichts treffender beschreiben als durch seine Quantität, Qualität, Relation und Modalität, schon wahr.

Woran würde man gutes Marzipan erkennen? — Es wäre nicht saisonal verknappt, sondern im dreidimensionalen Raum einer Lidl-Filiale Montag bis Samstag, 7 bis 20 Uhr ganzjährig da.

Die Rettung des Krokodils

Präsentation. Der neue Werbeleiter der mittelständischen Halb-/Großbrauerei und mein damaliger Agenturchef, kantige Meinung des Werbeleiters:

"Das Krokodil da geht gar nicht!" 

Der Agenturchef fassungslos. Ein No-go in seiner fortgeschrittenen frankfurterisch geschulten Marketingwelt, ein mäßig-erfolgreiches Branding zu kippen. Und auch noch einfach so! Das Krokodil war das eingeführte Diensttier der Brauerei.

Er fragte behutsam (es war nach dem Lunch und er war eins mit sich und der Welt, was er vor dem Lunch selten war) nach dem Grund. Der neue Werbeleiter knurrte etwas über das Grün des Viehs, das nicht gefällig wirke und auch seiner Frau nicht zusage.

Der damals-als-ich-noch-Testtrinker-bei-Martini-war-Agenturchef darauf trickreich-leutselig: Sachma, Grün ist doch diiieee geschmacksphysiologische Farbe für Pils!

Der Werbeleiter merkte, dass er bei diesem Rhetoriker nicht durchkam und sprach leise: Naja, es sei wegen des Urlaubs damals in Florida. Da war er acht, sie waren in den Everglades und er kann bis heute nicht vergessen, wie er sich vor diesem einen Alligator erschreckt hat. Das sei ihm nachgegangen, so dass er bis heute große Angst vor diesen lebenden Handtaschen habe. Und wir Grafiker hätten es auch noch groß als Hero/Comic-Tier in Stories mit Sprechblasen auf die zu präsentierenden Plakate gemalt und mit ihm Kino-Spots erfunden.

Mein Agenturchef sagte, dass Reptilienphobien unter Werbeleitern durchaus vorkämen, weil sie so sensibel seien (die Werbeleiter jetzt). Dass das aber keinesfalls den Erfolg der Brauerei trüben dürfe, da müsse er durch (der Werbeleiter wieder). Dann trank man eine Runde gutes, grünes Bier.

Das half. Das Reptil durfte bleiben, denn es war: eingeführt und einzigartig. Welche Brauerei hat ein Krokodil im Wappen und damals auf den Plakaten, bitte.

Grüne Krokodile sind…

keine Geschmackssache. Sie sind Storyteller, erzählen Geschichten. Sie sprechen. Haben eine große Klappe, regen an und auf.

Dem Irrglauben, dass Design persönliche Geschmackssache sei, hängen viele Unternehmen an. Noch mehr als diese: die Klein- und Einzelunternehmer. Man und vor allem frau meint, dass man mit seinem Gefühl und Geschmacksempfinden den eigenen Betrieb und sein Produkt sehr gut darstellen könne und für diese Kompetenz keine professionelle Unterstützung brauche.

Meist sind ihre Ideen und Geschmacksvorstellungen zu nah am Produkt. Das ist nicht ganz unrichtig, aber sehr langweilig. Wir haben Wettbewerb. Bei Bier ist es mit 100%iger Glaskugelvoraussage das sonnendurchflutete Bierglas, die sich im Wind wiegende Ähre und der Bergsee. Nur macht das bei ungefähr 20 mitkonkurrierenden Brauereien keinen Punkt, die ebenfalls sich wiegende Gläser, flutende Wälder und sonnige Bergseen haben. Austauschbar.

Aus der Erinnerung nacherzählt.
15 Jahre her.

Und es lebt noch.
Und hier auch.

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UPDATE

Wie man diese unsere Geschichte sonst noch sieht (Zitat, Quelle: http://meatjuice.tumblr.com/post/52924983/another-designers-lament)

                        

another "designers lament"

                        

which is actually quite the funny story.

“I don’t like crocodiles, therefore they are unsuitable for the use as a logo.”

ha. wrong. crocodiles are awesome."

                   

Westaflex und ihr Aidsband-Logo

Der Westaflex-Konzern
wird in Kürze eine neue Unternehmensmarke präsentieren, die ab Herbst
2007 auch deutlich auf den einzelnen Produktmarken wie Westerflex,
Westerform oder WAC abgebildet wird. Die Markenberatungsagentur NIESYTO design in Stuttgart hat ein Imagekonzept entwickelt, das die bisher triste Anmutung der Westaflex-Firmenmarke beleben soll.

So stand es, mit folgendem Logo untermalt:  Westaflexlogo1

und geschrieben in http://www.referenzforum.de

Das war am 12. Juni 2007, also ein ganzes Jahr her. Das Komische ist: Es ist gar nix passiert. Das Westaflex-Logo auf der Website des Unternehmens sieht immer noch so aus wie das Aidslogo:

Aids_logo

Das einzig Neue am jetzigen Logo auf der Website von Westaflex ist doch nur, dass der Claim gänzlich entfallen ist und die Buchstaben des Schriftzugs Spationierungen gekriegt haben (die aber zur Art des Schriftfonts nicht passen, das war vorher besser):

Westaflexlogowebsite

Auch das – mit dem alten Claim – wird im Netz immer noch problemlos gefunden:

Westaflexlogo2

Und diese exotisch anmutende Variante ebenfalls:

Westaflexlogo4   

Oder diese:      Westaflex_logo3

Frage: Was ist passiert mit dem Corporate Design der Stuttgarter Markenberatungsagentur NIESYTO design. Und warum hat man als Ziel formuliert, "das triste Design beheben zu wollen", wenn einem halbwegs engagierten Designer eigentlich sofort auffällt, dass das Branding-Problem woanders liegt, nämlich zum einen grob an der misleading Optik (Aids) der Bildmarke und zum anderen an der immer noch nicht geglückten Durchgängigkeit. Und immer noch diese miserable Typografie des Westaflex-Schriftzugs, da wäre ordentlich noch etwas gegangen. Und wo war da die Markenberatung? Einfach nur den Claim weghauen, da deutsche Claims auf internationaler Ebene erfahrungsgemäß immer ein wenig stolpern? War es das mit der Einheitlichkeit? Was haben sie geraucht und wieviel haben sie dafür gekriegt?
?

Durchgefallen

Warentestlogo

Logobezug/Quelle: Website Stiftung Warentest

Am "t" scheiden sich angeblich nach einer Studie die Geister des Verbrauchers. Nach dem Logo-/Corporate Design Relaunch von KMS-Team München seien die erforschten Aussagen der Verbraucher ernüchternd:

"Das schlichte "t" auf grünem oder orangefarbenem Hintergrund, das enthüllte eine Marktstudie, finden nur 15 Prozent "vertrauenswürdiger", "seriöser" und "überzeugender". Weit über die Hälfte der Befragten wünscht sich den alten rot-weißen "test"- Schriftzug zurück.

Ein "grober Fehler" sei der neue Markenauftritt der Stiftung, urteilt Markenexperte Andreas Pogoda von der Brandmeyer Markenberatung, die die Studie bei der Gesellschaft für Konsumforschung in Auftrag gegeben hatte. "Der hohe Wiedererkennungswert der Marke Stiftung Warentest ist pures Kapital", mit dem leichtfertig umgegangen werde."

Quelle: Süddeutsche.
Weiterlesen: http://www.sueddeutsche.de/,tt4m1/wirtschaft/artikel/606/180054/

Ich kenne die Firma Brandmeyer Markenberatung nicht und weiß auch nicht, ob sie sich als Konkurrenz zu KMS-Team sehen, das nicht nur designt, sondern ebenfalls Branding-Beratung anbietet. Bin jedenfalls neulich in der öffentlichen Bücherei, in der einige relaunchte Hefte der Stiftung Warentest auslagen, negativ über das neue Logo gestolpert. Nämlich dass das "t" nicht nur reduziert wurde, sondern nicht allein rot war: Je nach Sparte bekam es unterschiedliche Hintergrundfarben.

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180pxfinanztestsvg

Siehe auch Bildquelle Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Stiftung_Warentest

Spätestens ab da habe ich das neue Warentestlogo auf den Heften (neben Ökotest liegend) nicht spontan erkannt und nicht der Stiftung Warentest zugeordnet. Da war eine Änderung zuviel: nicht nur das "t" zu verschlanken, sondern auch das mir gewohnte Rot nur noch für das Hauptheft zu nehmen. Was meint der geneigte Leser zur Logoänderung? Egal? Reissack-Umfall? Nur PR-Geflacker und Studien-Wichtiggetue der Konkurrenz von KMS-Team? Echter Durchfall?

Gegen das Ego

Jeder sagt von sich gern im Job, dass er Wertschätzung liebe und "soziale Kompetenz" hätte. In Ordnung, ein breites Feld aber auch.

Wie ist es aber eigentlich, wenn man den Eindruck hat, man sitze in einer Art Abstellkammer  – einer ansonsten honorigen Firma –  jemandem aus 3,5 m Entfernung gegenüber, der sich kaum über einen informiert hat (die Website und den Art-Direktoren-Werdegang sowieso nicht, das habe ich gemerkt) und einen dann darüber belehrt, wie Bild und Text sich zueinander verhalten solle. Nämlich relevant. Auja, das hätte ich als vehementer inhaltsorientierter dauerpredigender Nichtblümchendesign-Propagierer* fast vergessen^^.

Für mich ist es eine wichtige Form der Wertschätzung, Menschen nicht in die Abstellkammer zum Interview zu führen und mich vorher kundig zu machen, mit wem ich es in der Nicht-Abstellkammer zu tun habe. Nämlich mit einer Art Direktorin, die nur so* arbeitet.

Irgendwie ist es kalt. Und es liegt nicht am Wetter (das ist auch kalt, stattgegeben).

Die Kunst der Verhandlungsführung

(Kleine Satire, die leider zufällig im real life stattfand):

Mir ist in der Anfragephase neulich ein neuer Kundentypus unterlaufen.
Er sagt – sehr auffällig nebenläufig in Nebensätzen – nach vielen
Erläuterungen und Abschweifungen über sein Geschäft im allgemeinen (man
hört ja gern zu, das Geschäftsfeld Overseas ist zudem wirklich hochinteressant und überschneidet sich sogar mit persönlichen Lieblingsthemen. Und könnte ja eine größere
konzeptionelle Sache sein) irgendwo reinverpackt  in die Timeline von insgesamt 4 Stunden Beratungsaufwand (Inkl. E-Mail und Tralala)  6 Dinge:

1. eine Sache nicht: Nämlich wie denn das konkrete Vorhaben lautet (auf
konkrete Fragen kam kaum eine Reaktion, was nu) aber ganz wichtig:

2. "Wir haben auch andere Werbeagenturen angefragt."

3. Dann kam: "Wir haben die Firma neu positioniert und brauchen aber nur ein Template. Und dann etwas Unterlagen, aber ganz einfache."

4. Dann der Klopper: "Können wir von Ihnen schon Arbeiten dafür kostenlos sehen?"

5. Auf den umfassenden Hinweis, dass es ein eigens angefertigtes Template nicht
umsonst geben kann, kommt das Versenden
eines fast fertigen, von ihnen selbstgemachten PSD-Templates an mich
mit der Aufforderung "Beweisen Sie uns doch ihre grafische Leistung".

6. Von uns dann die ausführliche Erklärung und Begründung, dass eine Websitekonzeption leicht anders als
ausgerechnet mit dem grafischen Frontend beginnt, darauf die Replik des Kunden: "Wollen Sie uns jetzt auch noch SEO und Text verkaufen? Da haben wir schon jemanden!"

7. Wir betonen, dass deutlich sichtbar noch niemand SEO, Keyword-Strategie und Text gemacht hat, uns egal sei, wer das macht,  es aber mit der Grafik halt einfach zu früh sei und so mit Grafik noch nicht anfangen können.

Nur ein informierter Kunde ist ein guter Kunde. Wenn ein Kunde nicht informiert werden will, sind die Hände gebunden und der Zeitaufwand war für die Katz’.

Für solche Kunden, die mir einige Stunden meiner Lebenszeit kosten,
hätte ich einfach gern ein Tool, das ihnen sagt, dass ein Template das
und das von bis kostet.

Das Fass…

… ist über …xxx

Der Einfachheit den vollen Anreißer hingepastet. (Wird hoffentlich zitatrechtlich noch als Zitat durchgehen). Quelle: www.wuv.de

"Rheinland-Pfalz-Pitch bringt Agenturen in Rage


Eine fehlgeleitete E-Mail eines Mitarbeiters des rheinland-pfälzischen
Wirtschaftsministeriums sorgt für Ärger bei den Agenturen, die sich um
den Etat für den Rheinland-Pfalz-Takt bewerben. Darin macht sich der
Absender über die Agenturen lustig, die 25 Euro Teilnahmebeitrag
bezahlen, ohne eine Chance auf den Etat zu haben. Der Ministerialbeamte
wollte für das eingesammelte Geld eine Edel-Kaffekochanlage im Büro
installieren. Jetzt tobt die Branche. Eine Reihe von Agenturen hat ihre
Bewerbung für den Etat schon zurückgezogen."

Ich bin erstmal platt.
25 Euro Teilnahmebeitrag.

Viel zu wenig!!!!
Es muss deutlich mehr Beitrag werden (= Lernen durch Schmerz, die am häufigsten gewählte Lernform. Nachzuschlagen bei Konfuzius: Die Drei Arten des Lernens), sonst lernt es unsere Branche nie. Nicht jeden Tag gibt es so Offenbarungseide wie eine fehlgeleitete E-Mail.

NB: Soviel ich weiß aus anderer glaubwürdiger Quelle war es kein Pitch, sondern eine Ausschreibung.