War was? – Ach ja, Feiertag war. Tag der deutschen … wie hat das geheißen? Einheit? Was für Einheit? Noch D-Mark oder schon Euro? Kaurimuscheln, Zoll, Inches oder Kilowattstunden? Broteinheiten? — Man verspricht sich immer so leicht auf „Tag der deutschen Freiheit“. Muss am letzten Bundespräsidenten liegen, von dem man ab und zu noch was gehört hat, und dann war’s meistens was mit „Freiheit“.

Darum bietet sich an dieser Stelle an, die Definition von Freiheit auszubreiten, die wir mal gebraucht haben, um – ohne hier ins Geschäftliche zu verfallen – einen Kunden zu jener Ordnung zu rufen, die ihn anhält, sein Core Asset der Freiheit als Aufforderung zu mehr Verantwortung zu begreifen, nicht weniger.

Die Königin der rhetorischen Figuren soll es ja sein, den Argumenten seines Gesprächsgegners zuzustimmen und daraus den gegenteiligen Schluss zu ziehen. Mit dem Spruch von Camus kommt man da schon ziemlich weit, begründet mit dem Kant. Ich bringe mal unsere damalige Diskussionsgrundlage als Zitat:

Freiheit

Was die Deutschen betrifft, so bedürfen sie weder der Freiheit noch der Gleichheit. Sie sind ein spekulatives Volk, Ideologen, Vor- und Nachdenker, Träumer, die nur in der Vergangenheit und in der Zukunft leben, und keine Gegenwart haben. Engländer und Franzosen haben eine Gegenwart, bei ihnen hat jeder Tag seinen Kampf und Gegenkampf und seine Geschichte. Der Deutsche hat nichts, wofür er kämpfen sollte, und da er zu mutmaßen begann, daß es doch Dinge geben könne, deren Besitz wünschenswert wäre, so haben wohlweise seine Philosophen ihn gelehrt, an der Existenz solcher Dinge zu zweifeln. Es läßt sich nicht leugnen, daß auch die Deutschen die Freiheit lieben. Aber anders wie andere Völker. Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen, und wehe dem rotgeröckten Burschen, der sich in ihr heiliges Schlafgemach drängt — sei es als Galant oder als Scherge. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie auf Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Großmutter.

Heinrich Heine: Englische Fragmente, 1828.

„They’re not scared of you. They’re scared of what you represent to ‚em.“

„Hey, man. All we represent to them, man, is somebody who needs a haircut.“

„Oh, no. What you represent to them is freedom.“

„What the hell is wrong with freedom? That’s what it’s all about.“

„Oh, yeah, that’s right. That’s what it’s all about, all right. But talkin‘ about it and bein‘ it, that’s two different thangs. I mean, it’s real hard to be free when you are bought and sold in the marketplace. Of course, don’t ever tell anybody that they’re not free, ‚cause then they’re gonna get real busy killin‘ and maimin‘ to prove to you that they are. Oh, yeah, they’re gonna talk to you, and talk to you, and talk to you about individual freedom. But they see a free individual, it’s gonna scare ‚em.“

„Well, it don’t make ‚em runnin‘ scared.“

„No, it makes ‚em dangerous.“

Jack Nicholson mit Dennis Hopper, in: Easy Rider, 1969.

Gleich zuoberst als erstes scrollfrei in Wikipedia: Freiheit ist die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Das sine qua non an Freiheit ist also: Auswahl + Entscheidung – woraus in moderner Philosophie – und: wichtig: sogar im Recht – folgt: Autonomie eines handelnden Subjekts.

Weiter: Die Freiheit, sich für oder gegen eine Handlung entscheiden zu können, und ihre Beschränkung durch Regeln sowie durch Entscheidungen, Ansprüche, Interessen oder Handlungen anderer sind eng mit der Frage der Legitimität des eigenen Handelns und des Beschränkens fremden Handelns verbunden. Auf Deutsch:

Your Liberty To Swing Your Fist Ends Just Where My Nose Begins. – Oliver Wendell Holmes, Jr., John B. Finch, John Stuart Mill, Abraham Lincoln, Zechariah Chafee, Jr. oder sonst jemand.

Seriöser:

Freiheit endet da, wo eines anderen Recht anfängt – unsichere Zuschreibung.

Gesichert scheint allein Matthias Claudius:

Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet.

– und damit kollidiert. Begründbar mit:

Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden. – Rosa Luxemburg.

Leicht erweitert Kant: Die Metaphysik der Sitten, 1797:

Wenn also meine Handlung, oder überhaupt mein Zustand, mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, so tut der mir Unrecht, der mich daran hindert; denn dieses Hindernis (dieser Widerstand) kann mit der Freiheit nach allgemeinen Gesetzen nicht bestehen. […]

Das Rechthandeln mir zur Maxime zu machen, ist eine Forderung, die die Ethik an mich tut. Also ist das allgemeine Rechtsgesetz: handle äußerlich so, daß der freie Gebrauch deiner Willkür mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen könne, zwar ein Gesetz, welches mir eine Verbindlichkeit auferlegt, aber ganz und gar nicht erwartet, noch weniger fordert, daß ich, ganz um dieser Verbindlichkeit willen, meine Freiheit auf jene Bedingungen selbst einschränken solle, sondern die Vernunft sagt nur, daß sie in ihrer Idee darauf eingeschränkt sei und von andern auch tätlich eingeschränkt werden dürfe; und dieses sagt sie als ein Postulat, welches gar keines Beweises weiter fähig ist.

Siehe den Unterschied zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit, innerhalb des letzteren wiederum zwischen freiem Willen und natürlichem Willen.

Für die tägliche Anwendung scheint relevant: die wieder von Kant (in der Kritik der reinen Vernunft, 1781) geprägte praktische Freiheit: das Selbstverständnis eines vernünftigen Wesens, nach selbsterhobenen (!) Prinzipien zu entscheiden und sich somit selbst als frei zu begreifen. Weiter Kant:

Freiheit ist nur durch Vernunft möglich.

Ohne dieselbe folgt der Mensch seinen Trieben wie ein Tier; mit derselben kann er das Gute erkennen und sein Verhalten an der Pflicht ausrichten, siehe Kategorischer Imperativ – der mithin der Freiheit nicht widerspricht, worauf der Hedonist allzugern verfällt. Vielmehr ist nur der sich bewusst pflichtgemäß, also moralisch verhaltende Mensch frei: Freiheit zu tun, was man will, ist genau das Gegenteil davon, zu tun, wozu man Lust verspürt, weil genau die Lust den Menschen von der eigenen Freiheitsentfaltung abhält. – Siehe die nach langen Handlungsverschlingungen gefundene Interpretation der Anweisung

Tu, was du willst

bei Michael Ende: Die unendliche Geschichte, 1979.

Daraus die Konsequenz für die deutsche Romantik, die sich nach dem Idealismus richtet, also im Gegensatz zu so vielen Kunsttheorien wirklich eine vorgefundene Theorie in Praxis und Kunst überführt statt umgekehrt: Johann Gottlieb Fichte:

Vernunftwille macht das aus, was wir sind – nämlich unser Ich.

Auch da wieder: Freiheit ist

nur dadurch möglich, daß jedes freie Wesen es sich zum Gesetz mache, seine Freiheit durch den Begriff der Freiheit aller übrigen einzuschränken.

Fichtes Idealismus ist daher eine Konsequenz aus dem Primat von Kants praktischer Vernunft.

Freiheit zu etwas heißt positive Freiheit, Freiheit von etwas negative Freiheit; beides nach Rousseau: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, 1755:

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.

Daher Camus:

Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten

und Sartre:

Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Die Liberté der Französischen Revolution 1789 ist mithin ein direkter Vorläufer, aber etwas anderes als die Freiheit hinter Einigkeit und Recht – Fallersleben 1841.

Brauchen wir Definition genauer?

Brause, du Freiheitssang.

Populärer siehe Marius Müller-Westernhagen: Freiheit, zuerst live seit 1990; darin noch am kantischsten:

Der Mensch ist leider nicht naiv, der Mensch ist leider primitiv. Freiheit, Freiheit wurde wieder abbestellt.

Ansonsten eher atmosphärische Allegorie auf den 1989er Anschluss der Ostprovinzen.

Egal wer das dem „land of the free and the home of the brave“ jetzt beibringen darf: Freiheit wäre damit das glatte Gegenteil von entfesseltem Hedonismus.

Die Kapelle rumtata: The Byrds: I Wasn’t Born to Follow,
aus: The Notorious Byrd Brothers, 1968: