Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Monat: Juli 2018

Nix verarschen lassen! (Liegen auf die Sofa)

I ain’t saying I beat the devil,
but I drank his beer for nothing.
Then I stole his song.

Kris Kristofferson, 1970.

Warum geht man eigentlich nicht viel öfter in Kneipen? Man kommt so leicht mit den Menschen ins Gespräch.

„Und, was machst du so?“ fragt der neben mir. Lidl-Jeans Größe 48, Karohemd aus dem Baumarkt, schwarze Taxifahrerweste. Das Salz der Erde.

„Och, Werbetext“, sag ich.

„Was ist?“

„Werbung. Reklame. Schreiben.“

„Ah, schreiben! Schreibst du Buch?“

„Hab ich mal. Bücher sind nicht zu verkaufen.“

„Wollen verarschen? Gibt Büchergeschäft!“

„Jaja, für Reiseführer und Kochbücher.“

„Schreibst du Reiseführer und Kochbuch.“

„Ich komm ja nie raus und koch meistens Kaffee.“

„Wollen verarschen? Guckst du Internet, schreibst du. Verkaufen Büchergeschäft, reich.“

„Mit Bücherschreiben ist schon lang keiner mehr reich geworden.“

„Wollen verarschen? Nix verarschen lassen. Machst du gscheite Vertrag!“

„Ja, die Verlage warten sehnsüchtig auf zusammengegoogelte Reiseführer.“

„Einfach schreiben. Gibst du Büchergeschäft, nix Verlage.“

„Was geb ich denen? Wikipedia-Ausdrucke?“

„Wikipedia, Tripadvisor, Scheffkoch, alles.“

„Sie werden es mir aus den Händen reißen. Und mich damit erschlagen.“

„Zerscht zahlen. Nix verarschen lassen.“

„Besprech ich nachher mit meiner Frau. Wenn ich besoffen genug bin.“

„Bist verheiratet?“

„Jaja.“

„Wie lange?“

„Halloween zweitausend.“

„Wollen verarschen? Wer heiratet Halloween?“

„Bis jetzt hält’s. Akademikerehe!“

„Hast Kinder?“

„Zwei Kater.“

„Wollen verarschen?“

„Meine Frau hat eine große Tochter. Ich bin ihr zweiter Versuch, den Original-Daddy gibt’s noch.“

„Eigene nix?“

„Wo ich zuletzt nachgeschaut hab, war Weltüberbevölkerung, keine schmerzlich brachliegenden Wüsteneien.“

„Wollen verarschen?“

„Nö.“

„Frau arbeitet?“

„Grafikerin. Selbstständig.“

„Malen?“

„Webdesign. Geschäftsauftritte und so.“

„Ah, schlau. Lassen Frau arbeiten!“

„Keine Angst, kochen kann die auch.“

„Reklame schreiben deine einzige Job?“

„Muss reichen.“

„Frau nix dabei Bier trinken?“

„Die arbeitet nachts.“

„Du nix?“

„Doch, meistens.“

„Tag nix Arbeit?“

„Doch, schon auch.“

„Liegen auf die Sofa! Jajaja, hahaha!“

„Wie bringst du deinen Tag so rum?“

„Fahren Taxi. Immer Arbeit, Arbeit.“

„Logisch, da schläft sich nix.“

„Abend nach Hause, was essen, Frau. Dann Nachtschicht.“

„Allerhand. Wohnst du überhaupt?“

„Zwei Zimmer, Untersendling. Miete fast achthundert.“

„Au weh.“

„Hast viele Zimmer?“

„Alle für die Kater. Eins ist Büro.“

„Schwabing, oder?“

„Glockenbach.“

„Arsch offen? Alles Schwule!“

„Nö, meine Frau nicht.“

„Du?“

„Nein, ich auch nicht.“

„Na!“

„Versprochen.“

„Schwule nix lassen Frau arbeiten, hahaha!“

„Hahaha …“

„Frau arbeit viel?“

„Och, neue Aufträge sucht man immer.“

„Arbeit scheise, odder?“

„So schlimm nu auch wieder nicht.“

„Reicht für Miete zahlen?“

„Muss. Bei uns ist das keine Miete, wir zahlen an der Eigentumswohung.“

„Wollen verarschen? Nix mehr arbeiten, schon reich!“

„Von wegen. Wir wohnen ja selber drin. Eigennutzung, nicht abgezahlt und renovierungsbedürftig.“

„Warum nix vermieten?“

„Weil wir selber drin wohnen und die Burg nicht abgezahlt und renovierungsbedürftig ist.“

„Wollen verarschen? Hier München! Immer vermieten! Alle wohnen, wohnen!“

„Und wir ziehen derweil nach Pfaffenhofen, wo die Miete nix kostet?“

„Pfaffenhofen! Hast noch mehr Wohnung?“

„Schmarrn.“

„Wieviel zahlen?“

„Haben wir noch in D-Mark abgeschlossen, aber rechne ruhig mal deine Untersendlinger achthundert mal zwei.“

„Arsch offen? Zuviel für nix wie wohnen!“

„Dann schau mal nach, was inzwischen der Glockenbacher Quadratmeter kostet.“

„Gute Preis. Aber bei zwei schwule Arbeitslose … Geht nix.“

„Wir geben alles.“

„Warum Frau nix gehen fragen Arbeit?“

„Wen?“

„Wollen verarschen? Da vorne! Alles Läden! Alle brauchen Visitekarte und Fleier und alles! Internetseite, Geschäftauftritt! Fragen, Auftrag, Arbeit, reich.“

„Ja, gleich morgen, wenn ich meine Wikipedia-Ausdrucke in den Bücherladen bring.“

„Nix verarschen lassen, meine schwule Bruder! Prost!“

„Prost.“

„Kommst du, zahl ich Bier.“

„Danke, das braucht’s jetzt.“

„Aber ich nix schwul!“

„Ich auch nicht.“

„Hahaha!“

Warum geht man eigentlich nicht viel öfter in Kneipen? Jetzt weiß ich’s wieder: Man kommt so leicht mit den Menschen ins Gespräch.

Soundtrack: Kris Kristofferson: To Beat the Devil,
aus: Kristofferson, 1970
(vielleicht das Beste, was er je geschrieben hat):

If you waste your time a-talking
to the people who don’t listen
to the things that you are saying,
who do you think’s gonna hear?
And if you should die explaining how
the things that they complain about
are things they could be changing,
who do you think’s gonna care?
There were other lonely singers
in a world turned deaf and blind,
who were crucified for what they tried to show,
and their voices have been scattered by the swirling winds of time,
‚cause the truth remains that no one wants to know.

Zur Wiedervorlage:

Was mit Fahrrad, Tuba und/oder großem Waldstück westlich von Moskau draus machen (Taxi zu bourgeois). Evtl. Lutherstrophen:

Max Goldt, Eine Splittercollage

Bild: Max Goldt: Eine Splittercollage, 17. Juli 2018.

Midder Kibbm in der Babbm

Es ist ein langer steiniger Weg dahin, bis man das singen darf:

1.: Seid mei ledzdn boor Brozende
zohlns mä endlich a weng Rende,
seid i mi zwischerm Rumfedzn
zwischä Fernseh, Glo und Gredzn
ä weng af mei Kautsch hiileech,
bin i endlich ausm Weech,

2.: schau vo mein Luuch fidel und munder
af die andern Debbm nunder,
hau ma nu an Zwedschgä ninder
und fühl mi scho glei vll xünder,
wal i um di Uhrzeid scho
mir a Seidlä köbfm koo.

3.: Seid i wöi a Schlugg Dai Ginseng
in der Sofaridzn drinhäng
und in Underhemd und Schlabbm
midder Kibbm in der Babbm
haubdberuflich Nosn buhr,
gäihds mä bessä wöi zuvur.

Fade-out: 3. Strophe als Kanon.

Wenn das jemand vertonen will: Die Musik gehört so ungefähr wie der Düsenclipperhocker von Streetlife unter Rudi Madsius und Günter Stössel 1984, aber ohne das septimakkordlastige Rumgefunke, wenn ich bitten darf. Ich will eine Version über mindestens 9:52 Minuten, das heißt: länger als Bat Out of Hell, aber weitere Strophen zu dichten stünde der Aussage der bestehenden entgegen. Instrumental darf also ganz schön was hergehen.

Klimawandelbonus

Update zu Das erste Frühlingsgedicht 2018:

Herr, es ist
Zeit. Der Sommer
war so mittel.
Inzwischen prasseln mir

an der Bushaltestelle
die Kastanien aufs
Haupt, die Zeitung
lamentiert über den

Bierpreis auf der
Wiesn, aus den
Läden sind die

Kirschen weg, und
ich erwarte täglich
Lebkuchen und Marzipan.

Soundtrack. Hubert von Goisern: da summa is aussi,
aus: TRAD, 1998:

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