Ende der Allee

Fassen wir also endlich zusammen: Das Gedicht von Eugen Gomringer geht:

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Auch wenn man für das absichtsvoll schlichte Spanisch mit dem kleinen Latinum auskommt, gibt die deutsche Übersetzung anzuführen besonders viel Sinn, weil Gomringer als bolivianisch-schweizerischer Dichter geführt wird, aber ab 1954 die Konkrete Poesie mitbegründet hat, die sich wesentlich im deutschen Sprachraum — ja, auch in anderssprachigen — äußerte. Avenidas fällt formal und historisch unter die Vorformen der Konkreten Poesie und vermittelt als solche außer einer visuellen Konstellation einen — offensichtlich anfechtbaren — Inhalt und stammt von 1952; gesammelt erschienen ist es 1953 in konstellationen bei der Berner spiral press.

Nun hat sich die glücklose Berliner Alice Salomon Hochschule seit 2011 dazu entschieden, das Produkt eines von ihr selbst ausgezeichneten Dichters öffentlich auszustellen, in dem implizit die Schönheit von Frauen mit der Schönheit von Blumen gleichgesetzt wird. Meinungsstarke und diskussionsfreudige Kräfte haben das missbilligt, weil sie es in gesellschaftsschädigender Weise unzulässig finden, Frauen mit Pflanzen gleichzusetzen.

Da haben sie recht. Das gleiche finde ich auch, das findet bestimmt sogar Eugen Gomringer. Inzwischen haben alle Berufenen und Unberufenen ihre Argumente dafür und dagegen ausgetauscht, das Gedicht an seiner öffentlichen Stelle zu überpinseln. Recht behalten haben die Handwerker, die empfohlen haben, dass die Hauswand 2018 sowieso renoviert gehört. Das hätte nicht einmal dann mit Zensur zu tun, wenn die fragliche Hochschule nicht entschieden hätte, die Preisträger an ihrer Hauswand fortan regelmäßig durchzuwechseln. Nichts mit Zensur, umso mehr mit Hausrecht: Wenn ich schon dafür zuständig bin, die Renovierung zu bezahlen, werde ich wohl an meine Hauswand schreiben dürfen, wozu ich lustig bin; ich selbst liebäugele mit Alle Wässerlein fließen von Friedrich Rückert 1834 oder irgendwas von Gernhardt, wie jeder andere anständige, fühlende Mensch auch.

Mein Hausrecht stieße dann an seine Grenzen, wenn ich jemanden mit meiner Gedichtauswahl beleidigte, zum Beispiel bestehende Gesetze oder irgendwelche meinungsstarken und diskussionsfreudigen Kräfte, die nichts mit Gedichten anfangen können. Weil ich ein guter Nachbar wäre, würde ich freiwillig zusätzlich darauf achten, was ich meinen Mitgeschöpfen zumuten wollte, und nähme von Sachen, die sich gerade nochmal so innerhalb legaler oder Geschmacksgrenzen bewegen, Abstand. Je nach dem Zustand meiner Hauswand fände ich es dann wie die Alice Salomon Hochschule (die ihrerseits offenbar nichts mit Bindestrichen anfangen kann), meine Hütte neu zu streichen, oder eben: mich zu freuen, dass zum ersten Mal nach wie vielen hundert Jahren die schöne Orchidee der Gedichtinterpretation gesellschaftliche Relevanz erhält.

Normalerweise kommen jetzt nämlich welche und sagen: Ach komm, ist doch bloß ein Gedicht. Das war die letzten paar Unterepochen des gesamten Kapitalismus so, und da schau mal her, wie wichtig auf einmal ein 65 Jahre altes Gedicht aus 8 extrakurzen Versen sein kann.

Gedichte, die kann man nämlich, liebe Kinder in und außerhalb Berlin, so oder so sehen. Eure eigene Auslegung, liebe Kinder, ist zulässig. Sie ist aber nicht die weltweit einzige zulässige, sondern eine von über ungefähr acht Milliarden möglichen, allesamt zulässigen Auslegungen. Auch wenn euch die Zahl gerade etwas mutig angesetzt erscheint, versteht ihr vielleicht so, was ich meine. Nicht jede von den acht Milliarden ist nämlich auch sinnvoll, liebe Kinder. Da muss man schon auch vorher schauen, was in dem Gedicht drinsteht, wer es gechrieben hat, wann, unter welchen äußeren Umständen und warum. Das hat euch euer Deutschlehrer doch bis zum Überdruss gefragt, was uns der Autor damit sagen will, stimmt’s? Und der hat euch auch beigebracht, dass es keine Interpretation gibt, die gegen eine andere gewinnen oder verlieren kann, außer sie ist so strunzdoof, dass sie überhaupt keine Interpretation sein kann. Und damit will ich nichts gegen eure Auslegung gesagt haben, denn ich finde, dass sie ihre Qualitäten hat. Ihre political correctness, die ihr gerne geltend macht, zählt nicht dazu.

Seid sicher: Eugen Gomringer wollte uns damals, 1952, bestimmt nicht sagen, dass man Weiber ausrupfen sollte wie Gemüse, er wollte auch keine Frauen herabsetzen, und er wollte ganz sicher nicht zu Gedankenlosigkeit und Nachlässigkeit im menschlichen Umgang aufrufen. Glaubt es ruhig: Der alte Onkel Gomringer (Jahrgang 1925) wollte eher das Gegenteil und steht bis heute auf eurer Seite. Da dürft ihr gern nachschauen unter werkimmanenter Interpretation, Sprechabsicht und solchen Sachen. Man schrieb nämlich, wie gesagt, 1952, als Eugen Gomringer zwei Jahre vor seinem Manifest zur Konkreten Poesie stand, die erstens einen Heidenspaß macht und zweitens zur Achtsamkeit gegenüber Sprache und Personen anhält, und als man anderwärts Sätze mitlesen musste wie “Er (irgendein Playboy, Filmstar oder Prinz) liebt rassige Pferde, schnelle Autos und schöne Frauen”.

Letzteren Satz hab ich aus der Titanic— keine Angst, nicht aus dem provokanten Teil, wo sie frauenfeindliche Reden führen und chauvinistische Pimmelwitzchen reißen, um klar zu machen, was Satire alles darf, aber nicht sollte — sondern von einem der Schreiber, denen man zuerst mal glauben darf: Stefan Gärtner in Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Die Blumen des Bösen, Titanic, 28. Januar 2018, wo er ihn von Luise F. Pusch überliefert, die ihn übrigens schon am 17. September 2017 in die Diskussion eingebracht hätte:

Dazu würde mir ja nun einfallen, daß schlechthin jeder Blick etwas zum Objekt macht (des Blickes nämlich) und ein Liebesgedicht oder ein einschlägiger Popsong ohne ein (und sei’s verhohlenes) Objekt der Sehnsucht gar nicht auskommen. (Sarah Kirsch: “Immer wollen dich meine Augen“.) Zweitens lassen sich die Reihen Pferde – Autos – Frauen und Straßen – Blumen – Frauen nicht gleichsetzen, wie ein Illustriertenartikel (Achtung, Textsorte!) nun einmal kein Gedicht ist, welches dazu neigt, eine Sinnebene mehr zu haben: Wenn es eine Chiffre für (männliche?) Sehnsucht gibt, dann ist es die Straße, und wenn es an dieser Straße Blumen (Schönheit) hat, sind wir eher bei Eichendorff als bei Weinstein. Dann Auftritt der Frauen, die sowenig “Blume”“ sein müssen wie, um in Puschs Analogie zu bleiben, Autos: Es gibt auf und an der Straße Blumen und Frauen, wie es Autos und Frauen gibt.

Ich sag’s bloß, weil’s ja im Heideröslein, das seit Aberjahrhunderten arglosen Schulkindern beigebracht wird, unverhohlen um eine Vergewaltigung geht. Aber erstens ist die offizielle Lehrversion von Goethe selber nur geklaut und zweitens gewinnt die Rose. Und mein Vater, immerhin zehn Jahre jünger als Eugen Gomringer, meint, dass solche, die über Gedichte reden, bloß den Sauerstoff aufbrauchen, und solche, die das Sagen haben, über alles mögliche reden außer über Gedichte.

Sie sollten, liebe Kinder, sie sollten.

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