ברודר מרטין לותר

Wie könnte man wohl die Feierlichkeiten zu fünfhundert Jahren Reformation und Martin Luthers Verdienste um die Gefährdung des Weltfriedens geeigneter begehen, als indem man endlich Hebräisch lernt?

Eben: gar nicht. Die üblichen über Thüringen und Sachsen-Anhalt verteilten Lutherstädte wollen zehn Jahre gebraucht haben, alle Bratwurstbuden und Mehrzwecksäle mit dem Nötigsten zu bestücken, um zu vermitteln, dass man die Bibel sogar im Internetz lesen kann und dass Katholen auch Menschen sind, vielleicht sogar die Juden — was nicht einmal dem Doctor Luther jemals einer vermitteln konnte. Hebräisch will ich schon seit ungefähr dreißig Jahren können: Die Juden haben Heinrich Heine, Groucho Marx und Bob Dylan, und was haben die Evangelen? Angela Merkel.

Mit dem Kramer/Kowalik geht das recht ordentlich und kostet 12,90, außer man handelt gleich mir und leiht sich das Ding fertig mit allen Bleistiftanmerkungen aus der Stadtbücherei. Ein Stündchen die Wiki-Seite “Hebräisches Alphabet” anstieren tut’s wahrscheinlich auch.

Damit hab ich jetzt dreißig Jahre herumgezögert; als ich vierzig geworden, hab ich’s kurzzeitig noch am ernstesten gemeint, weil ich ab da koschererweise befugt war, die Kabbala zu studieren. In der Zeit haben andere Leute die Thora auf eine Briefmarke kalligraphiert, und ich kann seit letzter Woche das Aleph-Bet aufsagen und holpere immer noch bei den Zahlenwerten.

Hätten Sie das gewusst, dass Althebräisch ab dem zweiten Jahrhundert als Muttersprache gestorben ist und als “Neuhebräisch” als Fach- und Gelehrtensprache überlebte, bis es 1919 als palästinensische Amtssprache anerkannt und 1948 für das junge Israel gar verordnet wurde — ohne allzu verwirrende Unterschiede zwischen Bibelhebräisch und dem neugeborenen Ivrit? Das ist ungefähr, als ob es seit der Völkerwanderung keine deutschen Muttersprachler mehr gäbe, aber seit dem Anschluss der Ostprovinzen 1990 alle Neudeutschen unter Strafandrohung eine byzantinische Ausprägung des Lateinischen sprechen müssten. Und das Wessobrunner Gebet wäre seit zweitausend Jahren weltweit lückenlos verständlich.

Auch sonst kann man sich recht schnell in die jüdische Seele einfühlen, wenn man den Leuten von seinen Bestrebungen erzählt. Die erste Reaktion war die Frage, warum ich denn nicht Arabisch lerne, das erhöht die Berufschancen. Die zweite Reaktion war eine Tirade darüber, dass die Juden doch die Arschlöcher sind, die eine Decke über “die Frau” werfen und sie durch den Schlitz ficken. Ich referiere das nur, das walking talking Gegenargument Marc Chagall ist mir wieder erst hinterher eingefallen.

Eigentlich will ich ja keinen Mauschelstammtisch eröffnen (obwohl …), sondern nicht so planlos vor den Regalen stehen, in denen man die Bücher wie die Mangas von hinten nach vorne blättern muss, und den Talmud vom Midrasch unterscheiden können. Das konnte ja sogar der Judenfresser Luther — autodidaktisch, noch ohne die Motivation, dass man doch mal kurz den Tanach wegübersetzen könnte.

Wenigstens beschert uns der Mann nach einem halben Jahrtausend einen zusätzlichen Feiertag außer der Reihe – der auch heuer weder Halloween noch Weltspartag heißt, dafür weiterhin mein Namens- und unser Hochzeitstag bleibt. Das widerfährt uns erst wieder in weiteren fünfhundert Jahren.

Entwarnung für Brückentagjäger: Der 31. Oktober 2517 fällt auf einen Sonntag.

Soundtrack: Kaizers Orchestra: Begravelsespolka, aus: Violeta Violeta Vol. III, 2012:

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