Sann end fann

Als ich noch ein Gefangener der Kneipen war — keine Angst, gegen regelmäßige Kautionen war ich Freigänger — war ich womöglich noch leichter zu erheitern als heute. Aus einer meiner zuständigen Kneipen erinnere ich mich an einen Spielautomaten, vulgo Bierfilzlesroulette, der aller fünf Minuten eine fiese eingängige Melodie füdelte, aller 30 Minuten in einer Art Maxi-Version. Dann pflegte er seine schönsten Blinkermuster herzuzeigen, damit auch ja jeder herschaute, um vielleicht mit ihm spielen zu kommen. Der Zockertyp war ich noch nie, darum war das immer der Moment, von meiner hochwichtigen Schreibarbeit aufzublicken und das Display zu beobachten. Darüber lief dann immer der Schriftzug: “SUN UND FUN”.

Eben nicht “Sun and fun” oder so. Sondern als ob man es genau so aussprechen müsste, ungefähr in Landnürnberger Betonung: “Sunn und Funn”. Die Bedienung war daran gewöhnt, wie ich mir jedes Mal das Lachen ob eines fränkisch sprechenden Spielautomaten verbiss. Einmal wollte ich ihr meine ständig neue Erheiterung nahebringen. Leider war sie keine Linguistin.

Und gerade gestern hab ich keine Kamera dabei und sehe ein kreidegeschriebenes Gaststättenschild: “LUNCH UND BRUNCH”. Gut, dass mir das erst nach meiner Kneipenentlassung passiert. Ich bin schnell weiter.

Soundtrack: Meiner leider etwas verschwommenen Erinnerung nach das letzte Lied, das ich gegen 1990 gegen Bargeld in einer Musikbox gewählt hab — wegen des hinterfotzigen Doppelsinns, den man erst besoffen überhaupt mitkriegt: Ringsgwandl: Radlmare, aus: Das Letzte, 1986. Hat’s das echt je als Single gegeben oder beziehen Kneipen Special Bierfilzl Releases?

Die Königin der Nacht (eulen)

Der Mensch ist doch wie ein Nachtgänger, ersteigt die gefährlichsten Kanten im Schlafe.
Johann Wolfgang von Goethe

 

Heiße Sommernächte bringen einen um den Schlaf.
Also bleibt man lieber gleich wach.
 

Gestern um Mitternacht blühte C.s Epiphyllum. Ich also mehrmals die Treppen in den 4. Stock hoch und zurück und wieder hoch mit dem Equipment. Die erste Blüte vor zwei Tagen fotografierte ich mit abgedimmtem Blitz. Gefiel mir nicht so, wirkte wie Plastik. Die von gestern Nacht aber hey duftig mit indirektem Licht und mehr von hinten. Und mit C.s Hilfe bei den Ausleucht-Tests:

Wir prüfen die Position, wie die Beleuchtung am besten kommt.

C. hilft beim Ausleuchten. Uhrzeit 0:30.

Die Königin der Nacht - nachts um eins, Treppenhaus 4. Stock

Ort: Treppenhaus 4. Stock. Uhrzeit 0:45. Name der Schönen: Königin der Nacht, Epiphyllum. Herkunft: Montenegro

 

Nachteulen wie der Kater wissen: Es lohnt sich, wach zu bleiben.

 

Beiträge zur Arbeitsmoral (Ich begreif nicht, was Ihr habt)

Nämlich zur Arbeitsmoral von Auftraggebern.

——— Robert Gernhardt:

Der Abt von San Marco an Raffael

aus: Schreiben, die bleiben. Höhepunkte abendländischer Briefkultur,
in: Wörtersee. IV: Spaßmacher und Ernstmacher, 1981:

Verehrter Meister Raffael,
wir brauchen die Madonna, schnell!
Seit Monaten ist sie bezahlt,
bis heute hab’n Sie nichts gemalt.

PS Avanti!

Raffael an den Abt von San Marco

Hochverehrter Vater Abt,
ich begreif nicht, was Ihr habt.
Das Bild kommt mit dem Glockenschlag
um zwölf Uhr am Madonnastag.

PS Schickt Chianti!

Wie schön für den Signor Raffaello Sanzio da Urbino, dass er sich solche Antworten leisten konnte; es wird ja nicht jeder knapp drei Jahrhunderte nach seinem eigenen Ableben von Ludwig Tieck und seinem Kumpel Wackenroder in den Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders so hymnisch verewigt, bloß weil er seinen Hintergrund von Wolken auf Engelsköpfe uminterpretiert hat.

Allein den letzteren Schachzug kann heute einer, der nichts als Künstlertum studiert hat, kaum mehr in ausreichend verwölkendes BWL-Deutsch übersetzen, damit’s auch ein Auftraggeber versteht. Dass jeden Tag Mdonnastag sei, versteht er wahrscheinlich schon nicht mehr. Schon 1928 konnte ein immerhin Tucholsky nur noch listenförmig um Ruhe bitten.

Einen Versuch ist es wert: Schickt Chianti!

Soundtrack: Electra: Die Sixtinische Madonna, aus: Die Sixtinische Madonna, Amiga 1980:

A so an Haffa Biacha dahoam

Jetzt kommen’s wieder daher: Kaum hat man sich eineinhalb Jahre dran gewöhnt, dass der Hugendubel am Marienplatz dicht ist, machen sie ihn wieder auf.

Weil so viele Kunden so sehnsüchtig drauf gewartet haben, sagen sie. Weil sowieso jeder “am Hugendubel” sagt, wenn er sich am Marienplatz verabredet, weil “am Fischbrunnen” schon seit 1318 nicht besonders einladend klingt, nehm ich an. “An der Telekom” oder “an dem neuen Luxushotel für arabische und russische Wohnungsspekulanten, denen der Bayerische Hof schon zu runtergewanzt ist”, was das gleiche Gebäude bezeichnen würde, sagt eh keiner.

Wo sie zugemacht haben, war man tatsächlich versucht, mit dem Hugendubel Mitleid zu haben, den man bei seiner ersten Eröffnung als Antichrist mit Rolltreppen dargestellt hat. Der Endgegner Internet war dann doch noch ein Stück größer, und auf einmal war der Hugendubel halt doch bloß ein Bücherladen, und keine Rede mehr davon, dass der nächste größere Hugendubel weiterhin am Stachus haust und der schönere — skurril genug — in den Fünf Höfen, alle zwei fünf Minuten vom Marienplatz weg. Jedenfalls zu Zeiten, in denen man auch wirklich in einen Buchladen hinein möchte.

Laut sämtlichen Presseberichten besteht der größte Vorteil des “neuen alten” Standorts darin, dass man da — o des Novums — “Kaffee trinken” kann und die E-Books jetzt keine gesonderte Abteilung mehr haben. Was mich beruhigt, ist der gar nicht als Vorteil ausgelobte Umstand, dass der Eingang hinten raus zum Rindermarkt liegt. Der letzte Grund, jemals wieder den Marienplatz zu betreten, entfällt also immer noch.

Die E-Books sind jetzt ins Sortiment integriert, als ob sie Bücher wären, und die “Leseinseln” sind ebenso abgeschafft wie drei von fünf Stockwerken. Nur logisch, weil Strombücher keinen Platz wegnehmen, jedenfalls keinen, der Innenstadtmiete kostet. Und ein Buch, das nicht wert ist, es stehend bei Hugendubel auszulesen, wäre auch nicht den — dankenswerter Weise immer noch — gebundenen Verlagsvollpreis wert gewesen.

Ein Gewinn für die Logistik, weil sie ihr Altpapier ab sofort spätestens zum Saisonwechsel zum Hinterausgang vom Luxushotel über den Rindermarkt raus in die Sendlinger Straße karren können, ohne Münchens neue Wohungseigentümer mit Leitkulturgut zu belästigen. Da in der Sendlinger steht nämlich in Nummer 24 eine der wenigen verbliebenen relevanten Buchhandlungen, der texxt, wo sie das ein halbes Jahr alte Zeug für die Hälfte verhökern. Oder es jedenfalls ungebrochen tapfer versuchen. Ganz verkehrt kann’s also nicht sein, wenn in München ein neuer Buchladen aufmacht — auch wenn er alt ist und schon zehnmal offen hat.

Wenn ich so durchvergleiche, hat der texxt alle der angepriesenen Vorteile vom Hugendubel außer dem Kaffee, vielleicht weil schräg gegenüber der Starbucks drinsitzt, wenn’s einer mag. Am Wochenend geh ich dann doch wieder in alle zwei und bestell daheim über Booklooker ein steinaltes Artemis-Winkler für 2,95, das ich mir mit 14 nicht leisten konnte.

Wenn sie beim Hugendubel eine antiquarische Abteilung für Strombücher haben, meld ich mich wieder.

Live vor Ort: Buch Wurm: Hugendubel Neueröffnung Marienplatz 08.17, 1. August 2017: