In diesem Sinne

Schon wahr: Ich werde auf dem Sterbebett nicht denken: Ach, wenn ich doch damals zwei, drei Stündchen länger an dem einen Blog-Eintrag rumrecherchiert hätte.

Leider bin ich ziemlich genau der drittlangweiligste Teigbatzen von ganz München. Zum Vergleich: Der zweitlangweiligste soll in Großhadern auf der Komastation liegen, der langweiligste soll mal bei Pro7 moderiert haben.

Was mir Angst macht, sind die Tage, an denen ich zufällig mal nicht auf dem Sterbebett liege.

Soundtrack. Bach: Solokantate Ich habe genug, BWV 82, Leipzig 1782.
Anspieltipp: Aria Nr. 5: Ich freue mich auf meinen Tod (in der Aufnahme mit dem stilechten Countertenor ab Minute 20:32:

150 Jahre sind alt genug

Frank Zander konnte man schon immer albern finden, aber was den bis heute berüchtigten Bestand an Schlagersängern nach 1970 angeht, hatte man bei dem nie so das Gefühl, der wird doch von der CDU bezahlt.

Ein großer Moment in der trüben deutschen Musikgeschichte der Siebziger war … nein, nicht seine Phase als “Fred Sonnenschein”, auch wenn Hugo Egon Balder als Hamster Fritz mitsingt — sondern seine Platte Donnerwetter 1979. Da war nämlich Captain Starlight drauf.

Von dem Lied hat sich jemand einiges versprochen, es wurden nämlich Versionen auf Deutsch und Englisch, mit und ohne Intro erstellt. Man kann bemängeln, dass es nach dem damaligen Weltraum-Hype schon zu spät kam (der erste Star Wars war 1976), aber Peter Schilling ist mit seinem “völlig losgelösten” Major Tom auch erst 1983 nachgerückt. Dass er einen überschätzten Kubrick-Film elf Jahre zu spät veralbern wollte, hab ich zweifellos schon als “Krieg der Sterne”-Verweigerer in der fünften Klasse gemerkt, weil schon immer auf der Hand lag, dass Kubrick ausschließlich überschätzte Filme gemacht hat.

Das Intro von Captain Starlight vom grunddeutschen Frank Zander hatte dagegen Größe. Ein Kasperleschlager, der wie selbstverständlich mit einem ausführlichen, nirgends erklärten, ja auch nur erwähnten klassischen Streichersatz anfängt — und auch wieder aufhört, wo gibt’s denn sowas? Ich muss einige Male ziemlich gebannt am Radio geklebt haben, die Fernsehsendungen haben den nämlich grundsätzlich unterschlagen.

Später, mit einigem musikalischen Grundwissen, konnte man von selber draufkommen, dass es ein Streichquartett war. Welches, ein bestehendes oder gar ein eigens von Herrn Zander komponiertes, wusste kein Mensch, und zu Zeiten des Internets war Frank Zander schon ein abgehalfterter Schlageropa für ironisch-nostalgische Rückblicke.

Bis zum 18. Juli 2010, als <u<in einem nerdigen Gitarrenforum jemand wusste: Das ist eine Moll-Version aus dem 1. Satz von Joseph Haydn: Quartett D-Dur für zwei Violinen, Viola und Violoncello, op. 64,5; Hoboken-Nummer III: 63, Werkverzeichnisnummer 860, dem vulgo Lerchenquartett. — Stimmt.

Dass Haydn mit Sicherheit keine Moll-Versionen von seinen eigenen, gar nicht mehr genau zählbaren Streichquartetten in Dur-Tonarten angefertigt hat, macht die Antwort nicht erschöpfender, rückt Frank Zander aber in ein geheimnisvolles Licht: Der hat das bestimmt auch nicht umgeschrieben, weil er gelernter Grafiker ist, und welche vier praktizierenden Saitenkünstler für die Donnerwetter eine musikologische Fingerübung eingespielt haben, sollte man Herrn Zander (Jahrgang 1942, berufsbedingt als trinkfester Raucher einzuschätzen) endlich mal selber fragen. Wer traut sich?

Ich wette nur auf soviel: Es ist h-Moll.

Für den nachweis der musikalischen Verwandtschaft ist das Haydn’sche Lerchenquartett in YouTube ausreichend vertreten. Ich möchte eine eher kleine, anrührend dilettantische Version verlinken, die von den Eleven der Levanger Kulturskole, weil deren Instrumente so schön authentisch verstimmt sind. Außerdem mag ich das hagere Tomboy-Nordmädchen an der ersten Geige.



Und weil die jungen nordischen Kulturschüler offenbar mit Allegro moderato, Adagio und Menuetto. Allegretto – Trio schon ausgelastet waren, Haydn aber seine Quartette noch viersätzig gestaltete, müssen die ausgelernten Kolleginnen vom Four Voices String Quartet Vivace zu Ende spielen:

Und nochmal alle vier Sätze als Playlist vom Attacca Quartet im Zusammenhang:

Hasta la Windows 10, baby

Kulturhistoriker behaupten, manche Computer laufen heute — wir schreiben 2017 — noch mit Windows Vista. Allzu viele können es nicht mehr sein, wenn selbst ich seit vorgestern Windows 10 hab.

Eine einfache Geburt war das nicht, fragen Sie die angetraute IT. Es hat zwei Tage gedauert, die dem Gegenwert von etwa fünf Arbeitstagen entsprechen, das erzähl ich jetzt nicht schrittweise nach, weil Sie ja heute noch ins Wochenend wollen. Als konstruktiven Tipp kann ich aber sagen: Man muss Vista zuerst mit Windows 7 überschreiben, kurz wirken lassen (vulgo neustarten) und dann das Windows 7 mit Windows 10 überschreiben. Klingt komisch, ist aber einfacher als jeder andere Versuch. Draufkommen muss man halt, aller Dank und Anerkennung gehen an die IT und nicht an mich, der ich schon am ersten Tag das widerspenstige Waffeleisen (Acer, ca. 2010) zu einem freundlichen Hacker in der Bahnhofsgegend getragen hätte.

Wiederherstellungspunkt nicht vergessen, dann sieht der Computer nicht mehr aus wie ein eselsohriger Regionalkrimi aus dem “Zu verschenken!!!”-Karton, sondern wie die ersten Zuckungen eines Filmvorspanns.

Ist eigentlich schon raus, was nach Windows 10 kommt?

Friedensengel, Portrait

Buidl: Friedensengel, Prinzregent-Luitpold-Terrasse Bogenhausen, 12. Juli 2017.

Soundtrack: Buena Vista Social Club: Lost and Found, 2015:

Bürgerliches Trauerspiel

Der junge Baron bringt’s mit einem Wischer hinaus, das muß ich wissen, und alles Wetter kommt über den Geiger.

Stadtmusikus Miller, Kabale und Liebe, I,1, 1784.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass Kunst nichts mehr wert ist? Da kann man weit zurückschauen: Mehr Mammutfilet als für die abgebildeten Tätigkeiten des Jagens und Abschlachtens ist für Konzeption und Ausführung der Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux auch nicht rausgesprungen.

Offen feindselig wurde gegen Kunstschaffende erst mit der abendländischen Aufklärung vorgegangen, als sich volks- und betriebswirtschaftlich nachweisen ließ, dass Schamanen eigentlich nur den Arbeitenden das Zeug wegkiffen und Kinder mehr Ideen haben als bezahlte Künstler. Diese Epoche wird derzeit noch perfektioniert.

Beim nächtlichen Studium von YouTube wird das besonders augenfällig, wenn man die Live-Aufnahmen klassischer Musik vergleicht: Bis tief in die 1970-er Jahre bestanden Orchester aus bierbäuchigen Familienvätern mit Hornbrillen, die auf ein ernstzunehmendes Monatsgehalt angewiesen sind, ganz wie der Schiller’sche ehrwürdige Stadtmusikus Miller (Cello). Danach sehen Orchester zunehmend aus wie fernöstliche Mädchenschulklassen.

Dass japanische Schulmädchen Musik machen dürfen, ist an sich noch nicht feindseilig; auf den ersten Blick ist es sogar schön vom Herrn Intendanten, überhaupt welche einzustellen. Es fällt nur auf, dass seit dem Einbruch der Billiglohngeschlechter in die Arbeitswelt die Arbeit nur mehr aus Gewohnheit und zur Eindämmung des Arme-Leute-Gemosers symbolisch bezahlt wird, wenn nicht gar vollends ausgeht. Da rede ich nicht allein vom Kunstschaffen, da macht es nur mehr Spaß hinzuschauen.

Ist es Zufall, dass der Preis für Tonträger mit klassischer Musik im gleichen Zeitraum in bestürzender Weise verfallen ist? Auch das ist für uns Musikverbraucher zuerst einmal schön. Oder ein Schlag ins Gesicht für jeden, der sich einst den Hunderter für die Matthäus-Passion unter John Eliot Gardiner monatelang vom Munde abgespart hat: Die gibt’s nämlich heute als Dreingabe für CD-Boxen, auf denen netto eine Woche der erlesensten Jahrhundertaufnahmen zusammengepackt ruht, um auf Amazon noch einen letzten Zwanziger einzutragen und dann nie wieder angehört zu werden.

Der Eintritt für Live-Konzerte kostet ungebrochen die ein, zwei Hunderter wie in den alten Zeiten, als in einem bürgerlichen Mittelstand in auskömmlichen Mengen Geld verbreitet war. Nun geht weder ein Bürger noch einer, der sich dergleichen leisten kann, in ein klassisches Konzert, da sind zwei- bis vierhundert Öcken schnell weg, und da ist noch nicht mal der Sekt in der Pause mit drin. Für vierhundert kann einer allerdings die verbliebene Klassik-Abteilung vom Müller aufkaufen, jedenfalls die relevanten CDs. Und von denen hat er länger als zwei Stunden was.

Ist doch gut? Ja, zuerst schon — für eine Gesellschaft, denen Kunst nicht einfach nur nichts wert ist, sondern die seit einigen Jahrhunderten gegen ihre Geistesarbeiter vorgeht: durch Aushungern, Verunglimpfen, Ausgrenzen — ein politisch gewünschtes, funktionierendes Mobbing. Eine Gesellschaft, die sich den eigenen Kopf absägt.

Zu den Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux wird immer betont, aus welch hochstehender Zivilisation sie nur entstehen konnten. Wenn uns das heute wieder reicht — okay. Jedenfalls hört man von den Leuten aus der Jungsteinzeit weniger Klagen als von den um ihr Leben geigenden Familienvätern und den immer verzweifelt ratlos wirkenden Schulmädchen im YouTube-Orchester. Und in dem gibt’s die Jahrhundertaufnahmen gratis, hurra, zum gleichen Preis wie im Paläolithikum, als die Schamanen legal kiffen und dabei mit den Honoratioren am selben Höhlenbärenfell sitzen durften.

Kann man schon machen. Muss man halt wollen.

Soundtracks: Beethoven: Fünfte, einmal unter Otto Klemperer 1970, einmal unter Chung Myung-Whun 2013: