Latein am Ende

Am gefährlichsten sind die, die sich einbilden, sie könnten denken.

Meister Eder in: Ellis Kaut: Pumuckl und die Katze, ca. 1969.

Wie auch schon nicht mehr ganz so kürzlich dargestellt, glaubt heute so ziemlich jeder, er könnte Englisch. Das ist kein deutscher Irrglauben, sondern ein weltweiter.

Wie’s kommt? Die Leute, die zu Gewinn und Verbreitung von Erkenntnis am meisten auf eine gemeinverständliche Sprache angewiesen sind, die Wissenschaftler, durften bis 1906 ihre Aufsätze, Einträge und Bücher zur allgemeinen Gültigkeit in allerlei Sprachen verfassen: Zulässig waren Englisch, Französisch und Deutsch — und eben nicht nur Latein, wie nach einem weiteren weltweiten Irrglauben. Ganze Fakultäten wie Chemie oder protestantische Theologie waren übers 19. Jahrhundert “in deutsche Hände” geraten und nahezu rein deutsche Disziplinen geworden; kleinere Sprachkreise taten sich weniger oder anderswo hervor und waren deshalb schneller bei der Hand, sich anderen Sprachgemeinschaften anzuschließen. 1906 kam Spanien beim Internationalen Botanischen Kongress damit an, ebenfalls Sprache der wissenschaftlichen Nomenklatur zu werden. Das wäre dann eine zuviel geworden, und fortan musste alles auf Latein veröffentlicht werden. Das ist niemandes Muttersprache und muss von allen eigens gelernt werden, die Gehör wünschen, und damit sind alle gleich mies benachteiligt. In der Botanik, und erst ab 1906.

Das macht aber Englisch zu einer unter vielen Sprachen, in der Menschen — auch Wissenschaftler, zum Beispiel Botaniker — denken, und benachteiligt alle, die zufällig eine andere Muttersprache als Englisch haben. Und als Anfang des 20. Jahrhunderts plötzlich Russisch wichtiger wurde als die eine der drei großen traditonellen Wissenschaftssprachen, das Französische, die wahrscheinlich immer noch leicht beleidigten Spanier gleich ein Regal weiter und Latein, mit dem seit dem alten Rom noch nie jemand recht glücklich war, zu groß. Englisch in seiner trügerischen Leichtigkeit und Tragweite setzte sich gegen alle konkurrierenden Sprachen durch und wurde nicht offiziell zur Nomenklatur ausgerufen, setzte sich vielmehr organisch als solche durch. Diese gewachsene Art des triumphs hält sich viel länger, worüber man jetzt allerhand evolutionäre und moralische Betrachtungen anstellen kann.

Dabei ist Englisch gar nicht so leicht, wie es daherkommt: Praktisch alle Wörter außer ein paar allerjüngsten Importen aus anderen Sprachen sind mehrdeutig und in ihren Bedeutungen gegenüber ihren Entsprechungen bei den Nachbarn verschoben, wo nicht gar diametral entgegengesetzt, kein einziges Schriftbild entspricht dem Lautbild, und der wendige Satzbau tändelt einen knappen Gehalt vor, der anderwärts von mehreren vollständigen Sätzen getragen werden muss. Das wird sich in den meisten Sprachen ähnlich verhalten, ist aber kein vernünftiger Grund für die englische Nachfolge für Esperanto und Ido — jene Versuche des 20. Jahrhhunderts, einfache und neutrale Systeme zu schaffen, als das Bedürfnis nach weltumspannender Kommunikation danach schrie.

So mächtig ist Englisch in gerade mal hundert Jahren geworden, dass eine wissenschaftliche Veröffentlichung in jeder anderen Sprache ein Bekenntnis zur zugehörigen Nation darstellt. Wissenschaft auf Deutsch, Russisch, Japanisch, Suaheli, Esperanto — kann man machen, muss man aber wollen. Zum Englischen als gewachsenem Standard muss man sich trotzdem auf die eine oder andere Art verhalten, so wie längst niemand mehr eine Comic-Maus zeichnen kann, die Micky Maus entweder besonders ähnlich oder besonders unähnlich sieht. Die Gleichheit für alle ist damit keine Neutralität mehr.

Das gängigste Beispiel für die feinen, unauffälligen Sprachabstände ist immer wieder der Unterschied zwischen dem englischen because und dem deutschen weil: Gemeinhin wird das eine 1:1 mit dem anderen übersetzt, weil das begreifliche und lesbare Ergebnisse zeitigt. Ab der Schulzeit neigt deshalb ganz Deutschland nebst angeschlossenen Sprachgebieten dazu, beide Konjunktionen für gleichbedeutend zu halten. Eine Detailanalyse des Unterschieds führt in ziemlich tiefe Sümpfe der Philologie, jedenfalls aber macht because eine Art Vorschlag zur Begründung, wogegen weil den begründeten Begriff festlegt. Da ist kein Disput mehr vorgesehen, da wird nur noch verankert.

Die Untersuchung, nach der die Hälfte des akademischen Personalsder Uni Duisburg Schwierigkeiten hatte, auf Englisch zu schreiben, und immerhin noch ein Viertel, Englisch zu lesen, ist mittlerweile 20 Jahre alt, und seitdem wird sich nicht viel gebessert haben, weil jeder — nicht nur Akademiker unter sozialem Intelligenzdruck — den ganzen Tag Englisches liest und hört, sogar schreibt und spricht und damit sogar mehr oder weniger verstanden wird. So viel Englisch kann jeder, um etwas zu vermitteln.

Unter solchen Voraussetzungen sollte sich aber niemand wundern, wenn auf dem Rückweg der Kommunikation wieder nur halbgar Verständliches ankommt. Die Vernetzung der internationalen Wissenschaft mit ihrer angloiden Lingua franca ist eine Flüsterpost.

Das ist eine historische Entwicklung, was auch bedeutet, dass es nicht auf ewig so bleiben wird. Wenn, ja wenn endlich klar wird, dass wissenschaftliche Texte von menschlichen Gehirnen verfertigt und nicht von standardisierten Computerprogrammen, schließt das ein, dass sie der Übersetzung bedürfen, weil und because Wissenschaft etwas anderes ist als Information. Die Technik der Kommunikation macht menschliche Übersetzungen also nicht überflüssig, sie setzt sie vielmehr voraus.

Und darüber, was auf syntaktischer Ebene in menschengemachten wie in technisch automatisierten Übersetzungen gemeinhin aus Gerundivkonstruktionen gemacht wird, können an dieser Stelle nur kurz suprasegmental die Augen verdreht werden.

Literatur:
— Ulrich Ammon: Deutsch als Wissenschaftssprache;
— Michael D. Gordin: Scientific Babel, Profile Books, 2015;
— Burkhard Müller: Nicht zu wissen, dass man weiß, in: Süddeutsche Zeitung, 11. August 2010, Seite 11;
— Wilhelm Ostwald: Weltdeutsch;
— Thomas Steinfeld: Neutral ist nur die Macht, die alle beherrscht, in: Süddeutsche Zeitung, 22. April 2015, Seite 9;
— Winfried Thielmann: Deutsche und englische Wissenschaftssprache im Vergleich: Hinführen – Verknüpfen – Benennen, Synchron Verlag, Heidelberg 2010.

Die Zicke Cheryl und der kluge Christi

Dass man immer erst aus der Zeitung erfahren muss, was “die Internetgemeinde”, wer immer das ist, beschäftigt: wann Cheryl (w. i. d. i.) Geburtstag hat.

Cheryl, offenbar eine rechte Zicke, hat zwei Freunde, Albert und Bernard. Denen gibt sie zehn mögliche Daten zum Raten zur Auswahl: 15., 16. und 19. Mai, 17.und 18. Juni, 14. und 16. Juli, 14., 15. und 17. August. Dann setzt sie ihrer Zickerei die Krone auf und flüstert jedem “Freund” jeweils die Hälfte der Lösung ins Ohr: Einer kriegt den richtigen Monat, der andere den richtigen Tag.

Albert sagt: “Ich weiß nicht, wann Cheryl Geburtstag hat, aber ich weiß, dass es auch Bernard nicht weiß.”

Bernard sagt: “Zuerst wusste ich nicht, wann Cheryl Geburtstag hat, aber jetzt weiß ich es.”

Darauf Albert: “Dann weiß ich es jetzt auch.”

Angeblich ist das eine lösbare mathematische Aufgabe — im Schwierigkeitsgrad für Vierzehnjährige in Singapur, Taipeh oder Shanghai, wo die Kinder schlimmer als in Wien bis spät in die Nacht in der Eisdiele hängen, Hausaufgaben machen und nur aufstehen, um das Nachhilfeinstitut ums Eck aufzusuchen. Ich finde nicht mal raus, nach wie vielen Unbekannten man da auflösen muss; für meinen Begriff sind eine, zwei oder drei möglich. Außerdem glaub ich nicht, dass diese Cheryl zwischen Mai und August Geburtstag haben soll. Ihrem Benehmen nach ist die mindestens Skorpion, und denen kann man’s eh mit keinem Geschenk recht machen.

Eine Textaufgabe nach meinem Herzen wäre ja:

Kommen drei Mathematiker in die Kneipe: Andi, Bulli und Christi (doch, wirklich, Mathematiker heißen so).

Die Bedienung (Dosi) sagt: “Ein Bier jeder?”

Andi sagt: “Weiß ich nicht.”

Bulli sagt: “Ich überleg noch.”

Christi sagt: “Ja, bitte, stell schon welche her.”

Bleibt bloß noch auszurechnen, wie viele von denen man braucht, um eine Glühbirne einzuschrauben. Ich würde ja die Cheryl scheuchen, die von mir sowieso nix kriegt.

Neue Pinakothek von hinten

Nein, nicht was Sie denken.

Mein Spezl, der hier nicht genannt sein will, hat immer gesagt: “Manche Madeln sieht man lieber von hinten als wie von vorn.” Mein anderer Spezl, der hier nicht genannt sein will, hat immer gesagt: “Manche Madeln hat man lieber vor als wie hinter sich.”

Kann man sich’s wieder aussuchen. Mich nennt WordPress automatisch, da kann ich gleich sagen: Manche Madeln sehen von hinten besser aus als wie manche Bilder in der Neuen Pinakothek von vorn.

Wer mir die Bilder auf den Bildern korrekt benennen kann, gewinnt eine Ausgabe Der west-östliche Diwan von dem Herrn auf dem untersten Bild, rechts im Bild, von 1935. Das Bild kennen Sie. Ist ja auch gar kein Madel. Typisch. Fehlen bloß noch die ersten drei.

Aus dem Buch wurden Hakenkreuz und Eichenlaub wahrscheinlich ab 1945 schon sorgfältig rausgeschnippelt, Sie können es also unbesorgt ins Haus lassen. Antworten bitte bis nächste Woche um diese Zeit, Freitag, den 17. April 2015, in den Kommentar. Nicht dass ich die Schwarte noch ein paarmal abstauben muss.

Neue Pinakothek

Neue Pinakothek

Neue Pinakothek

Neue Pinakothek

Die Bilder wurden von mir mit einer alten, technisch unzureichenden Kamera zu ausschließlich privaten Zwecken erstellt und unbeholfen gephotoshoppt und entsprechen nicht den beruflichen Standards, die ich andernorts habe. Wer durch seine bildliche Darstellung seine Persönlichkeitsrechte verunglimpft sieht, soll sich bitte ebenfalls melden und wird daraufhin sofort entfernt.