Die Banalität des Bösen

Mein Vater wird heuer 80 und hat seit ein paar Wochen einen Herzschrittmacher, die Katze des Hauses ist mit einer Form der Leukämie inkommodiert, die man leider nicht so einfach zu genau den hunderttausend Teuxeln zurückwünschen kann, von denen sie herkommt, im Treppenhaus hängt ein Zettel von der Hausverwaltung, dass wir die Lärmbelästigung entschuldigen sollen, wenn sie “demnächst” die Kastanie im Hinterhof fällen, und in einer deutschen Industriestadt, die einst ein Zentrum der Aufklärung war, halten mündige Erwachsene egal ob harmlose oder tödliche Krankheiten für die Prüfung einer abergläubisch definierten Naturkraft, gegen die man nichts unternehmen darf.

Im Lenbachhaus lernt man derzeit (noch bis 3. Mai 2015) in der Ausstellung über die Künstlerfreundschaft von August Macke und Franz Marc, was Kunst mit Krieg, Tod und Verderben zu tun hat: viel zuviel. Rechnen wir mit: Die ausgestellte Künstlerfreundschaft endete am 26. September 1914 mit dem Ableben von August Macke bei Perthes-lès-Hurlus in der Champagne, Franz Marc folgte am 4. März 1916 in Braquis bei Verdun. Ohne mich mit beider Biographie genauer zu beschäftigen, glaube ich nicht, dass sie dort den Masern erlegen sind, sondern, wie es immer so liebenswert verschüchtert heißt: im Felde der Ehre gefallen. Für uns ist das durchschnittlich hundert Jahre her, was man sich bildlich gar nicht anders denn als raffeliges Schwarzweißfoto vorstellen kann — für die zwei betroffenen Künstler von zarten 27 und 36 Lenzen war daheim die Ölfarbe auf den letzten Werken, deren Farbenräusche im Lenbachhaus richtig toll zur Geltung kommen sollen, noch gar nicht richtig trocken. Die hätten einen anderen Job gehabt.

Mir war der Blaue Reiter immer reichlich wurscht: quietschibunte Pferdchen und Kühchen, anatomisch fragwürdige Portraits überkandidelter Weibspersonen und Urlaubslandschaften in einer Art Plaka-Farben — austauschbares, beliebiges Zeug, ganz nett als Verzierung für Bürokaffeetassen, nicht abgrundscheiße, nur eben nichts, woran ich je Geld und Kunstverstand gewendet hätte. Aber wenn keiner mehr einsieht, was der erste mit dem zweiten Absatz zu tun hat, sind Macke & Marc (und die paar anderen Millionen) umsonst gestorben.

Fünfzig graue Sonnenbrillen

Was sich bloß dauernd alle so aufregen: Ein Kapitalist misshandelt und fickt eine Geisteswissenschaftlerin. Damit die Zuwendungen nicht aufhören, lässt sie sich’s gefallen.

Das nennt man Arbeitsleben. Für den Anteil an Handlung, den jeder Porno aufweisen muss, finde ich das sogar ausgesprochen lebensnah. Und dass genau das nicht als Film funktioniert, weiß man seit 1986.

Metaffiti

Ich träume von einer Welt, in der man für ein Komma stirbt.

Émile Michel Cioran.

In letzter Zeit beobachte ich einen gewissen Freizeitgelehrtenstreit darüber, ob man lieber ein Komma zuviel oder das eine oder andere zuwenig setzen sollte.

Schön, dass das Graffito des Jahres sich einer korrekten Zeichensetzung befleißigt. Und schön, es schon in Kalenderwoche 7 zu kennen.

Dinge, die ich hasse, Grafffiti Thalkirchener Straße

Dinge, die ich hasse:

  • Vandalismus
  • Ironie
  • Listen

Thalkirchener Straße: Unbekannter Typograph, 2014 ff.

Musikantn geigt’s auf

Da verstehen sie sich wieder parteienübergreifend, die Schwollköpfe von der CSU und SPD (doch, echt, München hat eine SPD, und sie regiert sogar): Wenn man bei der Kultur was einsparen kann, warum soll man das dann nicht machen? Weil mir mir san und dahoam dahoam is, bauen wir den Konzertsaal im Gasteig (2387 Sitzplätze) bloß irgendwie und dennen den Herkulessaal (1270 Sitzplätze) a wengl ertüchtigen (das heißt wirklich so), dass die Geigenhanseln nicht grad auf dem Gang zum Schiffhäusl proben müssen und irgendwie eine Dings, eine Akustik dabei hergeht. Nicht dass wieder der Bernstein daherkommt und ihm wie bei der Gasteig-Eröffnung 1985 nix anderes einfällt als wie: “Burn it.”

Die Begründung ist, dass für die schwere Musik auf den Klassikkonzerten doch eh grad das Publikum wegstirbt. Haben sie beschlossen und wahrscheinlich grüabig dabei was zu lachen gehabt, die grauhaarigen Eminenzen.

Deswegen werden wahrscheinlich auch die Jugendprogramme für klassische Musikausbildung weggespart, damit sich das nicht so hinzieht mit der biologischen Lösung. Wenn einer zugeschaut hat, wie lang das Deutsche Theater umgebaut worden ist und der Umbau vom Umbau hinterher, werden wir das eh nimmer erleben, dass wir die eine Generation lang brachliegende Philharmonie im Gasteig eröffnen brauchen. Bis dahin hat schon längst jeder vergessen, dass man Klassik gleich gar abonnieren kann.

Wozu auch. Letzthin hat doch die Milla aufgemacht, wo sie weniger Klassik spielen und dafür viel mehr Augustiner umsetzen. Da hat man doch gesehen, dass sich der Markt selber regelt: Wo eine Musi spielt, da kommen die Leut dann schon dahergeströmt bis in den Keller obe, und wie sich ein privates Engagement rentieren kann: In einen alten Abwasserkanal unter den Glockenbachvorstadtkellern haben die sich ihren Konzertsaal drin hineingemeißelt und fragen auch nix nach einer Akustik! Der Beckenbauer hat sich sogar ganz allein ein neues Bayernstadion am Arsch von der Heide hingestellt — und wird das jetzt benutzt oder nicht? Inzwischen kriegen die Kabarettkasperl und die, wo ein bisserl schön singen können, jedes Jahr ihre Armenspeisung, die wo der Ude noch eingeführt hat. Eine Infrastruktur und eine Nachverdichtung (das heißt auch wirklich so) mit Wohnungen für die solchernen, wo sich München wenigstens noch leisten können, wenn sie schon da sind, also beides auf einmal kann man halt net haben.

Hoffentlich ist es uns noch vegönnt zu erleben, wie einst das Oktoberfest saniert werden muss. Das hat den Vorteil, dass es jedes Jahr aufgebaut und wieder abgerissen wird, damit man auf der gleichen Fläche auch noch mit dem Frühlingsfest und dem Winter-Tollwood eine Kassa machen kann, aber es sollte mich wundern, wenn sie da mit dem Material und den Installationen nicht sparen täten, was geht. Wenn dann die Amis da sind, die zeitlebens ihr Budweiser für Bier gehalten haben, und es haut in einem Jahr nicht mehr recht hin mit dem Bier vorn rein und Vergiftungsfälle hinten raus, wird dann die Wiesn auch in ein paar untergenutzte Mehrzweckhallen im Umland ausgelagert?

Einen Papp natürlich. Das Oktoberfest bringt man viel besser im Schlachthof unter, keinen Kilometer weit von der bisherigen Wiesn entfernt, inzwischen schon selber ein kultureller Austragungsort mit Tradition, und die Speiberei von den Russen und Australiern kann man alle Abend mit dem Schlauch in den Gulli in der Mitte nausspritzen. Einen Konzertsaal zuwegens dem Weltruf — ja, noch was? Senft obendrauf?

So richtig zufrieden scheint bis jetzt keiner mit dem, was passieren soll, das heißt: Da wird schon noch ein Kompromiss rumkommen. Muss ja, wenn man in so einer Demokratingsda wohnt, wo immer gleich jeder Dahergelaufene seine Bürgergoschen mit neihängen darf. Im Gasteig lassen sich ohne größeren Aufwand gleich ein paar Discos einbauen wie in den Kunstpark Ost, ist ja eh gleich gegenüber von der Kinder- und Jugendbibliothek; der Herkulessaal taugt noch als Speis für die übrigen Räume von der Residenz, die wir dann für Events einzeln vermieten, und die Allerheiligen-Hofkirche geben wir der Edeka her, die eh schon die Schrannenhalle haben wollt, als Gastro Erlebnis Welt.

Ein paar Millionen für dem Mozart sein Gejammer, damit ein Publikum, das jetzt dann bald hin ist, in einer Akustik mit einer Weltklasse seine Hörgeräte scharf stellen kann. Vielleicht noch Kindertagesstätten für Familien, die eh alle nach Erding ziehen? Wie wenn’s nicht reicht, dass wir alle Jahre den besoffenen Chinesen hinterherräumen.

Es heißt ja nicht: “München hat nach Beerdigungsgefiedel gedröhnt und nachher nach Magensaft gestunken”, sondern: “München leuchtete.” Vergangenheit, hammer uns?