Katzereien

DEM KATER SÎN BLOG: Hier spricht der Kater.

 Ein Durchfall hat, oft über Nacht, so manchen Flirt zu Fall gebracht! (Katzen-SMS-Volksweisheit)

Eine weitere Nacht, in der sie mir nachts um 3 ein Antibiotikum verpassten. Voll demütigend, wie sie mich hochheben hinten am Kragen und ich nichts machen kann außer den Schwanz einzurollen. Meine Augen funkeln vor Zorn. Weil ich angeblich Katzenkacka mache wie gestreiftes Nutella und das sei so nicht ganz das Wahre. Man schleicht mir auch in mein Katzenklöchen nach, um zu gucken. Mann, ey.

Später las ich noch in einer in der Praxis geklauten Tierarztzeitschrift (gebüldete Kater lesen so etwas) über die neuesten Methoden der Katzen-Diarrhoe-Pankreas-Nieren-Therapien und dem passenden neuesten Diätfutta dazu. Der reinste Dreck, den sie da reinschütten. Wird angeblich begeistert von den Katzen gefressen. Ich will als anständige Katze rohes Hack, wenn es schon kein Whiskas-Mouse gibt. Und bitte das Hack ohne dieses Barfing-Pulver, bäh.

Dann ging ich ein wenig nach draußen vor die Tür, um mit Charlie, dem Blauen mit den großen Ohren zu klönen, um mich von Kacka und Futta und Schlaffa abzulenken. Kriegten sie sich nicht ein vor Freude, dass es mit mir bergauf gehe.

 

 

Bavarian Gothic

Update zu Peregrini Bavarici:

Als ich noch in Nürnberg gewohnt hab, wusste ich gar nicht richtig zu schätzen, dass es da eine … nun ja: quicklebendige Gothic-Szene geben sollte. Mich entschuldigt einzig, dass ich das gar nicht gemerkt hab, und einfach so unter den schwarzgewandeten Bleichgesichtern meine Nervengifte zu mir nahm.

Das ist überhaupt das Schöne an den Gruftis: Es sind die Dickbrettbohrer unter den Subkulturen. Immer mit Edgar Allan Poe und Samuel Beckett befasst, immer ein besinnliches Liedchen auf den schwarz abgesetzten Lippen, stets im Bewusstsein der Vergänglichkeit aller Existenz. Und mit Schwarz ist man sowieso immer und überall angezogen.

Als ich nach Bayern ausgewandert bin, waren die Leute nicht mehr so schwarz, jedenfalls nicht äußerlich. Mit der Vergänglichkeit haben sie’s aber hallo:

Memento-mori-Fensterladen in Lenggries

Memento-mori-Fensterladen in Lenggries

Am Grabe streut man frische Blumen,
Warum im Leben nicht?
Warum so sparsam mit der Liebe,
Bis das Herze bricht!

Den Toten freuen keine Blumen,
Im Grabe fühlt man keinen Schmerz.
Würd’ man im Leben mehr Liebe schenken,
So lebte länger manches Herz.

Mir sagt ja die Unverfrorenheit zu, mit der die Oberländer Goten auf dem linken Fensterrahmen schnauzig und unterkühlt die Chevy-Chase-Strophe in die Memento-mori-Lyrik tragen und ohne falsche Scheu vor genug Senkungen pro Vers “Herz” auf “Schmerz” reimen — und vor allem das lebensbejahende “Im Grabe fühlt man keinen Schmerz”. Amen, Brüder!

Beinhaus St. Jakobus d. Ä., Lenggries

Buidln: Lenggries, glei wo ma einekimmt, und Sankt Jakobus der Ältere, “der Dom im Isartal”, ebenda.
Danke an Ralf für die Kamera, weil bei meiner die Akkus runter waren (soviel zur Vergänglichkeit)!

Analyse, ach Analyse

Twitter-Profilbild Naina, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen.

Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.

Das hat am Samstag, den 10. Januar 2015 Naina aus Köln getwittert, was einem egal sein könnte, wenn es nicht so viele andere interessieren würde — und wenn sie nicht so recht hätte und gleichzeitig unrecht. Internet halt: Interessant ist, was alle anderen interessiert, und was stimmt, weiß erst recht keiner.

Den Vorwurf, den Naina sich selbst und implizit dem nordrhein-westfälischen Schulsystem macht, machen meine Eltern mir explizit seit 30 Jahren. Ich bin nämlich fast 47 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen, und ich wäre glücklicher mit meiner längst abgeschüttelten Ausbildung, wenn ich meine Gedichtanalysen viersprachig abfassen könnte.

Dabei hat Naina wahrscheinlich selbst gar nicht gemerkt, worin ihr eigentlicher Vorwurf besteht: Offensichtlich hat ihr Deutschunterricht versagt, indem er Naina vorenthalten hat, worin der Sinn davon liegt, Gedichte zu analysieren: um wenigstens um die nächsten zwei Ecken herum zu denken.

Uli Hoeneß — ja, warum nicht zum Beispiel der — ist gerade 63 geworden, gilt gerade wegen einer rechtswirksamen Gefängnisstrafe als erfolgreich, und sein Erfolg bestand jahrzehntelang darin, keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherung zu haben. “‘ne Gedichtsanalyse” hält er wahrscheinlich für ein Bierzeltlied, und was soll man denn in einer oder gar in vier Sprachen sagen, wenn man Bratwürste verkaufen kann? “Senf?”

Angeblich konnte Uli Hoeneß vor einigen Generationen mal ganz ordentlich Fußball spielen; Naina ist leuchtend hübsch, jung und dazu noch rothaarig. Sind das nicht die Qualifikationen, auf die es in einer postkonsumkapitalistischen Gesellschaft ankommt? Was sollten diese Schoßkinder des Glücks ihre Lebenszeit an Steuern, Miete oder Versicherungen verschwenden?

Angenommen, das nordrhein-westfälische Schulsystem verfolge einen gewissen Bildungsanspruch, soll es mal die ohnehin viel zu kritisch hinterfragende Naina vom Schadwissen der Gedichtanalyse fernhalten: Berühmt ist sie bereits für die nächste Woche, hübsch bleibt sie locker noch zwanzig Jahre, und noch weiter plant kein Mensch.

Ein gnädiges Schicksal bewahre uns vor einem Gemeinwesen, in dem sich alle mit nichts als dem auskennen, was Naina als “Steuern, Miete oder Versicherungen” verherrlicht. Dann ist, so wundersam das inzwischen klingt, sogar Platz für das, was sie als “‘ne Gedichtsanalyse” anprangert.

Die Naina, die hat doch zu ihrem öffentlich missbilligten Deutsch bestimmt Englischfranzlatein dazugenommen, oder bei neusprachlichem Zweig Spanisch, weil Latein doch sowas von Nineties ist und damit sie auf vier Sprachen kommt und später mal nach dem FSJ in Nicaragua Wasmitmedien machen kann, wetten? Dann auf nach Irland. Da fällt man als Rotschopf nicht so auf, und wie man hört, halten sie da sogar noch was von Gedichten. Steuern, Miete oder Versicherungen? Ja, nee, is klar, ne.

Moment.

Update: Ich hab jetzt ‘ne Ahnung von Miete, Steuern und Versicherungen und kann Gedichtanalysen ohne S schreiben. Immer noch auf 4 Sprachen.

Das hat Naina am 14. Januar 2015 getwittert. Steile Lernkure, alle Achtung.

Bild: Naina aus Köln, 17, dauerhungrig, selbsternannte Prinzessin von allem, 2014.

Nous sommes Charlie

Ich ging in den Westen und sah Islam, aber keine Muslime. Ich kehrte in den Osten zurück und sah Muslime, aber keinen Islam.

Großmufti Muhammad Abduh,
1849 bis 11. Juli 1905.

Mesdames et Messieurs, die meinen uns. Egal wer die fehlgeleiteten Wurstel in Paris zu ihrem unheiligen Kriegszug beauftragt hat — es war niemand, dem etwas an irgend einer Religion liegt; es war jemand, der Errungenschaften wie die Encyclopédie und französische Comics endlich mal ernst nimmt — tödlich ernst.

Mesdames et Messieurs, die meinen uns. In offen konsumkapitalistischen Gesellschaften sind solche wie wir nur volkswirtschaftlich so entbehrlich, dass wir von den Machtinhabern grundsätzlich gewürdigt und bis jetzt sogar ein bisschen schamhaft aussortiert werden; in religiös affirmativen Gesellschaften gehören wir offenbar dutzendweise abgeknallt.

Mesdames et Messieurs, die meinen uns. Mein faustisch geprägter Pantheos und ich nehmen das persönlich. Wenn das Religion ist, nehm ich die Comics.

(Tim Neshitov: Irland, das islamischste Land der Welt erschien in der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch, 7. Januar 2015, entstand also noch ohne den Eindruck der gegen eine Pariser Witzheftchenbude, Denken, Sprechen, Schreiben, Kunst und Anstand gerichteten Nine-Eleven-Aktion.)