Zum Meer

Ja da schau her. Das Motiv gibt’s doch neuerdings als Postkarte — so eine von den künstlerisch gemeinten, die immer gleich einen ausgewachsenen Euro kosten.

Sicher jeden Cent wert. Außer, man latscht zufällig bei Regenwetter durch die Klenzestraße.

Muss man halt erwischen.

Zum Meer Klenzestraße München

Was es nicht als Postkarte gibt, hier und heute als Alternate Take: mit Mauerkletzen. Professionell ist das nicht, aber wie gesagt: Für das Sauwetter geht’s.

Zum Meer Klenzestraße München

Soundtrack: Herbert Grönemeyer: Zum Meer, aus: Mensch, 2002.

Das wird man wohl noch hören dürfen

“Sag mal, ab einem gewissen Alter sollte man doch wählerisch werden, was für Musik man sich noch antun will, oder nicht?”

“Ach? Sind wir wieder auf dem Kulturpessimistischen? Oder auf dem Midlife-Kritischen?”

“Ich hab einfach noch nie die Reichweite von Bayern 1 bei seiner Kernzielgruppe verstanden. Das ist die deutschlandweit höchste, bei den ‘Best Agers’ von 45 bis 69 Jahren.”

“Das wären genau wie viele?”

“Über drei Millionen Hörer täglich.”

“Halleluja. Da sieht man, wie leidensfähig die jetzigen Best Agers noch sind.”

“Wenn die alle so gebildet und gut situiert und qualitätsorientiert und konsumfreudig sind, da werden sie doch wohl noch ihren Radiosender aussuchen können, oder nicht?

“Ja. Sagt jemand was anderes?”

“So ein Radio ist doch voller Radiosender. Warum hören die nicht was Gescheites?”

“Weil sie Radiogebühren zahlen und ihre kulturelle Grundversorgung in Anspruch nehmen?”

Grundversorgung. Ganz recht. Deine Mudder ist grundversorgt.”

“Ja, die auch. Die würde nie wagen, schwarz bei der GEZ zu hören.”

“Die ‘Zwingburg, die man nicht mehr GEZ nennen soll, ein Bollwerk des Bösen, das uns schale Späße unfähiger Gaukler aufnötigen soll, und uns mit Kopfsteuern bestraft, da wir uns widersetzlich zeigten’? (Dietmar Dath: Das Katakombengericht, in: Titanic, April 2013, Seite 38) Die GEZ, die unsere Kopfsteuer vorerst verdreifacht hat?”

“Genau die. Kennst du noch eine?”

“Die eine reicht.”

“Womit wärst denn du gerne versorgt?”

“Ein Direktvergleich der Filmlisten von Ernst Lubitsch und Billy Wilder. Die endlich auseinanderzukennen, das wär schon mal ein Anfang.”

“O ja. Da wär ich jetz auch als erstes drauf gekommen …”

“Auch nicht abseitiger als ein Direktvergleich, in welchem europäischen Land sie heuer das schönste Lied gesungen haben.”

“Die wollen das so. Die haben sogar dafür bezahlt.”

“Glatter Missbrauch der Meinungsfreiheit.”

“Unternimm was dagegen. Aber ich sag’s gleich: Die anderen sind mehr. Und du weißt, was das in einer Demokratie bedeutet.”

“Interner Gruß der stolz politisch Inkorrekten: Das wird man wohl noch sagen dürfen!”

“Geh DVDs gucken.”

Unter Lieben, Trinken, Singen

Update zu Cooles Essen:

Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten!
Unter Lieben, Trinken, Singen
Soll dich Chisers Quell verjüngen.

Goethe: Hegire, aus: West-östlicher Divan, 1819/1827, Anfang.

Saufen und Aufmucken, man mag es gutheißen oder nicht, waren schon immer eine deutsche, nun ja: Einheit. In der ersten funktionierenden Version Deutschlands als geschlossenes Konstrukt, dem nachnapoleonischen Deutschen Reich, galten Kneipen an regierenden Stellen als Brutstätte des Widerstands. Bis heute wird unterstellt, das, was an Stammtischen betrieben werde, sei Politik.

In diesen postmodernen Zeiten muss man ja ohne Alkohol fröhlich sein. Daher ist es nicht zwingend als Teilsieg eines aufmuckenden Islamismus zu werten, wenn morgenländische Rip-offs von Coca Cola den abendländischen Basar überschwemmen.

Liter Cola Turka, Flasche 1 Liter 99 CentVon uns am lebendigen Leib getestet wurde Cola Turka, weil’s das in unserem Gemüse-Mekka Goethestraße gibt (1 Liter: 99 Cent). Das Urteil aus unserem privaten Pepsi-Test: Typische Tiefschwärze, erfüllt in Pappigkeit und Dursterzeugung alle Verbrauchererwartungen, überzeugender Rülpsfaktor. Insgesamt auch nicht grauslicher als herkömmliche Zuckerlösungen. Gut.

Sobald unser zuständiger Cavusoglu sein Angebot verbreitert, vergleichen wir:

  • Evoca Cola, EU-weit aus London für orientaffine Zielgruppen;
  • Mecca Cola, Algerien;
  • Parsi Cola, Iran, direkte Konkurrenz zu Zamzam, ohne eigenen Web-Auftritt;
  • Qibla Cola, Pakistan, ohne eigenen Web-Auftritt;
  • Cola Turka, Türkei, vom global agierenden Lebensmittelriesen Ülker, auch als 3-Liter-Bombe erhältlich;
  • Zamzam Cola, Iran.

Vaterlands- und gottlose Allround-Rebellen (Berlin-Mitte-Hipster, die irgendwie an Unis wie Freiburg im Breisgau, Greifswald oder Tübingen hängen geblieben sind, Liegeradfahrer, Unixer) werden sich ihr Cola lieber in bewusstem Widerstand zu allen Ideologien selbst mischen. Jetzt, wo die OpenCola-Bewegung offiziell ausgeblubbert ist, das Rezept aber noch online steht, müsste es ja wieder “gehen”, oder nicht?

Widerstand gegen den Widerstand, prinzipell eine zutiefst hippe Konstellation, regt sich bei den Erfindern der modernen Demokratie, die ihre Monarchie nie aufgeben wollten: In Newcastle upon Tyne, Northumberland hört eine von unbeugsamen Linksfahrern bevölkerte Brausefabrik nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. West und Süd und Ost zersplittern, Throne bersten, Reiche zittern — nur Fentimans füllt alles in Flaschen, was nicht sofort Glas zersetzt, bis keiner mehr weiß, ob es als Cola, Nährbier, Cocktail, zur Einnahme oder zum Waschbeckenputzen gemeint war.

Cool, die Engländer. Sieger nach Punkten, von denen einem nach dem “Genuss” wahrscheinlich der ganze Körper übersät ist: Fentimans! Burp! Tschuldigung!

Wir spinnen

Update zu Alle Schmetterlinge sind schon da
und Bus 502 ins Präkambrium:

Dem einen Merksatz sind wir dieser Tage überall begegnet: Gegen Spinnenfurcht hilft Spinnenwissen.

Das ist der abschließende Satz im zweiten und letzten Teil der Bemerkungen über die Spinne von Horst Stern 1975, im Original etwas erweitert, aber genau mit dieser Grundaussage. Als Fernsehmomente noch groß sein und nachhaltig beeindrucken konnten, waren legendäre Fernsehserien möglich. Und was Dokumentarfilme angeht, gibt es kaum eine nachhaltigere Legende als Sterns Stunde 1970 bis 1979.

Vor Jahren hab ich mich schon gefreut: Ui, fein, es gibt ja jetzt das Internetdings, da kriegt man bestimmt Sterns Stunde, vor den Spinnenfilmen graust mich heute noch. Wie schön festzustellen, dass Technik und Markt endlich weit genug fortgeschritten sind, um diese zwei Sternsstunden auf etwas anderem als mit Super 8 vom Fernseher abgefilmten Spulen erreichbar zu machen. Kaum dass die DVD technisch überholt ist, geht’s.

Nahezu gleichzeitig mit dem kostbaren Zuwachs unserer DVD-thek findet das Museum Mensch und Natur es passend, lebendige Spinnen in sehr übersichtlichen Terrarien auszustellen und es Faszination Spinnen zu nennen. Spinnenwissen zum Anfassen. Oder jedenfalls fast, gerade mal durch eine Vitrinenscheibe vom Streicheln abgehalten.

Flauschig sind sie nämlich, warum gruselt man sich eigentlich so? Weil Mädchen immer vor Schlangen Angst haben, Jungs vor Spinnen, wofür Professor Freud bestimmt wieder eine seiner schlüpfrigen Erklärungen hat? Weil sie flauschig sind wie Miezekatzen und zugleich giftig wie bescheuert? Weil sie Milben auf ihrem ekelhaften Hintern herumschleppen, weil sie ihre Männchen nach dem Vernaschen vernaschen, weil sie weiß der Himmel was mit ihren acht Beinen anstellen können, weil sie mit ihren acht Augen weiß der Himmel was durchschauen, was sie nur selbst wissen? Weil Arachnophobie gesellschaftlich so anerkannt ist, dass man endlich mal nach Herzenslust vor Angst zittern darf, ohne sich nebenbei noch zu genieren?

Wie alle Erklärungen großer Zusammenhänge ist das wahrscheinlich alles wahr und unzulänglicher Mumpitz auf einmal, mit seiner Angst steht jeder allein. Mein persönliches Verhältnis zu Spinnen ist seit jeher von einer Art respektvoller Distanz geprägt: Die Viecher rechnen sicher unter die zehn faszinierendsten Geschöpfe in Gottes großem Tiergarten, im Walde sollte man sie mit Interesse studieren und bewundern, aber bitte nicht gerade auf meinem Kopfkissen. “Angst” im Sinne von Panik sieht anders aus. Es ist auch kein “Ekel”, mehr ein “Grauen” im Sinne von H.P. Lovecraft.

Spinnentiere leben, streben und vor allem: weben seit dem Silur auf Erden. Das liegt tief im Erdaltertum, als auch Trilobiten auftraten — lange bevor sich ein Gebirge in die Höhe faltete, das heute noch aufrecht stünde — lange vor den Sauriern. Das ist dermaßen blödsinnig unvorstellbar lange, dass man sich ganz klein und kindsköpfig vorkommt im Angesicht eines zwei Zehntel Millimeter großen Krabbeltiers.

Spinnen haben schon Schachtelhalme gesehen, die noch nicht einmal so groß wie Dinosaurier sein konnten, weil kein Chitin gewordenes Aufblitzen der Evolution wusste, was ein Dinosaurier sein soll. Millionen Jahre später sind sie auf ihnen herumspaziert und zeigten sich wenig beeindruckt, als sie wieder ausstarben, dazu hatten sie schon damals zu viel gesehen — und wer waren nochmal neulich diese weltbeherrschenden Trilobiten?

Wer eine Spinne anschaut, blickt in einen Abgrund einiger Jahrhundertmillionen. Und darf mit Fug annehmen: Dieser possierliche Geselle weiß allerhand, wovon ich nie einen Begriff haben werde. Da soll einem nicht grausen.

Wer sich seit dem Silur kaum verändern musste, war offensichtlich von Anfang an eine überaus taugliche Lebensform. Die mussten nie “was aus sich machen”, die genügen schon immer. Was so eine Spinne ist, die funktioniert in wesentlichen Teilen als Selbstläufer: Weitgehend unerforscht bleibt, woraus ihr alltäglich anzutreffender Spinnfaden überhaupt besteht, wie sie ihn in ihrem sparsam ausgestatteten Innenleben chemisch zusammensetzt und formt, und wie sie ihn aus ihrem sinnreich gegliederten Körper herausbekommt, der keinen Innendruck aufweist. Dagegen weiß man aus der Beobachtung, dass sie ihn nach Gebrauch auffrisst. So geht Recycling.

Auch das berüchtigte Aufessen von Geschlechtspartnern geschieht nicht aus feministischer Gehässigkeit, sondern zur Verwertung ansonsten nutzlos herumfaulender Proteine. Übrigens verwerten einige Spinnenarten sogar ihre eigene Person: Das Weibchen eines eindrucksvollen lateinischen Zweiteilers nicht unter sieben Silben durchspült sich in ihrem Nest voller süßer kleiner Spinnenkinder selbst mit Verdauungssaft und löst sich zu Babynahrung auf. Eat this, Professor Freud.

Von den phantastisch einfallsreichen Methoden zum Insektenfang ganz zu schweigen, beschreiben doch Gattungsnamen wie Springspinne (z.B. Salticus scenicus), Speispinne (z.B. Scytodes thoracica) oder Bombardierspinne (z.B. Brachypelma smithi) hauptsächlich das Verhalten gegenüber Beute und Fressfeind. Die Gesamtheit der Spinnen ist demnach kein Perpetuum mobile — aber die Richtung stimmt, alle Achtung.

Und wie gelehrt sie alle heißen. Die erwähnte Brachypelma smithi mit den roten Knien, unter denen sie sich verstecken kann, gilt als die schönste von allen (bis sie einen mit Brennhaaren von ihrem hübschen Hintern besprüht); Grammostola rosea und pulchra kennt man als samtige, schwarzschimmernde Monster aus Bewerbungsarbeiten von Filmregisseuren aller Altersstufen fürs Sundance Film Festival; Psalmodeus cambridgi hat eine tolle Mittelwirbelfrisur, ohne sich je zu kämmen; Chromatopelma cyaneopubescens ist auf den Bildern aus Venezuela immer leuchtend zyanblau, nur in der Ausstellung in München nicht; Acanthoscurria geniculata soll laut Beschreibung “recht aggressiv” sein, sonnt sich aber unter ihrer Glühbirne wie alle anderen auch; Vitalius wacketi soll schon eine der größten sein, kommt aber auch nicht weit über acht Zentimeter Körpergröße oder siebzehn Zentimeter Beinspannweite; und die bescheidene Heteropoda venatoria geht fast nackt einher, gilt dabei als harmlos bis nützlich und ist in tropischen Lagerhäusern gern gesehen, weil sie blitzschnellen Schrittes und sicheren Zugriffs das Ungeziefer fernhält.

Wenn jetzt noch bis 23. Juni 2013 in den Vitrinen des Münchner Museums Mensch und Natur ein paar besonders pelzige, besonders fettbeinige, besonders rot-schwarz gestreifte und besonders giftige Vertreterinnen (die Weibchen machen mehr mit und leben länger) die Faszination der Spinne demonstrieren sollen, halten die das auch noch durch. Wir, die wir glauben, der Spinnenschaft einen artgerechten Dienst zu erweisen, indem wir sie auf viertelquadratmetergroßen Baumrindenhäufchen eingeglast der Schaulust von Arachnophoben und Arachnophilen preisgeben, wir sind schon lange angezählt. Du und ich und wahrscheinlich sogar Horst Stern, schade eigentlich. Am Ende aller Tage können wir die unverändert gedeihenden, sich vermehrenden und verzehrenden Spinnen dann fragen, wie unser Erdzeitalter geheißen hat, falls sie das in dem nachschauen können, was es dann anstatt eines Internets gibt, und ob wir uns besser gehalten haben als ein paar Äonen zuvor die Dinos oder wenigstens annähernd so gut wie die Trilobiten.

Da kommen wir aber mit den sechs Euro Eintritt nicht mehr aus.

Brachypelma boehmei

Bild: Micha L. Rieser: Frisch gehäutetes Weibchen der Brachypelma boehmei, 21. Mai 2012.

Filzeierwärmer

Kein Mensch braucht eine einzige andere Website außer Wikipedia, von mir aus sogar die große Lösung in allen Sprachen. Flickr und Vimeo sind schon Luxus. — Ja, Vimeo. Was denn sonst? Der feinste Zug von dem Dilettantenkonstrukt YouTube ist, dass es sich filmchenweise selber zusperrt. Hochgerechnet sind in zehn Jahren endlich alle YouTube-Videos “für dein Land nicht zugelassen. Das tut uns leid.”

Das Wirtschaftsleben bröselt so flächendeckend in sich zusammen, seit jeder eine eigene Website haben musste. Wahrscheinlich erinnert sich niemand mehr daran, weil die Dinger da noch Homepage hießen und seitdem der Soundtrack der Welt sowieso wie die letzte Spur auf The Wall klingt. Ohne dass eine Korrelation notwendigerweise eine Kausalität ist: Wenn niemand eine Website hat, dann braucht auch niemand anders eine. Dann kann endlich jeder seiner ehrbaren Arbeit nachgehen.

Sehe ich da den Herrn mit schwarzem Zwirn und Fassonschnitt nachsichtig grinsen? Höre ich ihn, wenn er heute sehr milde drauf ist (Brückentage!), mich herablassend belehren, dass man das “dem Markt” ja wohl sich selbst überlassen müsse, weil der bis jetzt noch alles allein geregelt habe?

Hat er eben nicht. Und wer von uns beiden der Zyniker ist, will ich nicht ausgerechnet mit ihm diskutieren. Das geht nämlich von meiner ehrbaren Arbeitszeit ab.

Wovor hast du eigentlich Angst? Du hast kein Problem, wenn du ein Reihenhaus mit Filzeierwärmern, ein Auto mit Kiesauffahrt und einen eingefahrenen Job hast. Du hast ein Problem, wenn du kein Reihenhaus mit Filzeierwärmern, kein Auto mit Kiesauffahrt und keinen eingefahrenen Job hast.

Was davon hast du mit Hilfe einer Website bekommen? — Na gut, die Eierwärmer. Aber das war über die Website des Herrn im Zwirn.

Q.e.d., und jetzt muss ich erst Facebook abfragen und dann Websites texten.