Von Katzen lernen, Teil einhundertelfzig

Die Betriebskatze Moritz zeigt von jeher ein besonderes Interesse an ernster Musik (Blues, Klaviersonaten) und spirituell begabten Wirbeltieren. Was Wunder, dass er früher oder später auf Hélène Grimaud verfallen musste.

“Die ist hübsch, ne?” sagt Moritz.

“Da bin ich froh, dass dir das aufgefallen ist”, sag ich.

“Mrr.”

“Was treibt einen Menschen überhaupt dazu, mit 34 seine Autobiographie vorzulegen?”

“Ein tiefes Wissen um die Dinge des Lebens.” Moritz weiß, wovon er spricht.

“Aber ihr Übersetzer weiß nur lückenhaft um die Dinge der Kommasetzung”, wende ich ein.

“Du bist ein nickeliger Rechtschreibsnob, o bester aller Dosenöffner.”

“Na, immerhin hat er Variations sauvages mit Wolfssonate übersetzt.”

“Eben. Es zahlt sich aus, wenn eine Frau toll Musik machen kann, sich für Wölfe engagiert und auch noch so unverschämt gut aussieht.”

“So viel auf einmal in einer einzigen Frau. Das ist nicht fair.”

“Meister, das Leben ist nicht fair, außerdem ist sie Französin. Und guck doch, was sie für kluge Tiere kennt:”

Man interessiert sich mehr und mehr für die übersinnlichen Fähigkeiten, über die manche Menschen verfügen. Dieser sechste Sinn, diese Intuition, die es manchen erlauben, die Zukunft vorherzusagen, die Gedanken anderer zu erraten und die geheimen Verbindungen zwischen Leben und Tod zu erkennen. Liegt das daran, dass ihr Charakter duch nichts verdorben worden ist? Viele Tiere haben die gleichen Fähigkeiten bewiesen. Und die Geschichte ist voll von solchen Fällen.

Cover Hélène Grimaud, Variations sauvages, 2003So hatte Ludwig XI. den Esel Brunot seinem Herrn abgekauft, der das Wetter vorhersagen konnte.

Die Goldfische des japanischen Kaisers machten ihn 1923 durch ihr aufgescheuchtes Verhalten, das so weit ging, dass sie sich aus ihrem Glas stürzten, auf ein drohendes Erdbeben aufmerksam.

Sämtliche Hunde von Hiroshima heulten schaurig ein paar Stunden, bevor die Bombenflugzeuge die Stadt erreichten.

In Freiburg begann am 27. November 1944 eine Ente, die die Wärter wegen der Eigenartigkeit ihres warnenden Verhaltens überwachten, wütend zu schnattern und versuchte mit allen Mitteln auszubrechen. Alarmiert, begann ein großer Teil der Bevölkerung zusammen mit ihr in aller Eile die Stadt zu verlassen. Dreißig Minuten nach ihrem Aufbruch vernichtete ein Bombenhagel um die dreitausend Bewohner und die Altstadt.

In Spanien weigert sich ein Pferd trotz der Peitschenhiebe des Kutschers, in einen Bergtunnel hineinzugehen. Die Autofahrer hinter dem Gespann hupen wütend. Vergeblich. Obwohl einige Fahrer ihre Autos verlassen haben, um das störrische Tier mit Hü-Rufen an den Straßenrand zu ziehen, rührt sich das Pferd nicht von der Stelle. Und zu Recht: Ein paar Augenblicke später stürzt der Tunnel ein.

Sechs Monate vor dem Umzug der Pariser Markthallen aus dem Zentrum der Hauptstadt machen sich zwei Millionen Ratten, auf unerklärliche Weise informiert, auf den Weg nach Rungis, dem neuen Standort des Bauchs von Paris.

Wochenlang verlässt die Katze von Winston Churchill nicht das Bett, in dem ihr kranker Herr auf die Besserung wartet, die die Ärzte ihm vorhergesagt haben. Die Genesung soll unmittelbar bevorstehen. Ein paar Stunden später stößt die Katze schreckliche Schreie aus, springt mit einem Satz vom Bett und flieht aus dem Zimmer. Am folgenden Tag stirbt Churchill.

Verärgert über das ständige Winseln seines Pudels Baron, schenkt Victor Hugo ihn seinem Freund, dem Marquis de Faletans, der als Diplomat nach Moskau geht. Dieser adoptiert den Hund und schreibt dem Dichter regelmäßig, wie es ihm geht. Bis zu dem Tag, an dem Baron verschwindet. Trotz der Suchanzeigen und der ausgesetzten Belohnung wird er nicht wiedergefunden. Ein paar Monate später kratzt Baron abgemagert und mit blutigen Pfoten an der Tür von Victor Hugos Wohnsitz. Er hatte viertausend Kilometer zurückgelegt, um sein Herrchen wiederzufinden …

Und was soll man von Mohilov sagen, dem Hund des Herzogs von Enghien, den man mit Gewalt von seinem Herrchen wegziehen muss, der zu den Gräbern von Vincennes gebracht wird, um dort hingerichtet zu werden. Sobald er wieder freigelassen wird, rennt der Hund wie verrückt los, findet ganz allein den Weg zum Friedhof und legt sich winselnd auf das Grab seines Herrn. Vermutlich wäre er dort gestorben, wenn der Herzog nicht testamentarisch bestimmt hätte, dass aufs Beste für seinen treuen, seinen treuesten Begleiter gesorgt werden soll …

“Lies das nochmal mit der Katze”, sag ich.

“Die ein paar Stunden später schreckliche Schreie ausstößt, mit einem Satz vom Bett springt und aus dem Zimmer flieht?”

“Ja, bitte.”

“Nein, danke.”

“Irgendwas ist immer.”

“Du lernst schnell, Meister.”

Dann zeigt er mir noch 21:23 Minuten lang die vorletzte Klaviersonate von Beethoven, Nr. 31 As-Dur opus 110 im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, 2001. Übrigens im Vollbild. Von Katzen lernen heißt leben lernen.

Prinzessin Wolfgang Amadeus I. (B-Dur)

“Der Wolf.”

Den herablassenden Tonfall kenne ich. Wenn Vroni so spricht, folgt entweder eine Missbilligung meines Verhaltens oder ein “Vorschlag”, es zu ändern. Meistens beides.

“Der Wolf bei seiner Lieblingsbeschäftigung: zu klassischer Beschallung schlafen.”

“Ich schlafe mitnichten.” Wer heute wissenden Sinnes klassische Musik hört, ist daran gewöhnt, sich zu verteidigen.

“Ach, nicht? Wie nennst du das?”

“Ich höre wissenden Sinnes Mozart. Das erste Violinkonzert, wie du bemerkst.”

“‘Wissenden Sinnes’. ‘Sehenden Auges’ wäre jetzt blöd, stimmt’s?”

“Die hochstehenden Studioaufnahmen geben visuell nix her. Auf DVD gibt’s immer bloß austauschbare Live-Mitschnitte.”

“Was findest du dann an deiner hochstehenden Studioeinschlafgeige?”

“Ich denke über den Lebenswandel von Mozart nach. Stell dir mal vor, du bist 17 und willst grade dein erstes Violinkonzert niederschreiben.”

“Ja, ich versuch’s schon die ganze Zeit …”

“Sehr schön. Fängst du dann dein allererstes Violinkonzert ausgerechnet in B-Dur an?!”

“Naja … Wenn ich schon fünf Opern, sieben Klavierkonzerte, die Hälfte meiner Symphonien und zwei Konzertmeisterstellen mit Sonaten für eine ganze Hofstallung voller Instrumente im Porfolio hab – gut, warum nicht?”

“Weil B-Dur eine Tonart für Prinzessin Lillifee ist, drum!”

“Du kannst ja das erste Violinkonzert von Mozart selber nochmal schreiben. Und dann in E, oder welche Tonart immer du für harte Männer geeignet hältst.”

“Warum sollte ich das tun? Ist doch schon geschrieben.”

“Aber nicht zu deiner Zufriedenheit. Geh hin und mach’s besser.”

“Würde ich mich mit Mozart anlegen? Der Bibel auf zwei Beinen?”

“Wieso nicht? Ist doch schon tot, mitsamt seinen wadlstrümpfigen Beinen.”

“Weil ich nicht Guttenberg heiß.”

“Guttenberg-Bibeln sind doch die teuersten.”

“Auatsch. Mein Spruch.”

“Schenk ich dir.”

“Und ich darf ihn lizenzfrei wiederverguttenbergen?”

“Ein Bibelspruch war’s ja nicht grade.”

“Vor Gutenberg waren sowieso alle Bibeln Guttenberg-Bibeln.”

“?!!?”

“Klar – weil sie immer einer abschreiben musste.”

“Auatsch. Ich glaub, wir sind quitt.”

Soundtrack: Wolf Amadeus Mozart: Violinkonzert 1, B-Dur, was sonst.

Vorsicht Auftrag! Das QUALITÄTS-Internet.

Die enorme Steigerung der Qualität der Anfragen
seit es dieses ähm Internetz gibt.

 

Anfragen, die ich im Stundentakt so bekommen habe:

Kreativer Design-Auftraggeber:

„… habe ich schon ein Bild im Kopf, wie das Logo aussehen könnte! Und zwar ein nach unten geöffneter Magnet wie das A von Axxxxx und Attraktivität und ein B wie Bxxxxx wie ein um 90° gedrehtes Herz.“

Im Grafikerhirn ein gordischer Knoten am Entstehen ist.

 

Smart II

„… bewundere ich Ihr Lebenswerk, d.h. die Agentur und ihr ganz nebenbei liebevoll gepflegtes, originelles Logbuch!“

Ich will Ihnen gleich eine nutzlose Sache aufschwatzen!

 

„… biete Ihnen emotionale, inspirierende Texte an. Dafür machen Sie uns das Logo zu dem Portal kostenlos.“

Liefere Ihnen hohles Geschwalle.

Wenn dafür dieses irrwitzige Hunde-gegen-Torten-Portal, das keinerlei Monetarisierungsansatz aufweist, nicht fliegt, welches ich als Projektarbeit von meinem Professor aufgebrummt bekommen hab, sind Sie mit Ihrem Logo schuld.

 

Smart III

„Auch wenn es nur eine technische Umsetzung ist, will ich auf gar keinen Fall dafür Design-Nutzungsrechte zahlen. Löschen Sie speziell für diesen Auftrag die Nutzungsrechtsbestimmungen in Ihren AGB!“

Übers.: Ich habe die Anwartschaft auf Kunde aus der Hölle und du kannst gar nix dagegen machen!

[Anm. d. S.: Für rein technische Umsetzungen sind eh keine Nutzungsrechte zu vergüten. Wozu dann umständlich in den AGB die Nutzungsrechtsabsätze entfernen, wenn sie ersichtlich eh nicht greifen.]

 

Klever aber nicht klever genug IV

„Lassen Sie uns kooperieren/Synergien nutzen.“

Sie Print-Grafikerwurm, von dem wir Supertekkies annehmen, dass Sie sowieso kein gescheites Webdesign können, leiten an unsere IT-/Internet-Solutions-Com-Sys-Firma Ihre nichtsahnenden Auftraggeber weiter. Wir gedenken aber unsererseits nicht, Ihnen eine Gegenleistung anzubieten.

Reloaded: Du sollst etwas für uns tun. Aber wir tun sicher nichts für dich.

Ohne dieses ähm Internetz wüsste man gar nicht mehr, wie man noch leben und arbeiten sollte. Gebe Kalleblomquist insgeheim recht:

„Wissen Sie was sie produziert haben? Dicke Goldadern von Kundschaft die – von putzigen Katzenbildern über von Homosexuellen gefickte Kinderärsche bis Betroffenheit über spanische Mieter und böse Banken – alles “liken” und sich gleichzeitig einen Scheiss um irgendwas kümmern. Glückwunsch und viel Spass beim Malochen in den Scheisseminen der Aufmerksamkeitshölle!“

Übesetzung diesmal nicht notwendig.

Quelle: http://rebellmarkt.blogger.de/stories/2158955/#2159068

 

Goldener November schlägt silbernen Oktober.

Es ist ja nicht immer so, dass der Oktober golden ist. Kitsch kann jeder.
Sieben Raben auf einem Baum

 

Manchmal ist er eine regelrechte Kältewanne.
Wasserfall am Flaucher

 

Dafür haben wir seit einiger Zeit immer öfter einen wunderbaren November.
Goldenes Ahornblatt im Herbst

 

Kann mich sogar an einen November erinnern, an dem die Palmkätzchen rauskamen.
Wolf schaut gegen die Sonne

Und man lichtscheue Wölfe zum Schnüren gebracht hat.

 

 

Wie der Pinguin zur Banane kommt

Diese erfrischende Firmengemälde in meinem Viertel steht schon länger. Habe immer wieder vorgehabt, es zu fotografieren.

 

Komme mir zur Zeit auch wie ein Pinguin vor, der nicht-artgerecht Bananen herumträgt:

Ich weiß diese Woche einfach nicht, welche kosmischen Verwirrungen zugange sind und warum manche Leute einem komische Jobs, komische Sprüche unter den Flügel drücken.

[1]
Bei der Suche nach dem äthiopischen Restaurant bei einem georgischen Restaurant gelandet. War aber auch nicht schlecht. Wir hatten ihr was abgezweigt und heimgebracht, die mäkelige Katze allerdings missbilligte georgischen Spieß. Weil sie Afrikaner ist.

[2]
Endlich ein Proof des Herstellers zu veranlassen dauerte fast eine Woche. Grummel. Und dann wurde einem höflich aber stringent mitgeteilt, dass es nur zu Ansichtszwecken sei, und dass man nicht vorhabe, was zu ändern.

Dann ran mit dem mutigen Fortdruck, das ist dann wirklich mutig vom Hersteller. Notiz an mich: Werde bei neuen Sachen selbst Proofs bei eigenen Satzstudios veranlassen, das kanns ja nicht sein.

[3]
Anruf, ich soll einen Relaunch machen. Aber das Logodesign soll, laut Geschäftsleitung verm., unangetastet bleiben, Bedingung. Man habe es seit 50 Jahren. Ist ja eigentlich schön, dass so bodenständig Kontinuität bewahrt wird, das sieht man selten. Sah mir anschließend das Logo an und sagte spontan ab. Es kommt definitiv in die typografische Halloween-Gruselkammer. Wie soll mit diesem Stilbruch zwischen Bildmarke und Wortzeichen ein Design-Relaunch und ein Design-Manual gelingen.

Der gleiche Anruf sagte mir tatsächlich auch, dass auf meiner Website zu viel Text stehe. Schaute sofort in meinen Stats nach, wieviel Seiten dieser Anruf angeschaut hat: 28 Seiten. Werde diese Aussage zusammen mit dem sakrosankten Un-Logo als KMU-Google-Realsatire abbuchen.