Tautologischer Pleonasmus

Atticus told me to delete the adjectives and I’d have the facts.

Harper Lee: To Kill a Mockingbird, 1960.

Update zu Und zwar es ist ja doch so:

Wird ja so viel sinnlos geredet hetzutage, hat meine Großmutter gesagt, und wenn man genauer googelt, ein paar Vorsokratiker bestimmt auch schon.

Und weil gleich wieder Weihnachten ist, wünsch ich mir, dass ich nie wieder sinnlose Adjektive lesen muss. Sinnvolle schon, und davon jede Menge. Das ist wie bei allen anderen Formen der Umweltverschmutzung auch: Jeder kann mithelfen.

Für den Anfang merken Sie sich einfach, dass “lecker” keinen Geschmack beschreibt. “Lecker” beschreibt gar nichts, noch nicht mal den geistigen Zustand der Benutzers; in den letzten Jahren hab ich die zurechnungsfähigsten Leute “lecker” sagen gehört. Erst bei “total lecker” falle ich jedes Mal in Zweifel.

Wenn Sie das geschafft haben, sagen Sie einfach nie wieder (alphabetisch):

  • ansprechender Flyer;
  • berstend voll;
  • blauer Himmel;
  • brütende Hitze;
  • finsteres Mittelalter;
  • frische Luft;
  • fröhliche Urständ;
  • gesunder Menschenverstand;
  • grüne Wiese;
  • heiße Endphase;
  • kochend heiß;
  • pfiffige Schreibe;
  • schnöder Mammon;
  • spitze Feder;
  • tierisch ernst;
  • wohlverdienter Ruhestand.

Und wenn Sie’s schon nicht lassen können, so zu reden, schreiben Sie es wenigstens nicht. “Total” ist der Gegensatz zu “relativ”, das benutzt man nicht außerhalb der Mathematik, und “lecker” gehört sich einfach überhaupt nicht. Das ist alles meine unwiederbringliche Lebenszeit. Und Ihre übrigens auch.

Total leckere wöchentliche Imogen:
Speed Baking: Vanilla Muffins,
22. September 2012.

Die nötige Portion Feigheit

Als die Titanic sich im Juli auf dem Titelbild im Ton vergriffen hatte, indem sie den Papst als inkontinenten alten Sack darstellte, rieten Kritiker, sie sollten sich doch mal an Mohammed vergreifen – mit der Begründung, das sei viel mutiger.

Als ob ein Bild davon lustiger würde, dass es mutig ist, und als ob sie sich darauf bezögen, hat soeben ein französisches Pendant zur Titanic das tatsächlich getan. Und schau mal einer an: Kunst kann doch noch auf die äußere Realität wirken. Und freut sich jetzt jemand darüber?

Harald “War Früher Auch Schon Besser” Schmidt hat schon 2006 zur taz gemeint:

Das ist Filigran-Analyse. Die nutzt Ihnen nichts, wenn Sie Leute gegen sich aufgebracht haben, von denen Sie vorher noch gar nicht wussten, dass es die gibt. Sie diskutieren auf Salon-Niveau. Wir reden hier aber von der Möglichkeit: Kawumm neben der Küche. Deswegen sage ich auch: Vorsicht mit glorreichen Selbsteinschätzungen. Wie hätte ich mich im Dritten Reich verhalten? Ich bin nicht gestrickt wie die Geschwister Scholl. […] Da kann keiner von sich Zeugnis ablegen, bevor er nicht in die Mündung geguckt hat. Es gibt vielleicht Leute, die sind zum Helden geboren. Ich bin es nicht. Ich habe mich auch noch nie geprügelt. Das System, in dem ich spiele, funktioniert nur, wenn alle die Spielregeln einhalten. Ich bewege mich in einer Demokratie, in der gewisse Grundrechte garantiert sind. Aber wenn Sie sagen, interessiert mich nicht, ich habe ne Knarre, dann funktioniert die ganze Sache nicht mehr.

Interview: Man braucht die nötige Portion Feigheit,
taz, 8. Februar 2006 (Ausschnitt)

Was darf Satire?

Mir egal, ob sie “alles” darf, mittlerweile ist die Frage: Warum sollte sie?

Crying, Waiting, Hoping

Ich so: Hu, wow.

Vroni so: Was denn wieder?

Ich so: Cat Power spielt in München.

Sie so: Was spielt die so?

Ich so: Meistens Gitarre, gern mal Klavier.

Sie so: Und du willst zuhören, hab ich Recht?

Ich so: Und du darfst sogar mit.

Sie so: Hmpf. Wann denn?

Ich so: 2. Dezember.

Sie so: Ach du je. Heuer?!

Ich so: Anscheinend schon.

Sie so: Bissi lang nachm Hochzeitstag, bissi lang vor Weihnachten.

Ich so: Du willst nicht mit, weil Christmette keinen Eintritt kostet?

Sie so: Was kostet der denn?

Ich so: 37,75

Sie so: In der Christmette riecht’s immer gut.

Moritz, die geballte Cat Power, so: Geistige Werte sind immer auch an materielle Werte geknüpft.

Soundtrack: Cat Power: die vollständige Live-Session für den Rolling Stone: Love & Communication; Remember Me; Who Knows Where the Time Goes; Crying, Waiting, Hoping, 2006 oder 2007, nicht mehr nachvollziehbar, aber 12:31 lebensrettende Minuten. Ich empfehle Vollbild.

Cat Power in Bonnaroo, 16. Juni 2006

Rummuffelbild: Cat Power am 16. Juni 2006 in Bonnaroo, von F. Samuels aufgenommen und freigegeben am 5. August 2008.

À la recherche du Personalausweis perdu

Ein größerer Kollege von uns, der ebenfalls immer freitags bloggt, wenngleich im Print, berichtet in dieser Woche von einer röhrenförmigen Preserve Box oder Preservation Box oder so ähnlich, die käuflich zu erwerben und dazu gedacht ist, Gegenstände für die Ewigkeit einzudosen. Ein materielles Vermächtnis, vergleichbar einer persönlichen Voyager Golden Record, mit Zeug befüllt.

Eschatologisch gesehen eine gute Idee. Das geht über die typische Frage hinaus, die einem immer gestellt wird, wenn es auf einer Feier zu langweilig zum Bleiben und zu lustig für Apfelschorle wird: Welches Buch würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Prinzessin Wilhelmina Sophie Marie Luise von Oranien-NassauJa, blöde Frage, das Buch natürlich, das auch in meine Preservation Box muss. Nein, keine blöde Frage, weil mein dickstes Buch gerade mal dreieinhalbtausend Seiten hat, und wer sagt mir denn, dass mich jemals einer abholen will? Außerdem hab ich die Frage zu oft gehört, um mir noch die Schlaubergerei zu verkneifen: ein Kindle mit Download-Flatrate, ein Pflanzenführer mit gegenübergestellten essbaren und giftigen Kräutern, und für hinterher noch mein Sparbuch.

Und überhaupt: Zählt die Recherche du temps perdu als ein Buch oder als sieben (der dreibändige Kompromiss war meines Wissens eine Idee der Büchergilde Gutenberg)? Wie ist es mit Gesamtausgaben? Der Insel-Goethe für die nicht ganz so fleißige Hausfrau kommt mit sechs Bänden aus, die Sophienausgabe braucht geschlagene einhundertdreiundvierzig; zählt mein Jean Paul dann als eins oder zehn?

Wie persönlich sollte man werden, wenn man Sachen wirklich sehr lange aufheben will? Feiern die dann ihre Obsoleszenz ohne mich? Etwas Persönlicheres als mein Personalausweis, den man immer wieder brauchen kann, auch wenn man ziemlich alt aussieht — ja gerade wenn man ziemlich alt aussieht — will mir nicht einfallen. Und will ich wirklich einer Nachwelt imponieren, die ich ja gar nicht kenne?

Will ich wirklich — nur mal als ganz hypothetisches Beispiel — will ich wirklich die Briefe meiner einstmaligen Freundin und heutigen Frau wiederlesen, die sie mir in einer Art selbst gebastelter Pralinenschachtel aus vergoldeter Wellpappe für ein Höllenporto schickte (“Mein geliebter W.! Vermisst Du vielleicht Dein weißes Hemd? Möglich, dass Du es auf den beigelegten Bildern erkennst. Wie gefällt Dir diese FRAU im MÄNNERhemd?? Willst Du es wiederhaben? Hol’s Dir doch! Ich freu mich auf unser gemeinsames Wochenende! Deine Dich liebende Barfuß-V.”), während ich damit beschäftigt bin, E-Mailbeschimpfungen aus sehr viel jüngerer Vergangenheit zu verdrängen (“Lieber W., ich würde mich freuen, wenn du deine Hemden ab sofort rechtzeitig in die Wäsche geben könntest. Danke. MfG, V.”)?

Es geht nicht darum, seine Spur in der Welt zu hinterlassen; das ist eine Idee für dreißigjährige Spielkinder. Es geht darum, wenigstens seinen eigenen Dreck aufzuräumen. Aber zum Verschenken geht so ein Preservadings schon klar.

Bild: Prinzessin Wilhelmina Sophie Marie Luise von Oranien-Nassau (1824—1897), die mit der Sophienausgabe in der Public Domain.