Glück und Geld

Freedom’s just another word for nothing left to lose.

Kris Kristofferson, 1968.

You can’t always get what you want.

The Rolling Stones, 1969.

Clint Eastwood hätte gesagt: Es gibt zwei Sorten von Menschen: Die einen werden gehängt, die anderen haben einen Colt.

Es gibt zwei Sorten von Menschen: Die einen sind reich. Die anderen verrecken über dem Versuch, reich zu werden.

Die letzteren Menschen zweiter Ordnung neigen dazu, Wissen, Erfahrung und die Fähigkeit, sich an buchstäblich gar nichts zu erfreuen, als Reichtum zu begreifen. Sie wissen schon: Kinderlachen, Katzenschnurren, wild wachsende Blümchen, der Duft von Heu, der Geschmack echten Brotes (was genau wäre denn falsches?), Buchstabensuppennudelsuppenbuchstaben zu Wörtern ordnen, Barfußlaufen, der Sonnenuntergang über der Silhouette der Ramersdorfer Mietskasernen, die Zuneigung von Wellensittichen, eben all die “kleinen Freuden” jener Verlierer, die sich keine großen leisten können.

Das ist ihnen nicht vorzuwerfen, denn sie haben nichts anderes. Als zur Zeit der deutschen Romantik, die in der richtigen Betrachtungsweise noch keineswegs überwunden ist, die Kategorien von Disziplin versus schuldhaftem Verhalten im Angesicht eines herrschenden Schöpfers ihre Geltung einbüßten, war jeder Mensch nur noch sich selbst verantwortlich. Unterdrückung und moralische Erpressung verschwanden deshalb nicht, ihr institutioneller guter Ruf schon. In politischen Dimensionen wurde Herrschaft durch die zu Beherrschenden sogar von Staatenlenkern anerkannt, in privaten Belangen musste nicht mehr Kaiser, Gott und Vaterland gedient, sondern die eigene Person verwirklicht werden. Seitdem ist jeder seines Glückes Schmied, das heißt: selber schuld an seiner Misere. Das ist das Perfide an dem eigentlich so durchschaubaren Konstrukt der Willensfreiheit, das jedem Menschen seine eigenen falschen Entscheidungen zuschiebt.

Wer ist reich, wer wird glücklich? Jemand, der über Wissen, Erfahrung und die Fähigkeit verfügt, sich an Jahrhunderte alten Endreimen zu erfreuen? Oder anders: Sollten gesunde Kinder, sollten Menschen mit gelingenden Lebensentwürfen in der Lage sein, einen Baum zu erklimmen, sollten sie ein Gedicht des Freiherrn von Eichendorff auswendig aufsagen können?

Nein, sollten sie nicht. Nicht, wenn man das fragen muss. Wenn sie das nicht können, werden sie nichts vermissen, das ihnen jemals etwas bedeuten wird.

Was ihnen etwas bedeutet, hat wesentlich mehr mit Fußball, knapp volljährigen, überschminkten Frauen, die “Modeln” für einen erstrebenswerten Gelderwerb halten, der dilettantischen Usability von Facebook und Drogenkonsum zu tun als mit leicht zugänglichen, gar allzuleicht erschwinglichen Naturphänomenen und Sprachgebäuden.

Auch das ist ihnen nicht vorzuwerfen, denn sie verwenden ihr Interesse aufgrund ihrer offiziell zugewiesenen Willensfreiheit auf Gegenstände und Tätigkeiten, für die man konsumieren muss. Wälder sind nichts anderes als Turnhallen ohne Eintritt, und die vollständigen Gedichte von Eichendorff gibt’s bei Amazon als Kindle-Download ungelogen für nix. Das ist kein Konsum. Das ist im Gegenteil Raub an der Konsumgesellschaft. Gänseblümchenschnuppern und “Schläft ein Lied in allen Dingen” vernichten Arbeitsplätze. Wem soll damit gedient sein?

Es läuft schon richtig so, wie es läuft: Als in Deutschland die Romantik ausbrach, deren Ende nicht abzusehen ist, eroberte sich das freie Amerika seinen eigenen Westen, um Gold zu schürfen, und dort fielen Sätze wie der, den Clint Eastwood eingangs sprach. Freiheit und Geld, vor allem die Freiheit dazu, Geld zu scheffeln, und Geld, um sich Freiheit von Zwängen zu kaufen, darum geht es doch. Wahrscheinlich braucht die Welt noch viel mehr Leute, die Freizeitangebote zielgerichtet aufsuchen. Und zwar ohne zu erbrechen, dafür nicht ohne zu bezahlen.

Wer reich ist, wer glücklich wird? Wer das durchaus möchte, kann aus diesem Zirkel ausbrechen, indem er das Interesse daran ablegt, nicht ob er ein Verlierer ist, sondern dass er ein Verlierer ist.

Soweit die Lebenshilfe fürs Wochenende. Alleine lassen muss ich Sie jetzt mit der Frage, ob Sie das wollen. Natürlich können Sie jemanden fragen, aber dann zeigen Sie sich unfähig zu eigenen Entschlüssen, oder Sie können auch (Willensfreiheit!) niemanden fragen, aber dann zeigen Sie sich als wenig sozial- und teamfähig, und fertig ist die falsche Entscheidung, aus der Nummer kommen Sie nicht raus. Vergessen Sie also beim Überlegen nicht, dass es ein Wort gibt für Menschen, die ihre optimale Performance leider nur mit Zeitverzögerung abrufen konnten.

Sinniger Soundtrack: Die Ärzte: Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist; es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt, aus: Geräusch, 2003.

Stein gewordener Beweis der Evolution

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu besingen, nur weil sie vor fuchzig Jahren errichtet wurde. Dann eher noch die Graceland, die ist heute vor 25 Jahren erschienen. Und sie ist eine der wenigen mir bekannten Platten, die Menschen verbindet: Auf die können sich Konzertabonnenten, Metaller, Rapper und Folkies einigen, was ich für eine größere künstlerische und politische Leistung halte als 43 Kilometer Mauer.

Fast noch wichtiger, jedenfalls ungleich nachhaltiger finde ich da: Vor genau 150 Jahren wurde in den Solnhofener Schieferbrüchen von einem Steineklopfer das erste vollständige Skelett eines Archaeopteryx gefunden — noch im selben Jahr, als er durch Induktion anhand einer fossilierten Feder beschrieben wurde, als es ihn also geben musste.

the missing link, Ihre Lieblingsagentur für Steineklopfen und nachhaltige Spuren in der Welt, die wir in unserer weblogfreien Zeit betreiben, benennt sich nach dem Missing Link, das ist: dem bis dahin fehlenden biologischen Bindeglied zwischen Dinosauriern und Vögeln. Wenn Ihnen dazu nur pubertäre Kalauer einfallen, können Sie sich gern weiterhin mit P1-Gängern rumärgern, die morgens (so ab 13 Uhr) Berlin Mitte spielen und nachmittags beklagen, dass es in dieser Stadt nicht möglich scheint, einen einfachen Espresso zu bekommen.

Der letzte Saurier ist der erste Vogel, die zehn erhaltenen Archaeopteryges seine ersten Belege. Gerade mal zwei Jahre vor Entdeckung der isolierten Archaeopteryxfeder, 1859, hatte Darwin postuliert, dass es derlei Missing Links geben müsse: Lebensformen in der Evolution, die noch Merkmale des alten Jakobs und schon Merkmale des nächsten großen Dings aufweisen.

Das wird bis heute geleugnet. Die Leute, die es nicht einsehen wollen, heißen Kreationisten und sperren ihre hübschen Töchter ein. Die hässlichen jagen sie vor die Tür. Was ihnen ähnlich sähe, jedoch ein haltloser Schmarrn ist, der sich ebenso zuverlässig beweisen lässt wie der Kreationismus. Vor 150 Jahren kam in Gestalt eines verwurstelten Abdrucks von alten Hühnerknochen das Licht in die Welt. Und es ging von Franken aus.

Herrschaften, wie lange gibt es eigentlich das reelle Familienunternehmen the missing link? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht, es müssen um die zehn Jahre sein. Und wie um Himmels willen feiert man sowas? Am besten irgendwas mit Dinosauriern und Vögeln, oder wir hören mal wieder die Graceland, die verbindet. Die Süddeutsche nennt den Inbegriff des Missing Links einen Fränkischen Urvogel. Das ist doch passend.

Ballista. Modell eines Archaeopteryx

Bild: Ballista: Modell eines Archaeopteryx, Stand 9. Juli 2006.

The time for me to wake

Als damals dieses “Web 2.0” endlich durch war, setzte die Tätigkeit des Networking eine charmante Patina an wie das Füttern und Ausmisten von Tamagotchis. Trotzdem bin ich immer noch ganz gern mit gewissen Facebook-Erscheinungen “befreundet”, weil hey: Kim Shattuck ist schließlich Kim Shattuck, das muss einer erst mal hinkriegen.

Gerade heute früh hat meine prominente, sehr enge amerikanische Freundin Kim (aua…) ein Video mit sich selbst gefacebookt, bei dem ihr schon selber ganz nostalgisch wird. Dabei ist das Ding von 2001, die CD von 2002 und über die üblichen Tricks (Amazon.com statt .de) eben doch nicht ganz vergriffen.

Vor wenigen Weihnachten, als man das Ding noch über Amazon.de erwischen konnte, hab ich fünf davon gekauft. Es war sehr liebevoll und mit sichtlichem Spaß gemacht: auf einer Extra-DVD alle Videos, das macht kaum eine Platte. Alle verschenkt (hallo Mäuserich) und keine mehr für mich. Und die Band war absichtlich nur für die eine Platte konzipiert, da schmeckt von vornherein alles nach Abschied. Sehr “Web 2.0”, gell?

Danke, Kim, für den Schuss Nostalgie, der kein Jahrzehnt zurückschaut.

Video: The Beards, i.e. Lisa Marr, Kim Shattuck and Sherri Solinger: My Pillow, from: Funtown, 2002.

PS: Videos embedden? Nein, lass mal gut sein, das zahlt uns unsere prominente, sehr enge amerikanische Freundin nun auch wieder nicht.