Anständig essen

Um 1370:

Du solt nit bey tische grelzen noch mit dem messer in die zent stüren.

Vor 1643, überliefert in Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages, Übersetzung von Burkhart Kroeber, 1994 (Seite 69, Kapitel 6: Große Kunst des Lichts und der Schatten):

In sauberen Kleidern erscheinen, nicht nach jedem Happen einen Schluck trinken, sich vor dem Trinken den Bart und den Schnurrbart abwischen, sich nicht die Finger ablecken, nicht in den Teller spucken, sich nicht in die Tischdecke schneuzen. Wir sind schließlich keine Kaiserlichen, Messieurs!

Heinz Dietrich: Menschen miteinander. Ein Brevier des taktvollen und guten Benehmens, 1934, Nachdruck 1952:

Von dem aufgetanen Fleisch wird im Gegensatz zu angelsächsischen Gepflogenheiten immer nur das Stück, das man für den nächsten Bissen braucht, abgeschnitten. Nur für Gebrechliche und für Kinder, die sich auf den Gebrauch von Messer und Gabel noch nicht verstehen, kann man das ganze Stück gleich auf einmal zerteilen. Knochen, unzerkaubare Knorpel und Sehnen, die einem in den Mund geraten sind, läßt man auf Gabel gleiten und legt sie etwas abseits auf den Teller zurück.

Messer und Gabel werden am oberen Teil des Griffes gehalten, so daß dessen Ende wie ein Hebel gegen die Mitte der Innenhand stößt. Dadurch hat man nicht nur die größte Gewalt über Messer und Gabel, die locker über den Griff ausgestreckten Zeigefinger werden dann auch niemals so weit nach unten gleiten, daß sie die Schneide oder die Gabelzinken berühren. Die Daumen liegen ebenfalls ausgestreckt seitwärts an, während die übrigen Finger eingekrümmt die untere Klammerstütze für die Besteckgriffe bilden. Je leichter und unverkrampfter die Hände Messer und Gabel führen, desto eleganter sieht es aus und desto weniger Geklapper und Lärm entsteht. Die Gabel bleibt stets in der Linken, das Messer in der Rechten. Sie werden beide mit dem Rücken nach oben im spitzen Winkel flach und schräg über dem Teller gehalten. Das Messer darf sich niemals vom Teller entfernen, es dient nur zum Fleischschneiden und zur Unterstützung der Gabel bei der Zusammenstellung und beim Anspießen des Bissens. Degenschlucker gehören in den Zirkus. Grundsätzlich wird das Messer nur zum Schneiden solcher Gerichte benutzt, die allein mit der Gabel nicht zerkleinert werden können. Gemüse wird also nicht geschnitten, ebensowenig natürlich Deutsches Beefsteak. Gleichwohl wird das Messer auch dann nicht aus der Hand gelegt, sondern zur Unterstützung der Gabel als Schieber gebraucht. Auch wenn es für das Messer gerade nichts zu tun gibt, soll es während des Ganges also nicht aus der Hand gelegt werden. Die Gabel sticht, Rücken nach oben, leicht in das abgeschnittene Fleischstück und hebt es zum Munde. Gemüse, Kartoffel usw. ohne Fleisch kann auch mit der nach oben offenen Gabel aufgenommen werden. Sie darf aber nicht erst in der Luft angefüllt werden, indem etwa das Messer die Speisen an ihr wie ein Maurerspachtel abstreicht, sondern immer direkt auf dem Teller. Und, wie man nicht oft genug sagen kann, nie zu hoch auf einmal aufladen, lieber die Gabel ein paarmal mehr zum Munde führen. […]

Jede Mahlzeit geht einmal zu Ende, auch die längste. Trotz der so oft angestrengten “Sitzung” werden Sie jedoch niemals schwer und stumm in Ihren Stuhl zurücksinken, als hätten Sie schon mit einem kleinen Verdauungsschlummer begonnen. Bei den rauchern erwacht die Sehnsucht nach der Zigarette. Doch sie sollten ihre Etuis steckenlassen und sich bezähmen, bis der Hausherr es für richtig hält, Zigaretten anbieten zu lassen. Vor dem Schlußgericht (Süßspeise oder Obst) wird das nicht der Fall sein. In der Regel geht man zu Kaffee, Zigarette und Likör nach beendeter Mahlzeit in ein anderes Zimmer. Wird der Kaffee sofort anschließend am Eßtisch serviert, nachdem alles Geschirr und alle Gläser abgedeckt sind, so paßt eine Zigarette recht gut dazu. Zugleich macht auch die Kiste Zigarren die Runde. Zwischen den Gängen zu rauchen, ist heute vielfach üblich geworden. Besonders schön ist das nicht, und bei großen, offiziellen Diners ist das zweifellos nicht am Platze. Vor dem Kriege verwendete man für die ganz engagierten Raucher gern sogenannte “Damen-Zigaretten”, die nur wenige Züge enthielten. Zur Zeit sind solche Zwischengangszigaretten nur als Sonderanfertigungen erhältlich. […]

Darum wird man auch allein genau so essen, als sei man mit anderen zusammen. Auch allein bleibt man ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, und man degradierte sich menschlich, wenn man sich von jenen Formen “befreite”, sobald man unbemerkt ist, als seien sie nur ein Komödienspiel, das man ohne Zuschauer nicht mehr nötig hätte. Wie könnte man auch von jemand verlangen, daß er als ernsthafter erwachsener Mensch sich nach Formeln richtete, die weiter nichts wären als bloße Spielregeln?

Doch es kommt noch hinzu, daß man niemals die nötige Sicherheit und Gewandtheit erlangt, wenn man immer erst in Gegenwart anderer mit seinem guten Benehmen beginnt. Da Appetit und schlechte Gewohnheit sehr bald den auferlegten Zwang durchbrächen, so würden sich die üblen Manieren doch schnel verraten. Wem daher der tiefere Sinn der Tischsitten verborgen bliebe, für den wäre es immer noch eine Sache der praktischen Zweckmäßigkeit, sich auch allein am Tische niemals gehen zu lassen.

Barbara Kleber: Knigge für jeden Tag: Richtiges Benehmen. Zeitgemäße Umgangsformen. Mit Trainingsfilm auf DVD:

Ein Beispiel: Dr. jur. Krösus (wir erinnern uns, der frischgebackene Doktor der Rechtswissenschaften) lädt seine beiden Mitarbeiterinnen zum Mittagessen in den Ratskeller ein. Alle Tische sind eingedeckt, ein paar Gäste sitzen im Gastraum. Dr. Krösus führt die Damen an einen Tisch seiner Wahl, ohne sich mit dem Service abgesprochen zu haben. Ein Kellner folgt der Prozession und weist die Gruppe darauf hin, dass dieser ausgewählte Tisch reserviert sei. Mit den Worten “Dann reservieren Sie eben einen anderen!” lässt sich Krösus nieder, während die Damen noch zögerlich stehen bleiben. Der Kellner bittet Krösus höflich an einen anderen Tisch, denn dieser Tisch sei reserviert und schoin für die Gäste dekoriert, die übrigens die Dekoration auch schon bezahlt hätten. Notgedrungen wechselt Krösus mit den damen, denen die ganze Situation peinlich ist, an einen anderen Tisch. Krösus hat kaum von der Suppe gekostet, als er laut in die Hände klatscht, um die aufmerksamkeit eines Kellners zu gewinnen. Dieser kommt auch schnell, weil er neues Unheil ahnt Krösus erklärt ihm nun lautstark, dass er dieses “Sosenfutter” nicht essen und auch nicht bezahlen wird. Mit einer Entschuldigung räumt der Kellner die Suppentasse ab. Die Damen löffeln weiter, immerhin scheint es ihnen zu schmecken. zum Hauptgang haben die Herrschaften Rotwein bestellt. Wieder lässt Krösus den Service antreten und verkündet: “Diesen verkorkten Wein werde ich nicht trinken, bringen Sie mir ein Bier, damit können Sie hoffentlich nichts falsch machen.” Schließlich sind die Teller und Gläser leer und Krösus ruft durch den Raum: “Zahlen!” Der Kellner kommt mit der Rechnung. Derweilen hat Krösus seine Brieftasche gezückt, knallt drei Kreditkarten auf de Tisch mit der Bemerkung: “Suchen Sie sich eine aus!” Während der Kellner noch mit der Karte seiner Wahl und der Abrechnung beschäftigt ist, steht Krösus auf und holt die Garderobe. Als sich die drei anziehen, kommt der Kellner mit der Karte und dem Rechnungsbeleg zurück. Wortlos nickend nimmt Krösus beides an sich. Die drei verlassen den Ratskeller und der Kellner atmet tief durch.

Sie wissen und können es besser. Notieren Sie hier Ihre Empfehlungen für Herrn Dr. Krösus:






Erkenntnis: Seit man seine Mammuts nicht mehr selbst handwürgen muss, ist nichts einfacher geworden.

Dirty Old Town

Man vergisst es so leicht, aber wir wohnen und wirken ja mitten in München. Man vergisst es leicht, weil wir ja nie rauskommen vor lauter Wohnen und Wirken.

Dabei hat München, was Discos und Konzerte angeht, angeblich kulturell so viel zu bieten. Und wir sagen einerseits zu Clubs immer noch “Discos”, andererseits wissen wir noch, dass Städte zu meiden sind, die angeblich “kulturell viel zu bieten” haben.

Wahrscheinlich deshalb kommen wir zu nix, weder kulturell noch statusmäßig. Unsere Kontakte mit der Prominenz sind ausschließlich einem seltenen Zufall unterworfen. Einmal hab ich aus Versehen Marianne Sägebrecht gegrüßt, die sieht nämlich so glaubhaft aus wie meine Schwägerin. Sie hantierte in einer Wohnstraße in Altschwabing in einem Kofferraum, schaute auf, zweifelte mich kurz an und grüßte zurück, ich hätte ja der Bruder von Percy Adlon sein können oder so.

Ein anderes Mal stand ich in der Einlassschlange vor einer Disco. Nein, es war kein Club, es war eine Disco. Genau hinter einem Jeanstypen mit einer Sonnenbrille und zwei mit Anzügen maskierten Gorillas als Entourage. Den wollten sie nicht reinlassen.

Beides, so viel weiß ich über München, sind typische Münchner Verhaltensweisen: nachts Sonnenbrillen aufhaben und an besonders “harten” Discotüren nach einer Dreiviertelstunde Anstehen abgewiesen werden. Nur dass der eine Anzuggorilla mich weit drohender anzweifelte als damals die freundliche Frau Sägebrecht.

“Was glaubst du, wer das ist?” fragte der andere Anzug- den Türgorilla, weil er gerade ein bisschen Luft für soziale Kontakte übrig hatte, “das ist der Schlagzeuger von Elton John, du Spack.”

“Jaja, scho recht”, winkte der Türgorilla ab und deutete hinter sich, “do drin is jeder Zwoate da Schlogzeiger vom Elton John.”

Ich kam übrigens rein, weil meine Jeans neu waren, weswegen ich ja überhaupt erst rausgekommen war. Und was hab ich gemacht aus einer halben Disco voller Schlagzeuger? Das gleiche wie mit Marianne Sägebrecht: freundlich gegrüßt und gegangen. Das Weißbier kostete die Unverschämtheit von drei Mark achtzig, die sich damals nur eine Münchner Disco leisten durfte, der DJ hielt Bon Jovi für eine angemessene Beschallung urbaner Verhaltensweisen.

In München werden ja Konzerte von Elton John und Bon Jovi für Kulturereignisse gehalten. Die praktizieren immer noch ungehindert, die beiden angeführten gerade letzte Woche in der Olympiahalle. Was darüber medial zu erfahren war: Der Baron zu Guttenberg war bei Bon Jovi anwesend. Und “München diskutiert” (Müncher Zeitungsslang für “Uns ist keine andere Schlagzeile eingefallen als”), ob das in Ordnung war, dass der Herr Baron (der Adelstitel müsste echt sein) nach dem Kulturereignis in einer Limousine mit Blaulicht abgeholt wurde. Wenn’s nach mir geht, hätten sie das schon vor Jahren machen können.

Dass München kulturell durchaus mehr zu bieten hat (s.o.) als musikverachtenden Zusammenrottungen ein Forum, verliert sich etwas unter solchen Ärgernissen: Am 6. Juli spielen die Pogues im Zenith. Übrigens nach Jahrzehnten wieder mit Shane MacGowan, den sie seinerzeit wohl allzuoft schon mit Blaulicht anliefern mussten. Und ich kann an dem Tag nicht. Ein Trost: Cait O’Riordan entzieht sich der Kapelle immer noch.

Auch das ist München: Irgendwos is oiwei. Trotzdem gut, drüber geredet zu haben: Nie kommen wir raus, aber wenigstens weiß ich jetzt wieder, wozu das gut ist.

The Pogues: Dirty Old Town, aus: Rum Sodomy & the Lash, 1985.

Dr. Mouse heißt jetzt Dr. Geier

Kleine Jungen müssen immer etwas werden. Ein Tiger ist immer ein Tiger.

Hobbes.

Update zu Dr. Mouse:

Gratulation in verschärfter Form ergeht an den allerliebsten Mäuserich zu dem förderlichen Umstand, dass er seinen Doktorgrad ab sofort nicht mehr verbergen, sondern stolz vor allen deinen anderen Namen führen darf.

Chlamydomonas reinhadtii, gentechnisch veränderte Organismen

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Nochmal zum Mitsingen:

Eine Korrelation ist nicht zwingend eine Kausalität.

Ferner ergeht Empfehlung für ein Urgestein des Internets: Der Neue Physiologus. Enzyklopädie der Erfahrungen ist so spannend und lehrreich wie am ersten Tag, wahrscheinlich nur noch größer. Bringen Sie viel Zeit mit. Zwei Stunden sollten es schon sein. Ach was, nehmen Sie zwei Wochen. Da steht nämlich der Gegenwert ein Buches drin. Buch, Bücher, des Buches: Das war mal so eine Art Kindle-Ausdruck, wer’s noch kennt. Schönes Wochenende.

Bild: Frühe Morgenstunden nach dem Vatertag 2011; groß.

(Update zu Bei meinem Leisten, 9. April 2010.)

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.