Im Jahre hundertvier

An einem bestimmten Punkt im Leben ist schluss, da sollte der Mensch sich aus der Gefangenschaft der Kneipen befreit haben, die er bis dahin für seine Freiheit hielt. Ab sofort verbringt der Mensch deshalb seine Samstagabende statt in Elfriede’s Schlauchtränke in einem Kellerraum, in dem die Heizung mit Ajax geputzt wurde, und darf endlich mal ausreden, solange er mit “Ich bin der Karlheinz und Alkoholiker” anfängt. Dort wird er endlich einmal gelobt, was er bei seiner Freundin und nachmaligen Frau so nie erlebt hat, weswegen er in der Wochen zwier (Luther) bei Elfriede seinen Leistungsgedanken im Saufen demonstrieren ging, worin die gute Elfriede ihn immer nur bestärkte. Gelobt wird er dafür, dass er das Ajax gerochen hat, weil er offensichlich schon viel weniger raucht, was ja auch so eine Sucht ist, und stand “Sucht” im alten Rom nicht für “Gefangenschaft”? Nicht? Auch egal, gelobt ist gelobt.

Der Vorteil: Das ist gar kein Abend, sondern eineinhalb Stunden, das hat erst Walt Disney als abendfüllend hingestellt, siehe Schneewittchen 1937, die erste belegte abendfüllende 2D-Animation, nach verschiedenen Quellen 83 bis 87 Minuten, wahrscheinlich je nachdem, wie viele Büchereikunden, die es gar nicht mehr bis zu Elfriede schafften, schon ihre Bierflaschen auf der DVD abgestellt haben — was uns auch lehrt, dass Schneewittchen gerade mal zwei Jahre jünger als mein Vater ist, aber mindestens fünfzig Jahre besser aussieht, und die Amis ihre Weihnachtsblockbuster früher erst drei Tage vor Weihnachten gelauncht haben, aber ob man die 83 bis 87 Minuten meinen Vater oder Schneewittchen anschaut, macht nur in der Pixelauflösung, aber nicht in der Tränenauflösung einen Unterschied; und heute, wo die Geschichten alle sind und der offizielle Vorfilm zu Schneewittchen sein eigener Blockbuster geworden ist, müssen sie fast zeitgleich mit den Lebkuchen anfangen.

Der Nachteil: Bis dahin sollte der Mensch seine künstlerische Produktion abgeschlossen haben. Das ist wie mit dem vorehelichen Sex: Nein, danach kommt nichts mehr. Da können Sie meinen Vater fragen, aber der ist ja auch noch verheiratet und säuft.

Wo wir gerade so traulich vom Saufen, Rauchen und Poppen reden: Am 27. November 1826 erfand John Walker das Streichholz.

60 + 2.0

Send me a postcard, drop me a line,
Stating point of view
Indicate precisely what you mean to say
Yours sincerely, wasting away

The Beatles: When I’m Sixty-Four, in: Yellow Submarine, 1968

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.