Panikzahlen der “Experten” in der Presse und ihr wirkliches Verhältnis zum Ganzen

Grafikdesign (oder: “Malen nach Zahlen”), wenn man es einmal wirklich brauchen kann:

Wirtschaftskraft

“Experten erwarten 2009 einen kräftigen Konjunktureinbruch. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet damit, dass die deutsche
Wirtschaft im kommenden Jahr um 2,7 Prozent schrumpft.”
(Quelle: SPIEGEL Online, 23.12.2008)

Konsumrueckgang

“Wir erwarten für 2009 einen Rückgang um 0,5 Prozent”, sagte Analyst
Sebastian Wanke von der Deka-Bank. “Die Rezession ist unglaublich
scharf, das ist bei vielen Verbrauchern noch gar nicht angekommen.” (Quelle: SPIEGEL Online, 23.12.2008)

Fröhliche Weihnacht

Keine Frage, es geht nah.

Und solche Partybilder kennt man auch.

Richard Sennet behauptet, es läge am schlechten Handwerk, dass die Jungs den Erdball so reingeritten hätten. "The Craftsman names a basic human impulse: the desire to do a job well for its own sake."

Ich behaupte, es liegt an deren Unreife und miesen Einstellung. Die miese unverantwortliche Einstellung und bodenloser Narzissmus ist die Ursache dafür, dass sie sich mit sauberem, kenntnisreichem Handwerk gar nicht erst lange aufhalten. Das ist bei ihnen was für Doofe. Schmerzlich: auffällige Parallelen zu Medienberufen/PR oder Werbung.

Zur Weihnachtslektüre empfohlen: The Bonfire of the Vanities von Tom Wolfe

"Börsenmakler Sherman McCoy hat den amerikanischen Traum von Erfolg und
Reichtum verwirklicht – ein Millionen-Dollar-Jahresgehalt, eine
Luxuswohnung in der schicksten Gegend New Yorks, ein nettes
Töchterchen, eine Dame der Gesellschaft als Ehefrau und eine
sexhungrige Freundin. Doch eines Tages begeht Sherman einen fatalen
Fehler."

Aus einer Leserrezension:

Wolfe entfaltet die Dekonstruktion des Wall Street Brokers und
Yale-Mannes Sherman McCoy als New Yorker Intrigenstadl. Es gibt
niemanden hier, nicht bis ins kleinste Detail, der unschuldig ist. Vom
Staatsanwalt und seinen Assistenten über einen schwarzen
«Bürgerrechtler» Reverend Bacon, Sherman, seine Frau Judy, seine
Geliebte Maria, seinen Anwalt Killian, Yellow-Press-Schreiberlin
Fallow, bis hin zu kleinsten Nebenfiguren,  ausnahmslos jede Figur in
diesem Buch ist eitel, hat den Blick auf den eigenen Vorteil, ist
manipulativ, gierig und dabei bemitleidenswert und verzweifelt. Sherman
wird auf diesem «Freudenfeuer» (nicht Fegefeuer, wie der deutsche
Buchtitel fälschlicherweise nahelegt) der Eitelkeiten fröhlich geopfert
und ist doch keine tragische Figur, sondern selbst ein hohler Fatzke,
bei dem selbst dessen Wendung zum professionellen Angeklagten am Ende
des Buches keine echte Katharsis zu sein scheint, sondern nur eine
weitere eitle Facette seiner Persönlichkeit. McCoy ist auf fast
hilflos-kindische Art gefallsüchtig, so daß er selbst befürchtet, seine
Zellennachbarn nicht ausreichend zu beeindrucken und aus seiner
Fahrerflucht kurzerhand Totschlag macht, um genau aus dieser Episode
später auf einer Party wieder Kapital zu schlagen, als er plötzlich
genießt was er vorher noch so verabscheut: Im Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit zu stehen. Der Master of the Universe, wie er sich als
Broker selbst definiert, verliert im Grunde nie seine Hybris, seine
Großmannssucht, letztlich seine überkompensierten
Minderwertigkeitskomplexe. Auch als Opfer inszeniert er sich noch. Wie
ein Papierschiff driftet McCoy durch die Machenschaften seiner Umwelt,
die Wolfe kühl zynisch entblättert. Fast ohne realen Spannungsbogen,
journalistisch, geht es dem Buch eher um die Betrachtung von NY als
Mikrokosmos der Oberflächlichkeiten, des Grellen, der Moderne im
Niedergang. Es gibt keine einzige Figur, die in diesem System, in dem
Oberschicht wie Unterschicht, Park Avenue wie Bronx, gleichermaßen
abstoßend serviert werden, die wiedergutmachenden Charakter hätte, die
Hoffnung zuläßt. Sie alle sind kaputt, sie alle sind gierig und genau
deshalb vielleicht bemitleidens- oder sogar liebenswert. Aus diesem
seltsamen Misachung zwischen Tragödie und Gegenwartssatire schöpft das
Buch seine Kraft, ohne dabei jemals aufdringlich oder unentspannt zu
werden, im Gegenteil, nur einmal durchbricht Wolfe die Pose des
lässigen Raconteurs, wenn auf einer Dinnerparty der AIDS-Kranke
Schriftsteller Aubrey die versammelte Gesellschaft der Schönen und
Gelangweilten mit den Figuren in Poes The Masque of the Red Death
vergleicht und damit für einen kurzen Moment den summenden Bienenstock
der High Society zum Schweigen bringt.

Das Gezänk der Weisen

But in a last word to the wise of these days let it be said that of all who give gifts these two were the wisest. Of all who give and receive gifts, such as they are wisest. Everywhere they are wisest. They are the magi.

O. Henry: The Gift of the Magi, 1906.

Heuer schenken wir uns nichts. Uns schenkt auch keiner was, und wer hat schon was zu verschenken. Heuer schmeißen wir lieber mal Sachen raus, die uns vom Wesentlichen abhalten. Als erstes sparen wir uns das Merchandising zum Thema Lebensvereinfachung, zumal ich den Thoreau vor Jahren für eine Mark (und nicht etwa einen Euro) auf dem Ramsch erwischt hab, von dem haben noch unsere Enkel was.

Gewinner der Weihnacht 2008 wird Moritz: Ich werde ihm endlich die Ecke freiräumen, die er für seine Janosch-Decke braucht und die bislang von meinem Plattenspieler belegt wird. “Auf modern machen und dann mit LPs hantieren”, mault Moritz, “ist auf deinen Myspace-Kapellen jetzt auch schon Abspielschutz drauf?”

“Katzen sind ja so gemütlich und romantisch”, maule ich zurück.

“Deine passiv-aggressive Argumentationsweise kannst du dir für deine Frau aufheben”, schließt Moritz ab und bestellt noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

Dass ich anno 1990 der letzte Mensch in Nordbayern war, der von LP auf CD umgestellt hat, zählt heute nicht mehr als Romantik und Loyalität zur wichtigen Musik, sondern als Rückständigkeit in geradezu selbstverletzerischem Ausmaß. Dabei hab ich es in all den Jahren nie geschafft, auch nur die Skirl o’Carson von meinen alten Nürnberger Lieblingsiren Carson Sage aufzutreiben: 1991 bei den Fürther Musical Tragedies in einmaliger Auflage von tausend Stück gepresst, nie als CD erschienen, schon auf den ersten paar Konzerten rettungslos vergriffen, während ich für die Uni gelernt hab. Das Leben besteht aus verpassten Gelegenheiten.

In der Nacht vor Heiligabend lagere ich meinen Technics-Turm an einem stillen Waldstück zwischen, an dem es nicht drauf ankommt. Mir blutete das Herz, wenn nicht so ein schneidendes Sauwetter wäre.

Am Heiligabend selbst sorge ich für die nötige Weihnachtsstimmung, indem ich ein paar Youtube-Videos mit Weihnachtsliedern bookmarke, damit ich sie nacheinander aufrufen kann. Schon praktisch: Die Spieldauer hält viel länger vor als eine LP, wenn man sie alle drei Minuten anklickt, die Sounddateien knacksen nicht und wiegen keine fünf Tonnen, die man vor und nach jedem Anhören abstauben muss. Wenn es kein DSL gäbe, die Hardcore-Romantiker unter uns müssten es erfinden. Moritzens neuer Schlafplatz mit seiner Janosch-Decke erstrahlt nicht gerade in weihnachtlichem Glanze, aber immerhin abgestaubt; Weihnachten ist ja die wenigste Zeit des Jahres.

Als Moritz die Zeit für die Weihnachtsbescherung geeignet hält, springt er mir mit allen vier Pfoten auf den Bauch und schiebt sich vors Buch. “Hier wird nicht auf urbane Konsumverweigerung gemacht”, schnarrt er, “es ist der Heilige Abend, die Nacht, in der Tiere Musik verstehen.”

“Sie verstehen Musik? Und das ist jedes Jahr?”

“Man könnte glauben, es ist dein erstes Weihnachten.”

“Nein, aber Musikverständnis ist mir bisher noch selten bei anderen Viechern außer mir aufgefallen.”

Moritz, unwillig zu wohlfeilen Sophistereien, lotst mich ins Bescherungszimmer. Dass er eigenmächtig Türen öffnen kann, hinter die er nicht soll, wusste ich. Auf meinem abgestaubten Janosch-Deckenplatz prangt groß und bunt: die Skirl o’Carson.

“Moritz, mein Moritz”, sag ich, “das ist der Platz für deine Decke!”

“Die Janosch-Decke? Vergiss die. Hab ich für deine Carson-Platte eingetauscht. Ein Blogkumpel war so freundlich, der hat die seit 1992 nie angehört und ist inzwischen sowieso eher im Alter für Jazz.”

“Du hast deine Janosch-Decke hergegeben?”

“Für dich, o mein Meister der Dosenöffner.”

“Und dich gar nicht gewundert, wo mein Plattenspieler hin ist?”

“Doch, schon irgendwie. Und was mich deine Renovierungsanfälle interessieren, ist dir bekannt.”

“Stellen wir die Platte halt jetzt schön vor die anderen. Ist ja ein schönes Bild drauf. Das können die wenigsten Youtubes ersetzen.”

“Und ich schlaf jetzt immer bei dir im Bett.”

“Halleluja.”

“Frohe Weihnachten, Meister.”

Es gab dann noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

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An dem alten Tränendrüsentorpedo (sprechen Sie das mal auf Fränkisch aus…) “Das Geschenk der Weisen” hat mich dramaturgisch immer gestört, dass Della sich die Haare ohne weiteren Aufwand wieder wachsen lassen kann (“Es wird wieder wachsen — du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell.“), aber Jim seine goldene Uhr nicht.

Bitte nichts Selbstgemachtes und keine Aktien. Am sichersten sind Überweisungen. Unter unserer bekannten Münchner Adresse werden Geschenkgutscheine und Bargeld entgegengenommen. Am besten in großen Scheinen, das spart Porto.

xkcd, Theft of the Magi, December 2008

Bild: Randall Munroe: Theft of the Magi, Dezember 2008.

3 kreative Ideen, E-Shops nicht zum Laufen zu bringen

Einer der besten Ideen, die zum Kaufabbruch führen:

Der Nutzer hat einen Artikel gesehen, will ihn kaufen, muss aber mühsam zurückrobben, um sich einzuloggen und als Mensch auszuweisen; das ganze Procedere nochmal von vorn. Jaa! Und er darf erst dann wieder her, der Knilch. Der Artikel ist natürlich verschwunden auf dem Radar und er muss ihn neu ausgraben. Sehr unterhaltsam.

Professionelle und gut laufende E-Shops machen das anders: Sie bilden den Kaufprozess aus der Sicht des Nutzers nach: Er sieht seine Ware und will die. Jetzt. Er will jetzt nicht gehindert werden. Daher erhält man ihm seine Bestellung im Cache und macht ihm das Einloggen/Registrieren so leicht wie möglich. Und nachdem er seine Bestellung fast vollständig ausgeführt hat. So geht das. Aber ist natürlich voll langweilig.

Gib dem Kaufwilligen unbedingt miese Produktbeschreibungen, auf gar keinen Fall Angaben über die Lieferzeit und zu kleine, unscharfe Fotos.

Dazu brauche ich, glaube ich nichts zu erklären. Funktioniert immer wieder.

Verstecke deinen Shop vor dem Käufer.

Doch, das gibt's. So ein edles, vornehmes Lädchen darf so gut wie keine Verlinkungen haben, die auf es verweisen. (Nennt man Backlinks, wer braucht das schon.) Der E-Shop wird auch anderweitig kaum beworben, istnurpeinlicheWerbung.

So findet man ihn ebenfalls nicht als Nutzer: Der Shop bekommt keine vernünftigen Title-Tags und keinen klaren Kontent, der potenzielle Suchworte enthält. Das Ding muss unbedingt ein cooler Laden in der Wüste sein ohne irgendwelche Zufahrtswege. Pro Tag kommen nur ein Leguan und eine Wüstenrennmaus vorbei, das ist romantisch.

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Es gibt natürlich noch mehr kreative Möglichkeiten in der Krise, den Nutzer nicht kaufen zu lassen. :-) (Stichwort umständliche Bezahlsysteme, z. B. wird PayPal in Deutschland schlechter angenommen als anderswo…, muss man wissen…) Aber das sind erst mal die ersten 3. Wenn die erfolgreich nicht klappen, brauche ich auch über Bezahlsysteme nicht großartig herumschwatzen… :-) Reicht doch schon so.

Nettes Buch

Bücher jagen ist fast so lustig wie Bücher lesen und, auf die Aufwand-Gaudi-Korrelation umgerechnet, viel billiger als die meisten anderen Sportarten; jedenfalls kriegt man davon keinen Muskelkater bis übemorgen, sondern was fürs Leben.

In den relevanten Jagdgründen des Internets fallen in letzter Zeit Anbieter antiquarischer Beute auf, die den Sinn davon nicht einsehen. Verhallt ist Kurt Tucholskys Ruf “Macht unsere Bücher billiger!” (1932), schließlich schreibt ja auch keiner bessere — warum also sollte ein seltenes Stück wie die Geschichte einer Maltherapie Der gemalte Schrei weniger kosten als 195,02 Euro? Oder der Klassiker Gestalttherapie Praxis von Perls/Hefferline/Goodman weniger als 178,53? Wo es Gestalt-Therapie ja schon für 152,06 gibt?

Gut, das sind die teuren Angebote, und selbst die noch aus einem eng umrissenen Spezialthema. Selber schuld, wer die kauft, statt die wohlfeileren Angebote ab ein paar nicht weiter erwähnenswerten Cent wahrzunehmen. Was sie verbindet: Sie sind allesamt ein “Nizza Buch”. Das ist kein Verlag, auch kein Insider-Ausdruck dafür, dass sie aus dem Nachlass von Grace Kelly stammen, das ist, wie ich begründen kann, ein Übersetzungsfehler.

Da hat wieder einer, dem an Umsatz mehr als an seinem Angebot liegt, irgendeinen Babelfish gefragt und erfahren, dass ein “nice book” wohl ein Buch aus Nice, gleich Nizza sein wird.

Vielleicht ist das noch die bessere Lösung denn “nice” als die kleine Schwester von Scheiße zu übersetzen. Trotzdem empfehle ich außer einem anständigen Übersetzer, der sich bei dem Bücherausstoß innerhalb zwei Stunden amortisieren müsste, wenigstens einen anständigen Währungsumrechner.

Soundtrack: Sarah Silverman: Give the Jew Girls Toys
aus: Jesus is Magic, 2007.