Like the Naked Leads the Blind

Update zu Every You Every Me:

Cover Placebo, Without You I'm Nothing, 1998Sucker love is heaven sent,
You pucker up, our passion’s spent.
My heart’s a tart, your body’s rent,
My body’s broken, yours is bent.

Carve your name into my arm,
Instead of stressed, I lie here charmed.
Cuz there’s nothing else to do,
Every me and every you.

Placebo: Every You Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1998.

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Bashing und Jammern nix gutt

Ein Beitrag von mir an die Textguerilleros http://textguerilla.wordpress.com

Hallo ihrs,
ihr setzt euch für gute Texte ein. Das ist eine tolle Sache.
Aber wo sind die.

Ich hab da selber genügend Erlebnisse, die einem das Gefühl, in einem Kulturvolk zu leben, ordentlich austreiben. Neulich seltsame Diskussion gehabt mit einem (vorgeblich altgedienten,
sic! = “erfahrenen”) Journalisten, der die Kritik an den Texten des
Scienceblogs als pure Kritik an Kommata abtat.

Entweder war er dumm oder er verstand absichtlich falsch, denn der
Haupteintrag war klar und unmissverständlich gegen die unverständliche,
dürre, dünkelhafte und unlebendige, “unsexy” Schreibe der dortigen
wissenschaftlichen Blogger gerichtet. Schreibe, nicht Kommafehler,
hrrgs. Man hat sogar aufgezeigt, wer und wie es ein recht berühmter
Jemand besser macht/bloggt.

Und wenn die sogenannten Schreibprofis wie dieser auf diese
konstruktive Kritik hin kommentierende Journalist sich da trotzdem auf
sehr ärgerliche Weise dummstellen, wie sieht es dann mit dem
umworbenen KMU-Normalovolk aus. Das ist bitter. Ich verstehe von daher jede
Unmutsregung und jede Heftigkeit.

Auch wenn die textguerilleros sich nicht als Textverkäufer sehen
(Ausrede! Ausrede! Denn sie haben immerhin eine Petition gestartet und
die will “verkauft” sein, also von den Leuten angenommen werden),
möchte ich ihnen dennoch zurufen:

Nur festzuhalten, wieviel und welche schlechte Texte es gibt, ist
eine seltsame Archäologie, wenn man es als Kulturauftrag sieht. Denn
sie zwingt auch euch Textguerilleros selbst allmählich in negative
Denk- und Vorstellungsschleifen hinein. Mir kommt das so vor, wie wenn
ein Kunstsammler anfinge, aus Protest miese Bilder zu sammeln, den
Zigeunerin-Ramsch und die Sonnenuntergänge in den Kaufhäusern.
Irgendwann weiß er nicht mehr vor lauter hämischer Negativität, wie ein
gutes Bild geht. Das Sein bestimmt das Denken, er wird sein Stilgefühl
verlieren.

Viel besser ist es, gute neben schlechte Texte zu stellen. Nur so
sieht der interessierte Leser (bei anderen ist es sowieso sinnlos…),
was man meint. Selbst der mäßigste Grundschullehrer würde nie und im
größten Frust nicht sich über seine Schar lustig machen, sie nur mit Spott
zusammenstauchen und stehenlassen, wenn sie etwas falsch gemacht hat.
Denn so lernen sie es nicht. Er zeigt ihnen, wie es besser wird. Und
warum es besser sein sollte (Motivation aktivieren). Und lässt sie
selber draufkommen.

Leider haben wir eine sehr fehlervermeidende, ängstliche,
autoritative Kultur. In der Familie, im Sport und im Geschäft. Wir
haben keine Kultur, die aus Fehlern erfrischende Erkenntnisse zieht
oder in ihnen im Vergleich neue Dinge entdeckt. Fehler sind negativ,
basta. Und gehören an den Pranger, you idiots! Das ist aber leider
nicht sehr kreativ, Leuts, wenn man denn… etwas mehr ereichen will als
seelisches Trostblog für verärgerte Texter zu sein.

Ein reines Prangerblog wirkt immer selbstreferentiell oder wie ein
verbitterter Lehrer. Es dient vielleicht der Treib- und Frustabfuhr der
Textergemeinde. Das ist sicher notwendige Seelenhygiene und
Seelenmülleimer zur Bestätigung für gestresste Texter oder für Texter
mit zu wenig Aufträgen, die grade wieder am Verzweifeln sind.

Ausschließlich Beiträge aus der Richtung Gruselkammer und
Haftrichter und eine Petition rein GEGEN schlechte Texte führen
nirgendwohin.

Wer wirklich zum Denken anregen will, muss seine Leser zum Vergleichen anregen.
Oder wie Rathenau sagte: Denken heißt vergleichen.

Nehmt den Kram und werdet froh damit

Update zu Der triviale Pursuit of Happiness oder: Lebbe is kei Twitterwidget:

Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazillitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.

Goethe, 1825

Das Blickfeld der Marktforschung ist kein schmeichelhafter Aufenthalt. Man müsste jedem raten, ihn zu meiden, aber man sucht sich das nicht aus. Das Blickfeld der Marktforschung ist flächendeckend bis zur Deckungsgleiche mit ihrem Forschungsgegenstand, und der sind Sie.

Ja, Sie da am MacBook Pro. Kein Grund zum Zusammenzucken. Sie sind auch nicht besser durchschaut als Ihr Nachbar mit dem fünfjährigen Medion, mehr als hundert Prozent geht nicht. Und ich, Ihr freundlicher Anbieter grandioser Texte, ja dann auch irgendwie. Wissen Sie, wie die uns nennt, die Marktforschung, übrigens im Gefolge aller Industrien, die uns Gegenstände und Abstrakta zu verkaufen suchen?

Endverbraucher.

Eine Un. Ver. Schämt. Heit. Endverbraucher, das klingt wie der Arbeitstitel für einen neuen Beschleuniger zum Kompostieren. Nach einem fettleibigen Ritalinopfer, das dauernd angebraust kommt und die schönen neuen Sachen kaputt macht, die es nicht zusammenfressen kann. Nach Enddarm. Nach dem letzten Arschloch. Und jetzt raten Sie mal, was dem Endverbraucher folgerichtig zugestanden wird.

Qualitätshaltige Gegenstände und Abstrakta, nennen wir sie Produkte und Dienstleistungen? Ja nee, is klar, ne. Und seit jeder vom Ein-Euro-Jobber bis zum Papst jeder mal irgendeine Grundausbildung in Marketing mitgemacht hat, benimmt er sich auch so, der Endverbraucher, und gibt sich mit der letzten Scheiße zufrieden. Ohne von ferne darauf zu verfallen, dass es anders gehen könnte.

Schon reiht sich das Wort Qualität in die Kuriositäten aus dem Wortmuseum: als etwas, das Ihre Oma in den Gugelhupf gerührt hat, drei Vaterunser lang zum Herzen hin. Die Hirnregion für Qualität ist eine Art Steißbein, die für Kosten-“Bewusstsein” wuchert. Qualität soll’s noch geben, auf so einem Hippie-Bauernhof hinterm Chiemgau, gar nicht schlecht, sagt der Berufstrendsetter im Starbucks mit den grauen Schläfen, der bei Manufactum einkauft, sollten Sie sich ruhig mal ein Portiönchen kommen lassen, ist richtig süß, aber lassen Sie sich nicht übern Tisch ziehn, die nehmen’s vom Lebendigen! Abgesehen davon überlebt Qualität in der Philosophischen Fakultät als Kantische Kategorie, aber nichts, was man heute oder morgen mal brauchen kann, so als Endverbraucher.

Wir sind Endverbraucher geworden, weil wir dachten, das heißt halt jetzt so. Fragt noch jemand, ob Sprache Gedanken bildet oder ausschließlich umgekehrt? Diese fundamentale Missachtung unserer Rolle als einer von zwei gleichwertigen Geschäftspartnern rächt sich jetzt an allen Beteiligten, denn bestimmt muss sogar der Ackermannsepp ab und zu ein Häppchen essen. Wahrscheinlich Tütensuppe. Und an Feiertagen, weil er sich’s leisten kann, was Richtiges. Wegen der Dings, der Qualität.

Solange das Wort Arbeitgeber Menschen bezeichnet, die Arbeit auf ihre restlichen Kapitalberge häufen, und das Wort Arbeitnehmer Menschen, die nichts anderes herzugeben haben außer Arbeit, bin ich wahrscheinlich wieder der einzige, der sich daran stört, dass ich Endverbraucher sein soll, obwohl ich mein Konsumverhalten als Investition in meine Produktivität betrachte — das ist so wie mit den Autos und dem Benzin, das sind doch die Vergleiche, die sie verstehen, die Marktforschung und die Anbieter von Produkten und Dienstleistungen.

Heute: Konsumboykott, Mutter hat fränkische Büchsenwurst von so einem Hippie-Bauernhof geschickt.

Soundtrack: Wolfgang: Trödler Abraham, 1973.

Und übrigens ist in Frankfurt Buchmesse.

Liebe Leute: mich interessiert diese Mode, an Apostrophen zu mosern, überhaupt nicht. Wenn es Autoren gefällt, in den neuen Bundesländern, statt die dortigen Kunstschätze zu besichtigen, falsch geschriebene Imbißbuden zu photographieren und zu diesen Photos kleinkarierte Nörgelartikel mit rassistischer Tendenz zu verfassen, dann ist das deren Problem. Ich stehe fest zu meiner Überzeugung, daß es eine erstrangige charakterliche Widerwärtigkeit ist, sich über anderer Leute Rechtschreibfehler lustig zu machen. Erstaunlich ist, wie verbiestert gerade Leute, die sonst allen möglichen Regelwidrigkkeiten oder sogar dem Anarchismus das Wort reden, sich über die paar überflüssigen Stricheleien ereifern.

Max Goldt, 1993

Manche Sachen, die ihren Weg durch die Medien bis zu mir finden, nehm ich persönlich. Wenn kulturlose Amis (siehe Anhang) von den Deutschen als Volk der Dichter und Denker sprechen, meinen die das anerkennend.

Da sollten sie mal meinen Vater hören. Der ist auch Deutscher. Über Dichter und Denker weiß er seit lange vor meiner Geburt: “Die Denker und die Dichter, die ham die dümmsten G’sichter.” Seinen einzigen Sohn hätte er lieber als Bundesbahnbeamter, Puffpianist, Schaum-von-den-Bottichen-Schöpfer oder irgendwas gesehen, aber da kann ich ihm jetzt auch nicht mehr helfen.

12. Oktober 2008: In Deutschland lehnt einer der wenigen anerkannten Geisteswissenschaftler eine Ehrung für sein Lebenswerk ab, weil er die Qualität der Fernsehsendung missbilligt, und alles pflichtet ihm bei und ruft hurra. Ich auch. Warum bin ich plötzlich einer Meinung mit ein paar Millionen Leuten, die meine Ausbildung sonst auf eine Stufe mit der von Spul- und Borstenwürmern stellen?

Weil der Mann Geld aus Scheiße macht? Weil er Geld aus Scheiße macht, wogegen er — übrigens ziemlich milde — wettert? Weil sich der alte Zausel so putzig echauffiert?

Ich hätte nicht “Lesen und Schreiben studieren” (cit. Papi) müssen, wenn ich nicht wüsste warum: aus dem gleichen Grund, aus dem die Menschen Schnellkurse zum Deutschlehrer von Bastian Sick kaufen. Hahaha, Deutsch kann doch ein jedes. Hihihi, das Kroppzeug aus der Unterschicht ist ja noch doofer als ich. Hähähä, und weiße Socken, Arschgeweihe und den Namen Kevin tragen sie auch noch.

Selbst Borstenwürmer sollen ja richtig nützliche Tiere sein.

Anhang: Kulturlose Amis (alphabetisch):

Soundtrack: Element of Crime: Straßenbahn des Todes (“Und wenn du einsteigst, bin ich lang schon eng befreundet mit den Leuten, die auf meinen Füßen stehn”), aus: Mittelpunkt der Welt, 2005.

Der Globus quietscht und eiert

Update zu Errungenschaft von Dänen und denen, denen Dänen nahestehen:

Diese Woche gelernt:

  1. Es ist weniger wahrscheinlich, von einem Klavier erschlagen, als von Angelina Jolie adoptiert zu werden.
  2. American beer is much like sex on the beach: It’s fucking close to water.
  3. Der Globus quietscht und eiert:

Bild: Mondglobus Nasa Moon Modell 38245. Jetzt schon an Weihnachten denken!

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

Emsig (Phrasen) gedroschen – aber schlecht verkauft

Inhalte

Eigentlich tolle Produkte und
Leistungen werden durch völlig falsche oder miserable Argumente zu Flops. Deutlich sichtbare Beispiele
für Phrasendreschen statt die relevanten Vorteile herauszuarbeiten, findet man oft in den von sich selbst besoffenen (sorry)  "Mission Statements" dynamischer Neugründungen von
Software-Unternehmen, aber auch Biotech-Unternehmen.

Einfach danach googlen.
"mission statement", oder das berühmte "wir über uns" oder "philosophie" eingeben, staunen. Und dann  – entsetzt – für sich selbst einen besseren Texter beauftragen. Einen, der sich wirklich mit dem Geschäftsmodell, der Zielgruppe und ihren Bedürfnissen befasst. Und sie zu formulieren weiß, verbales Verkaufsgeschick inkluded.

Sprachfarbe

Ähnlich abschreckend wie das von zuviel Eigen-Endorphin ausgelöste Pseudowerbegeschwafel ist auch, wenn die Argumente strohtrocken und wie ein autoritärer Schalteraushang daherkommen. Einfach mal überprüfen, ob in der eigenen Website Wörter und Adverbien wie "hinsichtlich", "bezüglich" und "maßgebend" vorkommen. Wenn Sie es nicht selber schaffen, diese pickelhaubigen Wörter aus der Bismarck-Zeit auszumerzen und in einen flüssigen, angenehmen Satz hinüberzuführen: Ask your friendly copywriter. Natürlich müssen Sie nicht über Ihre Website Kunden bekommen, ganz wie Sie wollen. Aber aktiv abschrecken sollten Sie sie auch nicht.

Safe as Milk

Warum der Saft aus der Verpackung spritzt, hat selbst die Maus jahrzehntelang verschwiegen.

Ich erinnere mich an einen Vertreter der Milchtütenindustrie in der Zeit, als man die Dinger noch in einen zusätzlich anzuschaffenden Plastikbehälter stellen musste, um ihnen dann mit der Schere zu Leibe zu rücken. Das, liebe Kinder und mündige Verbraucher, wäre heute mit euch nicht mehr zu machen. Das Problem der Inkontinenz von Milchtüten bestand schon damals. Und diesem Experten haben sie dann live im Schwarzweißfernsehen eine Milchtüte, so einen Ständer und eine Schere in die Hand gedrückt, er solle doch mal vormachen, wie das geht mit dem Milchöffnen, verlustfrei, sauber und familienfreundlich. Der Mann hat den Studiotisch, seine Krawatte und die des Moderators eingesaut. Warum veryoutubt das niemand? Als “Vintage Cumshot Kitchen Table” oder so?

Heute, wo der Spiegel seine Schwerpunkte endlich von langweiliger Politik aufs Wesentliche umgelenkt hat (Naziromantik, Oktoberfest), erfahren wir endlich: Der Verbraucher — das sind Sie — wünscht immer die jeweils teuerste Verschlussart für seine Saft- und Milchkartons. Kurzzeitig waren das die Alulaschen, der Trend geht zu Schraubverschlüssen.

Das eruieren die lästigen Marketingexperten, die Menschen aus der Fußgängerzone gabeln und sie mit einer Tafel Milka Vollmilch in ihre Befragungsräume locken. Klar, dass sie da immer nur Low Potentials zwischen zwei Anstellungen mit ausreichend Tagesfreizeit erwischen — oder hätten Sie “fünf” Minuten Zeit, die eine Dreiviertelstunde dauern und Ihnen eine gut abgelagerte Tafel Schokolade einträgt? Bei Ihrem Stundensatz? “Ja”, erklären die Hartz-IV-Opfer da oben dann gelangweilt, “so’n sauberer Verschluss an der Milchtüte, der wär schon ganz praktisch, wa. Was, das gibt’s heute auch mit Schraubverschluss? Jaja, immer dran mit dem Zeug.” Dann haben sie sich als kritischer Milchtütenkunde gezeigt und denen da oben mal wieder so richtig die Meinung gegeigt, wa.

“Was, das kostet, so’n Schraubverschluss? Nee, dann will ich keinen.” Wenn das genug kritische Kunden so sagen, wird eben der Schraubverschluss genommen, der am wenigsten kostet: “Leider sind die meisten Verbraucher nicht bereit, wegen des Verschlusses einen höheren Preis zu bezahlen. Daher gilt es, die Balance zwischen Preis und Funktionalität zu finden”, formuliert es Karton-Verbandssprecher (“ein guter Job, wenn man ihn kriegen kann”…) Michael Kleene. Und Norbert Sauermann, der Chefredakteur des Fachmagazins Verpackungs-Rundschau: “Das ist das Dilemma moderner Verpackungstechnik — es gibt für alles eine Lösung, nur muss sie bezahlbar sein. Die Hard-Discounter sind auch deswegen so erfolgreich, weil sie mit ihrer Nachfragemacht eben nicht die beste Verschlussmöglichkeit bezahlen wollen.”

Geiz, lernen wir daraus, kleckert und spritzt. Herrschaften, muss der geil sein.

Soundtrack: Captain Beefheart: Autumn’s Child aus: Safe as Milk, 1967.