Warum Grafikdesign entstand

Schreiber_und_illustrator

(Der Illuminator Rufillus; Selbstbildnis in der Initiale R. Miniatur in der Handschrift Genf, Bibliotheca Bodmeriana, Ms. 127, fol. 244r, um 1170/1200; entnommen aus Alexander, Medieval Illuminators, 17. Quelle: http://www.sbg.ac.at/ger/samson/rvws2006-07/rohr2006_bild.htm "Schreiben und Abschreiben – Von der klösterlichen Schreibstube zum studentischen Nebenjob")

Die Kenntnis der Schrift und die Fähigkeit zu lesen war früher nur den gebildeten Ständen zugänglich. Schreiber und Kopisten schrieben in unendlicher Mühsal ab. Um das Lesen dem Nutzer angenehmer, sicher auch das Schreiben dem Schreiber heiterer zu machen, illustrierte der Mönch die Majuskeln (Großbuchstaben) in bunter Pracht. Einem großen Publikum bekannt sind die zum Teil sehr frechen, ungehörigen oder erotisch angehauchten Illustrationen des irischen Book of Kells:

Lions_spouting_wine

(In this detail from the
Book of Kells, showing the heads of lions and chalices
spouting vines
, we can more clearly see the zoomorphic aspects of the
interlace. Author: http://communication.ucsd.edu/bjones/Books/four.html  "Manuscripts, Books, and Maps: The Printing Press and a Changing World" ).

Wahr ist: Um die Heilige Schrift zur Unterweisung der Novizen und Scholaren anzupassen, gab man sie ab ca. 1350 fast nur in Bildern aus, mit wenigen Texthäppchen: die Biblia Pauperum, die Armenbibel. http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_1107.html

Armenbibel_431pxcpg438

(Wikipedia, gemeinfrei)

Vermutlich unwahr ist: dass sie für die Ungebildeten, die "Armen im Geiste" sei.

Ganz sicher heute ist: dass mich das mit den Texthäppchen schwer an Comics und das Internet erinnert. Denn mehr als 4-5 Zeilen wird auch heute nicht am Stück gelesen.

QED, XXIX.IX.MMVIII

Neue Kunden mit exzellentem Service gewinnen?

Ein Beitrag von mir in einem Business-Forum

Excellentservice-Versprechen als Kundengewinnungsinstrument? Eine Denkfalle.

Funktioniert nicht. Es ist höchstens ein Aufmerksamkeitsgewinnungsinstrument.
Welches in der leider oft verwaschenen Sprache des Marketing pour le
marketing gerne fälschlich und undurchdachterweise als echtes und
schnelles Kundengewinnungsinstrument deklariert wird.

Konkreter: Ich kann mit diesem Soft-USP (der eigentlich kein echter
ist) vielleicht Interesse, tamtam, Traffic und Aufmerksamkeit auslösen
– ob wirklich gleich gekauft wird (conversion), also ob das in die
rasche Tat umgewandelt wird, hängt von allerlei sichtbareren Vorteilen
ab.

 

                                          
Das Ding ist so

Es muss erst bewiesen sein. Dann wird gekauft.

Kann man den versprochenen Topservice beweisen? Doch erst hinterher. Logisch. Topservice ist ein Punkt, den man erst erfahren haben muss, um ihn zu glauben. Bis dahin bleibt er: Behauptung.

Taugt also nicht. Warum? Der Beweis (und die Tat, das
wirklich in Anspruch zu nehmen) und damit das Vertrauen darin ist ja
erst erfolgt, wenn ich als Kunde diesen excellenten Service, der mir
versprochen wird bereits in Anspruch genommen habe

                                            Circulus vitiosus

Prospects sofort zum Kauf bringen und als Kunde zu gewinnen geht nur mit knallharten und einklagbaren Facts, die bereits vor dem Kauf klar und beweisbar da
sind und ansehbar, tastbar sind. Daher funktiort der Verkauf von echten
Produkten auch zigmal besser als der Verkauf von Dienstleistungen, die
erst in der Zukunft erfolgen können.

Was also in die Zukunft hinein versprochen wird als soft fact, der dann
eintreten soll, wenn man gekauft hat, ist ein nicht hinreichendes
Versprechen, das vom Prospect misstrauisch (und mit Grund misstrauisch)
geprüft und hin- und her gewendet wird. Von dem ich als Kunde nie weiß,
ob es nur ein hohles Versprechen und damit Marketingblabla ist oder ob
es wirklich und zuverlässig eintreten wird.

Daher taugt es als echtes Kundengewinnungsinstrument, das sofort in
Kauf wandelt, nicht. Besonders nicht bei Dienstleistungen, die sowieso
in sich, also von ihrer Natur her, bereits und sowieso servicelastig
sind.

Daher haben in die Zukunft gerichtete Grafik- und
Strategiedienstleistungen, aber auch Coachings es hochschwer, sich
gleich zu verkaufen. Ein neues Yamaha-Motorad hat es wesentlich
leichter, denn seine Features (höher PS-/Hubraumzahl, Umdrehungen,
etc.) kann man abfragen, seine Tests kann man in Userberichten lesen,
TÜV-Berichten oder ADAC-Heft entnehmen.

Das Problem also, im Vorfeld nie hinreichend beweisen zu können, ob Sie und ihr Topservice wirklich gut sind.

                               Der Käufer weiß es erst hinterher.

Daher
habe ich mir beispielsweise angewöhnt, vor allem im Internetauftritt
keine Top-Serviceversprechen oder "Wir sind die Besten"-Versprechen zu
verkünden, was erst hinterher erfahrbar sein wird. Es bringt einfach
nichts, außer – wenn man Pech hat – das Misstrauen noch eher zu
schüren, weil zuviel marketinggeblablaht.

                                                   Lösung

Kundenrezensionen von wirklich zufriedenen Kunden über diesen
Topservice reinsetzen in die Marketingbemühungen. Denn dann ist es
bereits erfahren
worden und damit halbwegs glaubhaft. Allerdings, wenn da steht: Frau H.
aus Z. habe das und das lobend gesagt, klingt das leider wie vom
Anbieter erfundene Wundertüte und wenig glaubhaft. Die Menschen, die
etwas sagen über einen, über eine Dienstleistung, müssen nachprüfbar
echte Menschen/Firmen mit echtem Namen und echter Adresse sein. Pech,
wenn man eine Dienstleistung hat, die stark von Diskretion lebt, dann
kann man das nicht machen. Dann besser ganz weglassen und auf
begeisterte Empfehlungen unter der Hand setzen.

                        Immer aus der Sicht des Kunden denken.

Da wir immer auch selber anderswo Kunde sind, müsste uns das ja
leichtfallen. Tut es aber nicht, weil wir, was das eigene Geschäft
betrifft, schnell in der Ichfalle sind. Daher ist das over the
shoulder, und die Sicht von außen so wichtig. Wenn es nur öfter
eingesehen würde… (das war jetzt ein allgemeiner und dezenter
Eigenkunden-Seufzer, den ich mir an dieser Stelle mal erlaube…)

Die Rettung des Krokodils

Präsentation. Der neue Werbeleiter der mittelständischen Halb-/Großbrauerei und mein damaliger Agenturchef, kantige Meinung des Werbeleiters:

"Das Krokodil da geht gar nicht!" 

Der Agenturchef fassungslos. Ein No-go in seiner fortgeschrittenen frankfurterisch geschulten Marketingwelt, ein mäßig-erfolgreiches Branding zu kippen. Und auch noch einfach so! Das Krokodil war das eingeführte Diensttier der Brauerei.

Er fragte behutsam (es war nach dem Lunch und er war eins mit sich und der Welt, was er vor dem Lunch selten war) nach dem Grund. Der neue Werbeleiter knurrte etwas über das Grün des Viehs, das nicht gefällig wirke und auch seiner Frau nicht zusage.

Der damals-als-ich-noch-Testtrinker-bei-Martini-war-Agenturchef darauf trickreich-leutselig: Sachma, Grün ist doch diiieee geschmacksphysiologische Farbe für Pils!

Der Werbeleiter merkte, dass er bei diesem Rhetoriker nicht durchkam und sprach leise: Naja, es sei wegen des Urlaubs damals in Florida. Da war er acht, sie waren in den Everglades und er kann bis heute nicht vergessen, wie er sich vor diesem einen Alligator erschreckt hat. Das sei ihm nachgegangen, so dass er bis heute große Angst vor diesen lebenden Handtaschen habe. Und wir Grafiker hätten es auch noch groß als Hero/Comic-Tier in Stories mit Sprechblasen auf die zu präsentierenden Plakate gemalt und mit ihm Kino-Spots erfunden.

Mein Agenturchef sagte, dass Reptilienphobien unter Werbeleitern durchaus vorkämen, weil sie so sensibel seien (die Werbeleiter jetzt). Dass das aber keinesfalls den Erfolg der Brauerei trüben dürfe, da müsse er durch (der Werbeleiter wieder). Dann trank man eine Runde gutes, grünes Bier.

Das half. Das Reptil durfte bleiben, denn es war: eingeführt und einzigartig. Welche Brauerei hat ein Krokodil im Wappen und damals auf den Plakaten, bitte.

Grüne Krokodile sind…

keine Geschmackssache. Sie sind Storyteller, erzählen Geschichten. Sie sprechen. Haben eine große Klappe, regen an und auf.

Dem Irrglauben, dass Design persönliche Geschmackssache sei, hängen viele Unternehmen an. Noch mehr als diese: die Klein- und Einzelunternehmer. Man und vor allem frau meint, dass man mit seinem Gefühl und Geschmacksempfinden den eigenen Betrieb und sein Produkt sehr gut darstellen könne und für diese Kompetenz keine professionelle Unterstützung brauche.

Meist sind ihre Ideen und Geschmacksvorstellungen zu nah am Produkt. Das ist nicht ganz unrichtig, aber sehr langweilig. Wir haben Wettbewerb. Bei Bier ist es mit 100%iger Glaskugelvoraussage das sonnendurchflutete Bierglas, die sich im Wind wiegende Ähre und der Bergsee. Nur macht das bei ungefähr 20 mitkonkurrierenden Brauereien keinen Punkt, die ebenfalls sich wiegende Gläser, flutende Wälder und sonnige Bergseen haben. Austauschbar.

Aus der Erinnerung nacherzählt.
15 Jahre her.

Und es lebt noch.
Und hier auch.

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UPDATE

Wie man diese unsere Geschichte sonst noch sieht (Zitat, Quelle: http://meatjuice.tumblr.com/post/52924983/another-designers-lament)

                        

another "designers lament"

                        

which is actually quite the funny story.

“I don’t like crocodiles, therefore they are unsuitable for the use as a logo.”

ha. wrong. crocodiles are awesome."

                   

Angebotsvertiefung: Baby Pull the Trigger

Diese Woche zwei Ideen gehabt: Erstens müsste es Goethes Smash-Hit Die Leiden des jungen Werthers (mit Genitiv-s bitte) als Weblog geben – und zwar in den beiden Versionen von 1774 und 1787, und dann auf Deutsch und auf Englisch, also insgesamt viermal. Dazu die wichtigste Sekundärliteratur, Erich Trunz und Martin Andree (“Wenn Texte töten. Über Werther, Medienwirkung und Mediengewalt” – wie fetzig kann Didaktik des Deutschunterrichts noch werden?) und so, die Primärtexte sind sowieso gemeinfrei (falls es jemandem entgangen sein sollte: Goethe ist tot! Seit mehr als siebzig Jahren!). Denn welches Buch empföhle sich trefflicher für die Form des Tagebuchs denn der traditionelle Briefroman, und dann doch gleich einer, für den sich genau definierte Usergruppen interessieren müssen? Leben und Werk von Kurt Tucholsky stehen ja auch blogweise rum, und zwar sehr handlich und zuverlässig. Boah, das ist so gut, da muss jeder einzelne Zugriff bare Penunze kosten. Fragt sich noch, ob WordPress oder Blogspot, die Sammelbecken für Schrullenblogs, ihre Einträge auf 1771 zurückdatieren lassen, dann ist das die beste Grundlage für

Idee 2: Nachhilfe geben. Deutsch und Englisch. Wollte ich schon vor Jahren, ist unter einem Wust anderer Arbeit versickert. Unerfindlich, warum wir das nicht längst im Portfolio haben, Kontakt zur Basis ist wichtig. Interesse? Germanistik, Anglistik, das umgänglichste Seelchen, das Sie sich als Lehrer wünschen können. Unterricht bitte bei Ihnen oder auf neutralem Boden, bei uns zu Hause weiß man nie vorher, wie tag- oder nachtaktiv wir grade sind. Nachfragen aus dem Aktionsradius der Münchner MVG werden ab sofort angenommen.

Werther's Original Bag

Soundtrack: Der ruppige struppige garstige borstige 2008er Ohrwurm If This Hat is Missing I’ve Gone Hunting von Get Well Soon. Zum Mitsingen: Der verängstigte Kinderchor in der Mitte quäkt “Shoot baby shoot, baby, pull the trigger! Fire a bullet, an arrow or a poisoned dart, baby! Shoot baby shoot, free us from the pressure with a rifle or a gun! We can’t live forever!” Wenn Sie das auswendig können und sich weiterhangeln, möchte ich ausdrücklich vor dem Video zu Automatic Heart warnen: Vegetarier, Herzkranke, Schwangere und kleine Mädchen sollen lieber weiter Madonna in Unterhosen angucken.

Bild: Werthers Original Bag 190 Pieces bei Buy Candy Wholesale, Amazon.com.