Every You Every Me

Wer zum Teufel heiratet an Halloween?

The Crow

Zu Halloween, zugleich Samhain, Weltspartag, Reformationstag und Namenstag des Texters, begeht the missing link, Ihre Lieblingsagentur für scary spooky awesome Werbung und Kürbissuppe mit viel Muskat, die Fusion einer marktwirtschaftlich versierten Eine-Frau-Designschmiede mit einem populärwissenschaftlich universalgebildeten Stubengelehrten. Das verbindende Mandatory Element war die Liebe — und zwar zu Werbekunden, die sich ungern verarschen lassen.

Wolf meint: "Das verflixte Siebte hätten wir dann auch weg."

Vroni meint: "Unerheblich. Mich interessiert, wie lange wir noch müssen."

Lieder: Placebo: Every You Every Me und Without You I’m Nothing
aus: Without You I’m Nothing, 1998.

»München ist eine Stadt für Schweinebauchagenturen«

"Als Jung von Matt ihre Dependance an der Isar dicht gemacht hatten, hat
mir eine ihrer quirligen Art Direktorinnen nach dem dritten Glas Wein
kichernd den Grund des Weggangs verraten:

München ist eine Stadt für Schweinebauchagenturen."

Quelle und Zitat: Atelier Beinert, München, Berlin. Sehr lesbarer Beitrag, guter Mann und ebenso wie ich Fan von KMS-Team.

Weitere Seite von Beinert: Hans Herrmann Wetcke über den Zustand des Designs in München. Eine Standortbestimmung. Hochaktuelles Fazit und Schlusskommentar von Beinert (Zitat):


[1] Anmerkung aus der Sicht des Jahres 2007: Das
Design Zentrum München (DZM) existiert in dieser Form nicht mehr, Herr
Wetcke hat seine Funktion als GF aufgegeben, die »bayern design« hat
München verlassen und residiert jetzt in Nürnberg, die überteuerte »Strukturanalyse von Roland Berger« stellte sich als unhaltbar und unbrauchbar heraus, Rolf Müller und Pierre Mendell haben inzwischen ihre Designstudios aufgegeben, Wolfgang Beinert hat München 2006 fluchtartig in Richtung Berlin verlassen,
die Ausbildungssituation ist noch katastrophaler geworden, z.B. wurde
die Fotoakademie aufgelöst und die FHM hat bis heute aufgrund fehlender
Qualifikation keinen Master-Studiengang (Design), das Modemuseum wurde
aufgelöst, die Kulturreferentin wurde gefeuert, angekündigte und
beschworene »Designprojekte« der »bayern design« erwiesen sich als
Placebos und diverse private Initiativen, beispielsweise das Design-Kulturzentrum oder der Designcenter München, sind aufgrund mangelnder Unterstützung und vehementen Widerstands kläglich gescheitert. München die Hauptstadt des Designs?

Hach, residiert in Nürnberg… (= Hat leider nicht viel Geld für große Sprünge, so ist das im Hightech-Bayern.)

the missing link kommt aus Franken (Fachhochschule für Gestaltung, Nürnberg). Den Schweinebauch* überlassen wir unserem Münchner Stadtteilmetzger ums Eck, Richtung Zenetti, der kann das besser. Sein Name ist Bauch, Magnus Bauch.

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* Zur Information für Nichtschweinebaucher und andere Gestalten:

"Schweinebauch" means:

1. Schlechte Gestaltung

2. Alle Anzeigenelemente eng und unlesbar auf einen Raum, möglichst dicht zupflastern

3. Konkret: die  berühmten (optisch sehr grauslichen) Anzeigenfriedhöfe & Donnerstaganzeigen des Einzelhandels von Supermarkt- bis Metzger-Sonderpreisen in 60 Punkt. Donnerstag, weil die Hausfrau dann ihre Wochenendkäufe zusammenstellt und die Beilagen studiert. Ob sie es heute noch macht, weiß ich allerdings nicht.

Vroni Gräbel

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Und wer sind Sie? Das Wochenendrätsel für Leute, die auch am Wochenende nur ans Büro denken können.

Möglichkeit 1:
Autonom agierende Einheit (AAE)
Kollege, der sich
nicht mit Kollegen abspricht und alleine vor sich hinwurstelt, Sonderform des
Büro-Autisten (Nikolaus Bernhardt)

Möglichkeit 2:

Clownfrühstücker
nervt beim 8-Uhr-Meeting mit seiner
überschwänglichen Witzigkeit den müden Kollegenrest (Peter Kahler)

Möglichkeit 3:

Frolic-Stanzer
ist zu nichts anderem zu gebrauchen,
als das Loch in die Frolic-Ringe Hundefutter) zu stanzen (Michael
Schmidl)


Und noch:
Mister Crocodile
auftauchen, Maul aufreißen, abtauchen
(Hans-Jürgen Teßnow)

aka
Hubschrauber
fliegt ein, wirbelt Staub auf, fliegt
wieder ab – zum Beispiel CEO zu Besuch bei der Tochterfirma (Bernd
Wachtendorf)


Management by Champignon

Sobald ein Mitarbeiter den Kopf aus dem Dreck streckt, wird er geköpft (Brigitte Falk)

Gleitzeitökonom
ab 17 Uhr daheim (Frank Simon)

Käserei
Strategieabteilung, Marketingabteilung
(Norbert Gülk)

Unfallflucht
Urlaub gleich nach Projektende
(Norbert Gülk)


                                                          Have fun!


(Quelle: Die Besten aus der SPON-Typologie, der Rest ist Müll. Dort nennen Sie es Büroschimpfwörter, the missing link findet es beängstigend real.)

Vroni Gräbel

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Geschmäcklerisch und Geschmack

Eine neue Seuche ist auf dem Vormarsch. Das Geschmäcklerische.

Klinik (wissenschaftlicher Ausdruck für Symptomatik, evidente Krankheitssymptome):

Kurzatmigkeit ("Wir brauchen binnen kürzester Zeit ein neues Logo, denn der Branchenkatalog wird im November gedruckt".)

Hyperventilation (Überall anfragen, auch Billigheimer inklusive Blümchendesigner und Konzeptions-Trottel)

Herzrhythmusstörungen ("Unser Unternehmen soll umgebaut werden, aber wir wissen nicht, in welche Richtung.")

Diffuse Magenbeschwerden (Der veranschlagte Preis – höher als geplant, da echt Schwerarbeit – zu dem als Ergebnis wirren Briefing schmeckt nicht und verursacht Kneifen unterm Solar Plexus)

Depression und Flucht aufs Seidenkissen, Beantragung von Hausbesuchen ("Wer das Haus besichtigt, kann sich doch irgendwie ein besseres Bild vom Unternehmen machen.")

Endstadium Katatonie. Starre. Mangelnder  Mut zur Unterscheidung. ("Eigentlich ist ein Weinblatt (eine Reblaus, oder weitere ausgelutschte Allerweltssymbole nach Belieben einsetzen, etc.) doch recht schön, wenn man es gefällig umsetzt." Ursprünglich geplant war aber ein hoher Wiedererkennungswert, der von anderen unterscheidet.

Geschmack ist, wenn man Stil und Uniqueness hat.
Gechmäcklerisch sein ist: keinen Geschmack haben. Dafür Ängstlichkeit. Nach verstaubt-modischer Gefälligkeit schielen und möglichst keine inhaltlichen Aussagen treffen.

Wer Geschmack hat und sicher ist, fällt auf. Gelegentlich sogar spektakulär, aber immer angenehm. Wer geschmäcklerisch ist, fällt nicht auf. Er ist und bleibt Durchschnitt.

Krankheitsentstehung/Ursachen:
Erreger unbekannt. Es wird eine genetische, aber auch gesellschaftliche Disposition diskutiert, die den Ausbruch des sich ständig wandelnden Virus fördert.

Analyse:
Mängel in der Medienkompetenz, der musischen und kulturellen Ausbildung von Aisthesis (Wahrnehmung) und folgerichtigem logischem, aber auch prozessualem Denken seitens der Schulen und der Elternhäuser stehen als Hauptkatalysator des Geschmäcklerischen im Vordergrund

Früherkennung:
Signa Minima: Unsicherheit.

Therapie:
Keine. Besteht derzeit nur in der teueren* Linderung der Symptome.
Da fast alle befallen sind, fällt die Krankheit nicht weiter mehr auf.

* Gut zureden, beraten, gut zureden,  beraten, gut zureden, beraten, gut zureden, beraten, gut zureden, beraten, gut zureden, vorexerzieren, zeigen, belegen, vorexerzieren, zeigen, belegen, vorexerzieren, zeigen, belegen, vorexerzieren, zeigen, belegen, wieder gut zureden,  beraten, gut zureden, beraten, gut zureden, mit viel List Entscheidungen herbeiführen. Rechnung stellen.

* So. Da ist, was es so teuer macht: der unglaubliche Energie- und Missionierungsaufwand, unzählige Telefonate, Besuche, Präsentationen beim bestehenden Kunden. Damit etwas herauskommt, dessen man sich als Designer und als Kunde halbwegs nicht schämen muss. Betriebswirtschaftliche Anmerkung: Irgendwo muss sich der Aufwand in der Rechnung wiederfinden. Aber manche Kunden glauben, wir machen das so aus Spass, weil wir so gerne reden. Liebe Kunden, ihr könntet es preiswerter haben.

Vroni Gräbel

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Stilfragen: Ente oder Badebiber.

Als Gestalter befummeln gestalten wir nicht nur Papierenes und schubsen nicht nur Pixel, sondern nehmen intensiv Anteil an der übrigen dinglichen Welt. (Richtig erkannt, es ist wieder Geschenkezeit so langsam.)

Was die dingliche Welt betrifft, gehöre ich eher zu den Klassik-Liebhabern unter den Designern, die nicht unbedingt Lavalampen oder poppige Kuhflecken-Styles haben mussten, als sie noch in waren. Ich bevorzuge die Urform der Dinge und bin ein typischer Manufaktum-Kunde. Das ist mit der Kindheit zu erklären, die Eltern sind an allem schuld.

Jetzt habe ich ein ein klares Defizit entdeckt, das meine blinden Wahrnehmungsflecken erklärt: meine Kindheit musste ohne Badebiber auskommen, obwohl der ganz klar zur kindlichen Standardausrüstung gehört:

Badebiberbaby

Ich hatte nur die klassische gelbe Ente in der Wanne und musste die auch noch mit den Geschwistern teilen. Am Schluss malte ich sie mit einem Filzstift liebevoll nach, als ihre Augen anfingen, wegen der ständigen Baderei vom Lack zu fallen.

Aber sowas, nein sowas habe ich einfach nicht gemacht, das verbot mir der Respekt vor der Essenz der Dinge. Ich weiß auch nicht, wie diese Ente ihre Ganzkörpertätowierung seelisch verkraftet:

Schottenente

Diese und noch viel mehr Designerenten – von der Flowerpowerente bis zur Leolilly oder der BlackAdder-Ente oder Diamond-Ente – zu je 19 Schweizer Fränchchchli das Stück gesehen auf http://www.la-casa.ch

Zum Abschluss noch mal zur Erinnerung (ich will bei Ihnen die Kindheit triggern, jawohl) die hypnotische  Farbe Badeentengelb, so muss das gehen unter uns Klosterschwestern Puristen.

Yellow

Vroni Gräbel

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Doris Lessing kriegt den Nobelpreis.

Erster Gedanke: “Wie — hat’n die nicht längst?”

Zweiter Gedanke: “Wieso bei den Longlist-Zahlen noch mit 87?”

Dritter Gedanke: “Hat das die dpa aufgebracht, dass ihre größte Leistung anscheinend darin besteht, die Tante vom Gysi zu sein?”

Vierter Gedanke: “Na so schlimm, wie der Ranickel tut, is es nu auch wieder nicht.”

the missing link, Ihre Lieblingsagentur für engagierte Longseller und späte Anerkennung, gratuliert Doris Lessing — und dann auch gleich Julia Franck zum Deutschen Buchpreis.

Doris Lessing Julia Franck

Bilder: Doris Lessing via Wikimedia Commons; Julia Franck via Die Zeit; Lizenz: Creative Commons.

Dem Unaufgeregten mit Interesse lauschen

Buchmesse! Mehr books per minute als selbst, sagen wir, weiland Wieland in seinen achtzig Jahren gelesen und geschrieben hat (mein Gott, stellen Sie sich vor die Brauerei und fragen jammervoll, wer das alles trinken soll?)! Merchandising, das live in der Halle gekocht wird und die Konkurrenz in drei zusätzliche Mittagspausen drängt (und kriegen Sie heute mal Messemiezen, die kochen können, unter fuchzig am Tag)! Besoffene Verleger ab 14 Uhr (die ständigen Proseccoempfänge schaffen jede Leber)! Hübsche Buchhändlerinnen!

Vor allem Hörbücher sind ja seit 1995 kurz davor, in zu werden. Laut der Literaturbeilage der SZ vom 9. scheint es sich in einem Fall zu rentieren. Heinrich Böll (kennt den noch jemand?) hat selbst vorgesehen, dass seine Bücher vorgelesen werden, und bevor sich wieder irgendwelche Serienschauspieler zwischen zwei Engagements daran vergreifen, hat er das lieber selbst gemacht.

Heinrich Böll: Hörwerke. Originalaufnahmen 1952—1985 liegt jetzt auf 25 CDs vom Münchner Hörverlag, der Mutter der Hörverlage, für wohlfeile 99 Euro vor. Lieblingsstellen aus der Besprechung von einem gewissen jby in der Süddeutschen sind von mir hervorgehoben:

Böll spricht sie, als wolle er jede Gefühlsaufwallung beim Hörer vermeiden: nüchtern, in sich gekehrt, am Satzende die Stimme senkend. Das klingt, als rede er mit sich selbst. Nun, da die alte Bundesrepublik unserem Blick immer mehr entschwindet, lauscht man dem Unaufgeregten mit Interesse. Es war nicht alles schlecht.

Wo wir uns gerade so schön über Wieland und Weihnachten unterhalten: Jan Philipp Reemtsma hat soeben Aristipp und einige seiner Zeitgenossen auf 24 CDs eingelesen. Mjamm. Unaufgeregte Besonnenheit bekommt ein Publikum, ach was sag ich: eine Lobby.

Wenn ich alt und grau bin, bringe ich’s noch dahin, dass mir mal jemand ein Wort glaubt.