Reingehen und wieder rausfinden

Soll man sich jetzt darüber freuen oder davor fürchten, dass die Auswirkungen einer monatelang vergessenen Reihe fruchtloser Fußballspiele nicht ewig vorhalten? Endlich darf man sich wieder schämen, dass man noch eine andere Sprache als Deutsch kann. Oder nicht kann. Oder richtiges Deutsch. Oder falsches Denglisch. Oder was weiß denn ein fränkischer Bauernschädel mit den paar Semestern Germanistik und Anglistik. Me stand the hairs to the mountain. Ich geh eine Runde bolzen.

Bull eins null

In jenen alten Zeiten des so genannten Web 2.0 hatten die Avatare nichts anderes zu tun als sich untereinander zu vernetzen. Drahtlos entleerten sich ihre PayPal-Konten gleichmäßig auf LinkedIn, OpenBC, SocialBC, Lokalisten und  World of Warcraft, den Nachweis ihrer Existenz erbrachten sie über ihren Informationsstand, welche Säue jeweils durch Dörfer mit Namen wie Flickr oder Youtube getrieben wurden, Bildung bezogen sie in Yahoo Clever. Über del.icio.us stellten sie ihre Festplatten ins Internet, um in Stayfriends leichter ihre Schulkameradinnen wiederzufinden, die schon vor zwanzig Jahren nichts von ihnen gewollt hatten. Nächtens skypeten sie einander an, aber nur solange ein Daten-"Tausch" auf Limewire lief. Ihre Weblogs auf Myspace zeugten hilflos mit den historischen Mitteln des Chats von ihrer Befindlichkeit darüber. Wie viele Meetings eine Community, die es nicht gab, in Secondlife abhielt, bestimmte die Kurse von Aktien, die es auch nicht gab.

Nachdem irgendeiner dieser Avatare mit der Implementierung seines eigenen Updates namens Web 3D gescheitert war, beschleunigte sich die überfällige Rückbesinnung auf die alten Werte: körperliche Ertüchtigung in zweckmäßiger Kleidung.

Kylie Minogue, bekannt als Grüne Fee aus Moulin Rouge, machte die, nun ja: Vorreiterin.

Nicht mal Cowgirls get the Blue Dunst

So weit ist es gekommen. In Amerika äußern sich schon die Cowgirls kulturkritisch über den Konsum von weichen, einstweilen noch legalen Drogen. Bei solchen Sachen frag ich mich immer, wer gerechterweise an wen Summen Geldes entrichen sollte: die Band an das marktwirtschaftliche Unternehmen fürs Nutzungsrecht – oder umgekehrt fürs Product Placement.

(Das ist von Freakwater, deren sechste CD Feels Like the Third Time von the missing link, Ihrer Lieblingsagentur für kompetente Beschallung einer gedeihlichen Arbeitsatmosphäre, warm empfohlen wird; Weihnachten kommt ja immer so plötzlich. Da ist nämlich eine Würdigung von Amelia Earhart für Lagerfeuerklampfe, Fiedel und zwei Mädchenstimmen drauf. Wer bei dieser Melodei keine nassen Augen kriegt, hat ein Kunstharzherz.)

Die kommen alle immer wieder

the missing link, Ihr Gadget-Blog für die Wegweiser der Retropostmoderne, verschenkt auch dieses Weihnachten wieder keine CDs im Vinyl-Look wie die von kdg Mediatech. Sondern die Franks Wild Years (vielleicht), mit der Tom Waits schon 1986 klar machte, wie gut man selbst auf Englisch ohne Apostrophe auskommt – und vor allem, dass man seine CDs mit einem Bonus Track nicht (un-)notwendigerweise noch länger machen muss, wenn man ihn einfach übers letzte Lied drüberlegt. Das Rauschen auf LPs vermisst man inzwischen halt doch.

Haben Sie schon mal ein weißes Rauschen gesehen? Eben. Und ein vinylschwarzes sieht man dann erst recht nicht. CDs should be heard, not seen.

Neoliberalitas Bavariae

Haben wir’s nicht immer geahnt: Ein neoliberaler Hundling ist er, der Kunde. Sagt wer? Führende Kundenkundler.

Wetten, in München, der Welthauptstadt des Kundenservice mit Herz, ist es in den bevorzugten Gaststätten der Avantgarde längst statthaft, auf "Schau, dass’d mer dei Maß gscheit vollgschenkt kriagst, du ganz hinterkünftiger Haderlump, du ganz hinterkünftiger!" zu antworten: "Do wanns’d di net schleichst, du neoliberaler Saubeitel, du neoliberaler!"

Manchmal hat es etwas Beruhigendes, nicht mehr in Lokalen verkehren zu müssen, die von zwanzigjährigen Kundenverächtern für eine 14- bis 29-jährige Manövriermasse eröffnet wurden, sondern still zu Hause seiner verschrobenen Vorstellung von CRM anzuhängen.

Wer nicht lächeln kann, sollte keinen Konkurs anmelden, wie die Chinesen sagen. Und die sind… Nun ja, sie sind viele.