janemag auch mal

Es ist ein schierer Skandal, in was für Zeitungen die Abgänge der Mädchenschulen sich heute feilbieten müssen, nur weil man auf Ebay nichts Lebendiges verkaufen darf. Vielleicht gibt’s die Erfolgsmeldung wenigstens auf Youtube.

Dagegen scheint das Prinzip, jemanden zu heiraten, der eine ähnliche Kunstauffassung vertritt, zu funktionieren – ein Prinzip, das Ihre Lieblingsagentur the missing link, die Experten für Inhouse-Networking, seit Jahren empfiehlt. Auch wenn Natalie Dee sich nachsagen lassen muss, dass sie zum Abendessen nichts anderes als Zahnpasta auf den Tisch bringt.

(Weiß schon: Die Überschrift ist falsch, geschenkt, geschenkt.)

Revisited: Zu Gast bei Freunden

Der bisherige Verlauf der Bundesliga (in den letzten 50 Jahren oder so) lehrt uns, dass es noch andere Sachen als Fußball auf der Welt gibt. Hatten wir kürzlich die Welt zu Gast auf dem Marienplatz, haben wir jetzt unseren Gegenbesuch bei den inzwischen abgeschminkten Freunden absolviert. Der Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung gestaltet sich harmonisch.

"Hi!"

"Good noon."

"Where you from?"

"Germany."

"Cool! Where in Germany? I know Germany!"

"Munich."

"Cool! From München! Where in München? I know München!"

"Berg am Laim."

"Beer…? Online…?"

"No beer. A Berg. Berg on the… Mountain on the Glue."

"Cool! That’s not where the Hofbräuhaus is, is it?"

"No. But nice beer gardens."

"Cool! What’s your profession?"

"Carriage businessman."

"…?"

"Speditionskaufmann."

"Cool! What you doing then?"

"I manage the trucks and steer the processes. Lieferscheine and so, you know? That’s where I have my Business English from. For the job, you must be two-speaky."

"This is cool! Are you okay?"

"Oh yes, I believe already."

"Cool! Enjoying your stay?"

"Oh yes, it’s beautiful at you."

"Cool! If I can help you…?"

"No, thank you. We meld us dann."

"Cool! Your English is excellent!"

"Thank you. Yours, too."

"Cool, thank you! You enjoy yourselves, will you?"

"Yes, will we. Greet God."

"Nazi fuckers."

"Nette Leute."

Günter Grass: Ich war dabei

Noch zu meinen Lebzeiten konnte man als guter Nazi noch zum Bundeskanzler, gar Bundespräsidenten befördert werden, unsere Hitlerjungs bringen es immer noch bis zum Papst, und plötzlich darf ein armer alter Mann nicht mehr in Danzig umsonst Bus fahren.

Das eigentliche Verbrechen ist ja die Vermarktung. Dabei sollte Steidl mit seinen mindestens drei Nobelpreisträgern den Dieter Bohlens unter uns Souveränität beibringen, nicht umgekehrt. Und von so einem Nobelpreis durchaus eine Tageskarte Innenraum Danzig rausspringen.

Was passiert eigentlich, wenn sich Elfriede Jelinek, noch so ein Nobelpreis bei Steidl, endlich zu ihrer Vergangenheit in der Gruppe 47 bekennt?

Wir können auch anders


Tatjana hält „Wir brauchen eine Neuausrichtung, bisschen seriös und den Auftritt glätten. Sie machen das schon“ für ein Briefing. Kreuzigung ist doch Firlefanz.


Timo hält „mal schnell drübergehen“ für eine Tätigkeit von zwanzig Minuten. Unsere Abbildung zeigt ihn während einer Unterweisung über Stundensätze.


Reinburga wollte uns „Info´s“ zukommen lassen. An ihr verfeinern wir unsere Therapie gegen Satzzeichen-Tourette.


Richard drückt vor Frage- und Ausrufezeichen zwanghaft auf die Leertaste. Sein Mangel an Unrechtsbewusstsein zeigt sich am schärfsten in seiner Aussage: „Hauptsache, man versteht’s.“ Hauptsache, seine Blessuren könnten auch von einem Unfall stammen.


Martina hat uns eine „pfiffige Schreibe“ unterstellt. Frei nach dem Motto: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ nehmen wir sie mit spitzer Feder aufs Korn, um sie bis zur Kenntlichkeit zu entstellen.


Günter verbreitet unbelehrbar, man könne jetzt schreiben, wie man wolle. Was wir ihm unter die Zehennägel schieben, erhitzen wir, so lange wir wollen.


Grit unterscheidet nachlässig zwischen Zynismus, Sarkasmus und Ironie. Was wir mit ihr und einem Lexikon der Sprachwissenschaft angestellt haben, wollen Sie gar nicht wissen. Nur so viel: Es war die Erstausgabe. Noch auf holzhaltigem Papier.


Manfred konnte nicht einsehen, dass acht Stunden Telefonberatung acht Stunden Arbeitszeit erfordern. Auf unserer Abbildung entdeckt er gerade den Zusammenhang zwischen Nachtarbeit und Nachttarif.


Simone fragte sieben mal sieben Agenturen an und ließ alle gegeneinander pitchen. Die so entstandene Ideensammlung ließ sie einen wehrlosen Praktikanten in CorelDraw umsetzen. Hier setzen wir (nicht im Bild) unsere Freizeitideensammlung aus frühen Klaus-Kinski-Spagettiwestern mit laienhaften Mitteln um.



Olaf und Sibylle haben sich in der Agentur kennen gelernt und geben sich seit ihrem Rausschmiss auf ihren Websites gegenseitig als Schlagkräftiges-Team-im-Hintergrund aus. Unser letztes Arbeitsessen unter Kollegen ergab, dass wir alle rechnen müssen.




Melanie leitet ein mittelständisches Unternehmen für Produkte des täglichen Bedarfs. Wenn der Laden mal nicht so läuft, lässt sie ihre Freundin Rotraud gegen einen Caipi irgendwas runterhacken, das die beiden Cocktailschnepfen ihre befreundete Redaktöse Elfriede beim Gratis-Wochenblättchen für nix drucken lassen, weil die sich oft freut, wenn sie noch was Redaktionelles reinkriegt. Das nennen sie Networking. Das ist okay. Wir verwechseln auch gelegentlich die Instrumente.


Hildebrand hat von seiner Überweisung eigenmächtig die Mehrwertsteuer abgezogen. Wir haben nicht mehr mit ihm gemacht als das Finanzamt mit uns.


So geht’s doch auch: Sandra denkt nach, bevor sie brieft, vermeidet Smileys, vertraut den Fachleuten, die sie aus guten Gründen beauftragt hat, und lässt schon mal auf die nächsten vollen zehn Euro aufgehen, wenn sie ihre Zeche zahlt. Innere Logik kennzeichnet ihre bildlichen Botschaften, geistesklare Kurzweil ihre verbalen. Ihre Sätze beginnen nicht mit "Bereits während des Studiums", ihre Begründungen lauten nicht "So halt". Telefonate mit ihr enden nach zwei Minuten mit einer messbaren Bereicherung. Darum lebt sie in Frieden und Wohlstand, ist beliebt bei ihren Peer Groups (Alumni, Aufsichtsrat) und kommt häufig zum Orgasmus.

(Die Namen haben sich aus Gründen des Personenschutzes nach einem komplexen Algorithmus selbst erstellt; die Bilder stammen aus Beautiful Agony, einer künstlerisch herausragenden und gänzlich unironischen Seite.)

Happy End

Beuys and Girls

Man kann eigentlich nicht sagen, dass ich ein Thema habe, das ich besonders gerne mag.
Bernd Becher

Es reicht mal wieder nicht, einfach Pornos zu gucken – mein innerer Germanist muss selbst das kunsthistorischtheoretischphilosophisch untermauern.

Es drängt sich ja auch auf, wenn die standardisierten Settings auf Beautiful Agony dermaßen an die Herrschaften Bernd und Hilla Becher gemahnen: Immergleiche Frontalansicht, immergleiches Wetter, die Aussage entsteht erst durch die ganze Sammlung, die sich zu Typologien fassen lässt – wie frappierend die Ansätze einander gleichen.

Die gesamte Riege der deutschen Fotografen, deren Bildbände die 39,90 überschreiten, besteht aus Becher-Schülern. Was uns das lehrt? Weiß ich auch nicht. Vielleicht dass es in Düsseldorf doch mehr zu fotografieren gibt, als man in seiner provinziellen Bavarität je geahnt hätte?

Jedenfalls müssen erst wieder die Ausländer kommen, um zu zeigen, dass man mit der Becherschen Sichtweise auch noch was anderes erfassen kann als Zementfabriken und stillgelegte Kohlenfördertürme. Klingen auch ganz anders, gell?

In der o.a. provinziellen Bavarität hat man ja ein Leben lang gelernt: Pornos stellen Frauen als Objekte dar, sind beschissen ausgeleuchtet, und die Musik ist erst recht ein Witz. Böse! Erst wenn sie sich benehmen wie Kunst, liefern sie wenigstens die einzige politisch korrekte Begründung für Bücherverbrennung.

Und hier? Keine Musik, über die Beleuchtung befrag ich lieber mal die angetraute Grafikabteilung, sobald sie mal fünf Minuten von der historischen Kraftwerksfotografie loskommt – aber mal ehrlich: Noch selbstbestimmtere Mädels haben Sie auch noch nie gesehen. Jungs gibt’s übrigens auch.

Und böse? Wer einem der gefilmten Mädchen in die Augen schauen und wiederholen kann, dass ihr Tun böse ist, ersäuft auch Katzenwelpen.

So betrachtet sind diese Pornos, die wahrscheinlich gar keine sind, schon lange so große Kunst wie eine Beuyssche Fettecke: Schillern schon beim Nachdenken und lassen einen nicht in Ruhe. Sehen nur besser aus. Auf sowas muss das Ehepaar Becher in seiner Jugend hingearbeitet haben, bevor es sich in der Dokumentation angehender Industriebrachen verzettelte.

Das volle Programm auf Beautiful Agony, ganz nach alter Pornositte, kostet.