Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Zur Wiedervorlage:

Was mit Fahrrad, Tuba und/oder großem Waldstück westlich von Moskau draus machen (Taxi zu bourgeois). Evtl. Lutherstrophen:

Max Goldt, Eine Splittercollage

Bild: Max Goldt: Eine Splittercollage, 17. Juli 2018.

Midder Kibbm in der Babbm

Es ist ein langer steiniger Weg dahin, bis man das singen darf:

1.: Seid mei ledzdn boor Brozende
zohlns mä endlich a weng Rende,
seid i mi zwischerm Rumfedzn
zwischä Fernseh, Glo und Gredzn
ä weng af mei Kautsch hiileech,
bin i endlich ausm Weech,

2.: schau vo mein Luuch fidel und munder
af die andern Debbm nunder,
hau ma nu an Zwedschgä ninder
und fühl mi scho glei vll xünder,
wal i um di Uhrzeid scho
mir a Seidlä köbfm koo.

3.: Seid i wöi a Schlugg Dai Ginseng
in der Sofaridzn drinhäng
und in Underhemd und Schlabbm
midder Kibbm in der Babbm
haubdberuflich Nosn buhr,
gäihds mä bessä wöi zuvur.

Fade-out: 3. Strophe als Kanon.

Wenn das jemand vertonen will: Die Musik gehört so ungefähr wie der Düsenclipperhocker von Streetlife unter Rudi Madsius und Günter Stössel 1984, aber ohne das septimakkordlastige Rumgefunke, wenn ich bitten darf. Ich will eine Version über mindestens 9:52 Minuten, das heißt: länger als Bat Out of Hell, aber weitere Strophen zu dichten stünde der Aussage der bestehenden entgegen. Instrumental darf also ganz schön was hergehen.

Klimawandelbonus

Update zu Das erste Frühlingsgedicht 2018:

Herr, es ist
Zeit. Der Sommer
war so mittel.
Inzwischen prasseln mir

an der Bushaltestelle
die Kastanien aufs
Haupt, die Zeitung
lamentiert über den

Bierpreis auf der
Wiesn, aus den
Läden sind die

Kirschen weg, und
ich erwarte täglich
Lebkuchen und Marzipan.

Soundtrack. Hubert von Goisern: da summa is aussi,
aus: TRAD, 1998:

Siegesdonner, erklinge!

“Kasan” steht ab sofort in einer Reihe mit “Cordoba” und “Gijón”: als Chiffre für eine dieser finstersten Stunden, die auch jenen Kindern einmal etwas sagen wird, deren Eltern sich noch nicht mal kennen.

Christof Kneer: Löw hat die Lässigkeit vorgelebt,
in: Süddeutsche Zeitung, 27. Juni 2018, 19.06 Uhr.

Das war knapp. Letzte Woche konnte man am hellichten Samstagnachmittag unbehelligt den Marienplatz passieren, ohne von schwarz-rot-gold bemalten Anwärtern auf sozialpädagogische Maßnahmen mit Ländernamen angebrüllt zu werden. Das war in vorangegangenen geraden Jahren schon anders.

Endlich ergibt sich die Gelegenheit, sich mal mit der tatarstanischen Geschichte auseinanderzusetzen: Wenn man sich die sinnlose Arena (Eröffnung 2013, 465 Millionen Euro, weltgrößte LED-Fassade an einem Fußballstadion) mal wegdenkt, scheint Kasan nämlich eine richtig schöne Stadt mit einem Deutschen Haus, einer Städtepartnerschaft mit Braunschweig und zahlreichen großen Töchtern und Söhnen, darunter Gawriil Romanowitsch Derschawin, dem größten russischen Dichter, bis Puschkin auftrat, mit der inoffiziellen russischen Nationalhymne von 1791 bis 1833 und seiner großen Ode, in der er beschreibt, wie er Flöhe in den Haaren seiner Frau sucht, und seine eigenen Gedichte mit Limonade vergleicht.

Schon klasse. Soll noch einer sagen, Fußball wäre kulturfern.

——— Rainer Maria Rilke:

Der Ball

aus: Neue Gedichte, 31. Juli 1907, Paris:

Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
sein Eigenes; was in den Gegenständen
nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
den Wurf entführt und freilässt –, und sich neigt
und einhält und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

um dann, erwartet und erwünscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hände zuzufallen.

Soundtrack. Gawriil Derschawin & Osip Kozlovsky: Grom Pobedy, Rasdawaisja! (i. e. Siegesdonner, erklinge!), 1791:

The only thing that looks good on me

Seit vorgestern muss ich mich an die frisch angebrochene Ära der Gleitsichtbrille gewöhnen. Dass es gleich zwei solche Geräte geworden sind, um einen Ersatz in der neuen Technologie zu schaffen, macht nichts leichter. Das eine Modell geht in die Richtung Buddy Holly und Heiner Müller, das andere ist dermaßen dem 19. Jahrhundert verhaftet, dass es noch einen Windsorring hat — das, was sich E. T. A. Hoffmann hinter die Ohren geschnallt hätte, um den Kater Murr zu schreiben; nicht das um Mitleid flehende Blumendrahtgestellchen von Franz Schubert, aber schon etwas, mit dem man sich bei Unschlittkerzenlicht Eisengallustintenfinger zuzieht. Ich brauche dringend einen Bratenrock.

Damit lernt man dergestalt das Gucken neu, dass man sich fürs erste stark der Musik zuwendet, weil man zuerst einen Blick wie E. T. A. Hoffmann kurz vor dem täglichen Verlassen des Lutter & Wegner hat. Darum vorsichtshalber heute keine Bilder.

Und sonst? Ist uns der Harry Rowohlt auch schon wieder drei Jahre gestorben:

Ich hab’s geschafft: Ich bin Coverboy im Hamburger Abendblatt, in Farbe, und das mir, dem letzten freilebenden Springer-Boykotteur. […] Orthographie und Interpunktion waren immer das einzige, was ich einigermaßen beherrschte. Wenn diese beiden Tugenden plötzlich nichts mehr gelten, stehe ich vor dem Nichts. Ich kann ja nicht mal ordentlich skilaufen. […] Das ist so gut gesagt, da beschlägt einem doch die Berylle.

Harry Rowohlt: Pooh’s Corner.
Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand
,
in: Die Zeit, 8. August 1997.

Soundtrack: Die Ärzte: Buddy Holly’s Brille,
aus: Im Schatten der Ärzte, 1985:

Hinten, ganz weit hinten im Präkambrium

Kaum schaut man sechs Jährchen nicht hin, hat eins der wenigen seriösen Bücher über Naturwissenschaft, die sogar ich versteh, eine Neuauflage: Peter Rothe: Die Erde. Alles über Erdgeschichte, Plattentektonik, Vulkane, Erdbeben, Gesteine und Fossilien von 2008 ist jetzt Die Erde: Alles über Erdgeschichte, Erdbeben, Vulkane, Gesteine und Fossilien von 2015.

Das nennt sich erweiterte Neuausgabe und hat weiterhin großherzigerweise ein richtig wandfüllendes Poster beigelegt, auf dem ein Zeitstrahl mit der Erdgeschichte drauf ist, mit Vulkanen, Urzeitwäldern, Trilobiten, Dinosauriern und allem. Das hält so lange, bis das Quartär zu Ende geht.

Der Zeitstrahl fängt unten mit dem Präkambrium an, was so sinnvoll wie lehrreich ist. In der Neuausgabe von 2015 ist das Präkambrium allerdings ein schmaler, maßstabsgestauchter Streifen, was sinnvoll, aber nicht ganz so lehrreich ist. In dieser Hinsicht war das Poster der Ausgabe von 2008 nämlich eine Rarität: mit dem Präkambrium in maßstabsgetreuer Ausdehnung von 80 Prozent der bisherigen Erdgeschichte. Das war kein schmaler Streifen, das war der Löwenanteil.

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Beiträge zur Zahlenmystik

Wenn die Leute signifikant älter geworden sind, erzählen sie einem hinterher immer gern darüber, wie sie “Bilanz gezogen” haben. Keine Ahnung, wie das gehen soll, falls es etwas bedeutet, das man nicht durch den Gebrauch eines Geldautomaten beheben kann. Meine Bilanz ergibt: Nach drei, vier Wochen legt sich der Rummel um einen runden Geburtstag langsam, und: Ui, ich bin jetzt auch schon 601 Monate alt.

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You were beaming once before, but it’s not like that anymore

Stupidedia war schon immer eine Art Kamelopedia mit Abitur, übertroffen nur noch von der Uncyclopedia. Überraschend wirkt der Stupidedia-Artikel über Heinrich Heine, der einige diskutierwürdige, aber wenigstens diskussionswerte Parallelen aufgetan hat. Wir übernehmen die Übersicht von dort:

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Sisyphus 4.0

Auch den Sisyphos sah ich, von schrecklicher Mühe gefoltert,
Einen schweren Marmor mit großer Gewalt fortheben.
Angestemmt, arbeitet’ er stark mit Händen und Füßen,
Ihn von der Au aufwälzend zum Berge. Doch glaubt’ er ihn jetzo
Auf den Gipfel zu drehn: da mit einmal stürzte die Last um;
Hurtig mit Donnergepolter entrollte der tückische Marmor.
Und von vorn arbeitet’ er, angestemmt, dass der Angstschweiß
Seinen Gliedern entfloss, und Staub sein Antlitz umwölkte.

——— Hans-Ulrich Treichel:

Sisyphos’ Dementi

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Was müde macht

Der KATER berichtet

 

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Albert Einstein

 

Neulich schon wieder einen am Hörer, der wollte dass das Büro meiner Herrin auf die Schnelle und auf Verdacht eine Summe nennt. Zack. Ins Blaue. Kann doch nicht so schwer sein. Wieder einmal kurz vor ‘Ladenschluss’ Viertel vor Sechs abends. Weiterlesen

Insektenleben

Die Raupe zum Zitronenfalter:
“Lass dich nicht so hängen, Alter.”
Der Zitronenfalter zur Raupe:
“Gleich gibt’s eins auf die Haube.”

~~~\~~~~~~~/~~~

Die Beerenwanze zum Tagpfauenauge:
“Glaubst du, dass ich zum Herumflattern tauge?”
Das Tagpfauenauge zur Beerenwanze:

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Sammeln Sie Punkte?

Auf die Frage hab ich bis letzte Woche immer geantwortet: “Ja, im Gesicht.” Danach kennt mich die Kassiererin und fragt nie wieder.

Letzte Woche ist mir beim Warten an der Bushaltestelle eine Paybackkarte zugelaufen. Da ist eine rote Katze drauf, die mich anmiaute: “Nimm mich mit!” Erster Impuls natürlich: ab damit ins Fundbüro, aber wo um Himmels willen ist ein Fundbüro und gibt’s das überhaupt noch? Sonst finde ich immer nur Eurostücke, die sich als Augustiner-Kapseln herausstellen.

Ein Test bei der Kassiererin, die mich schon lange nicht mehr fragt, ob ich Punkte sammle, ergab: Weiterlesen

“Wir müssen davon ausgehen, dass sich der dramatische Insektenrückgang fortsetzt.”

Der KATER berichtet

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. (Einstein)

 

Ich mag es im Fall der Bienen überhaupt nicht, dass dieser unheimliche Menschenkenner und Einstein Recht hat. Einstein hat sich nur einmal geirrt. Bei der Quantentheorie. Wenn dieser Satz da oben stimmt, den man Einstein nachsagt, dann kanns nimmer lang dauern mit uns.

Beispiel?

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Denn meine Dienerschaft ernährt sich nur von Weißbrot mit Orangensaft

Das Leben ist ein
Rennen. Sieger ist, wer mit
dem meisten Zeug stirbt.

Soundtrack: Die Ärzte: Ich bin reich,

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Nicht zu unterschätzen: Aegopodium podagraria

Vorher:

Gierschbeet vorher

——— Jan Wagner:

giersch

aus: Regentonnenvariationen, Hanser Berlin 2014:

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt seine kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

Während:

Giersch nah

Nachher:

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Der Ton macht die Musik.

1. Nicht arbeiten müssender Edel-A-Blogger zieht um in ein neues Medium, in dem er auch wieder bezahlt wird.

2. Dass das gewählte Medium sein erklärter Oberfeind war: geschenkt. Passiert im Netz andauernd, dass das Gerede von gestern nicht mehr interessiert. Mir wär’s nicht wurst, aber bitte was solls!

3. Als selbsternannt erlesen vorbildlicher Gentleman der Oberschicht wird er im Ton sehr ruppig, als eine Dame ihn daran erinnert, dass er Weiterlesen

Ostern? Nass! – Daher: Der kluge Osterer bleibt lieber drinnen.

Der Hase auch.

In der Hasimation ist er nur vordergründig draußen. Das sieht nur so aus. In Wirklichkeit ist er wie ich drinnen bei den trockenen Pixeln. Kluges Tier.

Osterhasi

Es ist das Osterfest alljährlich für den Hasen recht beschwerlich.

Und wer hat’s erfunne?

Die alten Kelten. Echt jetzt?

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But first, rebellion.

“Und? Was machst du heut noch?” sag ich.

“Och, die Geschäftsseite umbauen”, sagt Vroni. “Ich muss neue Zielgruppen erschließen.”

“Gut. Versuch mal eine zahlungskräftige.”

“Mach ich ja. Hipster.”

“Gibt’s die noch?”

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5–7–5 (7–7)

Immer noch nicht raus ist ja, ob Dialektlyrik jetzt wirklich ausdrucksvoller als Lyrik in “hochdeutscher” Standardsprache ist. Ich versuch mal einen Vergleich, vorsichtshalber angefangen mit der hochdeutschen Version, zum Wohle unserer Leser nördlich der Pegnitzlinie. Und südlich davon eigentlich auch.

Tattoo

Die zwei Buchstaben
am dritten Halswirbel werd
ich noch vermissen.

Inhalt erfasst? Dann nochmal den gleichen Silbenfall mit so vielen Informationseinheiten, wie reinpassen:

Dadduu

Di zwaa Bouchschdoom am
driddn Groongwirbl wer i

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Manic Street Preacher

Schubs mich nicht Querformat

Schubs mich nicht wenn ich am Abgrund
Ich frühstücke in der Apotheke

Vroni meint: “Du wieder mit deinem dunkelschwärzlichen Zeug zur Verherrlichung der Gemütskrankheit.”

“Kaum schreiben die Leute gleich zwei halbwegs zusammenhängende deutsche Sätze an die Laterne, sind sie schon behandlungswürdig depressiv.”

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