Eine Lanze für Destiny Hope Cyrus

“Fan” wäre jetzt übertrieben — aber dann ist mir doch etwas aufgefallen, bei dem man kurz schluckt: Man suche die Backyard Sessions von Miley Cyrus auf: Die Stimme ist geboostet, aber ihr übliches “Wäh, ich bin so ein böses Mädchen”-Gehabe hat die gar nicht nötig:

Die englische Wikipedia führt Frau Destiny Hope Cyrus als “vocal, guitar, piano”, dabei ist der Fratz gerade 25 geworden. Außerdem ist sie aus Nashville als Tochter eines praktizierenden Countrymusikers gebürtig — und weil ihre gute Fee zum Quartalsende alle guten Gaben loswerden musste, die Patentochter von Dolly Parton.

Auf der Brennsuppe dahergeschwommen sieht anders aus, die junge Destiny Hope war zum Berühmtwerden geboren. Daddy heißt Billy Ray Cyrus, ist im Geburtsjahr seiner nachmals berüchtigten Tocher 1992 mit dem mittelwichtigen Evergreen Achy Breaky Heart (dt.: “Ächzi Brechzi Herz”) hervorgetreten und konnte demütigende Frisuren fast noch würdevoller tragen als die Familienfreundin Dolly Parton:

Von den DVDs zum ersten Berühmtwerdeschubs der jungen Cyrus Hannah Montana hat mich ein einzelner Youtube-Kommentar gerade noch so abgehalten: “Ich bin schon 12 und schaue immer noch Hannamonata lollol gggggg” oder so ähnlich. So verunzierten die 4 bestehenden Staffeln etwa 2 Stunden lang meine Amazon-Wunschliste; auf die nächsten automatischen Empfehlungen freu ich mich schon. Im weiteren Verlauf musste Jung-Miley, um noch berühmter zu werden, in Autotune-Orgien wie BB Talk (nein, das ist mir jetzt doch zu beschallert zum Einbetten) oder das 2013er Skandalon Wrecking Ball (nein, das ist mir zu bekannt zum Einbetten) geschubst werden. Für die darstellende Künstlerin spricht, dass sie sich schon 2017 für solches Zeug schämt. Eine rasante Entwicklung.

Die neuere Kritik bescheinigt inzwischen dem “Wrecking Ball”-Quatsch einige Substanz, das neuere Malibu strotzt immer noch vor Autotune-Kapriolen, hat aber eine richtig komponierte Melodie mit mehr als einer Idee in einer nervensehrenden Basslinie:

Man fängt am Ende noch an, Miley Cyrus zu mögen, vielleicht eine Art Adventsirresein. Meinen Desktophintergrund tausch ich bestimmt bald wieder aus, insgesamt aber schauen wir in zehn, zwanzig Jahren nochmal nach, ob sie bis dahin endlich wie Tante Dolly ihre selbergeschriebenen Lagerfeuerklopfer auf dem Barhocker zur Klampfe vorträgt. Scrollen wir nochmal hinauf zur Playlist mit den Backyard Sessions aus 14 Liedern von 2012 und 2015 und stellen fest: Holla, da ist sie ja, die Substanz. Das wird mal ein schöner Alt.

Als Vorschuss auf diese Zeit ein Bonus Track mit echter Singstimme aus ihrer Phase als Hannah Montana:

Rocking and Wailing

Wenigstens einmal im Leben will man ein bissel eine Gaudi haben. Zur eigenen Beerdigung wäre das wohl keinen Tag zu früh. I put the fun into funeral und hab vorsichtshalber schon My Funeral Playlist zusammengestellt, nicht dass die Bedienung meinen Leichenschmaus mit höhenlastigem Classic Ambient aus ihrem Telefon beschallt.

Die soll lieber zuschauen, dass alle Biergläser immer sofort aufgefüllt sind. Und ja: Sie darf ungebeten nachschenken, sie muss sogar. Am besten eine möglichst kleine mittelfränkische Brauerei, damit man hinterher protzen kann, man habe sie leergesoffen. Zum Runterspülen Whisky, vorzugsweise schottisch, und dann einer, der mit Glen- anfängt, irischer geht auch klar. Zu essen: was da ist. Und zwar alles was da ist. Als Location gern der Friedwald, in den ich sowieso hin will, falls man da bis achte in der Früh durchfeiern darf. Wenn nicht, irgendwas, wo man zwischen drinnen und draußen wechseln kann. Es besteht Rauchzwang, mindestens Zigaretten. Übrigens sind die Maria-Mancini-Zigarren aus dem Zauberberg wieder erhältlich. Abgerechnet wird nicht nach Gläsern und Portionen, sondern nach Fässern und Großpackungen: Das Geschneckel, wer ein Seidlein oder ein Bratwürstlein mehr oder weniger verbraucht hat, verleidet einem schon zu Lebzeiten alle Feierei. Übernachtung bis zum nächsten Abend ist inbegriffen.

Als Bedienung wäre eine hochgewachsene Rothaarige ideal, Typ Studentin mit Brille und Birkenstocks, Norwegerin mit oberösterreichischem Zungenschlag, aber da bin ich jetzt nicht so kapriziös. Sowieso alle Haarfarben (wie überhaupt alle Leute, die noch ein paar Tage am Leben bleiben) müssen ein origineller, in sich stimmiger Typ sein. Ansteckendes Lächeln ist für alle Bedingung. Ja, das ist benevolent sexistisch. Das ist nämlich mein Begräbnis und da kann ich machen, was ich will.

21 Lieder, das sind ein, zwei CDs voll, falls die auf einem üblichen Kneipen-Equipment noch abspielbar sind, wenn ich frisch gestorben bin. An der Reihenfolge bin ich so lange gesessen wie an der Auswahl, also bitte so laut stellen, dass ich’s in meiner Urne auch hören kann, wenn ich bitten darf.

  1. Nena: Wunder geschehen. Unbedingt das Original mit dem echten Geigen-Pizzicato, nicht der Elektroschrott aus der verzweifelten Wiederveröffentlichung:

  2. Mozart: 27. Klavierkonzert B-Dur KV 595, und zwar der 3. Satz. Am besten von Daniel Barenboim, dann kriegt der auch ein Trauerbier:

  3. Fury In The Slaughterhouse: When I’m Dead And Gone. Das Video in einer einzigen ungeschnittenen Kamerafahrt aus einem Grab heraus in eine offene Landschaft hat mich ja als erstes fasziniert. Als zweites der grimmige Lebenshunger:

    Das gleiche nochmal mit anderem Video. Wer auf meiner Trauerfeier erscheinen muss, war schon von weit Schlimmerem genervt, als dass er ein perfectly peachy keen Lied zweimal hintereinander anhören darf:

  4. Flogging Molly: If I Ever Leave This World Alive. Genau was man seiner Frau sterbenderweise mitgeben will. Ernstzunehmender Anwärter aufs beste Lied der Welt:

  5. Mercury Rev: Goddess on a Hiway. “Far above the ocean, deep under the sea, there’s a river running dry because of you and me. And I know it gonna last.” Dem Leptosomen, der im Video aus dem Ruderboot verschwindet, soll ich entfernt ähnlich sehen:

  6. Young Rebel Set: If I Was. Dem Leptosomen am Schlagzeug soll ich entfernt ähnlich sehen. Wahrscheinlich Wunschdenken seitens meiner Frau:

  7. Tom Waits: Long Way Home. Weil Anywhere I Lay My Head mit seiner rostigen Zirkuskapelle zu offensichtlich nach New Orleanser Begräbnismarsch klingt und der ganze Tom Waits eigentlich eine ausgelagerte Playlist braucht, vornedran mit Innocent When You Dream, In the Neighbourhood und Good Old World in der Walzerversion, am besten aber vollständige Alben, vornedran die Rain Dogs, erst mal das stillvergnügteste von der Platte, die mir meine Frau geschenkt hat:

  8. Fink: Fisch im Maul. Eins für meine Feinde, falls jemand sich als solcher verstehen mag. Ansonsten hätt ich das gleich als Lebensmotto nehmen können:

  9. Rio Reiser: Übers Meer. Was Hans Albers allzugern gesungen hätte. Und der hat sein Zeug nicht selber geschrieben. Und jetzt alle:

  10. Reinhard Mey: Heute noch. Unbedigt live mit der knochentrockenen, modulationsloden Wanderklampfe. Das kennen nicht mal die erklärten Fans, aber es ist sein bestes:

  11. Hannes Wader: Wilde Schwäne:

  12. Petra Pascal: Wie das Glas in meiner Hand. Es können ja nicht genug Schnulzen sein. Und nicht genügend schlimme:

  13. Marlene Dietrich: Sag mir wo die Blumen sind. Nein, nicht das Original von Pete Seeger. Die Schnulzenanteile der deutschen Übersetzung haben nämlich so einen waidwunden Eichendorff-Touch:

  14. Humpe & Humpe: You Didn’t Want Me When You Had Me. Eins von Stephan Remmler muss dabei sein:

  15. Frank Mills: Music Box Dancer. Daran muss mir in früher Kindheit das Ohr der Musik aufgegangen sein:

  16. Ennio Morricone: The Good, the Bad and the Ugly:

  17. Kaizers Orchestra: Begravelsespolka. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass mir die Ideen langsam ausgehen:

  18. Jeff Buckley: Hallelujah. An dieser Stelle wird deutlich, dass mir die Ideen längst ausgegangen sind:

  19. Fraggle Rock: Dixie Wailing. Ein Klezmer muss dabei sein, außerdem sind die Leute inzwischen ausnahmslos stinkbesoffen und begehren zu tanzen. 1983 hat das eine Kindersendung, die den Tod zum Gegenstand haben durfte, ideal gelöst. Für alle dieses eine Mal der komplette Text; Gitarrengriffe gibt’s auch. Obacht: Das wild zur Lebenslust entschlossene Moll ist gar nicht so einfach zu singen:

    1.:When my time to go is here,
    Call my friends to gather near,
    Tell the doctor and the preacher that I’m failing.

    But forget about your black,
    ‘Cause I’m planning to come back:
    Play some honky-tonkin’ grief and Dixie wailing.

    Chorus:

    Pick me up and lay me down
    And spread the news all over town
    And tell ’em all to come or they’ll be sorry.
    Pick me up and shake me twice,
    I’m coming back from paradise:
    This poor boy is here to live in glory.

    2.:When it’s time to say goodbye,
    All my friends will sit and cry,
    And they’ll watch the coffin rockin’ round and squirmin’.

    Then they’ll raise a mighty shout,
    When my bones come marching out.
    And I praise myself and preach the final sermon.

    Chorus.

    3.:When the Earth begins to quake,
    From the shaking at my wake,
    I’ll be here and making music like a light wine.

    ‘Till the honky-tonkin’ grief,
    Gives the Angels sweet relief,
    ‘Cause they know that Dixie wail is still surviving.

    Chorus 2x.

  20. Johnny Cash: 1 Corinthians 15:55. Mit der Bibel ist man halt doch aufgewachsen:

  21. The Pogues: Sally MacLennane. Praktisch als letztes Lied, weil man es sehr oft hintereinander hören kann, und wenn es das erste Mal aufgelegt wird, auch der DJ immer schon zu verkehrsuntüchtig zum Plattendrehen ist. An dieser Stelle endlich einen Glückwunsch für Shane MacGowan, bei dem es jeden Moment zu spät sein kann: Für so ein Lied, Meister, kommt man in den Himmel. Das kann laufen, bis der Letzte reihert:

Und jetzt keine falschen Hoffnungen, ich bin vorerst wohlauf.

Zwischen dem Hof- und E-Garten links durch den Schmiedeeisenzaun, den steileren Weg auf den zweiten Hügel

Arm sein und nicht murren ist schwer. Reich sein und nicht hochmütig werden ist im Vergleich damit leicht.

Konfuzius.

In München ist der Dichtergarten ein versteckter und schwer zugänglicher Teil des Finanzgartens. Heine sitzt bei Wasser ohne Brot hinter Gittern. Die größte Statue ist die von Konfuzius, geboren 551 vor Christus in Qufu, Provinz Shandong. Die Anlage gilt seit 1984 als Geheimtipp.

Was sie in Müchen halt so für das Schreibervolk angemessen halten.

Klimawandel: O Herr, die Früchte werden groß.

Der KATER berichtet

Die dümmsten Bauern haben die größten Kiwis

Neubairischer Volksmund

 

Beweis-Pfoto:
Riesen-Kiwi 8 cm lang

 

Wachsen tun sie einfach so, mitten in der Smog-, Feinstaub-, SO2- und CO2-verpesteten Münchner Altstadt, Reifenstuel Süd, 4.-5. Stock. Beweis-Pfoto:
Kiwis am Haus, Südlage, 4.-5. S5tock

 

Nochmal das Ernteglück, weils so schee war:
Ernteglück mit Kiwis am Haus

 

Außerdem, zu der dickplüschigen Hummelkönigin, die sich im Oktober noch an den Rosenblüten gelabt hat, jetzt die Hagebutten dazu. Ca. 3-4 cm groß. Beweis-Pfoto:
Riesen-Hagebutten im Garten

Der Sommer geht, das Klima wandelt, der Winter kommt.

 

 

Der Retter der 62

Für die Buslinie 62 innerhalb der Isarvorstadt ergeht vorläufige Entwarnung: Die nervige Umleitung zwischen Kapuzinerstraße und Zenettistraße ist aufgehoben.

Nicht dass bisher eine Haltestelle ausgefallen wäre. Nur eben, dass man von der Kapuziner- zur Zenettistraße unverstärkt hinüberschreien kann, dass der Bus schnell warten soll — was die Klientel des Tröpferlbades, das sich akkurat zwischen den zwei Haltestellen erstreckt, nächtens bestimmt auch öfter so handhabt — der Bus aber seit Anfang Oktober ständig am Penny abgebogen und über den Umweg über Tumblinger- und Zenettistraße weiter ist. In der Gegenrichtung übrigens nicht, weil sie wieder nur die halbe Straße saniert haben. Die Längshälfte.

Um sein Viertel kennenzulernen, war’s ganz praktisch. Oder wer kennt denn das Eck ums Arbeitsamt herum, wo es ein so inniges wie sinniges Ensemble mit dem Schlachthof bildet, außer solchen, die da hinmüssen und deshalb keinen Sinn für seine Schönheit entwickeln können? Lauschige 1-Euro-Läden, Geheimmetzgereien, die früh um viere auf und um sieben wieder zu machen, konspirative Messerschleifereien, im Straßenbegleitgrün hausen wirklich noch Spatzen, dahinter verrosten selbstgestaltete Firmenschilder obskurer Werbeagenturen, von denen kein Mensch jemals etwas hören wird. Was Stadtbilder angeht, eine Gemeinschaftsarbeit von Hieronymus Bosch und René Magritte.

Diese Woche in den letzten Zügen der Busumleitung: Der 62er hält am Eck Tumblinger-Zenetti. Lange. Tucker, tucker, tucker, räusper, pffschschsch. So lange, dass ich von meinem Buch aufschau, weil ich rechnerisch inzwischen längst rauchen sollte. Außer mir noch überschaubare zwei Fahrgäste. Der Busfahrer blättert ungelogen in einem Falk-Stadtplan. Die gibt’s noch.

Der Busfahrer steht auf, geht durch seine Sitze und mustert seine drei Fahrgäste auf Zurechnungsfähigkeit. Putzt seine ergraute Schnurrn, strafft seine gestreifte Hemdbrust und fragt in die Runde: “Wajß hyämand, wo lank diesä Umlajtung gäht?”

Allen Menschen, die noch reden können wie Fritz Muliar als braver Soldat Schwejk, gehört mein Herz. “Links die Zenetti lang, vorn wieder normal rechts gradaus auf die Thalkichner”, sag ich.

“Chat mir njimand ajngäwiesen”, sagt der Busfahrer und schiebt ab auf seinen Platz. Tucker, tucker, pffschschsch, Zenetti rechts Thalkirchner.

Schade, dass ich übernächste schon raus muss. So schnell kann ich mein Glück gar nicht fassen, einem Busfahrer im Einsatz den Weg erklärt zu haben. Ab 15. November bis Anfang Dezember sind noch ein paar Gelegenheiten: Vorläufige Entwarnung, hab i xagt.

Soundtrack: Andreas Dorau: Girls in Love,
aus: 70 Minuten Musik Ungeklärter Herkunft, 1997:

ברודר מרטין לותר

Wie könnte man wohl die Feierlichkeiten zu fünfhundert Jahren Reformation und Martin Luthers Verdienste um die Gefährdung des Weltfriedens geeigneter begehen, als indem man endlich Hebräisch lernt?

Eben: gar nicht. Die üblichen über Thüringen und Sachsen-Anhalt verteilten Lutherstädte wollen zehn Jahre gebraucht haben, alle Bratwurstbuden und Mehrzwecksäle mit dem Nötigsten zu bestücken, um zu vermitteln, dass man die Bibel sogar im Internetz lesen kann und dass Katholen auch Menschen sind, vielleicht sogar die Juden — was nicht einmal dem Doctor Luther jemals einer vermitteln konnte. Hebräisch will ich schon seit ungefähr dreißig Jahren können: Die Juden haben Heinrich Heine, Groucho Marx und Bob Dylan, und was haben die Evangelen? Angela Merkel.

Mit dem Kramer/Kowalik geht das recht ordentlich und kostet 12,90, außer man handelt gleich mir und leiht sich das Ding fertig mit allen Bleistiftanmerkungen aus der Stadtbücherei. Ein Stündchen die Wiki-Seite “Hebräisches Alphabet” anstieren tut’s wahrscheinlich auch.

Damit hab ich jetzt dreißig Jahre herumgezögert; als ich vierzig geworden, hab ich’s kurzzeitig noch am ernstesten gemeint, weil ich ab da koschererweise befugt war, die Kabbala zu studieren. In der Zeit haben andere Leute die Thora auf eine Briefmarke kalligraphiert, und ich kann seit letzter Woche das Aleph-Bet aufsagen und holpere immer noch bei den Zahlenwerten.

Hätten Sie das gewusst, dass Althebräisch ab dem zweiten Jahrhundert als Muttersprache gestorben ist und als “Neuhebräisch” als Fach- und Gelehrtensprache überlebte, bis es 1919 als palästinensische Amtssprache anerkannt und 1948 für das junge Israel gar verordnet wurde — ohne allzu verwirrende Unterschiede zwischen Bibelhebräisch und dem neugeborenen Ivrit? Das ist ungefähr, als ob es seit der Völkerwanderung keine deutschen Muttersprachler mehr gäbe, aber seit dem Anschluss der Ostprovinzen 1990 alle Neudeutschen unter Strafandrohung eine byzantinische Ausprägung des Lateinischen sprechen müssten. Und das Wessobrunner Gebet wäre seit zweitausend Jahren weltweit lückenlos verständlich.

Auch sonst kann man sich recht schnell in die jüdische Seele einfühlen, wenn man den Leuten von seinen Bestrebungen erzählt. Die erste Reaktion war die Frage, warum ich denn nicht Arabisch lerne, das erhöht die Berufschancen. Die zweite Reaktion war eine Tirade darüber, dass die Juden doch die Arschlöcher sind, die eine Decke über “die Frau” werfen und sie durch den Schlitz ficken. Ich referiere das nur, das walking talking Gegenargument Marc Chagall ist mir wieder erst hinterher eingefallen.

Eigentlich will ich ja keinen Mauschelstammtisch eröffnen (obwohl …), sondern nicht so planlos vor den Regalen stehen, in denen man die Bücher wie die Mangas von hinten nach vorne blättern muss, und den Talmud vom Midrasch unterscheiden können. Das konnte ja sogar der Judenfresser Luther — autodidaktisch, noch ohne die Motivation, dass man doch mal kurz den Tanach wegübersetzen könnte.

Wenigstens beschert uns der Mann nach einem halben Jahrtausend einen zusätzlichen Feiertag außer der Reihe – der auch heuer weder Halloween noch Weltspartag heißt, dafür weiterhin mein Namens- und unser Hochzeitstag bleibt. Das widerfährt uns erst wieder in weiteren fünfhundert Jahren.

Entwarnung für Brückentagjäger: Der 31. Oktober 2517 fällt auf einen Sonntag.

Soundtrack: Kaizers Orchestra: Begravelsespolka, aus: Violeta Violeta Vol. III, 2012:

Die Königin war da – letzter Besuch vor dem Armageddon

Der KATER berichtet

Späte Rosen im Garten lassen den Winter noch warten.

Volksmund

Erdhummel, Königin, Bombus Terrestris

Der Herbst zaubert ein goldenes Licht in den Innenhof. Man sitzt am Gartentisch, bespricht den Tagesablauf, der Milchkaffee-Spiegel zittert leicht. Schwer hängen die letzten Rosenblüten über den Kaffeetisch.

Etwas Dickes kurvt über die Köpfe und taucht ein in die dicken rosa Blüten. Sehr dick, rund, pelzig, stattliche zweieinhalb Zentimeter lang, am Hintern silbern.

Die Königin. Bombus Terrestris.

Merlin setzt an sie zu jagen, die Schnurren im Halbkreis nach vorne gebogen.

Wir scheuchen ihn weg, damit sie weiter ernten und fressen kann.

Denn vielleicht ist es die Letzte ihrer Art: http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2017-10/insektensterben-fluginsekten-gesamtmasse-rueckgang-studie

Die letzte Blüte, die sie nimmt, ist viel zu zart, beugt sich der Schwerkraft und macht einen Satz nach unten – samt Königin.

 

 

Frankfurtreich

Es folgt mein alljährliches Geläster über die Frankfurter Buchmesse.

Longtemps je me suis couché de bonne heure.

Das französische Autobahnnetz ist so lang wie ein Satz von Marcel Proust, aber sehr viel langweiliger und obendrein gebührenpflichtig.

Catherine Meurisse, Süddeutsche Zeitung Nr. 233,
Literatur-Teil, Dienstag, 10. Oktober 2017, Seite 1.

Man fasst es ja nicht, was in einem Jahr, in dem Frankreich Gastland auf der Herbstbuchmesse ist, ein dahinsiechender Literaturbetrieb noch aus einem 104 Jahre alten Buch rausholen kann: Die 1953er Übersetzung — zum 40-jährigen Erscheinen — von Eva Rechel-Mertens, die Generationen hypersensibler Sozialphobiker zu dem gemacht hat, was sie sind, hat endlich einen Anmerkungsteil — und ist bereinigt von angeblichen Übersetzungsfehlern, weil keinem mehr klar ist, dass eine “Person” vorwiegend weiblich, aber etwas anderes als ein “Mädel” ist — dabei war Dr. Rechel-Mertens Brandenburgerin und wusste wahrscheinlich selber nicht einmal, wann es “das Mensch” heißt.

Und die 2013er Übersetzung — zum 100-jährigen Erscheinen — von Bernd-Jürgen Fischer ist in einem stark zeitversetzten Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Rechelin ebenfalls nach vier Jahren fertig und schon als Taschenbuch-Gesamtklotz lieferbar — dafür mit noch mehr Anmerkungen und einem zusätzlichen Handbuch, das — wenn schon, dann richtig — gleich den dicksten von 8 Bänden abgibt. — Ein 104-jähriges Buch wohlgemerkt, in dem es 5000 (jawoll: fünftausend) Seiten lang hauptsächlich darum geht, dass vor einem Menschenalter ein kleiner Bub mal einen Keks in Tee getunkt hat. In Lindenblütentee!

Im Direktvergleich hat Fischer den sprichwörtlich gewordenen ersten Satz “Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen” dem Buben gelassen, dafür “schloss” er jetzt die Augen, statt dass sie ihm, übrigens gleich im ersten Absatz, “zufielen”, weil das wegen fermer wörtlich richtiger sein soll, obwohl es um den Schlaf und nicht seinen großen Bruder geht. Solche Skandale häufen sich auf den folgenden 4999 Seiten.

Weil es Buchmesse heißen und deshalb immer um harte Kosten-Nutzen-Rechnungen gehen muss: Der ICE von München nach Frankfurt ist länger als ein Satz von Marcel Proust, aber seit dem Unwesen mit den Schallschutzwänden sehr viel langweiliger und praktisch nicht unter 89,90 zu haben, die anderen Versionen kosten 125,90 und brauchen länger — und zwar einfache Fahrt. Pro Sitz-, wenn nicht gar Stehplatz. Das macht zu zweit 503,60, falls Sie jemals wieder nach München wollen. Ach ja: plus vier ICE-Zuschläge, gell? — Den Rechel-Mertens-Proust gibt’s momentan ab 42,48 und in jeder — wirklich jeder — Stadtbücherei dauerhaft umsonst. Von dem haben Sie länger als sechs Stunden was, und Sie dürfen sich dazu hinlegen, ohne dass ein Großraumwaggon voller rasierwassergetränkter Rollkoffermännchen blöd herschaut.

Und Weihnachten ist auch gleich wieder, genau deswegen ist ja Buchmesse. Für mich bitte einmal die revidierte Rechel-Mertens: Suhrkamp 49,95 statt Reclam 148.

Bookporn: Bookshot, 20. September 2017:

Bonus Track: Carla Bruni: Quelqu’un m’a dit, aus: Quelqu’un m’a dit, 2002:

Kleine Designbüros aufgepasst: Das Weihnachtskartenungeheuer geht um, drah di net um …

Hier spricht der KATER

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
das ist die liebe Weihnachtszeit!  […]

Theodor Storm

 

Mein Frauchen hat sich ja nun freigemacht – von den angestellten Diensten in der Werbeagentur. Und ist ein kleines Designbüro geworden.

Als ausgesprochen praktisch empfindet es meine Herrin, Folgendes nie mehr machen zu müssen:

  1. Den Grafikeinkauf für die ganze umweltbewusste Mannschaft, wo der Chef ökologische Sprühkleber aufrichtig hasst doof findet, weil nur immer ihm beim Kunden die Logos von der Pappe fielen.
  2. Die Betreuung des Praktikanten-Kindergartens ohne eigene Freistellung. Also noch mehr arbeiten, denn man hat ja Praktikanten hervorragend ausgebildete Mitarbeiter … oh! nein! doch!
  3. Die Weihnachtskarten für die Vorstände der Werbeagenturkunden.

 

Gottseidank aus und vorbei. Aus Gründen. Nicht nur ich der Kater – aus: The Good, The Cat and The Ugly – bin froh. Sondern vor allem meine Herrin dankt ihrem Herrgott auf Knien.

Aber was ist das? Der Weihnachtskarten-Pitch geht jetzt in München um. Pitch! Weihnachtskarten! Mehrfach wurden Konzern-Aliens Anrufer gesichtet.

Man lässt den Angerufenen auf sein Fragen wissen, dass natürlich! mehrere Designbüros drum pitchen. Pitchen?! Um eine X-Mas-Karte? Natürlich! Man lässt die kleinen Designbüros am Rande der Stadt auch wissen, dass man nach erfolgreicher Zusammenarbeit geneigt sei, Folgeprojekte …

 

Die Wahrheit

Weihnachtskarten sind kreativ ein karges Feld und projekttechnisch die Höchststrafe. Ein Politikum und damit eine Gefahr für den Werbeetat! Folgeprojekte? Gibt es nicht, you stupid.

Die WELT weiß über den Agentur-HORROR mit Weihnachtskarten:

“Dort kennt man wie in allen Werbeagenturen den gefürchteten Anruf von Kunden, die darum bitten, ihnen doch „schnell noch“ eine Weihnachtskarte zu machen.

Für die Mitarbeiter, die es trifft, bedeutet das die Höchststrafe. Denn die vermeintlich trivialen Kärtchen sind nicht nur in kreativer Hinsicht ein karges Feld – sie können zu einem echten Politikum werden. „Weihnachtskarten sind fast überall Chefsache, denn der Vorstand muss sie unterschreiben. Sie können wegen einer verunglückten Weihnachtskarte den gesamten Werbeetat gefährden“, berichtet Zschaler, der schon Kunden erlebte, die sich erst nach 20 verschiedenen Designentwürfen für eine Karte erwärmen konnten: nicht peppig genug, zu wenig Stil, nicht witzig oder zu sehr. Die Abstimmungsprozesse für die Kartengestaltung begännen mitunter schon im August, und es werde trotzdem am Ende noch knapp, berichtet der Werber.”

Quelle: Unterschaetzen-Sie-niemals-die-Weihnachtskarte