Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Das ist der wahre Untergrund

Wie viele Zeitungsartikel trifft man im Laufe eines Lebens, die einen auf Jahrzehnte hinaus beeindrucken? Es läppert sich. An einen meiner persönlichen drei wurde ich gerade kürzlich erinnert, als Hedwig Müller, die Wirtin vom Kropfersrichter „Happy-Rock“ (an der B 85 bei Sulzbach-Rosenberg, wer’s kennt), 92 (in Worten: zweiundneunzig) wurde:

Das sind die die Sachen, die Kultur ins Leben und Leben in die Kultur tragen, oder genauer: lebenswert machen. Und sie bestehen unabhängig von Lebensalter und Region:

——— Christian Kortmann:

Let it rock

in: Die Zeit 18/2000, 27. April 2000:

Minutenlange Gitarrensoli, Ausdruckstanz, Mädchen, die Luftgeige spielen — im „Mobile“ in Bad Salzdetfurth ist alles erlaubt, was in der Großstadt noch als uncool gilt. Und das ist gut so. Ein Abend in der Rock-Disco

Mittwoch ist Rockdisco-Tag. Um 20.30 Uhr wird ein solider Mainstream-Film (Flatliners) gezeigt und anschließend gerockt, so einfach ist das. Also fährt Andreas mit mir am Mittwochabend nach Bad Salzdetfurth ins Mobile. Gestern habe ich behauptet, dass uns eine Renaissance der harten Rockmusik und ihrer Gitarrenvirtuosen bevorsteht. Andreas, Musikexperte und langjähriger Gitarrist, schüttelte den Kopf und belehrte mich, dass der Hardrock kontinuierlich neben allen musikalischen Moden in einem Paralleluniversum zelebriert werde: „Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!“

Nur wenige Fahrzeuge sind auf der Landstraße unterwegs, dann tauchen links und rechts die Salzberge und Kalifabriken der Kurstadt auf. Das südniedersächsische Bad Salzdetfurth teilt mit Lüdenscheid den Ruhm, durch einen Komiker bekannt geworden zu sein. Dort war es Loriots „Herr Müller-Lüdenscheid“, hier Harald Schmidt, der in Schmidteinander regelmäßig fiktive Zuschauerbriefe von „Gabi aus Bad Salzdetfurth“ verlas. Es gibt wirklich nicht viel in Bad S., außer Salinen und Rentnern im Sommer und seit über 30 Jahren das Mobile, eine „Hard Rock, Funk, Reggae, New Wave“-Discothek, die laut Eigenwerbung „Famous & Fantastic“ ist. Wir parken auf dem hauseigenen Parkplatz mitten in einem Wohngebiet, wo man sich traditionell noch im Auto zur elfminütigen Live-Version von Stairway To Heaven eine Grastüte reinzieht.

„Voilà“, sagt Andreas, „willkommen im Uterus des Rock ’n‘ Roll!“ Von innen erinnert das Mobile an die Scheune auf dem Cover von Neil Youngs Harvest. Links und rechts erheben sich Emporen mit alten Polstersesseln, und in der Mitte liegt die Tanzfläche, kurz: ein Raum, in dem in amerikanischen B-Movies Dorfversammlungen abgehalten werden, wenn eine Invasion der Außerirdischen droht. Auch hier versammelt sich eine Gemeinde, und was sie eint, ist die Liebe zur Gitarrenmusik alter Schule. Die Wände sind mit kultischen Motiven aus den siebziger Jahren, der großen Zeit der Supergruppen, geschmückt. Es gibt ein aufwändiges Dark Side Of The Moon-Fresko, und an der Decke hängt zwischen kokonartigen Lampions ein fliegender Stuhl des Yes-Designers Roger Dean. Und dann ist da noch eine Wandmalerei, ein Fensterblick auf die offene See, die rhythmisch von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Man spürt, dass dies hier ein magischer Ort ist, ein Teil vom Netzwerk des geheimen Lebens. Denn solche Etablissements existieren überall, heißen Point One, Exit, Farmer’s Inn, Rockfabrik oder Schlucklum und liegen in Dörfern wie Uetze oder Lucklum, doch sind sie außerhalb ihrer Klientel nicht bekannt. Anders als bei Techno handelt es sich um eine Subkultur ohne Lobby, das ist der wahre Untergrund: Für den Rockdisco-Besucher ist der ästhetische Code der Großstadt ungültig. Trotz der realen und medialen Vorherrschaft der Clubculture nimmt er sich das Recht, nach wie vor uncool tanzen zu gehen.

Die Liturgie ist dabei genau festgelegt, denn der DJ darf keine eigenen Platten mitbringen, sondern muss sich aus dem Repertoire bedienen, das alle Favoriten der Mobile-Stammgäste enthält. Nirgendwo sonst könne der DJ es sich erlauben, mit verschränkten Armen neben seiner Holzbude zu lehnen, während ein Musikstück läuft, sagt Andreas, der uns erst mal zwei Flaschen Einbecker Brauherrenpils holt. Verglichen mit dem Kopfhörer-Heftpflaster-Reinhör-Markier-Gewese des Techno-DJs, ist es schon extrem lässig, so im Westernerstil an der Saloontür zu lehnen und auf das einsame, weite Land der Tanzfläche zu blicken. Zu Mike Oldfields verspielten Gitarrensoli will und kann nun mal niemand tanzen, doch ein selbstbewusstes Lächeln steht im Gesicht des DJs. Er vertraut auf die Kracher, die er sich am Musikpult zurechtgelegt hat. Dann tritt er ins Innere der Holzbude, lässt eine Platte aus der Hülle gleiten und legt sie auf.

Schon springen die Aficionados von allen Seiten herbei und tanzen in Jeansjacken und Lederwesten zu langen Passagen von Aphrodite’s Childs Konzeptalbum 666 und anderen Liedern von ungeahnter Tanzbarkeit wie Tori Amos‘ Cornflake Girl. Auf den Bänken und Amphitheaterstufen rund um die Tanzfläche sitzen dunkel gekleidete Gestalten mit angezogenen Beinen, hier und da glimmen selbst gedrehte Zigaretten. Man kann im Mobile sowohl ekstatische Lebenslust wie apathisches Abhängen beobachten und fragt sich, wieso Vergnügen und Langeweile so eng miteinander verknüpft sind. Liegt es daran, dass die Rockdisco-Nacht streng ritualisiert ist? Schließlich werden nur bekannte Lieder gespielt, die immergleichen aus dem langsam nur sich erweiternden Rockdisco-Kanon. Es fehlt der Reiz des Neuen, der sonst ein wesentlicher Bestandteil von Jugendkultur ist. Hier jubeln die Tanzenden, wenn ihr Lieblingslied kommt, und hüpfen dann auf und ab, als wollten sie den Boden nie wieder berühren.

Das Getränk zur Langeweile ist ein vorgeblicher Muntermacher: Kaffee. Den gibt es draußen an der Theke im Foyer, vor der eigentlichen Disco. Man verkauft selbst gebackene Pizza, und es läuft andere Musik, meistens AC/DC. Am Tresen stehen unscheinbare Typen in Jeans und Lederblousons, die einen Becher Kaffee nach dem anderen bestellen, den der VoKuHiLa-Wirt aus einer chromsilbernen Tanksäule abzapft. An Kicker und Flipper hängen ein paar junge Einheimische rum, die so aussehen, als hätten sie schon mal bei H & M eingekauft: die Jungs in Cargopants, die Mädchen in Flokati-Jacken. In Bad Salzdetfurth gibt es halt nichts anderes, wo man abends hingehen kann, auch deshalb landet man in der Rockdisco. Das war früher im Sauerland nicht anders: Jede Freitagnacht galt es, eine Mitfahrgelegenheit nach Oberbrügge ins Infinity zu finden. Man überzeugte den starken Mann an der Kasse, dass man schon 18 war, trank Flensburger, stand blöd rum und fragten den DJ, ob er „was von Living Colour“ da habe.

Zurück auf die Tanzfläche: Hippiemädchen in Batikpullovern und Lederwesten tanzen wie Waldgeister am Tor zur Dämmerung, was ihnen zur Vollkommenheit noch fehlt, sind die Panflöten; ein junger Mann läuft auf der Stelle, er befindet sich, comichaft wild gestikulierend, auf der Road to Nowhere und wird so schnell keine Ausfahrt finden. Ein Enddreißiger in erdfarbenem Strickpulli tanzt schlangenhaft, als sei er schon oft in einem indischen Ashram gewesen, vielleicht zu oft. Aber das ist ja gerade das Sympathische, dass die körperlichen Unzulänglichkeiten hier keine Rolle spielen. Wenn einer kein Taktgefühl hat, dann springt er halt am höchsten, und es ist voll in Ordnung.

„Da drüben!“, unterbricht Andreas meine Vision. „Das Hippiemädchen spielt Luftgeige!“ Tatsächlich: Barfuß tänzelt sie im weiten Batikhemd über das irische Moos und lässt ihre imaginäre Fidel erklingen. Wahnsinn. Sie zeigen einem hier, was man mit Popmusik machen kann, nämlich alles: Zu einem berserkerhaften Gitarrensolo haken sich zwei hagere Woodstock-Veteraninnen mit Zöpfen unter und rasen in einem Folkloretanz der Trance entgegen.

Spät in der Nacht spielt der DJ dann noch Lieder von Faith No More, den Smashing Pumpkins oder Depeche Mode. Durch die Veränderung weniger Parameter wie Ort, Zeit, Lautstärke und Reihenfolge können Songs ihre Bedeutung vollständig verändern. Zu Californication von den Red Hot Chili Peppers, das man morgens entspannt beim Zeitunglesen hört, wird hier wild abgerockt. Es ist nicht etwa Nostalgie, die die Menschen seit nunmehr drei Jahrzehnten ins Mobile lockt, sondern die außerzeitliche Übereinkunft einer exklusiven Gesellschaft, deren Erkennungszeichen das Gitarrenriff ist. So greift man auf die Musikgeschichte von den Rolling Stones (Satisfaction) bis zur Bloodhound Gang (The Bad Touch) zu, und so hat es auch Fat Boy Slim ins Mobile geschafft. Der Rockafeller Skank wäre schließlich der kleinste gemeinsame Nenner, wenn Clubber und Rocker eine ökumenische Party schmeißen müssten. Aber dazu wird es hier so schnell nicht kommen. Denn sollten sich die Guitarreros aus ihren Gräbern erheben, um einen Rachefeldzug gegen die Clubculture zu starten, dann wird das Mobile ihr Hauptquartier sein.

Playlist der angeführten Lieder:

Playlist typischer Bauerndiscolieder, die seit 2000 in die Repertoires vorgelassen wurden (kurz, aber von besonderer Hupfbarkeit):

Seidenstraße

Update zu Die west-östlichen Sofata:

In der Goethestraße
kauf ich das
Gemüse, seit in
der Türkenstraße kein
Antiquariat mehr steht.

Kausal unhaltbar. Nochmal:

Seit in der
Türkenstraße kein Antiquariat
mehr steht, kauf
ich das Gemüse
in der Goethestraße.

Auch nicht besser.

Soundtrack: Nil Auslaender: der ost und der west SOFA
(der west östliche divan von wolffgang göte), 28. Mai 2010:

Plan C

Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen. Blaise Pascal

 

Ich überlege mir grade: Was ist, wenn die Nobelpreis-gekrönte Therapie bei ihr nicht anschlägt. Wie geht es dann weiter mit T.?

Alle sind zuversichtlich.

 

Caravaggio. Matthäus und der Engel

http://syndrome-de-stendhal.blogspot.com/2012/11/matthaus-der-analphabet.html

 

 

 

Nicht die Sonne

Update zu Before Frühstück:

Immature poets imitate; mature poets steal; bad poets deface what they take, and good poets make it into something better, or at least something different. The good poet welds his theft into a whole of feeling which is unique, utterly different from that from which it was torn; the bad poet throws it into something which has no cohesion. A good poet will usually borrow from authors remote in time, or alien in language, or diverse in interest.

T. S. Eliot.

Lesser artists borrow, great artists steal.

Igor Stravinsky.

Talent borrows, genius steals.

Oscar Wilde.

Es scheint alles eine Frage des Standpunkts. Ganz wörtlich, auch im sehr großen Stil:

——— Franz Hohler:

Sprachlicher Rückstand

aus: Vierzig vorbei, 1988:

Immer noch
sagen wir dem
was am Morgen geschieht

die Sonne geht auf

obwohl seit Kopernikus klar ist
die Sonne bleibt stehn
und
die Welt geht unter.

——— Wayne Coyne und Steven Drozd für The Flaming Lips:

Do You Realize??

aus: Yoshimi Battles the Pink Robots, 2002:

You realize the sun doesn’t go down
it’s just an illusion caused by the world spinning around.

——— Thees Uhlmann für Tomte:

Die Schönheit der Chance

aus: Hinter all diesen Fenstern, 2003:

Das ist nicht die Sonne, die untergeht,
sondern die Erde, die sich dreht.

——— Martin Endres:

Montierte Überlegung. Eine Lektüre von Nietzsches ‚Am Gletscher‘

aus: Christian Benne und Claus Zittel, Hrsg.:
Nietzsche und die Lyrik. Ein Kompendium,
Stuttgart 2017, Seite 46 bis 58,
hier: Unkorrigierte Druckfahne:

Die Analyse des Verses

[Um Mittag, wenn zuerst
Der Sommer in’s Gebirge steigt]

macht deutlich, dass die Rede an eine ego-geozentrische Perspektive gebunden ist, denn es ist ja nicht die Sonne, die steigt, sondern die Erde, die sich dreht. Doch nicht nur das: Diese Perspektive zeigt ebenso die Unhintergehbarkeit einer — pointiert gesagt — grundsätzlichen Metaphorizität und Anthropomorphizität der Sprache: Die Dechiffrierung des Verses ist keine Rückführung auf eine ‚eigentliche‘ und ‚wortwörtliche‘ Bedeutung, sondern endet erneut nur in einem Sprachbild: das der ‚aufgehenden‘ oder ’steigenden‘ Sonne.

Und jetzt mal eine Frage: Offenbar bin ich selber anno 2011 darauf verfallen, die angeführte Formulierung von Tomte (deren Fan man nicht sein muss) beziehe sich nicht auf The Flaming Lips, sondern auf Sokrates, ohne allerdings einen nachweisenden Link beibringen zu können. Weiß jemand ein Detail über das altgriechische Weltbild, das eine solche Zuschreibung ermöglichen könnte?

Soundtrack: Tomte (hilft ja nix …), a. a. O.:

Und weil Musik ja auch ruhig Spaß machen darf, noch eine erbauliche 80er-Schnulze:
The Stranglers: Always the Sun, aus: Dreamtime, 1986:

Muss ich da dabei sein?

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——— Joseph Freiherr von Eichendorff:

Der Isegrim

1837:

Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.

Aber andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen –
Mag sie’s halten, wie sie will!

Soundtrack: Tocotronic: Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk,
aus: Digital ist besser, 1995:

Farbraum

4 Wäschekübel im Hotelkeller

Endlich möglich:
CMYK an 3D-Objekten:
Küche, Grün, Blau, Rosa.

Vroni meint: „Wolfwolfwolf. CMYK ist kein Farbraum, sondern ein Farbmodell. Und taugt höchstens für Tintenstrahl.“

„Tröste dich, ist ja bloß die Dokumentation. Das Foto ist im RGB-Farbraum.“

„Wolfwolfwolf.“

Bild: selber gemacht, können Sie aber haben,
wenn’s Ihnen nicht graust.

Soundtrack: The Rolling Stones: She’s a Rainbow,
aus: Their Satanic Majesties Request, 1967:

What a cat’s gotta do

Die Katze wartet,
dass es Wohltaten regnet.
Aber nie lange.

Bild: Ysambre Fauntography: Exercice de style VI, 31. Oktober 2016.
Die Widmung war: „Happy Samhain everyone ;)„.

Gruß an die Hessen-CDU zum kommenden Wahlsonntag:

 

Woann mär ebbes Unangenehmes

vor sisch hot, oafach umdrehe.

Doann hot mär’s hinner sisch.

 

 

Gruß

der Kater

 

Daniel in der Kinderstube

Solange James Bond noch ein Fall fürs Kino und nicht für die Kinderstunde war, haben wir gesagt: Alt sind wir dann, wenn wir älter sind als der aktuelle Bond. Dann war Daniel Craig. Der Mann ist zwei Monate und vier Tage älter als ich, aber der zählt eh nicht als Bond. Beim nächsten werden wir uns wohl eine neue Faustregel ausdenken müssen. Vielleicht den Gandalf.

Neuerdings soll Daniel Craig gleich gar „entmännlicht“ (emasculated) sein, indem er fotografiert wurde, wie er ein kleines Kind mit Hilfe einer Babytrage (papoose) mit sich führte. Hat er das verdient?

Zur Einordnung: Das Kind ist sein eigenes, soll allem Vernehmen nach ganz frisch im September 2018 geboren sein und ist sein zweites, nach dem ersten von 1992 — und zwar von Rachel Weisz. Dazwischen war er mal, Bond oder nicht, mit Heike Makatsch zusammen.

Es mag eher bedingt hierher gehören, aber kurz nach diesen Bildungsanstrengungen in der zeitgenössischen Schauspielkunst hab ich gefunden:

Not all pricks have pricks, not all pussies have pussies, but all assholes have assholes.

Wenn man es von vorne und hinten betrachtet, findet sich schon noch was, das man sich merken sollte, gell. Wenn mich wer sucht: Nägel lackieren, und zwar meine eigenen und ohne erst herumzugreinen, ob ich dann schwul oder ein Mädchen sein könnte.

Soundtrack: Johnny Cash featuring Oscar the Grouch:
Nasty Dan, aus: The Johnny Cash Children’s Album, 1975,
in: Sesame Street, Season 5, 1973:

Liebe Mitbürger in Bayern:

Am Sonntag ist Landtagswahl. Die AfD unterrstützt Rente ab 72. Ich sag’s bloß.

Auf den Dreh, es mal so schlicht zu formulieren, bin ich ganz alleine gekommen: Vielleicht dass das endlich ein Argument wäre, jemanden, der ohnehin zum Missbrauch seiner einzigen Stimme pro Wahlzettel neigt, von der Verirrung seines Kreuzleins abzuhalten: Wenn es unversehens an sein eigenes Leder statt das irgend eines „Flüchtlings“, den er noch nie gesehen hat, geht und klar wird, dass er da jemanden wählt, der offen damit droht, gegen seine Person vorzugehen. — Wo es danach ins Philosophische lappt: Vielleicht ist Ehrlichkeit doch überschätzt.

Was jeder denkende und fühlende Mensch damit anfangen kann: selber weiterverbreiten — betont beiläufiges Fallenlassen der Bemerkung sollte reichen. Es muss kurz vor dem Wahlvorgang kommen und mit dem Rückenmark verständlich sein. Die Sprache, die sie verstehn.

So genau, wie es schon gar keiner mehr erklärt haben will, wäre: Die AfD unterstützt Rente nach 45 Arbeitsjahren. In meinem unmaßgeblichen, anekdotischen Fall wäre das schon gar nicht mehr mit 72, sondern angefangen mit einem Arbeitsleben ab 27 — die 15 Monate staatlich eingeforderter Dienst am Vaterland waren nicht anrechnungsfähig — und drei arbeitslosen Jahren (lange her…) ein Renteneintritt mit 75 — falls nix mehr dazwischenkommt; suchen Sie mal mit über 50 noch eine Dönerbude, bei der noch kein Roboterchen die Zwiebeln schnippelt. Momentan steht mein Rentenanspruch ohne AfD-Eingriffe auf irgendwas um 490 Euro, also pro Monat jetzt.

Wenn also nicht bald das Flaschenpfand wesentlich erhöht wird, zieh ich halt auf meine alten Tage, die jeden Moment anfangen können, ins Hinternürnberger Flachland, da hat die Tafel, wie man hört, wenigstens Unterstützer statt einer Security am Eingang, und ich hab einen schönen Bildband über essbare Wildpflanzen.

Irgendwen AfD-Verdächtigen trifft man ja immer mal. Stellen wir ihn uns einfach vor, wie er mit Mitte 70 im Shared Workspace von seinem Altersheim hockt und sich wg. Life-Long Learning fürs Web 5.0 fit macht, nachdem er für heute schon wieder eine fast geldwerte App optimiert hat, die Apps optimieren kann (der Job ist leider bloß auf Freelance-Basis, also wieder nix mit Rente), während ihm eine illegal eingewanderte, lesbische, autistische, alleinerziehende jüdische Negerin unterm Arsch den Nachttopf leert. Auch auf Freelance-Basis, „das wird man wohl noch sagen dürfen.“

Bitte wählen gehen, Briefwahl wirft schon keinen Schatten mhr.

Soundtrack: Natalie Merchant: Which Side Are You On?, 1931,
aus: The House Carpenter’s Daughter, 2003:

Alle, die von Freiheit träumen

War was? – Ach ja, Feiertag war. Tag der deutschen … wie hat das geheißen? Einheit? Was für Einheit? Noch D-Mark oder schon Euro? Kaurimuscheln, Zoll, Inches oder Kilowattstunden? Broteinheiten? — Man verspricht sich immer so leicht auf „Tag der deutschen Freiheit“. Muss am letzten Bundespräsidenten liegen, von dem man ab und zu noch was gehört hat, und dann war’s meistens was mit „Freiheit“.

Darum bietet sich an dieser Stelle an, die Definition von Freiheit auszubreiten, die wir mal gebraucht haben, um – ohne hier ins Geschäftliche zu verfallen – einen Kunden zu jener Ordnung zu rufen, die ihn anhält, sein Core Asset der Freiheit als Aufforderung zu mehr Verantwortung zu begreifen, nicht weniger.

Die Königin der rhetorischen Figuren soll es ja sein, den Argumenten seines Gesprächsgegners zuzustimmen und daraus den gegenteiligen Schluss zu ziehen. Mit dem Spruch von Camus kommt man da schon ziemlich weit, begründet mit dem Kant. Ich bringe mal unsere damalige Diskussionsgrundlage als Zitat:

Freiheit

Was die Deutschen betrifft, so bedürfen sie weder der Freiheit noch der Gleichheit. Sie sind ein spekulatives Volk, Ideologen, Vor- und Nachdenker, Träumer, die nur in der Vergangenheit und in der Zukunft leben, und keine Gegenwart haben. Engländer und Franzosen haben eine Gegenwart, bei ihnen hat jeder Tag seinen Kampf und Gegenkampf und seine Geschichte. Der Deutsche hat nichts, wofür er kämpfen sollte, und da er zu mutmaßen begann, daß es doch Dinge geben könne, deren Besitz wünschenswert wäre, so haben wohlweise seine Philosophen ihn gelehrt, an der Existenz solcher Dinge zu zweifeln. Es läßt sich nicht leugnen, daß auch die Deutschen die Freiheit lieben. Aber anders wie andere Völker. Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen, und wehe dem rotgeröckten Burschen, der sich in ihr heiliges Schlafgemach drängt — sei es als Galant oder als Scherge. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie auf Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Großmutter.

Heinrich Heine: Englische Fragmente, 1828.

„They’re not scared of you. They’re scared of what you represent to ‚em.“

„Hey, man. All we represent to them, man, is somebody who needs a haircut.“

„Oh, no. What you represent to them is freedom.“

„What the hell is wrong with freedom? That’s what it’s all about.“

„Oh, yeah, that’s right. That’s what it’s all about, all right. But talkin‘ about it and bein‘ it, that’s two different thangs. I mean, it’s real hard to be free when you are bought and sold in the marketplace. Of course, don’t ever tell anybody that they’re not free, ‚cause then they’re gonna get real busy killin‘ and maimin‘ to prove to you that they are. Oh, yeah, they’re gonna talk to you, and talk to you, and talk to you about individual freedom. But they see a free individual, it’s gonna scare ‚em.“

„Well, it don’t make ‚em runnin‘ scared.“

„No, it makes ‚em dangerous.“

Jack Nicholson mit Dennis Hopper, in: Easy Rider, 1969.

Gleich zuoberst als erstes scrollfrei in Wikipedia: Freiheit ist die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Das sine qua non an Freiheit ist also: Auswahl + Entscheidung – woraus in moderner Philosophie – und: wichtig: sogar im Recht – folgt: Autonomie eines handelnden Subjekts.

Weiter: Die Freiheit, sich für oder gegen eine Handlung entscheiden zu können, und ihre Beschränkung durch Regeln sowie durch Entscheidungen, Ansprüche, Interessen oder Handlungen anderer sind eng mit der Frage der Legitimität des eigenen Handelns und des Beschränkens fremden Handelns verbunden. Auf Deutsch:

Your Liberty To Swing Your Fist Ends Just Where My Nose Begins. – Oliver Wendell Holmes, Jr., John B. Finch, John Stuart Mill, Abraham Lincoln, Zechariah Chafee, Jr. oder sonst jemand.

Seriöser:

Freiheit endet da, wo eines anderen Recht anfängt – unsichere Zuschreibung.

Gesichert scheint allein Matthias Claudius:

Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet.

– und damit kollidiert. Begründbar mit:

Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden. – Rosa Luxemburg.

Leicht erweitert Kant: Die Metaphysik der Sitten, 1797:

Wenn also meine Handlung, oder überhaupt mein Zustand, mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, so tut der mir Unrecht, der mich daran hindert; denn dieses Hindernis (dieser Widerstand) kann mit der Freiheit nach allgemeinen Gesetzen nicht bestehen. […]

Das Rechthandeln mir zur Maxime zu machen, ist eine Forderung, die die Ethik an mich tut. Also ist das allgemeine Rechtsgesetz: handle äußerlich so, daß der freie Gebrauch deiner Willkür mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen könne, zwar ein Gesetz, welches mir eine Verbindlichkeit auferlegt, aber ganz und gar nicht erwartet, noch weniger fordert, daß ich, ganz um dieser Verbindlichkeit willen, meine Freiheit auf jene Bedingungen selbst einschränken solle, sondern die Vernunft sagt nur, daß sie in ihrer Idee darauf eingeschränkt sei und von andern auch tätlich eingeschränkt werden dürfe; und dieses sagt sie als ein Postulat, welches gar keines Beweises weiter fähig ist.

Siehe den Unterschied zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit, innerhalb des letzteren wiederum zwischen freiem Willen und natürlichem Willen.

Für die tägliche Anwendung scheint relevant: die wieder von Kant (in der Kritik der reinen Vernunft, 1781) geprägte praktische Freiheit: das Selbstverständnis eines vernünftigen Wesens, nach selbsterhobenen (!) Prinzipien zu entscheiden und sich somit selbst als frei zu begreifen. Weiter Kant:

Freiheit ist nur durch Vernunft möglich.

Ohne dieselbe folgt der Mensch seinen Trieben wie ein Tier; mit derselben kann er das Gute erkennen und sein Verhalten an der Pflicht ausrichten, siehe Kategorischer Imperativ – der mithin der Freiheit nicht widerspricht, worauf der Hedonist allzugern verfällt. Vielmehr ist nur der sich bewusst pflichtgemäß, also moralisch verhaltende Mensch frei: Freiheit zu tun, was man will, ist genau das Gegenteil davon, zu tun, wozu man Lust verspürt, weil genau die Lust den Menschen von der eigenen Freiheitsentfaltung abhält. – Siehe die nach langen Handlungsverschlingungen gefundene Interpretation der Anweisung

Tu, was du willst

bei Michael Ende: Die unendliche Geschichte, 1979.

Daraus die Konsequenz für die deutsche Romantik, die sich nach dem Idealismus richtet, also im Gegensatz zu so vielen Kunsttheorien wirklich eine vorgefundene Theorie in Praxis und Kunst überführt statt umgekehrt: Johann Gottlieb Fichte:

Vernunftwille macht das aus, was wir sind – nämlich unser Ich.

Auch da wieder: Freiheit ist

nur dadurch möglich, daß jedes freie Wesen es sich zum Gesetz mache, seine Freiheit durch den Begriff der Freiheit aller übrigen einzuschränken.

Fichtes Idealismus ist daher eine Konsequenz aus dem Primat von Kants praktischer Vernunft.

Freiheit zu etwas heißt positive Freiheit, Freiheit von etwas negative Freiheit; beides nach Rousseau: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, 1755:

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.

Daher Camus:

Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten

und Sartre:

Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Die Liberté der Französischen Revolution 1789 ist mithin ein direkter Vorläufer, aber etwas anderes als die Freiheit hinter Einigkeit und Recht – Fallersleben 1841.

Brauchen wir Definition genauer?

Brause, du Freiheitssang.

Populärer siehe Marius Müller-Westernhagen: Freiheit, zuerst live seit 1990; darin noch am kantischsten:

Der Mensch ist leider nicht naiv, der Mensch ist leider primitiv. Freiheit, Freiheit wurde wieder abbestellt.

Ansonsten eher atmosphärische Allegorie auf den 1989er Anschluss der Ostprovinzen.

Egal wer das dem „land of the free and the home of the brave“ jetzt beibringen darf: Freiheit wäre damit das glatte Gegenteil von entfesseltem Hedonismus.

Die Kapelle rumtata: The Byrds: I Wasn’t Born to Follow,
aus: The Notorious Byrd Brothers, 1968:

Buchstaben-WTF

Man sagt doch noch YOLO?

Frau Schnabelstedt, in: Fack ju Göhte, 2013.

Also, ich erfinde nix, nicht dass es wieder heißt, ich erfinde was, und sag gar nix dazu, nicht dass es wieder heißt, ich hätt was gesagt.

DREH‘ DEN SWAG AUF!

NACH 70 JAHREN BLEIBT ALLES NEU.

Das neue Buchstaben-YOLO bietet jetzt noch mehr Spaß — für die Fam, für die Gang und für alle Fans von lässiger Jugendsprache! Einfach mal wieder anlegen: Crossed die vorhanden Wörter der anderen, packt neue Buchstaben auf’s Board und zeigt, wer rasiert! Sammelt Props und Punkte durch smartes Ausnutzen von Powerfeldern!

Wer die besten Wörter fetzt, bekommt den Fame im Game!

Cool, darf ich die Turnierregeln angleichen, ich hab einen Myspace-Account? Das Deppenleerzeichen im Corporate Naming ist inkonsequent eingehalten. Außerdem heißt das Abiturensohn-Battle, ihr Opfah.

Und Trivial Pursuit heißt dann bis Weihnachten LMGTFY und die Siedler von Catan die Hasenjagd vong Chemnitz her? Wow, heißt das, beim Scrabble zählen jetzt auch Akronyme? Englische Akronyme? YOLO mit dreifachem Wortwert kann ja kein Mensch im Kopf ausrechnen.

Das sind die Sachen, die einen ins Antiquariat treiben. Aber ich wollt ja nix sagen.

Soundrack: Bloodhound Gang: Foxtrot Uniform Charlie Kilo,
aus: Hefty Fine, 2005:

Doofer Witz

Treffen sich ein Mexikaner, ein Däne, ein Ungar, ein Engländer, ein Araber, ein Inder, ein Franzose, ein Österreicher, ein Chinese, ein Bulgare, ein Finne und ein Deutscher.

Sagt der Mexikaner: „Die Deutschen sind voll die Altersrassisten.“

Sagt der Däne: „Schmarrn, die Deutschen sind ganz allgemein Rassisten.“

Sagt der Ungar: „Schmarrn, die Deutschen sind voll die linken Bazillen.“

Sagt der Engländer: „Schmarrn, die Deutschen machen bloß den Amis alles nach.“

Sagt der Araber: „Schmarrn, die Deutschen sind halt ungläubige Schweinefresser.“

Sagt der Inder: „Schmarrn, die Deutschen fressen Kühe.“

Sagt der Franzose: „Schmarrn, die Deutschen fressen praktisch gar nix mehr.“

Sagt der Österreicher: „Schmarrn, die Deutschen trauen sich bloß nicht mehr rauchen.“

Sagt der Chinese: „Schmarrn, die Deutschen schreiben das bloß dauernd ins Internet.“

Sagt der Bulgare: „Schmarrn, die Deutschen haben doch noch gar kein Internet.“

Sagt der Finne: „Schmarrn, die Deutschen lernen bloß in der Schule nicht lesen.“

Sagt der Deutsche: „Schmarrn, wir sind voll das Volk der Dichter und Denker.“

Alternatives Ende: Sagt Vroni: „Keine Umstände bitte. Sag einfach, was der Russe sagt.“

Soundtrack: Los Colorados: Du Hast (Official Rammstein Cover),
aus: Move It!, 2012:

Bitte helfen Sie mir auf die Bierbank

Solche Schulkumpane muss man auch erst mal finden, solang man noch jung ist: Wird der Bub 50 und lässt sich im ausgehenden Winter erst mal auf dem Moritzberg unter dem selbergemachten Motto „Der Lack ist ab“ von seinen in einem halben Jahrhundert aufgesammelten Lieblingsmenschen feiern, und weil das nicht reicht, im tiefen Sommer gleich nochmal bei allgemeinem Kanupaddeln durch „Bayerisch Kanada“ den Schwarzen Regen einschließlich Bärenloch hinunter, und zahlt alles.

Glaubt mir wieder kein Mensch, dass ich außer einer Wanderklampfe, weil die bildlich belegt ist, auch ein Kanupaddel am richtigen Ende festhalten kann, aber das restliche Bildmaterial soll angeblich noch kommen, und dann zahlt er den USB-Stick auch noch. Zu unserer Schulzeit war alles davon Science-Fiction.

Ist schon mal ein Mensch so gründlich 50 geworden?

Camping Schwarzer Regen

Camping Schwarzer Regen

Camping Schwarzer Regen

Camping Schwarzer Regen

Ach ja, die Soundtracks endlich nachgeliefert: John Denver: Country Roads, aus: Poems, Prayers & Promises, 1971, und S.T.S.: Irgendwann bleib i dann dort, aus: Grenzenlos, 1985, für die kein Mensch trotz mehrfach wiederholtem Durchblättern weder Text noch Griffe im Klampfenordner gefunden hat, weil eine neue Gleitsichtbrille, Lagerfeuerbeleuchtung (auf den Bildern ohne Photoshop-Einflüsse!) und Freibier, bis der Arzt entnervt wieder heimgeht, halt eine saudumme Mischung sind. Ich hätt’s auch nicht besser gekonnt als die Originale, soviel versprech ich:

Buidln: Privat, aber mit Quellenangabe
und/oder freundlichem Fragen bestimmt lizenzfrei vewendbar,
30. Juni 2018.

Der nächste Meter bedruckter Seiten

Jetzt endlich auch bei Ikea: keine Bücher!

Beim buchreport haben sie offenbar schon am 29. August den Ikea-Katalog für 2019 gekriegt. Müssen wohl die Rezensionsexemplare sein; jedenfalls verreißen sie ihn sofort: Verdrängung im Bücherregal: Ikea inszeniert Wohnen mit wenig Buch:

Geht es dagegen nach dem in diesen Tagen an ca. 25 Mio deutsche Haushalte verteilten 300-Seiten-Katalog 2019, spielen Bücher nur noch eine marginale Rolle. Statt der bunten Bücherregale früherer Jahre finden sich meist nur noch in schwarzen oder weißen Umschlägen neutral gewandete Einzelstücke als marginale Accessoires. Zahlreiche der abgebildeten und explizit als „Bücherregal“ bezeichneten Möbel enthalten Wollknäuel, Geschirr und andere Haushaltsgegenstände, aber kein einziges Buch.

Schön auch zu erfahren: Bei der FAZ lesen sie sowohl den Ikea-Katalog als auch den buchreport, jedenfalls deren Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck, die beobachtet: Klassiker für Katzen. Neuer Ikea-Katalog ohne Bücher, FAZ, 30. August 2018:

In seinem neuen Katalog hat Ikea die Bücher aus den Regalen verbannt. Ist das die Lehre aus dem Vormarsch des Digitalen – oder ein Plädoyer für den Müßiggang?

[…] Sicher, jeder hat schon einmal einen Bücherschrank zweckentfremdet. Man denke nur an die regalfüllenden DVD-Sammlungen lesefauler Lebenspartner, die jede nach Autoren und Stilformen geordnete Buchkollektion durcheinander brachten. Oder an die Hauskatzenangewohnheit, tote Mäuse in ungenutzt gelassenen Fächern zu verstauen. Aber ein Blick in alte, akribisch im Buchregal gesammelte Ikea-Kataloge zeigt, dass „Billy“ früher immer voller Bücher stand, sogar im Kaufhaus selbst, was ja einer von vielen Gründen war, warum man beim Gang durch die Möbelabteilung immer so lange brauchte. Und wenn das erstandene Regal noch so langweilig war und auch beim spießigen Nachbarn stand – zumindest die Auswahl der Titel darin konnte man selbst bestimmen.

Auf meinem eigenen letzten Müßiggang durch den Echinger Ikea ist mir aufgefallen, dass sie dort keineswegs eine verlockende Bibliothek in ihre Wohnlandschaften geordnet haben, sondern abertausendfache Pappdeckelmodelle der erst posthum öffentlich gemachten Coming-outs von — nein, nicht etwa Astrid Lindgren; wo dächte man hin? — Patricia Highsmith: Elsie’s Lebenslust, ‚Small g‘ — eine Sommeridylle und Carol. Roman einer ungewöhnlichen Liebe, in späterer Übersetzung: Carol: Salz und sein Preis.

Attrappen von Lesben-Klassikern mit diskutierwürdigen Apostrophen einer Amerikanerin aus einem Schweizer Verlag am Stadtrand von Eching — das war noch praktizierte Weltoffenheit der Seefahrernation Schweden. Nachdem Ikea seinerseits sein ausgewiesenes Bücherregal Billy in einer Form neu auflegte, in der man seine eigenen Bohrlöcher nach Bedarf mit dem kleinen Finger ins Holz stechen konnte, soll mir mein geboosteter Vintage-Ivar reichen. Der aktuelle Produkttext für Billy handelt ausdrücklich über „Regale & Bücherregale“, aber eben:

Nicht nur für Bücher

Bei IKEA versuchen wir immer, neue Wege zu denken. Zum Beispiel, indem wir uns bei einem Bücherregal nicht auf Bücher als Aufbewahrungsgegenstände beschränken lassen. Regale eignen sich auch für Geschirr hervorragend. Oder für deine Sammlungen. Aber wenn du sie einfach nur für den nächsten Meter bedruckter Seiten brauchst, ist das selbstverständlich auch prima.

Sie raten von Büchern ab und biedern sich sogar mit einer als fortschrittlich eingestuften Zielgruppe an, indem sie sich gallig von analogen Medien distanzieren — das hätte wenigstens der investigativen FAZ ruhig auffallen können. Dem allzeit wachen und dem Buchhandel zuarbeitenden buchreport hätte ich vorgeschlagen: Meine Fresse, warum geht Ikea denn nicht endlich eine längst überfällige interdisziplinäre Kooperation mit dem Aufbau-Verlag ein?

Fortschrittlicher Soundtrack in Blau und Gelb:
Reinhold Limberg: Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!, 1951:

Blackbird singing in the dead of night (di amseln hamm zeid)

Update zu „Wir müssen davon ausgehen, dass sich der dramatische Insektenrückgang fortsetzt.“:

——— Fitzgerald Kusz:

lob der amseln

aus: seid mei uhr nachm mond gäihd.
der gesammelten gedichte dritter teil,
1. Abschnitt: di amseln hamm zeid,
verlag klaus g. renner, München 1984:

I

die amseln könnä ihrn gelbm
schnobl ned vullgräing:
sie hubfm im gros rum
und bickn allers auf wos finnä
sie hubfm aff di balkong nauf
und hulln si schnell
ä boä bräisälä
und wenn anns kummd
nou verschwindens widdä
sie hubfm sugoä
in di babiäkörb nei
weils wissn
wous di goudn bißlä gibd

II

di amseln senn di schdaddschreichä
undä di vögl, däi loun si su
schnell nix gfalln vo di laid
däi senn hard im nehmä:
wenns di kleingärdnä dävoojoong
weils ihre saloodbflänzlä zamfressn
dann kummers widdä
wenn di kleingärdnä widdä fodd senn
däi könnä nu suviel
silbäbabiälä in ihre beede neihängä:
di amseln juckd des ned!<

III

di amseln is des worschd
wos grood fürä brogramm läffd:
sie hockn aff di fernsehandennä
und singä weils
hald einfach singä mäin

IV

di amseln hamm zeid
und die zeid errberrd für sie

Neufassung in: Nämberch-Blues,
ars vivendi verlag, Cadolzburg 2017:

lob der amseln

woui aa hiikumm, di amseln senn scho dou
däi wibbm und dribbln, däi hubfm rum
däi fläing ned wech, däi hamm ka angsd
däibleim wous senn, däi loun si ned vädreim
däi biggn jeds körnlä auf, däi finnä immä wos
woui aa hiikumm, di amseln senn scho dou
di weiblä braun, di männlä schwazz
iberoll amseln! däi senn hard im nehmä
däi loun si nix gfalln, däi loun si ned väjoong
däi kumma widdä, däi ferchdn si ned
däi fläing aff di wibfl vo di baim
däi fläing aff di schbidz vo di dächä
däi fläing aff di saddeliddnschissln
däi soung si immä di häichsde schdell
und fanga oo zu singä
und hörn nimmä auf
weils hald einfach singä mäin:
di amseln hamm zeid
und di zeid errberrd für sie

——— Wikipedia:

Usutu-Virus. Verbreitung in Europa, 2018

Das Virus wurde 2018 nach Angaben des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM) auch bei toten Vögeln (vorwiegend Amseln) in Bremen, Hamburg und Bayern (Region Nürnberg) nachgewiesen. Dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) wurden bisher rund 1500 Verdachtsfälle gemeldet. Der NABU ruft zusammen mit dem BNITM dazu auf, kranke und tote Vögel mit Usutu-Verdacht online zu melden und gegebenenfalls einzusenden. Untersuchungen nehmen das BNITM, das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) sowie Veterinär-Untersuchungsämter vor. Bisher wurden über 200 Vögel an das BNITM geschickt, von denen bisher 132 Vögel untersucht wurden. Bei 43 (33 %) der 132 untersuchten Vögel, darunter auch ein Kleiber und ein Bartkauz, wurde das Usutu-Virus nachgewiesen.

——— Lennon/MacCartney:

Blackbird

aus: The Beatles, 1968:

Blackbird singing in the dead of night,
Take these broken wings and learn to fly.
All your life
You were only waiting for this moment to arise.

Das Beatles-Lied 1968 geht klar, aber die korrekte „Landnürnberger“ (Fitzgerald Kusz) Schreibweise von „Die Amseln haben Zeit“ wäre aus meiner qua muttersprachlicher Kompetenz sehr wohl maßgeblichen Sicht mitnichten „di amseln hamm zeid“, sondern „di amsln hom zeid“. Was bitte soll man gegen ein Amselsterben 2018 ausrichten, wenn noch nicht mal die Probleme von 1984 behoben sind?

Sous les pavés, la plage !

Update zu Maximilianstraße:

Unterm Gehsteig der
Strand
. Hinterm Kneipenfenster
Bier. Dazwischen du.

(Diese Woche gelernt: Im Französischen ist der Leerschritt vor Satzzeichen nicht allein zulässig, sondern allein zulässig.)

Soundtrack: Zaz: La Toy Session, Montmartre Sommer 2010:
Les passants; Je veux; Ton rêve; Dans ma rue:

Nos dejamos hace tiempo, pero me llego el momento de perder

Update zu To all those who have lived and died alone:

Und weil gerade noch halbwegs Zeit für was Sommerliches ist, ein großer Filmmoment, der erst von 2017 stammt, bei dem man also staunt, dass er schon in der Qualität veryoutubt wurde, und der wohl bleiben wird: Harry Dean Stanton hat 89-jährig ein großes Solo mit Unterstützung der Familie Lynch erhalten, und wo immer Lucky auftaucht, soll man ihn durchlaufen lassen und mal 88 Minuten fein stille schweigen, damit man bemerkt, was aus der Schildkröte im Vorspann noch wird (nein, keine Suppe oder so, wir sind ja nicht bei Tarantinos).

Schon den halben Film wert ist, wie „Lucky“ Stanton seinen Abgang als Geschenk an einen Zehnjährigen singt, der als einziger nicht zuhört. Der Text von Vicente Fernández erscheint hier in korrekter Versaufteilung, weil die bisher auffindbaren Versionen vermutlich voneinander abkopiert sind und alles durcheinanderwürfeln (offenbar muss ich das immer bei Liedern mit mexikanischem Bezug machen). Verständlich wird alles beim Google Translator:

——— Harry Dean Stanton:

Volver volver

aus: Lucky, 2017:

Este amor apasionado,
anda todo alborotado
por volver
Voy camino a la locura
y aunque todo me tortura
se querer.

Nos dejamos hace tiempo
pero me llego el momento
de perder
Tu tenias mucha razón,
le hago caso al corazón
y me muero por volver.

‚Y volver, volver, volver
a tus brazos otra vez
Llegare hasta donde estés
Yo se perder, yo se perder,
quiero volver, volver,
volver.‘

Nos dejamos hace tiempo
pero me llego el momento
de perder
Tu tenias mucha razón,
le hago caso al corazón
y me muero por volver.

‚Y volver, volver, volver
a tus brazos otra vez
Llegare hasta donde estés
Yo se perder, yo se perder,
quiero volver, volver,
volver.‘

Muss i denn?

Update zu Von München bis Venedig (fast):

Obacht gebm. Ma bereut im Leben nie, was ma gmacht hat, bloß was ma glassn hat.

Ralf, 2012 ff.

Weihnachten 2001 hat das angefangen. Da hat mir Vroni den schönen Bildband Zu Fuss über die Alpen von Ludwig Graßler geschenkt. Das Buch scheint gut zu gehen, man entdeckt fast jedes Jahr eine aktualisierte Auflage. Weniger gut soll es dem Ludwig Graßler selber gehen: Der Mann ist gerade 93 geworden und konnte am 8.8. zum ersten Mal seit 1974 nicht um 8 Uhr auf dem Marienplatz erscheinen, um die Leute nach Venedig zu verabschieden.

Marienplatz, München--Venedig, 8. August 2018

Den Wanderweg hat Herr Graßler als führendes Mitglied des Isartalvereins persönlich eingerichtet, was sich nur ein bissel hingezogen hat, weil das Isartal leider kurz von den Alpen unterbrochen wird. Seit 1974 heißt die Strecke Traumpfad München–Venedig, hat immer noch keinen Status als offizieller Fernwanderweg, dafür ungefähr 555 Kilometer. Das klingt noch beeindruckender, wenn man die zwanzigtausend Höhenmeter berücksichtigt, und dass man vom Marienplatz bis zum Markusplatz einen Monat brauchen soll.

Marienplatz, München--Venedig, 8. August 2018

2014 war ich schon mal da, zur Verabschiedung am Marienplatz — auch wenn der Wanderweg mythischen Ausmaßes jeden lieben Tag von irgendwem beschritten wird. Berghütten werden ja nicht je einmal im Jahr von zwanzig Hanseln bewohnt, sondern 365-mal im Jahr von irgendwas zwischen zwei und zweihundert. Damals, zum vierzigsten Jahrestag der Wanderwegeröffnung war der Graßler-Wiggerl noch da, und wer nicht in Wikipedia nachgeschaut hat, konnte gar nicht glauben, dass der drahtige ältere Herr selber bloß bis Pullach mitlatschen wollte, weil er „ja schon im Neinzigsten“ war. Ansonsten war’s eher trist: früh um achte noch regnerisch, und die Musik hat abgesagt und bloß eine einzelne Zehnjährige im Dirndl da, die auf der Klarinette Muss i denn zusammengestopselt hat. Schon goldig und würdig alles, und der Graßler hat mir auch an der Julia-Statue meinen Bildband handsigniert, aber es fehlt einem halt der Vorgriff auf die Majestät der Alpen.

2018 hab ich nochmal vorbeigeschaut. Die Musik war ein echter Gewinn: ein paar abseitige Landler und Schottisch von einem sichtlich Urmünchner Ehepaar, und dafür dass der Graßler sich daheim davon ausruht, dass ihm nach Aberjahrzehnten das Haus voller selberbezahlter Schreinermöbel unterm Arsch abgerissen werden und er auf seine alten Tage umziehen soll, ist allerhand Traumpfadprominenz da — so wie der Franke, der eine der brauchbarsten Websites überhaupt — die München–Venedig.net — gebaut hat und weiterhin pflegt, und heuer staunt man, wie viele junge, auffallend hübsche Madeln und gerade mal mit dem Abitur fertige Junghamster sich einen nicht ganz unstrapaziösen Monat antun wollen, für den man angeblich um die zweitausend Euro pro Nase ausgibt.

Und was alle für ein gepflegtes, selbstverständliches Bairisch reden! Was für einen Grund sollte es wohl geben, sich unnütz in München aufzuhalten, gar dort seinen Wohnsitz zu errichten, wenn nicht, um rüstigen Rentnern in beigen Rentneranoraks zuzuhören, wie sie reden wie Gustl Bayrhammer, wenn er Heilige Nacht vorliest?

Traditionell wird der Teilnehmer extra begrüßt, der die weiteste Anreise zum Marienplatz auf sich genommen hat. Es meldet sich einer aus Hamburg, tritt vor, grüßt mit zackigem „Moin!“ und kriegt diskret was in die Hand gedrückt, wahrscheinlich etwas in der Qualität einer Wandernadel oder was auf den restlichen 555 Kilometern nicht so arg im Rucksack aufträgt. Die Mädchengruppe wartet Muss i denn nicht mehr ab und fängt noch diskreter schon mal mit dem Wandern an.

Marienplatz, München--Venedig, 8. August 2018

Selber komm ich seit 2001, seit ich von dem Wanderweg weiß, bloß ein-, zweimal im Jahr bis Kloster Schäftlarn. Das ist annähernd der erste halbe Tag, den ganzen hab ich mal bis Wolfratshausen durchgehalten. Der zweite, den ich getrennt davon angegangen bin, geht bis Bad Tölz, der dritte, für den ich sogar einen zweiten Verrückten gewinnen konnte, bis Lenggries. Dahinter soll’s ernsthaft bergauf gehen.

Venedig liegt übrigens auf genau 0 Meter über dem Meeresspiegel, man geht also insgesamt bergab, was man gar nicht glaubt, wenn man die Berichte und die Bilder in meinem Bildband anschaut. Aber man glaubt ja auch nicht, dass so der offizielle Weg zwischen dem Marien- und dem Markusplatz aussehen soll, seit die Brennerautobahn entdeckt ist.

Auf dem Heimweg fällt mir beim Buddeln in der Hosentasche die Tube Katzenzahnpasta in die Finger, die ich heut füh bei der Katzenhygiene dort hineingesteckt und vergessen haben muss. Ich hätte also sowieso nicht mit können.

Marienplatz, München--Venedig, 8. August 2018

Soundtrack: Wenn man von egal welchem Lied die Version von Hannes Wader haben kann, so soll man sie auch nehmen: Hannes Wader: Muß i denn zum Städtele hinaus , aus: Hannes Wader singt Volkslieder, 1990:

Ich und mein Lauf

Bratpfannenwetter. Ausnahmsweise hab ich nichts Besseres zu tun, als die Jeans aufzukrempeln und meine Hobbitlatschen in den Stadtbrunnen zu baden (ich bin Künstler, für mich ist Kontemplation Arbeit). Da springt mich von rechts hinten ein Mikrophon an:

„Was halten Sie bei dieser Hitze von Sex?“

Das Mikrophon trägt eine Manschette mit dem Logo eines berüchtigten Lokalradiosenders. Die dahinter kauernde unbezahlte Praktikantin ist blond, aber zum Ausgleich mit Brille, die „was mit Medien“ ausdrücken soll. Knapp unterm Hintern handabgeschnittene Jeans, das Glitzer-Top gibt die Aussicht auf gut entwickelte Brüste ohne BH frei, ihre güldenen Riemchensandalen folgen der modischen Unsitte, eine zu dünne Sohle mit Zehenstengel und Fersenriemen zu verankern, damit das Opfer möglichst schwer rein- und rauskommt. Grellrosa lackierte Zehennägel, aber in ihrem Alter ist eine gewisse stilistische Unbeholfenheit entschuldbar. Kurz: Die vorgesetzten Schweine vom Radio haben ihre Jüngste von Oberföhring in die Innenstadt gejagt, „ein paar O-Töne einsammeln“.

„Wie war das?“ Die Frage ist sie gewohnt, ich bin ja nicht ihr erster O-Ton.

„Was halten Sie bei dieser Hitze von Sex?“ wippt das Mikrophon.

„Pass mal auf“, sag ich, „siehst du das Café da drüben?“

Ihr Blick folgt meinem ausgestreckten Arm: „Jaaaaa …?“

„Die haben ein Behindertenklo. Richtig groß, damit man auch mit dem Rollstuhl reinkann.“

How to confuse a unbezahlte Praktikantin. Eigentlich kann das Hascherl ja nix dafür, aber jetzt hab ich meinen Lauf:

„Das ist vom Gastraum aus nicht einsehbar, es kriegt also keiner mit, wenn du dich im Eingang irrst. Du gehst links an der Theke vorbei ums Eck, das Behindertenklo ist die erste Tür. Sperr besser zu. Ich zähl hier bis hundertfünfzig und komm dann nach. Mein Klopfzeichen ist: einmal kurz, zweimal lang. Das ist das Morsezeichen für W, weil ich Wolf heiß, aber das weißt du ja als alte Funktechnikerin.“

„Hä?“

„Inzwischen hast du Zeit, dich aus deiner kaum vorhandenen Kluft zu schälen und im Schritt frisch zu machen. Wenn ich da bin, können wir meine Klamotten auf den Fliesen unterlegen, damit du dir nicht sonstwas an die Eierstöcke zuziehst. Keine Angst, meine eigenen Gummis hab ich immer dabei, weil’s in den Automaten nie die XXL gibt.“

„Hören Sie …“

„Kein perverser Schweinkram, keine Rollen- und Fesselspiele, keine Lippenstiftringe um die Eichel oder so, wenn ich bitten darf, aber Cunnilingus geht klar, wenn du vor nicht länger als sieben Tagen rasiert bist. Ich kann dreimal, also kannst du zweimal Nachschlag bestellen. Und dein schickes Tonband kannst du ruhig anlassen dabei, irgendeinen Antörner brauchen wir ja.“

„Jetzt mal langsam.“

„Übrigens schätze ich phantasievolle Beinarbeit und eine straff trainierte Vaginalmuskulatur, dafür küsse ich wie eine gesengte Sau. Wenn du so ab der mittleren Phase schön was hören lässt, kann’s leicht sein, dass ich dir einen Zwanziger draufleg. Fragen, Einwände, Sonderwünsche?“

„Es geht ist nicht das Thema“, bewahrt sie Fassung, „ob ich Sie … ähm … küssen will …“

„Ach, nicht? Na, wenn Küssen kein Thema ist, kann ich auch am Bahnhof fragen.“

Sie rafft ihr Mikrophon nebst Aufnahmegerät zusammen, stemmt sich auf ihre bebenden Fohlenstelzen in die Höhe und verschwindet ohne ein weiteres Wort in der Menge. Hoffentlich kann sie das O-Tonmaterial verwenden, wenn sie sich mal um ein bezahltes Volontariat bewirbt.

Auf meiner anderen Seite hat sich eine hübsche junge Dame niedergelassen und planscht mit, wie alle am Brunnenrand. Strohhut auf naturroten Locken, dessen Krempe ein changierendes Schattengitter über ihre sommersprossige Himmelfahrtsnase breitet, hellblau geblümtes Sommerkleid. Sie wässert ihre adelig blassen Elfenbeine, darunter in geschmackvollem Dunkelrot abgesetzter Zehennagellack, Sommersprossen sogar auf dem Spann.

Ihre strahlenden Grünaugen hinter dem Schattengitter gucken streng. Sie versucht nicht zu lächeln, beim Sprechen erscheinen ihre Perlenzähne:

„Das hätt’s nicht gebraucht“, rügt sie mich.

„Die hat doch angefangen“, sag ich.

Sie prustet los.

36 Grad und es wird noch heißer: 2raumwohnung: 36 Grad,
aus: 36 Grad, 2007:

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