Hier bin ich Mensch hier kauf ich ein

Beim dm haben sie die hübschesten Kassiererinnen, wo immer sie die auch her haben.

Es fällt schwer, sich bei der Hübschesten anzustellen, darum nimmt man am besten die längste Schlange. Da ist es auch schon egal, dass vor mir eins der weltweit verbreiteten Business-Rollkoffermännchen ansteht. Doch, wirklich, man glaubt immer, es gibt nur das eine, das man ständig beobachten kann, aber wenn man sein Auge für Details geschult hat, ist das tatsächlich jedesmal ein anderes.

Das Exemplar vor mir hat bei dm anscheinend zur Konkurrenzbeobachtung allerlei Flaschen eingekauft, die möglichst viel Platz in einem Einkaufswagen und nachher in einer Einkaufstasche einnehmen: Badeschaum, Spülmittel, Allzweckreiniger. Die — falls noch nicht erwähnt: junge, blonde und vor allem hübsche — Kassiererin zieht mit versonnener Professionalität ein attraktives dm-Angebot nach dem anderen über ihren Scanner und lächelt stillvergnügt bei der Arbeit. Das durch die Eingangstür strömende Sonnenlicht spielt verliebt mit dem dünnen Flaumrand um ihre Wangen. Das Leben ist schön.

Nach der letzten Familien-Sparflasche Weichspüler nennt die Kassiererin freundlich den Preis und wartet. Das Rollkoffermännchen packt unbeirrt Produkte in seinen Rollkoffer.

“Wenn Sie erst bezahlen und dann einpacken”, sagt die Kassiererin, als sei es die beste Spielidee des ganzen Kindergeburtstags, “kann ich schon den nächsten Kunden drannehmen.” Damit bringt sie mich ins Spiel. Das wird böse enden. Bis vor fünf Sekunden hätte noch Rennen geholfen, seitdem kann man nur noch verlieren.

“Ich packe aber erst ein und bezahle dann”, ranzt das Männchen. Sie zuckt die Schultern, verkneift sich das auf der Hand liegende “Auch gut, Rindviech” und beschwichtigt stattdessen: “War ja nur ein Vorschlag.”

“Ihre Vorschläge können Sie sich sparen. Sie werden bestimmt nicht für Ihre Vorschläge bezahlt.” Die Kassiererin lächelt.

“Ich lass mir doch von Ihnen keine Vorschriften machen”, erklärt sich das Männchen genauer. Die Kassiererin lächelt immer noch, als sie nach längerem Zuschauen, das ihr viel Zeit zum Überlegen gelassen hat, sagt: “Und ich lass mich nicht von Kunden anpflaumen.”

“Wo nehmen die in dem Saftladen nur das Dienstleistungsmaterial her”, mault das Männchen, während es doch noch einen Hunderter vor der Kassiererin fallen lässt. Genau das, was ich mich auch bei jedem Besuch frage, darum ist jetzt meine Stunde. Außerdem bin ich sonst wieder tagelang blockiert.

Es muss aber sitzen. Es darf keine Einmischung sein, es darf nicht paternalistisch sein, und ich will nicht dafür als erster auf Maul kriegen. Gar nicht so einfach, aber das lebenslange Studium sämtlicher Geisteswissenschaften einschließlich Beziehungsführung und Menschenkenntnis darf auch nicht für die Katz gewesen sein.

“Was brauchst denn du Grattler die junge Lady jetzt gar so saudumm anreden? Die hat grad versucht, gleich zwei Kunden auf einmal zu helfen”, sag ich zu dem Männchen, “erst dir und dann mir. Das ist das glatte Gegenteil von einem Saftladen.”

“Was mischen Sie sich hier ein”, ranzt es, ohne mich anzuschauen. “Haben Sie was mit der oder sind Sie bloß blutsverwandt oder beides?”

“So”, sag ich, “jetzt langt’s”, und einmal mehr macht es sich bezahlt, große Teile seiner Jugend damit verbracht zu haben, vor dem Spiegel wie Clint Eastwood zu gucken. “Jetzt schleichst dich.”

“Ach so” sagt er, fortfahrend, nach seinen Einkäufen eine Handvoll Wechselgeld zu verstauen, “das sieht diesem Saftladen ja ähnlich, dass die Zwangsgestörten hier das Hausrecht ausüben.”

“Du hast mich schon verstanden”, sag ich. Der Trick hat funktioniert, wenn der Gegner ganz selbstverständlich daran glaubt, dass man Gewalt anwenden wird.

Immerhin schaut er mich jetzt an. “Loser”, sagt er und zieht ab.

Ich bin dran. Taschentücher, Lakritzbonbons, Glasreiniger, das kann ich fliegend im Stoffbeutel verstauen, noch während die — übrigens durchaus hübsche — Kassiererin kassiert, und zahle passend.

Loser hat der zu mir gesagt. Das höre ich öfter, offenbar war ich also doch zu paternalistisch. Um meinen Respekt vor ihrer Arbeit zu äußern, sage ich zur Kassiererin: “Also, ich würd jederzeit gern Vorschläge von Ihnen annehmen.”

“Leck mich, Arschloch”, zischt sie.

Schon eine tolle Rasse, die Rollkoffermännchen. Gewinnen einfach immer.

Soundtrack: Die Ärzte: Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist; es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt, aus: Geräusch, 2003.

Toiletten und Bäder oder so ähnlich

Darya Sennikova, Also sprach Zarathustra, 7. April 2016Was man sich als eigennutzender Wohnungseigentümer alles sagen lassen muss. Erst pünktlich zu Weihnachten die nebenbei zugeflüsterte Anweisung im Auftrag der Eigentumsverwaltung, dass binnen einer Woche das Kellerabteil geräumt sein müsse, unser Problem, wohin, und zurückgeräumt ist bis heute nicht — und diese Woche: Badeverbot. Nicht an der einen fiesen Stromschnelle in der Isar, sondern daheim. Auf unserem Grund und Boden.

Post vom Verwalter, farbliche Hervorhebung aus dem Original übernommen:

Sehr geehrte Bewohnerinnen,
sehr geehrte Bewohner,

in der kommenden Woche zwischen dem 20.06.2016 und dem 24.06.2016 werden an den Entwässerungsrohren noch weitere Sanierungsarbeiten ausgeführt.

Die Toiletten und Bäder können währenddessen genutzt werden.

Allerdings werden Sie gebeten, in der Zeit tagsüber die Nutzung der Abwasserleitungen auf unbedingt notwendige Ereignisse einzuschränken, bzw. auf Vollbäder oder ähnliches zu verzichten.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen

[Riesenschörkel]

Sollte also jemand bei unseren unbedingt notwendigen zwischenmenschlichen Begegnungen im Laufe der nächsten Woche einen strengen Geruch oder ähnliches an uns wahrnehmen, weiß er wenigstens, woran es liegt. An uns nämlich nicht. Ich sag’s bloß vorher.

Mal beiseite gelassen, welches unbedingt notwendige Ereignis denn einem Vollbad “ähnlich” sehen soll (Katzenwäsche?): Unsere Ausrede ist, dass wir uns solche First-World-Problems aus Notwehr aufgehalst haben, um nicht vor dem Third-World-Problem der Münchner Wohnungsmieten zu stehen. Welche Ausrede hat der Verwalter?

Lieber nicht fragen. Am Ende gibt er noch Antwort.

Buidl: Darya Sennikova, 7. April 2016:

You can read a thousand clever books, but didn’t understand the main thing, or you can read one and discover a whole world. What is your favorite? My is “Thus Spake Zarathustra”.

Soundtrack: Walter Moers: Adolf (Ich hock’ in meinem Bonker), 2005:

BonusBadewannenBusenBuidl: Kad Café, 21. Mai 2015
(ist das eigentlich die frühe Zooey Deschanel…?).

Kad Café, 21. Mai 2015

The Good, the Bad, the Ugly, and the Flauschi

Update zu Glück und Geld:

Gut, dass einen gerade noch so das Google-Doodle vorwarnt, dass die nächste Zeit wieder irgendsoein Herrenfußball-Schmarrn gefeiert wird, da kann man guten Gewissens non solum das Fernsehgeschehen, sed etiam die Innenstadt meiden und alte Filme gucken.

Für meinen Begriff ist ja Il buono, il brutto, il cattivo, besser bekannt als The Good, the Bad and the Ugly, der auf Deutsch aus kulturhistorisch nicht nachvollziehbaren Gründen nur Zwei glorreiche Halunken zählt, immer noch “der neue” unter den Leone-Eastwood-Spaghettis, weil er der jüngste Teil der Dollar-Trilogie ist. In der Handlung liegt er aber vor den zwei älteren und ist dabei immer noch älter als ich: Ein halbes Jahrhundert wird der pünktich kurz vor Weihnachten.

Man weiß von Vater-Sohn-Gespannen, die den einträchtig eine Zeitlang täglich angeschaut haben — was insofern besonders generationenverbindend ist, als das Ding in der künstlerisch vorgesehenen Fassung 178 Minuten dauert. Man hat also innerhalb der Familie ziemlich viel zum pausenlosen Durchgrinsen, bis Eli Wallach am Schluss Clint Eastwood endlich “Der Blitz soll dich beim Scheißen treffen!” hinterherbrüllt.

Kaufen muss man ihn nicht, weil er gut genug ist, dass sich irgendwo auf Welt immer jemand findet, der ihn ungekürzt auf YouTube pumpt. Bis ungefähr vorgestern hat den Job eine Version mit arabischen Untertiteln gemacht, momentan ist es die mit den vietnamesischen. Die stören nicht weiter, geredet wird sowieso nicht viel. Und die Qualität ist auch nicht mieser als die VHS-Kassetten aus den Achtzigern, wenn man sie mit seinem Vater erst mal einen Monat lang täglich komplett durchgeschaut hat.

Was hat man vor dem Zeiten des Internets — angeblich gibt’s Amazon ja erst seit 1994, YouTube sogar erst seit 2005 — obskure Versandhändler damit bemüht, einem die ungekürzte Fassung mit den vollen drei Stunden aufzutreiben, und es soll bloß keiner glauben, dass die besonders schnell oder billig gearbeitet hätten. In der Kinofassung für Deutschland haben nämlich ein paar bestimmte Großaufnahmen gefehlt, in der Fernsehfassung gar der halbe Showdown auf dem Friedhof, der eigentlich den Film erst ausmacht. Wo sind die Dinger eigentlich heute alle, seit die heimischen Regalmeter für DVDs gebraucht wurden, an die sich zur Not noch jemand erinnert, weil Spaghettiwestern meistens erst ab 16 sind?

Arabien wusste noch von den ganzen 178 Minuten, Vietnam hat jetzt 174. Wer seinen komparatistischen Ehrgeiz darein setzen will, kann ja mal nachschauen, wo heute die restlichen vier abgeblieben sind.

Das ist sowieso das, was den Menschen vom Vieh unterscheidet: Er kann Western etwas abgewinnen und entdeckt auch nach dem hundertelfzigsten Mal noch neue Details.

Fühlingsolle

Jetzt, wo die Firma lange genug erloschen ist, kann man’s ja veröffentlichen: Die Anzeige aus den Nürnberger Kino-News (Rückseite, war bestimmt nicht billig) hab ich lange über meinen Arbeitsplatz in der Werbeagentur aufgenagelt, als Mahnmal zum Korrekturlesen. Außerdem war die kleine Schnelle auf dem Bild, die man bestimmt im Express treffen konnte (und wahrscheinlich sogar mal getroffen hat), ganz ansehnlich. Man schrieb 1994.

Fühjahrsmode reduziert, Bebop 1994

Bebop: Charlie Parker & Dizzy Gillespie: Hot House, April 1952.

Rente mit 173

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Jedenfalls im “Stil”-Teil der Süddeutschen. Da hat eine gewisse Susann Till aus der Hansestadt Stade vor vier Jahren ein Unternehmen gegründet: Sie kocht Chutneys ein und kann davon leben. Das steht so in Marten Rolff: Das Chutney ihres Lebens, Süddeutsche Zeitung, 7. Mai 2016. Ganzseitig, vier Farben.

Vor vier Jahren. Da war die Dame 69. Und weil das nicht reicht:

Susann Till hatte mehrere Rücken-Operationen, musste zeitweise ein Metallkorsett tragen, dann starb ihr Mann, sie selbst erlitt einen Schlaganfall, lag zehn Tage im Koma, Ärzte rieten zu einer dauerhaften Betreuungseinrichtung, da hatte sie die Sepsis noch gar nicht, die fast zur Amputation einer Hand geführt hätte und erneut Monate der Reha nach sich zog.

Sooo tapfer, das alte Mädel. Lässt sich nicht unterkriegen. Und fängt neu an. Zeigt’s den Hamsterwelpen in der sozialen Hängematte. Und nimmt nicht etwa einem jungen High Potential den Arbeitsplatz weg, sondern hat eine “nur fünf Quadratmeter kleine Küche aus den 70er-Jahren, die einfach weiß übergestrichen wurde”, in der sie locker ihre Arbeitstage von 18 Stunden wegbaggert.

Und vor allem: Hängt nicht zu Hause und schon gar nicht mehr in einem steuerfinanzierten Krankenhaus rum, sondern ist inzwischen 73 und bringt ihr eigenes Geld heim, statt das Geld des High Potentials seit zehn, wenn nicht gar zwanzig Jahren ins Wirtshaus zu tragen. Kocht Chutneys ein und muss — halt, nein, es muss heißen: und kann von ihrem Start-up leben.

Unsereins, privilegiert genug, um sich nicht etwa an eine Zeit des Komas, sondern nur, schlimm genug, an eine Kindheit zu erinnern, wurde seinerzeit traumatisiert von Vergleichen mit Wunderkindern wie Heintje, der auch-mal-jungen Mireille Mathieu, der von Almsick, der mit ihnen einhergehenden Beobachtung, dass man selber ja gar nichts könne, und nachfolgenden Aussagen wie “Was jetzt, Klavier spielen willst’? Ich werd dir gleich a Klavier gebm”, “Eislauf? Du willst, dass ich dir jeden Winter neue Schlittschuh kauf? A Schelln kannst ham”, “In an Sportverein willst’? Muss ich dich do wieder regelmäßig hin- und herkutschen?”

Akzeptiert wurden aus ideologischen Gründen der im Kuhdorf ansässige Kirchenchor und Malstudien, weil man Rückseiten von Reklamezetteln und Sparkassenkulis umsonst kriegt. Eine der Rentenpolitik nahestehende Presse, die uns soeben ganzseitig die Erwerbstätigkeit bis ins Greisenalter nach den Altersbeschwerden andient, spendiert mir bestimmt nicht mal “die kniehohen Töpfe, die nebeneinander kaum auf den Herd passen, oder die vielen Kräuterkisten auf der engen Terrasse” (cit. a.a.O.).

Um Gottes willen. Wenn ich je 69 werde und das die Auswahl ist, nehm ich den Schlaganfall.

Ersten Grades themenverwandter Soundtrack: Die Ärzte: Junge, aus: Jazz ist anders, 2007.

Ein Herz und ein Arsch in der Hose

My career is a complete mystery to me. It’s been a total surprise since the first day. I never thought I was going to be an actress; I never thought I was going to be in movies. I never thought it would all happen the way it did.

A. H., uncredited.

Vorgestern, am 4. Mai, wäre Audrey Hepburn 87 geworden.

Audrey Hepburn makes cake for No Nonsense with Nuwan Sen, 2nd birthday, via Rare Audrey HepburnAudrey Hepburn wurde 1929 als Enkelin eines Barons und Tochter eines Nazi-Sympathisanten im belgischen Ixelles oder Elsene geboren. Gerade deshalb verbrachte sie ihre Jugendjahre hauptsächlich mit unter Lebensgefahr abgehaltenen Ballett-Aufführungen im holländischen Untergrund (Anne Frank war keine sechs Wochen jünger als Hepburn), um Geld für die Widerstandsbewegung im Kampf gegen die Nazi-Besatzung aufzutreiben.

Mit einem einzigen Film begründete sie ihren Ruhm als Schauspielerin nachhaltig genug, um fortan als Hollywood-Klassikerin zu gelten. Sie war die insgesamt fünfte Künstlerin, die alle vier großen Preise der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gewann: einen Oscar, einen Emmy, zwei Tony Awards und einen Grammy. Als erster gelang ihr das posthum. Mit zusätzlich der höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten von Amerika, der Presidential Medal of Freedom, steht sie bisher weltweit einzig da.

1988, etwa 20 Jahre nach ihrer großen Karriere und ein Jahr vor ihrem allerletzten Film, wurde sie zur zur Sonderbotschafterin von UNICEF ernannt. Die Wohlfahrtsmarke Audrey Hepburn gilt als wertvollste moderne Briefmarke der Welt.

Im Gedächtnis der ganzen Welt wird Audrey Hepburn wohl auf ewig dafür fortleben, dass sie früher um die 20 mal ganz hübsch war.

Carraro, Audrey Hepburn at a London supermarket for a UNICEF campaign, 7. Mai 1989

Bilder: Audrey Hepburn makes cake for No Nonsense with Nuwan Sen, 2nd birthday, via Rare Audrey Hepburn, 1. Mai 2016;
Audrey Hepburn photographed by Carraro at a London supermarket for a UNICEF campaign in London, England, May 7th, 1989 (also frisch 60-jährig), via Rare Audrey Hepburn, 27. Juni 2014.

Gluteum ad genuflexes

Okay, der #FallBöhmermann scheint wohl vorerst durch, neue #Schmähgedichte scheinen nicht zu gewärtigen. Jedenfalls so lange, bis das ZDF wieder weiß, wo sich Herr Böhmermann aufhält, wenn er live irgendwelche Schulhofreimchen aufsagen soll — falls ihm nicht gerade seine eigene meinungsfreiheitlich gesonnene Regierung in den Rücken fällt, auch wenn er gar keine Meinung vertreten will.

Schade eigentlich, die Wortschöpfung “Schrumpelklöten” hatte einen gewissen pubertären Charme, und wenn das nächste Ziel seiner Neckereien wenigstens soviel Geistesgegenwart besitzt, innerhalb einer Woche etwas zu kontern wie “Pff, diese schwiindsichtige Zigarettenbirscherl wird wahrscheinlich alle Tage zusammenpacken seine Ikearegal”, muss niemand wegen einer Kasperlesendung ohne Einschaltquoten das Strafgesetz ändern.

In Österreich, das bis vor ein paar Tagen noch was auf künstlerische Freiheit gehalten hat, geht’s doch auch, jedenfalls haut das Wiener Prolo-Rock-Kabarett Die Hinichen, nach Selbstauskunft “die ordinärste Band von Österreich, verpönt bei Funk und Fernsehen”, seit Jahrzehnten einen Tonträger nach dem andern raus, auf dem es um es um nichts anderes als möglichst unwahre und unflätige Verunglimpfung Dritter geht. Und regt sich einer auf? — Ja. Aber keiner, der eine Ahnung von einem fröhlichen Beisammensein hat.

Damit wir durch allzu unverblümte Verschlagwortung keine verirrten Verwirrten auf unsere Seite ziehen, diene uns ein Soundvideo als Textbeispiel:

Und das, geliebte Freunde des freien Wortes, ist eins von harmlosen. Was wir daraus lernen? — Natürlich, dass man sich ruhig in ausreichend plastischem Deutsch äußern darf, wenn der Sprechakt es erfordert: Warum sollte man wohl von einem ohnehin falsch denotierten “Busen” säuseln, wo von Dutteln die Rede ist, Himmelarsch noch mal?

Mich bringt die Wiederbegegnung mit den musikalisch gar nicht mal so gefühlsarmen Hinichen darauf, endlich mal die bundesdeutsche Steilvorlage für Parodien jeglicher Tonart in die Mangel zu nehmen:

Das ist von Element of Crime: Das alles kommt mit, aus: Weißes Papier, 1993 via Jochen und Hannes live am 13. Dezember 2008 in der Küche des Franzosenhauses, was immer das ist, und so ziemlich die anrührendste Laien-Coverversion, die YouTube so hergibt.

Die CD hab ich, seit sie 1993 das Ding der Stunde war, aber immer wenn ich das Lied umschreiben will, komm ich bei dem Erstentwurf “die Vaseline, die du in Krankenhausmengen verbrauchst” vor kindischem Gekicher nicht weiter. Vor allem, wenn ich mir das Gesicht von der Kandesbunzlerin dazu vorstell. — Einen belustigten Tanz in Mai wünschen wir.

Ich muss nomma fix nach Frau Piepenbrinck röwer

Das darf mich jetzt wieder keiner fragen, wie man von der Recherche über die Schuld und Sühne des größeren Kollegen Böhmermann auf eine alte Kinderserie namens Neues aus Uhlenbusch kommt.

Jedenfalls soll die 1977 bis 1982 sonntagnachmittags im ZDF gelaufen sein und steht heute ziemlich lückenlos auf YouTube. 1977 war ich neun und mir anscheinend schon zu cool für Kinderserien. Als obere Altersgrenze der Zielgruppe für Kinderfernsehen gelten 14 Jahre; danach entsteht eine Pause, bis man das Zeug gesellschaftlich unsanktioniert wieder “kultig” finden darf.

Dabei wirkt Neues aus Uhlenbusch allenfalls durch sein Personal im Kindesalter so, als ob es sich an Kinder richtete. Es gibt keine durchgehenden Hauptdarsteller, nur eine durchgehende Nebenrolle von Hans Peter Korff als Briefträger und lieber Onkel des gesamten norddeutschen Kleinstadtidylls. Es gibt keinen durchgehenden Schauplatz: Obwohl in Norddeutschland gleich zwei Uhlenbüsche vorrätig wären, eins in der Wesermarsch, eins im Kreis Herzogtum Lauenburg, wurde in Liegenschaften wie Rehburg-Loccum, Evessen, Bornum am Elm, Königslutter, Räbke oder dem vormals literaturhistorisch hervorgetretenen Wiedensahl gedreht.

Es gibt weder eine durchgehende Botschaft außer der einen umfassenden der 1970er Jahre — Kinder, lasst euch nichts gefallen und seid nett zueinander — und es gibt nicht einmal besonders viel Handlung, geschweige denn Action, und wo es doch eine gibt, klafft ihr Ende meistens weiter offen als bei Jim Jarmusch.

Es gibt keine durchgehenden Funktionen, weder am Drehbuch, der Regie noch nur der Regieassistenz. Es gibt keine Identifikationsfiguren außer einem trotteligen Briefträger, der keine Rollenmodell bieten kann. Es gibt, man muss es so sagen, keinen Grund, sich das anzuschauen. Überhaupt kann man einwenden, es sei alles ein recht planloses, breitärschiges Herumgeeier. Man kann aber auch besonnenes Storytelling dazu sagen und wertschätzen, dass alle Figuren, alle Ereignisse und alle Bilder endlich mal ausreden dürfen.

Die erste Folge lief am 24. Dezember 1977, der noch ein Samstag war und im weiteren Verlauf auf regelmäßige Sonntage umgestellt wurde — und geht gleich zur Sache mit den sozialen heißen Eisen: Bierlisa stellt am Heiligabend zur Einführung erst mal dar, wie ein zeitweise alleinerziehender Kleinbauer seinen Hof versäuft und seine Tochter unbeaufsichtigt an ungesicherten Orten spielen lässt, während er im Wirtshaus hockt. Das Happy End besteht darin, dass eine unbescholtene Oma, die als besonders einfühlsam gezeichnet wird, vor den Augen des Alkoholikers ein Glas Bier zur Schau auf ex trinkt.

Das sind alles hohe künstlerische Zumutungen ans Publikum, wie sie heute nicht einmal mehr an Volljährige herangetragen werden. Die Altersgrenze von 14 Jahren ist eine obere, die von Kindern selbst und unbewusst eingehalten wird, kein vorgeschriebenes Mindestalter. Solche Themen und Handlungsverläufe würde sich im jüngeren Fernsehgeschehen kein Sender mehr trauen — schon allein weil sich kein Drehbuchschreiber mehr so einen Vorschlag wie “ich hab eine super Idee! Wir machen eine Kindersendung, in der jede Woche andere Leute auftreten und bloß immer ein trotteliger Briefträger rumradelt! Für den Vorspann nehmen wir ein Zeichentrickviech, das auch sonst nirgends reingepasst hat und nix und wieder nix mit dem Rest zu tun hat, Spannungsbogen brauchen wir auch keinen, und nach einer halben Stunde hört der Film auf!” im Ernst antun will. Lassen Sie mich also gar nicht erst mit dem Tatort anfangen, mit dem angeblich erwachsene Leute seit Generationen sehenden Auges (wie auch sonst …) ihre Sonntagabende verschleudern.

Das war mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und galt nicht etwa als provokanter Trash, sondern als pädagogisch wertvoll. Gut, das war auch in jener versunkenen Welt, in der man unangeschnallte Kleinkinder besten Gewissens bei zugeriegelten Autofenstern mehrere Stunden lang mit Zigaretten einqualmte, wofür einem heute wahrscheinlich das Jugendamt mit Blaulicht und Sirene noch während der Ausübung das Sorgerecht für jeden Wellensittich entrisse. Dafür kann man lernen, ausführlich in ein Kinder- oder Erwachsenengesicht zu schauen, ohne dass jeden Moment mit umso höherer Schlagzahl die Oneliner des Jahrhunderts rauspurzeln müssen. Das ist pädagogisch wertvoll.

Als Anspieltipp verlinke ich die Folge Der große Bruder vom Sonntag, den 16. November 1980 — da spielt den kleinen Bruder nämlich der achtjährige Moritz Bleibtreu, weil er zeitweise der Sohn vom Briefträger “Onkel Heini” Korff war. In den restlichen 39 Folgen kann man dann raten, wo man gerade die Dorfbesichtigung im Geburtsort von Wilhelm Busch mitmacht.