Denn meine Dienerschaft ernährt sich nur von Weißbrot mit Orangensaft

Das Leben ist ein
Rennen. Sieger ist, wer mit
dem meisten Zeug stirbt.

Soundtrack: Die Ärzte: Ich bin reich, aus: Die Ärzte, auch ohne Indizierung die unterschätzteste aller Ärzte-Platten, als sie kurzzeitig zu zweit waren:
“Das letzte Lied der Neuen Deutschen Welle”, 1986:

Nicht zu unterschätzen: Aegopodium podagraria

Vorher:

Gierschbeet vorher

——— Jan Wagner:

giersch

aus: Regentonnenvariationen, Hanser Berlin 2014:

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt seine kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

Während:

Giersch nah

Nachher:

Gierschhaufen nachher

Buidln: Selber gemacht, für gemeinfrei mit Namensnennung erklärt.

Bonus Track: Reinhard Mey: In meinem Garten,
aus: Aus meinem Tagebuch, 1970, in: Live, 1971:

Der Ton macht die Musik.

1. Nicht arbeiten müssender Edel-A-Blogger zieht um in ein neues Medium, in dem er auch wieder bezahlt wird.

2. Dass das gewählte Medium sein erklärter Oberfeind war: geschenkt. Passiert im Netz andauernd, dass das Gerede von gestern nicht mehr interessiert. Mir wär’s nicht wurst, aber bitte was solls!

3. Als selbsternannt erlesen vorbildlicher Gentleman der Oberschicht wird er im Ton sehr ruppig, als eine Dame ihn daran erinnert, dass er damit seine Oberfeind-Grundsätze über den Haufen wirft, die er auch immer von seiner Community verlangte (= memorierte Aufforderung “nicht dahin linken!”).

 

Wir bloggen seit 2005.

Ich hab den mal gelesen. Habe viele selbstverliebte Phantasten gelesen, gibt es im Netz sonst andere? Punkt 3 ist unfassbar, da ziehe ich den Stecker.

Das reicht, das wars dann.

 

 

Ostern? Nass! – Daher: Der kluge Osterer bleibt lieber drinnen.

Der Hase auch.

In der Hasimation ist er nur vordergründig draußen. Das sieht nur so aus. In Wirklichkeit ist er wie ich drinnen bei den trockenen Pixeln. Kluges Tier.

Osterhasi

Es ist das Osterfest alljährlich für den Hasen recht beschwerlich.

Und wer hat’s erfunne?

Die alten Kelten.

Hasen samt Eier, alles erfunden.

Am 21. März wurde von den Kelten das Vogelfest “Alban Eiler” gefeiert. Dieses Fest markiert den Frühlingsanfang. Traditionsgemäß ging das Volk von der Morgendämmerung bis zum Vormittag hinaus [*schlotter* *brr*, d. S.] , um den ganzen Tag lang auf die Rückkehr der Zugvögel zu warten. Wenn sie da waren, wurde gefuttert und gefeiert. Die heutige Verbindung von Eiern, Hasen und Küken ist ein Rest dieser druidischen Lebensweise.

 

Frohes Hasern wünscht der Kater.

Give flu no chance: Bleiben Sie immer im Trockenen.

 

But first, rebellion.

“Und? Was machst du heut noch?” sag ich.

“Och, die Geschäftsseite umbauen”, sagt Vroni. “Ich muss neue Zielgruppen erschließen.”

“Gut. Versuch mal eine zahlungskräftige.”

“Mach ich ja. Hipster.”

“Gibt’s die noch?”

“Wird’s immer geben. Heißen bloß jedes Wochenend anders.”

“Wieso? Wenn sie sich schon mal ‘Hipster’ gemerkt haben?”

“Weil kein Mensch ein ‘Hipster’ sein will.”

“MIch wundert eher, dass ein Mensch so einen lästigen Fußsack im Gesicht spazieren führen will.”

“Wolf Woif Wolf. Wir schreiben zweitausendachtzehn.”

“Jaja, März.”

“Und Bärte sind durch.”

“Ach. Und was ist dann das, was in der Innenstadt rumläuft?”

“Wahrscheinlich die Münchner Innenstadt.”

“Deine Zielgruppe.”

“Aber das kann man nicht schreiben.”

“Schreib ich halt nix.”

“Lass mich einfach die Geschäftsseite umbauen.”

The Hipster Song: 2010:

5–7–5 (7–7)

Immer noch nicht raus ist ja, ob Dialektlyrik jetzt wirklich ausdrucksvoller als Lyrik in “hochdeutscher” Standardsprache ist. Ich versuch mal einen Vergleich, vorsichtshalber angefangen mit der hochdeutschen Version, zum Wohle unserer Leser nördlich der Pegnitzlinie. Und südlich davon eigentlich auch.

Tattoo

Die zwei Buchstaben
am dritten Halswirbel werd
ich noch vermissen.

Inhalt erfasst? Dann nochmal den gleichen Silbenfall mit so vielen Informationseinheiten, wie reinpassen:

Dadduu

Di zwaa Bouchschdoom am
driddn Groongwirbl wer i
nu schwer vermissn.

Sieg nach Punkten für die Dialektversion, die noch das “schwer” unterbringt. Inhaltlich sind beides keine Haiku, es lappt eher ins Senryu. Und überhaupt:

Wenn man mit seiner
Frau ein Tanka schreibt, ist das
dann schon ein Renga?

Zähl Silben, soviel du willst,
schreib einfach bloß kein Hentai.

Soundtrack: Justin Johnson: Ace of Spades, solo auf dreisaitiger Gartenschaufel, (“Ace of Shovels”?) aus: Motörhead: Ace of Spades, 1980:

Manic Street Preacher

Schubs mich nicht Querformat

Schubs mich nicht wenn ich am Abgrund
Ich frühstücke in der Apotheke

Vroni meint: “Du wieder mit deinem dunkelschwärzlichen Zeug zur Verherrlichung der Gemütskrankheit.”

“Kaum schreiben die Leute gleich zwei halbwegs zusammenhängende deutsche Sätze an die Laterne, sind sie schon behandlungswürdig depressiv.”

“Wahrscheinlich eher umgekehrt: Kaum muss man die Leute unter verschreibungspflichtige Substanzen stellen, brechen sie schon in Vandalismus aus.”

“Alles eine Frage der Einstellung.”

“Harr harr.”

Buidl: Selber gemacht im Münchner Rosental vorm Jokers, 3. März 2018.

Soundtrack: Manic Street Preachers: The Second Great Depression,
aus: Send Away the Tigers, 2007, was sonst:

Faust in your face

Zwei Seelen, ach, in meiner Brust!
Zwei Brüste, ach, in meiner Seele!

Kathrin Bach, Buchhändlerin und Lyrikerin, Berlin, 4. Oktober 2017.

Da schau her, zu was für Themen wir auf einmal tagesaktuell werden können: Ab heute schmeißen die Münchner Kunsthalle und der Gasteig ein Faust-Festival. Ganz recht gehört: Faust, der von Goethe:

München steht 2018 fünf Monate lang im Zeichen von Goethes berühmtestem Drama. Vom 23. Februar bis 29. Juli 2018 präsentieren mehr als 200 Partner und Institutionen überall in der Stadt ihre Projekte zum Thema “Faust”.

Soweit die Eigenbeschreibung, mit weiteren Küchenhandtuchstickereien wie:

“Faust” ist aktuell, Faust ist der prototypische moderne Mensch – rastlos auf der Suche, jedoch nie am Ziel. Das Drama hinterfragt den Menschen noch immer in seiner Verführbarkeit, Moral und Gesellschaftsstruktur. Seine Fragen sind auch unsere großen Fragen heute.

Wo wollen wir hin in unserem Streben? Was ist unser Preis? Wie weit dürfen wir gehen? Was ist Glück? Die Reise beginnt …

Zu deutsch: Keiner weiß warum. Man verstehe mich recht: Das ist ja dann auch ein feiner Zug von der Kunsthalle und dem Gasteig. Wahrscheinlich muss es 2018 sein wegen des 210-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung, wenn man das Faust-Fragment von 1790 nicht mitrechnet; der “Urfaust” von ungefähr 1775 war schon immer ein Konstrukt, und spätestens seit der revolutionären Ausgabe von Albrecht Schöne 1994 ein überholtes dazu.

In München muss es wahrscheinlich sein wegen Goethes beherzter Flucht aus der Stadt nach seiner ersten, letzten und einzigen Nacht in einem Wirtshaus, das heute ein Hutgeschäft ist, und in dem er sich noch nicht mal besaufen mochte.

Das Maskottchen der Unternehmung ist ein gezeichneter Pudel: der mit dem Kern, also Mephisto persönlich. Und er ist ein Mädchen — wahrscheinlich wegen Bibiana Beglau, die seit 2014 den Mephisto am Residenztheater mit ganz unerhörter Brillanz spielen soll. Und sie heißt Luzi — die Pudeline, nicht die Beglau. Das kommt von Luzifer und soll wohl die Abkürzung von Mephistopheles sein. Vielleicht auch eine Reverenz an die Schauspielerin Lucie Lechner, die sich ihren Namen nicht ausgesucht hat, und wenn doch, dann nicht nach einer diabolisch missverstandenen Variation über die römische Venus, und die einmal als Sponsorin auftritt und dreimal als — nein, nicht als Mephistopheline, sondern als Fäustin. Bei Christopher Marlowe um 1588 war Mephisto noch eine Art Laufbursche von Luzifer, bei Goethe, auf den die Münchner Event-Ballung sich bezieht, fragt er: “Ihr schönen Kinder laßt mich wissen: Seyd ihr nicht auch von Lucifers Geschlecht?” — wenn auch erst im zweiten Teil, den bestimmt kein Mensch in München jemals bis zum Schluss durchgehalten hat — und das wiederum wahrscheinlich, weil zu arg des Geheimrats Rotweinlieferungen aus ihm sprechen und zu wenig gemütliche Bierseligkeit. Aber lass recht sein, “Luzi” klingt ja schon besser als “Mephi”.

München halt. Hauptsache, man kann eine Sekt- und Biertränke daneben hinstellen, gell. Sehen wir’s mal optimistisch: Es werden über 500 Veranstaltungen angedroht. Die können ja schon rein statistisch nicht alle scheiße sein.

Soundtrack: Colum Sands & Scarlett O’Seeboldt: Goethe’s Song, aus: All My Winding Journeys, 1996. Das ist nach “Nähe des Geliebten” von 1795 und deshalb so fern vom “Faust” wie, sagen wir zum Beispiel: eine Zusammenrottung kulturell unterforderter Schwollköpfe im München des 21. Jahrhunderts – und dabei schau ich niemanden an! –, aber wirklich schön: