Das wird man wohl noch hören dürfen

“Sag mal, ab einem gewissen Alter sollte man doch wählerisch werden, was für Musik man sich noch antun will, oder nicht?”

“Ach? Sind wir wieder auf dem Kulturpessimistischen? Oder auf dem Midlife-Kritischen?”

“Ich hab einfach noch nie die Reichweite von Bayern 1 bei seiner Kernzielgruppe verstanden. Das ist die deutschlandweit höchste, bei den ‘Best Agers’ von 45 bis 69 Jahren.”

“Das wären genau wie viele?”

“Über drei Millionen Hörer täglich.”

“Halleluja. Da sieht man, wie leidensfähig die jetzigen Best Agers noch sind.”

“Wenn die alle so gebildet und gut situiert und qualitätsorientiert und konsumfreudig sind, da werden sie doch wohl noch ihren Radiosender aussuchen können, oder nicht?

“Ja. Sagt jemand was anderes?”

“So ein Radio ist doch voller Radiosender. Warum hören die nicht was Gescheites?”

“Weil sie Radiogebühren zahlen und ihre kulturelle Grundversorgung in Anspruch nehmen?”

Grundversorgung. Ganz recht. Deine Mudder ist grundversorgt.”

“Ja, die auch. Die würde nie wagen, schwarz bei der GEZ zu hören.”

“Die ‘Zwingburg, die man nicht mehr GEZ nennen soll, ein Bollwerk des Bösen, das uns schale Späße unfähiger Gaukler aufnötigen soll, und uns mit Kopfsteuern bestraft, da wir uns widersetzlich zeigten’? (Dietmar Dath: Das Katakombengericht, in: Titanic, April 2013, Seite 38) Die GEZ, die unsere Kopfsteuer vorerst verdreifacht hat?”

“Genau die. Kennst du noch eine?”

“Die eine reicht.”

“Womit wärst denn du gerne versorgt?”

“Ein Direktvergleich der Filmlisten von Ernst Lubitsch und Billy Wilder. Die endlich auseinanderzukennen, das wär schon mal ein Anfang.”

“O ja. Da wär ich jetz auch als erstes drauf gekommen …”

“Auch nicht abseitiger als ein Direktvergleich, in welchem europäischen Land sie heuer das schönste Lied gesungen haben.”

“Die wollen das so. Die haben sogar dafür bezahlt.”

“Glatter Missbrauch der Meinungsfreiheit.”

“Unternimm was dagegen. Aber ich sag’s gleich: Die anderen sind mehr. Und du weißt, was das in einer Demokratie bedeutet.”

“Interner Gruß der stolz politisch Inkorrekten: Das wird man wohl noch sagen dürfen!”

“Geh DVDs gucken.”

Unter Lieben, Trinken, Singen

Update zu Cooles Essen:

Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten!
Unter Lieben, Trinken, Singen
Soll dich Chisers Quell verjüngen.

Goethe: Hegire, aus: West-östlicher Divan, 1819/1827, Anfang.

Saufen und Aufmucken, man mag es gutheißen oder nicht, waren schon immer eine deutsche, nun ja: Einheit. In der ersten funktionierenden Version Deutschlands als geschlossenes Konstrukt, dem nachnapoleonischen Deutschen Reich, galten Kneipen an regierenden Stellen als Brutstätte des Widerstands. Bis heute wird unterstellt, das, was an Stammtischen betrieben werde, sei Politik.

In diesen postmodernen Zeiten muss man ja ohne Alkohol fröhlich sein. Daher ist es nicht zwingend als Teilsieg eines aufmuckenden Islamismus zu werten, wenn morgenländische Rip-offs von Coca Cola den abendländischen Basar überschwemmen.

Liter Cola Turka, Flasche 1 Liter 99 CentVon uns am lebendigen Leib getestet wurde Cola Turka, weil’s das in unserem Gemüse-Mekka Goethestraße gibt (1 Liter: 99 Cent). Das Urteil aus unserem privaten Pepsi-Test: Typische Tiefschwärze, erfüllt in Pappigkeit und Dursterzeugung alle Verbrauchererwartungen, überzeugender Rülpsfaktor. Insgesamt auch nicht grauslicher als herkömmliche Zuckerlösungen. Gut.

Sobald unser zuständiger Cavusoglu sein Angebot verbreitert, vergleichen wir:

  • Evoca Cola, EU-weit aus London für orientaffine Zielgruppen;
  • Mecca Cola, Algerien;
  • Parsi Cola, Iran, direkte Konkurrenz zu Zamzam, ohne eigenen Web-Auftritt;
  • Qibla Cola, Pakistan, ohne eigenen Web-Auftritt;
  • Cola Turka, Türkei, vom global agierenden Lebensmittelriesen Ülker, auch als 3-Liter-Bombe erhältlich;
  • Zamzam Cola, Iran.

Vaterlands- und gottlose Allround-Rebellen (Berlin-Mitte-Hipster, die irgendwie an Unis wie Freiburg im Breisgau, Greifswald oder Tübingen hängen geblieben sind, Liegeradfahrer, Unixer) werden sich ihr Cola lieber in bewusstem Widerstand zu allen Ideologien selbst mischen. Jetzt, wo die OpenCola-Bewegung offiziell ausgeblubbert ist, das Rezept aber noch online steht, müsste es ja wieder “gehen”, oder nicht?

Widerstand gegen den Widerstand, prinzipell eine zutiefst hippe Konstellation, regt sich bei den Erfindern der modernen Demokratie, die ihre Monarchie nie aufgeben wollten: In Newcastle upon Tyne, Northumberland hört eine von unbeugsamen Linksfahrern bevölkerte Brausefabrik nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. West und Süd und Ost zersplittern, Throne bersten, Reiche zittern — nur Fentimans füllt alles in Flaschen, was nicht sofort Glas zersetzt, bis keiner mehr weiß, ob es als Cola, Nährbier, Cocktail, zur Einnahme oder zum Waschbeckenputzen gemeint war.

Cool, die Engländer. Sieger nach Punkten, von denen einem nach dem “Genuss” wahrscheinlich der ganze Körper übersät ist: Fentimans! Burp! Tschuldigung!

Wir spinnen

Update zu Alle Schmetterlinge sind schon da
und Bus 502 ins Präkambrium:

Dem einen Merksatz sind wir dieser Tage überall begegnet: Gegen Spinnenfurcht hilft Spinnenwissen.

Das ist der abschließende Satz im zweiten und letzten Teil der Bemerkungen über die Spinne von Horst Stern 1975, im Original etwas erweitert, aber genau mit dieser Grundaussage. Als Fernsehmomente noch groß sein und nachhaltig beeindrucken konnten, waren legendäre Fernsehserien möglich. Und was Dokumentarfilme angeht, gibt es kaum eine nachhaltigere Legende als Sterns Stunde 1970 bis 1979.

Vor Jahren hab ich mich schon gefreut: Ui, fein, es gibt ja jetzt das Internetdings, da kriegt man bestimmt Sterns Stunde, vor den Spinnenfilmen graust mich heute noch. Wie schön festzustellen, dass Technik und Markt endlich weit genug fortgeschritten sind, um diese zwei Sternsstunden auf etwas anderem als mit Super 8 vom Fernseher abgefilmten Spulen erreichbar zu machen. Kaum dass die DVD technisch überholt ist, geht’s.

Nahezu gleichzeitig mit dem kostbaren Zuwachs unserer DVD-thek findet das Museum Mensch und Natur es passend, lebendige Spinnen in sehr übersichtlichen Terrarien auszustellen und es Faszination Spinnen zu nennen. Spinnenwissen zum Anfassen. Oder jedenfalls fast, gerade mal durch eine Vitrinenscheibe vom Streicheln abgehalten.

Flauschig sind sie nämlich, warum gruselt man sich eigentlich so? Weil Mädchen immer vor Schlangen Angst haben, Jungs vor Spinnen, wofür Professor Freud bestimmt wieder eine seiner schlüpfrigen Erklärungen hat? Weil sie flauschig sind wie Miezekatzen und zugleich giftig wie bescheuert? Weil sie Milben auf ihrem ekelhaften Hintern herumschleppen, weil sie ihre Männchen nach dem Vernaschen vernaschen, weil sie weiß der Himmel was mit ihren acht Beinen anstellen können, weil sie mit ihren acht Augen weiß der Himmel was durchschauen, was sie nur selbst wissen? Weil Arachnophobie gesellschaftlich so anerkannt ist, dass man endlich mal nach Herzenslust vor Angst zittern darf, ohne sich nebenbei noch zu genieren?

Wie alle Erklärungen großer Zusammenhänge ist das wahrscheinlich alles wahr und unzulänglicher Mumpitz auf einmal, mit seiner Angst steht jeder allein. Mein persönliches Verhältnis zu Spinnen ist seit jeher von einer Art respektvoller Distanz geprägt: Die Viecher rechnen sicher unter die zehn faszinierendsten Geschöpfe in Gottes großem Tiergarten, im Walde sollte man sie mit Interesse studieren und bewundern, aber bitte nicht gerade auf meinem Kopfkissen. “Angst” im Sinne von Panik sieht anders aus. Es ist auch kein “Ekel”, mehr ein “Grauen” im Sinne von H.P. Lovecraft.

Spinnentiere leben, streben und vor allem: weben seit dem Silur auf Erden. Das liegt tief im Erdaltertum, als auch Trilobiten auftraten — lange bevor sich ein Gebirge in die Höhe faltete, das heute noch aufrecht stünde — lange vor den Sauriern. Das ist dermaßen blödsinnig unvorstellbar lange, dass man sich ganz klein und kindsköpfig vorkommt im Angesicht eines zwei Zehntel Millimeter großen Krabbeltiers.

Spinnen haben schon Schachtelhalme gesehen, die noch nicht einmal so groß wie Dinosaurier sein konnten, weil kein Chitin gewordenes Aufblitzen der Evolution wusste, was ein Dinosaurier sein soll. Millionen Jahre später sind sie auf ihnen herumspaziert und zeigten sich wenig beeindruckt, als sie wieder ausstarben, dazu hatten sie schon damals zu viel gesehen — und wer waren nochmal neulich diese weltbeherrschenden Trilobiten?

Wer eine Spinne anschaut, blickt in einen Abgrund einiger Jahrhundertmillionen. Und darf mit Fug annehmen: Dieser possierliche Geselle weiß allerhand, wovon ich nie einen Begriff haben werde. Da soll einem nicht grausen.

Wer sich seit dem Silur kaum verändern musste, war offensichtlich von Anfang an eine überaus taugliche Lebensform. Die mussten nie “was aus sich machen”, die genügen schon immer. Was so eine Spinne ist, die funktioniert in wesentlichen Teilen als Selbstläufer: Weitgehend unerforscht bleibt, woraus ihr alltäglich anzutreffender Spinnfaden überhaupt besteht, wie sie ihn in ihrem sparsam ausgestatteten Innenleben chemisch zusammensetzt und formt, und wie sie ihn aus ihrem sinnreich gegliederten Körper herausbekommt, der keinen Innendruck aufweist. Dagegen weiß man aus der Beobachtung, dass sie ihn nach Gebrauch auffrisst. So geht Recycling.

Auch das berüchtigte Aufessen von Geschlechtspartnern geschieht nicht aus feministischer Gehässigkeit, sondern zur Verwertung ansonsten nutzlos herumfaulender Proteine. Übrigens verwerten einige Spinnenarten sogar ihre eigene Person: Das Weibchen eines eindrucksvollen lateinischen Zweiteilers nicht unter sieben Silben durchspült sich in ihrem Nest voller süßer kleiner Spinnenkinder selbst mit Verdauungssaft und löst sich zu Babynahrung auf. Eat this, Professor Freud.

Von den phantastisch einfallsreichen Methoden zum Insektenfang ganz zu schweigen, beschreiben doch Gattungsnamen wie Springspinne (z.B. Salticus scenicus), Speispinne (z.B. Scytodes thoracica) oder Bombardierspinne (z.B. Brachypelma smithi) hauptsächlich das Verhalten gegenüber Beute und Fressfeind. Die Gesamtheit der Spinnen ist demnach kein Perpetuum mobile — aber die Richtung stimmt, alle Achtung.

Und wie gelehrt sie alle heißen. Die erwähnte Brachypelma smithi mit den roten Knien, unter denen sie sich verstecken kann, gilt als die schönste von allen (bis sie einen mit Brennhaaren von ihrem hübschen Hintern besprüht); Grammostola rosea und pulchra kennt man als samtige, schwarzschimmernde Monster aus Bewerbungsarbeiten von Filmregisseuren aller Altersstufen fürs Sundance Film Festival; Psalmodeus cambridgi hat eine tolle Mittelwirbelfrisur, ohne sich je zu kämmen; Chromatopelma cyaneopubescens ist auf den Bildern aus Venezuela immer leuchtend zyanblau, nur in der Ausstellung in München nicht; Acanthoscurria geniculata soll laut Beschreibung “recht aggressiv” sein, sonnt sich aber unter ihrer Glühbirne wie alle anderen auch; Vitalius wacketi soll schon eine der größten sein, kommt aber auch nicht weit über acht Zentimeter Körpergröße oder siebzehn Zentimeter Beinspannweite; und die bescheidene Heteropoda venatoria geht fast nackt einher, gilt dabei als harmlos bis nützlich und ist in tropischen Lagerhäusern gern gesehen, weil sie blitzschnellen Schrittes und sicheren Zugriffs das Ungeziefer fernhält.

Wenn jetzt noch bis 23. Juni 2013 in den Vitrinen des Münchner Museums Mensch und Natur ein paar besonders pelzige, besonders fettbeinige, besonders rot-schwarz gestreifte und besonders giftige Vertreterinnen (die Weibchen machen mehr mit und leben länger) die Faszination der Spinne demonstrieren sollen, halten die das auch noch durch. Wir, die wir glauben, der Spinnenschaft einen artgerechten Dienst zu erweisen, indem wir sie auf viertelquadratmetergroßen Baumrindenhäufchen eingeglast der Schaulust von Arachnophoben und Arachnophilen preisgeben, wir sind schon lange angezählt. Du und ich und wahrscheinlich sogar Horst Stern, schade eigentlich. Am Ende aller Tage können wir die unverändert gedeihenden, sich vermehrenden und verzehrenden Spinnen dann fragen, wie unser Erdzeitalter geheißen hat, falls sie das in dem nachschauen können, was es dann anstatt eines Internets gibt, und ob wir uns besser gehalten haben als ein paar Äonen zuvor die Dinos oder wenigstens annähernd so gut wie die Trilobiten.

Da kommen wir aber mit den sechs Euro Eintritt nicht mehr aus.

Brachypelma boehmei

Bild: Micha L. Rieser: Frisch gehäutetes Weibchen der Brachypelma boehmei, 21. Mai 2012.

Filzeierwärmer

Kein Mensch braucht eine einzige andere Website außer Wikipedia, von mir aus sogar die große Lösung in allen Sprachen. Flickr und Vimeo sind schon Luxus. — Ja, Vimeo. Was denn sonst? Der feinste Zug von dem Dilettantenkonstrukt YouTube ist, dass es sich filmchenweise selber zusperrt. Hochgerechnet sind in zehn Jahren endlich alle YouTube-Videos “für dein Land nicht zugelassen. Das tut uns leid.”

Das Wirtschaftsleben bröselt so flächendeckend in sich zusammen, seit jeder eine eigene Website haben musste. Wahrscheinlich erinnert sich niemand mehr daran, weil die Dinger da noch Homepage hießen und seitdem der Soundtrack der Welt sowieso wie die letzte Spur auf The Wall klingt. Ohne dass eine Korrelation notwendigerweise eine Kausalität ist: Wenn niemand eine Website hat, dann braucht auch niemand anders eine. Dann kann endlich jeder seiner ehrbaren Arbeit nachgehen.

Sehe ich da den Herrn mit schwarzem Zwirn und Fassonschnitt nachsichtig grinsen? Höre ich ihn, wenn er heute sehr milde drauf ist (Brückentage!), mich herablassend belehren, dass man das “dem Markt” ja wohl sich selbst überlassen müsse, weil der bis jetzt noch alles allein geregelt habe?

Hat er eben nicht. Und wer von uns beiden der Zyniker ist, will ich nicht ausgerechnet mit ihm diskutieren. Das geht nämlich von meiner ehrbaren Arbeitszeit ab.

Wovor hast du eigentlich Angst? Du hast kein Problem, wenn du ein Reihenhaus mit Filzeierwärmern, ein Auto mit Kiesauffahrt und einen eingefahrenen Job hast. Du hast ein Problem, wenn du kein Reihenhaus mit Filzeierwärmern, kein Auto mit Kiesauffahrt und keinen eingefahrenen Job hast.

Was davon hast du mit Hilfe einer Website bekommen? — Na gut, die Eierwärmer. Aber das war über die Website des Herrn im Zwirn.

Q.e.d., und jetzt muss ich erst Facebook abfragen und dann Websites texten.

Dances with Models

Zwei Stunden auf Flickr herumgeklickt, und man kann getrost seine Zweifel beiseite legen, ob in der zeitgenössischen Kunst noch Qualität geschaffen werde: alles voller sehr junger, sehr schöner und sehr kluger Mädchen, die sich als Fotografinnen verstehen oder laut ihren Profilangaben so schnell wie möglich welche werden wollen.

Dafür empfehlen sie sich durch Portfolios, die für nicht weniger als professionell zu halten sind. Gerne bedient wird dabei das Genre des Selbstportraits, weil bessere Fotomotive als die eigene Person um den gleichen Preis für junge, schöne, kluge Mädchen nicht zu haben sind; gerne dokumentiert wird eine Neigung zu den traditionellen Freizeitbeschäftigungen Hoher Töchter (Lesen alter Bücher, Zeichnen von jungen, schönen, klugen Mädchen, Barfußlaufen nicht aus Armut, sondern aus innerer Verbundenheit zu märchenhaften Wäldern und landwirtschaflichen Nutzflächen, feengleiches Schweben im Raum pp.); die technische Qualität entsteht durch den Einsatz leistungsstarker Kameras, deren Preise praktisch mit jeder Stunde mehr verfallen, und Photoshop, dessen ältere Versionen es zumindest am Rande der Legalität für nix gibt.

Vor ein paar Jahren, als Myspace noch ein Thema war, gaben sich aufstrebende Schönheiten mit solchen öffentlichen Selbstdarstellungen noch Spott und Häme preis. Meist standen sie leicht oder gar nicht bekleidet im elterlichen Badezimmer und richteten am ausgestreckten Arm ein mobiles Telefon mit Fotofunktion auf sich. Das fanden sie möglicherweise cool oder erotisch oder jedenfalls geeignet als Ausdruck ihrer pubertären Gefühlslage, was man nachträglich gar nicht so gehässig niedermachen muss. In dieser kurzen Zeit hat sich nämlich ihre Professionalität auf eine Ebene erhoben, die man nicht mehr ignorieren kann.

Ob in Photoshop oder einer analogen Installation, finden die jungen Damen genügend Zeit, Energie und Sachkenntnis, Bilder von sich zu veröffentlichen, für die man in den 1990er Jahren noch ausgewiesener, weltweit gefeierter Starfotograf und Model Whisperer geworden wäre. Theoretisch kann sich heute jedes Lifestyle- oder Modemagazin aus privaten Flickr-Accounts bestücken, ohne sich zu blamieren. Dieses atemberaubend hochwertige Bildmaterial hat in der Herstellung nahe null gekostet, wird von Privatpersonen ohne Geschäftsinteressen (oft sogar ohne Geschäftsfähigkeit) bereitgestellt und kann deshalb nicht weit über null kosten.

Die Künstlerinnen erinnern allesamt an Existenzen wie die Figur von Scarlett Johansson in “Lost in Translation”. Der Film ist von 2003, da war Myspace eine große Halde für schnell dahingeknipste Handyfotos, die man nicht mehr beim Schlecker für Geld entwickeln lassen musste, und Scarlett Johansson war neunzehn.

2003 fand es Scarlett Johansson — jedenfalls im Film — so erstrebenswert wie Heranwachsende der Jahre 1913 oder 2013, einen “kreativen” Beruf zu ergreifen — zum Beispiel Fotografin. Frauen wie die Johansson oder Alexis Mire, Brooke Shaden oder Laura Zalenga und wie sie alle heißen sehen einfach gut genug aus, um aus dem Handgelenk ihre Füße zu fotografieren und dafür Lob und Ermutigung zu erfahren. Wollen wir es ihnen gönnen, selbst Frau Johansson wird bald dreißig.

Dem entgegen steht die Preisentwicklung für künstlerische Arbeit. Wer erst so einen “kreativen” Beruf ergriffen hat, versteht das in einem Maße wie die Preisentwicklung für künstlerische Arbeitsgeräte: stündlich weniger. Deswegen sehen kostenpflichtige kreative Arbeiten aus, wie sie aussehen: Es ist leicht, es ist billig, es ist Bettjäckchen wie Spitzenunterhose, wer sie — und bitte selbstverständlich immer “bis vorgestern” — dahingeknipst oder eingetippt hat.

Sind die Kameras heute dermaßen gut? Oder die Mädchen dermaßen hübsch? Oder die Arbeitsqualität dermaßen wurschtegal?

“Mach den Mund zu”, sagt meine Frau zu mir, “die Tastatur wird nass.”

Beckah, Love My Geek Glassesm 8. September 2011

Junges schönes kluges Mädchen dancing with herself:
beckah:): <3 my geek glasses!, 8. September 2011.

Besser als Porno

Aus unserer locker fortgesetzten Reihe: Ikonen des Web 1.0:

UbuWeb Film Header

Ist eine Zeit ohne YouTube heute noch vorstellbar? Und damit meine ich nicht eine Zeitspanne, in der man mal zufällig woanders hinsurft als zu Telefonaufnahmen, die “i was bored lol” heißen, sondern eine ganze Epoche — eine Zeit vor YouTube?

Vorstellbar vielleicht nicht, erinnerlich schon; YouTube ist keine sechs Jahre alt. Noch anno 2005 war es ein Ereignis fürs ganze Internet, wenn mal irgendwo ein Musikvideo zugänglich war, die liefen da noch auf MTV, im Fernsehen, wenn sich jemand erinnert . Dabei besteht das nicht genug zu lobende UbuWeb seit einer Zeit, in der außer ein paar ausgewählten, sehr wichtigen Angestellten der NASA kaum jemand wusste, was denn ein Internet sein soll.

In UbuWeb heißen die Filme höchstens aus dokumentarischen Erwägungen “I was bored lol”; Aufnahmekriterium ist seit jeher: Es muss entweder avantgardistische Kunst sein oder auf einer theoretischen Ebene von ihr handeln — egal ob es ein Film mit oder ohne Ton ist, eine Tonaufnahme mit oder ohne Bild oder ein geschriebener Text. Oft genug verschwimmt die Unterscheidung oder wird gar nicht erst getroffen. Wozu auch, ist ja Avantgarde.

Eine bestimmte — oder besser: ziemlich unbestimmte Klientel konnte sich dort schon immer (in Internetkategorien ist seit 1996 sehr wohl “schon immer”) nächtelang herumtreiben, um festzustellen: Herrschaftzeiten, in diesem Internetdings gibt’s ja wirklich alles. Ein Eindruck, den man bis heute in jeder langen Nacht mit dem UbuWeb aufs neue gewinnt. Allein der eine ungekürzte Orson-Welles-Film, den es bis heute nicht auf DVD gibt, dauert abendfüllend, da fühlt sich eine durchglotzte Nacht an wie einmal Ein- und Ausatmen.

Wie sie das machen, da beim UbuWeb? Sehr einfach: Sie machen es. Nehmen, was da ist und was reinkommt, digital einrichten, verlinken, fertig. Nichts anderes, als was YouTube auch macht, abzüglich das heil- und endlose Kindergartengezänk um das Recht, vorhandenes legales und einwandfrei zugängliches Kulturgut anzuschauen.

Die interessantere Frage wäre demnach: Wie sie das machen, da beim UbuWeb: dass sie unbehelligt Fime veröffentlichen, ohne jemals dafür belangt zu werden? Braucht doch, wer regelmäßig Fime auf YouTube hochladen will, die etwas anderes als bored sein und auch so aussehen sollen, eine Kriegskasse, die einem seiner Monatsgehälter entspricht.

Der UbuWeb-Betreiber, der berufsmäßige Lyriker Kenneth Goldsmith, zahlt rund 50 Dollar im Jahr: für die Domain-Miete. Nebenkosten: sein privater Internetanschluss. UbuWeb, das muss man sich mal geben, war von seinem Anfang an eine One-Man-Show, ist immer die unangefochtene Autorität in seiner Long-Tail-Nische geblieben, kostet kein Geld, trägt keins ein und wird 2014 volljährig. Dafür muss Goldsmith sich auch keine Werbeeinnahmen antun, denn was sollte er gegen den Aufwand der Kundenakquise und -pflege wohl finanzieren wollen — aller zehn Jahre eine neue Maus für drei fünfundneunzig? So viel zahlt meine Oma auch, und die kauft ihre Kartoffeln einzeln, muss vor über zwanzig Jahren wegen Unergiebigkeit aus den Karteien sämtlicher Adressenhändler rausgeflogen sein und glaubt, Amazon ist ein Fluss in Afrika.

Wer so fragt, fährt am besten, indem er nachschaut, wer daran verdient. Komplizierter wird es nie. Und an UbuWeb verdient exakt: niemand. Deswegen lässt man Herrn Goldsmith machen. Jedenfalls erklärt er sich das in Interviews so, warum sollte jemand noch misstrauischer nachfragen. Avantgarde ist froh, wenn sich überhaupt jemand für sie interessiert. Sie ist da, um wahrgenommen zu werden, bella gerant alii.

Zum UbuWeb fällt mir nur ein einziges vergleichbares Online-Projekt ein; und wenn Sie mir versprechen, nicht gar zu lange sarkastisch zu grinsen, verrate ich Ihnen, dass ich da an YouPorn denke. In dem soziologischen Interesse, das man dieser von Anfang an polarisierenden Plattform entgegenbringen kann, ist sie durchaus avantgardistisch: Da haben Scharen von Zielgruppen, um nicht zu sagen: erwachsenen, geschäftsfähigen, wahlberechtigten Menschen in großem, ja weltumspannendem Stil angefangen, sich selbst und gegenseitig bei ihren intimsten Beschäftigungen zu filmen und vor aller Welt sichtbar zu machen, und zwar in einem Rahmen, den ein nicht steuerbares, weil kaum wahrnehmbares Publikum benutzen kann oder nicht, wofür es will, und von dem vice versa niemand je erfahren wird, nach einem Gusto, das es kaum selbst willentlich steuert. Das ist innerhalb weniger Monate geschehen, aus dem alleinigen Grund, dass es technisch kinderleicht wurde — was man nicht gutheißen, aber als Tatsache hinnehmen muss.

Die Vorteile von UbuWeb gegenüber YouPorn sind: Niemand will sich dort an seiner Exfreundin rächen, niemand will dort “Angebote” hineinjubeln, die Bezahlung für undurchsichtige Gegenleistungen begehren, und jugendgefährdende Inhalte sind mir auch noch nicht aufgefallen — außer dem fiesen “chien andalou” von Buñuel und Dalí, das ist der mit dem Auge, igitt. (Übrigens ist die Grausigkeit “Un chien andalou” sogar auf YouTube erlaubt, was ja schon einiges heißen will, und Pornos mit Minderjährigen sind auf YouPorn verboten, wie immer und überall woanders auch, und beides ist gut so.)

Und vor allem: UbuWeb bleibt für alle Beteiligten wirtschaftlich neutral, weil man es so sein lässt. Der geistige Gewinn entsteht genauso: indem man ihn entstehen lässt. So geht’s also auch.

Wenn die Nacht mal wieder lang und die Internetverbindung flott ist, empfehle ich seit über einem biblischen Jahrzehnt UbuWeb. So toll kann ein Porno gar nicht sein.

Bild: UbuWeb Film & Video aus Un chien andalou, 1929.

Grenzgängerin, also Idiotin

Bin und fühle mich immmer noch als Arbeiterkind und als Handwerker. Design ist für mich Handwerk. Lassen Sie sich doch vom Designgschmarri nicht in die Oberklassen-Irre führen. Bin Designer gworn, weil ich ein Malender bin, schon immer gewesen.

Kimonofrau und Spirale

Dass man mit Zeichentalent in der Werbung landet, ist ein tragischer Unfall mit der Tragik altgriechischen Ausmaßes. Ich hasse die Werbung, ich hasse die Typen, die dort arbeiten. Manche sind einzeln wunderbare Menschen, im Job und geballt sind sie ein Grauen. Wer da was Überhöhtes draus machen möchte, dem sein Freund bin ich nicht. Bin immer noch auf der Seite der Arbeiter. Bin auf der Seite der Hartz-4-ler. Mit Pennern und Bettlern rede ich.

Mit Kachmirschals und Ete-petete-Klamotten hab ichs zum Leid meiner Mutter immer noch nicht so und ich bin auch keine Ideale-verratende Toskana-Fraktion. Im Gegentum. Ich freue mich immer noch wie ein Kind, wenn ich es einem postpubertären, eingebildeten Wohlstandsvollversager aus dem Westviertel nett oder auch mal saftig heimzahlen kann. An diesen Tagen mache ich immer voller Freude Kerben in meinen Gürtel. Ich freue mich, wenn deren Angeber-Leichen samt ihrer SUVs in der Isar treiben.

Alle Unterstellungen bleiben Unterstellungen und zielen ins Leere.

Einen umgedrehten Jockel Fischer zu assoziieren, ist endgültig gewagt.
Weder bin ich so fett und faltig, weder sehe ich so alt aus wie der, noch bin ich geistig alt, noch saufe ich so viel wie er, noch betrachte ich Menschen als Zweck zum MIttel, noch gehe ich auch Vortragsreisen, noch spreize ich mittlerweile das Fingerchen. Noch habe ich je vergessen, wo ich herkomm. Es gibt bei mir zuhause keine goldenen Tellerchen. Alles sehr bäuerlich, der Geist und das Einkommen sind es auch. Bin ein Bildungsbauer. Also Bauer. Eine Idiotin. Die Bildung habe ich aber auch nur von meinem Mann. Ohne den würde ich eine Viola da Gamba für was zum Essen halten, hmm Gambasch, lecker!

Männergekreisch

Quentin Matsys - A Grotesque old woman
http://rebellmarkt.blogger.de/stories/2235064/

Wie jetzt.
Dachte bisher immer nur als alte Sexistin, Frauen seien die Kreischenden.

 

 ”Totalitär”? Echt jetzt?

Kann es nicht einfach sein, dass die per Rebellmarkt-Männergekreisch als “totalitär” gescholtenen Damen mit ihren zugegeben recht ängstlich-pedantisch Konferenz-Saalregeln (eigentlich selbstverständliche Sachen, über die man gar nicht reden müsste, aber weiblich-ängstlich zu diffizil geschrieben) im Grunde nur von Angst getrieben sind?

Angst, dass Wortmeldungen untergehen. Angst, dass interessante Statements niedergekämpft werden. Angst, dass gute Ideen im Gebelfer untergehen.

 

Ängste sind zum Teil berechtigt.

Denn genau das erfährt frau und hat frau längst erfahren in sogenannten Business-Meetings. Früher und heute, immer noch: Unsicheres, ängstliches Frauengepieps wird nicht gehört, interessante Vorschläge werden ignoriert, Ideen werden erst nicht gehört, dann von Männern als die eigenen ausgegeben. Alles altgewohntes patriarchales Dominanzgehabe. (Eigenempirie: Hab mir zwar schon vor Urzeiten privat und geschäftlich das zu leise = unsichere Reden abgewöhnt und rede laut, verständlich und sicher. Hält aber immer noch nicht gewisse Herrschaften davon ab, einen niederzudröhnen. Das dazu. Es NERVT.)

Über Mikrofone red ich nicht. Die unsicheres Frauengepieps deswegen schlecht wiedergeben, weil die Damschaft schuldhaft keine Ahnung hat, wie man so Technik-Dingens umgeht: grad und nah hinstellen, direkt von vorn und nah hineinreden. Seufz.

Warum soll es bei Piraten-Konferenzen anders sein.

 

Was mich aber echt sauer macht

(Was keinen interessieren wird, ich sags aber trotzdem)

Dass die (leider) griffige Wortschöpfung “Gendergetröte” auch nur dazu beiträgt, systemisch aufzuschaukeln, Öl ins Feuer zu gießen. Klicksüchtig? Läufts nicht mehr richtig? Richtig souverän sind die meist männlichen “Gendergetröte!”-Gegen-Reaktionen nämlich nicht. Eher sehr unsouverän, zynisch, beleidigte Lebenswurst.

Hatten wir in den 70ern schon, nichts hat sich geändert. Nur mehr Belfer-Vokabular dazu gekommen, ohne das alte Belfer-und Billigprovokations-Vokabular der alten Heinze (“Feministinnen sind hässlich und schlecht angezogen”) je zu vernachlässigen.

 

Angst und als Zynismus verkappte Gegen-Angst.

Die unmaßgebliche Meinung und Deinung eines kleinen Vroni-Bären von geringem Verstand: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Meine Damen, meine Herren.
Damit macht man sich nur endgültig zum Deppen Idioten.

Das Trennende zu betonen, ist dumm. Männer und Frauen eint mehr, als sie denken.

(Zum Beispiel die Dummheit, die ist bei beiden gleich, vor allem im Netz … *duck*)

 

Matthias Claudius kämpft gegen den Google-Wettergott

Update 31. März 2013:

Zur gefälligen Beachtung: Ostern is!

Osterhasi

Auch wenn es stürmet und schneiet …

 

Matthias Claudius:

Jeden Morgen in meinem Garten
öffnen neue Blüten sich dem Tag.
Überall ein heimliches Erwarten,
das nun länger nicht mehr zögern mag.

 

Google Osterwetter (Der Blick aus dem Fenster tut‘s auch):

München, 2 Tage vor Ostern
Karfreitag 17:00
Vereinzelt Schnee
-1°

 

Und wie es zögert: Das Update mit unserer alljährlichen Trickfigur Osterhasi kommt deswegen auch erst am Ostersonntag.

 

An der Angel – Besser hätte ich es nicht schreiben können.

Diesmal heute kein eigener Blogeintrag, sondern einer vom guten WS, Siebeck himself:

http://wo-isst-siebeck.de/2013/03/an-der-angel/

Ausschnitt:

Da erscheint die neueste Ausgabe der SZ mit der Meldung, dass die Menscheitsbeglücker dabei sind, Fisch in Vegetarier zu verwandeln. Bisher wurden Zuchtfische mit ihresgleichen gefüttert, mit Fischmehl. Man nennt das Kannibalismus: Mit viereinhalb bis sieben Millionen Tonnen pro Jahr. Das waren gestern noch Fische, die wir heute nicht mehr essen dürfen, weil sie aussterben.

Verwirrend das Ganze, nicht wahr?

 

Eine Ähnlichkeit mit Zypern und der Rettung der Banken ist jedenfalls nicht beabsichtigt.

Manchmal fühlt man sich sogar von Siebeck verstanden, soweit ist es schon gekommen.