Fühlingsolle

Jetzt, wo die Firma lange genug erloschen ist, kann man’s ja veröffentlichen: Die Anzeige aus den Nürnberger Kino-News (Rückseite, war bestimmt nicht billig) hab ich lange über meinen Arbeitsplatz in der Werbeagentur aufgenagelt, als Mahnmal zum Korrekturlesen. Außerdem war die kleine Schnelle auf dem Bild, die man bestimmt im Express treffen konnte (und wahrscheinlich sogar mal getroffen hat), ganz ansehnlich. Man schrieb 1994.

Fühjahrsmode reduziert, Bebop 1994

Bebop: Charlie Parker & Dizzy Gillespie: Hot House, April 1952.

Rente mit 173

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Jedenfalls im “Stil”-Teil der Süddeutschen. Da hat eine gewisse Susann Till aus der Hansestadt Stade vor vier Jahren ein Unternehmen gegründet: Sie kocht Chutneys ein und kann davon leben. Das steht so in Marten Rolff: Das Chutney ihres Lebens, Süddeutsche Zeitung, 7. Mai 2016. Ganzseitig, vier Farben.

Vor vier Jahren. Da war die Dame 69. Und weil das nicht reicht:

Susann Till hatte mehrere Rücken-Operationen, musste zeitweise ein Metallkorsett tragen, dann starb ihr Mann, sie selbst erlitt einen Schlaganfall, lag zehn Tage im Koma, Ärzte rieten zu einer dauerhaften Betreuungseinrichtung, da hatte sie die Sepsis noch gar nicht, die fast zur Amputation einer Hand geführt hätte und erneut Monate der Reha nach sich zog.

Sooo tapfer, das alte Mädel. Lässt sich nicht unterkriegen. Und fängt neu an. Zeigt’s den Hamsterwelpen in der sozialen Hängematte. Und nimmt nicht etwa einem jungen High Potential den Arbeitsplatz weg, sondern hat eine “nur fünf Quadratmeter kleine Küche aus den 70er-Jahren, die einfach weiß übergestrichen wurde”, in der sie locker ihre Arbeitstage von 18 Stunden wegbaggert.

Und vor allem: Hängt nicht zu Hause und schon gar nicht mehr in einem steuerfinanzierten Krankenhaus rum, sondern ist inzwischen 73 und bringt ihr eigenes Geld heim, statt das Geld des High Potentials seit zehn, wenn nicht gar zwanzig Jahren ins Wirtshaus zu tragen. Kocht Chutneys ein und muss — halt, nein, es muss heißen: und kann von ihrem Start-up leben.

Unsereins, privilegiert genug, um sich nicht etwa an eine Zeit des Komas, sondern nur, schlimm genug, an eine Kindheit zu erinnern, wurde seinerzeit traumatisiert von Vergleichen mit Wunderkindern wie Heintje, der auch-mal-jungen Mireille Mathieu, der von Almsick, der mit ihnen einhergehenden Beobachtung, dass man selber ja gar nichts könne, und nachfolgenden Aussagen wie “Was jetzt, Klavier spielen willst’? Ich werd dir gleich a Klavier gebm”, “Eislauf? Du willst, dass ich dir jeden Winter neue Schlittschuh kauf? A Schelln kannst ham”, “In an Sportverein willst’? Muss ich dich do wieder regelmäßig hin- und herkutschen?”

Akzeptiert wurden aus ideologischen Gründen der im Kuhdorf ansässige Kirchenchor und Malstudien, weil man Rückseiten von Reklamezetteln und Sparkassenkulis umsonst kriegt. Eine der Rentenpolitik nahestehende Presse, die uns soeben ganzseitig die Erwerbstätigkeit bis ins Greisenalter nach den Altersbeschwerden andient, spendiert mir bestimmt nicht mal “die kniehohen Töpfe, die nebeneinander kaum auf den Herd passen, oder die vielen Kräuterkisten auf der engen Terrasse” (cit. a.a.O.).

Um Gottes willen. Wenn ich je 69 werde und das die Auswahl ist, nehm ich den Schlaganfall.

Ersten Grades themenverwandter Soundtrack: Die Ärzte: Junge, aus: Jazz ist anders, 2007.

Ein Herz und ein Arsch in der Hose

My career is a complete mystery to me. It’s been a total surprise since the first day. I never thought I was going to be an actress; I never thought I was going to be in movies. I never thought it would all happen the way it did.

A. H., uncredited.

Vorgestern, am 4. Mai, wäre Audrey Hepburn 87 geworden.

Audrey Hepburn makes cake for No Nonsense with Nuwan Sen, 2nd birthday, via Rare Audrey HepburnAudrey Hepburn wurde 1929 als Enkelin eines Barons und Tochter eines Nazi-Sympathisanten im belgischen Ixelles oder Elsene geboren. Gerade deshalb verbrachte sie ihre Jugendjahre hauptsächlich mit unter Lebensgefahr abgehaltenen Ballett-Aufführungen im holländischen Untergrund (Anne Frank war keine sechs Wochen jünger als Hepburn), um Geld für die Widerstandsbewegung im Kampf gegen die Nazi-Besatzung aufzutreiben.

Mit einem einzigen Film begründete sie ihren Ruhm als Schauspielerin nachhaltig genug, um fortan als Hollywood-Klassikerin zu gelten. Sie war die insgesamt fünfte Künstlerin, die alle vier großen Preise der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gewann: einen Oscar, einen Emmy, zwei Tony Awards und einen Grammy. Als erster gelang ihr das posthum. Mit zusätzlich der höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten von Amerika, der Presidential Medal of Freedom, steht sie bisher weltweit einzig da.

1988, etwa 20 Jahre nach ihrer großen Karriere und ein Jahr vor ihrem allerletzten Film, wurde sie zur zur Sonderbotschafterin von UNICEF ernannt. Die Wohlfahrtsmarke Audrey Hepburn gilt als wertvollste moderne Briefmarke der Welt.

Im Gedächtnis der ganzen Welt wird Audrey Hepburn wohl auf ewig dafür fortleben, dass sie früher um die 20 mal ganz hübsch war.

Carraro, Audrey Hepburn at a London supermarket for a UNICEF campaign, 7. Mai 1989

Bilder: Audrey Hepburn makes cake for No Nonsense with Nuwan Sen, 2nd birthday, via Rare Audrey Hepburn, 1. Mai 2016;
Audrey Hepburn photographed by Carraro at a London supermarket for a UNICEF campaign in London, England, May 7th, 1989 (also frisch 60-jährig), via Rare Audrey Hepburn, 27. Juni 2014.

Gluteum ad genuflexes

Okay, der #FallBöhmermann scheint wohl vorerst durch, neue #Schmähgedichte scheinen nicht zu gewärtigen. Jedenfalls so lange, bis das ZDF wieder weiß, wo sich Herr Böhmermann aufhält, wenn er live irgendwelche Schulhofreimchen aufsagen soll — falls ihm nicht gerade seine eigene meinungsfreiheitlich gesonnene Regierung in den Rücken fällt, auch wenn er gar keine Meinung vertreten will.

Schade eigentlich, die Wortschöpfung “Schrumpelklöten” hatte einen gewissen pubertären Charme, und wenn das nächste Ziel seiner Neckereien wenigstens soviel Geistesgegenwart besitzt, innerhalb einer Woche etwas zu kontern wie “Pff, diese schwiindsichtige Zigarettenbirscherl wird wahrscheinlich alle Tage zusammenpacken seine Ikearegal”, muss niemand wegen einer Kasperlesendung ohne Einschaltquoten das Strafgesetz ändern.

In Österreich, das bis vor ein paar Tagen noch was auf künstlerische Freiheit gehalten hat, geht’s doch auch, jedenfalls haut das Wiener Prolo-Rock-Kabarett Die Hinichen, nach Selbstauskunft “die ordinärste Band von Österreich, verpönt bei Funk und Fernsehen”, seit Jahrzehnten einen Tonträger nach dem andern raus, auf dem es um es um nichts anderes als möglichst unwahre und unflätige Verunglimpfung Dritter geht. Und regt sich einer auf? — Ja. Aber keiner, der eine Ahnung von einem fröhlichen Beisammensein hat.

Damit wir durch allzu unverblümte Verschlagwortung keine verirrten Verwirrten auf unsere Seite ziehen, diene uns ein Soundvideo als Textbeispiel:

Und das, geliebte Freunde des freien Wortes, ist eins von harmlosen. Was wir daraus lernen? — Natürlich, dass man sich ruhig in ausreichend plastischem Deutsch äußern darf, wenn der Sprechakt es erfordert: Warum sollte man wohl von einem ohnehin falsch denotierten “Busen” säuseln, wo von Dutteln die Rede ist, Himmelarsch noch mal?

Mich bringt die Wiederbegegnung mit den musikalisch gar nicht mal so gefühlsarmen Hinichen darauf, endlich mal die bundesdeutsche Steilvorlage für Parodien jeglicher Tonart in die Mangel zu nehmen:

Das ist von Element of Crime: Das alles kommt mit, aus: Weißes Papier, 1993 via Jochen und Hannes live am 13. Dezember 2008 in der Küche des Franzosenhauses, was immer das ist, und so ziemlich die anrührendste Laien-Coverversion, die YouTube so hergibt.

Die CD hab ich, seit sie 1993 das Ding der Stunde war, aber immer wenn ich das Lied umschreiben will, komm ich bei dem Erstentwurf “die Vaseline, die du in Krankenhausmengen verbrauchst” vor kindischem Gekicher nicht weiter. Vor allem, wenn ich mir das Gesicht von der Kandesbunzlerin dazu vorstell. — Einen belustigten Tanz in Mai wünschen wir.

Ich muss nomma fix nach Frau Piepenbrinck röwer

Das darf mich jetzt wieder keiner fragen, wie man von der Recherche über die Schuld und Sühne des größeren Kollegen Böhmermann auf eine alte Kinderserie namens Neues aus Uhlenbusch kommt.

Jedenfalls soll die 1977 bis 1982 sonntagnachmittags im ZDF gelaufen sein und steht heute ziemlich lückenlos auf YouTube. 1977 war ich neun und mir anscheinend schon zu cool für Kinderserien. Als obere Altersgrenze der Zielgruppe für Kinderfernsehen gelten 14 Jahre; danach entsteht eine Pause, bis man das Zeug gesellschaftlich unsanktioniert wieder “kultig” finden darf.

Dabei wirkt Neues aus Uhlenbusch allenfalls durch sein Personal im Kindesalter so, als ob es sich an Kinder richtete. Es gibt keine durchgehenden Hauptdarsteller, nur eine durchgehende Nebenrolle von Hans Peter Korff als Briefträger und lieber Onkel des gesamten norddeutschen Kleinstadtidylls. Es gibt keinen durchgehenden Schauplatz: Obwohl in Norddeutschland gleich zwei Uhlenbüsche vorrätig wären, eins in der Wesermarsch, eins im Kreis Herzogtum Lauenburg, wurde in Liegenschaften wie Rehburg-Loccum, Evessen, Bornum am Elm, Königslutter, Räbke oder dem vormals literaturhistorisch hervorgetretenen Wiedensahl gedreht.

Es gibt weder eine durchgehende Botschaft außer der einen umfassenden der 1970er Jahre — Kinder, lasst euch nichts gefallen und seid nett zueinander — und es gibt nicht einmal besonders viel Handlung, geschweige denn Action, und wo es doch eine gibt, klafft ihr Ende meistens weiter offen als bei Jim Jarmusch.

Es gibt keine durchgehenden Funktionen, weder am Drehbuch, der Regie noch nur der Regieassistenz. Es gibt keine Identifikationsfiguren außer einem trotteligen Briefträger, der keine Rollenmodell bieten kann. Es gibt, man muss es so sagen, keinen Grund, sich das anzuschauen. Überhaupt kann man einwenden, es sei alles ein recht planloses, breitärschiges Herumgeeier. Man kann aber auch besonnenes Storytelling dazu sagen und wertschätzen, dass alle Figuren, alle Ereignisse und alle Bilder endlich mal ausreden dürfen.

Die erste Folge lief am 24. Dezember 1977, der noch ein Samstag war und im weiteren Verlauf auf regelmäßige Sonntage umgestellt wurde — und geht gleich zur Sache mit den sozialen heißen Eisen: Bierlisa stellt am Heiligabend zur Einführung erst mal dar, wie ein zeitweise alleinerziehender Kleinbauer seinen Hof versäuft und seine Tochter unbeaufsichtigt an ungesicherten Orten spielen lässt, während er im Wirtshaus hockt. Das Happy End besteht darin, dass eine unbescholtene Oma, die als besonders einfühlsam gezeichnet wird, vor den Augen des Alkoholikers ein Glas Bier zur Schau auf ex trinkt.

Das sind alles hohe künstlerische Zumutungen ans Publikum, wie sie heute nicht einmal mehr an Volljährige herangetragen werden. Die Altersgrenze von 14 Jahren ist eine obere, die von Kindern selbst und unbewusst eingehalten wird, kein vorgeschriebenes Mindestalter. Solche Themen und Handlungsverläufe würde sich im jüngeren Fernsehgeschehen kein Sender mehr trauen — schon allein weil sich kein Drehbuchschreiber mehr so einen Vorschlag wie “ich hab eine super Idee! Wir machen eine Kindersendung, in der jede Woche andere Leute auftreten und bloß immer ein trotteliger Briefträger rumradelt! Für den Vorspann nehmen wir ein Zeichentrickviech, das auch sonst nirgends reingepasst hat und nix und wieder nix mit dem Rest zu tun hat, Spannungsbogen brauchen wir auch keinen, und nach einer halben Stunde hört der Film auf!” im Ernst antun will. Lassen Sie mich also gar nicht erst mit dem Tatort anfangen, mit dem angeblich erwachsene Leute seit Generationen sehenden Auges (wie auch sonst …) ihre Sonntagabende verschleudern.

Das war mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und galt nicht etwa als provokanter Trash, sondern als pädagogisch wertvoll. Gut, das war auch in jener versunkenen Welt, in der man unangeschnallte Kleinkinder besten Gewissens bei zugeriegelten Autofenstern mehrere Stunden lang mit Zigaretten einqualmte, wofür einem heute wahrscheinlich das Jugendamt mit Blaulicht und Sirene noch während der Ausübung das Sorgerecht für jeden Wellensittich entrisse. Dafür kann man lernen, ausführlich in ein Kinder- oder Erwachsenengesicht zu schauen, ohne dass jeden Moment mit umso höherer Schlagzahl die Oneliner des Jahrhunderts rauspurzeln müssen. Das ist pädagogisch wertvoll.

Als Anspieltipp verlinke ich die Folge Der große Bruder vom Sonntag, den 16. November 1980 — da spielt den kleinen Bruder nämlich der achtjährige Moritz Bleibtreu, weil er zeitweise der Sohn vom Briefträger “Onkel Heini” Korff war. In den restlichen 39 Folgen kann man dann raten, wo man gerade die Dorfbesichtigung im Geburtsort von Wilhelm Busch mitmacht.

Achtung an alle! Bitte beachten! Es gilt: und zwar folgendes. Was ist zum Beachten. Bei uns wird der Böhmermann groß geschrieben. Das ist das A und das O.

Update zum Langenscheidt Deutsch—Mutter/Mutter—Deutsch:

Um wieder mal meta zu werden: Wer bloggt überhaupt noch? Nachdem klar geworden war, dass ein Blog-Eintrag doch einen gewissen Aufwand erfordert, war alsbald Sense mit der Blogosphäre, und Twitter kam gerade recht, um sich herauszureden, dass man da gar nicht mehr als 140 Zeichen reinschreiben kann. Zum Vergleich: Ich brauche für einen üblichen Eintrag zwei bis drei Stunden, mit Nachdenken wird’s ein Tageswerk, wenn ich Bilder, Bildlizenzen, belegende Links, ausschmückende Links, zurechnungsfähiges Deutsch, handgeschriebenes HTML, einen Soundtrack, ein Layout und womöglich auch noch eine Idee haben soll, geht die ganze Woche drauf. Meine literaturtheoretischen Auslassungen über die aufregenden Abenteuer von Doctor Faustus und seinen komischen Freunden sind eigentlich zwei Vollzeitjobs. Selbstverständlich sind wir nur die Besten, nicht die Schnellsten. Wenn mir wieder einer seine wertvollen Tipps mitteilen will, wie ich schneller sein könnte — kein Problem: Dann verschieb ich den Eintrag halt einen bis zwei Monate.

Darum gibt’s bei uns kaum jemals was Aktuelles wie den Böhmermann (gestern war sein Pipikackaficki-Video noch da). Es bloggen mithin nur noch die Unerschrockensten und die Schmerzbefreitesten. Bloggen sollten aber solche, die mehr zu sagen haben als 140 Zeichen. Viel zu selten vernommen und gelesen wird der gewinnend markige, allzeit eindeutige Tonfall des deutschen Mittelstands. Noch zu erstellende Weblogs hätten sich Themen zu widmen wie (alphabetisch):

  • Achtung an alle!!!
  • Augen auf und flexibel sein!
  • Bei uns ist der Fortschritt Tradition.
  • Bei uns wird der Kunde groß geschrieben.
  • !!!!!Bitte beachten!!!!!
  • Das ist das A und das O.
  • Da muss man da das Gespräch, das muss man da suchen und in einen Dialog, da muss man da treten.
  • Es gilt: auf Zack sein!
  • Und zwar folgendes.
  • Was ist zum Beachten.

So passiv-aggressiv mein ich das gar nicht: Auch wenn ich mich nicht vor der IHK mit den Kollegen messen lassen muss, wird man wohl noch neidisch sein dürfen.

Soundtrack: Das Handwerk: Die Wirtschaftsmacht von nebenan, 2010.

Staffelknipsen

Auf solche Projekte steh ich ja heillos: Daily Portrait IV Berlin 2015–2016 ist mal wieder so eine Fusion aus Fotografie und Happening. Warum gedeiht so was wieder nur in Berlin (gemeint ist der Dörferhaufen bei Polen) und nie in München? — Die Projektbeschreibung:

One camera and 365 Berliners. I photographed Elle in her apartment. I gave her my camera and she did take a photo of M in her apartment next day. M photographed Jonathan and Jonathan photographed Carise and Carise photographed Christoph and Christoph photographed Joanna and Joanna photographed Terka and Terka photographed Stephan… Until 365 photos will be made. If you would like to be photographed by Berliner you don’t know and take a photo of another Berliner you don’t know next day, please email me to: portraitdaily@gmail.com The photo shoot takes place at the model’s homes. The whole body is captured on the photo. Those who want can be naked, otherwise in underwear. Photographing is for free. In order to take part you have to be over 18. All 365 photos will be exhibited in a gallery and a book will be published. Project is non-profit.

Überhaupt ist alles sehr berlinerisch: Die Selbstdarstellung gibt’s gar nicht auf Deutsch, der Bonus ist, dass man für eine behauptete Dienstleistung nicht auch noch zahlen muss, keiner verdient was dabei, keiner kennt den anderen, die Teilnahme ist nicht jugendfrei und alle sind nackig.

Jeden Tag einen fremden Berliner in allen Farben und Formen mehr angucken kann man auf Facebook, Flickr, Instagram und Twitter. Ich empfehle die vermutliche Hauptseite auf Tumblr, weil die unter den sozialen Netzwerken am wenigsten mit stark frontal nudity rumzicken und nicht gleich von der Tatsache offended — das heißt tatsächlich: beleidigt — sind, dass eine schöpfende Kraft einst an Frauen Brüste befestigt hat.

Der Pornofaktor ist gering: Mit keinem der freundlichen, aufgeschlossenen und kulturell interessierten Berliner — und Berlinerinnen — ist etwas geschehen, an dem er oder sie nicht selbst ungefähr die halbe Regie geführt hätte. Nackte in ihrer Wohnung anzuschauen hat zwangsläufig etwas Voyeuristisches, aber alle waren offensichtlich einverstanden damit: Niemand wurde zu einem Objekt degradiert, man erblickt lauter lustige, stolze, oft ansehnliche, aber allesamt respektable Leute.

Bin jetzt ich der einzige, dem auffällt, wie gleichbleibend hochwertig das Projekt läuft? Alles high-end, alles high-key, alles highly sophisticated. Penibel gezählt hab ich nicht, aber mit Stand von Anfang April 2016 müsste ungefähr die Hälfte der 365 Fotos durch sein. Bis jetzt stelle ich keinen Flüsterpost-Effekt fest. Sollte nicht längst jeder zweite aus der Rolle fallen? Lücken in der Kontinuität entstehen, weil jemand zu einer anderen Entscheidung als stinkbesoffen und verkokst heute früh um drei im Sankt Oberholz gelangt ist oder weil ein anderer doch kein so nettes, urbanes, zuverlässiges Haus war?

Ich meine, hey: Es ist Berlin — und jeder, wirklich jeder wohnt in einem vorbildlich aufgeräumten, professionell ausgeleuchteten Loft, hat den erlesensten Kunstgeschmack an der Wand hängen und hupft nackicht für einen Wildfremden durch sein Schlafzimmer, nur weil er a) einen Fotoapparat und b) gestern in der Schlange vor der Smoothie-Manufaktur blöd gefragt hat?

Wie darf sich ein Münchner Bergbauernbub das vorstellen? Da fragt heute jeder sofort den nächsten und kriegt auch gleich für morgen einen Nackig-im-Schlafzimmer-rumhupf-Termin? Bei Tageslicht? Hält die heikle Etikette der Amateur-Aktsitzung ein, vergisst das Briefing und besonders das einheitliche Querformat nicht und verwackelt nie? Gibt die Hand, sagt artig: “Dankeschön, hat mir jefreut, bis ürjendwann ma”, verkneift sich höflich das “und wennde ma nüscht for deine urst schnieke Wassermatratze hast, meine Nummer unne Addy haste ja, wa”, geht heim, photoshoppt seine Ausbeute auf genau 350 dpi und mailt sie schnurstracks brav an portraitdaily@gmail.com? Jeden lieben Tag? Alle drei Hunderte, fünf und nochmal sechzig? — Boah, Berlin muss ja echt rocken.

Und das soll die Mami glauben? Oder ist das kleinlich, in einer einwandfreien, wunderschönen bunten Menschensammlung mit gar nicht so wenigen tollen Bildideen als erstes ein Fake zu vermuten? Sollte mich hier jemand für dumm verkaufen, dann wenigstens nicht unter Preis. Filme guck ich auch gern, und die sind auch nicht wahr. Aber sie stimmen.

Als Auswahl folgen dem großen Thema des Weblogs entsprechend die sechs bisherigen Bilder, auf denen mir Katzen aufgefallen sind. Wie sich das gehört, ist das letzte das beste.

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Daily Portrait IV Berlin 2015-2016, Tumblr

Bilder: Daily Portrait IV Berlin 2015–2016.

Kralle zeigen …

Komm an mein Herz, mein schönes Katzentier; Zieh ein der Tatze Krallen, Gönn einen Blick in deine Augen mir, Achatgesprenkelt und metallen.
Charles Baudelaire

 

… kann sich heute nur noch die Katz’ erlauben.

Merlin: Schau, wie ich schau!

Kater Merlin Kralle

Kater Merlin bei der Arbeit (Mail an komische Kunden)

Schäftlarn von hinten

Raben Grünwalder Brücke

Rosa hatte aber kaum von seinem Vorhaben gehört, als sie sogleich mit aller Heftigkeit den Gedanken ergriff mitzureisen. “Das laß ich wohl bleiben”, sagte Leontin, “da schnüre ich noch heut mein Bündel und reit euch ganz allein davon. Ich will eben als ein Verzweifelter weit in die Welt hinaus, will mich, wie Don Quijote, im Gebirge auf den Kopf stellen und einmal recht verrückt sein, und da fällt’s euch gerade ein, hinter mir dreinzuzotteln, als reisten wir nach Karlsbad oder Pyrmont, um mich jedesmal fein natürlich wieder auf die Beine zu bringen und zurechtzurücken. Kommt mir doch jetzt meine ganze Reise vor, wie eine Armee, wo man vorn blitzende Schwerter und wehende Fahnen, hinterdrein aber einen langen Schwanz von Wagen und Weibern sieht, die auf alten Stühlen, Betten und anderm Hausgerät sitzen und plaudern, kochen, handeln und zanken, als wäre da vorn eben alles nichts, daß einem alle Lust zur Courage vergeht. Wahrhaftig, wenn du mitziehst, meine weltliche Rosa, so lasse ich das ganze herrliche, tausendfarbige Rad meiner Reisevorsätze fallen, wie der Pfau, wenn er seine prosaischen Füße besieht.” – Rosa, die kein Wort von allem verstanden hatte, was ihr Bruder gesagt, ließ sich nichts ausreden, sondern beharrte ruhig und fest bei ihrem Entschlusse, denn sie gefiel sich schon im voraus zu sehr als Amazone zu Pferde und freute sich auf neue Spektakel.

Eichendorff: Ahnung und Gegenwart, 1815.

Fahrt oben und lasst euch vom Auto totfahren. Das ist dann sicherer.

Werden Sie Mitglied.Isartalverein e. V.

Wegweise Kloster Schäftlarn

Kloster Schäftlarn von hinten

Tympanon Kloster Schäftlarn, Beichtstuhl

Buidln: Sejwa gmacht, die Isar lang an der Greawoider Seitn; derfa’S nehma, wann’S meng und dazuasong, wo Se’s herham.